Kitabı oku: «Das Model und der Walflüsterer», sayfa 2
FLUKEN

ELLE
Dieser Kerl hat sie doch nicht mehr alle! Arrogant? Zimtzicke? Ich? Okay, ich hätte daran denken können, dass er meinen Titel für ihn nicht so prickelnd gefunden hat. Kann ja keiner ahnen, dass er Deutsch versteht. Bei ihm passt die Bezeichnung Hinterwäldler schließlich. Man muss ihn nur anschauen in seinen ölverschmierten Klamotten. Aber wenn jemand auf der Welt keine arrogante Zicke ist, dann ich. Ich kenne mich mit arroganten Zicken bestens aus. Schließlich arbeite ich in der Modebranche. Da sind sogar die meisten Männer arrogante Zicken. Dagegen bin ich eher der Typ besonnene Pragmatikerin.
Oh, ich hyperventiliere fast, so wütend bin ich. Warum bringt der Typ mich so auf die Palme? Er kann mir doch egal sein. Es muss am Stress liegen. Tief inhaliere ich die Seeluft. Ein und aus. Und noch mal. Meine Mutter behauptet immer, das hilft. Tatsächlich beruhige ich mich ein wenig. Der Walboottyp kommt in mein Blickfeld. Verstohlen mustere ich den unverschämten Kerl, dem ich soeben näher gekommen bin, als ich wollte.
Ich gebe zu, er riecht gut. Eine Mischung aus Mann und frisch gemähtem Gras, was ich in der Meeresluft in Kombi mit dem unförmigen Hafenarbeiteroutfit erstaunlich finde. In diesem Seemannspulli und der Jacke hat er im ersten Moment an den Stripper erinnert, der eine prickelnde Show auf dem Junggesellenabschied meiner Schwester hingelegt hatte. Kurz verliere ich mich in Gedanken an dessen definierte Bauchmuskeln und kreisende Hüften, die die Mädels damals zum Kreischen gebracht hatten. Ob der Typ hier auch einen stählernen Körper hat? Wenn er nach Gras duftet, scheint alles möglich. Ich wische mir über die Stirn, um die albernen Gedanken fortzuscheuchen. Wie komme ich jetzt auf Sex? Der Mangel an Sinnlichkeit in meinem Leben fordert offenbar seinen Tribut. In letzter Zeit ertappe ich mich bei pikanten Tagträumen. Ich besinne mich auf die Gegenwart. Denn, dass der Mann vielleicht sexy ist, ändert nichts daran, dass er Schuld hat, wenn ich die nächsten Stunden nicht erreichbar bin. Ich wage kaum daran zu denken, dass das Handy größeren Schaden genommen haben könnte. Nicht auszudenken, was während meiner Funkstille passieren könnte. Schließlich ist in drei Wochen die große Show und es brennt an allen Ecken und Enden. Alle, die in den letzten Wochen so hart gearbeitet haben, verlassen sich auf mich.
Was Margot denken mag? Hoffentlich hat sie ihren Auftrag so weit verstanden, die verzögerte Lieferung Stoff auf jeden Fall bis Ende der Woche nach Kanada zu beordern. Mist. Ich hätte die treue Margot nicht anfahren dürfen. Sie ist eine verlässliche Hilfe und meine Kontaktperson zu den deutschen Großhändlern. Manchmal wird mir alles zu viel. Hoffentlich bringt der Tag mit Mister Chang den ersehnten Durchbruch. Ich hätte nicht so lange telefonieren sollen. Wie gut, dass Valérie ihn mit ihrem Charme vom ersten Augenblick an eingewickelt hat und mir so etwas Luft verschafft hat. Vor aufwallendem Stress presse ich die Hände so fest um die Reling, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Es tut gut, die leichte Panik, die sich in mir ausbreitet, in glühende Wut auf diesen, diesen ... Walboottypen zu kanalisieren. Mit brennenden Augen bekomme ich mit, wie meine Tochter sich dem Typen auch noch freundlich vorstellt. Das hat man davon, wenn man seine Kinder zur Höflichkeit erzieht. Tja, Wunderwaffen haben leider auch Nebenwirkungen. Mister Chang, Valérie und der Walboottyp haben ihre Begrüßung beendet und alle drei wenden sich mir zu. Ich stutze. Die erwarten nicht etwa, dass ich mich jetzt ebenfalls diesem Typen höflich vorstelle? Kommt nicht infrage! Handymörder. Stinkender Handymörder, füge ich bissig hinzu. Okay, nach Gras. Aber trotzdem. Die Hand schüttele ich ihm auf keinen Fall. Man muss ja nur die Trauerränder unter seinen Fingernägeln anschauen, dann ist alles klar. Solche Typen rotzen bei jeder Gelegenheit auf den Boden. Eklig! Außerdem ist er dafür verantwortlich, dass ich in meinen nassen Klamotten friere, wie ich im Augenblick feststelle. Was, wenn ich ausgerechnet in dieser Stresszeit krank werde? Daran ist er schuld! Mein Unbehagen muss sich auf meinem Gesicht gespiegelt haben. Sonst würde dieser freche Typ nicht so grinsen. Bemerkt dieser unsensible Holzklotz nicht, wie stinkwütend ich auf ihn bin? Wie heißt er überhaupt? Das habe ich in meiner Gedankenflut gar nicht mitbekommen. Mein Blick bleibt an zwei Grübchen hängen, die sich links und rechts seiner schwungvollen Lippen bilden. Unter anderen Umständen finde ich Grübchen anziehend. Aber bei so einem? Nö! Sein Lächeln erstirbt schlagartig. Im selben Moment legt mir jemand behutsam von hinten eine Decke über die Schultern. Mehr den Lumpen einer Decke, aber die wohlige Wärme, die mich sogleich umhüllt, brauche ich dringend. Sehr aufmerksam. Ich wende mich zu dem unbekannten Wohltäter um.
