Kitabı oku: «Die Eisrose und eine andere Geschichte»
Artur Brausewetter
Die Eisrose und eine andere Geschichte
Saga
Ebook-Kolophon
Artur Brausewetter: Die Eisrose und eine andere Geschichte. © 1924 Artur Brausewetter. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.
ISBN: 9788711487334
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Die Eisrose
1.
„Lass sie bitten wie Pauline es tat,“ sagte Frau Zollbrügge zu ihrem Manne.
„Sie tut es doch nicht.“
„Dann bleibt sie eben zu Hause.“
„Aber sie hat schon so viel weniger als Pauline.“
„Das ist ihre Sache.“
So ging Pauline ohne ihre Schwester ins Theater. Es war ein Ereignis, denn Frau Zollbrügge hatte strenge Ansichten, sie liebte es nicht, dass ihre Kinder das Theater besuchten . . . höchstens einmal im Jahre das Weihnachtsmärchen. Aber sie lasen die „Jungfrau von Orleans“ gerade in der Klasse. Und Pauline hatte eine ganz eigene Art, zu betteln und zu liebkosen, die sonst so feste Mutter war diesem Liebesstürmen nicht gewachsen.
Friedrich, der Primaner, begleitete seine Schwester. Nicht sehr gern. Er stand dicht vor dem Abiturientenexamen und war längst über die „Jungfrau von Orleans“ hinaus; er fand sie kindlich, höchstens für Backfische geniessbar. Sie kam für ihn gleich hinter den Weihnachtsmärchen, . . . besonders seitdem er in den letzten Osterferien, zu denen ihn ein Onkel in Berlin eingeladen hatte, Gorkis „Nachtasyl“ gesehen. Aber ein Freund, dem er verpflichtet war wegen mancher Hilfe in den mathematischen Arbeiten, ging auch ins Theater. Nicht der „Jungfrau von Orleans“, sondern Paulinens wegen; die hatte es ihm angetan mit den dichten rotblonden Zöpfen und dem Kirschenmunde, der so appetitlich zu lachen wusste. Der wollte neben Pauline sitzen. Und das Abiturientenexamen stand vor der Tür, in den nächsten Tagen begannen die schriftlichen Arbeiten, und von den mathematischen träumte er beinahe jede Nacht.
„Geh doch und bitte,“ hatte Pauline mehrere Male zu Rose gesagt, denn sie war gutmütig veranlagt und ging nicht gern ohne die Schwester.
„Ich habe es getan, aber die Mutter schlug es ab.“
„Sie will eben mehr gebeten sein.“
„Ich kann es nicht, du weisst es.“
Auch der Vater hatte sich ins Werk gelegt.
„Die Mutter wird es dir erlauben, du musst nur noch einmal kommen.“
Aber Rose kam nicht. Sie verzog keine Miene, sie vergoss keine Träne, als Pauline glückstrahlend mit Friedrich und seinem Freunde ins Theater ging. Sie sass den Abend in dem kleinen Stübchen, das sie mit der Schwester teilte, sie las in der „Jungfrau von Orleans“, sie verfolgte Szene für Szene, wie sie sich jetzt auf der Bühne abspielen würde, sie war bei dem Abendessen still und ein wenig nachdenklicher, aber ohne jede Verstimmung. Und als Pauline am späten Abend mit rotglühenden Wangen nach Hause kam und im Bette noch begeistert von der Aufführung erzählte und der Lindschokolade, die Friedrichs Freund mitgebracht, da hörte sie neidlos und voller Aufmerksamkeit zu.
*
Rose war ein Jahr jünger als Pauline. Aber sie sass in derselben Klasse, denn sie war begabter und viel gewissenhafter als ihre Schwester. Pauline hatte ein halbes Dutzend Freundinnen, Rose nicht eine einzige, Pauline war hübsch und lustig, sie war nicht hässlich, aber ernst.
Doch das war es nicht, was die anderen Mädchen von Rose abstiess.
