Kitabı oku: «Seewölfe Paket 15», sayfa 18

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7.

Nachdem sich die Seewölfe auch von Doktor Freemont verabschiedet hatten und mit dem alten Ramsgate die notwendigen Vereinbarungen getroffen hatten, wurden zur Mittagsstunde die Festmacher und Trossen der „Hornet“ und der „Fidelity“ von den Pollern des abgelegenen Kais gelöst, und beide Schiffe verließen den Hafen und den Plymouth Sound, um mit zunächst westlichem Kurs an den aus Süden heranpfeifenden Wind zu gehen.

Wolken hatten den Himmel überzogen und verdeckten in unregelmäßigen Zeitabständen die Sonne. Es wurde zunehmend kälter. Die Dünung, die die See bewegte, ging immer höher.

In der Kapitänskammer der „Hornet“ wandte sich Lord Gerald Cliveden noch einmal an den Seewolf. Er hatte einen Blick durch die Bleiglasfenster geworfen und sagte: „Sie haben wohl recht, es wird Sturm geben. Wie viele solcher Wetter haben Sie schon erlebt, Mister Killigrew?“

„Ich habe sie nicht gezählt. Warum interessiert Sie das?“

„Es sind wohl die typischen Fragen einer Landratte.“

„Ein Sturm ist in den meisten Fällen nicht so schlimm wie ein Gefecht, soviel kann ich Ihnen versichern.“

Cliveden schnitt eine nachdenkliche Miene. „Das kann ich mir vorstellen. Werden Sie eines Tages an Land bleiben und ein Buch über Ihre Erlebnisse schreiben?“

„Daran habe ich noch nicht gedacht“, erwiderte Hasard amüsiert. „Wirklich nicht. Ich glaube nicht, daß ich der See untreu werde.“

„Es würde sich lohnen, solch ein Buch zu verfassen.“

„Wissen Sie was? Das haben mir meine Söhne auch schon mal gesagt.“

„Zwei Prachtkerle übrigens, aus denen noch einmal viel werden kann“, sagte Cliveden. „Ich nehme an, daß sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten.“

„Das ist noch nicht sicher.“ Der Seewolf hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Wer kann schon in die Zukunft blicken? Nicht einmal Old O’Flynn ist dazu in der Lage, und der sagenhafte Jonas, von dem die Fahrensleute ehrfürchtig sprechen, existiert nicht. Was die Zwillinge an Rüstzeug brauchen, das vermittle ich ihnen. Der Rest, die Entscheidung, wie sie ihr Leben gestalten, wenn sie volljährig sind, bleibt ihnen überlassen.“

„So ist es vielleicht das beste. Ich selbst habe in dieser Beziehung Fehler begangen, die sich nicht mehr ausbügeln lassen.“

„Sie haben selbst Kinder?“ fragte Hasard.

„Ich hatte einen Sohn – und eine Frau, die mich liebte“, erwiderte Lord Gerald Cliveden. „Ich habe sie beide verloren. Die Schuld daran trage ich zum Teil selbst. Doch das ist eine lange Geschichte, mit der ich Sie nicht langweilen will.“

„Sie langweilen mich nicht“, sagte der Seewolf. „Wenn Ihnen danach zumute ist, dann sprechen Sie darüber, Sir.“

Wieder unterhielten sie sich wie zwei gute Bekannte, mehr noch, wie zwei Freunde. Cliveden erzählte aus seinem Leben, und Hasard erfuhr, wie hart das Schicksal selbst einen Mann treffen konnte, der sich eigentlich nie mutwillig in ein Abenteuer gestürzt, sondern eher ein Dasein als Biedermann und unauffälliger Bürger geführt hatte.

Als sie sich am Nachmittag dreißig Meilen von Falmouth entfernt trennten, sagten sie sich nur noch wenig, aber Hasard bedauerte aufrichtig, daß Lord Cliveden die „Hornet“ verließ. Lieber hätte er diesen Mann mit nach Frankreich genommen, der doch überhaupt keine See-Erfahrung hatte, als Easton Terry, der im Grunde noch keinen konkreten Anlaß zu Ärger geliefert hatte.

Die Abneigung diesem Mann gegenüber beruhte auf gefühlsmäßigen Erwägungen. Durfte man sich auf seine Empfindungen verlassen? Konnten sie einem Mann nicht auch üble Streiche spielen?

