Kitabı oku: «Seewölfe Paket 15», sayfa 19
9.
Der Hufschlag war noch nicht verklungen, da verließen die Piraten das Haus bereits durch die andere Tür, die sich zur See hin öffnete. Grammont trieb seine Männer zur Eile an. Arzot hatte das Feuer im Kamin löschen müssen, Ferret hatte rasch die Waffen zusammengesammelt, die in einer Ecke des Raumes gelehnt hatten, Musketen und Tromblons, die er jetzt im Dahinschreiten verteilte.
Diese „Hornet“ und die zweite Galeone, die in der Bucht von Sillon de Talbert ankerten und fast auf sie zu warten schienen, waren für Yves Grammont und seine Kerle ein gefundenes Fressen. Für jedes Schiff, das er versenkte, kassierte der bärtige Anführer eine erkleckliche Summe Geld, egal, ob dieses Schiff nun Reichtümer an Bord hatte oder nicht.
Die Waffen, die er seinen Prisen außerdem zu entnehmen pflegte, ließen sich hervorragend verkaufen. Er hatte seine festen Abnehmer dafür: Sie gingen durch die Hände der Spanier und wurden von diesen nach Rennes verkauft, an die Bourbonen. Somit unterstützte man nach Kräften Heinrich von Bourbon, der demnächst der neue König werden sollte, wenn alles nach Plan verlief.
Nur etwa fünfhundert Yards weit brauchten die Piraten zu laufen, dann hatten sie die Bucht erreicht, in der ihre Schiffe vor Anker lagen. Sie hatten Glück, es regnete im Augenblick nicht mehr, ihre Waffen wurden nicht naß. Trocken brachten sie sie an Bord der Schiffe und verstauten sie hier sofort in den Lasten, so daß sie jederzeit einsatzfähig waren.
Grammont hatte als erster eins der bereitliegenden Beiboote geentert. Jetzt ließ er sich von seinen Männern zu seinem Flaggschiff, der Dreimast-Galeone „Louise“ bringen.
Auch die anderen Kerle machten ihre Boote flott, stiegen hinein und pullten zu den anderen Schiffen – zur „Petite Fleur“, der zweiten Galeone des Verbandes, und zu den beiden Karavellen „Antoine“ und „Coquille“. Sie wurden von den Ankerwachen erwartet und begrüßt, die Jakobsleitern waren bereits ausgebracht. Sie brauchten nur erstiegen und eingeholt zu werden.
Grammont suchte unverzüglich das Achterdeck der „Louise“ auf, gab die erforderlichen Befehle und sah dann seinen Leuten zu – Arzot, Ferret und den anderen –, die sich hastig auf ihre Posten begaben, das Gangspill zu drehen begannen und die Segel aus dem Gei lösten.
Auf den drei anderen Schiffen wurden die gleichen Vorkehrungen getroffen, und bald darauf lagen alle vier Schiffe zum Auslaufen bereit. Knatternd bauschte sich ihr Zeug vor dem rauhen, vom öden Küstenland herüberpfeifenden Südwind.
Die „Louise“ setzte sich an die Spitze und geleitete ihr Gefolge aus der Einfahrt auf die offene See hinaus, wo sie die schwarzen, schäumenden Wogen empfingen. Der Tanz begann, die Schiffe stiegen die Wellen hoch und tauchten in Täler hinunter, als wollten sie darin untergehen, und oft holten sie so weit nach Backbord über, daß sie querzuschlagen drohten.
Doch sie hielten sich in der schweren See und gingen mit schneller, rauschender Fahrt auf Ostkurs, in Richtung Sillon de Talbert.
Die „Louise“ war etwas mehr als zweihundertfünfzig Tonnen groß und mit vierzehn Kanonen des 17-Pfünder-Kalibers bestückt. Die „Petite Fleur“, ebenfalls ein Dreimaster, war um ungefähr fünfzig Tonnen kleiner als Grammonts Schiff und verfügte nur über zwölf Geschütze.
