Kitabı oku: «Cacatum non est pictum»
Cacatum non est pictum
1 Entschuldigungsbrief
2 I.
3 II. Sonntag
4 III. Montag
5 IV. Dienstag
6 V. Mittwoch
7 VI. Donnerstag
8 VII. Freitag
9 Nachwort
Entschuldigungsbrief
Samstag, den 22. November
Werter Freund,
zuerst möchte ich mich aufrichtig entschuldigen, dass Sie solange nichts von mir gesehen, gehört oder gelesen haben. Wenigstens komme ich hiermit dem Letztgenannten nach.
Als Grund für meine Säumigkeit möchte ich meinen Drachen nennen. Schmunzeln Sie darüber nicht! Er entschuldigt weder mein Handeln, noch soll er mir als Ausrede dienen, meine sozialen Verpflichtungen zu erfüllen, aber verraten Sie mir: Ist Schweigen Verteidigung oder Eingeständnis?
Warum ich ausgerechnet jetzt begonnen habe zu Schreiben, liegt darin begründet, dass ich seit gestern erwachende Lebenskräfte in mir emporsteigen fühle. Ein innerlicher Frühlingsanfang. Knospen treiben in mir und Krokusse fassen einander mit Schneeglöckchen die Hand. Alles wird leichter und ist leichter. Doch ich prophezeie, dass morgen schon um diese Stunde, die Waage zu meinen Ungunsten aus dem Gleichgewicht fällt. Schuld daran trägt dieses fürchterliche Biest, der Drache. Wenn ich Ihnen dieses Wesen unbeschrieben lasse, dann weil es kein Aussehen mit Umrissen besitzt, trotzdem benenne ich es namentlich, obwohl ich um die Gefahr weiß, in die in mich begebe, wenn ich offen vom Reich der Fantasie berichte. Diese Fantasie, so unglaublich es klingen mag, ist real! Verleugnen Sie den Wind nur, wenn Sie seine Auswirkungen ebenso leugnen! Mir für meinen Teil stockt der Atem, sobald ich mich seiner Krallen erinnere. Es müssen seine Krallen sein, da sie meinen Hals umschließen und würgen. Stark genug, dass ich den festen Griff deutlich spüre, zu schwach jedoch, um nicht an ihm zu sterben. Zurück bleiben rote Striemen, die mich zeichnen.
Im nahen Schlossgarten von Bergedorf verbringe ich mittlerweile keinen Augenblick mehr. Bis der Winter hereinbrach, fand ich in dieser pittoresken Parkanlage etwas Zerstreuung. Oft spendete er mir Trost mit seinen mächtigen Blutbuchen und mit den Kastanien, die ich auflas und auf einem schmalen Brückengeländer übereinanderstapelte. Mit kindlicher Begeisterung verfolgte ich die Amseln beim Hopsen und die Karpfen beim Schwimmen, liebend gerne habe ich mich am Duft der Lilien berauscht und meine Augen an den Seerosen geweidet. Mittlerweile ist der Park kahl und es riecht dort nach nassem Laub. Kaum, dass ich dieser Zufluchtsstätte noch einen verstohlenen Blick zuwerfe, wenn ich durch die Straßenzüge gehe und sein skelettartiges Antlitz mir durch den Nebel entgegen stiert. Ja, ich spüre die Seitenblicke, sie stechen in mich wie Dornen, es sind meine Gewissensbisse. Ich muss mir eingestehen, dass mein Hang zur Ästhetik ihn zeitweise für meine Zwecke, mein ausgemergeltes Wohlbefinden, misshandelte. In Anmut hat er mich bedingungslos aufgenommen, heuchlerisch nahm ich die Einladung an, solange sie mir angenehm war. Tartüfferie. Verstoßen habe ich den Garten Eden - bin ich Adam oder bin ich gar der Garten? Sicher scheint, dass ich der Drache für den Bergedorfer Schlosspark bin, nur anders. Er sieht mich, kann mich beschreiben und weiß, woher sein Leid rührt, ich hingegen bin unwissend.
Verzeiht mir meine Oberflächlichkeit, verzeiht mir ferner mein ganzes Geschreibsel, dient es mir wie der Park ausschließlich einer Ablenkung, in der ich Befreiung suche. Feuer und Flamme sitz ich hier und gelobe Ihnen Besserung. Die Wahrhaftigkeit dessen wäre Ihnen gewiss, würden Sie meine entschlossenen Augen sehen, an denen Sie verbrennen müssten, wie an der Flamme eines feuerspeienden Drachen.
Irrsinn lass ab von mir.
In tiefer Verbundenheit
Euer einziger Freund
I.
Die Großmutter sagte „Junge, mach’ etwas aus deinem Leben!“ Nach vielen wirren Fragezeichen über dem Haupt des Jünglings löst sie das Rätsel endlich auf: „Du bist ein braver Bursch! Du solltest eine Lehre bei der Bank machen. Diese tüchtigen Frauen und Männer sind stets allerorts wohl gesehen. Du hilfst anderen und verhungern tust du dabei ebenso wenig. Du machst dich nicht schmutzig und trägst immer einen feinen Zwirn auf der Haut“.
Derart viele verlockende Dinge weiß die Großmutter zu berichten, dabei war sie früher Floristin. Aus dem gesamten Bekanntenkreis war niemand Bankkaufmann. Somit keimte der Gedanke in dem Jungen, dass das Beste an dieser Berufung eventuell noch im Verborgenen blieb. Ja das ist sogar sehr wahrscheinlich. Ruckzuck war der Entschluss letztlich vollbracht und die Bewerbungsmappe fein säuberlich zusammengetragen. Eine Alternative gab es nicht mehr, obwohl er, bevor diese Gedanken in ihm Verfestigung fanden, Tierarzt werden wollte, aber nach dem neusten Entschluss, schien ihm das allzu naiv. Der Postbeamte klebte das Porto auf den Bewerbungsumschlag, der an die hiesige Bank adressiert war – eigentlich ziemlich wenig Geld für eine Menge Zukunft. Das Kind freute sich bis über beide Ohren, als damals der Vater unter dem Weihnachtsteller die Zusage für die Ausbildung versteckte und einer Erlösung gleich hervorzauberte. Die Euphorie war ungemindert, denn schließlich ist der erste Stein gelegt auf dem Weg zum Bankkaufmann. Eine Person, die Achtung und noch mehr Geld verdient, deren Kontakt man gerne pflegt, gleichwohl man es nie mit ihr verscherzen sollte, denn sonst wird irgendwann guter Rat teuer!
Nun aber werter Leser spielen wir ein göttliches Wesen und drehen am Rad der Zeit, bis aus dem Jungen ein junger Mann geschlüpft ist. Wie sieht eine normale Woche als Bankkaufmann aus und vor allem: Sind die Prophezeiungen der Großmutter wahr geworden?
II. Sonntag
Es ist Sonntag. Ja richtig gelesen – es ist Sonntag. Auch wenn der liebe Herrgott diesen Tag der geistigen und körperlichen Regeneration gewidmet hat, so gibt es doch jenes Individuum, welches ihn nicht so recht gehorchen mag. Die Türen der Bankfiliale bleiben heute zwar geschlossen und ebenso klingelt der Wecker nicht um 6:30 Uhr mit einem penetranten Ton, der krächzt als ob ein Vogel stirbt, doch gedanklich trägt er im Kopfe die Wortgruppe mit sich herum, die ihm den ganzen Tag versalzt und welche er nicht müde wird, immer und immer wieder kund zu tun: „Ich habe keine Lust auf morgen!“ Es ist nicht so zu verstehen, dass unser junger dynamischer Freund ein Alleinstellungsmerkmal in Anspruch nehmen möchte, allerdings ist er mental sehr auf die bevorstehende Arbeitswoche geeicht mit seinen Terminen und unerwarteten Kundengesprächen, sodass er vor seinem geistigen Auge am Frühstückstisch nicht einmal seine Frau wahrnimmt, sondern statt ihr seine Kollegen, die allesamt Macken vorweisen, die der Beruf per se mit sich bringt.
