Kitabı oku: «Das Model und der Walflüsterer», sayfa 4
BABE IN GERMANY

ELLE
Versunken starre ich auf das Foto auf dem Schreibtisch, das meine Tochter Valérie im zarten Alter von vier Jahren zeigt. Das Kind strahlt in die Kamera. Ich habe mal gelesen, ein Kind freut sich im Schnitt vierzig mal am Tag, meistens über Kleinigkeiten. Und so ist es bei Valérie tatsächlich gewesen. Sie war meine Sonne. Damals. Meine Gedanken trüben sich, wenn ich an meine antriebslose Teenagertochter denke, die mich aus ihrem Leben ausschließt und jede meiner Zärtlichkeiten abblockt. Die genervt die Zimmertür zuknallt, nur weil ich es gewagt habe zu fragen, wie der Schultag war oder ob sie sich nicht mal wieder mit ihren Freundinnen Marnie und Joanna treffen will. Die lustlos im Essen herumstochert, wenn sie überhaupt zum Essen kommt, statt fernzusehen und mit neu entwickeltem Sarkasmus jede meiner Bemerkungen kommentiert. Die mich überrumpelt, um ihren Willen durchzusetzen, wie gestern wegen des Praktikums. Wann ist Valérie diese kindliche Freude abhanden gekommen? Habe ich alles falsch gemacht oder ist das normal? Ich versuche mich zu erinnern, wie ich in meiner Jugend gewesen bin. Aber die Erinnerung an die eigene Pubertät ist nur ein verschwommener Gesamteindruck. Ich hoffe, Valérie übersteht diese Phase gut und wird als Erwachsene wieder die glückliche, offene Person sein, wie auf dem Foto.
Das ungetrübte Glück und Vertrauen in das Leben, das dieses Foto von Valérie ausstrahlt, hat mich in der Vergangenheit unbändig motiviert, wenn ich selbst an einem Tiefpunkt war. Und davon hat es einige gegeben. Aber ich kann mit Stolz von mir behaupten, alle Tränentäler aus eigener Kraft überwunden zu haben. Und so wäre es auch diesmal: Ich werde den aktuellen finanziellen Engpass mit Hilfe eines Investors überstehen. Auch wenn dieser grantige Alexander fast alles boykottiert hat, war der Tag gestern mit Mister Chang ein gelungener Auftakt. Wir haben uns heute im Büro verabredet, um das Geschäftliche zu bereden. Dieser grantige Alexander ... unweigerlich erhöht sich mein Pulsschlag und ich denke an die bläulichen Symbole auf seinem Unterarm. Eigentlich stehe ich nicht auf Tattoos. Zumindest habe ich das bis gestern gedacht. Doch seine Körperbemalung hat mich fasziniert. Rein aus künstlerischen Aspekten, versteht sich. Blaue Wellen und Muster, Flossen eines japanischen Karpfens, die sich um seinen sehnigen Unterarm winden. Ich habe den Drang verspürt, mich vorzuneigen und den Ärmel des Seemannspullis hochzuschieben, um das Bild in seiner Gänze betrachten zu können. Genau in dem Moment ertappte er mich beim Gaffen und sein wissender Blick verschlug mir für einen Moment den Atem. Mir wurde heiß und das wurde nicht besser, als ich mich später mit ihm allein am Tisch befand. Er hat eine dominante Ausstrahlung, die mich völlig aus der Fassung bringt. Er ...
Jills Klopfen reißt mich aus den Gedanken.
„Herein.“ Jill öffnet die Tür und betritt hinter Mister Chang den Raum.
Ich erhebe mich und begrüße den chinesischen Investor.
„Mister Chang, ich hoffe, Sie hatten eine erholsame Nacht?“ Mister Chang nickt lächelnd.
„Kommen Sie bitte, ich zeige Ihnen unsere Werkstätten. Jill, meine Assistentin, haben Sie ja bereits kennengelernt.“ Ich deute auf die ältere gepflegte Dame, die Mister Chang empfangen hat. Wie immer ist Jill wie aus dem Ei gepellt. Heute trägt sie eine weite weiße Seidenbluse kombiniert mit schwarzer Marlenehose. Klassischer geht es kaum. Jill liebt den Stil von Coco Chanel und ich bin stets versucht, ihr eine langstielige Zigarettenspitze als Accessoire zu verpassen.
„Jill ist mit mir die wichtigste Person hier. Ohne ihre Zustimmung läuft nichts.“ Mister Chang betrachtet Jill so intensiv, dass diese verlegen den Blick abwendet und mit der Hand nervös über ihren grauen Pagenschnitt fährt. Wir betreten den Entwurfsraum. An den Wänden hängen großformatige Fotos von Highlights vorangegangener Kollektionen. Zwei ausladende Schreibtische mit hochgebockter Arbeitsfläche dominieren das weiß gehaltene, hohe Zimmer. Durch die Fabrikfenster hat man einen wunderbaren Blick auf einen baumbestandenen Hinterhof. Meine Firma liegt in einem Fabrikgebäude aus den Zwanzigerjahren im angesagten Quartier Gastown, dem historischen Stadtkern Vancouvers. In unmittelbarer Umgebung sind Shops und Cafés angesiedelt, aber auch viele Designer, Werbeagenturen und Fotografen haben sich in dem Stadtviertel niedergelassen. Die Atmosphäre, fern der Hektik einer Großstadt, ist unschlagbar inspirierend. Ich liebe es, den Lunch in einem der kleinen Lokale zu verbringen. Dieses Quäntchen an europäischem Flair genügt mir völlig, um die eventuelle Sehnsucht nach dem fernen Kontinent zu stillen. Ganz in der Nähe befindet sich die berühmte Steamclock, eine mit Dampf betriebene Uhr, die alle Viertelstunde eine Melodie spielt und von Touristen unzählige Male am Tag abgelichtet wird.
Ohne Jill, die eine enge Freundin meiner Mutter ist und dieser versprochen hat, auf mich ein Auge zu haben, hätte ich es niemals geschafft, die heruntergekommene Fabriketage zu dem zu machen, was sie heute ist. Mittlerweile ist Jill zu meiner engsten Vertrauten und besten Freundin avanciert.
Mister Chang scheint ebenfalls vom Charme des Ateliers bezaubert. Er nickt in einem fort. Bereits gestern habe ich bemerkt, das ist ein untrügliches Zeichen seines Wohlwollens. An der rechten Wand stehen Regale mit Stoffen und Kisten, in denen Knöpfe, Bänder und andere Kurzwaren auf ihren Einsatz warten. Links davon öffne ich eine schmale Tür. Das geschäftige Rattern der Nähmaschinen empfängt uns. Ich hebe meine Stimme.
„Dies hier ist unsere Manufaktur, wie Jill sie getauft hat. Wie ich Ihnen gestern bereits erzählt habe, legen wir Wert auf unser handwerkliches Image. Daher auch der Name des Labels Babe in Germany, in Anlehnung an das Qualitätsimage deutscher Wertarbeit.“ An zehn Tischen setzen eifrige Näherinnen die von mir und Jill skizzierten Entwürfe zu Prototypen um.
„Zur Zeit wird hier alles für die Schau in gut drei Wochen vorbereitet.“ Ich gehe zu einer der Näherinnen und hebe ein halbfertiges Abendkleid in die Höhe, dessen cremefarbener Seidenrock bis zur Hälfte mit kleinen schwarzen Glitzersteinen besetzt ist. Freundlich nicke ich meiner Angestellten zu und bedanke mich.
„Wenn die Einzelstücke dann nach den notwendigen Verbesserungen und Änderungen ihre Endfassung gefunden haben und auf der Präsentation Anklang finden, beginnt die Massenproduktion. In Stoßzeiten, wenn wir zum Beispiel bei hohen Bestellungen nach der Schau einen bestimmten Look selbst produzieren, kann der Raum auf bis zu zwanzig Nähtische aufgestockt werden.“ Ich deute auf eine Nische, in der zusammengeklappte Tisch lagern. Zufrieden registriere ich, wie Mister Chang mehrfach kurz nickt.
„Natürlich wird die Ware nicht in Deutschland hergestellt. Aber wir beziehen viele unserer Stoffe von dort. Und, wie gesagt, sind sowohl ich als auch Jill aus Deutschland, sodass wir mit diesem Image überzeugend auftreten.“
Der Rundgang schließt in dem geräumigen Foyer ab.
„Hier findet die jeweilige Präsentation unserer Kollektion statt. Der Raum bietet sich dafür hervorragend an.“ Stolz betrachte ich die weißgetünchte hohe Decke, mit den fabriktypischen Ziegelbögen, die durch Strahler dezent ausgeleuchtet wird.
„Das Foyer bietet locker Platz für einen Laufsteg und etwa einhundert Besucherstühle. Hier wird auch die Schau der neuen Kollektion stattfinden.“
Mittlerweile sind wir wieder im Büro angelangt und Kitty serviert grünen Tee – selbstverständlich aus dem Hause Chang.
Während wir das heiße Getränk schlürfen, gehen wir durch die Zahlen. Als Mister Chang minutenlang in der Bilanz der Vorjahre versinkt und keine Miene verzieht, beiße ich mir vor Ungeduld in die Lippe. Es fällt mir schwer, still zu sein und nicht alles zu erläutern. Zu gerne behalte ich die Kontrolle. Das gibt mir Sicherheit. Ein ums andere Mal legt Jill beruhigend ihre Hand auf meinen Unterarm und lächelt mich zuversichtlich an.
Mister Chang legt die Akte zur Seite und blickt eine Weile stumm auf den geschlossenen Aktendeckel.
Mit Mühe unterdrücke ich ein nervöses Räuspern.
„Miss Sommerfeld. Ich habe nachgedacht.“
„Ach ... ja?“
„Ja, ich muss sagen, der Ausflug in dieses Hafenrestaurant hat mich inspiriert. Das war eine sehr gute Idee von Ihnen. Ich hebe abwartend die Brauen und mache innerlich drei Kreuze, weil uns das Schicksal in das deutsche Restaurant geführt hat.
„Eine Idee hat mir heute Nacht keine Ruhe gelassen. Was spricht dagegen, ihre Kollektion um Dilden für Schwangere zu erweitern?“
Kontrolliert atme ich aus. Wie bitte? Dilden? Was um alles in der Welt ...? Die einzige Assoziation zu dem mir unbekannten Begriff, die mir in den Sinn kommt, wäre die Mehrzahl von Dildo. Denkt Mister Chang, ich stelle Sextoys her? Für Schwangere? Unsicher blicke ich zu Jill, ob ich mich verhört habe. Jill steht ebenfalls leicht irritiert der Mund offen. Und Jill verliert selten die Contenance.
„Mister Chang. Ich verstehe nicht ganz, was Sie damit meinen?“, frage ich behutsam. Mister Chang scheint von seinem Vorschlag hellauf begeistert. Ungeduldig runzelt er die Stirn.
„Na, Dilden.“
„Ähm?“
„Diese Kleider, die die Bedienungen gestern in dem Restaurant am Hafen anhatten.“ Ein Felsbrocken fällt mir vom Herzen. Gleichzeitig beiße ich mir vor unterdrücktem Lachen in die Wange. Der Druck zu platzen wird größer, als Jill einen Hustenanfall simuliert.
„Spricht etwas gegen die Dilden?“
„Äh, Nein. Im Grunde spricht nichts gegen Dirndl.“ Bewusst deutlich spreche ich das Wort aus. „Das Einzige wäre, es entspricht nicht dem bisherigen Stil von Babe in Germany.“ Mister Chang wartet auf weitere Erklärungen. „Sehen Sie, ich entwerfe Kleidung für die modebewusste, moderne Frau, die auf diese Attribute während ihrer Schwangerschaft nicht verzichten möchte. Ein Dirndl hingegen ist Symbol für ein sehr konservatives, traditionelles Frauenbild. Viele mögen es abstreiten, aber zumindest Frauen tragen Dirndl hauptsächlich, um Männern zu gefallen. Die weiblichen Vorzüge werden hervorgehoben: tiefer Ausschnitt, breite Hüften, schmale Taille...“
„Was ist dagegen einzuwenden? Sind sie etwa eine Emanze?“ Ich kann ein leises Ächzen nicht zurückhalten und ringe unbewusst meine Hände. Bin ich eine Emanze? Nur weil meine Mode die weiblichen Reize nicht plakativ unterstreicht? Der Begriff kommt mir so veraltet und überflüssig vor. Schließlich leben wir in einer modernen Welt und die Frauen sind – dank der radikalen Emanzen der Vergangenheit – schon weit gekommen. Ich habe Glück in einer Generation geboren zu sein, in der für Frauen vieles selbstverständlich ist, was es fünfzig Jahre zuvor nicht gewesen ist. Aber ich bin keine Emanze. Wenn ich ehrlich bin, tendiere ich sogar zur hoffnungslosen Romantikerin. Ich sehne mich insgeheim nach einem starken Beschützer, der mir bei schwierigen Entscheidungen im Leben beisteht. Meiner schlechten Erfahrung mit Männern nach, vor allem mit einem Mann, bleibt dies wohl für immer eine Illusion. Einen Helden gäbe es für mich nicht und damit basta. Der Hang zum Träumen hat allerdings nichts mit meinem kreativen Geschmack zu tun. Hier bevorzuge ich klare Formen. Wie soll ich das Mister Chang nur klarmachen, ohne ihn zu verprellen? Während ich mit mir ringe, erkenne ich beim Blick in Mister Changs Augen, dieser rechnet ohnehin nicht mit einer Antwort.
„Sehen Sie, Miss Sommerfeld: Frauen sind bezaubernde Wesen und sollten dies den Männern zeigen dürfen. Das spielt jedoch keine Rolle, denn ich denke da rein geschäftlich. Sie haben die Restaurantchefin gestern gehört. Seit die Bedienung Dilden trägt, sind die Umsätze gestiegen. Ich brauche ein sicheres Konzept, wenn ich investieren soll.“
„Ja, aber...“ Mister Chang hebt die Hand und bittet um Geduld.
„Diese Dilden werden nun einmal in den Köpfen der Leute mit Deutschland assoziiert. Das passt doch hervorragend zu dem Image Ihres Labels.“ Auf die Schnelle fällt mir kein Gegenargument ein, was mich maßlos ärgert. Sonst bin ich immer diejenige, die das letzte – selbstverständlich bessere – Wort hat.
„Miss Sommerfeld. Ich war vor ein paar Wochen in Qingdao auf dem Beer Festival. Das ist ein chinesisches Oktoberfest und sie werden es nicht glauben: es gibt Blasmusik und die Leute tragen bayerische Tracht. Das ist der Renner! Und heute Nacht habe ich mich kundig gemacht. Überall auf der Welt gibt es Oktoberfeste: in den USA, Australien, auch hier in Kanada. In Japan sind die Dilden so angesagt, dass manche Frauen täglich darin herumlaufen. Aber die Japaner waren schon immer etwas verrückt“, grinst er. Dann wird er wieder ernst. „Was also spricht dagegen, es wenigstens zu versuchen?“
Hilflos blicke ich zu Jill, die verhalten ihre Schultern zuckt.
„Okay, dann versuchen wir es. Ich werde ein, zwei Dirndl entwerfen.“ Mister Chang stellt seine Teetasse ab und ergreift meine Hände.
„Wunderbar, ich wusste, wir einigen uns. Sie werden sehen: die Dilden von Babe in Germany werden der Renner.“
Nachdem wir Mister Chang verabschiedet haben, fühle ich mich völlig entkräftet. Jill drückt mich kurz und klopft mir beruhigend auf den Rücken.
„Weißt du, Elle, freu dich doch. Wenn wir das mit dem Dirndl gut hinbekommen, steigt er ein und der Tag gestern war ein voller Erfolg. Vielleicht hat er recht und die Sache wird der Renner. Schaden kann es bestimmt nicht.“
Ich bin mir da nicht so sicher. Dirndl. Das wird vermutlich meine hart erarbeitete Anerkennung in der Branche versauen. Außerdem habe ich keine Idee, wie ich Mister Chang davon abbringen kann, weiterhin „Dilden“ zu sagen. Das wird sicherlich noch zu peinlichen Zwischenfällen kommen. Wieder betrachte ich das Foto meiner Tochter und bin versucht, dieser die Schuld an meinem Dilemma zu geben. Aber die strahlenden Augen der Vierjährigen halten mich davon ab. Während ich mich in meinem Drehstuhl leicht hin- und herdrehe, lasse ich das Treffen noch einmal Revue passieren. Jill öffnet die Tür und setzt sich an den zweiten Schreibtisch im Raum. Mein Blick bleibt anerkennend an dem klassischen Schnitt von Jills Seidenbluse hängen. Unvermittelt habe ich eine Inspiration. Das klassische schwarz-weiß von Jills Garderobe ließe sich doch auf ein Dirndl im Babe in Germany- Stil anwenden! Plötzlich hellwach, greife ich nach einem Bleistift und beginne mit raschen Strichen meine Vorstellung zu skizzieren. Vielleicht ist Mister Changs Idee nicht so schlecht.
Obwohl es eigentlich Valéries Idee war.
Das Telefon klingelt. Auch das noch. Ich mag es überhaupt nicht, in einer kreativen Phase gestört zu werden. Geistesabwesend hebe ich den Hörer ab. Die Stimme meiner Assistentin Kitty klingt belustigt.
„Elle, da ist ein Verehrer für dich in der Leitung.“ Ratlos senke ich den Stift. Ein rascher Blick auf die Uhr bescheinigt mir zwei Stunden konzentriertes Schaffen.
„Ein Verehrer?“ Jill blickt neugierig zu mir hinüber. Kurzzeitig blitzt das Bild der braungebrannten Unterarme dieses Bootstypen vor mir auf. Mein Herz klopft wild, als ich mich an seinen herben, männlichen Geruch und das unverschämte Grinsen erinnere.
„Ja, ein Neil O´Ryan. Er hat gesagt, er möchte die schönste Frau des Büros sprechen. Ich war unschlüssig, ob er da nicht bei mir gerade richtig war und wollte ihn erst gar nicht zu dir durchstellen.“ Kitty kichert, doch ich höre ihrer Blödelei nicht richtig zu.
Es gibt nur einen Grund für Neil, mich anzurufen. Er will mich gnadenlos anbaggern. Kurz überlege ich, mich verleugnen zu lassen. Dann ermahne ich mich innerlich. So wird das nie etwas mit einem Mann. Neil ist zweifellos attraktiv und vielleicht hat er sich seit damals weiterentwickelt. Ich beschließe, ihm eine zweite Chance zu geben.
„Gib ihn mir.“ Ich lehne mich zurück und betrachte die Skizzen vor mir. „Neil. Du hast ja nicht viel Zeit verloren.“
„Hey schöne Frau. Warum sollte ich? Da winkt das Schicksal mit dem Zaunpfahl, und führt mich wieder über deinen Weg. Das kann ich nicht ignorieren.“ Ich schmunzle widerwillig.
„Du hattest immer schon einen übertrieben blumigen Charme, Neil.“ Er lacht herzhaft. Ein schönes, tiefes Brummen.
„Elle, gib es zu, es kann kein Zufall sein, wenn wir uns nach all den Jahren ausgerechnet auf diesem Boot treffen.“
„Ja, das war unerwartet.“
„Ich habe lange genug auf meine Traumfrau gewartet. Gehst du heute mit mir essen?“ Traumfrau? Obwohl oder gerade weil ich schon lange nicht mehr so schamlos angebaggert wurde, erröte ich. Jill schaut neugierig hinüber, und ich drehe mich in meinem Stuhl Richtung Fenster.
„Heute? Das geht leider nicht. Ich habe bereits etwas vor. Meine Tochter macht ein Praktikum und ich werde sie an ihrem ersten Tag begleiten.“
„Ah, ja. Das Praktikum im Heidelberg. Alexander hat mir davon erzählt. Na, das trifft sich doch hervorragend. Ich liebe das Essen dort. Ich könnte dich um acht Uhr abholen.“ Er überrumpelt mich. Insgeheim habe ich gehofft, ihn noch etwas hinhalten zu können. Solange, bis ich mir darüber im Klaren bin, ob es eine gute Entscheidung ist, Neil zu daten.
„Nein, ich werde früher da sein. Valéries Schicht beginnt am Nachmittag und ich wollte gegen sechs vorbeischauen und sehen, wie sie sich macht.“
„Kein Problem, Süße. Wo du bist, werde auch ich sein. Bis heute Abend. Und...“, er senkt sinnlich die Stimme, „...ich freue mich auf dich.“ Mindestens eine Minute, nachdem das Freizeichen ertönt, starre ich noch auf den Hörer. Ich kann es nicht leugnen, ich habe Lampenfieber.
„Sag bloß, du hast ein Date?“ Jills Tonfall lässt mich den Blick heben. Meiner Freundin kann ich nichts vormachen. Ich erzähle ihr von dem abtörnenden Jugenderlebnis mit Neil und seiner ungefilterten Anmachtour. Jill wirft den Pagenkopf in den Nacken und lacht.
„Glaub mir, Elle. Schlimmer als Richard kann er nicht sein.“ Ich verziehe den Mund. Dass Jill mich immer wieder mit Valéries Vater, dem Pariser Modefotografen, aufziehen muss. Wie soll ich Jill klarmachen, mir liegt nichts mehr an Richard? Selbst wenn ich zweimal im Jahr, wenn er in Kanada ist, bei ihm schwach werde.
„Wo trefft ihr euch?“
„In diesem deutschen Hafenrestaurant, in dem Valérie ihr Praktikum macht. Das Mister Chang zu seinen Dilden inspiriert hat.“ Meine Freundin kichert bei der Erwähnung von Mister Changs komischem Missverständnis. „Anscheinend kommst du derzeit am Heidelberg nicht vorbei.“ Mit einem Male schlägt mein Herz bei Jills Bemerkung aus wie ein Geigerzähler.
Ob der Bootstyp wieder dort sein wird? Sofort verliere ich mich in ungebetenen Tagträumen, in denen muskeltanzende Fischflossen die Hauptrolle spielen.