Die „Antoine“ und die „Coquille“ waren lateinergetakelte Zweimaster mit je acht Kanonen.
Pierre Servan hatte wie üblich das Kommando über die „Antoine“ übernommen, Jean Bauduc führte die „Petite Fleur“. Der Kapitän der „Coquille“ war ein Mann namens Saint-Jacques. Dieser Saint-Jacques war einer der härtesten und unberechenbarsten Kerle aus Grammonts Meute. Seine Physiognomie war geprägt durch eine große, leicht gekrümmte Nase, tiefliegende Augen und einen verkniffenen Mund. Er hatte lichtes brünettes Haar und einen Bartansatz, der Vergleiche mit einem Stoppelacker zuließ.
Jedes Schiff war mit über einem Dutzend Piraten bemannt, so daß sich eine Übermacht von fünfzig und mehr Kerlen der Ankerbucht der „Hornet“ und der „Fidelity“ näherte. Zwar hatten sie mit insgesamt zweiundvierzig Kanonen keine bessere Armierung als Hasard und Easton Terry, doch sie hatten die doppelte Anzahl an Schiffen und damit die besseren Angriffsmöglichkeiten und die größere Beweglichkeit.
Und noch etwas hatte Grammont: das Überraschungsmoment war, wie er fest annahm, auf seiner Seite. Im Schutze der Felsen, die die Einfahrt der Bucht säumten, würde er sich anpirschen. Die Sicht war denkbar schlecht, es war so dunkel wie am Abend. Die Wetterverhältnisse waren seine Verbündeten – die Engländer würden ihn und seine Leute erst bemerken, wenn sie bereits mitten unter ihnen waren.
Die Engländer saßen in der Falle.
Rasch näherten sich die vier Piratensegler der Bucht, die Distanz betrug nur noch drei Meilen und schrumpfte schnell zusammen. Das Unheil bahnte sich an, der große Überfall würde noch am Vormittag stattfinden. Die Dinge nahmen ihren Lauf und ließen sich nicht mehr aufhalten. Wie würde das Gefecht enden?
Der Regen peitschte wieder ihre Gestalten, doch sie hatten entsprechend vorgesorgt und sich dick vermummt. Dan O’Flynn und Bill kauerten auf der einen Seite der Einfahrt zwischen den Felsen und hielten zur See hin die Augen offen.
Drüben, an der Ostseite, hatten sich Mulligan und Bingham versteckt. Alle vier sollten sie dem Seewolf und Easton Terry sofort melden, wenn sich auch nur ein harmlos wirkender Fischerkahn auf der See zeigte.
„Glaubst du, daß die Hunde heute noch aufkreuzen?“ fragte Bill.
„Darauf läßt sich schwer antworten“, erwiderte Dan. „Bislang haben wir ja keinen Menschen gesehen. Falls die Franzmänner hier irgendwo ihre Posten sitzen haben, sind diese schon sehr auf der Hut. Wir haben das Gebüsch am Ufer der Bucht abgekämmt und niemanden gefunden. Das will aber nichts heißen. Man kann sich dort sehr gut verstecken, und wir kennen uns schließlich hier nicht so aus wie daheim in Cornwall.“
„Ja. Wie wär’s, wenn wir eine Wette abschließen würden?“
„Ob die Bastarde sich zeigen oder nicht?“
„Genau das. Ich setze einen Copper darauf, daß sie auftauchen, ehe die Mittagsstunde vorbei ist“, sagte Bill.
„Das glaubst du wirklich?“ stieß Dan überrascht aus. „Du bist aber ein Optimist!“
„Sag so was nicht. Es ist eher Pech, wenn wir Besuch von den Bretonen kriegen. Schließlich müssen wir uns dann mit ihnen herumschlagen.“
Dan grinste. „Ja, aber sie erleben ihr blaues Wunder. Die denken nämlich, sie haben leichtes Spiel mit uns. Ruhig Blut, Bill, wir heizen denen schon tüchtig ein.“
„So, wie wir es im Mittelmeer Uluch Alis Bande gezeigt haben?“
„Genauso.“
„Also los, ich lasse ein Achterstück springen“, sagte Bill grinsend.
