Kitabı oku: «Liebe, Lust und Leidenschaft in der Literatur»

Yazı tipi:

BARBARA VINKEN

Liebe, Lust

und

Leidenschaft

in der

Literatur

EIN ESSAY


Originalausgabe

1. Auflage

© Verlag Komplett-Media GmbH

2019, München/Grünwald

www.komplett-media.de

ISBN E-Book: 978-3-8312-7008-8

Bildnachweis:

Alle Illustrationen im Buch: Heike Kmiotek, www.heike-kmiotek.de Titelbild: shutterstock, Cranach

Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Korrektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg

Umschlaggestaltung: guter Punkt, München

Grafische Gestaltung, DTP: Lydia Kühn, Aix-en-Provence, Frankreich

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Inhalt

Inhalt

Einleitung

Die Liebe in der Mythologie

Die sinnliche Liebe – Raserei und Selbstzerstörung

Die platonische Liebe – das Fleisch wird überwunden

Von der körperlichen zur geistigen Liebe –

Abaelard und Héloise

Die erhabene Liebe im französischen

Klassizismus

Die Unfähigkeit zu lieben in der Moderne

Così fan tutte

Louise Colet und Gustave Flaubert

Zeitgenössische Beispiele

Epilog

Über die Autorin

Einleitung

Die Liebe, wir alle glauben, sie zu kennen. Und doch scheint jeder anders zu lieben. Und zu allen Zeiten wurde anders geliebt. In diesem Essay nehme ich Sie mit auf eine Reise durch die Jahrhunderte und stelle Ihnen die unterschiedlichsten Spielarten der Liebe vor.

Die Leidenschaft der griechischen Dichterin Sappho lässt sie erglühend erzittern und raubt ihr das Bewusstsein. Die rasende Liebe Didos, der Königin von Karthago, zu ihrem Ein und Alles Aeneas führt nach seinem Liebesverrat zu ihrem Selbstmord. Der vom Eros begeisterte Platoniker vervollkommnet sein Ich und steigt durch die Knabenliebe zur Erkenntnis des Wahren, Guten und Schönen auf. Liebe ist hier nicht verheerend, sondern führt zum Allgemeinwohl. Später wird der Platonismus nur mehr Deckname für die Unfähigkeit zu lieben.

Der charismatische Theologieprofessor Abaelard und seine blutjunge Studentin Héloise verwandeln lustvoll tragische antike Sinnlichkeit in glühende geistliche Liebe. Weiter im Liebesreigen mit dabei: der unvergleichliche Liebesverzicht der Prinzessin von Clèves, die Leidenschaft als Trugbild bei Così fan tutte sowie die Unfähigkeit zu lieben, und stattdessen ganz der Kunst zu leben, bei Gustave Flaubert und Louise Colet.

Die moderne Frau meidet die Liebe wie die Pest und hat sich in einen libertinen Homosexuellen verwandelt.



Die Liebe

in der

Mythologie

Die sinnliche Liebe - Raserei und Selbstzerstörung

WAS IST LIEBE?

Fangen wir bei Adam und Eva und dem Buch Genesis an. Der Mythos des Falls verbindet zwei für die Liebe entscheidende Momente: Das Begehren nach Gottgleichheit drückt sich in dem Wunsch nach Allwissenheit aus – Eva wird verführt, vom verbotenen Baum der Erkenntnis zu essen. Das Wissen, das sie durch den Übertritt des Verbotes erlangt, ist eines vom Unterschied der Geschlechter: Eva und Adam erkennen, dass sie nackt sind, und schämen sich. Scham und Begehren sind diesem Erkennen des Geschlechtsunterschiedes gleich ursprünglich.

Am Beginn unseres Liebesverständnisses liegen zwei sehr verschiedene Vorstellungen von Liebe. Im fünften Jahrhundert vor unserer Zeit erzählt die griechische Dichterin Sappho, deren Gedichte nur fragmentarisch überliefert sind, von der zerstörerischen Gewalt der Liebe, die das Subjekt zur völligen Selbstverausgabung, zum ekstatischen Selbstverlust und schließlich zum Selbstmord führt. Die Dichterin lebte in Mytilene auf der Insel Lesbos in der Nordägäis, dem kulturellen Zentrum des siebten vorchristlichen Jahrhunderts, und liebte eigentlich Mädchen. Diese Liebe trägt bis heute ihren Namen: Wir sprechen von der »lesbischen« oder der »sapphischen« Liebe. Verzweifelt stürzt sie sich jedoch um eines bezaubernden Jünglings, um Phaons willen – so weiß es die Sage – vom leukadischen Felsen in die tobende See. Phaon war als Fährmann zwischen der Insel Lesbos und Kleinasien unterwegs; ihm voraus eilte der Ruf unwiderstehlicher Schönheit.