All dies ging dem Seewolf durch den Kopf, als Lord Gerald Cliveden von Bord ging und von Jack Finnegan, Paddy Rogers, Batuti und Gary Andrews mit dem Beiboot an Land gepullt wurde.

Der Treffpunkt, den Cliveden mit den Leuten vereinbart hatte, die ihn abholen und zurück nach London bringen sollten, war erreicht, davon kündete die Kutsche, die oberhalb der Uferböschung wartete. Cliveden verließ die Jolle, kaum, daß sie angelegt hatte, eilte die Böschung hoch, drehte sich nur noch einmal kurz um und winkte ein letztes Mal zum Abschied. Dann kletterte er in die Kutsche, und sie rollte, von zwei Pferden gezogen, davon.

Die Jolle kehrte zur „Hornet“ zurück und wurde an Bord gehievt, dann ließ Hasard Terry durch Bill, der als Ausguck im Großmars hockte, ein Zeichen geben. Die „Hornet“ und die „Fidelity“ gingen gleichzeitig ankerauf und wandten sich mit Kreuzkurs gegen den Wind nach Süden.

Die Dämmerung nahte, der Wind nahm an Stärke zu, es wurde ein immer beschwerlicheres Werk, gegen ihn zu kreuzen. Zwei Schritte vor, einen zurück, so ging es auch die ganze Nacht über. Die Schiffe begannen in den Wogen zu stampfen und zu schlingern. Die Schotten und die Luken mußten verschalkt werden. Vorsichtshalber ließen Hasard und Terry auch die Manntaue auf den Decks spannen. Die Sturmsegel wurden jedoch nicht gesetzt, noch konnte mit Vollzeug gesegelt werden.

Wieder sann der Seewolf in seiner Kammer darüber nach, was ihnen die nahe Zukunft bescheren würde. Hatte er sich nicht etwas zu leichtfertig auf dieses neue Abenteuer eingelassen?

Gewiß, Cliveden war in der kurzen Zeit so etwas wie ein richtiger Freund für die Seewölfe geworden, und er hatte ihm, Hasard, auch anhand einer weiteren Pergamentrolle nachgewiesen, daß er tatsächlich ein Sonderbeauftragter der Königin war und über alle erforderlichen Vollmachten verfügte. Ein Schwindel war ausgeschlossen, alles hatte seine Richtigkeit und Legitimation.

Doch es war immer wieder die Person Easton Terrys, die dem Seewolf zu denken gab. Terry sollte so etwas wie ein Günstling des Hofes sein? Kaum zu fassen, aber wohl doch wahr. Der Mann verfügte tatsächlich über einen Kaperbrief, Cliveden hatte es bestätigt.

Dennoch, die Erfahrung hatte Hasard gelehrt, vor Männern wie Terry auf der Hut zu sein. Mit Landsleuten, die vorgeblich aus ähnlichen Motiven wie die Seewölfe gegen die Spanier und Portugiesen auszogen, hatte es schon Verdruß gegeben, wie beispielsweise die Begegnungen mit Lord Henry, einem der übelsten Schnapphähne und Beutegeier, bewiesen hatten.

Eben: Terry hatte viel zuviel Ähnlichkeit mit diesem Lord Henry, nicht äußerlich, aber seinem ganzen Wesen nach. Er mochte ein guter Mitstreiter sein, bestimmt auch ein verwegener Kaperfahrer mit seiner Crew von Teufelskerlen – völlig trauen durfte man ihm deswegen aber noch lange nicht.

Es würde sich schon noch herausstellen, ob alle diese Bedenken, die auch Ben, Ferris, Shane, Carberry und die anderen geäußert hatten, nicht einfach aus der Luft gegriffen waren. Vorsicht konnte nie groß genug geschrieben werden, was das Zusammenwirken mit Verbündeten betraf, die sich Hasard nicht selbst ausgesucht hatte.

Seiner Ansicht nach ging es Terry in erster Linie um reiche Beute und weniger um die Sache des Vaterlandes. Er war bestimmt mehr Pirat, das würde sich bei der nächsten Gelegenheit herausstellen.

