Kitabı oku: «GUARDIANS - Der Verlust»

Yazı tipi:

Caledonia Fan

GUARDIANS

- Der Verlust -

Ein mysteriöser Dieb raubt Menschen aus der ganzen Welt ihre Begabung. Auch ein zukünftiger Schüler der Schule auf Darach Manor ist betroffen.

Als daraufhin Nachforschungen angestellt werden und eine kleine Gruppe von England nach Mittelamerika reist, um den Jungen aufzusuchen, reißt der Kontakt zu ihnen ab. Sadik und die Guardians nehmen ihre Spur auf, doch sie müssen feststellen, dass der Dschungel seine eigenen Gesetze hat.

Neue außergewöhnliche Gaben.

Geheimnisvolle Verbündete.

Und ein unbesiegbarer Gegner …

Guardians

Band 2

- Der Verlust -

Meiner Tochter

als Dank für ihre unermüdliche Unterstützung.

Ich hab dich lieb.

1. Auflage

Erstveröffentlichung November 2020

Alle Rechte bei Caledonia Fan

Umschlaggestaltung und Cover: Caledonia Fan

Printed in Germany

ISBN 9789403610115

~~~ INHALT ~~~

~~~ PROLOG~~~

~~~ KAPITEL 1 ~~~

~~~ KAPITEL 2 ~~~

~~~ KAPITEL 3 ~~~

~~~ KAPITEL 4 ~~~

~~~ KAPITEL 5 ~~~

~~~ KAPITEL 6 ~~~

~~~ KAPITEL 7 ~~~

~~~ KAPITEL 8 ~~~

~~~ KAPITEL 9 ~~~

~~~ KAPITEL 10 ~~~

~~~ KAPITEL 11 ~~~

~~~ KAPITEL 12 ~~~

~~~ KAPITEL 13 ~~~

~~~ EPILOG ~~~

~~~ PERSONENREGISTER ~~~

~~~ DANKSAGUNG ~~~

LESEPROBEN GUARDIANS Band 3

Für Romaru.

Für Tian-Ti.

Für Clarice.

Für all die anderen.

Und für Tariq.

~~~ PROLOG~~~

Als er die Augen öffnete, fand sich der zwölfjährige Junge mitten auf dem belebten Marktplatz einer fremden Stadt stehend. Das grelle Tageslicht ließ ihn sofort geblendet die Lider wieder zukneifen.

Gleichzeitig brachen Geräusche wie eine Flutwelle über ihn herein. Gnadenlos. Und er war ihnen wehrlos ausgeliefert. Autos und Mopeds fuhren hupend vorüber, hielten an der Ampel, knatterten weiter. Kinder kreischten fröhlich. Hinter ihm plätscherte ein Springbrunnen. Irgendwo in der Nähe erklang Musik.

Es dauerte einen Moment, bis er sich traute, einen erneuten Blick zu wagen. Menschen eilten an ihm vorbei, geschäftig, hastig miteinander redend, einander knapp grüßend. Keiner nahm Notiz von ihm, nur manchmal schimpfte jemand, weil er mitten auf dem Gehweg stand, ohne sich zu rühren.

Nichts von dem, was er sah, kam ihm bekannt vor und er fragte sich verwundert, wie er hierhergelangt war. Er wusste nicht, wo er herkam und genauso wenig, wohin er gehörte.

Und er hatte keine Ahnung - wer er war.

~~~ KAPITEL 1 ~~~

1. Juni 2024, Samstag, 12:00 Uhr

Darach Manor, England

Tiana runzelte die Stirn und lehnte sich in ihrem ergonomisch angepassten Schreibtischstuhl zurück. Sie wusste nicht recht, was sie von dem eben beendeten Videotelefonat halten sollte. Da es inzwischen das dritte dieser Art war, konnte man es kaum noch als Zufall bezeichnen, das stand fest.

Grübelnd wickelte die zierliche Vierundzwanzigjährige eine Strähne ihrer langen Haare um den Zeigefinger. Sie versuchte sich zu erinnern, wann der erste Anruf eingegangen war.

In ihre Überlegungen hinein erklang der melodische Gong, der die Bewohner, Schüler und Angestellten von Darach Manor zum Mittagessen rief. Unwillig schnaubte sie und warf den Kugelschreiber, an dem sie genagt hatte, auf den Schreibtisch vor sich. Zum Schreiben bei ihrer Arbeit nutzte sie längst ein Datenpad und keine Stifte mehr, die Angewohnheit, beim Nachdenken auf einem zu kauen, war geblieben.

