Kitabı oku: «360 Grad - März»
Betty Frank Simonsen
360 Grad
März
SAGA
Kolofon
360 Grad - März
Aus dem Dänischen von Julia Pfeiffer
Originaltitel: 360 Grader - Marts
© 2013 Betty Frank Simonsen
Alle Rechte der Ebookausgabe: © SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711493038
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: Epub 3.0
SAGA Egmont www.saga-books.com
- a part of Egmont, www.egmont.com
März
von Betty Frank Simonsen
Barfüßig sitzt sie da, die Füße auf dem Holzboden. Wenn sie ihren rechten Fuß ausstreckt, kann sie den Fußballen auf einen der sonnigen Flecken stellen, die schräg auf die dunklen Holzlatten fallen – dorthin, wo der Boden wärmer ist. Das Licht landet auf den langen Zehen, durchleuchtet sie weißlich, wie die Oberfläche der Milchschüssel unten in der Küche. Frederikke rollt die Reithosen bis zur Hälfte der Wade hoch. Heute ist der erste sonnige Tag. So lange hat sie hinter zugezogenen Gardinen gesessen, dass sie dieser Tag unmittelbar an den süßen Frühling ihrer Kindheit erinnert, so klar und der Himmel so weit, dass es ihr fast schon zu viel ist. Sie steht auf und sieht sich um: überfüllte Aschenbecher, Papierblätter, die den Schreibtisch und den Fußboden übersäen, unordentliche Stapel von Büchern, die vor dem randvollen Bücherregal stehen. Das Licht spielt mit ihren Füßen und bildet eine kleine, flimmernde Sonnenkugel auf dem einen Knöchel. Sie fühlt die Wärme ihren Unterschenkel hochklettern und sieht aus dem Fenster, zwischen den Streifen auf der Scheibe hindurch, wo Fräulein Svendsen gestern noch mit dem Putzlappen gestanden hat. Die Wiese draußen ist weiß, braun, grün. März, dieses wankelmütige Biest.
Unten am Waldesrand steht er. Der Mann, der beim Stutzen der Bäume entlang der Allee helfen soll. Er ist ein großer Kerl, der sich in seinem schlaksigen Körper nicht ganz zu Hause zu fühlen scheint. Mit seinem abgewetzten, braunen Hut in der Hand steht er dort und kratzt sich mit der anderen Hand im Nacken, als wäre es eine undenkbar schwere Aufgabe. Soll sie rauskommen und ihm zeigen, wie es geht? Aber sie weiß schon, was diese angeheuerten Männer immer sagen, wenn sie sie belehrt, wie sie ihr Werkzeug benutzen sollen. Es spricht nichts dafür, ihnen nach dem ganzen Klamauk wegen des Schieß-Trainings im vergangenen Jahr, noch mehr Anlass zum Tratschen zu geben.
Tante Eberhardt ist erleichtert gewesen, als Dr. Howitz mit seiner kleinen Brille auf der spitzen Nase und dem blauen Notizblock in der Hand vor knapp einem Monat aufgetaucht ist. Tag und Nacht sitzt sie im Salon und gleicht einer Wilden, erzählte die Tante kopfschüttelnd mit bebender Stimme. Dr. Howitz nickte einvernehmlich und sprach über Fredeikkes Eierstöcke. Ruhe, sagte er. Sie braucht Ruhe. Keine endlosen, nächtlichen Schreibereien. Das Hirn und die Eierstöcke können nicht gleichzeitig wachsen und nun müsse das Fräulein zusehen, erwachsen zu werden. Möchte sie Schriftstellerin oder Frau sein? Und jetzt steht sie unter Beobachtung, das weiß sie. Jetzt gilt es, sich keinen Fehler zu erlauben. Wehe der Frau, wenn die Eierstöcke nicht so wachsen, wie sie sollen. Er ist der führende Experte auf dem Gebiet der Frauenheilkunde, sagte ihre Tante als Frederikke trocken bemerkte, dass Dr. Howitz’ eigene Eierstöcke möglicherweise unverhältnismäßig groß gewachsen sind. Kurz danach teilte ihr Tante Eberhardt mit, dass sie eine Gesellschaftsdame beauftragt hat. „Damit ihr zusammen spazieren gehen oder die Enten füttern und frische Luft schnappen könnt, nicht wahr.“ Und Frederikke war bewusst, was das bedeutete. Raus aus dem Salon und hinein ins Damenleben.
Sie setzt sich an den Tisch und nimmt erneut den Stift zwischen die tintenbeschmierten Finger. Das knisternde Geräusch bei der Begegnung von Stift und Papier. Der Widerstand, als das wohlgefärbte Blatt Papier sich dem Stift ergibt, die Unsicherheit beim ersten Strich und die allmähliche Leichtigkeit, als ihre Hand in Schwung kommt. Wie die Hufe von Pferden, die haufenweise Schutt zur Seite schieben und sich einen dunklen Pfad durch den Schnee bahnen können. Sie ist eine Ritterin im Nichts, die über die Felder reitet, hinunter zum See. Unter ihr nicht als knirschende, halbgefrorene Erde, über ihr nichts als dunkle Zweige, die knorpeligen Sternenkonstellationen am milchigen Himmel ähneln. Am Morgen hat Figaro sie empfangen, als wäre es nur eine Stunde, statt der mehreren Wochen gewesen, seit sie das letzte Mal einen Fuß in den Stall gesetzt hat. Sein warmes Maul glitt wie warme Seide, die gegen ihre Haut atmet, zwischen ihre Hände. Mit roten Bäckchen vor Freude und Frost ritt sie mit ihm durch den Wald und als sie zu Hause ankam, fühlte sich ihr Körper beinahe wieder wie ihr eigener an.
Ein Wagen rollt vor dem Anwesen vor und Frederikke geht zum Fenster. Eine Frau steigt aus dem Fahrzeug und bewegt sich über den Schotter. Schneestiefel und graue Mütze verschwinden durch die Eingangstür. Frederikke setzt sich zurück an den Schreibtisch und starrt auf das Blatt Papier. Ihr nächstes Buch ähnelt mehr einem Essay. Eine Art Untersuchung der Natur der Begierde. Sie hofft, dass sie heute nicht von Tanten oder angeheuerten Gesellschaftsdamen, ganz zu schweigen von Ehrenamtlichen aus Slangerup oder Dr. Howitz, der ihren Eierstöcken einen Besuch abstatten möchte, gestört wird.
Was ist der Zauber des Begehrens? Was erträumen wir uns zu erreichen? Was glauben wir unter der Haut des anderen zu finden, welche Grenze soll überschritten werden, wen werden wir finden? Wo zieht sich die Grenze eines Körpers? Wann haben wir diese Grenze durchbrochen? Oder sind wir selbst diejenigen, die durchbrochen werden, penetriert, eingenommen von etwas anderem, um uns selbst zu verlieren? Sie schreibt schnell. Zwischendurch fühlt es sich an, als würde der Stift seinen eigenen Weg finden. Über manches schreibt sie mittels eines Codes. Namen, Orte, Küsse zwischen Frauen, eine Frau zu lieben wie ein Mann. So etwas kann nicht geschrieben werden. Am Anfang war es beschwerlich, doch nun sitzt der Code in ihr wie ein neues Alphabet und sie denkt kaum mehr darüber nach. Die Liste über diese Zeichen versteckt sie dort, wo sie sicher sein kann, dass keiner sie findet. Ganz hinten in Lord Byrons Don Juan. Das Buch, das sie, um es mit den Worten ihrer Tante auszudrücken, mit dem Byron-Fieber infiziert hat.
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