Kitabı oku: «Auf Gottes Wegen», sayfa 12

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Josefine verließ die Stadt. Sie nahm ihren Jungen mit nach der Westküste, wo er Seebäder nehmen sollte. Der Pastor wollte etwas später nachkommen; er hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt. Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher gekommen und hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Maße gewonnen, daß sie, als vor zwei Jahren die Stadt aus der Diözese ausgepfarrt wurde, einstimmig um seine Berufung einkam; und er erhielt das Amt. Fast sechs Jahre lang hatte er nun streng gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder hinauf, als er nicht zu Hause war, erzählte Ragni, daß sie verreise, verabschiedete sich und bat, den Bruder zu grüßen.

Ragni war sich sofort klar darüber, daß diese Reise nur ein Vorwand war, um sie nicht in die Gesellschaft einführen zu müssen; sie wollten nicht für sie eintreten. Zu Kallem, der weniger mißtrauisch war, sagte sie jedoch nichts davon. Er vergaß bald die ganze Geschichte; denn er hatte ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent wollte ins Ausland, und Kallem mußte seine Praxis übernehmen zum Dank dafür, daß Kent vor Kallems Ankunft das Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Ort war ein junger Militärarzt und augenblicklich bei den Übungen. Er hieß Arentz und zeichnete sich durch überaus breite, tadellos geplättete Vorhemden aus. Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort für Wort das Lehrbuch wieder – er mußte sich anfangs Mühe geben, ihn nicht "Niemeyer"7 zu nennen; aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit wegen gern leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen und Straßen Kallem unerträglich wurde, dachte er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte er selber ein freier Mann sein, so mußte er sich anders einrichten.

Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen und spät abends heimkommen. Vielleicht saß er einmal ein Weilchen bei ihr auf der Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der Arbeit war; aber selten. Er mußte wieder hinein, zu seinen Büchern. Anders gestaltete es sich, als sein Kollege wieder zurückkam; er glaubte, die versäumte Zeit nachholen zu müssen und fortan saß er beständig im Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schließlich siedelte auch Ragni dahin über; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihre eigenen Bücherfächer; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube.

Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten kaum zehn Worte. Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte nicht, was für einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden, oder – wie es meist der Fall war – am Fenster stand und hinausstarrte. Kam er ins Zimmer zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu begeben. Er behauptete, nirgends könne er so gut denken, wie da; das habe er von seinem Vater.

An seinem Heim hatte er eine große Freude; selten kam er nach Hause, ohne es zu rühmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie eine Schwalbe. Nach Tisch hörte er gern Musik, doch achtete er nicht immer darauf, was sie spielte.

Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "weißen Pascha", den Flügel "das Märchen". "Jetzt ein Märchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und gewöhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im Arbeitszimmer saßen und lasen, hatte sie das Gefühl, als segelten sie beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir jetzt hinein und segeln?" sagte sie.

Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen. "Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer wieder zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, daß sie ihn sprechen hören konnte." Von den Dampfern, die "droben, über ihnen, aneinander vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des einen zieht und die des andern schiebt nach."

Eines Abends auf der Veranda – es regnete, aber sie selber saßen trocken unter dem vorstehenden Dach – sagte sie: "Solche Häuser müßten einen Kopf haben." – "Einen Kopf?" – "Ja, zwischen den Flügeln, wie jedes andere brave Huhn." – "Ach, so meinst Du's!" – "Ich habe immer das Gefühl, als säße ich unter Flügeln und würde bebrütet." – "Sag' mal, wie kommt es, daß Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der Bibel heimisch geworden bist?" – "Weil ich einen Vater hatte, der mir, als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erzählte; Pflanzen, Tiere und Menschen wurden zu einer Familie. Das war so etwas für mich. Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete, Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht. Außerdem war mein Vater ein stiller, kränklicher Mann, den ich lieb hatte, und mein Stiefvater ein starker, jähzorniger Mensch, den ich fürchtete."

Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!"

Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, – so bei der Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem schweigsameren, mißtrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. Eines Sonntags, Anfang August, kam er herauf, in seinem höchsten Staat – einem langschößigen, braunen Rock mit außerordentlich engen Ärmeln, einer karierten, zu kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder. Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch heruntergeklappte weiße Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die Erklärung, er habe ja gar nicht gesagt, daß ihm etwas fehle.

Kallem merkte, daß es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; aber er dachte: Geschieht dir ganz recht!

Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fünf oder sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische Bücher leihen könne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich am besten weiterhelfen könne; er habe auf eigene Hand ein bißchen Englisch gelernt.