„Elle, lange nicht gesehen. Was hast du so gemacht?“
Überrascht blicke ich in ein jungenhaftes, aber verflucht attraktives Männergesicht, das von feurigen Locken umrahmt ist. In der hintersten Ecke meiner Erinnerung ertönt ein leises „Ping“ des Erkennens.
„O´Ryan? Neil O´Ryan?“
„Wow, du erinnerst dich. Dann muss ich damals einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen haben, obwohl es nur eine Nacht war.“ Vielsagend spielt Neil mit seinen roten Brauen. Ein ungläubiges Schnauben ertönt. Der Walboottyp wendet sich ab und begibt sich an den Bug zu den anderen Fahrgästen. Was hat der denn? Wenn es nicht so abwegig wäre, könnte man glauben, er sei eifersüchtig. Das Schnauben wiederholt sich, kommt diesmal von hinter mir. Als ich den Kopf wende, ragt keine zwanzig Meter von mir entfernt ein riesiger Walkörper aus den Fluten, bevor er nach einem eleganten Winker mit der Fluke geschmeidig unter der Wasseroberfläche verschwindet.
„Mama, hast du das gesehen? So nah waren wir noch nie dran.“ Valérie blickt begeistert zwischen mir, Mister Chang und der Stelle, wo der Wal untergetaucht ist, hin und her. Nachdem ich beim Anblick des behäbigen Meeresriesen ehrfürchtig erstarrt bin, fange ich mich.
„Ja, Valérie. Aber so schön es ist, diese Tiere aus der Nähe zu betrachten, sollte man Abstand zu ihnen halten, um ihren Lebensraum zu respektieren.“
Ein Schnauben ertönt seitlich von mir. In freudiger Erwartung, noch eines dieser seltenen Walexemplare zu sehen, ruckt mein Kopf in Richtung des Geräuschs. Mein Lächeln erstarrt, als ich stattdessen auf die grimmig zusammengekniffenen Augen des Walboottypen treffe.
„Dreimal dürfen Sie raten, meine Teuerste, wer dafür verantwortlich ist, dass wir den Mindestabstand nicht einhalten. Wenn Sie mich mit Ihrem verdammten Handy nicht kirre gemacht hätten, wäre das nicht passiert.“ Er schluckt weitere Worte runter, wie ich fasziniert an der starken Auf- und Abbewegung seines ausgeprägten Adamsapfels erkenne. Gerade setze ich zu einer Erwiderung an, als ich dem interessierten Blick von Mister Chang begegne. Herrgott, was mache ich? Ich darf mir vor diesem stets besonnenen Mann nicht die Blöße geben und von dem Hafenarbeiter provozieren lassen. Mister Changs Ausgeglichenheit ist völlig unnatürlich, wenn man mich fragt. Vielleicht wächst auf seiner Teeplantage noch etwas anderes…. Aber er ist schließlich der Investor und mein Job ist es, ihm den Tag seines Lebens zu verschaffen.
