Kitabı oku: «Auf Gottes Wegen», sayfa 15
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Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich über den Mann geärgert, der in übermäßiger Freude seine Geige hatte herrichten lassen und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sören Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. Sören Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei. Kristen Larssen? – Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die ebenfalls Aase hieß; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte Sören die Nichte: "Aases Aase".
Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, daß das Gesicht ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube. Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den Weihnachtstagen?" – "Hm … Sülze haben wir gehabt." – "Haben Sie schon früher solche Anfälle gehabt?" – "O ja … ab und zu." – "Aber nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. – "Haben Sie Schmerzen jetzt?" – "Jetzt nicht. Aber manchmal …" – "Unter der Brust und im Magen?" – "Ja." – "Und die Schmerzen kommen häufig wieder?" – "O ja." – "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme aus der Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der Magengrube eine Geschwulst von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen wußte schon lange davon. – "Ist sie gewachsen?" – "O ja." – "Jeden Tag mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es heiß und heißer. Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen der Frau folgten ihm – ihre Stricknadeln gingen immer langsamer – es war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige Miene zu bewahren; aber sie ließ sich nicht täuschen – er merkte es. Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm – forschend. Kallem hieß sie die Herdklappe öffnen und sie offen lassen – Tag und Nacht – wieviel Holz es auch kostete. Sören Pedersen stand auf, voller Eifer, und öffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein Tun mit mißbilligenden Blicken; sein Holz war es freilich nicht! Um Zeit und Ruhe zu gewinnen, blätterte Kallem in den Büchern, die herumlagen. Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was ist denn das?" Und Sören Pedersen erklärte, es sei eine Verbesserung der von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und während er das erklärte, handhabten Larssens Finger die Räder und Nadeln so zart, so behende, daß seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache dabei deutlich zum Vorschein kam.
Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fußboden, der Tisch – alles lag wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten – Gewehre, Uhren, Nähmaschinen, Kaffeemühlen, Schlösser, zerbrochene Werkzeuge. Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem hörte, das sei das einzige, was Larssen über die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Während Sören Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen können; jetzt wußte er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Diät und schmerzstillenden Mitteln und forderte dann Sören Pedersen auf, mitzukommen.
Sowie sie auf der Straße waren, sagte ihm Kallem, daß es mit Kristen Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener Magenkrebs.
Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sören Pedersens runder, glänzender Fratze stahl sich plötzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das Gesicht blieb ganz leer – mit offenen Türen und Fenstern – zurück.
"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann müssen Sie, der ihn besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, über die er eigentlich hatte sprechen wollen, vergaß Kallem ganz und gar.
Innerhalb weniger Tage wußte die ganze Stadt, daß der Tausendkünstler Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter Mechaniker und Erfinder" erwähnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein Bekannter, den er auf der Straße traf, ohne daß man sich nach Kristen Larssen erkundigt hätte. Das nächste Mal, als er den Kranken besuchte, – nachdem Sören Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte – wurde die Sache mit keinem Wort erwähnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen den Fingern seine Erfindung – ein bißchen matt, nach einem fürchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah abschreckend häßlich aus. Die Frau strickte; nur daß sie ein bißchen näher am Bett saß. Die englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das war das einzige äußere Zeichen, daß die Zukunft aufgegeben war.
Kallem ging von da zu Sören Pedersen, der ihm erzählte, der frühere Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht, ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die Hölle käme. Larssen hatte bloß geantwortet, man möge ihn doch nicht aufhalten; er habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte verstanden – und entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das verschiedentlich Ärgernis.
Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte sich der Jünglingschor vor Kristen Larssens Haus und stimmte gedämpft einen Choral an. Andere kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, daß der Kranke eben einen Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn unablässig stächen – und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so, daß Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen mußte. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erklärten, wie alles bloß in bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unmöglich einem Sterbenden Gottes Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und antwortete grob.
Als er abends zur gewöhnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der Kranke fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, und ob die Schmerzen immer zunehmen würden. Und Kallem kümmerte sich darum weiter nicht um die Sache draußen; er bat nur, man möchte die Fenster verhängen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen könne, und kam zum Schluß: ja, es ist das beste. Also erklärte er ihm, es könne noch zwei bis drei Monate dauern – die Schmerzen würden sich immer häufiger einstellen – wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich heftig. Die Frau hörte es mit an.
Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Straße – in einiger Entfernung – ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand. Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster hereingesehen?" – "Ich —," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter der Kapuze – "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster sieht!" – "Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster gesehen. Und Du weißt, wer es war?" – "Ja. Aber ich bin gekommen, um mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich weiß, wann Du gewöhnlich hier bist." – "Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, daß sie in voller Aufregung war.
"Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Du nähmest die Verantwortung auf Dich, wenn Larssen in die Hölle komme?" – "Ich glaube überhaupt an keine Hölle!" – "Und das hast Du ausgesprochen?" – "Ich weiß nicht. Ich glaube nicht." – "Es gibt nämlich Menschen, die sind anderer Ansicht als Du, und die sind empört über derartige Aussprüche. Durch dergleichen verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir nur sagen." – Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja, natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso verrückt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hölle zu glauben. Also sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" – "Das verlangen sie doch auch gar nicht von ihm!" – "So? Und was denn?" – "Das weißt Du so gut wie ich, Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen – verhöhne nicht ernste und wohlmeinende Menschen!" – "Ich habe nicht höhnen wollen. Ich sage bloß – sie können sich und ihm die Mühe sparen." – "Ist er denn so kalt?" – "Kalt oder warm – das kommt lediglich auf die Veranlassung an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" – "Aber der Mensch kann sich eine Seelenkälte anleben; und ganz gewiß – so ist es bei ihm gewesen!" – "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es nicht!" – "Ja, was ist es dann?" – "Tausenderlei. Die, die ich meine, denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der Dreieinigkeit gesehen hat – ein mächtiger Körper mit drei Köpfen darauf – und hörte, daß der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite – Vater und Mutter – sei (Du weißt doch, der heilige Geist war im Anfang weiblichen Geschlechts —) konnte sie nicht mehr an die Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie gesagt – sie ist recht warm!" – "Pfui!" stieß Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie unrein!" – Kallem fühlte im Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war böse und sah böse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur die Kapuze; aber sie kam von Herzen.
Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in den Tagen, als sie sich noch prügelten. "Ich glaube beinah, Du", – zischte sie! Und sprühte vor Hohn und Wut. – — Und wandte sich voll Verachtung ab – und ging.
Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein auf der Straße. Aber er empfand eine unbestimmte Angst. Vielleicht mußte Ragni es entgelten!
Das Wort "unrein" in Josefines Mund – meinte Kallem – sei auf die Vergangenheit gemünzt. Und darum war er empört. Wieviel größer wäre erst seine Empörung gewesen, wenn er gewußt hätte, daß es eigentlich auf die Gegenwart ging? Daß Pastors sich nach ihrer Heimkehr zurückhielten, hatte auch darin seinen Grund, daß der Gotteslästerer Larssen Liebkind war in Kallems Haus, daß Ragni Englisch mit ihm trieb, daß Kallem wie ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen Larssen war für den größten Teil der Gemeinde eine Art Teufel, und wenn diese Ankömmlinge, Mann und Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie früher mit Sören Pedersen und seiner Frau) – so war das eine Herausforderung. Kurz darauf war Karl Meek ins Haus gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als in seiner Begleitung. Schließlich reisten sie sogar zusammen in das Walddorf hinauf – so viel war gar nicht einmal nötig, wo es sich um eine geschiedene Frau handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon einmal beim Ehebruch ertappt worden war.
Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, ihren Bruder zu warnen. Hätte sie in Ruhe sprechen können, so hätte sie ihm das alles gesagt; sie war unerschrocken, und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie mit dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurück.
Und nun brach ihre zurückgedrängte Leidenschaft sich Bahn; zuerst in bitterem Haß auf die Leute, die Bruder und Schwester auseinandergebracht hatte, allmählich aber auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer Andersens Tod – je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto schärfer trat der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur ungünstigsten Zeit. Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, waren ja Zugeständnisse, die er ihr gemacht hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufräumen. Schlimmer konnt' es sich gar nicht treffen.
Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des Pastors Mutter; sie lebte in ständigem Protest gegen das Vorderhaus. Nie setzte sie einen Fuß über die Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, außer zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen zum Mittagessen. Das ganze Wesen der Schwiegertochter, ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre Freundinnen waren ihr ein Ärgernis, – des Pastors ständiges Werben um sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. An einem Sommertag hatte Josefine auf der andern Seite der offenen Tür gesessen und gehört, wie sie ihn ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie gegessen hätten, ob sie Wein getrunken hätten und wievielerlei Sorten. "Großmutter hat gefragt, ob Mutter heut schon wieder aus ist!" sagte er ein andermal. "Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei uns geschlafen hat!"
Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber daß sie wußte – hinter den christlichen Ermahnungen des Pastors steckte die Schwiegermutter, – das machte sie nicht gerade nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu führen, wie es ihr paßte – mochte er dasselbe tun.
