Kitabı oku: «Das Bücherschloss (Band 1) - Das Geheimnis der magischen Bibliothek»

Yazı tipi:



Inhalt

Im Verborgenen …

Streifenhörnchen und Magie

Zaubertreppen und Hungerbäuche

Staubwolken und Hohlköpfe

Monsterfratzen und Katzenjammer

Pennbacken und Detektive

Im Verborgenen …

Schwebetreppen und Meeresrauschen

Geheimnisse und Gespenster

Bücherduft und Papierfetzen

Bauchkribbeln und Erinnerungen

Tomatensuppe und Musik

Im Verborgenen …

Märchen und Nebelschwaden

Liebe und Kristallkugeln



Im Verborgenen …

Haaat-schi! Hat-schihiii!“ Wie ein Wirbelwind fegte Genovevas Niesanfall durch die spärlich beleuchtete Bibliothek. Kopfschüttelnd zog die adelige Dame ein Spitzentaschentuch aus ihrem Kleid und putzte sich das zarte Näschen. „Verflixte Flusen. Meine Herren, es wird höchste Zeit, dass wieder ein Kind unsere Bücher in die Hand nimmt. Sonst zerfallen sie völlig zu Staub. Und wir gleich mit ihnen.“

„Was redest du, Verehrteste? So eine schrecklöche Vorstellung“, donnerte Ferdinand mit metallener Stimme. „So weit darf es natürlöch nöcht kommen. Auf gar keinen Fall!“

Er stampfte mit seinem Blechschuh heftig auf den Boden. Daraufhin wirbelte eine weitere Ladung grauer Flocken aus den Regalen auf. Im Licht der wenigen Sonnenstrahlen, die durch die seit Jahren ungeputzten Fenster fielen, tanzten die Flusen in der Luft. Dann glitten sie vor den Bücherborden zu Boden und fügten sich dort zu einem feinen grauen Teppich zusammen.


„Wenn hier noch mehr Staub aufgewirbelt wird, sehe ich gar nichts mehr“, beschwerte sich Pepper. Seit Stunden kauerte der Kater geduldig vor dem Fenster, von dem aus man den Eingang des Schlosses im Blick hatte. „Ihr wisst doch genau, dass sie für heute angekündigt ist. Ich bin so miaunzig aufgeregt. Die Bücher und wir warten schon so lange auf sie!“

Es war ein ganzes Labyrinth von Regalen, das sich durch diesen besonderen Teil der großen Schlossbibliothek zog. Deckenhoch standen hier dicke und schmale, kleine und großformatige, in Leder oder stabile Pappe gebundene Kinderbücher. Hohe Leitern auf Rollen streckten sich bis ganz nach oben. Für die wertvollsten Werke waren eigens Glasvitrinen aufgestellt. Dort schlummerten prachtvolle Bilderbücher auf samtenen Kissen wie die Prinzessin auf ihren vielen Matratzen mit der Erbse dazwischen.

Neben einigen Büchern standen Spielzeuge aus Holz, Metall, Plastik oder Stoff. Es waren die Figuren, die zu den Geschichten gehörten: winzige Wölfe mit messerscharfen Zähnen, handtellergroße Monster mit grimmigen Gesichtern, eine hübsche Schneeeule, ein Mädchen mit lustigen Strümpfen und knallroten Zöpfen und ein Junge, der eine Gans in den Armen hielt.


„Haaatschi“, nieste Genoveva noch einmal. „Ich glaube beinahe, ich leide unter einer grässlichen Stauballergie.“


„Stauballergie?“ Peppers Tasthaare zitterten belustigt. „Seit wann können magische Wesen krank werden?“

„Warum nicht? Bestimmt steht etwas darüber in einem der dicken Medizinbücher im langweiligen Teil der Bibliothek unten im zweiten Stock.“ Genoveva legte die Hand an ihre Schläfe. „Auf jeden Fall bekomme ich Kopfschmerzen von deinem Stampfen, Ferdinand. Diese Blechschuhe wirbeln nicht nur Staub auf, sondern machen auch einen Höllenlärm. Das ist einfach unerhört. Eine Bibliothek ist ein Ort der Ruhe, du Grobian.“