„Sie ist so kalt,“ sagten sie, „man kommt ihr nie näher.“
Und da es in der Klasse noch ein Mädchen gab das denselben Vornamen führte und mit ihr auf einer Bank sass, nannte man sie nur noch „die Eisrose“. „Der Unterscheidung wegen,“ tröstete Pauline sie und nannte sie selber so.
*
Die Mädchen der zweiten Klasse waren kritisch veranlagt. Und weil die Jugend nichts so verachtet wie den Weg der Mitte, so gab es auch hier in der Beurteilung der Lehrer nur ein Entweder — oder. Entweder schwärmte man für seinen Lehrer und fand ihn „reizend“, oder man verabscheute ihn und nannte ihn „unausstehlich“.
Die letzte, wenig schmeichelhafte Bezeichnung war mit Einstimmigkeit der ganzen Klasse Herrn Doktor Nadolmy zuerkannt, einem noch jungen, aber eingebildeten, eitlen Lehrer des Königlichen Gymnasiums, der aushilfsweise Physik an der höheren Töchterschule gab.
Für Rose allein galt das Entweder — oder ihrer Altersgenossen nicht; sie schwärmte für niemand unter den männlichen oder weiblichen Lehrkräften, nicht einmal für den Literaturlehrer, der, selber Poet und Verfasser eines historischen Dramas, das einige Male im Stadttheater aufgeführt war, mit der Lektüre der „Jungfrau von Orleans“ die Backfischherzen im Sturme eroberte.
Aber darin war sie mit der Klasse eins: sie hasste Doktor Nadolmy. Nicht seiner langweiligen Stunden, seines gespreizten Vortrages wegen, über den sie lachte. Aber er war ungerecht, er bevorzugte die hübschen Mädchen und alle, die ihm um den Bart gingen, und die übrigen behandelte er schlecht. Als seine Parteilichkeit bei den Weihnachtszeugnissen in ein geradezu grelles Licht getreten war, bildete sich eine regelrechte Verschwörung wider ihn. An ihrer Spitze stand Rose Zollbrügge.
Doch über Herrn Nadolmy waltete ein günstiger Stern. Die Verschwörung wurde entdeckt, ehe sie recht eigentlich in Tätigkeit getreten war; ein aufgefangener Zettel, den man in einer Rechenstunde mit grosser Heimlichkeit von Bank zu Bank befördrte, wurde ihr Verräter.
Eine strenge Untersuchung wurde eingeleitet. Rose nahm die ganze Schuld auf sich.
Der Direktor rief sie auf sein Zimmer. Sie hörte es aus jedem seiner Worte, wie schmerzlich bewegt er war.
„Du warst meine beste Schülerin von der untersten Klasse an, ich hatte nichts an dir auszusetzen . . . und nun dieses unverzeihliche Vergehen!“ Und dann: „Weil es das erstemal ist und du offen bekannt hast, will ich von der verdienten Strafe absehen. Aber du wirst morgen Herrn Doktor Nadolmy vor der Klasse Abbitte leisten.“
„Nein,“ sagte Rose leise, aber sehr bestimmt.
„Nein?!“ Der Direktor glaubte nicht recht gehört zu haben.
„Strafen Sie mich, wie Sie wollen, Herr Direktor . . . abbitten werde ich nicht.“
„Du wirst nicht?! Weshalb nicht?“
Rose schwieg, es war kein Wort mehr aus ihr herauszubringen.
„Also hochmütig auch noch! Und das ist schlimmer als alles andere. Das ist der Anfang eines sittlichen Verfalles.“
Er setzte ihr eine Strafe an, die im Verhältnis zu ihrem Vergehen hart war. Rose wusste, dass sie mit einem abbittenden Wort auch jetzt noch alles gutmachen konnte, dass der ihr wohlgesinnte Direktor auf dieses Wort nur wartete.