Wenn mir das gelingt, unterstützt er mich hoffentlich und investiert in die Kollektion. So ist das mit meiner Freundin und Assistentin Jill abgemacht. Die Walbeobachtungstour habe ich für einen perfekten Einstieg gehalten, um Mister Chang das Lebensgefühl von Vancouver nahezubringen. Aber im Moment läuft stimmungsmäßig alles aus dem Ruder. Wenn diese maritime Metapher mal nicht hierhin passt!? Unfassbar, was einem so im Bruchteil von Sekunden durch den Kopf stürmt. Das muss an der salzigen Luft liegen.
Kurz sammle ich mich. Höflichkeit ist schließlich die beste Methode, einem Feind den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ha, schon wieder! Vielleicht sollte ich statt Mode zu designen lieber ein Heftchen mit maritimen Redewendungen veröffentlichen?
„Es tut mir leid, wenn Sie sich durch mich haben ablenken lassen. Ich freue mich, wenn wir an Land versuchen, das Telefon, das ich dringend für meine Arbeit benötige, zu bergen.“ Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln kombiniert mit einem subtilen Augenaufschlag, der bislang noch jeden Mann in die Knie gezwungen hat. Auch wenn es bei diesem Exemplar Mann nur als „Perlen vor die Säue werfen“ zu bezeichnen ist. Offenbar wälzt er meinen Satz hin- und her und sucht nach einer versteckten Beleidigung. Zufrieden wende ich mich meinem Kavalier zur Rechten zu.
„Selbstverständlich erinnere ich mich an dich, Neil. Das war eine wilde Zeit während der Secondary High.“ Ein Blick auf meine Tochter zeigt mir, dass diese von einem auftauchenden Wal abgelenkt ist. Dennoch senke ich beim nächsten Satz die Stimme zu einem sinnlichen Säuseln.
„Besonders die Strandbude an den Spanish Banks.“ Neil errötet bis an die Haarspitzen, als er meine Anspielung versteht. Ich sehe ihm an, dass er sich daran erinnert. An den Moment, den er nach einem vielversprechendem Kuss an der dunklen Hüttenwand gewählt hatte, um das letzte, schlechte Bier von sich zu geben. Nur ein beherzter Sprung zur Seite hatte mich vor Schlimmerem bewahrt. Anschließend war er in ein Koma gefallen. Ich war abgetörnt und habe ihn den Rest der Schulzeit, die für mich nach jenem Sommer ohnehin vorbei war, ignoriert. Zwischen uns war außer dem Kuss wegen seiner ekligen, unreifen Aktion also nichts gelaufen. Im Nachhinein war ich erleichtert darüber. Hatte ich doch kurz darauf herausgefunden, dass er alle Frauen angrub, die nicht bei drei auf den Bäumen waren.
„Du bist vor Ende jenes Sommers weggezogen, Elle!“ Es klingt wie ein persönlicher Vorwurf.
„Ja, ich bin nach Europa gegangen. Ein Jobangebot in Paris.“ Klingt das arrogant? Neils Mund formt ein erstauntes „Oh. Paris!“.
Ein weiteres Schnauben ertönt. Wal oder Walboottyp? Was für ein spannendes Spiel. Aha, kein Wal. Der Hinterwäldler kneift die Augen zusammen und heftet den Blick auf Neil, der sich fängt.
„Was nicht ist, kann ja noch werden, Prinzessin.“ Sein Mund verzieht sich zu einem selbstgefälligen Grinsen.
Träum weiter, Neil!
Diesmal ist es an mir, zu schnauben.
LEHRSTUNDE

ELLE
Die Fahrt zurück verläuft friedlich. Das Boot passiert noch einige Walgruppen, hauptsächlich Orcas. Meines Handys beraubt, bleibt mir nichts anderes übrig, als mit Valérie und Mister Chang an der Reling zu stehen. Endlich habe ich Augen für die wunderschöne Landschaft und die Tiere in ihrem angestammten Lebensraum. Schnell erreiche ich den gleichen Level an Begeisterung wie Valérie und Mister Chang. Der grässlich unförmige Schutzanzug, in den ich mich doch noch gezwängt habe, hält den kalten Fahrtwind ab. Auch wenn Neils übertriebene Fürsorge langsam nervt, beginne ich, mich zu entspannen. Ich muss zugeben, die Zwangspause ist nötig gewesen. Seit Wochen lebe ich auf einer Adrenalinwelle für die Show meines Modelabels und kann die Tage, die den langen Nächten folgen, nur mit stetigem Koffeinnachschub überstehen. Aber ich habe mir fest vorgenommen, nach der Show wieder mehr Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Dabei verdränge ich den Gedanken, dass „nach der Kollektion“ gleichzeitig „vor der Kollektion“ ist.
