Kitabı oku: «Jan und die Leopardenmenschen»
Knud Meister und Carlo Andersen
Erstes kapitel
Casablanca war in ein Lichtermeer getaucht; über dem großen Hafen lag Stille. Auf dem Achterdeck der ‹Flying Star› saßen Jan und seine Freunde gemütlich zusammen und genossen die frische Brise, die vom Atlantik herüberstrich. Sie war eine wahre Wohltat nach der drückenden Hitze des Tages, und Erling hatte natürlich dafür gesorgt, daß es nicht an Erfrischungen mangelte. Fein säuberlich hatte er alles auf einem kleinen Klapptisch aufgebaut.
Während sich alle munter unterhielten, saß Jan still da und überdachte, was er alles erlebt hatte, seit die ‹Flying Star› den Hafen von Hellerup verlassen hatte. Es hatte sich allerlei ereignet seit jenem Tag, da sie Abschied von den Eltern genommen und Dänemark für eine lange Zeit verlassen hatten.
Das große Abenteuer begann bereits in London, und das Ergebnis ihrer aufregenden Abenteuer in der englischen Hauptstadt war gewesen, daß sie Yan Loo in ihre Mitte aufgenommen hatten. Inzwischen war der kleine Chinesenjunge einer von ihnen geworden ... für den Jungen ein umwälzendes Ereignis, das sein ganzes Leben verändern sollte. Schließlich durfte man nicht vergessen, daß Yan Loo in London seinen Lebensunterhalt als Taschendieb verdienen mußte.
Und Jan dachte weiter an die aufregenden Erlebnisse, die sie mit der ‹Flying Star› hatten ... an den schrecklichen Orkan in der Biscaya ... die Meuterei auf dem norwegischen Schiff ... Marstals lebensgefährliche Operation ... das Wiedersehen mit Lissabon ... und zuletzt an die Ereignisse in Casablanca selbst. Es hätte Carl beinahe das Leben gekostet, als die französischen Fremdenlegionärea im Eingeborenenviertel mit den Arabern in ein Feuergefecht geraten waren. Wenn Jan jetzt an all das zurückdachte, dann erschien ihm alles nicht mehr so schlimm ... er konnte sich sogar darüber amüsieren, wie er und Jack im letzten Augenblick davor bewahrt worden waren, aufs Meer gebracht und den Haien als Fraß vorgeworfen zu werden. Ja, sie hatten, weiß Gott, allerlei erlebt, seit sie auf See waren!
Wenn ihre gute Laune trotzdem nie gelitten hatte, so lag das hauptsächlich daran, daß an Bord eine so prächtige Kameradschaft herrschte. Jan und seine Freunde waren natürlich schon immer gut miteinander ausgekommen – und sie hatten einige Abenteuer im Lauf der Zeit zusammen bestanden –, aber auch die beiden Seeleute waren prima Kameraden. Zwar lagen sich Peter Nielsen und Marstal ständig in den Haaren, weil sie sich nicht darauf einigen konnten, welche die bedeutendste Hafenstadt Dänemarks sei, aber im Grunde ihres Herzens waren sie die besten und unzertrennlichsten Freunde. Es war ein herrliches Gefühl, daß man ein Jahr lang mit wirklichen Freunden zusammensein durfte; denn schließlich war man nicht nur aufeinander angewiesen, man lebte ja auch sehr eng auf dem Schiff zusammen; Reibereien wären unerträglich gewesen. Schon am nächsten Morgen sollte die Reise nach Funchal auf Madeira weitergehen, dann nach Las Palmas auf den Kanarischen Inseln und schließlich ganz hinunter über den Äquator zum Kongo. In Boma sollte Ingenieur Smith mit den belgischen Kolonialbehörden wichtige Verhandlungen führen. Die Jungen hofften, während dieses Aufenthaltes viel zu sehen und zu erleben.
Peter Nielsen schlenderte zum Tisch und setzte sich zu ihnen. Beim Anblick des leckeren Essens schnalzte er mit der Zunge und fragte: «Kann man wohl eine Tasse Tee bekommen?»
«Eimerweise, wenn du willst», nickte Erling. «Wo bleibt denn Marstal?»
Peter grinste. «Ach der! Der sitzt doch tatsächlich auf der Brücke und kaut an seinen Nägeln. Er versucht nämlich gerade, einen Brief an seine Liebste in Marstal zu schreiben. Ein Kopf wie seiner bringt doch nie etwas Gescheites zustande. Und seine Rechtschreibung ist auch nicht die beste ... na ja, seine Liebste wird sich da schon auskennen ...»
Er nahm sich eine ordentliche Portion Kuchen und fuhr dann fort: «Nein, nein, diese Fischer aus Marstal, die werden nie was Richtiges. Als Seeleute taugen sie nicht, und buchstabieren können sie auch nicht. Marstal würde sich am besten zum Stationschef am Flughafen seiner Heimatstadt eignen ...»
«Aber Marstal hat doch gar keinen Flughafen?»
«Na eben, deswegen!» grinste Nielsen und schlürfte seinen Tee mit Genuß. «Er könnte natürlich ebensogut Hafenmeister in Hilleröd oder Herning werden ... die haben auch keinen Hafen dort. Aber in der Richtung müßte etwas aus ihm werden können.»
Die Jungen lachten über Peters Witze, die sie nur zu gut kannten. Er meinte es nie wirklich böse, aber er konnte einfach nicht anders, als seine Kameraden bei jeder Gelegenheit durch den Kakao zu ziehen. Mit der Zeit kam das Gespräch auf die bevorstehende Fahrt nach Madeira. Sie hatten ungefähr 900 Kilometer zu bewältigen, aber inzwischen waren die Jungen natürlich schon erfahrene Seeleute und konnten mit Seemeilen rechnen. Sie rechneten eine Seemeile = zwei Kilometer. Das stimmte zwar nicht haargenau, aber es war einfacher so.
Peter Nielsen hatte schon früher einmal seine Erlebnisse auf Madeira zum besten gegeben, wo er während des Krieges angeblich Winston Churchill getroffen hatte ... ja, Peters Erzählung von seinen Erlebnissen in der Kriegsmarine waren hinreißendes Seemannsgarn gewesen. Jetzt spann er die Geschichte noch ein wenig weiter. Seine Phantasie überstieg bei weitem die eines durchschnittlichen Erzählers, und gewiß gab es auf den sieben Weltmeeren keinen Seemann, der so großartige Lügengeschichten erfinden konnte.
Es wurde ziemlich spät, ehe die Gesellschaft aufbrach.
Die ersten Strahlen der Morgensonne hatten kaum das Dach des Ruderhauses der ‹Flying Star› erreicht, da machten sich Peter Nielsen und Marstal auf dem Schiff zu schaffen. Der Motor mußte warmlaufen, die Trossen eingeholt werden, und mit Peter Nielsen am Steuer fuhr das Schiff durch den Hafen, vorbei an dem langen Damm, und nahm dann Kurs in westlicher Richtung über den Atlantik. Die langen Dünungen rollten schräg gegen den Bug des Schiffes, das bald rhythmisch gegen die Wellen anzugehen begann. Dies war alltägliche Arbeit für die beiden Seeleute, und wenn alles ohne Zwischenfälle verlief, konnten sie am Abend des nächsten Tages den Hafen von Funchal anlaufen.
Marstal, der auf dem kleinen Klappstuhl im Ruderhaus saß, gähnte nachdrücklich und fragte: «Ob wir die sechs Schlafmützen nicht aus den Betten schmeißen sollten? Es ist gesund für sie, wenn sie früh auf die Beine kommen.»
Peter grinste. «So, meinst du? Du sitzt ja selber da und gähnst, daß deine Kiefer krachen. Aber vielleicht ist das auch ein Zeichen von Gesundheit! Warum hältst du nicht einfach die Klappe und genießt die schöne Aussicht?»
Marstal gähnte erneut. «Was gibt’s da schon zu sehen? Ich kenne doch jeden Kubikzentimeter Atlantik. Vergiß nicht, daß ich ein alter, erfahrener Seemann bin, der die sieben Weltmeere wie seine Westentasche kennt. Nee, lieber leg’ ich mich nochmal aufs Ohr.»
«Ha!» höhnte Peter. «Warum zum Kuckuck bist du nicht zu Hause in Marstal geblieben, wie es einem ehrlichen Hundeschwanzfischer zusteht? Damit hättest du deiner Heimat größere Ehre gemacht. Du weißt genau, daß es die Leute aus Marstal nie schaffen, anständige Seeleute zu werden.»
«Nein, wie werden Kapitäne ... damit sie den Leuten aus Svendborg beibringen können, wie man mit einem Schiff umgeht.»
Und damit war das harmlose Geplänkel wieder in vollem Gange.
In der Kajüte der Jungen wurde es allmählich laut. Es begann mit einem verschlafenen Grunzen aus den verschiedenen Kojen und dem Knacken und Ächzen der Spiralfedern. Nach und nach hörte man Gähnen in allen Tonlagen und schließlich die noch nicht ganz wache Stimme von Jan: «Hallo, Dicker ... sollten wir nicht bald Frühstück bekommen?»
«Frühstück?» wiederholte Erling und schnüffelte vor sich hin. Dann drehte er sich zur Seite. «Ich habe keinen Hunger ...»
«Aber wir! Steh auf, du Murmeltier!»
«Laß mir meine wohlverdiente Nachtruhe!»
«Es ist hellichter Tag ...»
«Dann laß mir eben meine Tagruhe!»
«Wir werden dir!»
Jan sprang auf den Boden und zog mit einem Ruck Erling die Bettdecke weg. Inzwischen hatten sich auch die anderen Jungen den Schlaf aus den Augen gerieben. Erling setzte sich auf und gähnte herzzerreißend. «Jan Helmer, du bist ein Ungeheuer, ein widerliches, gemeines Ungeheuer. Deine Unmenschlichkeit hat schon immer große Triumphe gefeiert. Daß du uns um diese Tageszeit wecken kannst, das beweist, was für ein gräßliches Ungeheuer ... aber ... hm ... mir scheint, wir sind schon auf großer Fahrt.»
«Schon seit mindestens einer Stunde», lachte Jan und warf einen Blick durch das Bullauge. «Wir müssen uns beeilen, wenn wir noch einen letzten Blick auf Afrika werfen wollen. Nun steht schon auf!»
Und dann ging alles ganz schnell. Barfuß rannten die Jungen über die Planken, sie planschten im Wasser und bürsteten die Zähne so energisch, daß die Zahnpasta in alle Richtungen spritzte. Eine halbe Stunde später waren sie alle um den Frühstückstisch versammelt. Peter Nielsen fehlte als einziger in der großen Kajüte, denn er hatte Wache. Mit riesigem Appetit sprachen sie Erlings und Jespers Kochkünsten zu. Als der Hunger gestillt war, kam die Rede auf Madeira, und Ingenieur Smith übernahm das Wort.
«Während eines furchtbaren Sturmes im Jahre 1419 verschlug es zwei Portugiesen auf eine kleine, unbewohnte Insel im Atlantik. Dankbar für ihre wunderbare Rettung nannten sie die Insel Porto Santo, was so viel wie heiliger Hafen bedeutet, und im darauffolgenden Jahr nahm Portugal nicht nur diese, sondern auch die umliegenden Inseln in Besitz. Die größte nannten sie Madeira und glaubten, daß sie ein Teil des sagenumwobenen Atlantis gewesen sei, das vor vielen tausend Jahren im Meer versunken sein soll ...»
Smith nahm einen Schluck Kaffee und fuhr fort: «In früherer Zeit war Madeira ganz mit Wäldern bedeckt, heute sieht man davon nur noch im Süden einige Reste. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und vor allem im Norden noch sehr wild und unerschlossen. Das Klima ist außergewöhnlich mild, ausgeglichen und sehr gesund. Ich glaube, die Durchschnittstemperatur liegt bei etwa zwanzig Grad Celsius. Darum gibt es auf der Insel auch jährlich Tausende von Touristen und Kurgästen.»
«Und die Einwohner leben ausschließlich vom Tourismus?» wollte Jesper wissen.
«Nein, das nicht. Sie bauen auch Wein, Bananen, Ananas, Orangen, Zuckerrohr und echte Kastanien an. Der Madeirawein ist so weltberühmt geworden, daß andere Länder unzählige Nachahmungen herstellen. Die beste Weinsorte ist der Malvasier. Er braucht sechs Jahre, bis er die richtige Reife hat. Früher kam dieser vornehme Wein gar nicht in den Handel, sondern wurde direkt an den portugiesischen Hof geliefert.»
«Wie sind die Einwohner?»
«Die Inseln werden hauptsächlich von Portugiesen bewohnt, aber es gibt auch noch einige Neger und Mauren. Man kann wohl sagen, daß die Bevölkerung im großen und ganzen arm ist, aber sie ist auch genügsam und rechtschaffen. – Und dann müßt ihr noch wissen, daß der Name Madeira aus dem lateinischen Wort ‹materia› entstanden ist. Das bedeutet Holz, was ja ganz natürlich ist, nachdem die Insel früher mit Wäldern bedeckt war. Jetzt gibt es dort auch Palmen. Die hat es früher nicht gegeben, sie sind also wohl erst später eingeführt worden. Aber die Touristen schwärmen für den Anblick der im Wind schwankenden Palmen. Er vermittelt ihnen die Illusion, sie seien in einem fernen, exotischen Land.»
Die Jungen hatten dem Ingenieur interessiert zugehört. Funchal schien also nicht übermäßig interessant zu sein und kaum größere Abenteuer zu bieten haben. Nun ja, die konnte man ja auch in einer Stadt von fünfzig- bis sechzigtausend Einwohnern nicht erwarten ... jedenfalls nichts in Richtung Casablanca, keine finsteren Viertel, in denen Eingeborene Carl entführen oder gar andere Besatzungsmitglieder in finstere Häuser sperren konnten.
Gegen Abend des zweiten Tages näherte sich die ‹Flying Star› dem Hafen von Funchal. Die Jungen hingen neugierig über die Reling, um die Einfahrt nicht zu verpassen. Sie sahen die Kronen hoher Palmen aus dem Grün der Küste emporragen und inmitten dieser üppigen Vegetation die Stadt liegen wie eine weiße Insel. Zahlreiche Villen waren auf den Abhängen verstreut, aber das Gesamtbild dominierten die großen Hotels. Sie verrieten, daß man das Leben auf Madeira am besten als wohlhabender Tourist genießen kann. Alles deutete darauf hin, daß man einigen Tagen friedlicher Idylle entgegensehen durfte, ganz ohne erregende Spannung oder aufregende Begebenheiten. Und doch sollte Jan mehr erleben, als er sich wünschte. Wie die anderen bekam auch er Post von zu Hause. Die Briefe wurden ihnen an Bord gebracht, und mit eifrigen Fingern riß Jan den Umschlag auf. Er hatte kaum die Hälfte gelesen, da begannen ihm die Buchstaben vor den Augen zu tanzen, und es dauerte eine Weile, bis er ganz begriffen hatte, was ihm sein Vater schrieb. Auf den ersten Seiten war nur von erfreulichen Neuigkeiten die Rede, aber dann las er weiter:
‹Ja, mein lieber Junge, nun habe ich Dir alles Erfreuliche berichtet, und ich kann mich nur schwer dazu entschließen, Dir auch das Traurige zu schreiben. Mutter und ich sind der Meinung, daß es besser ist, wenn wir es Dir gleich mitteilen: Unser guter, treuer Boy ist nicht mehr. Nach Deiner Abreise hat er sehr getrauert und wollte kaum essen. Dann wurde er ernsthaft krank, aber der Tierarzt sagte, daß diese Krankheit nichts mit seiner Trauer und Appetitlosigkeit zu tun hatte. Er starb nach zwei Tagen, das hat ihm viele Schmerzen und langes Leiden erspart. Es ist sehr traurig, mein Junge, Dir dies berichten zu müssen, aber wir dürfen auch nicht vergessen, daß Boy inzwischen schon ein recht alter Hund geworden war, jedenfalls wenn man sein Alter am besten Alter eines Polizeihundes mißt. Und vielleicht freut es Dich, zu hören, daß wir Boys Sohn weiterhin mit Sorgfalt ausbilden. Wir haben ihn auch Boy genannt, und er zeigt sehr gute Eigenschaften. So unwahrscheinlich es auch klingen mag, so glaube ich doch, daß er seinem berühmten Vater in mancherlei Hinsicht sogar überlegen sein wird. Ja, nun habe ich also alles gesagt und hoffe, daß Du es ebenso ruhig und vernünftig aufnehmen wirst, wie wir anderen hier zu Hause es getan haben.
Und dann noch etwas. Falls Du während Deiner Reise je in gefährliche Situationen geraten solltest, schreib darüber in Deinen Briefen nicht zu viel. Du weißt ja, wie nervös und ängstlich Mutter ist. Eine kleine Brise wird bei ihr gleich zum ausgewachsenen Taifun – Du weißt schon, wie ich das meine. Liebe Grüße! Vater.›
Jan ließ den Brief auf seine Knie sinken und starrte vor sich hin ins Leere. Es fiel ihm schwer, die traurige Nachricht zu fassen. In all den Jahren hatte er gewiß viele gute und treue Freunde gehabt, aber der treueste war sicher Boy gewesen. Das kluge Tier war ihm so oft ein Helfer in der Not gewesen, und in friedlicheren Zeiten hatte es ihm zu Füßen gelegen, während er seine Hausaufgaben machte oder Briefe schrieb. Alles war ihm leichter gefallen, wenn er ab und zu in die klugen braunen Augen des Hundes schauen konnte. Zurückblickend sah er seinen Boy vor sich, wie er erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelte, als wolle er fragen: «Können wir wohl jetzt einen kleinen Spaziergang machen?» oder «Kann ich dir bei irgend etwas helfen, Jan?» – Und jetzt gab es ihn nicht mehr. Boy war tot. Natürlich, alle Lebewesen auf dieser Erde mußten einmal sterben. Gewiß. Aber wie schwer war es, das zu fassen.
«Stimmt was nicht, Jan?» fragte Erling leise.
Jan nickte und spürte, wie seine Augen brannten. «Boy ist tot.»
Erling saß eine Weile ganz stumm da. Dann gab er dem Freund einen leichten Schlag auf die Schulter und sagte ruhig: «Das tut mir sehr leid, Jan. Ich glaube, du willst jetzt ein wenig allein sein. Geh hinaus auf Deck, und wenn du ein bißchen heulen mußt, dann tu es. Tränen sind eine gute Medizin, die beste, die es gibt.»
«Ja», murmelte Jan.
Dann stand er auf und ging an Deck.
Zweites kapitel
In den folgenden Tagen unternahmen die Kameraden alles, um Jan aufzumuntern und ihm über den Verlust des treuen Tieres hinwegzuhelfen. Sie sagten nicht etwa bloß: «Kopf hoch, Jan» oder «Nun sei nicht traurig». Solche wohlgemeinten Worte sind meist wirkungslos, wenn jemand echte Trauer fühlt. Statt dessen versuchten die Jungen, Jan zu überreden, sie auf ihren Streifzügen durch die Stadt zu begleiten, wo ihn neue und interessante Eindrücke ablenken sollten, und sie nahmen ihn mit an den Strand zum Schwimmen. Über Boys Tod wurde überhaupt nicht mehr gesprochen, und nach einer Weile wurde Jan auch wieder munterer. Erling, der ihn von allen am besten kannte, wußte jedoch mit Bestimmtheit, daß Jans Trauer noch nicht verflogen war und daß es noch eines ganz außergewöhnlichen Ereignisses bedurfte, bevor Jan wieder der alte fröhliche Kamerad werden würde. Aber was sollte sich wohl ereignen? Darüber dachte Erling viel nach, nicht nur während die ‹Flying Star› in Funchal lag, sondern auch später, als sie schon wieder auf dem Atlantik schwammen und auf die Kanarischen Inseln zuhielten.
Ja, was mußte wohl geschehen, damit Jan wieder der alte wurde?
Der treue Erling ging sogar so weit, daß er sich ein spannendes und strapaziöses Abenteuer herbeiwünschte. Er war sonst gar nicht so sehr darauf aus – im Gegenteil –, aber jetzt war er so weit, daß er gern seine Nachtruhe geopfert hätte, sogar aufs Essen würde er verzichtet und die geliebte Bequemlichkeit aufgegeben haben, wenn er nur dem Freund hätte helfen können. Mutmaßlich hätte der Dicke nicht gar so sehr ein Abenteuer herbeigesehnt, wenn er geahnt hätte, was ihm noch alles bevorstand. – Aber glücklicherweise kann ja kein Mensch in die Zukunft sehen!
Die Strecke von Madeira nach Las Palmas auf den Kanarischen Inseln betrug nur 300 Seemeilen. Unterwegs dorthin erzählte Ingenieur Smith: «Wenn ihr die Namen dieser Inseln hört, dann denkt ihr wohl zunächst nur an Kanarienvögel. Die Inseln sind auch die eigentliche Heimat dieser Vögel, aber es gibt noch einiges, was euch vielleicht zu wissen interessiert. In alter Zeit hießen sie die ‹Glücklichen Inseln›, aber der römische Schriftsteller Plinius gab ihnen den Namen Canaria, denn es gab damals sehr viele Hunde dort, und das lateinische Wort canis bedeutet Hund. Die Ureinwohner waren die Guantschen, die sprachlich den Berbern verwandt waren, aber nach und nach mischten sich Spanier, Mauren, Flamen und Normannen darunter ...»
«Wie bitte?» staunte Erling. «Normannen auch?»
Der Ingenieur mußte über Erling lachen. «Daß dich noch irgend etwas in dieser Richtung erstaunen kann, Erling! Ich hielt dich immer für ein wandelndes Lexikon. Doch, die Einwohner dieser Inseln haben teilweise normannisches Blut. Bekanntlich stammen die Normannen aus Norwegen und Dänemark, und es ist ja ganz amüsant, wenn man sich vergegenwärtigt, daß dieses nordische Blut sich nun so weit im Süden des Atlantischen Ozeans mit dem anderer Völker vermischte ...» Scherzhaft fügte er hinzu: «Daß die Bevölkerung nun so erfreulich tüchtig und fleißig ist, können wir wohl kaum mehr dem dänischen Einschlag zuschreiben. Die Einwohner sind auch weithin bekannt für ihre große Gastfreundschaft, und die haben sie ja mit den Jüten gemeinsam ...»
«Haha! Da sprach ein Jüte», lachte Erling.
«Ja», meinte Ingenieur Smith und nickte vergnügt, «man muß die Gelegenheit doch wahrnehmen, wenn sie sich bietet. – Weiter müßt ihr wissen, daß die Inseln vulkanisch und gebirgig sind. Es gibt heute aber nur noch einen einzigen tätigen Vulkan ...»
«O nein!» entfuhr es dem entsetzten Jesper, der ganz blaß um die Nase geworden war. «So einer, der Feuer und Lava und all solches Zeug speit?»
Erling klopfte ihm beschwichtigend auf die Schulter. «Nur ruhig Blut, kleiner Krümel. Mach dir bloß keine unnötigen Sorgen. Mach es, wie ich es dir immer schon geraten habe. Halte dich einfach hinter dem breiten Rücken deines Onkels Erling, und der böse Vulkan tut dir nichts!»
«Halt den Mund, du dickes Kamel!»
Ingenieur Smith lachte schallend. «Was Dromedare angeht, so kann ich euch glaubwürdig versichern, daß solche auf den Inseln verschiedentlich als Haus- und Nutztiere gehalten werden. Das gibt dem Bild ein entschieden afrikanisches Gepräge. Sonst aber sind die Inseln ziemlich mit der Zeit gegangen; man muß freilich leider sagen, daß sich die spanische und portugiesische Herrschaft eher hemmend auf die Entwicklung der Einwohner ausgewirkt hat. Die Kanarischen Inseln gehören, wie ihr sicher wißt, zu Spanien.»
«Es gibt sicher wenig Regen auf diesen Inseln?» wollte Jack Morton wissen.
«Von November bis März ist Regenzeit, aber das Erstaunliche ist, daß die Inseln manchmal auch mitten in der Regenzeit unter Wassermangel leiden. Die Erde ist außerordentlich fruchtbar. Man baut Korn an, Südfrüchte, Wein, und auch Seide gibt es dort. Und dann gibt es den sogenannten Kanariensekt ...»
«Kanaljensekt, wie wir in Dänemark sagen», meinte Erling.
Smith nickte. «Richtig. – Abschließend sei noch gesagt, daß die Einwohner sich hauptsächlich von der Landwirtschaft ernähren und Viehzucht und Schifffahrt betreiben. Industrie gibt es nicht viel, und der Handel ist hauptsächlich in englischer Hand. Las Palmas selber ist eine Stadt mit etwa einhunderttausend Einwohnern, aber recht viel mehr kann ich euch darüber nicht sagen. Nun, vielleicht noch, daß sie einen sehr schönen Dom besitzt und einen Hafen, der Puerto de la Luz heißt und sechs Kilometer von der Stadt entfernt liegt ...»
«Sechs Kilometer?» stöhnte Erling. «Soll das heißen, daß wir bei der Hitze so weit laufen müssen?»
«Nein, keine Angst, du wirst dich nicht überanstrengen müssen», gab Smith trocken zur Antwort. «Zwischen dem Hafen und der Stadt gibt es eine regelmäßige Bahnverbindung.»
«Welch ein Glück!» seufzte Erling befriedigt.
«Dummes Kamel!» murmelte Jesper.
«Du meinst Dromedar, lieber Krümel», berichtigte Erling ihn freundschaftlich.
Der Aufenthalt in Las Palmas dauerte nur drei Tage und brachte keine Überraschungen irgendwelcher Art. Genauso ereignislos war auch die Weiterreise nach Dakar, der Hauptstadt Französisch-Westafrikas (jetzt Senegal), wo die ‹Flying Star› Brennstoff aufnehmen sollte. Ingenieur Smith hatte in Dakar sonst nichts zu erledigen, aber die Jungen bekamen doch einen recht guten Überblick auf den Hafen, der im Zweiten Weltkrieg sehr umkämpft war.
Nun wurde es täglich etwas wärmer, und es konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß es langsam dem Äquator zuging. Sogar draußen auf dem Atlantik war die Hitze spürbar, und als sich die Jungen eines Nachmittags im Schatten der großen Kajüte versammelt hatten, schnaufte Erling: «Puh! Ich komme mir vor wie in einem römischen Dampfbad!»
Jesper hatte immerhin noch genug Energie zu sagen: «Es tut dir nur gut, Dicker, wenn du ein paar Kilo abnimmst. Wenn wir wieder einmal nach Dänemark zurückkommen, dann wirst du so schlank sein, daß dich keiner mehr kennt.»
Erling war zu schlapp, um sich auf eine Diskussion einzulassen. Müde fächelte er sich mit seinem weißen Tropenhelm Luft zu, während ihm der Schweiß über Stirn und Wangen lief. Schon auf den Kanarischen Inseln war den Jungen klar geworden, daß nun die Zeit gekommen war, ihre Tropenkleidung auszupakken. Sie trugen nur noch leichte Schuhe, weiße Shorts, offene weiße Hemden mit Leinenjacken darüber und Tropenhelme. Ingenieur Smith hatte in Las Palmas auch einige Moskitonetze gekauft, aber die hatten sie bisher glücklicherweise noch nicht benutzen müssen. Nach Meinung der Jungen war die Hitze an sich schon schlimm genug. Auch wenn es natürlich draußen auf dem Meer etwas frischer war, merkte man doch die Nähe Afrikas. Der riesige Kontinent strahlte eine Hitze aus, die man noch einige hundert Kilometer weit draußen deutlich spürte. Nachdem sich Ingenieur Smith mit den beiden Seeleuten besprochen hatte, entschloß er sich, den Golf von Guinea zu durchqueren, anstatt der Küste zu folgen. Dies bedeutete eine große Zeitersparnis, und das Wetter sah nicht aus, als würde es bald umschlagen und unangenehme Überraschungen bereithalten. Im übrigen hatte die ‹Flying Star› ja bewiesen, daß sie sich sehr gut in einem Orkan behaupten konnte.
Der an Weltgeschichte interessierte Erling war ein wenig enttuscht über diese Entscheidung, denn er hätte gern Ghana näher kennengelernt, wo sich einst dänische Kolonien befanden. Lächelnd meinte Ingenieur Smith dazu: «Darüber solltest du keine Träne verlieren, Erling. Das Klima der Goldküste ist nicht sehr einladend ... besonders an der Küste. Du hast ja in Dakar schon so unter der Hitze gelitten.»
«Na, immerhin haben eine Menge Dänen es dort auch ausgehalten.»
«Sicher, aber sie sind auch wie Fliegen dabei gestorben. Was weißt du eigentlich über die einstigen dänischen Kolonien?»
«Die bekanntesten Festungen waren Kongesteen, Prinsensteen und Christiansborg, wo die englischen Gouverneure jetzt residieren. Dänisch-Guinea wurde im Jahre 1657 von Frederik dem Dritten gegründet. Er schickte eine Flotte hier herunter, um die schwedischen Festungen zu erobern, die bereits früher gebaut worden waren. Und nach dem Frieden von Kopenhagen im Jahre 1660 behielten wir die Kolonien ...»
«Wie lange?»
«Bis 1850, als wir sie den Engländern verkauften. Eigentlich war es unsere eigene Schuld, daß es so ausging ...»
«Wieso?»