Aber sie sprach es nicht. Schweigend und ohne eine Träne trat sie ihre Strafe an . . . Das Kollegium der Luisenschule, das an demselben Nachmittag von dem Direktor zur Konferenz zusammenberufen war, fällte ein einmütiges Urteil über Rose Zollbrügge: Man hatte sich in dem Kinde getäuscht. Seine Begabung und sein unleugbarer Fleiss hatte über den Kern seines Charakters eine schöne Hülle gebreitet. Die Hülle begann sich zu lüften, der Kern wurde sichtbar, und er war nicht gut. Zum ersten Male fehlte auf Roses Osterzensur im Betragen das Wort „löblich“, „Sie neigt zum Hochmut“ war da zu lesen, und das war die schlimmste Note, die das Kollegium ausstellen konnte.
„Ich habe es längst kommen sehen,“ sagte Frau Zollbrügge und weinte über ihre Tochter. Die Mitschülerinnen gingen ihr aus dem Wege, weil sie kalt und unnahbar war, die Lehrer und Lehrerinnen, die sie bis jetzt lieb gehabt, waren irre an ihr geworden, ihre Mutter zog sich mehr und mehr von ihr zurück und entschädigte sich an Paulinens sonniger Natur; diese verkehrte nur noch mit ihren Freundinnen — — Rose war einsam geworden.
2.
Nun kam das Jahr des Konfirmandenunterrichtes. Die Eltern hatten ihren Töchtern unter den drei Predigern der Gemeinde freie Wahl gelassen. Rose war des öfteren allein in die Kirche gegangen, die Predigten des ersten Pfarrers, eines ebenso würdigen wie milden Mannes mit vollem schneeweissem Haar und bartlosem, gütigem Gesicht, hatten auf ihr ernstes Gemüt tiefen Eindruck geübt, und da Paulinens Freundinnen gleichfalls den Konfirmandenunterricht dieses Geistlichen besuchten, war auch diese einverstanden.
So begab sich Frau Zollbrügge eines Tages zu Oberpfarrer Wacht, ihre Töchter ihm zum Unterrichte anzumelden.
„Ich möchte nun einiges über die beiden Kinder aus dem Munde der Mutter hören,“ sagte der alte Herr, nachdem die Formalitäten erledigt waren.
Auf einen Wink der Mutter verliessen Pauline und Rose das Amtszimmer.
„Die ältere ist ein sonniges Normalkind,“ begann Frau Zollbrügge, „ohne hervorstechende Eigenschaften, auch nicht von besonderer geistiger Begabung. Aber sie ist gutmütig, freundlich, zu jedermann, gefügig zu Hause und stets dienstbereit, vor allem ist sie dankbar und bescheiden.“
„Das sind liebenswerte Züge . . . hm . . ., so werde ich meine Freude an ihr haben. Und die Jüngere?“
„Sie hat auch ihre guten Eigenschaften,“ erwiderte Frau Zollbrügge, „sie ist ernst veranlagt und gewissenhaft, sie denkt trotz ihrer Jugend viel nach und ist Pauline an Fähigkeit zweifellos überlegen . . .“
„Aber? . . .“
Ein Schatten, der langsam wuchs, breitete sich über Frau Zollbrügges Antlitz.
„Ich weiss nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll, Herr Oberpfarrer, ich möchte gerade Ihnen ein richtiges, in Licht und Dunkel getreues Bild der Kinder geben . . .“
Und Frau Zollbrügge erzählte genau, fast weitschweifig, den Vorgang aus der Schule, und welch ein schlechtes Zeugnis Rose ihr gebracht; auch von einigen häuslichen Geschehnissen berichtete sie, wie schwer Rose ihre Schuld einsähe, und . . .
„Ich glaube Sie zu verstehen,“ unterbrach der seelenkundige Geistliche, „Ihrer jüngeren Tochter fehlt es bei allen guten Eigenschaften an zweierlei: an der rechten Demut und Dankbarkeit.“ Und als Frau Zollbrügge traurig, aber zustimmend nickte:
„Das freilich sind zwei Tugenden, die für ein junges Mädchen, für eine Christin unentbehrlich sind. Aber seien Sie getrost, gnädige Frau, die Rose hat ein so treues, sinnendes Gesicht, es steht mancherlei darin geschrieben, was mir gefällt; wir haben alle unsere Fehler, ich will mich dieses Kindes mit besonderer Liebe annehmen, ich will an ihrer Seele arbeiten, Gott wird helfen. Der Konfirmandenunterricht hat an manchem jugendlichen Gemüt Wunder gewirkt.“
*
Der alte Pastor machte sein Versprechen wahr. Unter seinen vielen Konfirmanden beschäftigte er sich mit niemand so wie mit Rose Zollbrügge, nicht nur in den Stunden, auch in seinen Gedanken und Gebeten.