Der Walboottyp scheint seine schlechte Laune abgelegt zu haben, seit ich den Overall übergestreift habe. Ich muss zugeben, dass er seinen Job gut macht. Er versorgt die Passagiere mit interessanten Fakten zum Verhalten der Meeressäuger und weist mehrfach auf ein Walforschungsprogramm der University of British Columbia, der UBC, hin. Und er hat eine angenehme Stimme, die selbst der kratzige Lautsprecher nicht verschandeln kann.
„Wussten Sie, dass Schwertwalkühe über 100 Jahre werden können, während die Bullen im Durchschnitt nur 30 durchhalten?“
Mir war nicht bewusst, dass es sich bei der Tour um keine Touristenattraktion handelt, sondern eher um eine Studienfahrt. Jill hat die Fahrt gebucht. Telefonierend bin ich hinter Valérie und Mister Chang aufs Boot gestolpert und habe, wie so oft, nichts anderes wahrgenommen. Außer, dass Mister Chang nicht der ältliche Chinese ist, den ich erwartet habe. Er hat mich mit der intensiven Musterung meines Äußeren aus dem Konzept gebracht. Man sieht dem Mann Wohlstand und Macht an. Unweigerlich habe ich einen Harem an Geishas vor Augen gehabt, in dessen Mitte sich Mister Chang halbnackt räkelt. Das Blut ist mir in die Wangen geschossen und fast habe ich über meine wirren Gedankenspiele hysterisch gekichert. Dann siegte meine Vernunft, schließlich gibt es in China keine Geishas. So kann das nicht weitergehen! Ich benötige dringend Urlaub ... oder einen Mann? Nein, Urlaub. Definitiv.
Tief Luft holend genieße ich die zarten Spritzer der Gischt in meinem Gesicht. Die Sonne schickt warme Frühsommerstrahlen durch die grauen Wolken und die Küstenlinie von Vancouver Island erstrahlt in sattem Grün. Wie schön das aussieht.
„Die Bullen erkennt man übrigens an der größeren, dreieckigen Finne. Ausgewachsene Bullen vertilgen etwa 150 Robben im Jahr. Kein Wunder, dass sie bei der Völlerei früh sterben.“ Die humorvolle Lehrstunde scheint bei Valérie gut anzukommen, denn sie quittiert jede Information mit einem aufmerksamen Nicken. Hochinteressant. Vielleicht wird es mir gelingen, die Französisch-Vokabeln künftig beim Abfragen auch irgendwie in Witze zu verpacken, überlege ich gerade, als mir bewusst wird, dass wir uns wieder Steveston Harbour, dem Anfang und Ende der Tour, nähern. Der Walboottyp lenkt das Boot geschickt in den Hafen. Valérie ist begeistert, als er sie bittet, die Schiffstaue einer Frau, die am Dock offenbar auf das Boot gewartet hat, zuzuwerfen. Die Frau ist nicht besonders groß und hat eindeutig südamerikanische Wurzeln. Zumindest erinnert sie mich an diese Schauspielerin mit der Wahnsinnsfigur und den rehbraunen Augen. Wie heißt die noch gleich? Ah ja: Salma Hayek. Das muss die Geliebte, die Frau oder was auch immer dieses Walboottypen sein. Dem Leuchten auf ihrem Gesicht nach zu urteilen, wenn sie den Mann ansieht. Eine solch rassige Frau habe ich diesem Hafenarbeiter gar nicht zugetraut. Dieser ist jedoch ganz auf den Einparkvorgang konzentriert und reagiert nicht auf ihr Lächeln. Typisch Mann. Als der Motor mit einem letzten Dröhnen erstirbt, schälen sich die Passagiere aus ihren Overalls und verlassen nach und nach das Boot, nicht ohne sich vorher überschwänglich bei dem Bootstypen für die lehrreiche Tour zu bedanken. Auch Valérie, Neil und Mister Chang gehen von Bord und schütteln ihm die Hände.
„Hast du noch Zeit vor deiner Schicht, Alexander?“, fragt die rassige Südländerin den Bootstypen. Endlich habe ich einen Namen für ihn. Alexander also. Passt irgendwie.
„Nicht viel. Ich komme sofort, bring nur schnell das Boot ins Bett.“ Er zwinkert der Schönheit kurz zu und ihr Gesicht überzieht sich mit zarter Röte. Unwillkürlich schmunzle ich. So schön kann Liebe sein. Alexander wendet sich um und runzelt die Stirn, als er mich entdeckt.
„Kann ich noch etwas für Sie tun?“ Ich traue meinen Ohren kaum. Hat der sie noch alle?