Ob er denn ans Auswandern denke? – Ja, könnte schon sein; "aber hinübergehen, und drüben auch für die Norweger schuften … dazu hab' ich keine Lust." – "Wie alt sind Sie?" – "O, so reichlich an die Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da fällt mir ein, Larssen, – meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umständen. Aber Kallem machte ihm begreiflich, daß man die Aussprache nur durch mündlichen Unterricht lernen könne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der Doktor erklärte ihr, daß für Kristen Larssen die englische Sprache gleichbedeutend sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bißchen rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr aufbürdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug zu tun. Sie selber war der Ansicht, daß sie gern möglichst frei sein wollte. Aber während sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klügeren Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfaßt. Eben vertiefte er sich in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie nötigte ihm ihre Hilfe geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie saßen zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden Köpfe über dasselbe Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein, feingeformt, rötlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht, verkniffen – ein warmes Frühlingsauge, eine blendende Haut, eine sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mußte sich offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, daß auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er sorgte sogleich dafür, daß sie zwei Bücher bekamen und daß jedes an einer Seite des Tisches saß. Sobald sie konnte, machte sie sich davon. Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn zu beschäftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, und wie war er so geworden?

Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf. Hier traf er die Frau, ein mageres, dürres Frauenzimmer, dessen Kopf dicht in ein großes Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd; sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und mißtrauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie müßten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu leben, damit sie für die Reise zurücklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber jetzt erst daran, daß auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr. "Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und sie legte ihn in den Kasten zurück, schloß ihn zu und stellte ihn auf ein Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel außer dem Haus zu tun," sagte sie, "das Kleinzeug da muß warten!" Der eine Raum diente als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch, ein Bett, eine Schlafbank, drei hölzerne Stühle; sonst alles kahl; und überall ein scharfer, übler Geruch.

Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von Sören Pedersen vorbei, dem er bei der Etablierung eines Geschäfts geholfen hatte, das recht gut ging. Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der andern eine Flasche, und Sören Pedersen und seine Frau schrien oder sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, klägliches Hundegeheul. Kristen Larssen lachte – ein Lachen, wie es nur aus den tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem weitaufgerissenen Maul – die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch ein Interesse für die beiden – wer weiß? Ob er das Tag für Tag so trieb?

Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in höherem Grade kennen lernen.

In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden waren von ihrer Reise ins Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald wieder von hier weg. Während ihres kurzen und wahrscheinlich letzten Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau, die sonst ganz zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste ließen auf sich warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungewöhnlich starke Dame vorgestellt, kaum dreißig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen unangenehm ist," sagte sie – — "ich bin nämlich die Schwester von Sören Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, daß ich es nicht ganz genau ebenso gemacht hätte, wie Sie!" flüsterte sie. "Noch dazu, wenn man einen Mann findet, wie Ihren!" – — und sie drückte Ragnis Arm. Sie war sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine Geschöpf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon daß ihr Gesicht und ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das alles so gut – bis auf die eigentümliche Bewegung der "Flossen"; sie mußte an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester – Dr. Kent war nicht verheiratet – gingen ihnen entgegen – auch die übrigen fast alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang das: "Nein! wie prächtig er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen macht!" der Fernerstehenden. Und während der ganzen Szene fragten Kallem und Ragni sich, wem die beiden ähnlich sähen; diese Gesichter hatten sie schon irgendwo erblickt.

Pastor Meek war über mittelgroß, breitschulterig, ein bißchen wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend war, trug er stark zurückgeworfen; dichtes, weißes Haar umrahmte das Gesicht. "Jetzt weiß ich's!" flüsterte Ragni. "Sie müssen verwandt sein mit dem jungen Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du weißt doch – der so schön war?" – "Ja, richtig! Dasselbe gewölbte Antlitz! Man könnte glauben, sie gehörten zu den Bourbonen." – Der Alte dankte für die Willkommgrüße mit einer tiefen, wohlklingenden, langsamen Stimme. Die Augen waren nicht unbefangen – eher forschend und resigniert. Kein Eindruck von Sicherheit, wohl aber von großem Wohlwollen und von Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der höheren Beamten ihn anredete, kam etwas altmodisch Zeremonielles, Reserviertes über ihn. Der "neue Doktor" wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus einer inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide müssen zueinander passen! Darf ich vorstellen: Frau Kallem – Fräulein Kraby." Ein bißchen schüchtern begrüßten sie einander und sprachen bald darauf von dem jungen Mann, der ihr so ähnlich sah. Es war ihr Vetter, und er war sehr musikalisch. Dadurch kamen sie auf Musik zu sprechen und gingen den ganzen Abend überhaupt nicht mehr voneinander.

Selten – ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals – hatte Ragni jemand gefunden, zu dem sie sich gleich so hingezogen gefühlt hatte. Dies stille und zugleich so lebhafte blonde Wesen hatte eine so liebenswürdige Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr eigenstes Denken. Und in wenigen Tagen verließ sie die Stadt für immer! Es gab ihrem Zusammensein einen eigenen, wehmütigen Reiz, daß sie sich heute wahrscheinlich zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte auch, daß Ragni später, als der Gastgeber sie in seiner schalkhaften Weise bat, etwas zu spielen, gleich bereit war. Sie wollte der neuen Freundin soviel von sich geben, als sie konnte.