Für ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend an, von der Zeit, da er um ihretwillen den Missionsgedanken aufgegeben hatte; und immer mit demselben Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht daß sie ihn dazu verlockt hätte – im Gegenteil! Wenn sie ihn bisweilen genug hatte – sie hatte immer rasch alles genug – starke Strömungen gingen in ihr – dann erschien sie ihm am schönsten, am begehrenswertesten, wie die Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er nicht zu widerstehen.
Aber die große Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett seines Freundes gestellt hatte, die zeigte ihm, was er in seinem Leben versäumt hatte. Das war die Frucht der Nachgiebigkeit!
Als er in seiner Selbstprüfung so weit gekommen war, daß er mit seiner Frau darüber hätte sprechen können – da war sie stumm – in ihrem eigenen Kampf. Nach dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich sofort klar über das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere – sich rächen nannte sie's immer —, aber bald auch darüber, daß ihr Bruder ihr eigenes unklares Verhältnis durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt hatte, wußte sie, daß niemand sie so verstand wie er; seit ihrer letzten Begegnung wußte sie, daß er ihre Einmischung in Glaubenssachen verachtete; und darin hatte er recht. Nie hatte sie endgültig abgerechnet; immer nur sich damit begnügt, ihres Gatten Glaube und Handeln geachtet zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben. So konnte es nicht länger bleiben; ihres Bruders Verachtung ertrug sie nicht.
Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; dazu kam regelmäßig die Großmutter, nach ihr die Mädchen und gleich darauf der Pastor. Zur Morgenandacht kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht fiel aus, wenn Gäste da waren. Der Pastor sprach zur Einleitung und zum Schluß ein Gebet, wie es sich eben für die Gelegenheit schickte. In dieser Zeit waren diese Gebete lang und inbrünstig – und Josefine blieb weg.
Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein Greuel – die öffentlichen noch mehr als die privaten. Die letzten fanden meist abends statt, wenn es Schlafenszeit war, und der Junge zu Bette und die Hausandacht beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf – zu Bett; da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden da oben war schlüpfrig! Aber heut Abend kam er. Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer gehört, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. Sie riegelte nicht ab, und ließ die große Lampe brennen. Aber als er draußen an die Türklinke faßte, sagte sie: "Du darfst nicht herein." – "Doch!" – "Nicht, solang ich beim Auskleiden bin!" – "Ich werde warten." – Er ging wieder hinunter, und sie machte sich langsam fertig.
Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, über dem Studierzimmer; rechts, durch eine Portiere getrennt, das Ankleidezimmer, über dem Fremdenzimmer; links eine Tür zur Garderobe. Dicht daneben führte eine Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da hörte sie ihn jetzt kommen – zum zweitenmal – mit festem Schritt. Sie lag schon zu Bett. Die Zimmertür lag in der Mitte, den Fenstern gegenüber; die Betten standen rechts von der Tür; das ihre zunächst. Der Junge schlief auf der andern Seite, nach der Garderobe zu.
Er fragte nicht mehr, ob er eintreten dürfe; er öffnete einfach die Tür. Sie lag da, in ihrem weißen Nachtkleid, das schwarze Haar in einem Knoten, wie immer, den Kopf in die linke Hand gestützt, wie auf dem Sprung, sich aufzurichten.
Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rückte sie etwas von ihm ab, als sei ihr die Berührung unangenehm. Er sah finster drein. – "Josefine, Du weichst mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche Trost und Rat. Die alte Pein ist wieder über mir. – Und wir dürfen die Abrechnung nicht länger hinausschieben!" – Er sah sie an – voll Schmerz. Sie sah ihn an – stumm. – "Du weißt, was es ist. Ich lebe hier, bei Dir in Wohlsein und Genuß und draußen in der Gemeinde allgemein verehrt. Aber in einem solchen Leben wächst sich der Gottesmensch nicht zu seiner natürlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem wurde ich gewogen – und zu leicht befunden!" – Er barg sein Antlitz in den Händen und saß lange ganz still, als bete er. "Liebe, liebste Josefine!" Und er blickte auf. – "Hilf mir! Ich muß alles anders machen um mich her! Ich muß mein ganzes Leben anders gestalten!" – "Wieso?" – "Ach – ich bin kein Pfarrer, und Du bist keine Pfarrersfrau! Wir gehen beide zugrund – an unserem Eigenwillen!" – "Alle die – die Versuche, die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei mir und meinem Haus an! Fang einmal bei Dir selber an! Ich bin, wie's mir paßt. Sei Du, wie's Dir paßt! Und unser Haushalt – nun ja, der ist einfach nicht anders, als eine Familie von Geschmack und Vermögen ihn erfordert; behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine eigenen Zimmer; richte Dich ein, wie Du magst. Wünscht Du eine getrennte Lebensweise – bitte! Sag' es nur!" – "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst das Ganze zu einem Umzug im Haus oder einem veränderten Küchenzettel!" – "Immer dieselben allgemeinen Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich vor ihnen!" – "Weil Du den geistigen Grund in ihnen nicht erfaßt!" – Sie wurde blaß. – "Soviel ich weiß", sagte sie hart, "paßte es mir nicht, so fleischlich zu sein wie Du. Und damit hat es angefangen!" – "Das lässest Du mich jedesmal wieder hören. Aber ich schäme mich nicht, daß die erste Krise von meiner allzu heißen fleischlichen Begierde und von Deinem Widerstande kam; das hat mich geweckt. Nein, ich schäme mich dessen nicht. Denn als ich die Absicht äußerte, einmal von Grund aus zu reformieren —" – "Hab' ich Dir das etwa verboten?" unterbrach sie ihn. "Ja, bei mir anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir selber an, Ole!" – Er stand auf. "Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht, was Gott von uns will! Ich bleibe dabei – es ist etwas Ungeistliches an Dir, Josefine! Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! Nie hast Du Dich hingegeben in inbrünstiger Andacht! Du kennst nicht die Sehnsucht nach dem Unendlichen – sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen, Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafür tun magst Du nicht! – Du antwortest nicht? Möchtest Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt – zusammen mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide – auch um Deinetwillen!" Er setzte sich demütig wieder zu ihr hin. "Meinst Du damit, ich solle Dir zu den Zulukaffern folgen?" entgegnete sie kalt. – "Ich meine, wir sollen uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe Josefine, dann wird Gott uns weiterhelfen." – "Leeres Geschwätz versteh' ich nicht!" erwiderte sie. "Sag' gerad' heraus, was wir tun sollen!" – "Wir sollen im Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und für sie leben." —" Mein lieber Ole, das kann ich besser als Du! Du wachst niemals eine Nacht am Krankenbett in einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe auch die 'Gegenseitigkeit' gegründet" (so nannte sich ein Verein von besser situierten Frauen der Stadt, deren jede ihre Armen hatte, denen sie Arbeit und Unterstützung verschaffte. Josefine war Vorsitzende der Gesellschaft und verteilte die Arbeit). – "Ja," antwortete ihr Mann zustimmend, "administratives Talent hast Du wie Dein Bruder. Aber darin besteht es nicht – selbst als große Dame zu leben und dann und wann einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein – man muß mitten unter ihnen und ganz für sie leben!" – "Sollen wir das Haus verkaufen? In die Vorstadt ziehen? Sag', was Du willst!" – "Wenn Gott uns dazu treibt – ja! Aber es muß in und aus Glauben geschehen, um Jesu willen. Sonst hat es keinen Wert." – Sie antwortete mit keiner Silbe.
"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, ein echtes Christenleben zu führen?" Seine Augen flehten; seine Hand suchte die ihre: "Josefine!" Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du weißt ja, ich sehe nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich machen soll; das würde keinem nützen, und mir würde es schaden." – "Sag' das nicht! Wenn wir es nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander ganz dafür leben, andern Gutes zu tun?" – "Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch verletzt – einerlei! Aber daß ich an Jesus glauben muß, um den Armen zu helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede wie ich denke." – "Wenn Du an Jesus glaubtest, so würdest Du den Grund erfassen." – "Ich habe nie gesagt, daß ich nicht an Jesus glaube." – "Ach, Josefine, das ist kein Glauben! So verstehst Du also nicht einmal, was Glauben ist! Diesen schweren Schaden an Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der jahraus, jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" Er beugte sich über sie; Tränen standen in seinen Augen. "Wie herrlich könnten wir miteinander leben, wenn Du Dich vor Gott beugen wolltest – bei den Gaben, die Du hast – und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie zärtlich umfassen. – "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.
Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte sich wieder zurück, beide Hände unter dem Kopf; ihre Brust wogte; sie war in vollem Aufruhr. "Ich weiß nicht, ob wir es vor Gott verantworten können, unter diesen Umständen zusammenzubleiben", sagte er. – "Gut! Tu, was Du willst!"
Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Würde zu antworten. Der Kleine stöhnte im Schlaf und wälzte sich herum, als beunruhige ihn etwas. Tuft sah ihn an; mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem Vater gesehen, es war auch seine eigene, ebenso das Haar, der Bau der kleinen Hand, die Finger, ja sogar die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da auch der Junge nicht mehr sein eigen sein würde, wenn es so weiterging.
"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! Gott helfe uns beiden! Aber fortan ruht der Kampf nimmermehr!"
Das Breite und Mächtige in ihm, das hinter der Herzensgüte lag, war am Hervorbrechen; sie fühlte es. Und auch in ihr quoll es empor. Sie hörte ihn im Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch ohne Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.
Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit über seine Krankheit erfahren hatte, erschoß er sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren Schreck ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte kaum, am Haus vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein Gerücht, Kallem habe Larssen seinen Revolver zu diesem Zweck überlassen; doch wurde das von der Frau selbst, von Sören Pedersen und durch Kallems eigene Aussage widerlegt.
Kristen Larssen hatte sich gedrückt, ohne Ankündigung, ohne Dank. Zu seiner Frau hatte er gesagt, ein rascher Tod sei für ihn das beste. Aber auch zwischen ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden, keinerlei Abschluß, kein Abschied hatte stattgefunden. Er hatte sie gebeten, zu Sören Pedersen zu gehen, und während der Zeit war er aus dem Bett gekrochen und mit der ihm eigenen überlegenen Gründlichkeit hatte er die Tat vollbracht.
Das herkömmliche Begräbnis wurde verweigert und eine Ecke an der nördlichen Mauer angewiesen. Dort arbeiteten drei Männer stramm, um ein Grab zu graben. Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn in die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin eine Fügung Gottes sahen. Zu einer ungewöhnlichen Zeit, nämlich nachmittags, ohne Glockenläuten, ohne Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen hinabgesenkt. Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel am meisten Aune auf; er war betrunken und machte sich fortwährend bemerkbar; dabei war er so dünn gekleidet, daß man fror, wenn man den blaugefrorenen Kerl nur ansah. Sören Pedersen bat ihn mehrere Male, sich ruhig zu verhalten; aber vergebens. Von Sörens blankem Gesicht sah man nur die Augen, die Nase und etwas von den Backen; das übrige war von unten durch einen mächtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen wollenen Schal und von oben durch eine bis in die Augen gezogene Pelzmütze verdeckt. Die Hände staken in nordländischen Handschuhen, – einem Paar von jenen Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang tragen – und die Füße in Pelzschlurren. Sören Pedersen war in die Breite gegangen; der Überzieher war ihm zu eng geworden; mit diesen Auswüchsen sah er wie ein Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik hielt sich an der rechten Seite der Witwe, die lang und hager dastand, in Finnenschuhen und einem bis an die Füße gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, um den Kopf ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie hatte es offenbar darauf angelegt, ihr Gesicht zu verbergen. Aune schwankte umher und erzählte, er habe ihr geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. Jetzt hatte er das Haus abgeschlossen; den Schlüssel trüge er in der Tasche. Und er zog ihn hervor. Die Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof und bei Verwandten – ein paar Meilen von hier – bleiben; später wollte sie dann weiter nach ihrem Heimatort. Außer diesen vieren waren nur noch zwei Männer da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf sein Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe und kaute ohne Unterlaß Tabak. Der andere hauste hinter einem braunen Bart und war verwachsen und triefäugig.
Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehügel; Karl Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der Witwe seine Mütze ab, die andern grüßten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen würde. Als nichts geschah, sagte er:
"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht; ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religiösen Dingen anders gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafür büßen müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen nach dem freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentüchern ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen; das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn ich jedoch dies gesagt und noch hinzugefügt habe, daß er der begabteste Mensch war, dem ich hier begegnet bin, so habe ich ungefähr alles gesagt, was ich von ihm weiß.
Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn fröre. Die Kälte, die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen.
Es hat sich so gefügt, daß nur wir fünf oder sechs ihm Lebewohl sagen. Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt – alle die schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!"
Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere sich rührte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch für die Violine danken! Und – und – vergib uns unsre Schuld! Und – und – leb' wohl!" Beinah wäre er hineingetaumelt. Sören Pedersen packte ihn ärgerlich am Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hör' mal, Aasechen, Du betest das Vaterunser so schön! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die Hände. Die Männer nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das Vaterunser.
Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als wolle er in Stücke gehen.
Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der Nähe sehen, in Tränen aufgelöst, erschöpft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen wärmer gedankt worden. Ebenso nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wußte in ihrem Innern, daß sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei, der Stadt zu; Sören Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni aber nahm Kallems Arm; sie hätte sich ihm an die Brust werfen und laut weinen mögen.