Mit einem Ruck schob sie den Stuhl zurück und stand auf. Sehnsüchtig sah sie durch das weit geöffnete Fenster hinunter auf den Vorplatz. Die Junisonne und ein azurblauer Himmel lockten.

Tief durch die Nase einatmend dehnte sie ihren Rücken und streckte die Arme. Die üppig blühenden Jasminsträucher, die die Auffahrt durch das Wäldchen bis hinauf zum Haupttor säumten, verströmten einen betörenden Duft.

Es war ein warmer Frühsommer. Ihr stand bei solchem Wetter nicht der Sinn nach Schreibtischarbeit. Tanyel, der Steward von Darach Manor, hatte auf dem Rasen hinter dem Haus bereits die Liegestühle aufgestellt. Mit einem resignierten Seufzer wünschte sie sich hinaus aus dem niedrigen Zimmer unter dem Dach, am besten direkt hinein in einen dieser Stühle.

Sie beschloss, Tamira, mit der sie sich das Büro teilte, das Problem mit den Anrufen zu schildern. Wenn es denn eines ist, fügte sie im Geiste hinzu und verließ das Zimmer. Gleich nach dem Essen würde sie mit der fast doppelt so alten Freundin über diese Sache reden. Vielleicht konnte Tamira ja einen Zusammenhang erkennen, wo sie selbst noch keinen sah.

Eine Stunde später saß sie mit ihr am Schreibtisch im Büro und die Freundin lauschte ihr aufmerksam, während sie erklärte, worüber sie grübelte.

"Was ist daran ungewöhnlich?", forschte Tamira am Ende ihres Berichtes. "Es hört sich doch normal an."

"Das dachte ich auch erst. Natürlich habe ich den Eltern vorgeschlagen, dass wir den geplanten Besuch bei ihrer Tochter erstmal verschieben und im Juli oder August nach Kanada fliegen. Jeder kann schließlich mal krank werden, warum also nicht auch Clarice? Aber das ist nicht der Punkt."

Sie ließ die Haarsträhne, die sie wieder gedankenverloren um den Finger gewickelt hatte, fallen und beugte sich vor. Die Ellenbogen auf den Schreibtisch gestützt, richtete sie die Spitze ihres Stiftes auf ihre Zuhörerin. "Erinnerst du dich, als wir Romaru in Guatemala besuchen wollten?", erkundigte sie sich. "Seine Eltern hatten aus heiterem Himmel ihre Erlaubnis zurückgezogen, den Jungen hierher an unsere Schule zu schicken. Ohne Begründung. Oder Tian-Ti, das Mädchen aus der Mongolei? Mitte Mai teilten uns ihre Eltern mit, sie möchte nun lieber doch nicht nach England kommen. Und es gibt noch zwei weitere von diesen Fällen, bei denen es uns per E-Mail mitgeteilt wurde."

Eine bedeutungsschwangere Pause einlegend lehnte sie sich mit vielsagendem Blick wieder zurück. "Allesamt Jugendliche, die schon zur Aufnahme vorgesehen waren und die dann nicht gekommen sind. Einzeln betrachtet erscheint das alles nicht unbedingt verdächtig. Aber schau dir den Zeitraum an."

Sie winkte die Ältere zu sich herüber und wies mit ihrem angeknabberten Stift auf den breiten, zweidimensionalen Hologramm-Bildschirm, der über dem Schreibtisch schwebte.

Tamira musterte die Daten sorgfältig. Verwundert hob sie die Augenbrauen.

"Das ist ja alles innerhalb von einem Monat geschehen! Ungewöhnlich, du hast Recht. Was könnte da­hinter­stecken?"

"Ich habe keine Ahnung, Tammy", gab Tiana unumwunden zu und schüttelte ratlos den Kopf.

"Ob jemand der Schule schaden will?" Die kleine Frau mit den fast schwarzen, kurz geschnittenen Locken richtete sich auf und runzelte besorgt die Stirn. "Lass uns doch mal ein bisschen recherchieren", entschied sie kurzerhand, setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und wandte sich ihrem Bildschirm zu. "Wäre doch gelacht, wenn wir da nix rausfinden würden. Fangen wir mit Clarice an."

Sie überlegte kurz.

"Computer, ich brauche alle Einträge über Clarice Bowen", verlangte sie.