„Und ich halte zwei Piaster dagegen“, entgegnete Dan, der in seinen Taschen herumgekramt hatte. „Vor heute abend läßt sich hier keiner blicken, es sieht jedenfalls nicht danach aus.“
Wenig später aber glaubte er auf See eine Bewegung zu bemerken und ließ sich von Bill das Spektiv geben. Er zog es auseinander, spähte eine Zeitlang hindurch, dann ließ er es wieder sinken, griff wortlos in die Tasche und holte die zwei Piaster heraus.
Er drückte sie dem verdutzten Bill in die Hand und sagte: „Hier! Du hast gewonnen. Wette ist Wette. Sie kommen.“
„Zur Hölle, Dann, ich kann aber nichts sehen!“ rief Bill. Er nahm das, Messingrohr entgegen und blickte selbst hindurch – und erst jetzt erkannte auch er, daß sich da draußen undeutlich etwas regte. „Du hast immer noch die schärfsten Augen von uns allen“, sagte er bewundernd. „Wie viele Schiffe sind es denn? Ich sehe zwei, die Kurs auf die Bucht nehmen.“
„Drei, vielleicht sogar vier“, korrigierte Dan, dann stand er auf und gab Mulligan und Bingham ein Zeichen. Mulligan winkte zurück, er hatte verstanden. Er wechselte ein paar Worte mit Bingham, nahm dann sein Spektiv zur Hand und hielt ebenfalls nach Nordwesten Ausschau. Von dort aus näherte sich der feindliche Verband, zwei Galeonen und zwei Karavellen, und über die Absichten dieses stattlichen Vierer-Konvois schien kein Zweifel zu bestehen.
Dan und Bill waren aufgestanden. Sie bewegten sich ein Stück weiter auf die Einfahrt zu, blickten wieder zu den fremden Schiffen, verständigten sich noch einmal mit Mulligan und Bingham und nahmen dann ihr Boot, um zur „Hornet“ zu pullen. Dann stieß einen Pfiff aus, der die Männer an Bord der Galeone alarmierte. Auch an Bord der „Fidelity“ wurde man hellhörig.
„Vier Schiffe nehmen Kurs auf die Bucht!“ schrie Dan. „Zwei Dreimaster, zwei Zweimaster. Sie kreuzen, aber es ist offensichtlich, daß sie uns einen Besuch abstatten wollen!“
Hasard, der ans Schanzkleid des Achterdecks der „Hornet“ getreten war, blickte zu der Jolle, die jetzt längsseits ging, dann zu dem zweiten Boot, in dem sich Bingham und Mulligan der „Fidelity“ näherten. So war es vereinbart: Bei Gefahr kehrten die Ausguckposten von der Einfahrt an Bord ihrer Schiffe zurück. Die Gefahr war akut, auch der Seewolf glaubte sofort fest daran, daß das Auftauchen der fremden Schiffe ihnen galt.
Unschwer ließ sich die Absicht des anrückenden Gegners erkennen, zielstrebig kämpften sich die beiden Galeonen und die beiden Karavellen in der schweren, aufgewühlten See auf die Bucht von Sillon de Talbert zu.
Hasard ließ Easton Terry signalisieren und erteilte ihm seine Befehle, und nun ging es los. Längst waren die „Hornet“ und die „Fidelity“, obgleich ihre Geschütze nach wie vor getarnt waren, klar zum Gefecht. Jetzt wurden auch die Anker gelichtet, damit die Schiffe im Falle eines Angriffs sofort beweglich waren – eine zeitraubende Tätigkeit, die bei einer überraschenden Attacke zum Verhängnis werden konnte.
Hasard kletterte auf die Kampanje seines Schiffes und beobachtete den nahenden Verband durch sein Spektiv. Auch Ben Brighton, Big Old Shane und Old O’Flynn hatten sich aufs Achterdeck begeben und hielten durch ihre Rohre Ausschau nach Nordwesten.