Da wäre zum Beispiel der Jüngste im Bunde. Er ist Praktikant und soll in absehbarer Zeit die Hierarchieleiter zum Auszubildenden erklimmen. Zu allem Überfluss ist unser Hauptcharakter sein späterer Ausbilder. Anstatt das Leben zu genießen, hebt der Praktikant sein Ego lieber mit 45 Stunden Arbeit zuzüglich einer fast zu vernachlässigenden Arbeitsstrecke von anderthalb Stunden pro Weg. Neben dem Stolz, den er von seiner Familie mit morgenländischem Immigrationshintergrund erhofft, bleibt als zusätzlicher Anreiz die Vergütung von 600 Euro pro Monat im ersten Lehrjahr. Ohne Zweifel sein bester Verdienst bis hierhin, wenn es soweit ist. Im Moment ist er, wie erwähnt, jedoch Praktikant und bekommt daher eine Aufwandsentschädigung von 100 Euro Fahrtkosten pro Monat gezahlt.
Der nächste Mitarbeiter kann eher als Gegenarbeiter bezeichnet werden. Ein Quereinsteiger, der alle Hoffnung auf ein glückliches Berufsleben seit seiner Geburt in den Wind geschrieben hat. Er ist das schwarze Schaf dieser berufsbedingten Familie. Kleine und große Herausforderungen meistert er mit dem Können den Anschein zu erwecken, dass die Arbeit getan ist, was zum Teil sogar stimmt, solange die Hälfte als Ganzes gilt. In Wirklichkeit schlummert sie und tritt zu einem späteren Zeitpunkt mächtiger zu Tage, als sie es täte, wenn die Aufgaben von Beginn an ignoriert würden. Er hat den Traum, mit der geringstmöglichen Verantwortung das meiste Geld zu erhalten. Nebenbei erzählt er gerne von seinem Wunsch des künstlerischen Musikerlebens als Freigeist, kurz als jemand, der die Fäden des Lebens als Einziger im Licht schimmern sieht, um sie zu deuten.
Der älteste Mitarbeiter ist gleichzeitig der entspannteste Vertreter. Diese Aussage wird nicht ausschließlich auf seine dauergebräunte Haut bezogen, sondern auch auf sein Gemüt, welches im Kopfkino täglich den Film der Altersruhe ablaufen lässt. Sein Ruhepol ist der jährliche Urlaub in einschlägig bekannten asiatischen Ländereien, die einzig für den Typus des alleinstehenden Mannes geschaffen sind. Sein Charme der vergangenen Jahrzehnte ist nicht nur ungebrochen, sondern hochkonzentriert und jederzeit bereit, einen neuen Angriff auf das junge Fleisch zu wagen. Oft dreht er sich dabei im Kreis, wie bei seinen Erzählungen, die bei jedermann hinlänglich bekannt sind.
Jede Raupe braucht ihren Kopf. Drei Glieder haben wir bereits kennen gelernt, doch wie ist es um das Gehirn, die Schaltzentrale, bestellt? Um einen treffenden Vergleich in der Natur zu finden, muss nicht lange gesucht werden, denn er ist der personifizierte Vulkan mit Schlafstörung. Im Gegensatz zu den meisten seiner Verwandten ist er noch aktiv und lehnt sich gegen Stürme, Sonnenschein und Frauen am Steuer auf. Gemäß der überholten Viersäftelehre wäre er quittegelb überzogen von seiner eigenen Gallenflüssigkeit. Freilich ist dies eine übertriebene Darstellung, aber wer die feurig starren Augen hinter der Klatschpresse des heutigen Sportteils herausfunkeln sieht, behauptet, es sei maßlose Untertreibung.
Natürlich sieht unser Protagonist sich in Vorerwartung auch selbst in diesem Farbmosaik der Charaktere. Er hat knapp die Ausbildung zum Bankkaufmann bestanden und wechselte im Zuge eines Wohnwechsels die Bank gleich mit. Er ist einer der wenigen Menschen, die keinerlei Schwächen erkennen lassen. Sein Blick ist unermüdlich gen Feierabend gerichtet, während er sanfte Unebenheiten gekonnt ignoriert. Wir können hier, ohne großartige Umschweife vorzunehmen, von dem perfekten Menschen sprechen.
Minute um Minute vergehen, in denen er in Gedanken bei diesen bekannten Übeln verweilt und wesentlich länger noch bei den unbekannten. Optimismus scheint hier fehl am Platz zu sein, denn dieser wurde ihm in einem langwierigen Prozess während der Ausbildung abtrainiert. Der junge Mann versinkt in tiefschwarze Melancholie, während er die untergehende Sonne des sterbenden Wochenendes bedauert und seine Partnerin die immer selbe, schon dutzend Male verdaute, Wortgruppe zu hören bekommt: „Ich habe keine Lust“. Jeder von uns hat diesen Satz in zig Variationen bereits ausgesprochen. Wahrscheinlich müssen wir davon ausgehen, dass er als einleitender Zauberspruch des Hexeneinmaleins fungiert, um die baldige Arbeit zu bannen. Diese Tätigkeit ist beständig wie die damit einhergehende Erfolgslosigkeit, leider. Wissenschaftlich gilt es als erwiesen, dass bei derlei Aussprüchen einzig der kognitive Bereich des Wesens arbeitet, der aufbegehrende Revoluzzer liegt ohnehin seit ewigen Zeiten begraben. Im Traum fühlt unser junger Bankkaufmann letztmalig die Illusion der Freiheit, bevor die Fesseln um Glieder und Hals geschnürt werden, die er unglaublicherweise sogar eigens anlegt und Arbeitskleidung nennt.
III. Montag
Es ist Montag. Aber es ist kein Tag wie jeder andere, denn es ist schließlich Montag. Montag. Einer von sieben Wochentagen und doch sticht er von den restlichen Wochentagen deutlich hervor. Nicht wegen seines Namens, sondern weil Montag der Beginn einer neuen Woche gleichkommt. Nichts ist gegen Anfänge einzuwenden, da das ganze Leben ein ständiges Erneuern und Neudefinieren beinhaltet, aber warum ausgerechnet Montag? Das Aufschlagen der traumverklebten Augen wird von einem unweigerlichen Seufzen begleitet. Die Vögel, die ihr Liedchen auf dem Balkon trällern, singen scheinbar aus einer Parallelwelt in jene, die wir real nennen. Die Empfindung Schönheit wahrzunehmen, ist abhandengekommen. Nur das dumpfe Lärmen ihrer kleinen Kehlen vernimmt er, unser Herr Perfekt. Montags ist alles schwer, als sei er neu geboren, nur nicht ins Leben, sondern ins Gegenteil – Nein, der Tod ist es ebenso wenig, es muss folglich etwas dazwischen geben.
