Kitabı oku: «Träume»
Über die Autorin
Danksagung
Prolog
Grenzen
Die Träume beginnen
Kämpfe
Lerne
Begegnungen
Wahrheit
Vertrauen
Verzweiflung
Geben und Nehmen
Beeinflussung
Wut
Entscheidung
Konsequenzen
Erinnerungen
Veränderungen
Erkenntnis
Hoffnung
Freiheit
Auf ewig mein
Unerwartet
Unschuld
Vereinigung
Beginn
Weitere Bücher dieser Autorin
Calin Noell
Träume
Seelenschwingen Band II
Impressum:
1. Auflage 2017
© Calin Noell – alle Rechte vorbehalten.
Epyllion Verlag
Jochen G. Fuchs
Ludwigstraße 23
76709 Kronau
www.epyllion.de
www.calin-noell.com
Coverdesign: Saskia Lackner
www.saskia-illustration.de
Lektorat: Roland Blümel
www.rolandbluemel.de/lektorat
Über die Autorin

»Um Wunder zu erleben, musst Du an sie glauben.«
Nach diesem Motto lebt die 1977 in Hamburg geborene Schriftstellerin Calin Noell, trägt jedoch ihren Teil dazu bei, damit sie auch wahr werden. Sie glaubt nämlich ebenso daran, dass auch immer sehr viel Eigenarbeit dazugehört, weil Wunder selten von ganz allein geschehen.
Seit 2015 veröffentlicht sie erfolgreich im Selfpublishing. Im Jahr 2019 wurden ihre Taschenbücher vom Epyllion Verlag übernommen. Im April 2021 erschien ihr erster SciFi-Roman im Plan9 Verlag.
Auf den folgenden Seiten gibt es weitere Infos, zu ihren Büchern, aber auch zu ihrer Person:
www.calin-noell.com
www.facebook.com/calin.noell.Autorin
www.instagram.com/calinnoell_autorin
Danksagung
Ich danke ganz besonders meinen fleißigen Testlesern, die nie müde werden, mir ihre Erlebnisse mit meinen Geschichten mitzuteilen und mich auch auf den einen oder anderen Fehler hinweisen.
Ganz besonders möchte ich dieses Mal erwähnen:
Nicole Rubach und Rena Schiffer, ihr seid meine Sonne, wenn es um mich herum mal dunkel wird.
Kerstin, weil Du immer ein Ohr für mich hast.
Manu und Gerd – Wie immer ganz vorne mit dabei.
Saskia Lackner – Du schaffst es immer wieder mich zu überraschen und bringst genau das Cover auf´s Papier, das ich in meinem Kopf sehe. Mit diesem hier hast Du meine Vorstellung jedoch mal wieder übertroffen.
Nicole P. und Sandra - Ihr seht Fehler, die ich selbst abfotografiert übersehe ;-)
Danke für eure unendliche Mühe.
Seelenschwingen
Träume
Band 2
von


Prolog
Wir sind nicht länger die, die wir einst waren. Erhaben und stolz, andersartig im Vergleich zu den Menschen. Ehre bedeutete uns alles, Neid und Machtgier hingegen waren uns fremd. Inzwischen aber sind wir vermenschlicht, kaum noch wir selbst.
Je mehr wir uns ihnen anglichen, je menschlicher wir wurden, weil wir zu viel Zeit unter ihresgleichen verbrachten, umso mehr schmolz unsere Einzigartigkeit. So besiegelten wir unseren eigenen Tod durch Sterblichkeit.
Talil jedoch ist endlich entkommen und damit wächst unsere Hoffnung, dass wir errettet werden. Doch obwohl sie nun frei ist, scheint sie weiterhin gefangen zu sein, in sich selbst, in ihrem Leid und ihrer Qual.
Bald schon wird sie den Weg zu uns finden, dennoch ist ungewiss, ob es ihr gelingt, den Pfad aus Hass und Wut zu durchbrechen.