„Mein Kieker verrät mir so einiges“, sagte der alte O’Flynn, der von dem bevorstehenden Ereignis gefesselt war. „Wir haben da zwei ordentlich bestückte Galeonen und zwei wendige, flinke Karavellen. Ich weiß wirklich nicht, welche von den Kähnen uns gefährlicher werden könnten.“
„Wenn wir sie reinlassen, sitzen wir in der Falle“, brummte Shane. „Bin mal gespannt, was Hasard jetzt vorhat. Bisher hat er’s uns ja nicht verraten wollen.“
Der Seewolf hatte jedes Wort verstanden. Er ließ das Spektiv sinken, schob es zusammen und grinste.
„Shane“, sagte er laut. „Hast du schon mal was vom verlorenen Lamm gehört, das seine Herde sucht?“
„Ich? Wieso? Steht das in der Bibel? Ich lese doch keine Bücher!“
„Nehmen wir mal an, der ‚Hornet‘ bricht die Ankertrosse“, sagte Hasard und sprang von der Kampanje zum Achterdeck hinunter. „Der Südwind drückt sie auf die offene See hinaus. Die Ankerwache pennt. Der Kapitän tobt, als er merkt, was los ist – und dann hat er seine Mühe, in die Bucht zurückzukehren, weil ihn der Wind und die Strömungen viel zu weit aufs Meer hinaustreiben.“
„Und er ist so mit der Sache beschäftigt, daß er gar nicht bemerkt, wen er im Rücken hat“, fügte Ben grinsend hinzu. „Eine gute Idee.“
„Ja“, sagte nun auch Shane und lachte. „Dann wollen wir mal, was?“
Hasard ließ Easton Terry wieder Zeichen geben, Terry mußte mit der „Fidelity“ in der Bucht bleiben. Hasards Männer hingegen setzten die Segel, und dann glitt die „Hornet“ geisterhaft schnell durch die Ausfahrt aufs offene Meer hinaus.
„Wir lassen die Kerle zappeln, bis sie dicht heran sind“, sagte Hasard. „Dann tun wir so, als hätten wir sie erst jetzt entdeckt, und geben ein Notsignal. Ben, sag Batuti Bescheid, er soll den Vormars entern.“
„Aye, Sir.“ Ben wies mit dem Kopf zu den vier Schiffen, die jetzt mit bloßem Auge zu erkennen waren, wenn man sich ein wenig Mühe gab. „Was meinst du, ob die sich wirklich von uns leimen lassen?“
„Das wird sich ja zeigen“, erwiderte der Seewolf grimmig. „Und dann wissen wir gleich, woran wir sind und können die Hunde richtig einschätzen.“ Er war wieder ganz der Alte, in seinen eisblauen Augen blitzte es verwegen und angriffslustig.
10.
Yves Grammont glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Die eine englische Galeone – es mußte nach Vangards Beschreibung die „Hornet“ sein – trieb plötzlich aus der Bucht hervor und legte sich quer zum Südwind vor die Einfahrt. Wütendes Gebrüll tönte zur „Louise“ und ihren Begleitschiffen herüber.
Grammont wollte schon das Feuer eröffnen, weil er sich entdeckt glaubte, da meldete ihm Ferret, der den Großmars erstiegen hatte: „Sie haben Schwierigkeiten! Sie kämpfen mit der See und drohen zu kentern!“
„Aber sie haben uns entdeckt!“ schrie Grammont mit verzerrtem Gesicht.
„Nein! Noch nicht! Sie wenden uns alle den Rücken zu!“
Hasard spielte seine Rolle gut, die „Hornet“ schlingerte wirklich so gewaltig in den Wogen, daß man den Eindruck haben mußte, sie würde jeden Moment querschlagen und ihre Mannschaft ins Wasser entladen. Gefährlich war das, Hasard riskierte nicht wenig, ein zu gewagtes Manöver, und es war tatsächlich um die „Hornet“ geschehen. Aber die Crew paßte auf und spielte bestens mit. Es gehörte zum Plan.