Mit bedächtiger Langsamkeit, als könne er dadurch die Zeit einschläfern, knöpft er sein blütenweißes Hemd zu – eines von dreien. Seine Frau hatte übrigens einiges auszustehen gehabt, als sie ihm die Freude des dritten Hemdes bereitete. Dazu streift er die dunkle Anzughose, welche vor gut einem Jahr die letzte Wäscherei von Innen gesehen hatte, über die Beine. Im Schrittbereich gibt es einige unschöne Verfärbungen von einem Harnwegsinfekt aus dem vergangenen Jahr. Die kleinen braunen, ehemals roten Tropfen, erinnern ihn an die Schmerzen. Ein sauberer Bruch war maximal noch kurz nach dem Kauf erkennbar. Die Schuhe sind derart abgeschrammt, dass sie bequem dem nächstbesten Landstreicher ins Repertoire passen würden. Sobald er seinen großen Zeh anhebt, kann er fast vollständig das Kunstleder vom Absatz trennen. Herr Perfekt freut es stets, wenn es in Strömen regnet, dann können die Schuhe etwas von ihrer alten Farbe zurückgewinnen, indes er den Preis nasse Socken an den Füßen zu tragen zahlt. All das, was manchen unwürdig wäre als Outfit zu gelten, ist sein Überrest der Revolution, sein Widerstand gegen das System. Niemals würde ihn darauf einer der Mitarbeiter ansprechen, obwohl er es offenkundig provoziert. Am liebsten möchte er es in die Welt hinausschreien, dass er gegen seinen Willen die neue Woche beginnt. Was bleibt, ist die finale Wahl der Krawatte. Mal zu kurz, mal zu lang, aber immer im stillen Gedenken an seine Großmutter, die es ihm einst beibrachte. Die Verabschiedung von seiner Liebsten ist wie für gewöhnlich zärtlich und innig. Wenn wir es nicht besser wüssten, könnte der Gedanken keimen, dass er in den kommenden zehn Stunden sein Todesurteil erwartet, welches nach Verkündung direkt zur Vollstreckung kommt. Wobei diese Worte seiner Meinung nach bestimmt Schmeicheleien vor dem Herrn glichen. Schweren Herzens schließt er die Türe und weiß, dass in ihm bald die Frage auftauchen wird, ob er sie tatsächlich geschlossen hat. Heute ist seine Partnerin noch zu Hause, sonst würde er zurückeilen zum rettenden Ufer, wenigstens für ein paar Sekunden, aber nie stand sie offen, stets ist die Türe geschlossen und öffnet ihm erst dann, wenn die Qualen durchgestanden sind.
Das einzige, was ihm heute das Gemüt erhellt, ist das Wissen, dass der Filialleiter, namentlich Herr Äthna, nicht vor Ort sein wird. Eine Besprechung in Düsseldorf verlangt nämlich nach ihm. „Die kleinen Freuden“, denkt er und schmunzelt und wird deswegen von einem Kind angefeixt, welches unüberhörbar zu seiner Mutter spricht „Mutti, Mutti sieh doch! Der Mann da sieht ganz komisch aus!“ Unauffällig zieht die peinlich berührte Frau ihr Kind an der Hand und verschwindet in der Menschenmasse am Gleis der S-Bahn-Station. An den freien Platz tritt ein Mann mittleren Alters. Er weist keine besonderen Merkmale auf. Höchstens, dass er sein Ego in einen teuren Markenanzug hüllt, den er wahrscheinlich von der Anzugboutique Anson’s aus der Mönckebergstraße frisch am Wochenende erstand. Die Versuchung ist gigantisch nach dem Preisschild zu suchen, wovor jedoch der penetrante Geruch des Rasierwassers eindringlich warnt. Halb angeschaut, halb weggeschaut blickt er auf Umwegen zu unserem Herrn Perfekt. Sein Blick sagt „Ich bin besser als du!“ Das mag wohl stimmen, denn schließlich sieht er ja komisch aus, wie das Kind eben feststellte. Einer Wohltat kommt die Bahnfahrt keineswegs gleich. Vieler solcher eben erwähnten Momente warten hier in einer einstündigen Fahrt, welche von einem Umstieg am überfüllten Hamburger Hauptbahnhof kurzzeitig unterbrochen wird. Die elektrischen Türen öffnen an der Zielstation und speien eine bunte missmutige Mischung an Bevölkerung aus. Zum Beispiel weitere Anzugträger, graue Mäuse, Paradiesvögel, Frauen mit zu kurzen Röcken und allerhand merkwürdiger Leute, die eigentlich ausschlafen sollten.
Zwischen dem Bankkaufmann und der Filiale liegt ein kurzer Marsch durch die Fußgängerzone oder die letzten Meter zwischen Freiheit und gefangen sein. Jedes Gesicht, in welches er blickt, weicht schleunig aus. Die geplagten Menschlein scheinen innerlich einen Fußbreit vor ihrem eigenen Abgrund zu stehen. Lieber wollen sie in die entgegengesetzte Richtung fliehen, das ist unverkennbar, hin zu jenem Ort, von dem sie ursprünglich aufbrachen. Kein Lachen, sondern ein unterschwelliges Brummen begleitet die Flut, die allmählich auseinanderläuft. Natürlich gibt es auch die lustvoll pfeifenden Exemplare, die der Umwelt demonstrieren müssen, dass es durchaus anders geht. Der Grund, warum sie so vergnügt in der Luft umherschauen ist, dass sie insgeheim nach einem geeigneten Vorsprung Ausschau halten, von dem sie sich zu geeigneter Zeit herunterstürzen. Mittlerweile steckt der Schlüssel im Schloss, Eisen in Eisen öffnet die Pforte zur Unterwelt.
Ein letzter tiefer Atemzug folgt, kaum ausreichend die Sauerstoffzufuhr der kommenden Stunden geballt aufzunehmen bis Herr Perfekt im Augenwinkel eine Lampe, die warnend leuchtet, wahrnimmt. Voller Panik öffnet sich die Zwischentür zum eigentlichen Kundenbereich der Bank und Herr Lessifari redet völlig überdreht los, als ob er eine neue Spezies Tier an seinem Arbeitsplatz entdeckt hat. „Das war bestimmt die Putzfrau und nicht die Nachtigall!“ sagt Herr Perfekt „Wie immer.“ Was nun folgt, ist klar wie Kloßbrühe und wurde in der Filiale auch schon wesentlich öfter genossen. Das Telefon klingelt und die Polizei ist am Telefonapparat. Die „Alles in Ordnung“-Meldung reicht dem Freund und Helfer verständlicherweise nicht aus. Deshalb befinden sich wenige Minuten später am Hintereingang ein halbes dutzend schwer bewaffnete Männer und eine Frau (für die Quote), die genau auf die Nasenspitze des überforderten Herrn Lessifari zielen. Nach einem Rundgang im Gebäude, der für einige Beamte zum morgendlichen Alltagsspaziergang gehört, ist der Fall im stummen Unterschreiben der erforderlichen Nachweispapiere erledigt. Der Startschuss ist damit zwar ohne Schuss gefallen, gefallen ist er trotzdem irgendwie – ebenso wie es gemeinhin von einem normalen Montag erwartet wird. Die wohlerzogene afrikanische Reinigungskraft ist drauf und dran den nächsten Alarm auszulösen, indem sie das Gebäude ‚schärfen’ möchte. Bei der ersten Körperbewegung eines Mitarbeiters innerhalb des Gebäudes würde erneut ein Alarm ausgelöst – noch wurde keine solch bequeme Position erfunden, die den Versuch rechtfertigen würde. Der Umstand jedoch, dass Heff goldrichtig um die Ecke biegt und die Frau daran hindert, dass die Beamten den Rückwärtsgang betätigen können, scheint eine glückliche Fügung zu sein. Ein Blick ins Blaue reicht laut seiner oft getätigten Aussage aus, um jegliche Kommunikationsbarrieren abzureißen. Auch wenn die leidliche Antwort immer die gleiche bleibt. „I don’t understand Sir" wird begleitet von einem perlweißen Blecken der Zähne und einem Geist, der sein Ave-Maria vor Urzeiten bereits ausgehaucht zu haben schien. Das Endergebnis ist in Stein gemeißelt, genauso unabänderlich wie die baldige Wiederholung.