Aus dem Lautsprecher erklang eine sanfte Frauenstimme, die ihre Bitte wiederholte. Auf ihrem Holo-Bildschirm, der größer war als Tianas und die gesamte Schreibtischbreite beanspruchte, poppten unzählige Fenster auf, in denen jeweils der angeforderte Name rot markiert war.

"Begrenze auf das laufende Jahr!", wies sie an und drei Viertel von ihnen verschwanden. Zurück blieben immer noch zu viele, um sie einzeln zu lesen.

"Schrift vergrößern!" Mit ihren schlanken Händen wischte Tamira ein Fenster nach dem anderen vom Bildschirm. Es gab offensichtlich nicht nur ein Mädchen mit diesem Namen.

"Beschränke auf Kanada", half Tiana, "sie ist aus Vancouver."

Die Freundin grenzte die Suche erneut ein und Sekunden später fand sie, was sie befürchtet hatte. Das Foto in einem kurzen, rot umrandeten Textabschnitt war ihr sofort ins Auge gesprungen.

Mit der Hand vergrößerte sie das Fenster und las.

"Vermisst wird seit dem Abend des einunddreißigsten Mai 2024 die siebzehnjährige Clarice Bowen. Sie kehrte nach der Arbeit nicht nach Hause zurück. Ihr Wagen, ein hellblauer Ford Pick-up, wurde an einem Rastplatz des nördlichen Trans-Canada-Highways gefunden, unverschlossen und unbeschädigt. Ein cremefarbener Nylon-Rucksack mit Geld und den Papieren der jungen Frau lag auf dem Beifahrersitz. Es gibt keine Anzeichen von Fremdeinwirkung oder Gewalt."

Es folgten eine genaue Personenbeschreibung, der exakte Fundort des Wagens und eine Aufzählung der Kleidungsstücke, die Clarice getragen hatte. Alles, was im Auto entdeckt wurde, ließ sich mit dem Finger antippen, worauf sich ein dreidimensionales Hologramm des Gegenstandes vom Bildschirm löste und davor langsam um seine eigene Achse rotierte. Dass die Jugendliche an einer ausgeprägten Seheinschränkung litt und starke Kontaktlinsen trug, war auch erwähnt. Ein Foto zeigte den hellblauen Pick-up, ein zweites ein pummeliges Mädchen mit mürrischem Gesicht, kinnlangen roten Haaren und einer Unmenge Sommersprossen. Beide Bilder verwandelten sich ebenfalls in ein dreidimensionales Hologramm und rotierten langsam vor dem Bildschirm.

Tamira beugte sich vor und las den Text ein zweites Mal. Auf der Unterlippe kauend lehnte sie sich wieder zurück. Es gab etwas, das nicht in der Anzeige stand. Clarice besaß die Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen, und diese bemerkenswerte Gabe würde ihre Eintrittskarte für die Schule für Jugendliche mit besonderen Begabungen hier in England sein. Sie sah in finsterster Nacht besser als am hellen Tag, denn da bereitete ihr ihre hochgradige Lichtsensibilität erhebliche Probleme. Zum Schutz der empfindlichen Netzhaut trug sie tagsüber die Linsen.

Tiana war durch einen Zufall im Netz auf das Mädchen aufmerksam geworden. Clarices Eltern hatten sich geweigert, die Sehschwäche ihrer Tochter operativ beheben zu lassen. Sie befürchteten, dass diese ihre Fähigkeit dabei verlieren würde. Der Augenarzt zog daraufhin das kanadische Jugendamt hinzu und das sah ein solches Verhalten als Vernachlässigung an. Es verklagte die Erzie­hungs­berechtigten wegen Verletzung der Fürsorgepflicht. Wie zu erwarten schlug die Angelegenheit Wellen und war so ins Internet geraten.

Tamira legte den Kopf zurück an die hohe Lehne ihres Schreibtischstuhles und kniff ein wenig die Augen zusammen, eine Angewohnheit von ihr, wenn sie nachdachte.

Im Netz gab es unzählige skurrile Dinge. Und Menschen, die über besondere Fähigkeiten verfügten, waren längst keine Seltenheit mehr. Vor dreißig, ja vor zwanzig Jahren sah das noch ganz anders aus.

In ihrer Kinderzeit war das tunlichst verschwiegen worden, denn es galt als Makel, derartige Sprösslinge zu haben. Obwohl sie inzwischen dreiundvierzig war, konnte sie sich gut daran erinnern. Ihre Eltern hatten gleich zwei davon gehabt: Nicht nur sie selbst, sondern auch ihre ältere Schwester war mit einer solchen besonderen Begabung geboren worden.

