Kitabı oku: «Seewölfe Paket 10», sayfa 5

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Ben schüttelte den Kopf. „Unmöglich. Ohne Schußwaffen sind sie von vornherein zum Scheitern verdammt.“

„Sicher“, sagte Siri-Tong. „Die Verzweiflung verleiht den Menschen zwar manchmal gleichsam übernatürliche Kräfte, aber gegen Pulver und Blei sind sie im Endeffekt dann doch machtlos.“

„Alewa, wie viele deiner Leute befinden sich auf der Insel?“ wollte der Seewolf von dem Mädchen wissen.

„Viele – hundert oder mehr.“

„Könnten es nicht auch zweihundert sein?“

„Ja, ja“, erwiderte sie heftig.

„Das habe ich mir gedacht“, sagte er. „Ganz so phantastisch erscheinen mir Thomas Federmanns Pläne unter diesem Gesichtspunkt auch nicht mehr. Zweihundert Insulaner, vielleicht aber auch noch mehr. Wehe, wenn sie losgelassen – dann können Louis und seine Bande zwei, drei oder auch vier Dutzend niederschießen, aber der Rest würde über sie herfallen.“

„Es würde ein Blutbad geben“, warf der alte O’Flynn ein.

„Zweifellos. Aber sehen wir mal weiter. Alewa, wo befinden sich deine Leute eigentlich?“

„Im Hauptdorf. Mitte der Insel.“

„Ist es das Dorf, das wir damals, vor sechs Jahren, schon kennengelernt haben?“

„Ja.“

„Und welche Bedeutung hatte nun das Pfahlhüttendorf?“

Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, schien nach Worten zu suchen. „Mehrere solcher Dörfer – auf ganzes Insel“, antwortete sie dann. „Sechs Stück. Drei am Wasser – Fischerdörfer. Drei im Busch – Jägerdörfer.“

„Ich verstehe“, sagte der Seewolf. „In sechs Jahren hat sich die Bevölkerung vermehrt, nicht wahr? Und ihr habt die neuen Dörfer gegründet, um euch sinnvoll über ganz Hawaii zu verteilen und das sonst ungenutzte Territorium in Anspruch zu nehmen.“

„Schwierige Wörter, Lobo del Mar.“

„Eure jungen Männer bauten die neuen Dörfer, um dort mit ihren Familien zu leben, oder?“

„Ja.“ Diesmal hatte sie jedes Wort verstanden.

„Und wo wohntest du?“

„Dort.“ Sie wies mit dem Finger auf das zerstörte Dorf.

„Und Waialae?“

„Auch dort.“

„Aber Mara und Hauula blieben doch wie früher bei Zegú, eurem König, im Hauptdorf wohnen, nicht wahr? Und auch Thomas Federmann verweilte im Zentrum der Insel, oder irre ich mich?“

„Es stimmt alles, was du sagst, Lobo del Mar.“

„Warum habt ihr beide – Waialae und du – euch abgesondert?“ fragte er sie.

Sie blickte ihn an, und ihre Augen begannen feucht zu schimmern. „Unsere Männer – unsere Freunde holten uns zu sich in das Fischerdorf. Koa, so heißt Alewas Mann. Lanoko ist Waialaes Mann. Weiß nicht, ob sie noch leben.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen.

7.

Siri-Tong bewies, daß sie trotz des Anflugs von Eifersucht, den sie vorher gezeigt hatte, ihrer Geschlechtsgenossin auch ein echter Kamerad sein konnte. Sie setzte sich neben Alewa auf die Gräting, legte ihr die Hand auf die Schulter und sprach leise und beschwichtigend auf sie ein. Das Mädchen schien sich allmählich wieder zu beruhigen.

„Da schlag doch einer lang hin“, sagte der Profos verblüfft. „Die Kleine ist also verheiratet. Wer hätte denn das gedacht?“

„Aber eine Ehe, wie wir sie kennen, gehen die Polynesier nicht ein, Ed, vergiß das nicht“, gab Old O’Flynn zu bedenken. „Sie empfinden sich alle als eine große Familie, wenn ich das damals richtig verstanden habe.“

„Ja, das war eine pükante Geschichte“, sagte Matt Davies.

„Pikant, nicht pükant, Mann“, verbesserte der Profos ihn.