Aber je mehr der Unterricht seinem Ende entgegenging, um so deutlicher wurde es ihm, dass er mit all seiner Mühe und Arbeit nichts erreicht hatte. Rose war genau dieselbe geblieben, die sie am Anfang gewesen. Gerade so sinnend und teilnehmend sass sie auf ihrem Platze, mit denselben ernsten Augen folgte sie jedem seiner Worte, sie antwortete nicht viel, doch wenn sie es tat, so war es richtig und wohldurchdacht. Aber das, was er mit allem Eifer erstrebt hatte, ein Sicherschliessen der Persönlichkeit, eine wärmere Hingabe an die Sache, irgendein deutlicheres Zeichen von Wirkungen, die dieser Unterricht übte, alles das blieb aus.
Und nun geschah etwas, das Pfarrer Wacht vollends an seiner Schülerin irre machte.
Es war in einer der letzten Stunden. Mit allem Nachdruck hatte er auf die bevorstehende Einsegnung hingewiesen und hatte den Kindern klar gelegt, wie die Gnade Gottes; die ihnen hier zuteil werden sollte, vor allem ein empfängliches Herz suche, ein Herz, das seine Sünden erkenne und sie mit ganzer Inbrunst bereue. Seiner persönlich eindringenden Art entsprechend, fragte er diese oder jene unter seinen Konfirmandinnen, ob sie im Hinblick auf den grossen Festtag solchen aufrichtigen Schmerz über ihre Sünden empfände.
Zwei seiner besten Schülerinnen, unter ihnen Pauline, hatten eben mit tief zu Boden gesenktem Blick ihr leises „Ja“ geantwortet, da wandte er sich an Rose.
„Und du, meine liebe Tochter,“ sagte er mit milder Freundlichkeit, „fühlst du ebenso wie deine Schwester?“
Eine Sekunde schwieg Rose.
„Nein,“ erwiderte sie dann leise, fast traurig.
„Nein?“ Pfarrer Wacht war erschreckt.
„Du fühlst dich nicht unwert, vor Gottes Antlitz zu treten, deine Sünden beugen dich nicht darnieder?“
„Nein,“ sprach Rose noch einmal.
„Und das sagst du mir kurz vor deiner Einsegnung, in Gegenwart deiner Mitkonfirmandinnen?“
„Ich darf Sie nicht belügen, Herr Pfarrer, ich muss doch wahr sein.“
Es lag etwas Rührendes, Bewegendes in dieser Antwort, aus jeder Silbe hörte man, wie schwer sie dem Kinde wurde.
Pfarrer Wacht aber vernahm von alledem nichts mehr.
„Sowie die Stunde zu Ende ist, kommst du auf mein Zimmer,“ sagte er mit fast befehlendem Tone, wie ihn die Mädchen niemals an ihm gehört hatten, „ich habe mit dir unter vier Augen zu sprechen.“
Noch einmal versuchte es der würdige Geistliche mit seiner Milde, er sprach mit bewegender Güte zu dem jungen Mädchen. „Das verstehe ich alles sehr wohl,“ entgegnete Rose ruhig auf seine Worte, „aber . . .“
„Nun? Rede frei und unumwunden, mein Kind, dazu sind wir ja hier.“
„. . . von dem grossen Schmerz, den Pauline und die anderen über ihre Sünde empfinden, . . . merke ich nichts.“
„Nichts?“
„Ich müsste es erzwingen oder mir einreden, aber unwillkürlich . . . nein.“
Da war es um die Geduld des alten Mannes geschehen, er hielt es jetzt für angebracht, in strengerem Tone mit ihr zu sprechen und ahnte nicht, dass er damit alles verdarb.