Diese Kinder, die damals als Außenseiter gemieden oder gar gemobbt wurden, bildeten heute einen essentiellen Teil der Gesellschaft. Sie arbeiteten in Bereichen, in denen sie ihre Gaben anwenden und bestmöglich nutzen konnten. In speziellen Schulen wurden sie darauf vorbereitet und in der Nutzung und Beherrschung ihrer besonderen Fähigkeit unterwiesen. Eine dieser Institutionen, sogar eine der besten, war hier auf Darach Manor.

"Was wissen wir sonst über das Mädchen?", fragte Tamira und schob sich zum wiederholten Male eine widerspenstige Strähne ihres kurzen dunkelbraunen Haares aus der Stirn.

Tiana, die vorhin aufgestanden war und ihr die ganze Zeit über die Schulter geschaut hatte, richtete sich auf.

"Clarice Bowen. Einzelkind, mäßiger Schulabschluss, Lehre zur Industriekauffrau im zweiten Ausbildungsjahr. Aufnahme an unserer Schule vorgesehen im September 2024, Fortsetzung der Ausbildung bei Genera Medical Developments", rasselte sie herunter und ließ sich wieder in ihren Schreibtischstuhl fallen, dessen Rückenlehne mit leisem Ächzen gegen diese Behandlung protestierte. Erneut begann sie mit dem Stift zu spielen. Sie kannte die Aufnahmekandidaten für das kommende Schuljahr alle im Vorfeld. "Clarice freute sich darauf, hier zu lernen, Tammy. Sie hat uns sogar in einem Brief geschrieben, dass sie es kaum erwarten kann, endlich von zu Hause wegzukommen."

"Warum haben dann die Eltern am Telefon gesagt, dass sie krank sei, wenn sie in Wirklichkeit seit vorgestern vermisst wird?", grübelte Tamira. "Normalerweise nimmt man doch in so einem Fall so viel Hilfe in Anspruch, wie man bekommen kann."

Tiana zuckte mit den Schultern. "Vielleicht wollen sie es nicht an die große Glocke hängen? Oder dürfen nicht drüber sprechen? Kann auch sein, sie schämen sich."

Es gab zwei logische Erklärungen für das Verschwinden des siebzehnjährigen Mädchens. Entweder war Clarice entführt worden oder sie hatten es mit einer Aussteigerin zu tun, die das kühle Kanada gegen die warmen Strände von Hawaii eintauschen wollte.

"Heute Abend werde ich noch einmal intensiv im Netz suchen." Tamira stand auf und reckte sich ausgiebig. Sie war ebenso klein und zierlich wie ihre Freundin und Kollegin, doch in ihr steckte eine unbändige Kraft, die aus ihrer traumatischen Kindheit erwachsen war. "Jetzt habe ich erstmal Training, es ist gleich zwei. Kommst du mit?"

Tiana lachte und winkte ab.

"Du gibst wohl nie auf", antwortete sie. "Nein, nein, geh du mal allein zu deinen Schützlingen. Ich mach hier noch ein bisschen weiter." Lächelnd schüttelte sie den Kopf und wedelte mit der Hand in Richtung der Tür. "Geh nur, Tammy. Ich bin sicher, du wirst schon sehnlichst erwartet."

Sie sah Tamiras dunkle Augen vergnügt funkeln, während die Freundin lachend das Büro verließ, nicht ohne ihr vorher noch einmal kurz zuzuwinken.

Tamira war eine der Lehrerinnen der Schule. Zu ihrem Lehrgebiet gehörte der Umgang mit psychischen Fähigkeiten wie Hypnose oder Telepathie. Sie trainierte die mentale Stabilität und Psyche aller Schüler, doch ihr Training war besonders wichtig für die Guardians und deren Anwärter.

Tiana lächelte wehmütig. Seit zwei Jahren war sie nicht mehr bei der Truppe. Frustriert hatte sie einsehen müssen, dass das Lehramt-Studium und die Arbeit für die Organisation ihr nicht genügend Zeit ließen für das immense Trainings­pensum, das einem Guardian auferlegt war.

Jais, der neunzehnjährige, blonde Däne, hatte sie abgelöst und mit ihrem jüngeren Bruder Trajan das Team Blau gebildet, bis die Zweierteams aufgelöst wurden.