Die unerfüllte maßlose Liebe verzehrt. Sie ist eine einsame Erfahrung, die das Individuum aus der Gemeinschaft ausgrenzt. Auch ist sie trotz höchster Steigerung der Selbsterfahrung im Schmerz und in der Angst vor dem lebensbedrohenden Verlust des Geliebten eher wahnhaftes Verkennen als gesteigerte Erkenntnis.

Sapphos Ode an eine Geliebte (Sappho, Fragment 31, um 600 v. Chr.) singt verzweifelt von Raserei und Eifersucht. Sie muss beobachten, wie sich ihre Angebetete einem anderen, einem Mann, zuwendet. Hilflos hingerissen vor Begehren gerät sie außer sich: Ihr verschlägt es beim Anblick des geliebten Objektes die Sprache, der Atem stockt, die Ohren summen, alles verschwimmt ihr vor den Augen, sie wird flammend rot und im nächsten Moment totenbleich. Das Herz schlägt rasend, kalter Schweiß bricht aus, ihr versagen die Sinne. Ein Bild des Todes deutet sich an. Dieses Gedicht, das nur als Fragment überliefert ist, endet mit den Worten:

»Alles aber lässt sich ertragen.«

Das Subjekt erleidet den Selbstverlust, als es die Begehrte im heiteren, scherzenden Gespräch mit einem Dritten sieht, der ihm durch dieses übermenschliche Glück der Zuwendung der Geliebten göttergleich scheint.

Der Selbstverlust in entäußernder Liebe ist als Moment der intensivsten Selbsterfahrung höchst sprachmächtig gefasst. Das von Leidenschaft erfasste Subjekt mag erglühen und gleichzeitig vor Kälte zittern, taub, bleich wie der Tod, blind und stumm werden – der Dichterin verschlägt es darüber die Sprache nicht. Der Verlust des Ausdrucks ist meisterhaft in einer unmittelbar wirkenden, fast nüchternen Sprache beschrieben. Das leidende Selbst, ganz außer sich, macht sich in Selbstbeobachtung kühl zum Objekt der Selbstanalyse und gibt sich den anderen zum Schauspiel. Ein theatralischer Charakter ist selbst dieser extremen Liebeserfahrung, die bis zum Selbstverlust geht, nicht fremd.

Dass diese ekstatische Liebe auf wahnhafter Verkennung – oder, um es mit Freud zu sagen, auf einer Überschätzung des Liebesobjektes – beruht, die nicht von Dauer ist, leuchtet bereits in den Gedichten der Sappho auf, die von der »Verrücktheit ihres Herzens« spricht. In einem Zwiegespräch zwischen Sappho und der Liebesgöttin Aphrodite scherzt diese:

»Schon wieder«, sagt die Göttin der Liebe, »schon wieder rufst du nach mir. Wen soll ich jetzt davon überzeugen, dich zu lieben? Ohne wen, glaubst du, jetzt keine Sekunde weiterleben zu können?« (Sappho, Fragment 1, meine Paraphrase).

Aphrodite insinuiert damit, dass die Leidenschaft flatterhaft, die existenzielle Bedrohung, die überwältigende Angst, aus der heraus das Ich spricht, ein Zustand ist, der vorübergeht. Das Gedicht (Fragment 1) schließt so zwei Stimmen zusammen: die leidenschaftliche, in Ektase und Schmerz liebende, die aus dem Todeskampf heraus fleht. Und die der Aphrodite, die das kühle Wissen von der Wandelbarkeit, ja der Serialität der Leidenschaft hat. Die mütterliche Gegenwart der allmächtigen Liebesgöttin, die diejenigen, die sie anrufen, erhört, ist vielleicht nur Projektion der aus tiefster Angst und Verlassenheit rufenden Liebenden; sie besänftigt und beruhigt das vom Verlust des Liebesobjektes bedrohte Ich.