„Dass gerade du das sagst, meine Tochter, du, deren offenkundige Fehler nicht deinen Lehrern und Eltern, nein, auch mir das Leben so schwer machen. Aber freilich, hier treten wieder die beiden Grundfehler deines Charakters hervor. Sieh, Rose, du kennst nicht die Demut und die Dankbarkeit, das ist dein Unglück, deshalb kommst du innerlich so wenig vorwärts.“
Das junge Mädchen, das bis dahin den Blick niedergeschlagen hatte, erhob ihn jetzt und sah seinen Pfarrer mit den ernsten, grossen Augen eine Sekunde an. „Demut und Dankbarkeit,“ sagte es dann leise, als spräche es zu sich selber, „kenne ich sehr wohl.“
„Natürlich, du gibst deine Schwächen nicht zu, das wirst du niemals tun, ich habe es längst gemerkt. Rose, wie willst du dich nur einsegnen lassen, wie zum Tisch des Herrn gehen, wenn du nicht ein bussfertiges Herz mitbringst?!“
Ein fast ängstlicher Zug trat jetzt auf das bis dahin so ruhige Antlitz des jungen Mädchens.
„Ja, Herr Pfarrer,“ erwiderte es zaghaft, „das ist es, das habe ich mir selber gesagt, ich glaube, es ist besser, wenn ich mich nicht konfirmieren lasse.“
„Wenn . . . du dich nicht konfirmieren lässt? Das hast du im Ernste erwogen? Diesen Schmerz wolltest du deinen Eltern, wolltest du mir zu allem anderen hinzufügen? Willst du denn alle von dir stossen, die dich lieben?“
Der alte Herr war auf das höchste erregt, sein Antlitz brannte, seine Stimme hatte einen heiseren Ton. Erst langsam zwang er sich zu der gewohnten Ruhe.
„Fehlt es dir am Glauben, mein Kind?“ fragte er fast mitleidig, „bist du innerlich nicht von dem überzeugt, was du bekennen sollst?“
„Das nicht, Herr Pfarrer.“ Rose sprach eingeschüchtert, traurig, ihr Antlitz war noch bleicher als sonst, „aber das Gelübde ist so schwer, das ich am Altar ablegen soll, ich weiss nicht, ob ich es halten werde. Wer überhaupt kann es halten? Und ich wäre unwahr und wortbrüchig für mein ganzes Leben!“
Der Geistliche stutzte, er sah auf die stillen, ernsten Züge seiner Schülerin, und es fiel ihm auf, wie reif und abgeklärt sie in diesem Augenblick aussahen. Er rüstete sich zu einer Entgegnung, da wurde ihm ein wichtiger, amtlicher Besuch gemeldet, und Rose war mit einigen freundlichen, aufmunternden Worten entlassen.
An demselben Nachmittag besuchte Oberpfarrer Wacht Frau Zollbrügge. Sie hatten eine lange, ernste Unterredung miteinander, der Geistliche erzählte alles, was sich in der Konfirmandenstunde ereignet und was er dann später in seiner Amtsstube mit dem jungen Mädchen besprochen hatte. Als er zuletzt gar andeutete, dass Rose gegen ihre Einsegnung Bedenken geäussert, war es um Frau Zollbrügges Beherrschung geschehen.
„Nicht einmal konfirmiert will sie werden?!“ sagte sie laut aufschluchzend. „In der Schule tadelt man ihr Verhalten, zu Hause ist sie unzugänglich für jedermann, und nun dies noch, nun auch dieser Unterricht vergeblich, auf den ich so grosse Stücke gesetzt, mein Gott, wie werde ich in diesem Kinde gestraft!“
Pfarrer Wacht suchte die betrübte Mutter zu trösten, zuletzt rief man Rose ins Zimmer. Beide redeten nun auf sie ein, Frau Zollbrügge heftig, strenge, vorwurfsvoll, der Pfarrer gütig und beschwichtigend.
Rose antwortete sehr wenig, als sie aber die Erregung ihrer Mutter sah, liess sie ihre Bedenken vom Vormittag fallen und meinte, was sie über ihre Einsegnung gesagt, sei nur einer vorübergehenden, verzagten Stimmung entsprungen.