Schon während ihres Studiums war sie Tariqs Assistentin geworden, um den Schulleiter bei seiner weltweiten Suche nach begabten Kindern zu unterstützen. Er hatte ihr gezeigt, worauf sie im Internet zu achten hatte, und ihr die versteckten Hinweise und Codes erklärt, an denen sich die Personen mit einer besonderen Fähigkeit im Netz erkannten. Inzwischen erledigte sie das alles allein und Tamira half ihr, so oft sie Zeit fand.

'Tag' und 'Nacht' waren von Imara aus der Schule abgeholt worden und kamen vom Garagentrakt zum Haupthaus herüber, langsam, schlendernd. Satu plauderte und Jala hörte zu.

Die Spitznamen waren ihnen von den anderen gegeben worden, denn die beiden Mädchen konnten nicht gegen­sätzlicher sein.

Die vierzehnjährige Satu war Tag. Eigentlich lebte sie bei ihrer Tante in den Vereinigten Staaten. Aber diese war nach Weihnachten schwer erkrankt und hatte darum gebeten, das Mädchen bereits jetzt schon nach England an das Internat schicken zu können. Nach ihrer Befreiung aus dem Labor vor sechs Jahren war die Siebenjährige zu ihrer Tante gekommen, doch ihre Aufnahme an der Schule für den Herbst des kommenden Jahres hatte bereits festgestanden. Imara, die sich darauf freute, Satu wiederzusehen, hatte eingewilligt, sich um sie zu kümmern.

Satu war ein Teenager, den jeder als bildhübsch bezeichnete, und ein wahrer Sonnenschein. Sie verbreitete pure Lebensfreude. In ihrer Nähe fiel es schwer, Groll zu hegen oder Bitterkeit zu empfinden. Sie trug stets farbenfrohe Kleidung, am liebsten T-Shirts und weite Latzjeans, und ihr langes, blondes Haar war immer offen. Sie lachte viel, konnte gut zuhören und schien einfach unfähig in anderen etwas Böses zu sehen.

Jala hingegen war dunkel. In jeder Beziehung. Man konnte die achtzehnjährige gebürtige Irakerin nicht schön nennen und sie wusste es. Makeup und Frisur waren ihr völlig gleich, obwohl gerade in ihrem Alter Mädchen viel Wert darauf legten. Das machte sie zum Außenseiter in ihrer Klasse. Doch es störte sie nicht. Ihr lag nichts an Freundschaften mit den Mädchen, die mit ihr zur Schule gingen, denn die erschienen ihr allesamt oberflächlich, falsch und albern. Am liebsten hatte es Jala, wenn man sie in Ruhe ließ.

Ihre Gestalt war knochig und nicht fraulich, mit einer kaum erkennbaren Brust und einem Becken, so schmal wie das eines Jungen. All das war sowieso nicht zu sehen, denn zum Leidwesen ihrer Pflegemutter Imara trug sie T-Shirts, die ihr mindestens zwei Nummern zu groß waren, und grundsätzlich dunkle Kleidung, am liebsten schwarz oder grau. Von derselben Farbe war auch das Basecap, unter dem sie ihre wilde, nachtschwarze Mähne verbarg,

Was an Jala aber am meisten verstörte, waren ihre Augen. In der Regel hielt sie den Blick gesenkt. Aber wenn sie ihn einmal hob und jemanden direkt ansah, dann hatte derjenige den Eindruck, dass sie ihm bis auf den tiefsten Grund der Seele blicken konnte. Durchdringend, bohrend und alles erkennend. Es war unangenehm, von ihr angeschaut zu werden, und nicht jeder konnte ihrem Blick standhalten. Ihre tiefdunklen Augen unter den langen schwarzen Wimpern verstärkten den Effekt noch.

Aber Jala war nicht nur dunkel, sie war auch still. Nie mischte sie sich in Gespräche ein, nie gab sie ungefragt ihre Meinung preis. Im Unterricht musste sie aufgefordert werden, zu reden, und bei Einsatzbesprechungen hörte sie generell nur zu.

Wenn die zwei Mädchen zusammen unterwegs waren, traten die gegensätzlichen Wesen der beiden besonders deutlich hervor. So wie jetzt gerade.

Eben seufzte Satu, blieb stehen und hielt ihr Gesicht selig lächelnd der Sonne entgegen. "Ich liebe den Sommer in England!", seufzte sie und breitete die Arme aus, als wollte sie jemanden umarmen.