„Hölle“, murmelte Yves Grammont. „Das wird doch wohl kein Trick sein? Aber was hat der Hund davon, wenn er uns vor der Bucht abfängt? Er ist uns auf jeden Fall unterlegen.“ Er warf einen Blick durchs Spektiv. Vangards Angaben schienen zu stimmen, die Galeone „Hornet“ war denkbar schlecht armiert. Und in der Bucht, soviel war mittlerweile durch die Einfahrt zu erkennen, schien auch nur ein einziges Schiff zu liegen, andere Masten erhoben sich nicht über die Felsen hinaus, man hätte sie sehen müssen.
Grammont wägte kurz alle Möglichkeiten ab, dann beschloß er, weiterhin an seinem Plan festzuhalten und direkt auf die Engländer loszugehen. Daß es sich wirklich um Engländer handelte, stand unumstößlich fest. Munter flatterte der White Ensign, die weiße Flagge mit dem roten Georgskreuz, im Besantopp der „Hornet“.
Die „Louise“ ging dicht an die „Hornet“ heran, die „Petite Fleur“, die „Antoine“ und die „Coquille“ folgten ihr in Dwarslinie.
Plötzlich begann Batuti im Vormars der „Hornet“ zu gestikulieren und Signalfahnen zu schwenken.
„Ankertrosse gerissen!“ meldete Ferret. „Und jetzt haben sie auch noch Ärger mit dem Ruder! Das sind wirklich Pechvögel! Sie fragen, ob wir ihnen helfen können!“
„Das können wir“, sagte Grammont mit höhnischem Grinsen. Dann ließ er die Stückpforten hochziehen und die Kanonen ausrennen. Grimmig blickten die Mündungen der schweren Siebzehnpfünder-Rohre zu beiden Schiffsseiten heraus, die Geschützführer standen klar bei Lunten.
„Sie haben Angst zu sinken!“ rief Ferret.
„Verdammt, was sind das nur für Holzköpfe“, sagte Grammont. Er rieb sich die Hände und wußte noch nicht, wie sehr er sich täuschte. Noch einmal stieg ihm ein leiser Zweifel auf, irgend etwas könne vielleicht doch nicht stimmen, aber er verdrängte ihn aus seinen Gedanken. Jetzt galt es zu handeln!
Hasard warf noch einen letzten Blick durch das Spektiv und konnte den Namen am Bug der heranrauschenden Dreimast-Galeone entziffern: „Louise“. Er steckte das Rohr weg und sprang aufs Hauptdeck hinunter. Wer ihn von Bord des Piratenseglers aus beobachtete, mußte glauben, er sei in heller Aufregung über einen bevorstehenden Ruderbruch und wolle seine Mannschaft zusammenstauchen.
„Achtung jetzt“, sagte er zu Carberry, Blacky, Finnegan, Rogers, Al, Gary und den anderen, die nur darauf warteten, die Geschütze zu enttarnen und auszurennen. „Ich bin sicher, der Franzose zieht gleich alle Register. Er will uns versenken, nicht entern.“
Alles schien darauf hinzudeuten. Die „Louise“ schob sich noch näher heran, dann drehte sie bei und bot den Männern der „Hornet“ den Anblick ihrer Steuerbordbatterie dar. Grammonts Plan war klar: Er wollte die „Hornet“ zusammenschießen und dann auch die „Fidelity“ angreifen, die nach wie vor in der Bucht lag.
Keine Vorwarnung, keine Aufforderung zur Kapitulation: Grammont schrie: „Feuer!“, und die volle Breitseite fuhr donnernd aus den sieben Rohren.
Batuti, der eben noch eifrig signalisiert hatte, duckte sich im Vormars und griff zu Pfeil und Bogen. Verfluchte Dreckskerle, dachte er, gemeiner ging’s wohl nicht.
Hasards Männer gingen auf dem Oberdeck in Deckung, aber gleichzeitig rissen sie die gewachsten Tücher von den Kanonen.