„Könnte es sein, dass Sie etwas vergessen haben?“ Es gelingt mir gerade noch, die Schärfe aus meiner Stimme zu nehmen. Er kneift nachdenklich die Augen zusammen, bis ihm anscheinend wieder einfällt, dass er noch mein Handy aus seinem Boot pulen muss. Ich überlege, ob ich Beifall klatschen soll.
Mit einem undefinierbaren Grunzen dreht er sich zu der Frau im Hafen.
„Geh vor, Bobby. Ich hab hier noch etwas zu erledigen.“
Mit langen Schritten kehrt er zur Fahrerkabine zurück. Dabei murmelt er verhalten vor sich hin. Ich ignoriere seine Flüche und folge ihm. Ohne das Motorengeräusch klackern meine High Heels über das Deck. Alexander kniet sich neben die Ritze, in der das Handy liegt. Von hinten beuge ich mich über seine Schulter.
„Sie brauchen ein Werkzeug. Mit den Fingern geht es nicht, das habe ich ja bereits versucht.“ Er holt Luft und ich könnte schwören, er verdreht die Augen. Er schafft es aber, sich mit ausdruckslosem Gesicht zu mir umzudrehen. Hut ab! Mein Blick heftet sich auf seinen fein geschwungenen Mund. Wie fürs Küssen gemacht. Schnell verdränge ich diesen unpassenden Gedanken.
„Wissen Sie was, Lady, Sie gehen am besten von Bord, trinken einen Kaffee und lassen mich das in Ruhe machen.“ Unwillig verziehe ich das Gesicht. Es fällt mir schwer, die Kontrolle zum zweiten Mal an diesem Tag abzugeben. Aber er hat wohl recht. Ich neige zum Klugscheißertum, was Jill oft genug in Rage bringt.
„Okay.“ Er wirkt verblüfft, dass ich mich so widerstandslos seinem Vorschlag füge. Sein Gesicht erhellt sich und er zeigt auf ein Lokal in unmittelbarer Nähe, dessen umlaufende Holzveranda Richtung Hafen zeigt. Seinem Blick folgend, stelle ich fest, dass seine ölverschmierten Finger kräftig, aber schmalgliedrig sind.
„Sehen Sie das Restaurant dort? „The Heidelberg“ gehört meinen Eltern. Gehen Sie doch mit Ihrer Tochter und Ihrem ... Mann dorthin und trinken Sie etwas auf meine Kosten. Sobald ich Ihr Handy geborgen habe, bringe ich es Ihnen.“ Wenn er nicht wütend ist, kann er sogar recht einnehmend sein. Meine Mundwinkel zucken unwillkürlich, als er Mister Chang für meinen Mann hält. Aber ich korrigiere ihn nicht. Wozu auch?
„Also gut. Aber bitte beeilen Sie sich. Ich brauche es schnellstmöglich zurück.“ Ich lächle ihn an und sehe an seiner Miene, dass er über mein Entgegenkommen erstaunt ist. Meine Güte, er muss mich wirklich als Superzicke wahrgenommen haben, wenn er bei diesem dünnen Lächeln erfreut ist. Nachdenklich kaue ich an meiner Unterlippe und betrachte ein letztes Mal das eingeklemmte Telefon. Als ich den Blick hebe, schaut er ertappt weg und fährt sich durchs Haar. Er hat dickes, windzerzaustes, nussbraunes Haar, in das die Sonne einzelne helle Reflexe geblichen hat. Hat er mich etwa beobachtet, wie ich an der Lippe nage? Dieser Typ ist mit dem notorischen Schwerenöter Neil O`Ryan befreundet. Das färbt sicher ab. Er soll gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen. Außerdem hat er eine Freundin. Oder Frau? Ich kann mir nicht verkneifen, rasch nach einem Ring an seinen Händen zu suchen. So weit ist es mit mir gekommen, dass mich ein Hinterwäldler reizt. Reiß dich zusammen!
„Sollte es kaputt sein, erwarte ich umgehend Ersatz.“ Ein letztes Mal schaue ich ihn streng an und stöckle dann vom Boot. Mein Abgang ist wegen der hohen Absätze auf der schwankenden Bootsbrücke nicht so souverän, wie von mir beabsichtigt. Aber an seinem fast vertrauten Schnauben, das mich verfolgt, erahne ich, dass mein Plan aufgegangen ist, ihn in die Schranken zu weisen.
THE HEIDELBERG

ELLE
Valérie und Mister Chang stehen neben der Bootsbrücke und unterhalten sich angeregt über Wale. Offensichtlich hat den beiden die Tour gefallen. Innerlich danke ich Jill für die gute Idee. Mister Chang soll sich in Vancouver wohl fühlen. Mit neuer Energie streiche ich den Bleistiftrock glatt.
„Mister Chang, ich hoffe, der Ausflug hat Ihnen gefallen. Darf ich Sie bitten, sich kurz zu gedulden? Wir können hier in dem Restaurant einen Kaffee trinken, bis der Bootsmann mein Handy befreit hat.“ Ich zeige in die Richtung des Restaurants und laufe bereits los. Festen Boden unter den Füßen, habe ich zur alten Form zurück gefunden.
„Oh, gute Idee! Wo Kaffee ist, ist meistens auch Tee!“, ruft Mister Chang fröhlich und folgt mir. Ich könnte mich ohrfeigen! Verflixt, ich habe völlig vergessen, dass Mister Chang Teetrinker ist. Schließlich gehören ihm riesige Teeplantagen in China. Ich sollte mich konzentrieren. Auch meine Tochter setzt sich in Bewegung. „Wo Tee ist, ist meistens auch Cola“, grinst Valérie mich an. Naseweis. Woher hat sie das? Ein rascher Blick auf den gutmütig lächelnden Mister Chang zeigt, dass dieser Valéries Humor versteht. Erleichtert stoße ich die Luft aus. Noch eine halbe Stunde in diesem Lokal, und der Tag kann wie geplant weitergehen. Meiner Armbanduhr nach würden wir es rechtzeitig in das angesagte Restaurant nach China-Town schaffen, wo ich in einen Tisch reserviert habe. Vorausgesetzt, dieser Kerl stellt sich bei der Bergung des Handys nicht allzu dämlich an.
„Ich muss los, vielleicht sieht man sich bald wieder?“ Als ich mich umdrehe, schaue ich in Neils erwartungsvolle Augen. Den habe ich komplett vergessen.
„Ja, vielleicht“, antworte ich unverbindlich, umfasse den Arm meiner Tochter und ziehe sie unter Neils entgeistertem Blick Richtung Hafenrestaurant.
Munter plaudernd betreten wir nach wenigen Metern die Stufen, die zu der Holzveranda hinaufführen, die längs der Hafenseite verläuft. Brusthohe Glasscheiben schützen die Gäste vor dem Seewind. Diese sitzen an langen Holztischen auf rustikalen Bänken. Ein großes Schild, auf dem, mit Wildblumen verziert, „The Heidelberg“ geschnitzt ist, begrüßt die Eintretenden. Das Lokal ist offenbar beliebt. Draußen ist kein freier Platz mehr zu finden. An der schweren Tür kommt uns eine dralle Frau entgegen, die ein Tablett mit Getränken und essbaren Kleinigkeiten balanciert. Mein Magen erinnert mich lautstark daran, dass ich heute das Frühstück habe ausfallen lassen. Während ich den Blick kaum von den Tellern lösen kann, zupft Valérie mich am Ärmel.
„Mama, schau. Die Frau hat genauso ein Kleid an, wie ich als Kind mal von Tante Sabine geschenkt bekommen habe. Wie hieß das noch mal?“ Ich nehme die Bedienung genauer in Augenschein. Tatsächlich. Die Frau trägt ein Dirndl. Diese geschmackvolle Version hat allerdings wenig mit dem pinken Ungetüm mit grüner Schürze zu tun, das Valérie zu meinem Entsetzen im Alter von vier Jahren Tag und Nacht tragen wollte. Es bedurfte viel Überredungskunst, das Kleid wenigstens ab und an in die Waschmaschine zu stecken. Als Valérie dann endlich selbst zugab, aus dem Dirndl herausgewachsen zu sein, flossen bittere Tränen. Erleichtert hatte ich den Lumpen entsorgt. Ich hätte nicht gedacht, dass sich Valérie daran erinnert.
„Die Kleider nennt man Dirndl. Eigentlich tragen die Heidelberger keine Dirndl. Die Stadt liegt zu weit nördlich für diese Tracht“, kann ich mir nicht verkneifen, den verträumten Gesichtsausdruck meiner Tochter zu bremsen. Valérie kommt doch nicht etwa auf die Idee, unbedingt wieder ein Dirndl zu wollen? Obwohl, wenn ich sie in der schwarzen Skinny-Jeans und dem dunklen, langen Pullover so ansehe, stünde ihr Farbe und Weiblichkeit nicht schlecht. Ich seufze. Valérie ist so hübsch. Alle Versuche, ihr Modeempfinden beizubringen, perlen an ihr ab. Typisch Teenager halt. Kaum zu glauben, dass sie dasselbe Kind ist, das einst das pinke Dirndl vergöttert hatte.