Jala hatte ihr nur einen kurzen Blick zugeworfen und war weitergegangen. Ihr schwarzer Rucksack baumelte an einem Träger über der Schulter. "Ich habe Hunger", meinte sie lakonisch. "Lass uns zu Kareem gehen." Und ohne sich zu vergewissern, dass Satu ihr folgte, betrat sie durch den Wirtschaftseingang das Haus.

Drinnen war es angenehm kühl nach der sommerlichen Wärme draußen. Ihre Schritte hallten auf den Bodenfliesen und als sie ins kleine Foyer kam, umfingen sie die vertrauten Düfte. Wie immer roch es nach altem Gemäuer und dem Öl, mit dem die Leute vom Housekeeping Service die dunkle Holzvertäfelung pflegten.

Draußen vor dem Haus konnte sie Satus Stimme hören. Die Schulleiterin war kurz vor ihnen um die Hausecke gekommen und musste sich nun wahrscheinlich anhören, wie schön das Leben war.

Man konnte es kein Lächeln nennen, aber ein wenig hob sich Jalas Mundwinkel bei dem Gedanken daran.

Als sie in dem engen Korridor zur Teeküche abbiegen wollte, stieß sie mit jemandem zusammen. Der Rucksack rutschte von der Schulter und fiel zu Boden.

"Oh, tut mir leid", hörte sie eine überraschte Stimme. Noch bevor sie sich bücken konnte, hatte die angerempelte Person schon den Rucksack aufgehoben. Obwohl es ziemlich dämmrig in dem dunklen Korridor war, erkannte sie ihn an seinem weißen T-Shirt. Es war Ethan.

"Danke", antwortete sie leise und nahm ihm den Träger aus der Hand, um ihn sich wieder auf die Schulter zu schieben. "Nichts passiert."

Sie trat zur Seite, damit er vorbeigehen konnte, doch er blieb stehen.

"Ich wollte eben zu Kareem … und fragen, ob er noch was zu essen hat. Du bist doch auch grad gekommen. Magst du … vielleicht mitkommen?"

Er schob die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans und sah sie fragend an. Es ließ seine Schultern ungeheuer breit aussehen, doch das war ihm sicher nicht bewusst.

Jala brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, dass er tatsächlich sie gefragt hatte. Eigentlich wollte sie ablehnen, denn Ethan gehörte nicht unbedingt zu denen, deren Gesellschaft ihr angenehm war. Andererseits hatte sie ja tatsächlich Hunger. Nach kurzem Zögern nickte sie und wandte sich der Küchentür zu. Ethans Gesichtsausdruck konnte sie so nicht mehr sehen.

Tanyel ließ das schwere Eingangsportal hinter sich ins Schloss fallen. Eine laue Windbö wirbelte Wolken aus gelbem Blütenstaub von den Jasminbüschen vor dem Haus auf und zerzauste ihm die blonden Haare. Oben im ersten Stock hörte er durch das geöffnete Fenster Stimmen. Der Sechsundvierzigjährige sah auf die Uhr. Es war fast zwei, Tamiras Unterricht würde gleich beginnen.

Pfeifend machte er sich auf den Weg zum Gesindehaus. In früheren Zeiten, als Darach Manor der Wohnsitz der altehrwürdigen Henley-Familie war, hatte das Dienst­personal in dem Gebäude gewohnt. Heute lebten die zum Internat gehörigen Jungen darin. Es war lange nicht genutzt worden und dementsprechend verfallen gewesen.

Vor sechs Jahren musste der ehemalige Aufenthalts- und Speiseraum im Erdgeschoss binnen eines Tages bewohnbar gemacht werden. Die Guardians hatten in einer Mission sieben eingesperrte Kinder mit besonderen Fähigkeiten gerettet, zwei Mädchen und fünf Jungen. Letztere waren vorerst dort untergebracht worden.

Bran, einer von ihnen, kam ihm gerade entgegen. Er war inzwischen ein junger Mann mit hellbraunen Haaren, eher weichen Gesichtszügen und freundlichen graugrünen Augen geworden.

"Ich fahre in die Stadt, Tanyel, brauchst du was?", rief er herüber und klimperte mit dem Autoschlüssel.

Der Steward schüttelte lächelnd den Kopf. "Ich muss dann selbst nochmal los, danke."

Er winkte ihm zu und der Zwanzigjährige drehte sich um und verschwand in Richtung der Garagen.