„Hab ich doch gesagt …“

„Außerdem: Pikant, das ist, wenn ein Essen scharf gewürzt ist“, meldete sich Stenmark zu Wort. Er sah aber, daß Dan O’Flynn vergnügt zu grinsen begann, und fügte gleich noch hinzu: „Oder etwa nicht?“

„Das ist doch jetzt piepegal“, brummte Ferris Tucker. „Eines wissen wir ja nun. Alewas Liebster ist weg, Waialae und ihr Auserwählter sind auch verschwunden. Wir müssen sie suchen und finden, verdammt noch mal.“

Alewa schaute auf. Sie wischte sich die Tränen ab und sagte: „Das war so. Vor zwei Nächten kam die Tsunami.“

„Ja, die Riesenwelle!“ rief Carberry. „Damit haben wir ja auch Bekanntschaft geschlossen.“

„Tsunami fiel über Pfahlbauten her“, fuhr das Mädchen fort. „Alles kaputt. Großes Durcheinander. Wir – Waialae, Koa, Lanoko und zehn andere Mädchen und junge Männer und ich – wir konnten fliehen, als überall Wasser war und die Hütten zusammenbrachen.“

„Wieso wart ihr hier, nicht im Hauptdorf?“ wollte der Seewolf wissen. „Warum hatten Louis und die anderen Halunken euch nicht alle im Zentrum zusammengetrieben, um euch dort besser bewachen zu können?“

„Pfahldorf war ein vorgeschobener Posten“, sagte sie.

„Ich verstehe schon“, meinte die Rote Korsarin. „Die Franzosen mußten ja immerhin damit rechnen, daß sie früher oder später Besuch von einer der Nachbarinseln erhielten. Ich schätze, sie sagten sich, daß die Bewohner von Maui oder Oahu sie durch Späher beobachtet haben konnten. Vielleicht hatten sie auch Auslegerboote gesichtet, die Hawaii umrundeten. Auf jeden Fall wollten sie auf unliebsame Überraschungen vorbereitet sein.“

„Darum besetzten sie auch das Pfahlbautendorf und bewachten dort gleich die Insassen mit, um möglicherweise für den Fall einer Bedrohung von außen Geiseln zur Verfügung zu haben“, spann Hasard den Faden weiter. „Ja, das leuchtet mir ein. Wenn es einen Überfall gab, dann auf jeden Fall von der Westseite her. Das Dorf an dieser Bucht mußte Louis, Marcel, Richard, Jean, Luc und den anderen darum als ideale Basis erscheinen. Nun, sie haben einen Denkfehler begangen. Die Freundschaft der einzelnen Inselstämme untereinander geht wohl doch nicht so weit, daß sie sich gegenseitig helfen, falls sie bedroht werden. Alewa, hast du mich verstanden?“

„Ja.“

„Kamen jemals Eingeborene von den Nachbarinseln, um nach dem Rechten zu sehen?“

„Nein, nie.“

„Wie verhielten die Piraten sich nun euch gegenüber?“

„Sie wollten uns – uns Frauen und Mädchen. Koa und Lanoko und andere junge Männer wehrten sich. Wurden niedergeschlagen.“ Wieder stiegen Tränen in ihren Augen auf. „Aber dann kam Tsunami. Und wir flohen. Ich verlor Brüder und Schwestern aus den Augen, verirrte mich. War verzweifelt. Zwei Nächte lang starb ich fast vor Angst. Überall Piraten, die uns suchten. Dann, heute früh, wollte ich ins Dorf zurückschleichen, ein Boot nehmen, nach Maui hinüber. Dort wollte ich um Hilfe flehen.“

„Jean und Luc hätten dir eine üble Falle gestellt“, sagte Hasard. „Mein Gott, wenn wir das alles geahnt hätten. Aber verrate mir, wo deiner Ansicht nach Waialae, Koa, Lanoko und die anderen stecken.“

Alewa richtete sich kerzengerade auf und wies mit dem ausgestreckten Arm zu den schneebedeckten Zwillingsgipfeln der Insel empor. „Dort hinauf vielleicht. Zu den Feuerseen. Zu Pele, der feuerspeienden Göttin von Hawaii. Dort oben einzige Rettung vor Verfolgern.“

Siri-Tong spähte zu den Bergen hinauf. „Was immer die Piraten dort oben erwarten mag, sie werden nicht zögern, in die Berge aufzusteigen und die Eingeborenen zu hetzen.“

„Ja“, sagte Hasard. „Und die anderen Gefangenen, Alewa? Sie sind doch nach wie vor im Hauptdorf zusammengepfercht, oder?“

„Ich glaube.“

„Die Tsunami hat dort keine Zerstörungen angerichtet?“

„Nein.“

„Und das Schiff der Piraten? Wo liegt es?“

Alewa deutete nach Norden. „In kleinerer Bucht.“

„Moment mal“, sagte Carberry. „Dann wundert es mich aber, daß diese triefäugigen Kakerlaken noch nicht mit ihrem Kahn aufgetaucht sind, um uns einen Schuß vor den Bug zu setzen und die große Schlacht zu eröffnen. Woran liegt das?“