Sappho hatte Erben. Das bedeutendste, auch politisch brisanteste Beispiel für die rasende, selbstzerstörerische Leidenschaft ist das von Vergil, der im Umbruch von der römischen Republik zum Imperium kurz vor Christi Geburt die wahnsinnige Liebe der unglückseligen Dido zu Aeneas, dem Begründer des Römischen Reiches schildert.

Dido, die Königin von Karthago, ist Witwe. In einer ausgesprochen schwierigen politischen Situation hat sie der Asche ihres Mannes die Treue gehalten. Doch dann kommt Aeneas, der mit ein paar Waffengefährten das von den Griechen besiegte brennende Troja verlassen hat, mit seiner Flotte an ihr Ufer – und Dido spürt die vergessene Glut der Liebe aufflammen. Von den Göttern hat Aeneas den Auftrag erhalten, ein neues Troja zu erbauen: Er gilt als Begründer des Römischen Reiches. Später werden Karthago und Rom zu tödlichen Feinden. Rom wird Karthago in den Punischen Kriegen vernichtend schlagen und vollkommen zerstören. Diese kriegerische Zerstörung ist in der Schilderung der in mythischen Vorzeiten angesiedelten zerstörerischen Liebe der Dido, Königin Karthagos, durch Aeneas, Begründer Roms, von Vergil vorweggenommen.

Aeneas also wird auf seinen Irrfahrten an das nordafrikanische Ufer gespült. Weil seine Mutter Venus ihm eine gute Aufnahme sichern will, lässt sie Dido in Liebe zu Aeneas entbrennen. Venus setzt die Liebe gleichgültig als Kriegsmittel, als Mittel der Zerstörung und Vernichtung ein, und Juno, die Göttin der Ehe und Schutzgöttin Karthagos, schützt Dido nicht etwa, sondern spielt sie Venus im Gegenteil töricht in die Hände. In einer grauenhaften Ironie der Geschichte ist es Juno, die Dido von Karthago zerstört. Denn der Ehebund begründet hier nicht, wie von Juno erhofft und in dieser Absicht befördert, den ewigen Frieden zwischen zwei Städten; vielmehr besiegelt er die Zerstörung Didos. Aus dem trügerischen Ehebund wird der ewige Krieg zwischen den beiden Städten folgen, an dessen Ende der Untergang Karthagos steht.

Die Liebe wird von Vergil als Krankheit und Seuche beschrieben, die Leib und Seele zerstört und den Menschen zu einem Rasenden macht. Wie Gift rinnt sie durch Didos Adern und entzündet die Königin, als sie von den Schmerzen hört, von denen Aeneas, der seine Heimatstadt verloren hat, erzählt. Dido ist wund von quälendem Sehnen, sie nährt mit Herzblut die Wunde, sie wird verzehrt von loderndem Feuer und verbringt ihre Nächte schlaflos: »(…) nicht gönnt den Gliedern Ruhe das Sehnen« (Vergil, Aeneis, IV, 5).

Die unter Regie der Götter herbeigeführte sinnliche Erfüllung der Liebe, lässt das Feuer nur umso heller auflodern. Unheilbar – das ist Vergils medizinische Diagnose. Die zerstörerische, ja tödliche, zuerst zum Wahnsinn und dann zum Selbstmord führende Liebe der Dido wird von Vergil fast medizinisch genau wie ein Wundbrand beschrieben: »Unterdes frisst weiter im zarten Mark die Glut und heimlich schwärt im Herzen die Wunde« (Vergil, Aeneis, IV, 66/67).

Neben die Metaphorik der Krankheit tritt die der Jagd. Dido wird mit einer tödlich vom Pfeil getroffenen Hirschkuh verglichen, der in der Flucht das Geschoss in der Flanke stecken bleibt. In ihrer unsäglichen Liebe ist Dido bei Vergil nie schuldig. Moralische Kriterien spielen keine Rolle. Denn es ist der Liebesdämon, der das menschliche Herz in diesem furchtbaren Wahnsinn antreibt.

Vergil lässt die sinnliche Liebeserfüllung – übrigens wie dann das ganze Mittelalter nach ihm – als eine eminent antigesellschaftliche Kraft verleugnen: »Üppig schwelgten sie jetzt den langen Winter beisammen, dachten nicht mehr ihres Reiches, von schnöder Wollust gefesselt« (Vergil, Aeneis, IV, 193/194).

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2025
Hacim:
55 s. 9 illüstrasyon
ISBN:
9783831270088
Telif hakkı:
Bookwire
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