*
Der Konfirmationstag kam heran. Es war ein liebliches Bild, als die grosse Kinderschar, von ihrem würdigen Seelsorger geführt, an den sonnenumfluteten Hochaltar der alten Pfarrkirche schritt, die Mädchen in ihren weissen Kleidern wie eine lichte, langsam sich bewegende Wolke. Die meisten von ihnen waren tief bewegt, Pauline hatte rotgeweinte Augen, bevor die Feier begann. Frau Zollbrügge, die an der Seite ihres Gatten in einem der ersten Chorstühle dicht am Altare sass, blickte voll mütterlicher Rührung auf dieses Töchterlein, das ihr und dem Vater bis zu dieser Stunde nur Freude bereitet hatte. Dann glitt ihr Auge hinter der goldenen Lorgnette furchtsam fast auf ihr anderes Kind.
Roses Züge waren unverändert, vielleicht einen Hauch ernster als sonst. Wie hatte sie sich früher einmal auf diesen Tag gefreut! Und jetzt? Jetzt war ihr, als sässe sie nicht hier, sondern ein anderes, ein fremdes Wesen, ein Schatten höchstens ihres Selbst.
Wie durch einen dichten Schleier sah sie alles: den mit Blumen geschmückten Altar, den alten Pfarrer, der sich von dem blühenden Hintergrunde ein wenig wunderlich abhob, des Vaters gleichgültig freundliches Gesicht, die funkelnde Lorgnettenkette der Mutter und die prüfenden Augen hinter den grossen Gläsern.
Die Orgel, die bis dahin bald leise gespielt wie weiches, flüsterndes Windesrauschen, bald laut wie Sturmesruf oder ein herannahendes Gericht, verstummte, der Pfarrer räusperte sich und begann seine Rede . . . Rose hörte alles wie im Traume. Ab und zu war ihr, als suchte das Auge des Geistlichen, das trotz seines Alters noch klar und frisch war, unter der grossen Schar gerade ihr Antlitz, als erhöhe er dann die heute ein wenig belegte Stimme zu besonderer Kraft, als wollte er noch in zwölfter Stunde sie locken und gewinnen.
Aber sie fühlte zugleich, dass keines seiner Worte irgendeinen Widerhall in ihrer Seele fand, so ernste Mühe sie sich auch gab, aufzupassen und andächtig zu sein.
Nur als er von der grossen, nie ermüdenden Liebe sprach, die da will, dass niemand verloren gehe, sondern alle selig werden, wachte ein Etwas in ihrem Herzen auf wie ein ganz leiser Frühlingstrieb im Winter. Aber es blieb eine dumpfe Ahnung nur, die weder erwärmte noch beglückte.
Nun stand sie mit den anderen auf, um ihr Glaubensbekenntnis herzusagen, um vor ihrem Pfarrer, ihren Eltern und der grossen Gemeinde feierlich zu geloben, dass sie nach diesem Bekenntnis wandeln und leben wollte, treu bis an den Tod. Dann setzte die Orgel wieder ein, jetzt klagend, manchmal wie Aeolsharfenklang. Die Konfirmandinnen traten an den Altar und knieten nieder, und wenn der alte Pfarrer mit dem Segensspruch die Hände auf ihr Haupt legte, dann weinten und zitterten sie. Nur Rose weinte und zitterte nicht. Von der kleinen Orgel aus sang noch eine etwas flackernde, sonst aber wohlgeschulte Sopranstimme ein bewegendes Gebetslied, dann sprach der Pfarrer die Schlussworte, und die Feier war beendet. Die Eltern traten auf ihre eingesegneten Töchter zu und schlossen sie in die Arme. Pauline konnte kaum sprechen, sie stammelte nur der Mutter entgegen, wie schlecht sie bis jetzt gewesen, wie unwürdig sie sich dieser Stunde fühle, wie ganz anders sie von nun an werden würde.
Stumm und tränenlos empfing Rose der Mutter kühlen Kuss, des Vaters konventionellen Händedruck.
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