Pepper schaute ungehalten vom einen zum anderen. „Hört auf zu streiten, ihr zwei. Es gibt wirklich Wichtigeres.“ Mit seinen messerscharfen Krallen kratzte er aufgeregt an der Fensterscheibe. Sein breiter tintenschwarzer Kopf wackelte hin und her. „Sie ist da! Vor lauter Gemotze hätten wir sie beinahe verpasst. Ach du fette Maus! Guckt doch mal – sie ist gerade ausgestiegen. Jetzt steht sie neben dem klapprigen Auto und schaut sich unser Schloss genau an. Ganz bestimmt, das muss sie sein. Sie muss!“

„Wie sieht sie aus?“, fragte Genoveva. Mit beiden Händen raffte sie ihr ausladendes Kleid hoch und versuchte, mit kleinen, vornehmen Hüpfern einen Blick nach draußen zu erhaschen. „Ist sie ihr ähnlich? Ist sie genauso hübsch? Ich halte es kaum noch aus, bis sie endlich bei uns ist.“

„Wo öst sö, Pepper?“, fragte Ferdinand. „Öch komme gar nöcht röchtög ans Fenster möt meinem … ups … Verzeihung, jetzt öst er mör heruntergefallen.“ Ein Poltern dröhnte durch den staubigen Saal, etwas rollte scheppernd über den Boden.

„Schon wieder dieser Blechkopf! Das gibt es doch nicht. Dieser Krach ist unerträglich, Ferdinand“, schimpfte Genoveva mit ihrer hohen, leicht fiepsigen Stimme. „Wenn man uns draußen hört! Du weißt doch, dass wir auf keinen Fall entdeckt werden dürfen. Zumindest jetzt noch nicht. Wir müssen uns zuerst vergewissern, dass sie die Richtige ist.“

„’Tschuldögung“, nuschelte Ferdinand. „Peinlöch, peinlöch. Habe tatsächlöch schon wöder meinen Kopf verloren. Aber …“, er drückte den Ritterhelm kräftig auf die Rüstung, „jetzt sötzt er wöder und öch kann sö auch sehen. Wörd auch Zeit, dass sö kommt. Unsere Retterön, unsere Heldön!“

„Wo denn? Wie denn? Jetzt lasst mich doch auch mal ans Fenster, meine Herren“, quiekte Genoveva.

Ferdinand hörte gar nicht hin. „Seht doch! Oje, aber … sö öst so klein und dünn und … noch ein Könd.“

„Aber natürlich ist sie ein Kind, Dummkopf. Genau so steht es geschrieben.“ Aufgeregt tupfte Pepper mit seinen dunklen Pfötchen ans Fenster, als wollte er dem Mädchen unten zuwinken. „Ich hoffe nur, sie lässt uns nicht im Stich. Sie muss uns helfen. Sonst sind wir alle verloren.“


1. Kapitel
Streifenhörnchen und Magie

Becky stand auf der Kiesauffahrt neben dem klapprigen Kombi ihres Vaters und staunte. So oft hatte sie in den letzten Tagen überlegt, wie ihr neues Zuhause wohl aussehen würde. Ob es vielleicht uralt und hässlich wäre. Von aller Welt vergessen und völlig verfallen. Mit lauter Verbotsschildern und für Kinder völlig ungeeignet. Oder frisch renoviert und so vornehm, dass sie nichts anfassen durfte. Und sie hatte gegrübelt, ob sie sich dort wohlfühlen würde. In ihrem neuen Zuhause, im Schloss Rosenbolt.

„Wo versteckst du dich denn wieder?“ Becky griff in die große Beuteltasche ihres Pullovers. Hier verkrümelte sich Lotti am liebsten, wenn sie gemeinsam unterwegs waren. Behutsam nahm Becky ihr zahmes Streifenhörnchen heraus und hielt es hoch. „Siehst du das, was ich sehe, Lotti?“

Das Streifenhörnchen rieb sich verschlafen die Augen, kletterte auf Beckys Schulter und betrachtete neugierig die neue Umgebung. Es sah aus, als würde es sofort losspringen wollen, um alles zu erkunden. Aber Becky hatte vorgesorgt und ein paar Haselnüsse eingepackt. So blieb Lotti beim Futtern brav sitzen und Becky ließ den Blick in alle Richtungen schweifen.