Als wir durch die Eingangstür treten, frage ich mich, weshalb das Bild der Deutschen in der Welt immer bayerisch sein muss.
Das Innere des Restaurants empfängt uns mit einer angenehmen Ruhe, die sich von der Betriebsamkeit auf der Veranda unterscheidet. Der Raum ist hell und geräumig. Neben einer langen Bar aus unbehandeltem Holz, vor der hohe Hocker aus dicken Ästen stehen, finden sich an den Fenstern große, mit Bänken kombinierte Holztische. Dazwischen ist viel freier Raum, der sich nach oben fortsetzt. Das hohe Gebälk, in dem sich das Gemurmel und Besteckklappern der Gäste verliert, gibt dem Restaurant etwas Luftiges. Ich erkenne an, dass genau die Balance zwischen Landhausstil und Moderne getroffen ist. Wie zufällig sind Felle auf modernen Holzbänken verteilt und auf Tischen und Fensterbänken stehen gläserne Windlichter neben Vasen mit Wildblumen. In seiner Schlichtheit wirkt alles einladend und stimmig. Mister Chang scheint das ebenfalls so zu empfinden. Sein Gesicht strahlt und er klatscht erfreut in die Hände, als er weitere Mädchen im Dirndl erspäht. Vielleicht ist die Idee, ihn mit dem gediegenen Restaurant in Chinatown Heimatfeeling zu geben, nicht so ausgereift gewesen?
Eine schlanke Dame um die sechzig, in langer Tracht kommt auf uns zu. Sie streckt uns die Hände entgegen und begrüßt uns freundlich. „Ich bin Christiane Herbst, Alexanders Mutter. Sie müssen die Gruppe sein, die unser Sohn telefonisch angekündigt hat. Er hat nicht übertrieben. Sie sind sehr hübsch. Sprechen Sie tatsächlich Deutsch?“ Ich bin so überrumpelt, dass ich kein Wort hervorbringe. Hübsch? Interessant, dass ihm das trotz allem aufgefallen ist. Misstrauisch ergreife ich die dargebotene Hand. Ich vermute eher, dass Alexander mich als „Oberzimtzicke“ avisiert und Christiane das eigenmächtig umgetauft hat. Sie ignoriert meine Verwunderung.
„Entschuldigen Sie meine Neugier. Ich freue mich immer, wenn ich auf Landsleute treffe, die hier leben.“ Die Frau ist so nett, ich kann sie kaum mit dem grantigen Boots-Alexander, der mein Handy auf dem Gewissen hat, in Verbindung bringen. Die Verwandtschaft ist nicht zu leugnen. Dieselben blauen Augen. Dass mir das auffällt? Ein ungewohntes Kribbeln macht sich in meinem Magen breit.
„Ich spreche auch Deutsch“, schaltet Valérie sich dazwischen, die stolz darauf ist, zweisprachig erzogen worden zu sein. Ich besinne mich meiner Erziehung.
„Mein Name ist Elle Sommerfeld und das ist meine Tochter Valérie. Meine Eltern stammen aus Deutschland. Wir sind hierhin gezogen, als ich sechs Jahre alt war. Aber Valérie ist in Vancouver geboren.“ Im Affekt streiche ich Valérie über das Haar, was meine Tochter mit einem Augenrollen quittiert. Schnell ziehe ich die Hand zurück.
„Freut mich sehr.“ Ihr Blick ruht einen Moment wohlwollend auf Valérie und mir.
„Sollten Ihre Eltern noch in Vancouver sein, müssen Sie mit ihnen unbedingt in unser Restaurant kommen. Hier ist ein beliebter Treffpunkt für deutsche Einwanderer.“
„Meine Eltern hat das Heimweh vor ein paar Jahren zurück nach Deutschland getrieben. Meine Schwester lebt mit Mann und zwei Kindern dort. Sie wollten in ihrer Nähe sein.“ Man sieht mir anscheinend an, wie sehr ich meine Eltern vermisse, denn Christiane legt mit einer tröstenden Geste ihre Hand auf meinen Arm. Bei so viel Mitgefühl wird meine Kehle eng und ich konzentriere mich zur Ablenkung auf Christianes schmale Finger. Wieder eine offensichtliche Gemeinsamkeit mit ihrem Sohn Alexander. Nach einem kurzen Drücken zieht Christiane die Hand weg.