Obwohl Jill mich fragend ansieht, bringe ich es nicht fertig, ihr von diesem arroganten Hinterwäldler zu erzählen. Das würde diesem Typen einen Stellenwert einräumen, den er nicht besitzt und niemals einnehmen wird.
DUSCHE

ALEXANDER
„Heute also keine, Grauwale?“ Geschickt fängt Bobby das Tau auf.
Ich schüttle den Kopf und ziehe die Gangway in Position. Die heutigen Passagiere tröpfeln mit den üblichen Dankesbekundungen von Bord. Bobby verteilt an jeden von ihnen einen Flyer, der nochmals über das Forschungsprojekt informiert und um großzügige Spenden bittet. Ich genieße die Windstille im Hafen. Es ist ein warmer Tag. Kaum kann ich es erwarten, die windabweisenden Schichten meiner Seemannskluft von mir zu reißen und eine kühle Dusche zu nehmen. Heute wäre genug Zeit dafür, weil ich keine Handys bergen muss.
Kurz blitzen Elles grüne, wutgesprenkelte Augen in meiner Erinnerung auf.
Nachdem alles verstaut ist, erreiche ich mit wenigen Schritten die kleine Walstation in der Hafenzeile. Bobby folgt mir.
„Dekan Hunter hat übrigens angerufen. Er bittet um Rückruf und fragt, ob du auf der diesjährigen Jahresabschlussfeier eine Rede halten könntest. Es sollten Forschungsergebnisse enthalten sein.“ Bobby grinst und ich hebe fragend die Brauen.
„Forschungsergebnisse in der Abschlussrede? Der will doch nur checken, ob sein Geld gut angelegt ist. Aber wenn es sein muss. Ruf ihn bitte morgen zurück und sag zu.“ Ich beginne, mich aus meiner Kluft zu schälen. Als ich meinen nackten Oberkörper vor ihr entblöße, mich hinabbeuge und die Schuhe aufbinde, wendet Bobby sich verlegen ab. Verstohlen schielt sie zu mir hin, während sie so tut, als suche sie etwas auf dem Schreibtisch. Zeit, den Striptease im hinteren Zimmer fortzusetzen. Ich ärgere mich über mich selbst. Wie konnte ich nur so gedankenlos sein?
„Wenn es sonst nichts gibt, spring ich schnell unter die Dusche.“
„Äh .... nein.“ Bobbys Gesicht nimmt die Farbe einer Tomate an, als ich mit dem Handtuch um die Hüfte an ihr vorbei Richtung Bad haste.
In dem winzigen Badezimmer dauert es eine Ewigkeit, bis ich die richtige Temperatur geregelt habe. Als ich mich endlich unter dem heißen Strahl entspanne, suche ich vergeblich nach dem Duschgel. Mist. Das hatte ich heute Morgen mit ins Gym genommen.
„Bobby?“ Gedämpft ertönt ein „Ja?“
„Tust du mir einen Gefallen und bringst mir das Duschgel. Das ist in meiner Sporttasche. Die liegt auf dem Stuhl neben der Tür.“ Ich hinterlasse eine Wasserpfütze auf dem Fußboden, als ich die Dusche verlasse. Notdürftig lege ich mir das Handtuch um die Hüften und öffne die Badezimmertür einen Spalt. Bobby steht davor und schaut mich mit kreisrunden Augen an. Das heißt, sie starrt auf das Rinnsal an Wassertropfen, das meinen Bauch hinabkullert und sich in der schmalen Spur dunkler Locken sammelt, die aus dem Handtuchbund lugt. Sofort ziehe ich den Stoff höher, entreiße ihr das Duschgel und schließe die Tür. Verdammt!
Wieder unter der heißen Dusche schüttle ich über mich selbst den Kopf. Was für ein kompletter Vollidiot ich bin!
Dass Bobby mehr für mich empfindet, als ich ihr geben kann, ist wohl offensichtlich. Sonst hätte mich Neil bei unserem Surftrip heute morgen bei Sonnenaufgang am Jericho Beach nicht darauf angesprochen.
„Du merkst schon, der kleine Salma Hayek-Verschnitt fährt voll auf dich ab?“ Wir treiben mit den Boards im Wasser und warten auf die nächste Welle.
„Bobby? Unsinn, wir sind nur gute Freunde.“ Neil bricht in haltloses Lachen aus.