Bran und Ethan waren die Ältesten der geretteten Kinder. Zwei Jahre nach ihrer Befreiung hatten beide die Aufnahmeprüfung bei den Guardians bestanden. Seitdem verstärkten sie das Team mit ihren Gaben und wohnten bis heute im Gesindehaus. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit in Charakter und Aussehen hielt ihre Teenager-Freundschaft von damals unerschütterlich.

Ethan verkörperte alles das, was Bran fehlte. Er war drauf­gängerisch, wortkarg und ein außerordentlich gut­aussehender Mann. Das widerspenstige blonde Haar kämmte er - wenn überhaupt - mit den Fingern. Seine breiten Schultern und die markanten, männlichen Gesichtszüge zogen die Blicke auf sich. Doch das Auffälligste waren die tiefblauen Augen, die stets misstrauisch und sorgenvoll zugleich blickten.

Tanyel bog hinter dem Ostflügel rechts ab und kam in den Schatten der hohen Bäume. Sein Blick streifte die Hecken an der Osteinfahrt und der Steward in ihm registrierte stirnrunzelnd, dass sie dringend geschnitten werden mussten.

Wie immer, wenn er zu den etwas abgelegenen Wirtschafts­gebäuden hinüberging, machte er einen kurzen Abstecher zu Tariqs Gedenkstein. Es war dessen Wunsch gewesen, für jeden, der einmal zur großen Familie von Darach Manor gehört hatte, hier auf dem Grundstück einen solchen aufzustellen. Und so befanden sich in dem winzigen Hain unter den hohen Bäumen neben Tariqs Stein auch zwei von ehemaligen Guardians, die im Einsatz umgekommen waren. Einer der beiden war ein Niemand gewesen, der in keinem Melderegister aufgetaucht war. Deshalb hatten sie ihn auf dem Grund des Hauses begraben, direkt am See, einem Platz, den er gemocht hatte. Denn für sie war er jemand gewesen. Ein Kamerad.

Heute war Tanyel nicht der Einzige, der zu dem stillen Ort hinter dem Gartenhaus gefunden hatte. Penelope, die Schul- und Internatsleiterin, ordnete Blumen in einer Vase und zupfte zwei welke Blüten heraus. Beim Knirschen seiner Schritte auf dem Kies richtete sie sich auf und drehte sich um.

"Es sind immer dieselben, die sich hier treffen", lachte sie und strich sich das schick frisierte graue Haar aus der Stirn, bevor sie sich wieder dem Strauß widmete, der auf dem kniehohen schwarzen Marmorwürfel stand. "Ich kann mich mit diesem Klotz nicht anfreunden", brummte sie mit abgewandtem Gesicht. "So schlicht und völlig schmucklos, einfach nur ein Block."

"Er wollte ihn so", gab Tanyel zurück, "und er ist genau so, wie Tariq es bestimmt hatte und wie er selbst gewesen war. Er hat nie viel Wert auf seinen gesellschaftlichen Stand und seinen angeborenen Adel gelegt. Nicht der Name adelt den Menschen, das war seine Devise."

"Ja", seufzte Penelope und ließ ihre Hände einen Moment lang sinken. "Du hast ja recht."

Der Steward war neben ihr stehen geblieben und schaute auf sie hinab. Die rundliche Frau reichte ihm kaum bis zu den Achseln. Doch die schicke Mittfünfzigerin mit dem immer gepflegten Make-up besaß eine enorme innere Kraft, die sie für ihre Aufgabe hier bestens geeignet machte. Die Teenager hatten gehörigen Respekt vor ihr.

Sie hob den Kopf und sah mit blitzenden, blauen Augen zu ihm hinauf. "Wir haben gestern echt Nerven gebraucht mit der Heizung im Büro", meinte sie, richtete sich auf und wischte die feuchten Hände an der Jeans ab. "Unsere Sekretärin hat die ganze Zeit wenig freundliche Dinge vor sich hingemurmelt und ich glaube, sie galten dir." Übertrieben vorwurfsvoll sah sie zu dem über zwei Meter großen Mann neben sich auf und runzelte vielsagend die Stirn.

Tanyel hob bedauernd die Hände. "Warum habt ihr … ach richtig, ich war nicht da", fiel ihm ein. "Ich schau es mir heute noch an, damit ihr beiden Ladys am Montag nicht frieren müsst." Er grinste ebenfalls.

"Frieren? Im Juni? Nein, es war dieses Klopfen, was einen wahnsinnig gemacht hat."

"Ich kümmere mich, versprochen." Er nickte Penelope zu und setzte seinen Weg fort.