„Das tut mir sehr leid. Ja, der Ruf der Heimat ist stark. Mein Mann und ich haben auch manchmal Lust, alles stehen und liegen zu lassen und zurückzugehen. Aber wir sind zwei Jahre nach unserer Hochzeit nach Kanada ausgewandert und haben bis auf eine Schwester meines Mannes keine Verwandten mehr in Deutschland. Ich befürchte fast, wir sind jetzt echte Kanadier.“ Ich weiß sofort, was Christiane meint. Genau das ist die unterschwellige Angst meiner Eltern gewesen: die deutsche Identität zu verlieren. Dabei waren sie einst voller Träume nach Kanada ausgewandert um „der deutschen Enge“ zu entkommen. Als meine Schwester Sabine ihr Herz ausgerechnet an einen durchreisenden Deutschen verlor, waren meine Eltern insgeheim erleichtert. Einen besseren Grund nach Deutschland zurückzugehen, als zu ihrer schwangeren Tochter, gab es nicht. Mich hingegen zog nach meiner Modelphase in Paris die Sehnsucht wieder zurück nach Kanada. Obwohl das bedeutet hatte, meine Tochter Valérie ohne Hilfe meiner Eltern großzuziehen.
„Wenn meine Eltern uns das nächste Mal besuchen kommen, werde ich ihnen Ihr Restaurant auf jeden Fall zeigen.“ Christiane lächelt zufrieden. Sie wendet sich an Mister Chang und spricht ihn auf Deutsch an. „Herr Sommerfeld?“ Herr Chang blickt sie freundlich an, reagiert aber nicht.
Valérie entfährt ein Kichern. „Nein, das ist Mister Chang. Er kann kein Deutsch, aber Chinesisch und Englisch. Mama will finanzielle Unterstützung von ihm, deshalb verbringen wir den Tag mit ihm.“ Mir bleibt das Herz stehen. Räuspernd werfe ich meiner Tochter, die zu viele Vokabeln aus meiner Welt aufschnappt, einen Blick zu. Christiane macht einen verwirrten Eindruck und scheint Valéries Aussage zu überdenken. Ich spüre, wie meine Wangen sich erhitzen. Sie denkt doch nicht etwa ... !
„Mister Chang ist heute unser Gast. Er ist ein möglicher Investor in mein Unternehmen. Meine Tochter hat eine sehr blumige Sprache“, korrigiere ich Valéries Aussage. Sichtlich erleichtert, mustert Christiane uns mit wachsamen Augen.
„Dann müssen Sie mit Ihrem Mann einmal bei uns vorbeischauen.“
„Meine Mutter hat keinen Mann. Unsere Familie sind Mama und ich. Mein Vater lebt in Paris.“ Was ist nur in Valérie gefahren? Das geht die fremde Frau nichts an. Was soll sie von mir denken? Christiane scheint der Spruch von Valérie nicht zu stören. Im Gegenteil! Sie mustert mich eindringlich. Ein interessiertes Glitzern stiehlt sich in ihre blauen Augen. Unvermittelt fühle ich mich, als hätte ich einen Test bestanden.
„Wunderbar! Bitte seien Sie heute unsere Gäste.“ Überrumpelt von Christianes Herzlichkeit – oder geht es nur mir so? - lässt sich unsere kleine Gruppe an den Tisch führen. Die Sitzecke aus unbehandelten Holzmöbeln strahlt „deutsche Gemütlichkeit“ aus. Auf den Bänken liegen flaschengrüne Filzkissen. Auch auf dem Tisch befinden sich schlichte Filzuntersetzer. Zu meinem Erstaunen nimmt Christiane ebenfalls Platz. Auf ihr Fingerschnippen hin nähert sich zur sichtbaren Freude von Mister Chang eine Dirndl-Bedienung. Als sie die Speisekarten verteilt, will ich dankend abwinken. Schließlich wartet der Tisch in Chinatown auf uns. Aber Mister Chang starrt so gebannt in das Balkon-Dekolleté, dass ich innerlich umdisponiere.
„Peter. Da bist du ja. Komm zu uns!“ Christiane winkt einem Herrn mit grauem Haar zu, ebenfalls in Tracht. Er hat das Restaurant durch eine Seitentür betreten und hält einige Papiere in der Hand. Instinktiv weiß ich, das ist Alexanders Vater. Er hat die gleiche Aura wie sein Sohn. Eine männliche, raumbeherrschende Präsenz. Moment mal. Habe ich Aura gedacht? Jetzt geht es mit mir durch. Dieser Holzklotz Alexander hat außer schlechter Laune überhaupt keine Aura. Christiane zieht den Mann auf den Platz neben Valérie.