Schloss Rosenbolt hatte drei Stockwerke und ein Dachgeschoss, unzählige Erker und Türmchen. Obendrein war das Gebäude über und über mit wildem Wein bewachsen. Jetzt, im Spätsommer, leuchteten die Blätter knallorange und dunkelrot. Und genau in diesem Augenblick tupfte die Abendsonne ein paar schimmernde Flecken auf das Schloss. Die beiden mannshohen Steinfiguren an der Hauswand begannen zu strahlen. Die Fensterscheiben glänzten auf einmal wie flüssiges Gold. Alles sah wie verzaubert aus. Geradezu magisch! Becky war auf der Stelle schockverliebt.

„Hier ziehen wir ein, Lotti. Ist das nicht … unglaublich?“

Lotti wackelte mit dem Kopf, als hätte sie verstanden. Aber da war sich Becky nicht so sicher. Genauso gut könnte das Streifenhörnchen Nackenschmerzen von der langen Fahrt haben. Oder sich genervt räkeln, weil es stundenlang im Auto hatte hocken müssen. Und noch keinen Tropfen Wasser bekommen hatte. Becky seufzte. Wie schade, dass sie nicht einfach mit ihrem Streifenhörnchen sprechen konnte. Wie sollte Lotti begreifen, was gerade in ihr vorging?


„Papa?“, wandte sich Becky an ihren Vater. „Wusstest du, dass das Schloss so wunderschön ist?“

Professor Ignaz Librum hob gerade Beckys farbigen Koffer aus dem Kofferraum. Sein großer alter Lederkoffer stand schon auf dem Kies, daneben Lottis riesiger Käfig. Der sah selbst aus wie ein kleines Schloss. Professor Librum hatte ihn eigenhändig gebaut. Drei Nist- oder Ruhekästen für Lotti waren darin, eine niedliche Hängematte und ein buntes Laufrad.

„Du gehst besser in deinen Käfig.“ Vorsichtig setzte Becky Lotti in ihr tragbares Zuhause. „Wir müssen uns das Schloss erst mal gemeinsam anschauen, bevor du auch allein auf Erkundungstour gehen darfst. Ich weiß ja, dass du nicht wegläufst, Lotti. Aber sicher ist sicher.“

Professor Librum betrachtete Schloss Rosenbolt ausgiebig. „Ja, ich wusste, dass das Schloss sehr schön ist“, beantwortete er erst jetzt Beckys Frage, während das Gebäude sein schimmerndes Abendkleid anlegte. „Deine Mama ist im Nachbardorf aufgewachsen, und hier an der Uni, wo ich jetzt arbeite, haben wir uns kennengelernt. Einmal hat sie mich zum Schloss geführt, doch wir konnten es leider nur von außen besichtigen. Und jetzt wohnen wir hier! Ist das nicht toll? Willkommen also in unserem Schloss, meine Kleine“, sagte Professor Librum und strich sich über den sorgfältig gestutzten Bart.

Becky warf ihm einen liebevollen Blick zu und schob ihre kleine in seine große Hand. So einen Moment durfte man unmöglich allein erleben. Und es gab ja nur sie beide … und Lotti. Sie waren die Familie Librum, die ab jetzt auf Schloss Rosenbolt zu Hause war.


„Papa“, flüsterte Becky, „sind wir auf einmal reich?“

Professor Librum hüstelte verlegen. „Du siehst doch selbst, dass das Schloss ziemlich baufällig ist. Außerdem habe ich es nur gemietet. Aber reich ist man schon, wenn man in so einem Schloss wohnen darf, oder?“

„Hm.“ Becky überlegte. „Irgendwie schon.“


Professor Librum deutete nach vorn. „Schau mal! Der Brunnen sieht genauso aus wie der in deinem alten Märchenbuch, Becky.“

In der Mitte des Rondells, um das die Auffahrt führte, stand ein Brunnen. Aber nicht irgendeiner. Er war kreisrund, hatte ein vermoostes Wasserbecken und in der Mitte einen Sockel. Ein Frosch mit einer goldenen Kugel zwischen den Schenkeln hockte darauf. Aus seinem breiten Maul hatte er wohl vor langer Zeit Wasser ins Becken gespuckt. Jetzt war es leer.