Wir versagten, waren zu schwach, konnten ihr nur ungenügend Schutz gewähren. Ihre Seele ist zersplittert und diese Lebensbahn für immer verloren. Ein Neubeginn aber ist nicht unerreichbar, sollte sie den Willen in sich tragen, zu leben. Wenn nicht, sind wir verdammt.
Ich schütze sie mit meinem Leben, halte sie zwischen den Welten, solange es mir möglich ist, und bete zu den Ahnen, dass sie stark genug ist, uns alle zu erretten. Denn nur wenn sie lebt, überlebt auch die Hoffnung, dass wir nicht für alle Ewigkeit verloren sind.
Wilton

Grenzen
Talil
Ich schlug einen Pfad in den Wald hinein ein, fort von den bohrenden Blicken, die Wölfe um mich herum und wandelte mich, als ich sicher war, dass sie mich nicht mehr sehen konnten. Unendliche Erleichterung durchflutete mich, während große Schmerzen durch meinen Körper fuhren, weil sie die Qualen meiner vielschichtigen Gefühle betäubten. Ich hieß sie willkommen, versuchte nicht länger, den Schrei zu unterdrücken, denn nun war es mir gleichgültig. Langgezogen heulte ich auf, als sich die Wandlung vollzog und meine Gefährten antworteten mir ebenso erschütternd.
Diesmal dauerte es eine scheinbare Ewigkeit, bis die Schmerzwelle langsam verebbte. Abwartend legten sich die Wölfe schließlich zu mir, winselten hin und wieder leise, taten sonst jedoch nichts.
Ich wusste bereits, dass er kommen würde, noch bevor er losging, doch als er nun zögernd vor uns stehen blieb, kehrte meine Wut mit aller Kraft zurück und verdrängte sogar die Erleichterung, die mir der erlösende Schmerz verschafft hatte. Ich stieß ein warnendes Knurren aus.
Hoffnungslos weinte Kiljan stumme Tränen und ließ sich auf die Knie sinken. »Talil, es tut mir so leid. Ich vertraue dir ja, verdammt. Ich wollte nur verhindern, dass Ean etwas Unbedachtes tut und du versehentlich ...« Er bemerkte seinen Fehler selbst, fuhr sich vollkommen überfordert und leise fluchend durch sein wunderschönes Haar. »Geh nicht, ich bitte dich«, flehte er verzweifelt.
Mühsam erhob ich mich, ignorierte das Zittern meiner Beine, wandte mich ab und ging davon.
»Talil!«, schrie er einen Augenblick später, blieb jedoch, wo er war und mein Herz verkrampfte sich. Erst jetzt spürte ich schmerzhaft, wie auch das letzte bisschen Hoffnung verblasste, weil er nicht einmal den Versuch unternahm, mir in Wolfsgestalt zu folgen. Dass er es nicht tat, mich einfach gehen ließ, brannte wie Feuer in meinem Innern und dieser Schmerz erschien mir plötzlich um ein Vielfaches schlimmer als die erlittenen Qualen durch die Wandlung.
Der schwarze Wolf wies mir den Weg. Gemeinsam trotteten wir hinter ihm her, bis ich ihn schließlich zwang, ein höheres Tempo anzuschlagen. Endlich gelang es mir, alles andere auszublenden.
Wir liefen eine Ewigkeit, wie es mir schien und erst nach einer ganzen Weile wurde die Gruppe langsamer. Voller Verzweiflung stieß ich ein Heulen aus, vernahm selbst, wie geschunden es klang. Nach wenigen Schritten hielten die Wölfe inne, als spürten sie, dass es mir unmöglich war, weiterzugehen. Vollkommen erschöpft ließ ich mich nieder und verlor den Kampf gegen mich selbst. Mir blutete das Herz, ich schien unfähig, meine Gefühle noch länger zu unterdrücken, und ergab mich meinem Kummer.