Das war Hasards feste Überzeugung, und er bedauerte, jetzt nicht Siri-Tong, Jean Ribault oder den Wikinger mit deren Männern zur Seite zu haben. Bei ihnen hätte er gewußt, woran er war, und hätte sich völlig auf die vor ihm liegende Aufgabe konzentrieren können, statt seinen Partner beobachten und auf die Probe stellen zu müssen.

Aber auch dafür würde er noch eine Lösung finden, die Hauptsache war, daß sie zunächst einmal die Piraten aufstöberten, die die bretonische Küste für englische Schiffe verunsicherten.

Im Morgengrauen kreuzten die „Hornet“ und die „Fidelity“ bei anhaltend schwerer See westlich des Golfes von St. Malo auf Sillon de Talbert zu. Die Brecher donnerten gegen die Bordwände, der Wind heulte in den Wanten und Pardunen, und das Rollen der Schiffe in den Wogen war ein fortdauernder, bedrohlicher Tanz.

Gischt umsprühte die Gestalt des Seewolfs, der jetzt auf dem Achterdeck seines Flaggschiffes stand und auf Meldungen seiner Ausgucks wartete. Dan O’Flynn war als Ausguck in den Vormars geentert, um Bill zu unterstützten. Alle Männer waren auf den Beinen und versahen ihren Dienst an Deck, eine Freiwache gab es zu diesem Zeitpunkt nicht.

Hasard spähte zur „Fidelity“ hinüber und konnte im grauen, trüben Licht des jungen Morgens gerade Easton Terry erkennen, der ganz achtern auf der Kampanje der Galeone stand. Er hatte sich jetzt ein Tuch um seine blonden Haare geschlungen, das Abenteuerliche seiner Erscheinung wurde davon noch unterstrichen.

Mit dem Schiff wurden er und seine Männer gut fertig. Somit stellten sie gleich zu Anfang unter Beweis, daß sie den Seewölfen in nichts nachstanden, was ihre seemännischen Fähigkeiten betraf. Kein einziges Mal während der Überfahrt durch den Kanal waren sie zurückgeblieben oder hatten den Kontakt zur „Hornet“ verloren. Sie konnten es mit jedem Wetter und jeder Situation aufnehmen, daran bestand kein Zweifel.

Dan O’Flynn stieß plötzlich einen grellen Pfiff aus. Hasard richtete seinen Blick voraus, konnte aber vor dem Bugspriet der „Hornet“ nicht mehr erkennen als die grauschwarzen Wellengebilde und den hochzischenden Gischt.

„Land in Sicht!“ schrie Dan. „Steuerbord voraus!“

Hasard verzichtete darauf, sich selbst davon zu überzeugen, daß die Küste Frankreichs erreicht war, Bill und Dan wußten schon, was sie meldeten und saßen bestimmt keiner Täuschung auf.

Hasard winkte Ben Brighton zu sich heran und schrie ihm zu: „Jetzt könnte es bald spannend werden, Ben! Daß sich ja die Tarnung der Stückpforten nicht auflöst! Hast du die Verkleidung der Kanonen noch mal kontrolliert?“

„Ja! Alles in bester Ordnung! Wir mimen also weiterhin die braven englischen Kauffahrer?“

„Jetzt gerade! Alles Weitere hängt von unserem Geschick ab!“

„Meinst du, die Schnapphähne treiben sich bei diesem Wetter vor der Küste herum?“

„Das nicht, aber bestimmt haben sie ihre Spitzel und Posten überall sitzen!“ rief der Seewolf. „Wir suchen jedenfalls Schutz vor dem erst richtig heraufziehenden Sturm und verholen in eine Bucht. Denk daran: Wir bangen um unsere Ladung und verlieren lieber Zeit, als daß wir unter diesen schlechten Bedingungen den Kanal überqueren!“

Ben grinste und schrie: „Wohin sind wir denn unterwegs, falls mich mal jemand fragt?“

„Wir waren in Afrika und bringen unsere Fracht nach Plymouth!“

„Edelhölzer oder Sklaven?“

„Wie?“

„Ich frage, was wir geladen haben?“

„Katzengold und Dünnbier!“ brüllte Hasard ihm ins Ohr, und sie lachten beide.

Hartnäckig wie schwerfällige Riesentiere boxten sich die beiden Dreimaster direkt auf die Küste zu. Die Gefahr, auf Klippen oder Untiefen gedrückt zu werden, bestand kaum, da ablandiger Wind herrschte. Hasard ging mit der „Hornet“ als erster so dicht wie möglich unter Land und ließ nach einer geeigneten Bucht Ausschau halten.

Wenig später erhielt er von Dan den entsprechenden Hinweis: „Bucht Steuerbord voraus! Höchstens eine halbe Meile entfernt!“

„Verstanden!“ schrie der Seewolf zum Vormars hoch, dann gab er den Befehl, den nur schwach zu erkennenden Einschnitt zwischen den Uferfelsen, der die Einfahrt darstellte, anzusteuern.

Terry brauchte kein entsprechendes Signal zu empfangen, er ging sofort auf das Manöver der „Hornet“ ein und folgte ihr in ihrem Kielwasser. So liefen beide Schiffe kurze Zeit später in die von Dan entdeckte Bucht ein, die geräumig genug war, um ihnen genug Platz zum Manövrieren zu lassen.

Der Köder war ausgelegt, der Gegner brauchte nur noch anzubeißen.

8.

Wie vorauszusehen gewesen war, nahmen Windstärke und Seegang noch zu. Bald tobte vor der Einfahrt der Bucht der heftigste Sturm, und der Seewolf und Easten Terry wurden somit mehr und mehr ihrer Rolle gerecht. In der Tat hätte nur ein Verrückter bei diesem Wetter die Überfahrt nach England gewagt, nicht aber zwei vorsichtige, auf die Sicherheit ihrer Mannschaft, ihres Schiffes und ihrer Ladung bedachte Kapitäne, die im Auftrag von Handelsgesellschaften die Meere befuhren.

In der Bucht war das Wasser zwar auch bewegt, doch das Schlingern und Stampfen der mittlerweile vor Anker liegenden Schiffe hielt sich in Grenzen. Hasard überprüfte die „Hornet“ auf etwaige Schäden oder Lecks, konnte aber nichts dergleichen finden. Bislang hatte die Galeone allen Erfordernissen entsprochen.

Bald würde sich vielleicht zeigen, was sie als Kriegsschiff taugte.

Auch die „Fidelity“ hatte bei der kurzen Fahrt durch den Kanal keinerlei Schaden genommen, Terry ließ eine entsprechende Nachricht zu Hasard hinübersignalisieren.

Sowohl der Seewolf und seine Crew als auch Terry und dessen Mannschaft waren inzwischen ausreichend mit ihren Schiffen vertraut. „Hornet“ und „Fidelity“ – „Hornisse“ und „Treue“ schienen wirklich die passenden Namen für diese soliden und dennoch wendigen Segler zu sein, die mit allen Finessen der Schiffsbaukunst ausgerüstet worden waren.

Sie waren beide erst zwei Jahre alt und etwa von der Qualität und Beschaffenheit wie die „Isabella VIII.“, die im Kanal der Pharaonen ihr unrühmliches Ende gefunden hatte.

An den Siebzehnpfündern und Drehbassen ließ sich auch kein Makel entdecken, im Gegenteil, Al Conroy als der Waffenexperte der Seewölfe war begeistert von diesen Stücken.

Während seines Rundganges warf Hasard auch einen Blick ins Vorschiff und fragte den Kutscher und Mac Pellew, die eben wieder die Feuer unter den Kesseln anheizten: „Habt ihr eine Ahnung, wo Ferris steckt?“

„Aye, Sir“, antwortete der Kutscher. „Er sitzt nebenan und bastelt.“

Hasard verließ die Kombüse und trat zu Ferris, der in einem Raum neben dem Logis mit leeren Flaschen und Schwarzpulver hantierte. Eben war er dabei, gehacktes Blei und Glas in eine Flasche zu füllen.

Der Seewolf lachte. „Höllenflaschen? Ausgezeichnet, Ferris, die können wir vielleicht schon bald sehr gut gebrauchen.“

„Das hab ich mir auch gedacht“, meinte der rothaarige Riese grinsend. „Man weiß ja nie, zu was die Dinger gut sind, oder?“

Auch Dan O’Flynn, der mit Hasards Genehmigung den Vormars verlassen hatte, betätigte sich als Handwerker und fertigte aus der abgesägten Spitze einer Pike, an der er eifrig herumfeilte, eine haarnadelspitze Nahkampfwaffe an.