Heulend flogen die Siebzehnpfünder Kugeln des Gegners heran, doch die Piraten hatten bei dem starken Seegang nicht gut genug zielen können. Drei Kugeln schlugen noch vor der „Hornet“ ins Wasser, zwei rasten hinter dem Heck vorbei, und die beiden anderen orgelten hoch genug über die Kuhl weg. Sie richteten keinen Schaden an.
Jetzt war jedoch auch die „Petite Fleur“ heran und legte sich im Kielwasser der „Louise“ quer zum Wind. Ihre Kanonen sprachen, Feuer und Rauch quollen aus den Rohren, sechs Kugeln stießen gegen die „Hornet“ vor.
Diesmal hatten die Franzosen mehr Glück. Die eine Kugel knickte der „Hornet“ glatt den Bugspriet weg, eine andere krachte ihr oberhalb der Wasserlinie ins Achterschiff und blieb in einem der Räume in der unmittelbaren Nachbarschaft der Kapitänskammer liegen. Die übrigen vier Kugeln verfehlten ihr Ziel.
Die „Louise“ schickte sich zum Überstaggehen an, doch jetzt gab Hasard seinen Männern einen Wink, und sie gingen ihrerseits zur Aktion über. Auf der „Hornet“ fielen die letzten gewachsten Tücher, die die Kanonen bedeckten, und die getarnten Stückpforten wurden schleunigst hochgezogen.
„Arwenack!“ schrien die Seewölfe, dann rollten die Kanonen vor und streckten ihre langen eisernen Rohre auf die See hinaus. Die Lunten glommen auf, das Zündkraut begann zu knistern, und brüllend fegte gleich die zehnfache Antwort auf Grammonts Attacke zur „Louise“ und zur „Petite Fleur“ hinüber.
Easton Terry befolgte den Befehl, den Hasard ihm vor dem Auslaufen gegeben hatte. Jetzt, da er die Kanonen der „Hornet“ wummern hörte, ließ auch er die Segel setzen, und die „Fidelity“ verließ ebenfalls die Bucht. Platt lag sie vor dem Südwind und hatte die günstige Luvposition inne. Sofort griff Terry in das Gefecht ein.
Die Fetzen flogen, massiver Widerstand prallte den Piratenschiffen entgegen. Damit hatte Yves Grammont weiß Gott nicht gerechnet, und in seinem Zorn verfluchte er Vangard, der sich in seinen Beobachtungen doch geirrt hatte.
Es war aber zu spät, die Taktik zu ändern, er mußte sich dem Gegner voll stellen. Natürlich gab sich Grammont nicht geschlagen – zornig warf er sich mit seinem kompletten Viererverband in den Kampf, und jetzt brüllten und donnerten die Kanonen, daß es bis nach Brest hin zu hören war.
Die „Petite Fleur“ war durch zwei Kugeln getroffen und versuchte, sich dem erneuten Feuer der „Hornet“ durch ein geschicktes Manöver zu entziehen. Hasard folgte ihr jedoch und entging um Haaresbreite der nächsten Breitseite, die die „Louise“ auf sein Schiff losschickte.
Die „Antoine“ und die „Coquille“ nahmen die „Fidelity“ in Empfang, aber Easton Terry ließ sich nicht beeindrucken. Von Anfang an bewies er Kaltblütigkeit. Längst war auch sein Schiff klar zum Gefecht, und jetzt brachte er der „Antoine“ gleich im ersten Anlauf ein paar empfindliche Treffer bei.
Ferris Tucker zündete auf dem Achterdeck der „Hornet“ eine seiner Flaschenbomben und schleuderte die kompakte Ladung zur „Petite Fleur“ hinüber. Ehe man dort erkannt hatte, daß es sich um eine Wurfgranate handelte, ging sie hoch und riß ein Loch in das Vorschiff.
Jean Bauduc, der sich gerade auf der Kuhl seines Schiffes befand, konnte sich gerade noch rechtzeitig in Deckung bringen. Dann sprang er wieder auf und fluchte mit seinen Männern zusammen über die Bescherung, die sich ihren Augen bot, als sich der Rauch der Explosion verzog.