»Kiljan, wir wollen zurück, komm schon. Wir müssen die Verletzten zum Schloss bringen.« Raouls Stimme klang leise, fast zögernd.
»Ich ließ sie einfach gehen«, flüsterte er verzweifelt, erhob sich aber noch immer nicht.
Ben und Arndt, die mit der letzten Gruppe auf dem heiligen Berg eintrafen und inzwischen von den Geschehnissen wussten, musterten ihn betroffen. »Ean ist sich sicher, dass die Verbindung mit ihrem Seelensplitter ihr hilft, über den Schmerz hinwegzukommen«, sagte Arendt ruhig.
Endlich wandte sich Kiljan ihnen zu und erhob sich. »Ich müsste derjenige sein, der für sie da ist. Ich sollte ebenjener sein, dem sie vertraut. Stattdessen aber habe ich sie verraten und ließ sie dann einfach fortgehen, obwohl ich ihr und mir selbst schwor, genau das niemals wieder zu tun.«
Ohne ein weiteres Wort schritt er an ihnen vorbei. Besorgt zog Ben eine Augenbraue in die Höhe. Nachdenklich blickten sie ihm hinterher und beteten zu den Ahnen, dass sie einen Weg finden würden, der sie wieder miteinander vereinte.
Traurig klopfte Ben Arendt auf die Schulter und gemeinsam gingen sie zurück zu dem Sammelplatz der Gefallenen und Verletzten. Kiljan stand inzwischen bei Mael, der auf einer Trage lag und auf ihn einredete. Ganz offensichtlich stritten sie miteinander.
Arendt seufzte und schüttelte frustriert den Kopf. »Was geschieht jetzt mit den Verstorbenen, die wir nicht zu den Unseren zählen, ist dies bereits entschieden?«, fragte er Davie, als er an ihnen vorbeigehen wollte.
»Ja. Die Menschen verbrennen wir weiter unten auf der Lichtung, ohne Zeremonie, dennoch wird es dauern. Wir überwachen das Feuer in Schichten. Der Wald ist zu dicht und niemand möchte einen unkontrollierbaren Brand verursachen. Es sind zwanzig Menschen. Die sechsundzwanzig Dunkelelben übergeben wir ebenfalls den Flammen. Das einzige Zugeständnis, auf das wir uns einigten, ist ein separates Feuer. Die Verräter, die wir gefangen nahmen, bringen wir zum Schloss. Von uns verloren sechs Dunkelelben hier und im Wald ihre Lebensbahn, und wir nehmen sie mit, um sie mit allen Ehren zu bestatten. Die Verwundeten laden wir ein Stück weiter unten auf die Fuhrwerke.« Schweigend nickten sie und machten sich an die Arbeit.
»Kiljan, du kannst ihr nicht folgen. Du hast doch gehört, was Ean und Jul sagten, was sie selbst sagte. Sie wird wiederkommen. Gib ihr die Zeit. Und vergiss nicht, so schwer es dir auch fallen mag, wir verlassen uns jetzt auf dich. Du bist unser Oberhaupt, auch wenn du niemals darum gebeten hast. Wir haben viel zu tun und die Aufgaben werden dich ablenken.« Kiljan schnaubte. »Hab ein bisschen mehr Vertrauen, Kiljan. In dich und in sie. Sie wird nicht vergessen, was du ihr bedeutest und sie wird begreifen, dass du recht hattest, oder zumindest nicht unrecht. Die Zeit wird auch ihr helfen, zur Ruhe zu kommen und zu erkennen, dass du sie nur beschützen wolltest.«
Vorsichtig drückte Kiljan die Schulter von Mael und ging den Hügel hinauf zum Plateau. Tief seufzte er und wünschte, er könnte sich irgendwo verkriechen, doch er wusste, dass er gebraucht wurde.