„Heute ist Montag, ne? Man ging das Wochenende wieder schnell vorbei. Ich habe keine Lust heute.“ Ein Satz, dem aufgrund seines Wahrheitsgehaltes automatisch von Herrn Lessifari und Herrn Perfekt zugestimmt werden muss, obwohl sie dies vergangene Woche und die Wochen davor usw. bereits getan haben. An dieser Stelle ist eine essenzielle Zweiteilung festzustellen, die ihren Bezug weiter fasst als auf bloße Bankangestellte: Es gibt die Sorte Mitarbeiter, die permanent davon spricht, keine Lust auf Arbeit zu haben und diejenigen, bei denen es tatsächlich so ist. Erstere fühlen sich schlecht, wenn sie entgegengesetzt der breiten Meinung die einzigen wären, die es gut fänden zu arbeiten. Somit werden allgemeingültige Floskeln in den Brei der Dummschwätzerei untergerührt, obwohl für diese spezielle Gruppierung klar ist, dass eine Existenz ohne Arbeit unvorstellbar wäre, weil sie es versäumten, ein Leben fernab des Arbeitsplatzes aufzubauen. Wie eine Bahnhofsblume, die zwischen den Betonplatten empor sprießt und täglich von Obdachlosen gütig mit Urin gedünkt wird. Strahlend gelb reckt sie ihre Blüte im dampfenden Dunst bis die Bedürftigen, die ihre letzte Flüssigkeit mit ihr teilten, von Ordnungshütern vertrieben werden und somit der Blume jegliche Grundlage entziehen. Jämmerlich geht sie ein ohne das, was sie am meisten brauchte, bis sie gänzlich verendet.
‚Zeit ist Geld‘ passt wohl auf keine Branche so gut, wie zur Bankenbranche, wenngleich diese drei Worte die magische Formel ebenso für Wirtschaft, Industrie und Handwerk darstellen. Diese Momente, in denen das Unumgängliche, dass das Wochenende schnell vorbeiging, genannt wird, zeugt im höchsten Maße von Ineffektivität. Aus Sicht der Obrigkeiten zeugt dies ohne Zweifel von Verschwendung der wichtigsten Ressource überhaupt, namentlich der Zeit. Niemand kann es sich leisten, mit ihr zu verfahren, wie mit süßem Wein bei einem rauschenden Fest. ‚Zeit ist Geld’ ist ein Ausspruch, der das Sinnbild der modernen Welt darstellt. Malochen, malochen und abermals malochen! Aber wofür? Früher war es vielleicht die Lebensaufgabe, eine Pyramide für den Pharao zu bauen, heutzutage lautet das Ziel, die größtmögliche Anhäufung an Geld, Werten und anderen lustvollen Freuden zu sammeln, womit geklärt wäre, dass auch der letzte Rest, der Privatbereich, von dieser Krankheit betroffen ist. Wenn wir davon ausgehen, dass Vergänglichkeit ein unabwendbares Naturgesetz ist und uns nichts für eine transzendentale Reise ins Jenseits bleibt, wäre es somit nicht besser, ein Monument für die Ewigkeit zu bauen? Worin genau liegt der Fortschritt der Jahrhunderte begründet?
Die Tür, eine von neun Glaselementen, wird aufgesperrt und zur Seite geschoben. Was dahinter hervortritt, ist das komplette Potpourri der Volksseele. Freilich war diese bereits vor Öffnung sichtbar, immerhin reden wir von transparentem Glas, trotzdem herrschte ein unterschiedliches Verhältnis. Wie in einem Zoo gafften die Personen einander ins Angesicht mit der Frage im Kopf, auf welcher von beiden Seiten die Tiere lauern. Antwort: Auf beiden! Ist die Tür einmal geöffnet, schwebt der Bankkaufmann automatisiert hinter seinen Schalter wie in einer imaginären Gondel, welche an ihrem Draht vom tiefsten Tal bis zur höchsten Erhebung fährt. Die Trennung ist aufgehoben, von der Erhebung wird der Banker gerissen und zu einer permanenten Talfahrt gezwungen.
Der Situation geschuldet, auf zwei Etagen verteilt zu sein, zwingt die Mitarbeiter zu einem ständigen Wechsel ihres Schreibtisches, zumindest einen Teil von ihnen, weshalb Herr Perfekt beispielsweise einen Tag Pech und den nächsten einfach weniger Glück hat. Für heute ist die Verteilung klar. Zum Wochenauftakt befinden sich Herr Lessifari und der Praktikant im sozialen Brennpunkt - dem Erdgeschoss und somit dem Empfangsbereich. Im ersten Geschoss herrscht unterdes Bestbesetzung bei zwei von vier besetzten Schreibtischen. An diesen soll der utopische Tagesumsatz für die Bank angestrebt werden, den die meisten Angestellten nicht einmal im kompletten Jahr ausgezahlt bekommen. Ich hoffe die überschlagene Milchmädchenrechnung stößt bei keinem Leser bitter auf.
Das Telefon klingelt – ring ring. „Hallo, ich bin es. Ich wollte dir lediglich sagen, dass dein Kunde da ist. Am besten du besorgst dir noch schnell eine Gasmaske." Ein abschließendes Kichern beendet das Gespräch, in dem Herr Perfekt wortlos bleibt. Er muss davon ausgehen, dass der Kunde, welcher zu dieser Zeit maximal drei Meter neben dem Anrufer gesessen haben kann, alles wortwörtlich mitgehört hat – diese Spitzbübereien. In der Tat sind die Vorboten des ersten Kunden mittlerweile ganz oben angekommen. Ein süß-saures Duftgemisch, welches abstoßend wirkt, aber aufgrund seiner Einzigartigkeit weiter gerochen werden will. Ein Blick in den Kalender verrät, dass dieser Kunde von der Filiale angerufen und zum Termin eingeladen wurde. Die Umsatzerwartung ist als hoch ausgeschrieben. Trotzdem konnte leider nichts vorbereitet werden, weil am vergangenen Freitag die nötige Zeit fehlte, will heißen: Eigentlich war nur Freitag mit seinem verkorksten Unwillen, einen Finger krumm zu machen. Herr Perfekt schwelgt in Erinnerungen „Freitag, wie war das toll – wird es jemals wieder so sein?“ Die Laune sinkt im wiedergewonnenen Realitätsbewusstsein unter den Gefrierpunkt. Die Treppenstufen hinab ins Erdgeschoss gleichen dem Gang vor die Hunde.