"Bitte," flüsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, daß ich ein vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte sie "Solvejgs Lied" aus "Peer Gynt" an. Man hatte ein Bravourstück erwartet, nicht ein einfaches Lied; aber als sie es auf dem Flügel zu Ende "gesungen" hatte, waren alle so hingerissen, daß der Bürgermeister, der bei solchen Gelegenheiten gern das große Wort führte, um Wiederholung bat. Sie spielte es noch einmal. Darnach den unvergleichlichen, humpelnden Gnomenmarsch aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers "Kinderspiel" – der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte es mit derselben tiefeindringenden Interpretation des kleinsten Details. Dann eine Weise von Sinding – im alten Stil – jeder Ton ein Wort für sich; dann eine heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schluß den Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine Angst; ihre Augen wanderten mit reicher Botschaft zu Tilla, von ihr zu den anderen – — reine Märchenbotschaft! Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der Bürgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine schmetternde Trompete. Der alte Meek kam voll altfränkischer Ehrerbietung; "Großvater ist so musikalisch!" flüsterte Tilla.

Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; er blieb nie länger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete ihn; Kallem und Ragni schlossen sich an.

Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, Tage, an denen die Übergänge in der Temperatur nach Sonnenuntergang meist schroff sind; immerhin nicht so mild, daß Sommermäntel und Überzieher überflüssig gewesen wären. Überall Spaziergänger. Als man beim Doktorhaus angelangt war, fragte Ragni, die sonst so zurückhaltend war, ob sie nicht mit hinein kommen wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie, wenn sie die Hoffnung hegen dürften, noch ein bißchen Musik zu hören, so sei ihnen die Einladung nur zu willkommen. Die Lampen im Verandazimmer wurden angezündet, der Flügel wurde geöffnet, und eine italienische Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern hinaus. Der alte Meek war ganz beglückt und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der hier die Schule besuche, einmal kommen dürfe, um die Frau Doktor spielen zu hören – natürlich bloß, wenn es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei leider ein solcher Musiknarr, daß er mit neunzehn Jahren noch nicht einmal sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das Unglück nun eben nicht ändern könne, so sei es immerhin das Beste, wenn er nur gute Musik höre. Ragni erwiderte, es würde ihr ein Vergnügen sein. Kallem fragte, ob er den jungen Mann aufsuchen und es ihm sagen solle. Dafür war der Alte ungeheuer dankbar und sagte, er wäre dem Doktor noch dankbarer, wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend etwas sei da nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe das schon gemerkt; er glaube auch zu wissen, was es sei.

Jetzt setzte sich der Alte an den Flügel.

"Da sollen Sie eins von seinen Liedern hören!" sagte er. Und mit Fingern – viel weniger steif, als man es ihm zugetraut hätte – und einer Stimme, so leise, als ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke rühre – vor allem mit einer ganz eigentümlichen Anwendung der Fistel, summte er:

 
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn goldner Strahlenglanz
Über Firnen hüpft im Tanz,
Tief in den Abgrund dringend,
Beschwingend
Den zum Lichte kletternden Stengel,
Daß er sich träumt als seligen Engel.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht,
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
 
 
Wohl ist es wirklich Morgen,
Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,
Und Vöglein Tautropfen trinken
Und zwitschernd dem Baum zum Lohne
Eine Krone
Von jungfrischem Grün versprechen,
Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen.
Doch wenn's wettert und sprüht
Und krank mein Gemüt,
Kann das Morgen sein?
Nein.
 
 
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,
Sonne der Seele bringt,
Wenn in deinen Armen
Erwarmen
Alle die Menschen, groß und klein,
Dann gegen alle nur gut zu sein.
Dann ist es Morgen,
Wirklich, wirklich Morgen,
Die gefährliche Kraft,
Die das Höchste schafft,
Ist sie's, die dir nah?
Ja.
 

Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das für ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine Übersetzung. Als aber die andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der "Frauenzimmertext" sei eine von ihren Übersetzungen. Sein Vetter habe sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, daß Kallem schon am nächsten Tag Karl Meek aufsuchte, und daß dieser drei Tage darauf samt Klavier, Büchern und Kleidern in dem großen Giebelzimmer in Kallems Haus installiert war – in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem hatte auch den stärksten Widerstand von seiten Ragnis überwunden.

7.Felix Niemeyer (1820—1871), Arzt, Universitätsprofessor in Greifswald und Tübingen. Hauptsächlich bekannt durch sein "Lehrbuch der speziellen Pathologie und Therapie".
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09 nisan 2019
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