Mael hatte recht. Während all dieser Zeit hatte er sich ununterbrochen gefragt, ob er überhaupt ein Oberhaupt sein wollte, nun aber stellte sich diese Frage nicht länger.
Eines jedoch schwor er sich schon sehr früh: Sollte es jemals dazu kommen, würde er ein besserer Anführer sein, als sein Vater es war, und jetzt musste er genau das beweisen. Später gab es noch genügend Zeit, sich selbst zu bemitleiden und sich seinem Kummer hinzugeben.

Talil
Es erschien mir, als ließen mich die Wölfe einige Stunden ausruhen. Je länger ich währenddessen über die Geschehnisse nachdachte, umso klarer wurde mir, dass ich sie alle nicht wiedersehen wollte. Sie hatten ihre Entscheidung getroffen, mir ihr Misstrauen deutlich gezeigt, und ich verspürte nicht das Bedürfnis, das noch einmal zu erleben.
Schließlich durchdrang mich die Unruhe der Wölfe und ich erhob mich. Angeführt vom schwarzen Wolf trabten sie los, und ich folgte ihnen tiefer in den Wald hinein. Schon bald vergrößerte sich ihre Anspannung spürbar, und als wir eine vollkommen versteckte Lichtung erreichten, die wirkte, als wäre sie eine Fata Morgana, hielt ich misstrauisch inne. Sie aber liefen um einen Felsen herum und verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich zögerte weiterhin und legte mich nieder, ohne die deutlich sichtbare Grenze zu überschreiten. Ich war nicht sicher, was genau geschehen würde, sollte ich sie überqueren. Ich wusste nur, dass ich das, was auch immer dann begann, nicht wieder aufhalten könnte.
Die Wölfe kehrten nicht zurück. Ich schien eingeschlafen zu sein, denn als ich erwachte, dämmerte es bereits. »Du musst dich entscheiden«, erklang plötzlich eine Stimme in meinem Kopf, und ich schreckte hoch, sackte jedoch mit einem jämmerlich klingenden Laut augenblicklich wieder zusammen. Ein heißer Schmerz schoss von meiner Seite durch meinen gesamten Körper und ich hechelte schwer. Behutsam hob ich den Kopf und begegnete dem Blick eines schwarzen Wolfes, doch es war nicht der, der mir den Weg hierher gewiesen hatte. Es war der Wolf aus meinen Träumen. Geschockt erstarrte ich.
Er wandelte sich, ohne ein einziges Geräusch und ging weiterhin auf mich zu. Gebannt beobachtete ich dieses Schauspiel und fragte mich, ob es auch bei mir jemals so anmutig aussehen würde.
Er war ein wunderschöner Wolf, doch was ich nun erblickte, ließ mir den Atem stocken. Er sah aus wie eine Mischung aus Dunkelelb und einem menschlichen Indianer, besaß gebräuntere Haut, als es bei unserem Volk üblich war und dennoch stammte er unverkennbar von den Dunkelelben ab.
Eine Welle der Enttäuschung schwappte über mich hinweg, als mir plötzlich klar wurde, dass nicht mein Vater mich in meinen Träumen besucht hatte, sondern er.
»Du musst dich wandeln, damit deine Verletzungen heilen können, denn dein wahres Ich ist wesentlich mächtiger.«
Nur zögernd erhob ich mich, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Misstrauisch musterte ich ihn, vollzog jedoch schließlich die Wandlung. Ich stieß einen lauten Schrei aus, nicht in der Lage, ihn zu verhindern und bemerkte zu spät, dass ich während der Qualen, die durch meinen Körper rasten, die Grenze überschritt. Sichtbar zufrieden lächelte er. Ich hätte ihn gerne gefragt, was das alles zu bedeuten hatte, doch ich bekam keinen Ton mehr heraus. Ich spürte, wie meine Beine unter meinem Gewicht nachgaben, noch ehe ich auf dem Boden aufschlug, verengte sich mein Blickfeld und alles um mich herum wurde schwarz.