Herr Perfekt. Guten Morgen Herr Stinkemann. Es freut mich außerordentlich, dass Sie es einrichten konnten, den Termin wahrzunehmen. Bitte geleiten Sie mich in die erste Etage zu meinem Arbeitsplatz. Dort sprechen wir über alles Weitere. Herr Stinkemann. Puh, so viele Treppen? Herr Perfekt. Das kommt auf die Betrachtungsweise an Herr Stinkemann, aber sehen Sie’s positiv: jeder Gang macht bekanntlich schlank. Herr Stinkemann. Das habe ich bereits aufgegeben! Herr Perfekt. Wer nicht? Ich hätte mir auch sichtbareren Erfolg versprochen, sooft wie ich die Treppen am Tag hoch- und runtergehe. Wie können wir Ihnen denn weiterhelfen? Herr Stinkemann. Aber Sie haben mich angerufen! Herr Perfekt. Das mag ja alles so sein Herr Stinkemann, aber jeder Mensch braucht doch eine Motivation oder noch besser ausgedrückt: Eine Intension, warum er den Termin wahrnehmen möchte. Was haben Sie sich also im Vorfeld davon versprochen? Herr Stinkemann. Inte … was? Herr Perfekt. Was hat mein Kollege Ihnen denn gesagt, wieso Sie herkommen sollen? Herr Stinkemann. Er meinte, dass ich Geld bekommen kann, ohne mehr zahlen zu müssen. Oder irgendwie so in die Richtung. Herr Perfekt. Wozu brauchen Sie denn das zusätzliche Geld Herr Stinkemann? Herr Stinkemann. Jeder braucht Geld, Sie nicht? Herr Perfekt. Was haben Sie denn aktuell für laufende Verbindlichkeiten Herr Stinkemann? Herr Stinkemann. Das läuft soweit … Herr Perfekt. Herr Stinkemann! Ich darf Sie darüber in Kenntnis setzen, dass Sie uns gegenüber eine Auskunftspflicht besitzen. Also, gibt es Kredite? Herr Stinkemann. Natürlich gibt es Kredite, sonst gäbe es doch den Begriff nicht! Herr Perfekt. Ich frage Sie persönlich! Haben Sie noch weitere Kredite abzuzahlen, abgesehen von unserem? Herr Stinkemann. Nein, nichts Besonderes. Hier und da eben. Man gönnt sich ja sonst nichts. Im Einzelnen kann ich Ihnen da keine Auskunft geben. Herr Perfekt. Haben Sie Eigentum oder wohnen Sie zur Miete? Herr Stinkemann. Nein, ich wohne natürlich bei Mutti – Gott hab sie selig. Herr Perfekt. Haben Sie ein Auto? Herr Stinkemann. Wozu ein Auto ohne Führerschein? Herr Perfekt. Da stimme ich Ihnen völlig zu Herr Stinkemann, das wäre ja wie Füllfederhalter für Analphabeten kaufen, aber Scherz bei Seite, haben Sie anderweitige Wertgegenstände, die Sie eventuell als Sicherheit einsetzen können? Ich frage deshalb, weil mir bei Ihrer Beauskunftung der Schufa einige große Beträge aufgefallen sind. Nach Adam Riese müssten Sie Verbindlichkeiten in Höhe einer kleinen Eigentumswohnung besitzen. Herr Stinkemann. Das ist korrekt, man lebt eben und alles kostet Geld. Das werden Sie auch noch feststellen, wenn Sie in mein Alter kommen. Kaum, dass das Atmen noch kostenlos ist, ist es der Tod schon lange nicht mehr. Was geht Sie das eigentlich an? Herr Perfekt. Im Detail natürlich gar nichts. Wir befinden uns hier im Privatkundengeschäft, genauer gesagt Konsumentenkredite, und die Höhe Ihrer gesamten Verbindlichkeiten übersteigt unsere Kompetenz bei weitem. Herr Stinkemann. Moment! Ich bekomme also kein Geld von Ihnen? Herr Perfekt. Leider Herr Stinkemann muss ich Ihnen genau das mitteilen. Herr Stinkemann. Unverschämtheit! Das ist meine Zeit, die Sie hier verplempern. Die möchte ich jetzt von Ihnen wiederhaben, sofort! Sie haben mir dieses absurde Angebot schließlich unterbreitet in dem Telefonat. Ich werde mich über Sie beschweren! Herr Perfekt. Ich kann Ihren Unmut durchaus nachvollziehen. Jedoch werden Sie mir als erfolgreicher Geschäftsmann sicherlich zustimmen, dass die Bank ein Wirtschaftsunternehmen ist. Andernfalls könnte ich meine rechte Schublade öffnen, ein Bündel 500 Euroscheine herausnehmen und in der Fußgängerzone verteilen mit der Bitte, mir körperliche Schäden zuzufügen, ohne dass ich Regressansprüche stelle, einfach weil ich ein hilfsbereiter Mensch bin. Herr Stinkemann. Das lasse ich mir nicht bieten! Aber 500 Euro würden mir auch ausreichen … Herr Perfekt. Leider kann ich mich weder technisch noch ethisch dazu durchwinden, eine geeignete Lösung zu finden. Ich bitte um Ihr Verständnis! Ohne großartige Verabschiedungen folgte ein kurzer Handschlag. Trotzdem schien Herr Stinkemann weiterhin auf dem Stuhl zu sitzen, obschon seine physische Hülle wahrscheinlich längst wieder an den heimischen Brüsten seiner Frau Mama hing. In diesem Termin zeichnete sich deutlich ab, dass jedes Gespräch einem Machtkampf gleichkommt. Kompromisse gibt es nicht, nur der Stärkere bekommt seinen Willen. Dieser Vorfall wurde zwar von einer höheren Gewalt, namentlich den im Computer hinterlegten Kreditrichtlinien entschieden, was unseren Hauptprotagonisten nicht hindert, sich beflissen einzureden, dass es letztlich seinen Willen entsprach, der zur Ablehnung führte. Deshalb taucht er für einen flüchtigen Moment aus den Tiefen der Tristesse auf, um wieder zu leben, denn ein Nein heißt Freiheit erlangen – wie süß ist dieser Duft, wenn die Säure in ihm nicht dermaßen präsent wäre! Für gewöhnlich ist dies kein Zustand von anhaltender Dauer. Kaum, dass Herr Perfekt den Rücken entspannt gegen die Lehne drückt, um auf der faulen Haut zu liegen, da klingelt getreu der Kalendereintragung nicht unverhofft erneut sein Telefon – ring ring. „Dein nächster Kunde ist da. Ich will dir noch kurz auf den Weg geben, dass der Kunde ordentlich Stress macht hier unten. Er wollte seine Sachen nur zum Kopieren abgeben und sogleich den Vertrag unterschreiben. Gut. Ich lege jetzt den Hörer auf, hier unten ist viel zu tun.“ In der Kommunikation gibt es verschiedene Ebenen. Wichtig ist dabei das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger. Alles kann missverstanden werden. Der junge Bankier bleibt dabei so objektiv wie irgendwie möglich, aber Herr Lessifari ist ein Meister darin, genau die Ebene zu finden, welche subtil verrät „Warum bist du eigentlich da oben? Hier unten ist mehr zu tun!“ Der zweite Gang der Woche kündigt im Vorfeld also nur die Blumen an, durch die die Mitarbeiter zueinander sprechen, ansonsten hat Herr Perfekt keinerlei Präsente zu erwarten. Herr Perfekt. Einen schönen guten Tag Herr … Herr Arrogant. Jaja, wie lange dauert der ganze Spaß hier eigentlich noch? Ich hatte nur Zeit eingeplant für eine kurze Anfrage. Ich muss schließlich auch arbeiten. Herr Perfekt. Ich kann verstehen, dass Sie ein viel beschäftigter Mann sind Herr … Herr Arrogant. Papperlapapp, kommen Sie mir bitte nicht mit so ollen Kamellen daher. Ich will Zahlen sehen – jetzt und nicht dann und schon gar nicht später! Herr Perfekt. Aber bitte haben Sie Verständnis, dass zunächst mindestens eine Datenaktualisierung durchgeführt werden muss Herr … Herr Arrogant. Aber? Anders ausgedrückt: Sie wollen mir nicht helfen, so wie ich die Sache einschätze, richtig? Und das nennen Sie Kundenservice? Herr Perfekt. Aber Herr … Herr Arrogant. Da schon wieder ‚aber’! Dieses ‚aber’ negiert meine getroffenen Aussagen, verstehen Sie? Ergo widersprechen Sie mir. Sie wollen es offenbar auf ein Wortgefecht mit mir ankommen lassen? Liebend gerne, ich bürste meine Stacheln regelmäßig zum Kampf. Herr Perfekt. Herr … Herr Arrogant. Wissen Sie, das kann ich einfach nicht verstehen. Sie müssten um Ihren Umsatz kämpfen, ich glaube nicht, dass es Ihnen gelingt, dieses Ziel bei mir zu erreichen, wenn Sie mir - dem König, da Kunde - Widerspruch leisten. Woher ich das weiß? Da staunen Sie, ich habe nämlich ebenso mit Verkauf zu tun. Herr Perfekt. Ich glaube, das Themengebiet ufert aus und bewegt sich jenseits eines Kundengespräches. Bitte lassen Sie uns auf den Kreditwunsch beziehungsweise Ihre Anfrage zurückkommen. Herr Arrogant. Sehr gerne! Wie viel Prozent können Sie mir anbieten? Herr Perfekt. Ganz so einfach ist es leider nicht. Wir vergeben die Zinsen nicht nach augenblicklichen Wohlgefallen, wobei mir das gerade jetzt gut passen täte, sondern nach der Bonität unseres Kunden. Das ist aber lediglich eines von vielen Kriterien. Herr Arrogant. Gehen Sie davon aus, dass ich die beste Bonität besitze, die Sie in Ihren windelbelegten Berufsjahren jemals gesehen haben. Also wie viel Prozent? Herr Perfekt. Wie bereits erwähnt, brauche ich dafür genaue Daten. Haben Sie eventuell eine aktuelle Lohnabrechnung mit? Mein Kollege meinte, Sie hätten Unterlagen dabei? Herr Arrogant. Nein, das hat mit der Sache nichts zu tun! Oder bringen Sie beim Parken Ihres Automobils die Winterräder mit? Herr Perfekt. In diesem Fall ist Winter und Sie erkundigen sich eben bei der Polizei wie lange Sie mit Sommerreifen durch ein Schneegestöber fahren können. Herr Arrogant. Ich fürchte fast, Sie gehen damit etwas zu weit. Vergleichen Sie sich jetzt mit der unumstößlichen Exekutiven von Deutschland? Herr Perfekt. Nein, es war eine Metapher, ich bin in diesem Bilde verblieben, um es mit Ihnen weiter zu malen, um endlich einen gemeinsamen Nenner zu finden. Wenn es aber der Sache dient, so sage ich Ihnen als Anhaltspunkt, dass der Zinssatz um und bei 9,98 % liegen wird. Herr Arrogant. Dieser Prozentsatz wurde von keiner anderen Bank genannt. Da werfen Sie mir Ihre frechen 9,98 % wie einen Amboss vor die Füße. Das kann ich nicht begreifen. Das Zinsniveau ist derzeit auf einem extremen Allzeittief angekommen, dass ich Ihnen wohl hoffentlich nicht erklären brauche, für wie wenig Prozent Sie Geld von der Europäischen Zentralbank leihen. Daher bin ich uneinsichtig, mir Geld zu einem absolut überteuerten Prozentsatz zu leihen! Herr Perfekt. Das hat hauptsächlich Auswirkungen auf Immobilienfinanzierungen. Diesbezüglich gebe ich Ihnen Recht, dass die Prozentsätze sehr niedrig sind. Was die Prozedur des Leihens betrifft, so refinanziert sich die Bank hauptsächlich aus Eigenmitteln. Da Sparbriefe über Marktdurchschnitt verzinst werden, kommen die Kunden von alleine und der Geldfluss bleibt somit ungehindert. Herr Arrogant. Mir können Sie nichts einreden! Meine ersten Berufserfahrungen fußen wie Ihre in der Bankbranche. Damals habe ich als Aushilfskraft Überweisungen auf Ihre Richtigkeit überprüft. Herr Perfekt. Wenn das so ist, sind wir tatsächlich auf Augenhöhe. Herr Arrogant. Ihre Geschäftspolitik hängt von Ihrer spanischen Zentrale ab, die Ihnen hier in Deutschland diktiert, was Sie zu tun und zu lassen haben. Während dort sämtlichen Banken Pleite gehen, ziehen Sie den Karren durch überteuerte Konditionen ein bisschen aus dem Sumpf, sonst würde es Ihnen genauso ergehen! Herr Perfekt. Ich habe keine Befugnis und auch kein Recht mit Ihnen über solcherlei Dinge zu sprechen, aber wenn es Sie interessiert, so kann ich sagen, dass der Konzern nie in seiner ganzen Historie staatliche Hilfen in Anspruch nahm. Welchen Prozentsatz haben Sie sich denn eigentlich vorgestellt? Herr Arrogant. Natürlich 0 %! Ich hatte früher bei Ihnen bereits zwei Finanzierungen zu diesem Zinssatz. Herr Perfekt. Aber nicht über die Filiale. Herr Arrogant. Nein über einen Händler. Herr Perfekt. Das können wir Ihnen leider hier in der Filiale nicht anbieten. Draußen bei den Händlern geht es hauptsächlich darum Kundenadressen zu bekommen und da nimmt die Bank auch gern ein Minusgeschäft in Kauf, da somit Zahlungserfahrungen gesammelt werden, um zukünftige Wünsche besser beurteilen zu können. Herr Arrogant. Ich sehe, mit Ihnen ist streiten unmöglich, daher möchte ich das Gespräch an dieser Stelle beenden und … Herr Perfekt. Es freut mich, dass Sie erschienen sind. Hier haben Sie meine Visitenkarte, falls sie umdenken wollen. Zwei von drei Terminen sind vorüber und zurück bleiben gemischte Gefühle. Gerne hätte unser Bankkaufmann diesem Narzissten von einem Kunden sein übersteigertes Ich in Form eines Speeres durch den Kopf gejagt. Dank dessen, dass er es nicht getan hat, wissen wir: die Zivilisation hat ihre humanen Seiten, trotzdem denkt er daran und zeigt eine innere Rückständigkeit auf. Lachen soll als Ausgleich ja verspannungslösend wirken und schüttet zudem Glückshormone aus, nicht jedoch nach solchen Gesprächen, die bisher in der Filiale stattgefunden haben. Die Lachfalte wird höchstens zur hasszerfressenen Schlaufe, die die Maske gerade hält. Dieser Moment, in dem klar wird, dass der Kunde nicht planmäßig den vorher kalkulierten Umsatz bringt, degradiert ihn zum Zeitfresser. Eine Tatsache, die quasi zum guten Handwerkszeug dazu gehört. Das einzige Trostpflaster ist die nahende Pause, die jetzt eingeläutet wird. An Freund und Feind vorbei bleibt eben noch Luft, um ein gequältes „Mahlzeit“ den Kollegen entgegen zu stammeln. Die eisenbeschlagene Hintertür ist durchquert und ziellos wandelt Herr Perfekt durch die Innenstadt. In den Schlosspark? Nein, diesen Ort mied er seit Einbruch der schmucklosen Jahreszeiten. Lieber essen? Bevor die Fragen zu Ende gedacht und Möglichkeiten zur Antwortfindung gefunden sind, zeigt die Kirchenturmuhr jene Zeit, welche den Antritt zurück unumgänglich macht. Ade ihr alten Menschen, ade ihr jungen Schulkinder und ade ihr Bier trinkenden Landstreichern, Herr Perfekt steuert wieder zurück zum Ende der Fußgängerzone geradewegs auf das Backsteingebäude zu, welches aus seiner Sicht am wenigsten Achtung verdient. Die Filiale befindet sich an einer großen Straßenkreuzung und wurde kürzlich modernisiert. Der rot leuchtende Schriftzug brennt in den Augen wie Hagebuttensaft, besser man verschließt sie. Der Ritus schreibt vor, ein letztes Mal tief Luft zu holen, bevor das Aufschieben der Türen zu hören ist. Der rote Knopf am Telefon blinkt, was bedeutet, jemand da draußen wartet auf einen Rückruf. Streng genommen kann es nur aufwärtsgehen, aber in Wirklichkeit