Batuti und Shane sandten Brandpfeile gegen die Feindschiffe aus, und da es gerade wieder nicht regnete, fing die Takelage der „Petite Fleur“ als erste Feuer. Wenig später brannten auch die Segel der „Antoine“.
Bisher hatte der Kampf ohne merkliche Veränderung hin und her getobt, jetzt aber zeichnete sich eine Wende ab. Die „Hornet“ und die „Fidelity“ gewannen die Oberhand. Easton Terry erwies sich als ein harter Kämpfer, Hasard gestand ihm dies neidlos zu. Im Gefecht ergänzten sie sich ausgezeichnet, als hätten sie schon früher Seite an Seite gekämpft.
Die „Louise“ glitt ein Stück außer Reichweite und versuchte dann, an die „Fidelity“ heranzusegeln, doch Terry war auf der Hut und empfing Grammont mit Drehbassenfeuer vom Achterkastell.
Die „Coquille“ hatte gewendet und hielt jetzt auf die „Hornet“ zu, um der in Bedrängnis geratenen „Petite Fleur“ zu Hilfe zu eilen. Auf der „Antoine“ hatte man alle Hände damit zu tun, den Brand zu löschen.
Hasard ließ das Feuer auf die „Coquille“ eröffnen und schlug sie zurück, dann wandte er sich erneut der „Petite Fleur“ zu. Wieder krachten die Kanonen, wieder flog eine Wurfgranate, und diesmal war das Schicksal von Jean Bauducs Schiff besiegelt. Ihre Lecks klafften bis über die Wasserlinie hinaus. Sie zog Wasser und begann zu sinken.
Bauduc und seine Kerle versuchten zu retten, was zu retten war, doch bald mußten sie einsehen, daß es sinnlos war. Sie mußten die „Petite Fleur“ aufgeben und von Bord gehen,
Terry wehrte die „Louise“ ab, dann ging er an die „Antoine“ heran, ehe die „Coquille“ sich ihm zuwenden konnte. Er feuerte die vorderen Drehbassen ab, luvte an und ließ auch die Culverinen sprechen, und jetzt war die „Antoine“ genauso schwer angeschlagen wie die „Petite Fleur“, die ihr Heck ins Wasser senkte und den Bug fast senkrecht hochhob, während ihre Mannschaft auf die Felsen an der Bucht zuschwamm und ihre liebe Not hatte, nicht elendig zu ersaufen.
Auch die „Antoine“ sank, und Pierre Servan und seine Leute mußten ebenfalls von Bord gehen, sie hatten keine andere Wahl.
Grammont und Saint-Jacques nahmen mit der „Louise“ und der „Coquille“ erbost Kurs auf die Engländer.
Die Männer der „Antoine“ konnten ein Beiboot abfieren, doch dieses kenterte im Sturm, als sie gerade hineingeklettert waren. Servan und seine Männer mußten schwimmen wie Bauduc und dessen Crew, und die „Louise“ und die „Coquille“ konnten die Schiffbrüchigen nicht übernehmen, weil die „Hornet“ und die „Fidelity“ sie immer wieder abdrängten.
Schließlich mußte Yves Grammont die Flucht antreten.
Obwohl es ganz und gar nicht seinem Wesen entsprach, mußte er kapitulieren, vorläufig jedenfalls, denn auch die „Louise“ war schwer angeschlagen. Die „Coquille“ allein konnte sich gegen die „Hornet“ und die „Fidelity“ nicht behaupten, und so verzog sich auch Saint-Jacques im zunehmenden Sturm nach Westen. Er folgte Grammont, der wutentbrannt nach einer Möglichkeit Ausschau hielt, zu verholen und die schlimmsten Lecks abzudichten.
Wieder begann es zu regnen. So erloschen wenigstens die Feuer in der Takelage. Doch nichts konnte Grammonts Zorn abkühlen.