„Ja, woran liegt das“, ahmte Ferris Tucker ihn nach. „Hör mal, hast du die Riesenwelle schon wieder vergessen?“

„Ach, richtig – vielleicht hat sie den Scheißkahn der Halunken ja gegen das Ufer geworfen. Vielleicht ist der Zuber sogar gestrandet. Ho, das wäre zu schön, um wahr zu sein, und wir …“

„Wir werden sie in ihrer kleinen Bucht besuchen, Ed“, unterbrach ihn der Seewolf. „Darauf kannst du dich verlassen. Nur müssen wir damit rechnen, daß sie ihren Dreimaster inzwischen wieder so weit instand gesetzt haben, daß sie damit auslaufen und ins Gefecht mit uns gehen können. Immerhin haben sie zwei Tage Zeit dazu gehabt.“

„Wir müssen uns beeilen“, sagte die Rote Korsarin. „Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr Möglichkeiten haben diese Hunde, einen Angriff auf uns zu planen und in die Tat umzusetzen.“

„Hasard und Philip“, wandte der Seewolf sich an seine Söhne. „Holt Papier und einen Federkiel. Wir entwerfen eine Skizze von der Insel und markieren die für uns wichtigsten Punkte darauf. Alewa, sag du mir bitte, wie viele Piraten sich deines Wissens an welchen Stellen der Insel aufhalten.“

Big Old Shanes mächtige Gestalt hatte sich zwischen die Männer geschoben. „Sir!“ rief er. „Der Kutscher sagt, ich soll mich aufs Ohr hauen, aber, Hölle, wenn wir gegen die verfluchten Franzosen losziehen, dann will ich dabeisein, hol’s der Henker!“

Hasard blickte zu ihm auf. „Wie fühlst du dich denn jetzt, Shane?“

„Prächtig.“

„Übertreibst du auch nicht?“

„Ich stehe ohne zu wackeln auf meinen Beinen, und die Schmerzen im Arm haben schon nachgelassen.“

„Er hat ein Drittel von dem Inhalt der Flasche ausgesoffen“, meldete Carberry. „Das hilft ganz schön, meine ich.“

Hasard lächelte. „Genehmigt, Shane, du bleibst im Dienst.“

„Danke, Sir.“

„Du bist nicht kleinzukriegen, was?“

„Da muß es schon dicker kommen“, erwiderte Big Old Shane. Er grinste und sah auch schon nicht mehr so blaß im Gesicht aus wie zuvor, als ihn die Kugel getroffen hatte.

Die Zeichnung, die der Seewolf von der Insel Hawaii zu Papier brachte, war natürlich bei weitem nicht so kunstvoll und genau, wie ein Thomas Federmann sie hätte anfertigen können. Aber für Hasards Zwecke genügte sie vollauf.

So von oben besehen, war Hawaii ein ungefüges, klobiges Etwas, dessen Form man in etwa mit der eines verunglückten Fladenbrotes vergleichen konnte. Nicht ganz in der Mitte, sondern leicht südwestlich verschoben befanden sich die Zwillingsgipfel des Mauna-Loa-Kraters, genau westlich davon die große, langgestreckte Bucht, an der das zerstörte Pfahlhüttendorf stand. Fünf Meilen nördlich kerbte sich nach Hasards Messungen und Berechnungen, die er aufgrund von Alewas Angaben gemacht hatte, die kleinere Bucht in die Küste, in der die Dreimast-Galeone der französischen Freibeuter ankern mußte.

„Saint Croix“, hieß diese Galeone, soviel hatte Alewa von ihren Bewachern – Jean und Luc und sieben anderen Kerlen – im Pfahlbautendorf vernommen.

„Saint Croix!!, dieser Name ließ darauf schließen, daß die Seewölfe es mit einer Meute hartgesottener Karibik-Piraten zu tun hatten. Saint Croix war eine kleine Insel, die gar nicht weit entfernt von Puerto Rico und der Mona-Passage lag, und nur sie konnte den Anlaß gegeben haben, daß die Freibeuter ihre Galeone auf diesen Namen getauft hatten.

„Saint Vincent“ hieß die Galeone von Masot, das größere Schiff, das mit Zegú, dem König von Hawaii, mit Thomas Federmann und zwanzig anderen Geiseln, darunter auch Mara und Hauula, irgendwohin unterwegs war. Diesen Namen hatte Alewa ebenfalls gehört, ehe Masot mit seiner Crew und seinen Gefangenen von Hawaii aufgebrochen war.