Die Träume beginnen
Er fing sie auf, gerade noch rechtzeitig, bevor ihr erschlaffter Körper zur Seite kippte, und hob sie auf seine Arme. Ihm blutete das Herz, spürte er doch ihre gequälte Seele so deutlich, als würde ihr Körper sie gar nicht umschließen. Er war sich nach wie vor nicht sicher, ob sie Talil retten konnten. Dennoch mussten sie es versuchen, das waren sie ihrem Volk schuldig und ihr ebenfalls.
Die äußerst kraftvolle Verbindung zu ihrem Seelensplitter sollte es eigentlich ermöglichen, sie zur Ruhe kommen zu lassen, sie zu stärken, ehe die Visionen begannen ...
Er trug sie um den Felsen herum, und während er auf die Baumgruppe zuschritt, erklang das Fiepen der Wölfe immer drängender, was er ein wenig überrascht in sich aufnahm. Es erschien erstaunlich, dass sie bereits eine so enge Bindung zueinander besaßen, doch es würde ihr hoffentlich helfen, sich zu erholen, aber vor allem, die Visionen zu überstehen.
Auf einem Bett aus Moos ließ er sie vorsichtig hinunter. Augenblicklich legten sich die Wölfe um sie herum. Nachdenklich betrachtete er erst sie, dann die Wölfe und schließlich seine verschiedenen Kräuter. Ihre Seele war schwer geschunden, nichtsdestotrotz schien sie stärker, als er vermutet hatte. Dennoch trug sie viel zu viel Wut und zerstörende Erinnerungen in sich, die in den Hintergrund rücken mussten, damit sie ihre Aufgabe erfüllen konnte. Vor ihm lag ein harter Weg, dies jedoch war nichts im Vergleich dazu, was dieser Pfad für sie bedeuten sollte. Ihre Seele bedurfte der Heilung und Vorbereitung, um einen Neubeginn zu ermöglichen, doch vorher war es erforderlich, dass sie erkannte, welchen Wert ihre Lebensbahn besaß, trotz allem. Sie benötigte den Entschluss zu leben um ihrer selbst Willen.
Bedachtsam wählte er verschiedene Kräuter, die er miteinander verflocht und dann am Feuer entzündete. Je stärker sich der durchdringende Geruch verbreitete, desto mehr entspannten sich auch die Wölfe. Talils Atemzüge schienen ruhiger, wirkten mit jedem weiteren Zug nicht mehr ganz so angestrengt, bis sie schließlich vollkommen entkrampft entschlummerte.
Er holte tief Atem, schloss seine Augen und sandte ein Gebet zu den Geistern und Ahnen, auf dass sie alle gemeinsam ihre nun freigesetzte Seele erreichen mochten.
Leise stimmte er das Lied der Alten an, inhalierte den Rauch, der den glimmenden Kräutern emporstieg, wiegte sich langsam vor und zurück, bis er ihn vollständig ausfüllte ...

Talil
Ich erwachte in Wolfsgestalt, fühlte mich irgendwie seltsam und sah mich um. Irritiert stellte ich fest, dass ich nicht wusste, wo genau ich mich befand. Ich grübelte darüber nach, was als Letztes geschehen war, als ich ein Geräusch hörte und mich hastig umwandte. Lautlos schlich ich in die Richtung und verharrte abrupt vollkommen reglos.
»He, Kiljan, hier bist du. Sie warten bereits auf dich. Was ist los?«, fragte Mael leise und hockte sich zu ihm, betrachtete ihn besorgt.