„Du weißt schon, die Geschichte vom Froschkönig“, meinte Professor Librum. „Oje, sogar der Brunnen ist ausgetrocknet. Wahrscheinlich fehlt seit Jahren das Geld dafür.“ Er zwinkerte seiner Tochter zu. „Da müsste mal die Fee Glimmeria mit ihrem Zauberstab vorbeischauen. Und – pling! – den Brunnen wieder zum Laufen bringen, was?“

Glimmeria. Allein der Name verursachte Becky Bauchschmerzen. Die Geschichten der lustigen, zauberhaften Fee aus der magischen Welt hatte sie immer zusammen mit ihrer verstorbenen Mama gelesen. So wie viele andere Märchen- und Abenteuerbücher auch. Becky schluckte. Und als könnte Professor Librum ihre Gedanken lesen, drückte er Beckys Hand in diesem Moment ganz fest.

„Alles wird gut, Becky. Ab heute sind wir König Ignaz und Prinzessin Rebecca. Das ist doch auch ziemlich märchenhaft, oder?“

„Märchenbücher sind was für Babys, Papa. Aber ich bin keins mehr.“ Becky schob die Gedanken an die Vergangenheit beiseite. Jetzt war sie in ihrem neuen Zuhause. Und das, was sie hier vor sich sah, übertraf alle ihre Erwartungen.

Professor Librum ließ die Hand seiner Tochter los und durchsuchte seine Jacken-, Hosen- und Westentaschen. „Wo habe ich nur diesen verflixten Schlüssel hingetan? Becky, jetzt sag doch mal was!“

Ein bisschen kam Becky ihr zerstreuter Vater immer so vor, als wäre er aus der Zeit gefallen. Womit er auf jeden Fall gut zu dem alten Schloss passte. Wortlos zog sie den Schlüssel aus der ledernen Aktentasche, die ihr Vater neben sich auf den Boden gestellt hatte.

„Hier ist er, Papa. Genau dort, wo du ihn gestern hingesteckt hast.“

Professor Librum schnappte den Schlüssel aus ihrer Hand und trottete kopfschüttelnd zur Eingangstür. „Kommst du, Becky?“

Becky kam nicht. Sie stand immer noch wie angewurzelt auf dem Kies, den farbigen Koffer und Lottis Schloss neben sich, und blickte sich um. Bisher hatte sie mit ihrem Vater in einer kleinen und ziemlich lauten Stadtwohnung gelebt. Vierter Stock, kein Aufzug. Ohne Balkon, ohne Garten. Und jetzt das hier! Größer könnte der Gegensatz kaum sein. Die Baufälligkeit des alten Gemäuers, von der ihr Vater gesprochen hatte, war ihr völlig egal. Becky sah nur ihr Traumschloss. Als ihr Blick nach oben zu einem der Fenster im Dachgeschoss wanderte, fiel ihr etwas Seltsames auf. Eine kleine Bewegung. Der Umriss eines Körpers. Ein Schatten, der an der Scheibe vorbeihuschte. Oder bildete sie sich das nur ein?

„Lotti, ich glaube, oben im Dach …“, erklärte sie ihrem Streifenhörnchen gerade, da rief Professor Librum energisch:

„Komm jetzt bitte hinein, Becky, sonst verkühlst du dich noch. Und es wird schon dunkel.“


2. Kapitel
Zaubertreppen und Hungerbäuche

Eilig packte Becky den Käfig mit Lotti und stieg die Stufen empor. Als sie am Eingang stand, bemerkte sie den ungewöhnlichen Türgriff. Es war ein Löwe, der – Becky musste zweimal hinsehen – ein Buch zwischen den Zähnen hielt!

„Das passt genau zu unserem Namen“, meinte ihr Vater. „Ein lesender Löwe begrüßt die Familie Librum. Fein, fein.“

Librum war das lateinische Wort für Buch, das wusste Becky natürlich. Ständig wies Professor Librum sie auf die Bedeutung ihres Familiennamens hin. Die Librums hätten eine besondere Verbindung zu Büchern, behauptete er. Becky interessierte das nicht die Bohne. Nur weil jemand Bäcker oder Metzger hieß, musste er auch kein Brot backen oder Schweineschnitzel panieren. Becky weigerte sich, irgendwelche erfundenen Geschichten zu lesen. Eine Ausnahme machte sie nur bei Büchern, aus denen man schlau wurde, etwas lernen konnte. Sachbücher und wissenschaftliche Werke. Wie die Geschichtsbücher ihres Vaters, in denen Professor Librum immer wieder versank und deren Inhalt er anschließend seiner Tochter haarklein erläuterte.