Mehr aber wußte das Mädchen über die beiden Schiffe nicht. Wie sie armiert waren, wußte sie zum Beispiel beim besten Willen nicht auszusagen.

„Saint Vincent“ – auch dieser Name war Hasard aus der Karibik bekannt. So hieß eine der Inseln unter dem Winde. Folglich war mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß Masot und seine Kerle irgendwann die lange Reise von der Karibik bis nach Feuerland hinunter gewagt hatten, dann den lebensgefährlichen, halsbrecherischen Törn durch die Magellan-Straße riskiert hatten und auf diese Weise in die Südsee gelangt waren. Es mußte ein Zufall gewesen sein, daß sie die Hawaii-Inseln gefunden hatten, denn offiziell war der Archipel noch nicht entdeckt worden, war also auf keiner Karte der seefahrenden Nationen verzeichnet. Es war schon ein ausgesprochenes Pech für die Insulaner, daß ausgerechnet eine grausame Seeräuberbande hier hatte landen müssen, nachdem sie ihr Inselparadies über Jahrhunderte hinaus so erfolgreich behütet und geheimgehalten hatten.

Hasard nahm die letzten Eintragungen auf seiner groben Skizze vor. Er saß immer noch auf der Kuhlgräting, hielt den Federkiel in der rechten Hand, tunkte die Spitze in das Tintenfäßchen, das Philip junior ihm hinhielt, und schrieb an die kleine Bucht fünf Meilen nördlich der Pfahlhüttensiedlung: „‚Saint Croix‘ mit zehn bis fünfzehn Piraten an Bord.“ An der großen, langgestreckten Bucht machte er den Vermerk: „‚Isabella‘ mit kompletter Crew und Alewa an Bord.“

Er zeichnete das Pfahlbautendorf ein, dann – rund zehn Meilen nördlich des Mauna-Loa-Nordhanges – das Hauptdorf im Inselzentrum. Hier brachte er den Hinweis „Zweihundert gefangene Insulaner mit fünf Bewachern“ an. Marcel hatte auf Louis’ Befehl hin acht Mann von dort abgezogen und sie als Verstärkung in den Kampf gegen Hasards Landtrupp geführt. Wie Alewa glaubhaft versichert hatte, konnten sich demnach tatsächlich nur noch fünf Mann als Bewacher der Gefangenen im Hauptdorf befinden.

Louis und seine sieben Kumpane konnten sich inzwischen jedoch wieder ins Dorf zurückgezogen haben, um dort zu beratschlagen. Auch dies schrieb Hasard gewissenhaft auf, zeichnete auch den ungefähren Weg von Louis’ Gruppe zum Dorf hin ein.

Auf den imaginären Mauna-Loa-Nordhang schrieb der Seewolf: „Dreizehn flüchtige Insulaner, darunter Waialae, Koa und Lanoko.“ Zwischen Kratergipfel und Pfahlhüttendorf trug er als letzten Hinweis ein: „Acht Piraten auf der Suche nach den Flüchtigen.“

Er sah auf. „Folglich haben wir insgesamt mit einunddreißig bis sechsunddreißig Gegnern zu rechnen“, sagte er. „Die ganze Crew der ‚Saint Croix‘ muß aus fast vierzig Mann bestanden haben. Jean, Marcel und dieser Glatzkopf sind tot, Luc und Richard befinden sich in unserer Hand. Die ‚Saint Croix‘ kann kein kleiner Kahn sein, jedenfalls nicht nach der Stärke ihrer Mannschaft zu urteilen. Wir müssen aufpassen, daß wir uns nicht die Zähne an ihr ausbeißen.“

„Wenn wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite haben, könnte unser Schlag vernichtend sein“, meinte die Rote Korsarin. „Verstehst du mich, Hasard?“

„Natürlich. Wir dürfen nicht abwarten, bis sie mit ihrem Dreimaster hier aufkreuzen. Wir müssen ihnen um einen Zug voraus sein.“

„Genau das.“

„Aber die ‚Isabella‘ wird unterbemannt sein, denn wir brauchen auch mindestens einen schlagkräftigen Landtrupp“, sagte der Seewolf.

„Zwei Landtrupps wären besser“, sagte Ben Brighton. „Denn wir müssen ja die im Dorf gefangengesetzten Eingeborenen befreien und auch Alewas Freunde, die zum höchsten Gipfel der Insel unterwegs zu sein scheinen, heraushauen.“

„Richtig“, sagte Hasard. „Aber damit würden zu wenige Leute an Bord unser alten Lady bleiben, das mußt auch du einsehen, Ben.“

„Ja, allerdings.“

„Ich gehe auch von der Hoffnung aus, daß Waialae, Lanoko, Koa und die zehn anderen Flüchtigen sich bislang vor ihren Verfolgern verstecken konnten.“

„Mit anderen Worten“, fragte die Rote Korsarin, „du willst als erstes in das Hauptdorf eindringen?“

„Ja. Mit so wenigen Männern wie möglich, damit die Crew hier auf der ‚Isabella‘ groß genug für ein Gefecht gegen die ‚Saint Croix‘ bleibt. Erst danach können wir uns auf die Suche nach den Frauen und Männern des Pfahlhüttendorfes begeben, von denen wir im übrigen ja nicht einmal genau wissen, wo sie stecken.“

„Also“, sagte sie. „Dann weiß ich schon, wie dein Plan in allen Details aussieht. Ja, er ist mir jetzt klar.“

„Wir brauchen nur noch die Männer für das Landunternehmen auszuwählen.“

„Nur Männer, Hasard?“

„Du willst diesmal mit auf die Insel?“

„Wenn auch du gehst …“

„Du hast gesehen, was wir riskieren.“

„Und der Kampf gegen die ‚Saint Croix‘?“ fragte sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ist das kein Risiko? Du vergißt wohl, wer ich bin? Ich bin Siri-Tong – kein ängstliches Hausmütterchen, das sich beim ersten Kanonendonner in der Kombüse verkriecht.“

Er lächelte. „Oh, das habe ich nie vergessen. Also gut, einverstanden, du bist mit von der Partie, wenn wir zum zweitenmal landen. Ich würde ja gern die Dunkelheit abwarten, aber ich fürchte, bis dahin würde zuviel Zeit verstreichen.“

„Ja, das finden wir auch, Sir“, sagte Carberry im Namen der ganzen Crew.

Hasard blickte zu Alewa. „Alewa, ehe ich die Männer einteile, habe ich noch eine Frage an dich. Weißt du, wohin Masot mit der ‚Saint Vincent‘ gesegelt sein könnte? Ich meine, du hast doch vielleicht die Karte gesehen, die Thomas Federmann diesem Piratenführer vorgelegt hat.“

„Ja.“

„Und?“

Sie kaute ein wenig auf ihrer Unterlippe herum, dann entgegnete sie: „Erinnere mich nicht genau. Werde nachdenken, Lobo del Mar.“

„Tu das“, empfahl er ihr. „Deine Antwort ist sehr wichtig für uns, denn wir wollen versuchen, der ‚Saint Vincent‘ zu folgen und die Gefangenen zu befreien.“

„Wenn uns hier auf Hawaii nicht der Achtersteven versengt wird“, sagte der Profos.

„Mensch, mal doch den Teufel nicht an die Wand“, zischelte der alte O’Flynn. „Mußt du das denn so schwarz sehen?“

„Hört, hört!“ Carberry grinste höhnisch. „Ausgerechnet du mußt das sagen, Donegal. Ist dir nicht gut? Oder glaubst du wirklich, daß wir die Piraten so mir nichts, dir nichts in die Flucht schlagen und dann gleich weiterklüsen, um Thomas Federmann und dessen Freunde zu suchen? He, du bist wohl unter die Optimisten gegangen, was, wie?“

„Nein, bei ihm ist der zweite Frühling ausgebrochen“, meinte Blacky. „Seit Alewa an Bord ist, ist er wie umgewandelt, merkt ihr das nicht?“

„Ach wo, das sind nur die väterlichen Gefühle, die er so hat“, sagte Ferris Tucker, der sich ein Lachen kaum verkneifen konnte.

„Schluß jetzt“, sagte der Seewolf. „Kommen wir zur Sache. Ich habe meine Wahl getroffen. Siri-Tong, Dan, Smoky und Matt begleiten mich. Wir gehen an Land, und dann lauft ihr anderen aus, um den Kerlen an Bord der ‚Saint Croix‘ eine heiße Überraschung zu bereiten.“

„Augenblick“, sagte Ben Brighton. „Du willst doch wohl nicht noch einmal am Strand dieser Bucht landen, oder? Himmel, ich bin überzeugt, daß dieser Louis und die anderen Schnapphähne uns nach wie vor beobachten und nur darauf warten, daß eine Abordnung von uns ihnen vor die Läufe gerät.“

Hasard lächelte. „Aber sicher doch. Hört jetzt meinen Plan. Er ist einfach, aber trotzdem bin ich von seiner Wirksamkeit überzeugt. Die simpelsten Pläne sind ja oft die besten.“

„Sir“, sagte der Kutscher. „Eine bescheidene Frage noch. Es ist Zeit zum Backen und Banken, aber ich schätze, wir werden unsere Mittagsmahlzeit wohl verschieben.“

„Richtig, Kutscher. Lösch ruhig die Kombüsenfeuer.“

„Aye, Sir.“

„Männer“, sagte der Seewolf. „Wir gehen sofort ankerauf und verlassen die Bucht. Wir laufen nach Süden ab. Ja, ihr braucht mich gar nicht so verdutzt anzusehen. Es soll so aussehen, als ob wir von diesem ungastlichen Platz verschwinden. Louis und seine Galgenstricke sollen sich ruhig gehörig den Kopf darüber zerbrechen.“

8.

Der Pirat trug einen schwarzen, breitkrempigen Hut, unter dem einige dicke Strähnen schwarzen Haares hervorquollen. Sein einstmals wohl weißes, jetzt aber undefinierbar gefärbtes Hemd stand bis zum Bauchansatz offen, der Stoff bewegte sich leicht in dem warmen Wind, der von den Bergen herab übers Westufer der Insel auf die offene See hinausstrich. Die Beine des Mannes steckten in einer zerlumpten schwarzen Hose. Um seine Hüfte hatte er sich ein Stück rotes Tuch geschlungen und zusammengeknotet, offenbar war der Fetzen als eine Art Schärpe gedacht. Vor dem rechten Auge hielt der Mann einen langen Messingkieker, dessen Optik auf die große Bucht des Pfahlhüttendorfes gerichtet war. Sein Mund, der von einem ausgefransten, sichelförmigen Schnauzbart umrahmt war, verzog sich in diesem Moment zu einem triumphierenden Grinsen.

Er setzte das Rohr ab und blickte von dem Baum, auf dessen stärkstem Ast er sich seinen Platz ausgesucht hatte, auf die kleine Lichtung der Hügelkuppe hinunter.

„Brassens!“ rief er.

Der dicke Mann mit dem nackten Oberkörper, der unten mit der einen Schulter gegen den Stamm des knorrigen Baumes gelehnt stand, blickte zu ihm auf. „Was gibt’s? Tut sich was, Maurice? Rücken die Hundesöhne wieder an? Na, die werden sich wundern.“

„Nein“, sagte Maurice, der Mann mit dem schwarzen Hut. „Sie hauen ab. Ja, sie verholen sich wirklich. Lauf ’runter ins Dorf und melde das Louis. Ich schätze, er wird froh darüber sein.“

„Das glaube ich nicht. Er vergeht vor Haß.“

„Lauf los und melde es ihm!“

Brassens verzog sein grobes, gerötetes Gesicht zu einer Grimasse, wandte sich nun aber doch von dem Baum ab und verließ die kleine Lichtung. Er rannte durch den Busch in das große Dorf der Insulaner hinunter und erreichte es bereits nach kurzer Zeit, denn die Entfernung zwischen der Eingeborenensiedlung und dem Aussichtspunkt auf dem Hügel betrug kaum mehr als fünfhundert Yards.

„Louis!“ rief er. „Louis, es gibt Neuigkeiten!“

Louis war mit seinen sieben Begleitern erst vor kurzem eingetroffen, und sie hatten alle acht einen mehr als niedergeschlagenen Eindruck gemacht. Louis hatte unverzüglich einen Vergeltungsschlag gegen die Engländer führen wollen, aber seine Männer hatten ihm gesagt, daß die Arbeiten an der „Saint Croix“, die durch die Riesenwelle nicht unerheblich beschädigt worden war, noch nicht ganz abgeschlossen waren, und das hatte seine Wut und seinen Haß nur noch verstärkt.

Er brauchte das Schiff, um sich an dem Schwarzhaarigen und dessen Teufelscrew rächen zu können. Wie sollte er die Galeone denn sonst angreifen? Mit den Auslegerbooten der Eingeborenen etwa? Das wäre Selbstmord gewesen. Die Engländer hätten mit ihren Kanonen ein Zielschießen auf die Boote veranstaltet.

Aus mehr als dreißig geräumigen Hütten bestand das Dorf, und rundherum hatte Zegú im Laufe der vergangenen sechs Jahre vorsichtshalber eine Palisade errichten lassen – auf Anraten von Thomas Federmann hin, der die dumpfe Ahnung gehabt hatte, daß man früher oder später wohl doch mit weiteren Besuchern rechnen mußte, die sicherlich nicht so kameradschaftlich auftreten würden wie die Seewölfe, sondern eher das verbrecherische Format eines Ciro de Galantes haben würden. Vorsorge hatte deshalb not getan, aber Masot, Louis und die anderen Karibik-Piraten hatten dann doch keine großen Schwierigkeiten gehabt, die Eingeborenen zu überwältigen.

Die Palisade empfanden die Freibeuter ihrerseits nun sogar als große Hilfe, denn sie hatten die Gefangenen mühelos einsperren können und brauchten nur das große Tor an der Westseite zu bewachen. Hin und wieder patrouillierten sie auch an der Einfriedung entlang ganz um das Dorf herum, aber bislang hatte noch keiner der Insulaner versucht, aus dem eigenartigen Verlies zu fliehen.

Louis stand bei den anderen Piraten vor dem großen Tor und fuhr in diesem Moment zu Brassens herum. „Schrei nicht so herum, du Narr, fuhr er den dicken Piraten an.

Brassens lief auf die Gruppe von Kumpanen zu, blieb schwer atmend vor Louis stehen und erklärte: „Sie verziehen sich. Ja, sie segeln wirklich davon. Maurice meinte, das würde dich freuen und …“

„Davon?“ wiederholte Louis scharf. „Das glaubt ihr doch selbst nicht. Ihr seid ja verrückt.“

„Maurice hat es gesagt. Und Maurice ist der beste Ausguck, den wir haben“, verteidigte sich Brassens.

„Maurice, Maurice“, äffte Louis ihn nach. „Ich will das selbst sehen. Du bleibst hier, ich laufe den Hügel hinauf.“

Er wartete keine Bestätigung ab. Leicht geduckt hastete er den Pfad entlang, den sie hier bereits vorgefunden, in diesen zehn Tagen auf der Insel jedoch immer wieder vom wuchernden Unkraut hatten befreien müssen. Der Aussichtspunkt auf der kleinen Lichtung der Hügelkuppe war also schon von den Eingeborenen als solcher benutzt worden – und eigentlich gab es so nah beim Dorf auch keinen besseren Ort, von dem aus man einen so weitreichenden Ausblick hatte: bis zur Bucht und über deren gesamten Strand hinweg zwei, drei Meilen nach Norden und nach Süden, außerdem im Inneren der Insel bis zum gewaltigen, schneebedeckten Zwillingsgipfel hinauf. Es war erstaunlich, wie viele Details man von hier aus sah.

Louis langte bei dem knorrigen Baum an, auf dem Maurice nach wie vor in unveränderter Haltung thronte. Er sprach kein Wort, kletterte zu dem Kumpan hinauf, nahm ihm den Messingkieker ab und spähte selbst hindurch.

Die Galeone der Engländer lag nicht mehr in der Bucht vor Anker! Es stimmte also! Louis mußte erst nach ihr suchen. Er entdeckte sie im Süden der Bucht wieder. Sie segelte auf Steuerbordbug liegend mit Backbordhalsen dahin und schien gute Fahrt zu machen. Ihr Bug teilte die See wie eine Pflugschar, die sich energisch durch schwere, fettige Marscherde grub.

„Gleich verschwindet sie hinter der Landzunge“, sagte Maurice. „Na schön, wir haben den Hurensöhnen keins mehr überbraten können, aber vielleicht ist es besser so. Was meinst du, Louis?“

„Schweig.“

„Hör mal, du …“

„Du sollst still sein“, herrschte der Blauäugige ihn an. „Merkst du denn nicht, daß es ein elender Trick von den Hunden ist? Sie führen uns an der Nase herum. Will dir das nicht in den Kopf?“

„Willst du damit sagen, sie runden die Insel, gehen woanders an Land und fallen uns so in den Rücken? Unmöglich – die Insel ist zu groß dafür. Sie würden sich hoffnungslos im Bergland verirren.“

„Halt doch endlich den Mund“, zischte Louis. „Ich kann dein dämliches Gerede nicht mehr ertragen. Der Schwarzhaarige ist schlau wie ein Luchs. Der hat sich schon was Brauchbares ausgedacht, um uns noch einmal überfallen zu können.“

„Aber was?“

„Was, was! Wenn ich das wüßte! Da, jetzt schiebt sich die verfluchte Landzunge zwischen uns und das Schiff. Der Teufel soll sie holen! Was jetzt?“

Maurice hielt sich mit der linken Hand an einem steil aufragenden Ast fest und musterte seinen Anführer aus schmalen Augen. „Wir können nur einen Späher ’runterschicken, der bis zur Landzunge läuft. Eine andere Wahl haben wir nicht, wenn wir die Galeone noch weiter beobachten wollen.“ Er rechnete damit, daß Louis ihn wieder anschreien würde, aber diesmal reagierte der andere erstaunlich ruhig.

„Ja. Du hast recht. Doch warten wir noch eine Weile. Ich hab da so einen Verdacht.“

Maurice fragte nicht danach, um was für einen Verdacht es sich handelte. Er schwieg, harrte neben seinem Kapitän aus und behielt die See nahe der Landzunge im Auge.

Kurze Zeit später erblickte Louis die Dreimast-Galeone von neuem. Er stieß einen Fluch aus, drehte an dem Messingkieker herum und reichte ihn dann Maurice. Maurice blickte ebenfalls durch die Optik und sah in dem schwarzgerahmten Kreis die Umrisse des Schiffes.

„Hol’s der Henker“, wetterte er los. „Jetzt läuft sie platt vor dem Wind nach Westen ab. Was, in aller Welt, hat denn das jetzt zu bedeuten? Erst nach Süden, dann nach Westen – das ergibt doch keinen Sinn.“

„Er will uns irreführen, der schwarzhaarige Bastard.“

„Das schafft er nicht.“

„Er überschätzt sich diesmal selbst“, sagte Louis mit heiserer Stimme. „Er kann mich nicht überlisten. Ich habe es gelernt, ihn zu beurteilen. Er ist ein kaltblütiger, hinterhältiger Dreckskerl, aber was ihm einmal gelungen ist, das gelingt ihm nicht wieder. Ich schwör’s dir, Maurice. Lieber sterbe ich, als daß ich so eine Schmach noch einmal ertrage.“

„Ja! Da, der Hund luvt an!“

„Was? Welchen Kurs nimmt er?“

„Norden …“

„Gib mir den Kieker.“ Louis griff schon nach dem Rohr, entriß es seinem Landsmann, hob es ans Auge und starrte mit einer bitteren Verwünschung auf den Lippen hindurch. „Satan“, murmelte er dann. „Verrecken sollst du. Ist denn das zu fassen? Er segelt immer weiter nach Norden ’rauf, aber ich habe den Eindruck, er geht höher und höher an den Wind, um sich wieder der Küste zu nähern.“

Ja, noch war die Galeone ein bräunlicher Fleck vor der blaß schimmernden Kimm, aber allmählich vergrößerten sich ihre Konturen wieder. Tollkühn war dieses Manöver, das mußte selbst Louis dem Engländer lassen, denn höher hätte sich auch der beste Kapitän mit einem Rahsegler wie diesem nicht an den Ostwind gewagt. Jeden Augenblick konnten die Segel zu killen beginnen und der Besatzung um die Ohren knallen, aber das schien dem Schwarzhaarigen egal zu sein.

„Mon Dieu“, stammelte Louis plötzlich.

„Was ist? Was hast du gesehen?“ wollte Maurice von ihm wissen.

„Unsere Ankerbucht – natürlich!“ keuchte Louis. „Er läuft die Bucht an, in der die ‚Saint Croix‘ liegt. Das Mädchen, dieses Miststück, muß dem Bastard verraten haben, wo unser Schiff versteckt ist. Das hat er vor! Er will die ‚Saint Croix‘ angreifen!“

Louis fuhr herum, rutschte auf dem Baumast fast aus, fing sich aber wieder. Er kletterte an Maurice vorbei, umklammerte den Stamm und rutschte an ihm zu Boden. „Du bleibst hier!“ rief er dem Kumpan noch zu. „Melde jeden Kurswechsel, den die Kerle vornehmen!“

„Ja. Noch halten sie mit Kurs Nord-Nord-Ost auf die Küste zu!“

„Ich werde sie töten. Alle.“ Louis hastete mit diesen Worten von der Lichtung, rannte den Pfad zum Dorf hinab und schrie seinen wartenden Männern schon aus einiger Entfernung zu: „Alarm! Die Engländer steuern die Bucht der ‚Saint Croix‘ an. Zwei Mann sofort ’runter zur Bucht. Sagt unseren Leuten Bescheid! Sie sollen auslaufen, gefechtsklar gehen und den Schweinehunden einen heißen Empfang bereiten!“

Zwei Piraten setzten sich unverzüglich in Trab. Ihre Gestalten verschwanden im Busch, der rings um das Dorf emporwucherte.

„Brassens“, sagte Louis. „Du kehrst jetzt zu Maurice zurück. Er braucht dich als Melder, falls es neue Überraschungen gibt.“

„Jawohl.“ Brassens lief ebenfalls los.

Louis blieb mit elf Männern vor dem großen Tor der Palisade zurück und überschlug im Geist, wieviel Zeit seine beiden Boten wohl brauchen würden, um die Ankerbucht der „Saint Croix“ zu erreichen.

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