»Ich kann diesen Schwur nicht sprechen. Ich sollte da draußen sein und sie suchen«, antwortete Kiljan hörbar verzweifelt. »Ich gab ihr mein Versprechen, und was ist es nun wert? Gar nichts. Ich habe sie schon wieder im Stich gelassen, und dieses Wissen frisst mich auf. Wie kann ich ein guter Anführer sein, wenn ich ständig mein Wort breche?« Aufgebracht riss er ein paar Grashalme aus der Erde. »Ich wollte es immer anders als Arel machen. Aber weißt du was? Ich bin kein bisschen besser als er.« Sichtbar gereizt sprang er auf und fuhr sich durch die Haare.
»Kiljan, beruhige dich. Das ist doch Unsinn und das weißt du. Du hast versucht, ihr zu helfen, sie zu schützen, und das wird sie erkennen.«
Kiljan wandte seinen Blick vom Wald ab und sah Mael an. »Und wenn nicht? Sie glaubt, ich hätte sie verraten. Was ist, wenn sie niemals zurückkehrt, was mache ich dann?« Er ging auf den Steg zu. »Diese Ungewissheit bringt mich um. Wenn ich wenigstens sicher sein könnte, dass sie nicht einfach fortbleibt«, flüsterte er leise und voller Qual.
Mael erhob sich ebenfalls und machte einen zögernden Schritt auf ihn zu, verharrte dann jedoch. »Sie gab Jul ihr Wort, sie wird es halten. Ich sage den anderen Bescheid, dass du gleich nachkommst«, rief er und wandte sich um. Zu spät bemerkte ich, dass er nun genau auf mich zukam und mein Herz hämmerte wild in meiner Brust, doch er schien mich gar nicht zu bemerken. Wortlos ging er einfach an mir vorbei, als wäre ich gar nicht da. Irritiert blickte ich ihm hinterher und sah dann zu Kiljan zurück. Ich konnte seine Verzweiflung beinahe spüren, dennoch saß meine Wut und Enttäuschung tiefer als mein Mitleid, und ich wandte mich ab. Noch ehe ich mir dessen wirklich bewusst war, lief ich bereits in die entgegengesetzte Richtung, lief davon, lief und lief, als wären die Ahnen persönlich hinter mir her. Erst als meine Lungen brannten, verlangsamte ich meinen Lauf und blieb schließlich stehen. Ich wusste, dass ich davonlief, dass ich vor Kiljan floh, und stieß verärgert ein Knurren aus. Ich wollte ihn nicht sehen, wollte nicht wissen, wie es ihm ging. Erneut knurrte ich, weil ich das Bild von ihm, wie er dort voller Verzweiflung auf dem Steg stand, einfach nicht wieder aus dem Kopf bekam.

Abrupt erwachte ich und blickte in unendlich scheinende Augen. »Wer bist du?«, fragte ich misstrauisch, als der indianisch aussehende Dunkelelb mir wortlos eine Schale mit Essen reichte. Stumm betrachtete er mich, aus seinen stechend blauen Augen, die viel zu grell wirkten, in seinem leicht gebräunten Gesicht und die gar nicht zu ihm zu passen schienen.
»Ich heiße Wilton«, entgegnete er mit einer Stimme, die tief in mir ein angenehmes Kribbeln verursachte.
Noch immer hielt er mir die Schale hin. Ich ergriff sie, spürte meinen Hunger nur zu deutlich. »Was geschieht hier?«, fragte ich kauend, als er keine Anstalten machte, irgendetwas Weiteres zu erklären.
»Was meinst du?«, antwortete er.
»Warum bin ich hier? Und wo genau sind wir eigentlich?«
»Du stellst viele Fragen, mehr noch, als du laut aussprichst, doch ich vermag dir die wenigsten zu beantworten«, entgegnete er kryptisch. »Du bist hier, um zu genesen, deine Verletzungen müssen heilen, bevor du dich für einen Weg entscheidest. Alles andere wird sich fügen.« Skeptisch betrachtete ich ihn. Wirklich geantwortet hatte er mir nicht, doch er sagte nichts weiter, reichte mir einen Wasserschlauch und schwieg beharrlich.