Er schwor bittere Rache – und das Gesicht jenes schwarzhaarigen Teufels, den er auf dem Achterdeck der „Hornet“ hatte stehen sehen, hatte er sich ganz genau gemerkt. Immer wieder fragte er sich, wer dieser Himmelhund, dieser Bastard und Satansbraten, wie er ihn nannte, wohl sein mochte. Ganz bestimmt kein harmloser Handelsfahrer. Diesen Irrglauben hatte Grammont teuer bezahlen müssen, und jetzt stand er vor einem Rätsel.
Warum diese Falle? Warum der ganze Aufwand? Hatte England etwas herausgefunden und holte jetzt zum Gegenschlag aus? Glaubte man dort drüben, auf der anderen Seite des Kanals, nicht mehr an zufällige Überfälle von Piraten auf Engländer, sondern vermutete hinter alldem ein Komplott?
Wie auch immer – er würde sich an diesem schwarzhaarigen Hund, der der Führer der beiden Schiffe zu sein schien, rächen!
Hasard und Easton Terry verzichteten darauf, die flüchtenden Piraten zu verfolgen. Sie nahmen sich lieber die Schiffbrüchigen vor, deren einzige Rettung jetzt darin bestand, direkt zum Ufer zu schwimmen und sich in der Umgebung der Bucht zu verstecken.
„Wir müssen versuchen, einige der Kerle zu schnappen“, sagte der Seewolf zu Ben Brighton. „Wie sieht es bei uns aus? Haben wir Verletzte?“
„Nur leichte Verwundungen, nichts Ernstes“, antwortete Ben. „Der Kutscher ist dabei, die Blessuren zu verarzten.“
„Gut. Lecks?“
„Ferris hat eins abgedichtet, weitere scheint es nicht zu geben, jedenfalls nicht unter der Wasserlinie.“
„In Ordnung, dann können wir also weitermachen. Wir müssen aus den Piraten herauskriegen, wo sich ihr Schlupfwinkel befindet. Dorthin sind die ‚Louise‘ und die Karavelle geflohen, dort müssen wir sie erneut stellen.“
„Ja. Laufen wir die Bucht wieder an?“
„Sofort, und dann fieren wir die Beiboote ab“, entgegnete Hasard. Er legte den Kopf in den Nacken und schrie zu Batuti hinauf: „Batuti, gib Terry ein Zeichen! Er soll anluven, wir segeln zurück in die Bucht!“
„Aye, Sir!“ rief der Gambia-Mann, dann vertauschte er Pfeil und Bogen wieder mit den Signalfahnen.
So kehrten die „Hornet“ und die „Fidelity“ in die Bucht von Sillon de Talbert zurück, gingen vor Anker und ließen ihre Beiboote zu Wasser. Der Sturm tobte über die Nordküste der Bretagne und behinderte sie in ihrem Unternehmen, doch sie waren fest entschlossen, einige von den Kerlen zu fangen.
Ihr Auftrag endete hier nicht, er hatte eben erst angefangen und mußte weitergeführt werden. Wer war der Anführer der Bande, den Hasard auf dem Achterdeck der „Louise“ hatte stehen sehen – dieser vollbärtige Kerl mit der Augenbinde? In wessen Auftrag handelte er? Steckten wirklich die Spanier dahinter? Sollte Lord Gerald Cliveden recht behalten?
Es gab viel zu tun. Hasard mußte sich beeilen, wenn er die schiffbrüchigen Piraten noch erreichen wollte, sie waren jetzt bereits an Land. Gelang es ihm nicht, sie zu stellen, stand er wieder vor dem Nichts und konnte von vorn beginnen.
Die „Petite Fleur“ und die „Antoine“ waren gesunken, der Kanonendonner war verstummt. Nichts schien mehr von dem erbitterten Gefecht zu zeugen, das eben stattgefunden hatte. Nur der Sturmwind heulte weiterhin sein klagendes Lied über dem unwirtlichen Küstenland, das den Seewölfen jetzt noch menschenabweisender als vorher erschien …