Versonnen tippte Becky auf den Löwenkopf. „Papa? Warum bist du dir eigentlich so sicher, dass der Löwe das Buch lesen will? Bestimmt ist es so ein typisches Mädchenbuch, und er frisst es auf, weil es so albern ist. Ist doch logisch!“

„Becky, wirklich! Du willst eine echte Librum sein!? Du müsstest es eigentlich besser wissen. Es gibt keine albernen oder falschen Bücher. Es gibt nur Bücher, die zu einem Menschen passen oder eben nicht. Dein Urgroßvater hat ein Buch über die besten Bibliotheken dieser Welt geschrieben. Und Tausende von Büchern gelesen!“ Und deine Mutter …, wollte Professor Librum sagen, verkniff es sich aber, weil er wusste, wie sehr Becky ihre Mama vermisste. Stattdessen steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn zweimal um. Mit einem knirschenden Geräusch sprang die schwere Tür auf.

„Oha!“, entfuhr es Professor Librum, als er die Eingangshalle erblickte. „Jetzt komme ich mir langsam wirklich vor wie ein König!“

Becky schob sich an ihrem Vater vorbei und war ebenso beeindruckt wie er. Die Halle war riesig! Bodenlange, dicke Brokatvorhänge mit aufwendigen Stickereien schmückten die hohen Fenster. An einer Seite war ein mächtiger offener Kamin, über dem zwei gekreuzte Schwerter und ein Wappen hingen. Davor standen goldene Sessel mit dunkelrotem Plüschpolster.

„Nicht schlecht, Herr Specht!“ Professor Librum pfiff durch die Zähne.

Die Wände waren übersät mit Unmengen von Bildern in glänzenden Rahmen. Männer in Rüstungen und mit grimmigem Gesicht waren darauf zu sehen. Frauen mit kunstvollen Frisuren und feinen Kleidern. Paare, die steif und mit gepuderten Perücken nebeneinander auf einem zierlichen Sofa saßen. Oder Szenen voller Jäger, Pferde, Hunde, Rebhühner und Hirsche.

Becky sagte nichts. Sie staunte.

Neben einem langen, schmalen Goldspiegel war eine mannshohe, ziemlich verstaubte Ritterrüstung postiert. Das Visier war geschlossen. Mit beiden Händen umfasste der Ritter ein Schwert, dessen Spitze zu Boden zeigte. Bei seinem Anblick schauderte Becky ein bisschen.

„Er sieht nicht besonders freundlich aus“, meinte sie.

Professor Librum zuckte mit den Schultern. „Na und? Er ist ja auch nicht lebendig.“ Er zupfte am seidenen Waffenrock, den der Ritter über dem Kettenhemd und der Brustplatte trug. „Sieh mal, Becky, hier ist ein kleines Namensschild an der Wand. Unser Blechfreund heißt Ferdinand von Schwertfeger. Was für ein ulkiger Name.“ Nach einem letzten Blick auf die Rüstung wandte er sich dem offenen Kamin auf der anderen Seite der Halle zu. Becky folgte ihm.

Hätte sie in diesem Moment weiter auf Blechritter Ferdinand gestarrt, wäre ihr aufgefallen, dass sein Visier kurz auf- und wieder zuklappte. So, als hätte er die neuen Bewohner genauer in Augenschein nehmen wollen. Doch davon bekamen weder Professor Librum noch seine Tochter etwas mit.

Stattdessen stellte Becky Lottis Käfig so neben dem Kamin ab, dass das Streifenhörnchen sich ebenfalls umgucken konnte. Sie selbst legte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben.

