Kitabı oku: «Auf Gottes Wegen», sayfa 14
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Der Hausmeister war der erste, der es büßen mußte. Noch am selben Tag mußte er aus dem Hause.
Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. "Sie sind eine außergewöhnlich tüchtige Frau. Wenn Sie wollen, können Sie den Hausmeister- und Verwalterposten am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu, packen Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen Sie mit den Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger an Ihren Kummer! Haben Sie ein gutes Dienstmädchen?" – "Ja." – "Nehmen Sie die mit. Mehr ist nicht nötig. Alles andere finden Sie dort oben, und die Schwestern werden Ihnen helfen."
Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei ließ es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut machen, daß sie Mutter Andersen nach besten Kräften unterstützte.
Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern hörte er, daß er erkrankt sei, und fand es auch ganz erklärlich. Josefine begegnete Kallem ein paar Tage später auf der Straße; sie tat, als sähe sie ihn nicht.
Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn sogar der Glaube an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod hätte retten können?
Der Hausmeister und seine große Familie fielen natürlich dem Pastor und seiner Frau zur Last. Josefine mußte Geld herausrücken zu einer Buchhandlung – und zwar weit mehr, als ihr lieb war.
An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind. —
Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut angefahren, just als der Gutshof und die Landstraße draußen von angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen, und hierher wollte man am Schluß zurückkehren und noch tanzen.
Man beachtete den Ankömmling nicht weiter; man glaubte, er gehöre zur Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und Gäste sich eben anzogen, bemerkten einige, daß er fremd war; aber sie dachten nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie sich von rückwärts her umschlungen fühlte. Sie stieß einen Schrei aus und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinquälte, zog sie, ohne ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmiß die Beine in die Luft und lief Kallem auf den Händen entgegen; jetzt war die Kunst erlernt! Der Vater mit seinem mächtigen Haar und schwermütigen Gesicht stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen Geschöpf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme – das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu nichts anderem Zeit; er mußte einfach mitfahren.
Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelächter, bis die Meldung kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspännige und zweispännige. Eine lange, wellenförmige Schnur mit grauschwarzen Knoten – im Mondschein – über das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald zwischen den Stämmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und Geschwätz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war unmöglich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem saß mit seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem vielen Pelzwerk, daß er nicht anders konnte – er mußte ihr ab und zu einen Kuß geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt hatte! Während er ihr zuhörte, wurde ihm klar, daß sie erst jetzt ihre Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fröhliches gesehen! Nie hatte er gewußt, daß sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke kam ihm, später am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte, tollte, aß: sie holte die Fröhlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfaßt hielt und sie dahintrug, daß sie kaum mit den äußersten Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie einen Kreisel – immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen Zimmer, sogar bis in die Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber. Die Küchentür stand offen. Ein paar ältere Herren versuchten, in einer Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie mußten es aufgeben. In einemfort wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung – alles war gleich fröhlich.
Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag hinunterkam, ein bißchen müde und taumelig und sehr verwundert, daß sie gar nicht gehört hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, daß er abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging, hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück noch hingekritzelt hatte, tröstete sie ein bißchen. Er schrieb, er habe sie nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen mögen; aber eine größere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so fröhlich zu sehen.
Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!
Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er ließ sie lieber, wo sie war; besser konnte sie es ja nicht haben.
Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache hinein. Sein erster Krankenbesuch noch am selben Abend galt einer armen Mutter mit vielen Kindern, Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an einer Lungenentzündung darniederlag. Hauptsächlich um ihretwillen hatte Kent telegraphiert. Der siebente Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn nun die kommende Nacht halb vorüber war, so war auch der neunte Tag vorbei. Würde sie ihn überleben? Der obere und der untere Lungenflügel waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr schwach – dazu noch andere schlimme Zeichen – sollte er dem Herzen in dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? In einem solchen Fall war das Mittel noch nicht erprobt; aber immerhin – rationell war es. Wo er ging und stand, was er auch vornahm – überall verfolgte ihn diese Frage. Die fünf Kinder der Kranken waren bei Sören Pedersen und Aase untergebracht; in solchen Fällen waren die Zwei unbezahlbar.
Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; es war ein Ringkampf – Aug' in Auge mit dem Tod.
Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im Fenster ein kümmerlicher Geraniumstock, und an der Wand ein Bild von König Karl XV. zu Pferd – unter Glas und Rahmen —, ein paar mit Stecknadeln befestigte Photographien und eine Geige mit drei Saiten, die vierte hing herab. Die dalag, war dereinst eine schöne Frau gewesen, war sicher auch jetzt noch stark und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag sie da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen Arbeitshände auf einer zerlumpten Decke. Aber der Mann, der neben ihr saß, der war nicht stark, wie sie – ach nein – der war ein rechter Schwächling! Ein gutes Gesicht, und verwandt mit der Geige an der Wand insofern, als vielleicht auch in ihm eine Saite gesprungen war, bis die dort an der Wand so verwahrloste. Müde, abgezehrt von Nachtwachen saß er da – allein —, nicht weil die Nachbarn ihm nicht geholfen hätten, sondern weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen hatte, eben ausruhte, bis das Schwerste beginnen würde. Es hatte Kallem gerührt, zu sehen, wie die Nachbarn zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten verhindern, daß allzu fröhliche Weihnachtsgäste hier vorbeizögen; nachts lösten sich die Wachen ab. Er hörte das von der Frau, die gegen elf Uhr wiederkam, um zu helfen. Es war nicht viel zu tun – außer für den Doktor, und der wußte nicht, ob er wagen dürfe, etwas zu tun.
Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel Milligramm; darnach wurde der Puls kräftiger. Kallem faßte Hoffnung, wagte aber nicht, sie den flehenden Augen des Mannes zu übermitteln. Sie konnte trügen. Ein paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er wieder. Wieder eine Dosis; und wieder hob er sich. In größter Spannung saß er da und beobachtete. Er hatte sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die Lampe zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in einen Satz, vergaß ihn aber sofort wieder. Gesprochen wurde gar nichts, nur gestöhnt und geseufzt. Der letzte Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengeläute war längst verklungen, die letzte Tür geschlossen – die Nacht leer und grau. Fünf Kinder – das älteste zehn Jahre – konnten in jeder Sekunde ihre Versorgerin verlieren; und der Mann, der dort saß und bald nickte, bald sich über die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte und die Hände faltete – und von der Frau hinüberstierte zum Arzt – auch der verlor seine Versorgerin.
Sowie der Puls nachließ, eine neue Dosis; und immer wurde er wieder kräftiger; es schien also wirklich richtig, was er tat. Aber die Krise wollte nicht eintreten; es war Mitternacht vorüber, der neunte Tag war – demnach, was die Leute sagten – abgelaufen – und noch immer derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, nahm sein Buch, hielt es gegen das Licht, legte es wieder weg, und ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja – jetzt war es bald zu Ende mit den Kräften. Der Mann sah es ihm an und kämpfte, um nicht laut aufzuweinen. Der Doktor gebot ihm Schweigen. Wieder ein Versuch; und bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf? Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein Weilchen vom Bett weg, um mit frischen Sinnen aufs neue zu horchen. Sie schlief! Einen ruhigen, echten Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des Lebens sprang von des Arztes Gesicht über auf seines. Der Mann stand auf – wieder krampfte alles in ihm sich zusammen – gleich würde es ausbrechen. "Gehen Sie zu Bett!" flüsterte der Doktor. Der Mann warf sich über eins der drei Betten, preßte das Gesicht in die Kissen, – und jetzt brach es los.
Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd saß und sich jetzt erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie half ihm in seinen Mantel; leise öffnete er die Tür und zog sie hinter sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das über dem neuentzündeten Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest. Er klopfte noch einmal; denn er wußte ganz sicher – die beiden hatten ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte Sören Pedersens fünische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie aufwachen, daß ihre Mutter wieder gesund wird." – "Das ist aber ein Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm hörte man Aases hochländisches: "Ach nee – ist's denn die Möglichkeit?" – "Kommt morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.
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Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu großen Wehen zusammenfegte. Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall dauerte mit ungeschwächter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte, mußte bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste große Weihnachtsball!
Zum Ball! Zum Ball! In den größeren Städten, wo der Tanz ein Geschäft ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball aufgewirbelt wird, besonders auch unter der ländlichen Jugend, die mit dicken Pelzen über dem Ballstaat zur Stadt fährt. Aber wie der Schneepflug gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit mehr als die Hälfte von dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt, ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig kaum zu kennen scheint.
Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die prächtige Sissel Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mädchen keineswegs davon erbaut war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich überhaupt ähnlich.
Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den Händen vorgelaufen, und der Sattler hatte unaufhörlich von Maurer Andersens Tod geredet: Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade genug, die von der Lüge leben, daß es wirklich einmal nottut, daß einer an der Wahrheit stirbt" – und ähnliches Gewäsch, das Aase höchst bedeutend fand.
Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch. Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht über ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig – namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet.
Und jetzt mußte er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein öffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin war die gefeiertste Tänzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er sah sie vor sich – hochgewachsen, mit bloßem Hals, dunkeläugig, glühend vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr – er verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte die Lampe nieder, sagte dem Mädchen Bescheid und ging hinauf, um sich umzukleiden!
Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in großen Fetzen, die einander jagten. Wäre es nicht windstill gewesen, man hätte überhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum daß ihr Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrüßt hätte; kein Baum im Garten beugte sich vor ihm; er sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren weg – eingehüllt – fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt in einen weißen Steinhaufen, mit einem weißen Stab darüber. Er und die Kirche – die Kirche und er; und sonst nichts! Die Häuser unten in der Straße wichen zurück; sie spielten Versteckens – mit ausgestreckten Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am Strandweg lagen ein paar umgestürzte Boote; sie sahen aus wie weiße Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar – die Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser verwunschenen Welt.
Kallem stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Er und der Schnee, der fiel – das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal aus dem Häuschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war. Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier zu Zeiten eine lebendige Stadt war.
Jetzt hörte er eine Klarinette dudeln und einen Baß rumpeln – Fuchs und Eisbär, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte, die Schneeflocken rieselten herab, und die Häuser standen und faulenzten.
Endlich war er so weit gekommen, daß er inmitten eines qualmigen Feuernebels ein großes Haus erblickte; da drin war's – da dudelte es und stampfte. Und er steuerte drauf los.
War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas ähnliches – mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten, dem Tabak und dem Punsch zu. Kallem haßte und verachtete Tabak und Punsch und Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne sich zu "stärken".
Man sollte nie zu spät auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr – es war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte – entweder war er zu spät nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten – jedesmal, wenn die Tür aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus – begrüßten ihn und bestätigten dadurch sein Kommen; so ging er denn mechanisch weiter und zog seinen Überzieher aus. Im Flur noch weitere solcher überhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte – unstete Augen – ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte Rosen sahen sie aus; sie lachten – über nichts, schwatzten – von nichts, stets auf dem Sprung, daß man sie wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. Die Musik schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in gelbrotem Dunst.
Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in Klumpen zusammengedrängt, an der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob – eine echt norwegische Mischung.
Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengläser waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Länge sah er bald, daß seine Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania. Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben, sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. Herren im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette, Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche älter, manche blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.
Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nähe – mit ihrem Punschgeruch und Tabaksqualm, die er haßte, war er übellaunig und verdrossen gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber – er im Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. Dort streifte ein langer, blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit einer Frau von mindestens vierzig Jahren, – zweifellos seine eigene Mutter; wenn die nicht so aussah, als könne sie noch eine tüchtige Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das unter fortwährenden Körperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts – trat er auf den linken Fuß, beugte er sich nach links – immer ganz gewissenhaft im Takt, und dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine Tänzerin lachte nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil – sie amüsierte sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; darnach ein ganz verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem großen, schwarzen Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein Turm vorbei – ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen, schmächtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; hätte man ihm einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wäre auch kein Tropfen übergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hände von sich streckten wie Segel, zwei große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen. Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, daß jeder Recht hatte auf soviel Platz, wie ihm paßte, auf soviel Gerase und Getolle, wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.
Aber – Donnerwetter – da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen aus einem Nebenzimmer – ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und eine hohe, … Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe – das üppige Haar, in den gewohnten Knoten gebunden – die wilden Augen – ja, wild waren sie! – und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte! Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers! Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drängte sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten, und nach und nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, daß er nicht größer war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, männlicher Kerl, der vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mußte tanzen – und zwar mit ihr – und auf der Stelle! Als sie das nächstemal in einem glänzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an – sah sie so an, daß er wußte, sie mußte dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als ob jemand sie umfaßt und zum Stehen gebracht hätte, stand sie still. "Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing. "Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem gewandt: "Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" – "Ich habe zu danken – für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine —" er zog seine Handschuhe an – "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem Leutnant, der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen außer Atem; aber ihre dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich inzwischen wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen wollte, umfaßte er sie, um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, ohne sich aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß er sie führte. Aber bald merkte er, wie unnötig das war; sie bog sich und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig interessant und genossen diesen Augenblick der Versöhnung vor neuem Kampf. Ab und zu sahen sie einander an, immer gleichzeitig – er sehr rot, sie sehr bleich.
Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen fröhlich und natürlich, der Ballsaal prächtig! Sie hatten nicht miteinander getanzt, seit er Balllöwe und sie ein unausstehlicher Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht – sie waren glücklich. Während sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht voneinander lösen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten, eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten sie beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an Seite auf ihren kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schön zu Pferde!
Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an den Vater, während sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte; und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters dazwischen kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie an ihre Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit – wie an jenem letzten Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine größere Sehnsucht kannte sie nicht auf Erden.
Da hörte die Musik auf.
Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte – voll Wärme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den Kavallerieleutnant – sie in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band, er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.
Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, die Hände tief in die weiten Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber.
Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er mußte gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken – wenn ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das Christentum war es kaum – was aber war es? Sie tat alles, was sie wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als die meisten.
Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt, mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!
Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame Mädchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen – Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum mit den äußersten Zehenspitzen berührte; – sie wirbelte mit den kleinen Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" – und damit schlief er ein.
Und am andern Tag – er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und war gewohnheitsmäßig in die Wohnstube gegangen – denn da pflegte Ragni ihm vorzuspielen – da öffnete sich die Tür und – er traute seinen eigenen Augen kaum – ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, weiß und rosig und mollig und zärtlich – und hob sie in die Höhe.
"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich beisammensaßen – "weißt Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann – ich hatte Sehnsucht." – "Du hast eine schiefe Nase!" – "Und Du – na, warte nur – auf dem Ball bist Du gewesen!" – "Du hast eine schiefe Nase!" – "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber weißt Du – Karl ist gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" – "Karl?" – "Gegen mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett – man kann sich gar nicht vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders – heftig – furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." – "O, das kann ich mir ganz gut denken." – "Und weißt auch Du, warum ich abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja immer um uns." – "Du lieber Gott – hast Du den nun auch schon wieder satt?" – "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen – — – das wird —" – "Langweilig?"
– "Na ja, meinetwegen langweilig; aber es
ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch was möcht' ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich Ästhetiker!" – "Nun, und —?" – "Sag' Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin! Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein, ja?" – "Aber ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die – —" – "Nein, nein! Auch keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an.
"Aber liebste, süßeste Ragni —!" – "Ach Gott, ich weiß ja, es ist schrecklich egoistisch; aber ich kann ganz einfach nicht! Ich bin für so was nicht geschaffen!"
Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schönheit nahmen Besitz vom Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte; sie sangen die Küchentür auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden, zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.