wissen wir: Kann schlimmer, geht immer! Die goldene Mitte ist eine Wunschvorstellung auf Arbeit, wie im Privatleben, pendelt jegliches Tun zwischen der obersten und untersten Grenze hin und her. Um die drohende Gefahr das Unwissen über die entgangenen Anrufe aufzuklären, wird sooft wie nötig der Knopf betätigt, auf dem sein Lieblingssymbol, ein Papierkorb, abgebildet ist, bis die Lampe nachgibt und offeriert, dass aus ihrer Quelle keine Probleme am Nachmittag hervorsprudeln. Gäbe es nur für Schwierigkeiten im Allgemeinen den passenden Knopf, um sie einfach zu entfernen - Ein märchenhafter Gedanke, der ein Traum bleibt, denn wovon würde einer sonst seine Familie ernähren? Geld bleibt Geld, aber was würde denjenigen von einem Sozialschmarotzer, der im eigens vergüldeten Bettlaken neben einer lauwarmen Suppe Restalkohols nächtigt, unterscheiden? Zugegeben: der Unterschied wäre enorm, aber gilt dies gleichermaßen für den Nutzen für die Gesellschaft? Wir müssen arbeiten – basta – und die Arbeit muss einen Zweck, besser noch einen Sinn erfüllen, wenigstens müssen wir das glauben und dieser Glaube würde arg vermindert durch die stupide Betätigung eines permanenten Knopfdrückens. Unser Protagonist wird dem Angesicht solch waghalsiger Hypothesen nicht müde. Ihn lockt das Verpönte. Morgen oder vielleicht übermorgen ist ein guter Moment, dieses überflüssige Alltagsleben zu quittieren. Positiver Nebeneffekt dieses Kopfkinos: Es sind weitere Minuten Arbeitszeit verstrichen ohne echte Tätigkeit. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass der nächste Kundentermin überfällig ist. Das Telefon, welches am Morgen die verheißungsvollen Termine ankündigte, bleibt stumm. „Wo ist dein Termin?“, tönt es aus der hinteren Ecke und weiter „Das ist doch zum Knochen kotzen, am liebsten würde ich denen das auf irgendeine Art und Weise heimzahlen wollen. Früher haben wir solchen Leuten die Karten gesperrt und dann kamen die von ganz alleine angekrochen.“ Eine von vielen kleinen Geschichten von Heff, die er ebenso leidenschaftlich vorträgt wie bestimmt auch vor einem Jahrzehnt. Ein kleineres ausgesprochenes Wort oder selbst eine wesentlich kleinere Mimik reicht aus, um Teilnehmer eines sagenhaften Monologs zu sein, dem prompt zwei bis drei weitere Erzählungen folgen, die dankend angenommen werden, da das Ticktack der Uhr unaufhaltsam gen Feierabend läuft. Nach mehrjähriger Zusammenarbeit ist es für Herrn Perfekt nach wie vor ein Mysterium, ob Heff es mit Absicht und mit dem gleichen Hintergedanken tut oder ob er die ständig wiederholenden Anekdoten nach bestem Wissen an die Nachkommenschaft weitergeben will. Plötzlich läutet das Telefon, Felsbrocken werden von diesem Klingeln von der Magenwand gelöst und fallen in die Tiefe, wo es ein übles Bauchgefühl verursacht. Das Gefühl schwindet im Handumdrehen, als der erwartete Kunde aus der Ohrmuschel schallt und bittet seinen Termin auf Donnerstag verlegen zu dürfen. Nichts leichter als das! Es ist darüber hinaus sogar das Beste, was kurzfristig geschehen kann, denn dies befüllt den Terminkalender, ohne bohrende Nachfragen der Obrigkeit befürchten zu müssen. Dadurch fällt ein stückweit die lästige Telefonakquise weg, denn Termin ist Termin oder hat er ihn etwa nicht selbst im Kalender eingetragen? Jeder ist zufrieden, das Nervenkostüm wird geschont, wäre da nicht dieses eine Detail, da Herr Perfekt streng genommen keine erbrachte Leistung für diesen Arbeitstag vorweisen kann. Ein Tag fürs Sparschwein, ein Montag, den man sich hätte getrost sparen können. Wenn das Schwein voll ist, kommt unweigerlich der Hammer zum Einsatz, aber was bringt er zum Vorschein außer einem Haufen verschwendete Zeit? Entgegengesetzt der Erwartung klingelt erneut das Telefon und Herr Lessifari bittet Herrn Perfekt einer Kundin zu helfen, die bei ihm eine Beschwerde vorbringt. Wer hilft da wem? Herr Perfekt der Kundin oder eher Herrn Lessifari? Gerade begann er ein versöhnliches Ausredenkonstrukt zu erfinden, weshalb der Tag insgesamt betrachtet, gar nicht so grausam war als erwartet und nun das! Herr Perfekt. Guten Tag! Mein Kollege hat mir nichts gesagt, abgesehen davon, dass Sie eine Beschwerde haben. Wo ist denn das Problem? Frau Fromage. Ich möchte mich beschweren, weil mein Sohn permanent von Ihnen belästigt wird und das nur weil der Überziehungsrahmen bei seinem Girokonto ausgeschöpft ist. Das geht so nicht weiter! Postalisch wie telefonisch. Das muss gestoppt werden, auf der Stelle. Herr Perfekt. Zu aller erst habe ich die Frage, ob Sie überhaupt eine Vollmacht zu dem Konto ihres Sohnes besitzen? Frau Fromage. Nein, wozu? Ich bin schließlich seine Mutter. Herr Perfekt. Dann sind mir in diesem Fall leider die Hände gebunden. Ich darf Ihnen aus Gründen des Bankgeheimnisses und der Datenschutzgrundverordnung keinerlei Auskünfte zu Konten erteilen, zu denen Sie keine Zugriffsberechtigung haben. Familienmitglieder bilden keine Ausnahme. Frau Fromage. Wissen Sie, ich habe vor geraumer Zeit einen Herzinfarkt erlitten und mittlerweile stehe ich vor dem zweiten. Ich weiß weder aus noch ein. Dabei war mein Matthias immer ein so einfacher und lieber Kerl. Herr Perfekt. Das glaube ich Ihnen gern, aber … Frau Fromage. Aber er ist eben faul, wissen Sie? Faul war abgesehen von ihm niemand in der Familie Fromage. Ich bin schon froh, dass er im Juli endlich ausgezogen ist und mit 47 Jahren auf eigenen Beinen steht. Umgemeldet? Davon kann keine Rede sein! Manchmal hat er wochenlang bei Freunden auf der Couch geschlafen. Das gab ihm die nötige Vorstellung von Selbstständigkeit und dann kam er zu mir zurück, aber jetzt ist es anders. Herr Perfekt. Ich verstehe die Problematik, aber … Frau Fromage. Was ich dem Jungen schon an Geld geliehen habe, das können Sie sich nicht ausdenken. Seit dem 19. Lebensjahr kommt er zu mir, wahrscheinlich weil ich ihm einmal geholfen habe. Zusammenaddiert ergibt das eine stattliche Summe im Bereich von 30.000 bis 40.000 Euro. Das muss aufhören! Immer wieder gebe ich ihm Geld. Und Sie geben ihm ja auch Geld! Erst letztes Jahr hat er von Ihrer Bank einen hohen Kredit bekommen, um den gesamten Schuldenberg zusammenzulegen und das Girokonto auszugleichen. Was machen Sie, wenn er wiederkommt und Geld braucht? Herr Perfekt. Machen Sie sich darum erstmal keine Sorgen Frau Fromage. So wie es im Moment aussieht, können wir da auf lange Zeit nichts machen. Die Kontoführung ist trotzdem die Angelegenheit von Ihrem Sohn. Frau Fromage. Ich weiß. Erst letzte Woche war ich gemeinsam mit ihm hier in der Filiale und habe an der Kasse soviel Geld eingezahlt, dass es das Konto ausglich. Ich habe ihm daraufhin verboten, wieder den Dispositionskredit zu nutzen, aber er hört ja nicht auf mich. Wo ist das ganze Geld