So hatte jeder seine Beschäftigung und Aufgabe und vertrieb sich auf diese Weise die Wartezeit. Würde der Gegner sich zeigen, oder war Hasards Handeln sinnlos? War man überhaupt auf sie aufmerksam geworden? Die Küste ringsum, so schien es jedenfalls, war menschenleer und abweisend, niemand schien sich in ihrer Nähe aufzuhalten.

Doch dieser Eindruck konnte gewaltig täuschen. Hasard ließ sich in dem Punkt nicht beirren, er hatte beim Ankern vor fremden Küsten schon die erstaunlichsten Überraschungen erlebt.

Ein hochbeiniger Falbe lief mit flatternder Mähne durch die windgepeitschte Morgenluft, sein Reiter hielt sich dicht über seinen Hals gebeugt. Ein langgestrecktes, geducktes Gebäude aus Stein, das nur hundert Yards vom Ufer des Atlantiks entfernt nahe der Ortschaft Lannion stand, war sein Ziel. Ehe er dort eintraf, öffnete der Himmel seine Schleusen und ließ einen Regenguß auf ihn niederprasseln, der ihn bis auf die Haut durchnäßte.

Der Mann trieb den Falben unter das weit überhängende Dach des Gemäuers, saß ab und band die Zügel fluchend an einem eisernen Ring fest. Er nieste zweimal heftig, dann betrat er das Haus durch die Bohlentür, die in ihren angerosteten Angeln quietschte.

Sofort wurde er von einem kleinen, mageren Mann in Empfang genommen, der ihm ein Messer an die Gurgel hielt.

„Keinen Schritt weiter, Freundchen“, zischte der Kleine. „Oder du bist ein toter Mann.“

„Nur keine Aufregung, Ferret“, sagte der Reiter heiser. „Ich bin’s, Vangard. Erkennst du mich nicht?“

Ferret ließ das Messer sinken. „Weißt du was? Du bist ein pfiffiges Kerlchen, Vangard, aber um ein Haar wärest du drangewesen. Hast du die Losung vergessen?“

„Oh, tut mir leid. Herbstrose – das ist doch das richtige Wort, oder?“

„Das solltest du wissen“, ertönte eine dunkle Stimme aus dem Halbdunkel des Raumes. „Eine solche Unachtsamkeit könnte dich bei nächster Gelegenheit das Leben kosten. Wieso platzt du hier so einfach herein?“

Vangard, ein derber, untersetzter Mann mit grobem Gesicht, trat auf den klobigen Tisch in der Mitte des Raumes zu. Erst jetzt erblickte er die Gestalten, die sich darum versammelt hatten.

„Ich bringe Neuigkeiten, Grammont“, erklärte er. „Neuigkeiten, die dich interessieren werden. Sonst hätte ich mich nicht durchregnen lassen, sondern wäre in meiner Hütte geblieben.“

„Schürt das Feuer“, befahl Grammont seinen Männern. „Los, Vangard, setz dich zu uns, wir wollen dich bewirten, wie es sich gehört. Hast du Schiffe gesichtet?“

„Ja.“ Vangard nahm zwischen zwei Männern Platz. Der eine trug drei Pistolen im Gurt, der andere hatte einen buschigen Schnauzbart. Sie hießen Jean Bauduc und Pierre Servan, soviel wußte Vangard, aber sonst war ihm nicht viel über diese beiden bekannt.

Der Mann, der sich jetzt erhob und an den Kamin trat, um für Feuer zu sorgen, hieß Jules Arzot. Ein dicker Mensch mit einem mächtigen Bauch und einem wulstigen Hals, kugelrundem Kopf und hervorspringenden Augen. Eigentlich wirkte er eher wie eine Witzfigur, doch Vangard war sicher, daß man auch ihn nicht unterschätzen durfte.

Yves Grammont jedoch, der Anführer dieser Bande von Galgenstricken, war mit Abstand die auffallendste Persönlichkeit von allen. Ein Pirat, wie man ihn sich vorstellte. Groß und wuchtig gebaut, vollbärtig, mit einer Augenbinde und einem Kopftuch, ein Kerl, der einen das Fürchten lehrte. Sein weißes Hemd stand weit offen, buschiges Brusthaar quoll daraus hervor. Er entblößte seine weißen Zähne und grinste Vangard an.

„Nun?“ fragte er. „Willst du ein Glas Wein mit uns trinken?“

„Gern“, erwiderte Vangard, dann hustete er. „Verfluchtes Wetter. Dort draußen holt man sich noch den Tod.“

Grammont grinste breiter. „Wärme dich und sieh zu, daß du trocken wirst. Ich bin besorgt um dich, mein Freund, denn schließlich brauchen wir dich noch.“

Arzot richtete sich von dem Kamin auf, die Flammen flackerten hoch auf und trieben Hitze in den Raum. Gespenstisch tanzte der rötliche Lichtschein über die Gesichter und Gestalten der um den Tisch versammelten Männer. Vangard trank den Wein, den Grammont ihm einschenkte. Er beobachtete die Männer über den Rand seines Bechers und dachte: Die möchte ich nicht zu Feinden haben.

Yves Grammont hatte den Engländern vor knapp einem Jahr einen erbitterten Kleinkrieg zu liefern begonnen. Seitdem hatte er bestimmt mehr als zwanzig ihrer Schiffe versenkt und sicherlich auch viel erbeutet. Warum aber nur die Engländer? Vangard vermochte es nicht zu sagen. Was immer die näheren Beweggründe für Grammonts Zielsetzung waren, er hatte nie danach gefragt. Wer zuviel fragte, lebte gefährlich.

Vangard war nur einer von den vielen Kundschaftern, die Grammont längs der Küste der Bretagne beschäftigte. Er bezahlte für Informationen sehr gut, aber er verlangte absolutes Stillschweigen. Wer diese Regel brach, mußte mit einer Bestrafung rechnen, oder, mit anderen Worten, er verschwand eines Tages und wurde nie mehr gesehen.

Ein Mann wie Vangard hütete sich, Grammont in irgendeiner Weise zu hintergehen. Die Piraten an die Bourbonen verraten? Die Engländer warnen? Nein, für Vangard war das nichts. Er wollte leben und weiterhin mit seiner schäbigen Schaluppe zum Fischfang vor Sillon de Talbert auslaufen, wenn er davon auch mehr schlecht als recht lebte.

Das, was Grammont ihm zahlte, genügte ihm, um sein Dasein ein wenig angenehmer zu gestalten. Außerdem genoß er das Wohlwollen dieser Schnapphähne und Galgenstricke, sie würden ihm nie etwas antun. Was wollte er mehr?

Grammont, so hatte es sich unter den Informanten rasch herumgesprochen, hielt sich seit dem vergangenen Abend in dem alten Steinhaus bei Lannion auf, von dem es offiziell hieß, daß es seit zwei oder drei Jahren leerstehe. Wegen des zunehmend schlechten Wetters hatte der Piratenführer es vorgezogen, mit seinem kleinen Schiffsverband in einer Bucht zu ankern und das Ausweichversteck aufzusuchen, bis sich der Sturm ausgetobt hatte.

Vangard hatte mitgeholfen, das alte Haus etwas wohnlich zu gestalten und mit den erforderlichen Vorräten zu versehen, die die Bande brauchte, wenn sie hier einmal nächtigte oder gezwungen war, sich zu verkriechen. Vangard wußte im übrigen von seinen Freunden im Umland von Lannion und Sillon de Talbert, daß Grammont noch mehr kleine Schlupfwinkel entlang der gesamten bretonischen Küste unterhielt, um immer so beweglich wie möglich zu sein und nie Mangel an Nahrung, Trinkwasser und Munition für seine Geschütze zu haben.

Hinzu gesellte sich das erprobte, gut funktionierende Nachrichtensystem, das mit zu den Erfolgen beigetragen hatte, die Grammont während dieser vergangenen Monate zu verzeichnen gehabt hatte.

Kein englisches Schiff, das sich der Küste näherte, konnte der Aufmerksamkeit der Kundschafter entgehen – auch bei Schlechtwetter nicht, wo alle anderen Fischer, Deichbauern, Schafhirten und Strauchritter es doch sonst vorzogen, irgendwo unterzuschlüpfen und die Nase lieber nicht in Wind und Regen zu halten.

Vangard trank seinen Becher Wein leer, Grammont schenkte nach.

„Rede jetzt“, sagte er dann. „Wie viele Schiffe hast du gesehen?“

„Zwei. Englische Kauffahrer.“

„Wie kannst du wissen, daß es Kauffahrer sind?“ erkundigte sich der Anführer der Piraten mißtrauisch.

„Ich habe mich ganz dicht an das Ufer der Bucht rangeschlichen“, erläuterte Vangard so ruhig wie möglich. „Es gibt dort genug Buschwerk, keiner hat mich entdeckt.“

„Welche Bucht ist es?“

„Diejenige, die zwei Meilen westlich von Sillon de Talbert liegt. Zum Ankern ist sie ideal, die Kapitäne dieser zwei Dreimast-Galeonen haben unerhörtes Glück gehabt, daß sie sie gefunden haben.“

„Weiter“, drängte Grammont.

„Das Licht war ausreichend, ich habe genug erkannt“, fuhr Vangard, nun eifriger, fort. „Es sind schöne und ziemlich neue Schiffe, aber sie haben kaum Waffen an Bord. Ich habe keine Stückpforten gesehen.“

„Die Geschütze könnten auf den Hauptdecks stehen.“

„Das ist möglich, aber sehr viele sind es bestimmt nicht.“

„Bist du sicher, Vangard?“

„Ich teile dir das mit, was ich beobachtet habe.“

Grammont trank selbst seinen Becher leer, setzte ihn mit einem Knall auf der Tischplatte ab und wischte sich mit der Hand über den Mund. Sein Grinsen war verschwunden. „Hoffen wir, daß du deine Augen weit genug aufgesperrt hast. Wie groß sind diese Prachtkähne?“

„Jeder etwa dreihundert Tonnen, schätze ich.“

„Was haben sie deiner Meinung nach geladen?“

„Das weiß ich nicht“, erwiderte Vangard. „Ich kann nur Vermutungen anstellen, aber die helfen dir auch nicht weiter, Grammont.“

„Richtig. Jetzt zu den Mannschaften.“

„Etwa zwanzig Mann pro Schiff. Nicht mehr, bestimmt nicht. An Bord der einen Galeone habe ich einen Schwarzen gesehen, vielleicht kommen sie ja aus Afrika.“

„Möglich, oder aber er gehört zu der Crew“, brummte Grammont. „Hast du die Namen der Schiffe gelesen?“

„Nur den einen. Der Segler, der dem Ufer am nächsten liegt, heißt ‚Hornet‘.“

„Was bedeutet das, Grammont?“ wollte Ferret wissen.

„Hornisse.“

Die Kerle lachten, doch Yves Grammont lachte nicht mit. Er sah Vangard an und sagte: „Diesen Namen habe ich noch nie gehört, und der Kahn ist mir noch nirgends vor die Rohre gesegelt.“

„Ich sagte doch, beide Galeonen sehen sehr neu aus. Es ist bestimmt nicht lange her, daß sie vom Stapel gelaufen sind.“

Nachdenklich fuhr sich Grammont mit der Hand über den Vollbart. „Es wird doch wohl keine Falle sein, Vangard? Hast du keine anderen Schiffe entdeckt?“

Vangard bemühte sich, seiner Stimme einen eindringlichen, überzeugenden Klang zu verleihen. „Ich habe mich an deine Ratschläge gehalten und die Umgebung abgeforscht, ehe ich hergeritten bin. Es gibt keine anderen Schiffe.“

„Auf was warten wir dann noch?“ fragte Jean Bauduc. Er war der Kapitän der „Petite Fleur“, die wie die „Antoine“ und die „Coquille“ zu dem Verband der Piratenschiffe gehörte, der von der Galeone „Louise“ geführt wurde. Bauduc war groß und schwarzhaarig und hatte ein glattes Gesicht mit dunklen Augen, das von einem typisch südländischen Teint geprägt war. Sein Bauchansatz zeugte von den großen Mengen Wein und Bier, die er zu trinken pflegte. Sein äußeres Kennzeichen war der riesige Waffengurt, den er quer über der Brust trug und in dem drei Pistolen steckten.