„Faszinierend“, erklärte sie kichernd und mit verstellter Stimme. Sie ahmte ihren Vater nach, wenn er über Architektur oder Geschichte sprach. „Ein sogenanntes Kreuzrippengewölbe.“

Die Decke war geschwungen wie in einer Kirche, lange Steinbögen kreuzten sich in der Mitte. An ihren Enden saßen merkwürdige Gestalten. Schon häufig hatte Becky diese Art von Baukunst in den Büchern ihres Vaters bewundert. „Sieh mal, Lotti. Am Ende der Pfeiler sitzen die Kapitelle. Hier in Form von Steinfiguren.“

„Faszönörend“, murmelte auch Ferdinand von Schwertfeger. Allerdings so leise, dass Becky es nicht hören konnte. „Was für ein schlaues Mädchen. Dö kennt söch ja röchtög aus! Völleicht hat Pepper recht … ganz völleicht könnte sö es wörklöch sein, auf dö wör so lange gewartet haben.“

Interessiert betrachtete Becky die Figuren an der Decke, die mit weit aufgerissenen Augen, spöttischem Blick oder gerunzelter Stirn auf die Besucher herabsahen. Einige wirkten so echt, dass Becky beinahe darauf wartete, dass sie ihr auf den Kopf spuckten.

„Die Figuren sind großartig, stimmt’s? Ich muss mich unbedingt näher mit der Geschichte des Schlosses beschäftigen.“ Professor Librum war wieder neben seine Tochter getreten. „Sieh dir die ungewöhnlichen Treppen an.“

Becky folgte dem Blick ihres Vaters. Von einer großen Steintreppe aus gingen kleinere Treppen in alle Richtungen. Und zwar jede Art von Treppen. Schmale Holztreppen, schneckenförmig gewundene Metalltreppen, die sich steil nach oben schraubten, sogar eine Strickleiter, die aus einem Loch an der Decke baumelte. Alle sahen ziemlich baufällig aus. Und das Verrückteste: Die Treppen führten ins Nichts, sie endeten weit vor den Türen in den oberen Stockwerken.

„Wieso hören die Treppen einfach in der Luft auf?“, wunderte sich Becky.

„Keine Ahnung“, erwiderte Professor Librum. „Abgebrochen vielleicht oder verbrannt? Ich gebe zu … das ist wirklich ungewöhnlich. Allerdings kann ich mich im Moment nicht mehr richtig konzentrieren. Du weißt doch, wenn ich Hunger habe, setzt bei mir das Hirn aus. Deshalb suche ich jetzt erst mal die Küche.“

Kaum war der Professor weg, kletterte Becky auf den ersten Absatz der Haupttreppe. Sie wollte sich unbedingt das Gemälde, das dort hing, näher ansehen. Es zeigte eine Frau mit aufwendiger Turmfrisur, roten Wangen und einem gebauschten Kleid. Die Dame hielt einen Rosenstrauß im Arm, ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihren Mund.

„Ge-no-va Kä-se, Grä-fin von Spi-nat“, entzifferte Becky das etwas verblichene Schild unter dem Gemälde. „Was für ein komischer Name. Was meinst du, Lotti?“


Wäre Becky jetzt nicht zum Käfig gelaufen, um Lotti zu holen, hätte sie möglicherweise gehört, wie das Bild mit der Turmfrisurenfrau sich leise aufregte: „Genova Käse, Gräfin von Spinat!? Aber ich bitte dich, junge Dame! Was soll das für ein Name sein? Das ist doch Unsinn, kompletter Unfug. Genoveva Känuse, Gräfin von Spisenat heiße ich“, flötete die Dame im Bilderrahmen. „Kannst du denn nicht lesen?!“ Empört pflückte Genoveva eine Rose aus dem Strauß und pfefferte sie in hohem Bogen aus dem Rahmen und auf den Boden.

„So, jetzt darfst du wieder raus. Sieh dich in Ruhe um. Komm, Lotti“, lockte Becky ihr Streifenhörnchen und öffnete den Käfig. Und als Lotti flink hinaussprang, lag da auf einmal die Blume.

„Häh? Wo kommt die denn jetzt her? Regnet es hier rote Rosen?“ Becky blickte sich um. Kein Mensch war zu sehen. Sie legte wieder den Kopf in den Nacken und spähte zur Decke. Nichts als Mauerwerk und leblose Steinfiguren. Becky schaute zur Wand mit den Gemälden. Doch auch hier war alles genau wie vorher. Die Porträts hingen reglos und stumm.

„Ein bisschen unheimlich ist dieses Schloss schon, oder?“, murmelte Becky, während Lotti ihr Hosenbein hinaufkrabbelte und sich auf ihre Schulter setzte. „Wobei … Unsinn! Es gibt für alles eine logische Begründung.“

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
17 nisan 2022
Hacim:
121 s. 70 illüstrasyon
ISBN:
9783732013975
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: