Kitabı oku: «Luramos - Der letzte Drache», sayfa 6
Ralea runzelte irritiert die Stirn. „Wieso? Was hab ich denn da vergessen?“
„Das mit seiner Rettung und so weiter ... du weißt schon.“
Ralea schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber ich weiß nicht, was du meinst.“
Tajo sah sie mit großen Augen an. „Nicht? Erzählt man sich bei euch nicht davon, dass Ketaris, der junge Sohn von Argaron, überlebt hat, irgendwo in den Bergen ausharrt und auf Rache hofft?“
„Nein. Wie soll er denn überlebt haben? Der Elfenstein hat sie doch alle vernichtet.“
„Ja, aber als der Elfenkönig den Stein in die Höhe hielt, erkannte Argaron, welche Macht in ihm gespeichert war. Noch ehe der König dazu kam, diese Macht auf sie loszulassen, wusste er, dass sie alle sterben würden, und wandte all seine Magie darauf, seinen Sohn Ketaris weit weg in die Berge zu zaubern, wo die Kraft des Elfensteins ihm nichts mehr anhaben konnte. Dort lebt er angeblich bis heute und sinnt auf Rache.“
Noch einmal schüttelte Ralea den Kopf. „Davon habe ich noch nie etwas gehört. Hältst du die Geschichte für wahr?“
Er zuckte mit den Schultern. „Nein, ehrlich gesagt nicht. Aber es macht das Ganze etwas spannender, findest du nicht?“
Ralea stimmte ihm zu. „Und er soll da jetzt seit dreihundert Jahren leben? Warum hat er sich denn nie gezeigt? Nein, wenn das stimmen würde, dann wüssten die Menschen sicher auch etwas davon.“ Sie konnte Tajo förmlich ansehen, wie er sich eine bissige Bemerkung über das Wissen der Menschen verkniff.
Stattdessen sagte er: „Vermutlich hast du recht.“ Er gähnte einmal tief und herzhaft. „Es ist mittlerweile ziemlich spät. Sollen wir so langsam mal zu Abend essen?“
Ralea lachte laut auf. Das Wort Abendessen schien hier – mitten im Wald und weit weg von ihrem Dorf – völlig fehl am Platze zu sein. „Na klar“, erwiderte sie spöttisch. „Zur Abwechslung heute mal Pökelfleisch und Brot?“
Tajo grinste geheimnisvoll. „Da habe ich eine bessere Idee. Warte hier auf mich!“ Und schon sprang er ins Gebüsch und entschwand ihren Blicken.
„He!“, rief Ralea überrascht. „Was machst du denn?“
„Bin gleich wieder da!“, rief er zurück. „Kannst ja schon mal Feuer machen!“ Seine Stimme schien schon ein Stück entfernt zu sein.
Verdattert hockte Ralea sich auf eine dicke Wurzel, die ein Stück aus der Erde ragte, und setzte ihren Beutel ab. Was für eine Wohltat, ihn nicht mehr auf dem Rücken tragen zu müssen! Trotzdem fühlte sie sich nicht wohl. Sie hatte sich so sehr an Tajos Anwesenheit und seine muntere Stimme gewöhnt, dass der Wald ihr ohne ihn auf einmal schrecklich still und leer vorkam. Wie von selbst wanderte ihre Hand unter ihr Hemd und schloss sich fest um den Elfenstein. „Stell dich nicht so an“, ermahnte sie sich selbst. Sie zwang sich, nicht zu sehr auf die Schatten zu achten, welche die Büsche und Bäume auf den Waldboden warfen, und begann, ein paar Stöcke und Äste zu sammeln. Diese schichtete sie dann so auf, wie sie es bei Tajo gesehen hatte. Mit den Feuersteinen einen Funken zu schlagen, bereitete ihr mehr Probleme, doch schließlich gelang es ihr. Der Anblick der Flammen, die an dem Holz leckten, erfüllte sie mit leisem Stolz. Das Knistern und die Wärme des Feuers beruhigten sie und sie entspannte sich etwas. Trotzdem hoffte sie, dass Tajo bald zurückkommen würde.
Sie musste nicht mehr lange warten. Kurze Zeit später trat er aus dem Gebüsch, in den Händen einen toten Vogel, dessen Art Ralea völlig unbekannt war.
Tajo grinste wieder sein breites Grinsen, das Ralea mittlerweile schon bekannt war, und fragte gut gelaunt: „Besser als Brot und getrocknetes Obst?“
„Allerdings!“, sagte Ralea erfreut. Sie wunderte sich schon gar nicht mehr darüber, dass sie ihn nicht hatte kommen hören. Er konnte sich fast völlig geräuschlos durch den Wald bewegen und sah dabei auch sehr viel eleganter aus als Ralea, unter deren Schritte immer wieder Äste knackten oder Blätter raschelten.
Der Baumling machte sich daran, den Vogel zu rupfen und mithilfe eines kleinen Messers, das er an seinem Gürtel trug, auszunehmen, während Ralea einen Stock suchte, auf den sie ihn später aufspießen konnten.
Als Tajo fertig war, fragte Ralea: „Ist es eigentlich einfach, mit Pfeil und Bogen umzugehen?“ Sie war fasziniert von dem Gedanken, dass Tajo den Vogel ganz allein gefangen hatte, und kam sich furchtbar dumm vor, als ihr bewusst wurde, dass sie sich nur wieder von ihrem Proviant hätte satt essen können.
Doch der Baumling antwortete nicht, sondern starrte nur mit ausdruckslosem Gesicht auf den Vogel, den er nun langsam am Spieß über dem Feuer drehte.
„Tajo?“, fragte Ralea etwas lauter.
Keine Reaktion.
„He, Tajo!“ Endlich blickte er sie an und riss die Augen auf, als hätte sie ihn gerade aus dem Schlaf gerissen.
„Alles in Ordnung bei dir?“ Ralea beobachtete etwas besorgt, wie er sich mit dem Handrücken über die Augen fuhr.
„Ja, sicher.“
„Was war denn los?“
„Ich habe bloß ... zugehört.“
Ralea wurde nur immer verwirrter. „Zugehört? Aber warum hast du mir dann nicht geantwortet?“ Erst da ging ihr auf, dass er nicht ihr zugehört hatte und sie zog scharf die Luft ein. „Du meinst, du hast den Bäumen zugehört?“
Er nickte mit düsterer Miene. „Sie scheinen beunruhigt zu sein.“
Ralea gab sich Mühe, ihre Skepsis nicht zu zeigen. Wenn Tajo sagte, dass er mit den Bäumen reden konnte, dann würde es auch so sein. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er einen Scherz machte, dazu wirkte er zu ernst. Aber trotzdem war der Gedanke, dass die Bäume ihm gerade etwas erzählt hatten, einfach zu absurd. Sie betrachtete die umstehenden Baumstämme, auf die das Licht des Feuers unstete Schattenspiele zauberte, ganz genau. Fast wartete sie darauf, dass sich ein Astloch bewegen und zu ihr sprechen würde. Doch natürlich tat sich nichts.
„Beunruhigt?“, fragte Ralea nun an Tajos letzte Bemerkung anknüpfend. „Und weswegen?“
Der Baumling machte ein düsteres Gesicht. „Es ist merkwürdig“, antwortete er leise. „Ich habe so etwas noch nie erlebt, aber ... sie wollen es mir nicht genau sagen.“
Ralea schwieg betroffen. Tajo hatte ihr auf ihre vielen neugierigen Fragen hin erzählt, dass sich Bäume und Baumlinge seit jeher unterhalten konnten. Junge Baumlinge mussten es noch nicht mal lernen, sie konnten es von Geburt an. Und da die Bäume sich auch untereinander unterhielten und aufmerksame Beobachter waren, wussten sie quasi alles, was sich in ihrer Reichweite abspielte, und gaben dies an die Baumlinge weiter, denen dadurch ein unerschöpfliches Wissen zuteilwurde. „Der Wald hat mehr Augen und Ohren, als du denkst“, hatte Tajo gesagt. „Die Bäume kriegen alles mit, was hier passiert. Und sie vergessen nie.“
Tajo schien wieder in Gedanken versunken zu sein. Oder lauschte er wieder auf die Bäume? Ralea wartete noch einen kurzen Moment, doch dann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. „Was ist denn nun los?“, fragte sie ihrerseits beunruhigt.
Tajo sah sie nachdenklich an. Seine ernsten Augen und das flackernde Licht des Feuers, das im dunkler werdenden Wald auf sein Gesicht fiel, verliehen ihm einen fast schon gespenstischen Anblick. „Ich weiß nicht genau“, sagte er langsam. „Aber es scheint irgendwie mit dir zu tun zu haben.“
Raleas Herz schlug schneller. „Mit mir?“, flüsterte sie ängstlich.
Er nickte. „Ich glaube, sie wollen es dir erzählen.“
„Was soll das heißen?“
„Ich weiß es nicht“, entgegnete Tajo leicht gereizt. „Das wollen sie mir eben nicht sagen!“
Ralea schlang die Arme um ihren Körper. Ihr war auf einmal kalt, trotz der Wärme des Feuers. War Tajo jetzt etwa sauer auf sie? Er konnte doch wohl nicht ihr die Schuld dafür geben, dass die Bäume ihr etwas sagen wollten, das sie ihm vorenthielten.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte sie vorsichtig.
Tajo schien seine Gereiztheit auf einmal leidzutun. Ralea hatte schon gemerkt, dass er sich schnell wieder beruhigte, wenn er sich mal aufregte. Sanft sagte er: „Du musst keine Angst haben. Sie wollen dir nichts Böses.“
„Ich habe keine Angst!“, entgegnete Ralea trotzig und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. Wie albern es doch war, sich vor Bäumen zu fürchten! Was konnten die ihr schon tun, selbst wenn sie wollten? Es war bloß diese gruselige Vorstellung, die ihr Unbehagen auslöste. Die Vorstellung, dass die Bäume ein Bewusstsein hatten und sogar mit ihr reden wollten. Ralea löste die Arme und setzte sich aufrechter hin. Der Vogel war nun goldbraun und verströmte einen köstlichen Geruch, doch ihr war der Appetit vergangen. „Kannst du ihnen nicht sagen, dass sie es dir erzählen sollen und du es dann an mich weitergibst?“
Tajo nickte. Er schaute konzentriert in die Flammen und murmelte etwas vor sich hin. Er sprach so leise, dass Ralea nichts verstehen und nur die Bewegungen seiner Lippen verfolgen konnte. Ein Windstoß ging daraufhin durch den Wald und die Blätter über ihnen in den Baumkronen rauschten laut. Doch irgendetwas war merkwürdig, unnormal. Erst einen Herzschlag später ging Ralea auf, dass sie den Wind überhaupt nicht gespürt hatte. Ehe sie genauer darüber nachdenken konnte, schüttelte Tajo den Kopf. „Hoffnungslos. Sie wollen es mir einfach nicht sagen.“ Er sah so enttäuscht und verwirrt aus, dass Ralea ihn am liebsten in den Arm genommen und getröstet hätte. „Sie sagen nur immer wieder ...“ Er stockte.
„Was?“, fragte Ralea, obwohl sie eigentlich nicht sicher war, ob sie es wirklich wissen wollte. „Was sagen sie?“
„Sie sagen, dass du es lernen musst. Sie zu verstehen, meine ich. Ich soll es dir beibringen.“ Er sah sie erwartungsvoll an.
Ralea musste das erst mal verdauen. Was war so wichtig, dass die Bäume unbedingt wollten, dass sie lernte, mit ihnen zu reden? Und überhaupt: Warum wollten sie es ihr sagen, einem Menschenmädchen, und nicht Tajo, einem Baumling?
„Meinst du wirklich, ich kann ihre Sprache lernen?“
Tajo zuckte mit den Achseln. „Wir müssen es auf einen Versuch ankommen lassen. Es scheint ihnen sehr wichtig zu sein. Die Bäume stellen nur äußerst selten Forderungen und wenn, dann muss man sie unbedingt erfüllen. Das sind wir Baumlinge ihnen schuldig.“
Einen Moment lang fragte Ralea sich, was sie denn den Bäumen schuldig war. Doch sie schob diesen Gedanken beiseite. Sie war mittlerweile viel zu neugierig darauf, was die Bäume ihr wohl sagen wollten. Und die Vorstellung, mit ihnen reden zu können, erfüllte sie mit freudiger Erwartung.
„Ist es schwer?“, fragte sie aufgeregt. „Muss ich eine richtig neue Sprache lernen? Oder einen Zauberspruch murmeln?“
„Immer der Reihe nach“, lachte Tajo. „Die Frage, ob es schwer ist oder nicht, kann ich dir ohnehin nicht beantworten. Für mich ist es so selbstverständlich wie das Atmen, wir Baumlinge verstehen die Bäume schon früher als unsere eigenen Eltern, wenn wir noch Babys sind. Das liegt daran, dass die Bäume keine Sprache im eigentlichen Sinn sprechen. Und damit ist deine zweite Frage ja auch schon beantwortet: Du wirst keine neue Sprache lernen müssen. Sie werden dich auf jeden Fall verstehen, auch wenn du noch so leise flüsterst. Und du wirst natürlich keinen Zauberspruch aufsagen müssen. Ich hab dir doch schon mal gesagt, dass wir Baumlinge mit Magie nichts am Hut haben.“
Ralea wurde immer aufgeregter. Ihre Angst hatte sich vollständig verflüchtigt. Gespannt fragte sie: „Und? Fangen wir schon heute Abend an?“
Tajo lacht leise und machte sich daran, den fertig gegarten Vogel vom Spieß zu lösen. Er gab Ralea eine Hälfte, die nun auch wieder Appetit hatte. „Na ja, je früher, desto besser, oder nicht?“ Ralea biss herzhaft in das zarte Fleisch. Es schmeckte himmlisch. Kauend wartete sie darauf, dass Tajo weiter sprach.
Auch er aß erst einen Bissen. Dann sagte er nachdenklich: „Ich werde versuchen, dir zu erklären, wie es geht. Das ist gar nicht so einfach. Also, erst einmal: Die Bäume sprechen eigentlich nicht. Sie flüstern.“
„Die Bäume flüstern“, hauchte Ralea. „Das hört sich wunderschön an.“
„Das ist es auch“, stimmte Tajo ihr zu. „Und du hast es schon oft gehört. Vielleicht sogar täglich.“
Ralea sah ihn fragend an. „Wie meinst du das?“
„Das meine ich.“ Tajo wies mit einer unbestimmten Geste über sich. Ralea schaute nach oben. Das Blätterdach über ihr war so dicht, dass es den Nachthimmel fast vollständig verdeckte. Nur ab und zu sah man ein paar Sterne aufblitzen. Doch was meinte Tajo? Sie hatte es schon oft gehört? Dann konnte sie es wohl nicht sehen. Natürlich nicht. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich völlig auf die Geräusche des Waldes. Die Vögel waren schon verstummt, doch sie vernahm kleinere Tiere, die im Unterholz raschelten, ab und zu einen Ast bewegten, der knackte, und sie hörte tatsächlich das leise Wispern der raschelnden Blätter über ihr ...
„Die Blätter!“, rief Ralea. „Das Rauschen der Blätter! Ist das das Flüstern der Bäume?“
Tajo nickte. „Sehr gut“, lobte er.
Ralea lächelte zufrieden. „Ich muss also lernen, dieses Rauschen zu verstehen?“
Wieder nickte Tajo. „Ganz genau.“
Raleas Lächeln war wie weggewischt. Das schien ihr unmöglich. Wie sollte das gehen? Gab es da etwa einen Trick, den Klang jedes einzelnen Blattes zu unterscheiden? Und ergaben dann verschiedene Klänge, die man miteinander kombinierte, Wörter und Sätze? Das zu lernen würde Jahre dauern – wenn nicht ein ganzes Leben.
„Das schaffe ich nie“, sagte sie mutlos.
Tajo schluckte den letzten Bissen des Abendmahls hinunter und winkte unbesorgt ab. „Sei doch nicht direkt so unmotiviert – du hast doch noch nicht mal angefangen! Morgen erkläre ich dir, wie du es machen musst. Jetzt ruh dich erst mal aus.“ Er legte sich ganz nah an das Feuer und gähnte herzhaft. „Gute Nacht!“
„Gute Nacht“, murmelte Ralea und legte sich ebenfalls zur Ruhe. Sie rollte sich zu einer kleinen Kugel zusammen und lauschte beim Einschlafen auf das Flüstern und Wispern der Blätter. Was die sich wohl gerade erzählten ...
*
Vollmond
Die Sonne stand schon am Himmel, als Ralea bei Tagesanbruch die Augen aufschlug. Über ihr wiegten sich die Baumwipfel sacht im Wind.
„Guten Morgen, du Langschläfer!“ Tajo grinste sie gut gelaunt an und hielt ihr eine von zwei Knarrwurzknollen hin. „Ich hab die ganze Zeit überlegt, ob ich dich wecken soll, aber ich hab gedacht, ich lass dich besser schlafen. Du solltest schließlich ausgeruht sein, wenn du deinen ersten Unterricht bekommst!“
Ralea rieb sich verschlafen die Augen und nahm die Knolle entgegen. „Unterricht?“, murmelte sie fragend.
„Na klar. Oder hast du die Bäume etwa schon vergessen?“ Er sah sie mit gespieltem Vorwurf an.
„Ach so!“ Natürlich hatte Ralea das nicht vergessen – wie könnte sie auch! Sie war viel zu gespannt zu erfahren, was die Bäume ihr wohl erzählen wollten.
„Jetzt iss erst mal und werde richtig wach. Beim Weitergehen kann ich ja dann versuchen, dir begreiflich zu machen, wie du die Bäume flüstern hören kannst“, schlug Tajo vor. Ralea nickte zustimmend, und nachdem sie beide ihre Knollen aufgegessen hatten, verdeckten sie die erkaltete Feuerstelle und gingen weiter.
„Also“, begann Tajo, „Es ist gar nicht so einfach, das zu erklären ...“
„Vielleicht erzählst du mir einfach, wie du es machst. Wie ist das zum Beispiel: Musst du dich ganz auf das Flüstern der Bäume konzentrieren oder verstehst du sie auch schon so, wenn du das Rauschen der Blätter einfach nur unbewusst wahrnimmst?“
„Wenn ich wie jetzt mit dir rede und durch den Wald laufe, nehme ich es nur als unbestimmtes Hintergrundgeräusch wahr. So wie du auch“, erklärte Tajo. „Ich muss mich schon darauf konzentrieren, wenn ich etwas verstehen will. Das hast du ja gestern schon mitbekommen, als wir den Vogel gebraten haben. Manchmal ist man dann wie weggetreten, so angestrengt lauscht man darauf, was die Bäume einem sagen. Ich fürchte, für dich wird es noch schwieriger sein, weil du es dir erst erarbeiten musst. Du musst lernen, dich in eine Art Trance zu versetzen. Du musst versuchen, es nicht mehr, wie du gesagt hast, als Rauschen wahrzunehmen, sondern versuchen, zu verstehen, was die Bäume sagen. Wenn du lernst, auf die richtige Art zuzuhören, dann formt sich das Flüstern der Bäume in deinem Bewusstsein zu Wörtern und Sätzen.“
„Gibt es denn verschiedene Arten zuzuhören?“
„Allerdings!“
„Das hört sich ja furchtbar kompliziert an“, erwiderte Ralea. Außerdem schien es ganz anders zu funktionieren, als sie es sich am Abend vor dem Einschlafen ausgemalt hatte.
„Kompliziert ist es nicht“, erwiderte Tajo. „Aber wie gesagt, es ist schwer, zu erklären. Wahrscheinlich kannst du es nur durch Üben lernen. Ich würde sagen, du versuchst es einfach mal!“
„Bist du sicher?“
„Warum nicht? Am besten setzt du dich dabei hin, das könnte für den Anfang am einfachsten sein.“
Ralea setzte sich sogleich im Schneidersitz auf den Waldboden. „Und jetzt?“
„Schließe die Augen. Gut so. Hörst du die Blätter im Wind?“
Ralea nickte.
„Und jetzt höre ganz genau hin. Vergiss alles um dich herum. Das Einzige, was jetzt noch wichtig ist, ist das Flüstern der Bäume. Höre genau hin ...“
Ralea konzentrierte sich ganz auf die Blätter. Sie hörte, wie sie raschelten, knisterten und rauschten. Doch flüstern wollten sie einfach nicht. Wie sollte sie das verstehen, bloß dadurch, dass sie genau zuhörte? Konnte Tajo ihr das nicht ein bisschen genauer erklären? Doch sie wollte nicht direkt aufgeben, sondern strengte sich noch einmal ganz besonders an. Sie blendete alles andere aus und ließ keinen anderen Gedanken mehr zu, als den, dass sie erkennen wollte, was diese Blätter ihr mitteilten. Sie wollte unbedingt diese Wörter heraushören, von denen Tajo gesprochen hatte. Lange saß sie da, konzentriert auf ihre Aufgabe. Irgendwann bemerkte Ralea dann, dass sie vor Anstrengung die Hände so fest zu Fäusten geballt hatte, dass sich ihre Fingernägel in die Handflächen bohrten. Sie öffnete die Augen und spreizte ihre Finger. „Es funktioniert nicht“, klagte sie enttäuscht.
Tajo schüttelte den Kopf. „Du hast dich zu sehr konzentriert.“
„Wie bitte? Du hast doch gesagt, ich müsste mich voll und ganz konzentrieren!“
„Ja, das stimmt. Vermutlich habe ich mich nicht richtig ausgedrückt. Du musst dich zwar gut konzentrieren, aber gleichzeitig auch nicht zu sehr verkrampfen, sondern völlig ruhig und entspannt bleiben. Du musst eins werden mit der Natur um dich herum. Es ist ein wenig schwierig, zugegeben, das richtige Maß zu finden.“
Ralea setzte sich anders hin, damit ihre Beine nicht einschliefen. „Gut, ich versuche es gleich noch mal.“ Wieder schloss sie die Augen und lauschte auf das Geräusch der Blätter, doch diesmal versuchte sie, sich nicht zu sehr anzustrengen. Gleichzeitig gab sie sich Mühe, sich ihrer Umwelt bewusst zu werden. Sie versuchte, den Wald um sich herum zu fühlen und mit ihrem Geist zu ertasten. Besondere Aufmerksamkeit schenkte sie natürlich den Bäumen, die erhaben ihre Äste in den Himmel streckten. Und auf einmal machte Ralea eine einmalige und beängstigende Erfahrung; Ihr wurde bewusst, wie schrecklich klein und unbedeutend sie war im Angesicht dieses riesigen, uralten Waldes. Gleichzeitig fühlte sie sich, als wäre sie ein kleiner Teil von ihm, der unweigerlich dazugehörte zu einem großen Ganzen. Doch ehe sie dieses Gefühl ganz zu fassen bekam, war es auch schon vorbei, sie war plötzlich wieder das Menschenkind Ralea. Erschrocken schlug sie die Augen auf. Ein paar Herzschläge lang starrte sie in den Wald, ohne wirklich etwas zu sehen, und versuchte zu begreifen, was gerade mit ihr passiert war.
Tajos leise Stimme holte sie vollständig in die Wirklichkeit zurück: „Sehr gut. Die Bäume sind sehr zufrieden mit dir.“
„Wirklich?“ Ralea sah überrascht auf. „Dabei habe ich noch kein einziges Wort verstehen können von dem, was sie gesagt haben.“
„Aber du hast trotzdem einen großen Fortschritt gemacht. Du weißt jetzt, was ich damit meinte, dass du dir deiner Umwelt bewusst werden musst, nicht wahr? Doch jetzt lass uns weitergehen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“
„Das kannst du laut sagen.“ Ralea rappelte sich auf und schüttelte ihre Benommenheit vollständig ab. Auch sie war sehr zufrieden mit sich. Sie wollte es später am Tag auf jeden Fall noch einmal versuchen.
Schweigend gingen die Freunde weiter, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Ralea griff wie so oft, seitdem sie zu dieser Reise aufgebrochen war, nach dem Elfenstein und schloss fest die Hand um ihn. Vielleicht war es ihr eben auch so gut gelungen, weil sie schon geübt darin war, das Denken abzuschalten, wenn sie sich vom Elfenstein führen ließ, dachte sie bei sich. Das bereitete ihr mittlerweile überhaupt keine Probleme mehr. Manchmal kam es ihr sogar so vor, als hätte der Elfenstein schon immer zu ihr gehört. Eigentlich sollte dieser Gedanke sie wohl beängstigen, doch ganz im Gegenteil: Sie bekam ein flaues Gefühl im Magen, wenn sie daran dachte, dass sie ihn nach dem Ende ihrer Reise wieder würde abgeben müssen. Wer ihn wohl dann bekommen würde, um ihn die nächsten dreihundert Jahre aufzubewahren? Die Elfen oder die Baumlinge?
Mit der nachdenklichen Stille war es vorbei, als Tajo sie munter in ein fröhliches Gespräch verwickelte. Sie redeten über Gott und die Welt und Ralea schmunzelte über Tajos Geschwätzigkeit. Wenn er einmal anfing, schien sein Mundwerk nicht mehr stillstehen zu können. Ab und zu warf er auch ein paar verstohlene Blicke auf den Elfenstein, den Ralea in der Hand hielt. Es kam nicht oft vor, dass er ihn zu Gesicht bekam, da Ralea ihn die meiste Zeit unter ihrem Leinenhemd trug. Sie rechnete jeden Moment damit, dass er sie darum bitten würde, ihn einmal halten und sich genauer ansehen zu dürfen, doch er sagte nichts. Das passte eigentlich nicht zu ihm.
„Ob er wohl Angst davor hat?“, fragte sich Ralea. Er hatte schließlich mehrmals erwähnt, dass die Baumlinge mit Magie nichts zu tun haben wollten. Ralea beschloss, ihn nicht darauf anzusprechen. Sie redete sich ein, nicht zu wollen, dass er sich verpflichtet fühlte, den Elfenstein in die Hand zu nehmen, obwohl er ihm eigentlich nicht geheuer war. Doch in Wahrheit wollte sie sich nur nicht eingestehen, dass schon der Gedanke, den Elfenstein jemand anderem geben zu müssen – und sei es nur für wenige Minuten – ihr den kalten Schweiß ausbrechen ließ.
Über den Tag aßen sie ein paar Kleinigkeiten im Gehen und rasteten erst, als es Abend wurde. Tajo fing erneut einen Vogel, den sie sich über dem Feuer brieten, und Ralea versuchte sich wieder darin, das Flüstern der Bäume zu verstehen. Sie schaffte es zwar tatsächlich ein zweites Mal, sich in eine Art leichte Trance zu versetzen und nicht direkt wieder daraus hochzuschrecken, doch die Sprache der Bäume wurde ihr dadurch trotzdem nicht verständlicher. Sie war so enttäuscht, dass sie kaum noch Appetit auf das Abendessen hatte. Tajo tröstete sie damit, dass es immerhin erst der erste Tag sei und sie dafür schon weit gekommen wäre.
Auf diese Weise setzten sie ihre Wanderung fort. Jeden Tag versuchte Ralea, die Bäume zu verstehen, doch es wollte und wollte ihr nicht gelingen. Sie versuchte alles und dachte den ganzen Tag daran, doch je mehr sie sich anstrengte, je weiter schien sie sich von ihrem Ziel zu entfernen. Mit der Zeit wurde sie immer mutloser und bald schaffte Tajo es nicht mehr, ihr einzureden, dass sie nicht zu streng mit sich sein durfte.
„Ich werde es nie schaffen“, jammerte sie eines Tages. Wie viele Tage war sie jetzt wohl schon unterwegs? Sieben? Oder acht? Sie war sich nicht mehr sicher.
„Du musst Geduld haben“, antwortete Tajo. Er selbst schien mit einer Engelsgeduld gesegnet zu sein. Immer wieder beschrieb er Ralea in allen nur erdenklichen Varianten, wie sie sich verbessern könnte.
„Ja, ich weiß“, murmelte Ralea und strich einen Ast zu Seite. Sie waren nun in einem Teil des Waldes angekommen, in dem die Vegetation noch dichter war, als dort, wo die Menschen lebten. Außerdem waren die Vögel zahlreicher und bunter und die Pitzi noch frecher geworden. Ralea meinte sogar, einmal ein Moosmännchen gesehen zu haben. Diese kleinen Geschöpfe waren nur etwa so groß wie der Daumen eines erwachsenen Menschen und so scheu, dass man sie so gut wie nie zu Gesicht bekam. Sie sollten die Statur eines kleinen Menschen haben, nur dass ihre Haut ganz dunkel und schrumpelig war, sodass sie an die Rinde von Bäumen erinnerte. Doch sie lebten so zurückgezogen, dass man sich nicht ganz sicher darüber war. Auch das Moosmännchen, das Ralea glaubte, gesehen zu haben, war auf einmal so schnell wieder im Unterholz verschwunden, dass sie sich nachher nicht sicher war, ob sie es sich nicht nur eingebildet hatte.
Das Beeindruckendste aber waren die Bäume. Einige von ihnen waren so hoch, dass sie weit über die Kronen der anderen Bäume hinaus wuchsen, und so dick, dass sich zehn Männer mit ausgestreckten Armen gerade an den Händen hätten fassen können, wenn sie sich um den Stamm gestellt hätten.
„Sind das die Bäume, auf denen die Baumlinge leben?“, fragte Ralea, als sie die ersten dieser Waldriesen zu Gesicht bekam.
Tajo nickte und Ralea meinte, etwas Wehmut in seinen Augen lesen zu können. „Hier lebt ein Stamm, in dem eine Cousine von mir lebt.“
„Willst du denn nicht mal Hallo sagen?“
„Nein. Lieber nicht. Sie müssten uns eigentlich schon längst bemerkt haben – die Bäume haben ihnen sicher von unserer Ankunft hier erzählt – und keiner hat mich begrüßt, so wie es eigentlich Sitte ist.“
„Was genau ist denn Sitte?“
„Es ist ein ungeschriebenes Gesetz bei uns Baumlingen, dass man Baumlinge aus anderen Stämmen, die durch das eigene Revier wandern, freundlich begrüßt und bewirtet. Mit ihrer Ignoranz zeigen sie mir unmissverständlich, dass sie nicht gutheißen, dass ich mit dir unterwegs bin.“ Tajo schaute niedergeschlagen zu Boden.
Heiße Wut stieg in Ralea auf. Was für eine Gemeinheit! Das war ja schon fast eine öffentliche Demütigung! Und alles nur, weil Tajo ein bisschen anders war und anders dachte als sie. Ralea wollte ihren Gefährten so gerne trösten, doch sie fand einfach nicht die richtigen Worte. Schließlich griff sie einfach nach seiner Hand und hielt sie fest. Tajo zuckte unter ihrer überraschenden Berührung kurz zusammen und sah fast schon erschrocken auf ihre verschränkten Hände. Doch dann schien er sich zu entspannen und Ralea bildete sich ein, dass er dieses Gefühl genau so genoss wie sie.
Ein paar Schritte lang hielt sie ihn noch fest und er erwiderte ihren sanften Druck. Dann ließ sie ihn los. Doch ihre Handfläche kribbelte noch eine Weile, als hätte sie statt seiner Hand heiße Kohlen festgehalten. Sie sprachen das Thema mit den Baumlingen nie mehr an. Ralea bedauerte es, dass das dichte Blätterdach keinen Blick auf die Kronen der Waldriesen – und damit auf die Behausungen der Baumlinge – zuließ. Doch sie war sich trotzdem sicher, dass die Baumlinge sie sahen. Ob sie wohl auch den kurzen Moment bemerkt hatten, in dem sie nach Tajos Hand gegriffen hatte? Komischerweise erfüllte sie dieser Gedanke mit süßer Genugtuung.
Sie wanderten unbeirrt weiter, auch wenn Tajo erstaunlich still war. Erst nach einer Weile sagte er erleichtert: „Hier endet das Revier dieses Stamms. Jetzt liegt ein großes, unbewohntes Waldgebiet vor uns.“
Gegen Abend erreichten sie einen kleinen Ausläufer des großen Flusses. Ralea quietschte vor Freude, als Tajo den kleinen Bach entdeckte. Sie gingen an ihm entlang, bis er tief genug war, dass sie sich darin waschen und ihre Wasservorräte auffüllen konnten. Doch dann konnten sie nicht mehr an sich halten. Ralea schlüpfte aus ihren Stiefeln, ließ ihren Proviantbeutel von den Schultern rutschen und auf den Boden plumpsen und sprang jauchzend samt Klamotten in das kalte Wasser.
Es floss nur langsam und reichte ihr gerade mal bis zum Bauchnabel, doch es war klar und sauber. Ralea atmete tief ein und tauchte einmal komplett unter. Dann schaute sie zu Tajo hoch, der lachend vor ihr am Ufer stand. „Na, komm schon! Es ist herrlich!“, rief sie. „Oder sind Baumlinge etwa wasserscheu?“
„Wasserscheu? Dass ich nicht lache!“ Das ließ Tajo sich natürlich nicht zweimal sagen und sprang ihr im hohen Bogen hinterher. Spritzend tauchte er ins Wasser ein und kam prustend wieder zum Vorschein. Ralea lachte und bespritzte ihn übermütig. Natürlich spritze er sofort zurück und eine wilde Wasserschlacht entbrannte. Nachdem sie sich ausgetobt hatten, suchte sich jeder ein verstecktes Plätzchen und wusch sich gründlich. Ralea zog bis auf den Elfenstein ihre kompletten Sachen aus und wusch auch sie, so gut es eben ging. An ein Stück Seife hatten die schlauen Leute, die ihren Proviant zusammengepackt hatten, natürlich nicht gedacht! Ihre Haare waren am schlimmsten. Sie waren völlig verdreckt und verknotet, was sie wohl zu einem großen Teil den Pitzi zu verdanken hatte. Sie schaffte es, sie wieder einigermaßen zu ordnen, und legte sich dann zum Trocknen neben ihre ausgebreiteten Sachen ins Gras.
Ein paar Sonnenstrahlen verirrten sich durch das dichte Blätterdach und schienen ihr warm auf den Bauch und das Gesicht. Ralea schloss die Augen und döste zufrieden vor sich hin. Sie hatte schon seit Tagen nicht mehr an ihre Eltern und ihre Freunde in ihrem Heimatdorf gedacht. Was die wohl gerade machten? Ob sie noch oft an sie dachten? Hoffentlich sorgten sie sich nicht zu sehr um sie. Wie gerne hätte sie ihnen jetzt gesagt, dass es ihr gut ging und dass sie einen Gefährten und Beschützer gefunden hatte, der sie begleitete! Das hätte sie sicher beruhigt. Wenn sie doch nur mit den Bäumen reden könnte. Die würden ihre Nachricht in Windeseile durch den ganzen Wald befördern. Doch dann müssten natürlich auch ihre Lieben zu Hause das Flüstern der Bäume verstehen können ...
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