hin? Herr Perfekt. Fragen dürfen sie zwar, aber ich darf Ihnen nicht antworten. Frau Fromage. Sobald der Junge am 01. eines Monats seinen Lohn erhält, ist der am 14. restlos aufgebraucht und dann … dann kommt er zu mir. Was hatten wir gestern Abend für einen hässlichen Streit deswegen. Fürchterlich. Er ist an die Tankstelle gefahren und ich habe ihm 20 Euro gegeben, dass er die nächsten Tage überhaupt auf Arbeit fahren kann, dafür hat er mir von der Tankstelle eine Schachtel Pralinen mitgebracht. Ich meinte zu ihm, dass er das Geld besser gebrauchen kann und das hat ihn beleidigt, weshalb ich auf die Pralinen verzichten musste. Was soll ich denn mit dem Süßkram? Wenn ich solche Pralinen möchte, dann kaufe ich sie mir selber. Herr Perfekt. Frau Fromage … Frau Fromage. Mein älterer Sohn ist vor kurzem Pleite gegangen. Der wollte wenigstens nie Geld, auch als das Kind in den Brunnen gefallen ist. Er spricht mir ins Gewissen, indem er sagt, dass ich Matthias zu sehr verzogen habe. Da hat er vielleicht recht, aber was will ich machen? Herr Perfekt. So leid es mir für Sie tut, aber … Frau Fromage. So schlimm ist es aber erst, seit er dieser Motorradbande beigetreten ist. Da möchte er eben mithalten, das geht eben nicht! Am kommenden Wochenende fahren sie beispielsweise wieder an die Nordsee und im September ist ein Ausflug ins Allgäu geplant. Wie möchte er das bezahlen? Der Arme ist doch überhaupt nicht solvent! Herr Perfekt. Wir … Frau Fromage. Sein Freund der Andy, das ist ein ganz Netter. Aber mit den Weibern hat er Pech gehabt, also mein Matthias. Da will er vor den Backfischen etwas darstellen und kauft jeder verzogenen Göre ein neues Mobiltelefon, aber von was? Bei ihm liegen sechs Mobiltelefone auf dem Küchentisch, aber keinen Groschen auf dem Konto. Ich bin am Ende. Wenn das mein zweiter Ehemann wüsste, der würde mit mir kurzen Prozess machen und mich umbringen. Herr Perfekt. Das ist nachvollziehbar. Frau Fromage. Haben Sie Kinder? Herr Perfekt. Nein. Frau Fromage. Gut so! Mit solchen Viechern gibt’s am laufenden Band Probleme. Herr Perfekt. Wir schließen Frau Fromage. Ich kann Ihnen leider wirklich nicht weiterhelfen. Frau Fromage. Das macht nix. Ich bedanke mich trotzdem fürs Zuhören und wünsche Ihnen einen angenehmen Abend. Endlich, hinter Frau Fromage schließen die Türen und lassen niemand mehr hindurch. Es ist vollbracht! Der aufreibendste Tag der Woche ist gemeistert, nie wieder wird es länger dauern, bis wieder Montag ist. Die Stunden sind zerflossen, mal mehr und mal weniger, aber sie sind im immerblauen Ozean der Freiheit gemündet, dorthin strebt jedes Wässerchen. Unterm Strich steht nach einer Menge Nichts die rote Zahl 0 auf der Umsatzseite. Weder Heff, noch Herr Perfekt konnten einen Cent für das hungrige Monster Bank ernten. Eine Tatsache, der sie gelassen entgegenblicken könnten, denn ihr Gehalt wird ihnen zum fünfzehnten des Monats trotz alledem gezahlt. Die Kasse ist abgerechnet und gilt somit als abgeschlossen, es folgt der eilige Gang hinaus. Die erforderlichen Alarmsysteme werden aktiviert. Das Piepen verfliegt mitsamt Herrn Lessifari, der quietschvergnügt sein Auto aufsucht, während das restliche Grüppchen gerade rechtzeitig den herantobenden Linienbus erreicht. Eine Welle von Körperausdünstungen strömt ihnen bei Eintritt entgegen und offenbart die hygienischen Makel der Mitfahrer. Das ist der Duft der Arbeit, der sie weiterverfolgt, auch während des Umstieges in die Regionalbahn, bei dem die drei zur ihrer Überraschung einen Sitzplatz ergattern konnten. „Hast du schon Angst vor deiner Einführungswoche?", fragt Heff schabernäckig den angehenden Auszubildenden. "Nein? Ich wäre an deiner Stelle nicht so ruhig. Klar, du hast einen Vertrag unterschrieben, aber deswegen ist deine Zukunft noch lange nicht in trockenen Tüchern. Du triffst auf jeden Fall den Vertriebsleiter der Bank und ich sage dir ehrlich, dass das nicht schön sein wird. Der ist nämlich ein Tier mit spitzen Zähnen und Klauen. Ohne vor ihm einen Bückling zur Begrüßung zu machen, gilt als Majestätsbeleidung, da darfst du gleich wieder gehen. Und kommt es widererwartend zu dem Fall, dass du alles richtigmachst, stehst du am Tagesende, ob du willst oder nicht, in einer Reihe mit den restlichen Frischlingen. Dann zählt er ab – eins, zwei, drei und eins, zwei, drei und eins, zwei, drei und so weiter. Bete zu deinem Allah, dass du nicht zu dem Zahlenkreis gehörst, der sofort abreisen darf – Und Tschüss!“ „Seit kurzem auf eigene Kosten“, stößt Herr Perfekt ergänzend hervor. Sein Körper ist die Krümmung in persona, da er sein Lachen angestrengt versucht zurückzuhalten. Der Praktikant lächelt innig, der Gesichtsausdruck von Heff bleibt hingegen beständig, wie ein Wetterkreuz im Sturm, ihm ist es ernst. Keine seiner zwei Mundwinkel macht Anstalten, den Ohren entgegen zu schnalzen. Der Praktikant macht seine Späße über die schlechten Witze Heffs, aber der schaut jetzt aus dem Fenster der Bahn über die Schrebergärten hinweg und wartet geduldig auf die imposanten Hochhäuser am Berliner Tor. Er ist in seinen Betrachtungen verloren, als ob er gekränkt sei, dass seine Wahrheiten als Possen ausgegeben wurden. Auf dem letzten Streckenabschnitt wird Herr Perfekt unnachgiebig mit Fragen gelöchert, nun da Heff die U-Bahn für die restliche Strecke nachhause nutzt und sie zu zweit sind. Der Praktikant möchte den Wahrheitsgehalt der unschönen Befürchtungen ergründen und verweist dabei auf ein türkisches Sprichwort, welches besagt, dass jedem Witz ein Fünkchen Wahres anhaftet. Heff ist sicher gerade ausgestiegen, hat sich eine Zigarette angezündet und da wird er sein Lachen nicht zurückhalten können, vielleicht lacht er so stark, dass er Husten muss und nichts von seiner Zigarette hat. Das ist der eigentliche Clou, warum Heff die Auflösung seiner Reden bar bleibt, er weiß, die Zweifel des Praktikanten sind unerschütterlich und egal, wie sehr er sie zerstreut, er zieht den Funken Wahrheitsgehalt aus ihnen und was passiert mit einem Funken auf trockenem Stroh? Bevor Herr Perfekt aussteigt, erklärt er nachlässig, dass dieser Prozentsatz des Selbstzweifels der Grund für das tägliche Gelächter ist und gleichermaßen der Ansporn weiter zu machen. Als er zurück in die abfahrende Bahn schaut, sieht er einen kleinen Jungen mit gesenktem Haupt, er sitzt zerknittert auf seinem Platz und wäre am liebsten nie mehr zurückgekehrt. Die letzten Schritte werden begleitet mit der Vorfreude bald zuhause zu sein. Gedanken an einen neuen Tag werden weggewischt, ausnahmsweise zählt das hier und jetzt, wie die Liebste, die bereits zuhause auf unseren Bankier wartet und ihm zur Beruhigung der Nerven einen 16jährigen Scotch einschenkt.
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