Vangard blickte sich im Raum um. Die Kerle grinsten alle nur, keiner antwortete, daher wandte er sich Bauduc zu und sagte: „Auf besseres Wetter, denke ich doch. Oder?“

„Nein“, sagte Yves Grammont. „Wir laufen sofort aus.“

„Bei diesem Sturm?“ Vangard war verblüfft, das hatte er denn nun doch nicht erwartet.

„Bei diesem Sturm“, bestätigte Grammont. „Hör zu, Vangard, unsere Schiffe sind nicht so wacklig und baufällig wie deine verfluchte Schaluppe, sie halten sich etwas besser über Wasser.“

Wieder lachten die Piraten, und diesmal stimmte Grammont laut mit ein. Als er sich genügend über seinen Witz amüsiert hatte, beugte er sich vor und fragte: „Was Verlangst du für diesen Hinweis, Vangard?“

„Das übliche. Ist das zuviel?“

„Das weißt du selber besser als ich. Wenn es dir zuviel erscheint, gebe ich dir weniger. Ein Mann muß genau wissen, was seine Worte wert sind.“

Vangard nahm hastig wieder einen Schluck Wein. Zur Hölle, wollte Grammont ihn dieses Mal hereinlegen? Was sollten diese Anspielungen?

Grammont griff unters Hemd und förderte einen prall gefüllten Lederbeutel zutage. Er öffnete ihn, entnahm ihm zwei Golddukaten und legte sie vor Vangard auf den Tisch.

„Da, nimm hin“, sagte er barsch. „Du hast sie dir verdient, und du wirst noch mehr davon einsacken, wenn du weiterhin so aufmerksam die Küste und die Buchten beobachtest. Es verirren sich nicht selten Schiffe hierher. Wenn mich nicht alles täuscht, ist es jetzt schon das dritte Mal, daß du uns einen brauchbaren Hinweis lieferst.“

„Ja.“ Vangard steckte die Münzen weg, aber es gelang ihm kaum, den Blick von dem Lederbeutel zu nehmen. Wie viele Gold- und Silbermünzen mochte Grammont wohl schon bei seinen Beutezügen an sich gebracht haben? Wo versteckte er seine Schätze?

Es war besser, nicht weiter darüber nachzudenken. Das, was Grammont ihm zahlte, mußte ihm genügen. Selbst wenn er herausgefunden hätte, wo die Schätze der Bande lagen, wäre es glatter Selbstmord gewesen, sie zu vereinnahmen. Allein der Versuch war tödlich.

Doch hätte es sich nicht eher gelohnt, spanische Silberschiffe zu überfallen, die aus der Neuen Welt herübersegelten, ihr Heimatland anliefen und dabei durch die Biskaya mußten? Wäre das nicht viel gewinnbringender gewesen?

Nun, Grammont mußte ja wissen, was er tat. Er hatte sich auf englische Schiffe „spezialisiert“, und das hatte bestimmt seine guten Gründe. Ein Armenhaus war England auch nicht mehr. Vielleicht hatten die Schiffe, die er versenkt hatte, Gold, Silber, Diamanten und Elfenbein an Bord gehabt. Und die Waffen? Auch die konnte man in klingende Münzen verwandeln.

Vangard konnte ja nicht ahnen, daß die Unternehmungen von Yves Grammont aus der Kasse spanischer Spione finanziert wurden.

Yves Grammont erhob sich und schob seinen Becher von sich fort. „Dein Auftrag ist hier zu Ende, Vangard, kehre jetzt von mir aus zu deiner Hütte zurück. Keiner wird dich dort behelligen. Den Weg zur Bucht kennen wir ja, wir brauchen dich nicht mehr.“

„Gut, Grammont. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“

„Ja, das hoffe ich auch.“

„Adieu, Vangard“, sagte Pierre Servan lächelnd. Er war der Kapitän der „Antoine“ – groß, grauhaarig, schnauzbärtig und selten barhäuptig. Auch jetzt trug er seinen breitkrempigen Hut. „Oder soll ich lieber auf Wiedersehen sagen?“ fragte er.

„Auf Wiedersehen, das ist mir lieber“, erwiderte Vangard grinsend. Dabei schob er die Hand in die Hosentasche und klimperte mit den Dukaten. Dann wandte er sich ab, verließ das Steinhaus, kletterte im Schutze des Daches in den Sattel des Falben und ritt davon.