„Freunde? Sag mal, du musst schon sehr blind sein, nicht zu bemerken, wie sie dich anstrahlt. Die Kleine wird jedes Mal rot wenn du sie zufällig berührst. Außerdem ist sie heiß.“ Beunruhigt schaue ich ihn an und fahre verwirrt durch mein Haar. Je länger ich darüber nachdenke, desto merkwürdiger kommt mir Bobbys Verhalten in den letzten Wochen vor. Ich stöhne, als mir die Erkenntnis kommt.
„Jetzt wo du es sagst... aber das darf nicht sein!“
„Warum denn nicht? Die Kleine ist scharf und hat Temperament. Also, ich würde sie nicht von der Bettkante stoßen.“
„Sprich nicht so von Bobby. Wir arbeiten schon so lange zusammen an diesem Forschungsprojekt. Sie ist wie eine kleine Schwester für mich.“
„Also, du bist definitiv kein Bruder für sie, Alexander. Zum Beispiel heute morgen, als ich dich in der Station abgeholt habe und sie überraschend reinkam. Hast du da nicht bemerkt, wie hektisch sie wurde, als du mit nacktem Oberkörper und dem Neoprenanzug um die Hüften an ihr vorbeigelaufen bist. Ihr ist der Stapel Flyer aus der Hand geglitten. Ich dachte, die springt dich gleich an und leckt deine Brustmuskeln ab.“ Neil imitiert ein Hecheln und tut so, als liefe ihm Sabber aus dem Mundwinkel. Entnervt rolle ich die Augen.
„Neil! Ich hab gesagt, hör auf. Bobby ist nicht nur wie meine Schwester, sondern auch meine Geschäftspartnerin. Ihre Kohle steckt, genau wie meine, in der Walstation. Es wäre tödlich fürs Geschäft, mich auf sie einzulassen. Nicht auszudenken, wenn etwas schiefliefe.“
Wir nehmen die nächste Welle und haben eine Weile Spaß. Später, beim Ausruhen am Strand, greift Neil das Thema wieder auf.
„Angenommen, sie wäre nicht deine Geschäftspartnerin. Würdest du dich auf sie einlassen?“
„Auf Bobby?“ Ich starre auf die Brandung, während ich überlege. Dann schüttle ich den Kopf.
„Nein, sie ist einfach nicht mein Typ.“ Neil verdreht die Augen.
„Ach, und wie ist dein Typ, wenn nicht Latina-Sexbombe mit Wahnsinnsbrüsten?“
„Neil, Bobby hat einen Doktortitel in Ozeanologie. Reduziere sie nicht auf ihr Äußeres.“
„Wenn sie aber doch so heiß ist...“ Ich werfe mein Handtuch nach ihm.
„Wenn du sie heiß findest, fang du doch was mit ihr an.“
„Geht nicht, mein Herz ist derzeit belegt.“ Ich mustere meinen Freund mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Seit wann ist dein Herz und nicht nur dein Schwanz in deine Dates involviert?“ Neil grinst.
„Seit ich meine Jugendliebe wiedergetroffen habe.“ Ich runzle die Stirn. Dann erinnere ich mich.
„Du meinst nicht etwa die Anzugtussi vom Boot? Was war denn daran Jugendliebe? Ich denke, ihr habt nur einmal geknutscht.“ Neil seufzt theatralisch.
„Das eine Mal habe ich aber nie vergessen. Die Frau ist der Wahnsinn. Genau mein Typ. Apropos Typ. Nenn mir einen Grund, warum Bobby nicht dein Typ ist?“ Er kratzt sich seine rötlichen Bartstoppeln. „Ich kann mich an eine Latina vor drei Jahren erinnern. Und an eine Blondine wenig später. War da nicht auch eine Rothaarige? Ja, auf der Party von diesem Dings, wie heißt der noch? Dem die Bar in Yaletown gehört.“
„Du meinst Terry?“ Ich werde nur ungern an die wilden Zeiten erinnert und hoffe, Neil lässt es jetzt gut sein.
„Ja, genau. Der könnte mal wieder eine Party veranstalten. Da waren immer Wahnsinnsbräute. Zurück zum Thema: Hast du überhaupt einen Typ?“ Neils freches Grinsen ist so ansteckend, dass ich ihm sein Gelaber verzeihe.
„Frag mich was Leichteres. Ich bin mir nicht sicher, welches mein Typ ist. Aber Bobby ist es jedenfalls nicht“, sage ich, nachdem ich einen Moment grübelnd den Sand fixiert habe. Irgendetwas hat mir die Stimmung verschlagen und nagt an mir. Ich versuche zu ergründen, was genau es gewesen ist. Wieder sehe ich diese grünen Augen der Anzugfrau vor mir, die mich herausfordernd fixieren. Die Erinnerung daran, wie sich ihr Spitzen-BH durch die feuchte cremefarbene Bluse abzeichnet, lässt mich trocken schlucken. Neil wird ungeduldig.