Am Gesindehaus angekommen richtete er prüfend den Blick auf den Fortschritt der Baumaßnahmen. Es mussten weitere Zimmer geschaffen werden, denn der Raum für die Jungen hatte sich nach und nach gefüllt, als neue Internatszöglinge dazugekommen waren.

Jais war der Erste gewesen. Der stille Blondschopf aus Dänemark hatte sich schwergetan, Anschluss zu finden an das unzertrennliche Bran-Ethan-Duo. Die beiden waren sehr verschlossen gewesen. Sie hatten Mirek vermisst, den Jüngsten der Kinder aus dem Labor, der ihnen während ihrer Gefangenschaft ans Herz gewachsen und wie ein kleiner Bruder geworden war. Und sie waren nicht bereit gewesen, Jais bei seinen Sprachproblemen zu helfen. Eine Weile hatte es ausgesehen, als würde der schmächtige Junge wegen Heimweh wieder abreisen. Er war sich verloren vorgekommen. Tanyels ernstes Gespräch mit Bran und Ethan hatte nichts daran geändert. Die beiden waren damals kurz vor ihrer Guardian-Prüfung gewesen und hatten sich dem Neuzugang turmhoch überlegen gefühlt.

Hilfe kam von unerwarteter Seite. La'ith, der stellvertretende Teamchef, erkannte die Not des damals erst Vierzehn­jährigen und holte ihn diskret unter seine Fittiche.

Ein Brummen, das sich von der Osteinfahrt näherte, ließ Tanyel den Kopf wenden. Als wären seine Gedanken das Stichwort für La'ith gewesen, sah er dessen unauffälligen Kleinwagen in den Garagenhof einbiegen.

Nachdem er das Auto geparkt hatte, kam der wortkarge und verschlossen wirkende Guardian langsam zu dem Steward herüber.

"Ist etwas nicht in Ordnung?", fragte er und ließ seinen Blick prüfend über das neue Dach des Gesindehauses wandern.

Tanyel lachte leise. "Doch, doch, alles bestens. Nein, ich habe grad ein bisschen in Erinnerungen gekramt und dran gedacht, wie du Jais vor Ethan und Bran gerettet hast."

La'ith antwortete nicht gleich darauf. Er war kein gefühl­voller Mensch und mit Lob umzugehen fiel ihm schwer.

"Er hat sich gut gemacht", erwiderte er ein wenig steif.

Jetzt lachte Tanyel laut. "Gut gemacht?", wiederholte er. "Sicher, da hast du recht. Und er ist dir auch dankbar. Aber mich wundert manchmal, dass du noch atmen kannst, so, wie er dich vereinnahmt hat. Wo du doch so gern in Gesellschaft bist."

Das Grinsen, das den Schlag begleitete, mit dem seine Pranke auf La'iths Schulter herabsauste, blieb unerwidert und das Gesicht mit den silbergrauen Augen zeigte keine Spur von Erheiterung. La'ith lachte nicht. Niemals. Tanyel wusste das und konnte damit umgehen.

Im Stillen bewunderte er den schlanken, schwarzhaarigen Guardian. La'ith hatte sich nie über Jais' Anhänglichkeit beklagt.

"Es hat funktioniert", gab der unfreiwillige Mentor zurück. "Er hat sich gefangen und seine ganze Kraft in die Ausbildung zum Guardian gesteckt. Dass es sich gelohnt hat, konnte er bei seiner fehlerfreien Aufnahmeprüfung zeigen."

Tanyel nickte versonnen. Er musste La'ith recht geben, es hatte funktioniert. Inzwischen wohnte Jais im Ostflügel von Darach Manor. Er hatte nie wieder davon gesprochen, nach Hause zurückkehren zu wollen.

La'ith nickte ihm knapp zu und wandte sich ab, um in Richtung Haupthaus zu verschwinden. Der Steward sah ihm eine Weile hinterher, bevor er seinen Rundgang um das Gesindehaus fortsetzte.

Wieder vor dessen Haustür angekommen, stellte er zufrieden fest, dass es keinen Grund zur Klage gab. Die Internatsschüler hatten bei der Renovierung alle kräftig mit angepackt, so dass die Arbeiten im Frühling abgeschlossen werden konnten. Im Haus war nun Platz für acht Schüler.

Sein Blick wanderte über die großen Fenster in der Dachschräge. Noch gab es da oben keine Zimmer, doch wenn die Schule weiterhin so ausgezeichnet lief, konnte es nötig werden, das Dachgeschoss auszubauen.

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9789403613871
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