„Was ist eigentlich los mit dir? Wann hattest du das letzte Mal Sex, Bro.“ Genervt stoße ich die Luft aus und werfe den Kieselstein, mit dem ich die letzten Minuten gespielt habe, in den Sand. Wo ist Neils angenehme Oberflächlichkeit hin?
„Neil, was soll das jetzt werden? Bist du meine Mutter?“ Neil lacht schon wieder.
„Du redest mit Christiane über dein Sex-Life. Ist ja hochinteressant! Nein, im Ernst. Entweder, du bist sehr diskret oder aber bei dir herrscht Flaute.“ Er kneift die Augen zusammen. „Du hast doch früher nichts anbrennen lassen? Und als wir vor zwei Monaten aus dieser Cocktail-Bar in Downtown gewankt sind, wäre die kleine Brünette sicherlich mit dir mitgegangen. Ich dachte, ich höre nicht richtig, als du dankend abgelehnt hast.“
„Das geht dich nichts an.“
„Jetzt sag doch mal. Zwei Monate, vier Monate?“ Mir wird es zu bunt. Nach dem Bord greifend, erhebe ich mich und klopfe den Sand vom Neoprenanzug.
„Ich geh wieder ins Wasser.“
Während ich unter der Dusche meinen Körper einseife, kommt mir das Gespräch mit Neil wieder in den Sinn. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich seit fast einem Jahr keine Frau mehr gehabt habe. Seit einem fucking Jahr! Ich habe schlicht nicht das Bedürfnis nach Frauen gehabt. Neil hätte es mir ohnehin nicht geglaubt. Er ist wahrscheinlich der festen Überzeugung, ein Mann platzt bei so langer Abstinenz an Samenstau.
Ich denke an die großen braunen Augen von Bobby, die sich hinter der Badezimmertür in greifbarer Nähe befinden. Es wäre so leicht, meinem Einsiedlerdasein ein Ende zu setzen: das Handtuch fallen lassen, Bobby in meine Arme ziehen und sie gleich auf dem Schreibtisch nehmen. Aber, abgesehen davon, dass Bobby das nicht verdient hat, regt sich selbst bei dieser Vorstellung nichts bei mir. Es lässt meine Libido kalt, wenn sie bei mir ist oder wenn ich an sie denke. Eben wie bei einer Schwester. Es gibt keinen Grund, die Freundschaft mit Bobby komplett zu verbocken, ihr vielleicht auch noch wehtzutun und darüber hinaus meinen Traum, die Walforschungsstation, zu gefährden. Warum Bobby plötzlich mehr zu wollen scheint, will ich nicht vertiefen. An meinem Verhalten liegt es bestimmt nicht. Es gibt zu viele zeitraubende Themen in meinem Leben. Da brauche ich nicht noch eine unglücklich verknallte Frau. Vielleicht gibt sich die Schwärmerei von selbst, wenn ich sie ignoriere.
Mein Körper scheint praktischerweise mit meinem Verstand einig. Wahrscheinlich habe ich es schlicht eine Zeitlang mit den Frauen übertrieben und bin jetzt satt. Ich verziehe den Mund, wenn ich an die Zeit vor etwa vier Jahren zurückdenke. Kurz nachdem meine Schwester Mira abgetaucht ist und unser Vater sich einigermaßen erholt hat, bin ich exzessiv mit Neil um die Häuser gezogen. Blind habe ich mir genommen, was mir angeboten wurde. Und das war nicht wenig. Es schien der beste Weg, alles zu vergessen. Sie auszumerzen. Warum auch nicht?
Ich wurde immer wahlloser. Lange habe ich mir eingebildet, mich so an Laura rächen zu können. Wie dumm von mir. Als ob sie mich beobachtet hätte...
Dann habe ich fast eine goldene Regel gebrochen. Das Mädchen ist sicherlich noch Jungfrau gewesen. Kurz bevor es zum Äußersten gekommen ist, ging mir zum Glück auf, dass ich im Begriff war, eine meiner Studentinnen, von der ich noch nicht mal den Namen wusste, im Kopierraum der Uni zu vögeln. Angeekelt von mir selbst, kam ich schlagartig zur Besinnung und kappte meine Triebhaftigkeit. Es fiel mir nicht schwer. Im Gegenteil. Wenn ich ehrlich bin, ließ mich fast jede Frau kalt, die ich im letzten Jahr getroffen habe.
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