«Ja, weil wir bekanntlich das erste Land der Welt waren, das den Sklavenhandel verbot. Erst viel später folgten andere Länder dem Beispiel Dänemarks. Und der Sklavenhandel war die größte Einnahmequelle Dänisch-Guineas. Danach begann es mit der Wirtschaft des Landes bergab zu gehen. Schließlich gab es nur noch einen einzigen Ausweg, nämlich an England zu verkaufen. Aber viele der jetzigen Einwohner haben heute noch typisch dänische Namen, sie heißen Jensen, Hansen und Petersen. Jetzt ist die Rede davon, daß diese ehemaligen Kolonien unabhängig werden sollen. Ich glaube, England trifft bereits die Vorbereitungen dazu.»
Smith nickte. «Ja, schon seit mehreren Jahren wird darüber verhandelt. England gibt damit ein gutes und nachahmenswertes Beispiel. Sicher werden nun nach und nach viele Kolonien ihre Unabhängigkeit erlangen. Es bleibt nur zu hoffen, daß die Eingeborenen die dafür erforderliche Reife erlangt haben, um sich selber regieren zu können. Der Schritt Englands ist wirklich anerkennenswert, aber er ist auch riskantb. In künftigen Geographiebüchern werden die Schüler nicht mehr von der ‹Goldküste› oder ‹Englisch-Guinea› lesen, sondern nur noch vom freien Negerstaat Ghana.»
Erling seufzte bekümmert. «Es wäre sicher interessant gewesen, sich diese Städte etwas näher anzusehen, besonders Christiansborg, das sich bestimmt seit der dänischen Zeit nicht viel verändert hat. Nun, elektrischen Strom und solche modernen Einrichtungen werden sie ja inzwischen haben, aber Zentralheizung werden sie wohl kaum brauchen.»
«Ja», lachte Ingenieur Smith, «für die notwendige Wärme sorgt die Natur hier selbst.» Er stöhnte dabei ein wenig und wischte sich mit dem Handtuch über die verschwitzte Stirn. «Es ist ja wirklich traurig, daß du die Goldküste nicht sehen wirst, Erling. Aber wie gesagt, es wäre kein erfrischendes Erlebnis geworden.»
Erling hob die Schultern und machte eine etwas matte Handbewegung. «Vergessen wir es. Wenn wir uns die Goldküste verkneifen, kommen wir dafür um so schneller zum Kongo ... und da werden wir uns bestimmt nicht langweilen. Stimmt’s?»
«Kaum», räumte der Ingenieur ein. «Im Kongo finden wir etwas für jeden Geschmack ... hm ... außer Kühle natürlich.»
«Puh», stöhnten die Jungen im Chor.
Die Reise wurde fortgesetzt ...
Am südlichsten Punkt Liberias nahm die ‹Flying Star› Abschied von der afrikanischen Küste, die man bis dahin deutlich am Horizont sehen konnte. Hier begann sie ihre Fahrt quer durch den riesigen Golf von Guinea. Kein Windhauch regte sich über dem Wasser, und manchmal wünschten sich die Jungen fast einen kleinen Orkan, der zumindest ein wenig Erfrischung gebracht hätte. Die Planken glühten in der Sonne und brannten wie Feuer unter den Füßen, wenn man über Deck ging. Die meiste Zeit verbrachten sie in dem bißchen Schatten, den sie auf dem Schiff finden konnten. Auch der Appetit der Mannschaft ließ zu wünschen übrig. Selbst der dem Essen sonst nie abgeneigte Peter Nielsen begnügte sich mit Eiswasser und Zitronensaft. Jesper hatte Auftrag, dieses Getränk zu brauen; er stellte ungeahnte Mengen davon her.
Erling versuchte Jan immer wieder von seinen traurigen Gedanken abzulenken und begann ihm ausführlich von der abenteuerlichen Reise zu erzählen, die Ingenieur Smith seinerzeit in diese Gewässer geführt hatte. Hier hatte Smith auch seine jetzige Frau kennengelernt. Jan hörte scheinbar interessiert zu, aber Erling war sich darüber im klaren, daß es nach wie vor eines außergewöhnlichen Ereignisses bedurfte, um den Freund so abzulenken, daß er wieder ganz der heitere Kamerad wurde, der er sonst immer war.
Eines Abends sagte Ingenieur Smith: «Wenn wir diese Geschwindigkeit beibehalten und nichts Unvorhergesehenes passiert, werden wir morgen früh gegen fünf Uhr den Äquator passieren. Wir müssen zu diesem Zweck natürlich einiges arrangieren. Die große Gummibadewanne werden wir auf Deck aufstellen, damit wir alle Grünschnäbel, die noch nie in dieser Gegend waren, richtiggehend taufen können. Wie viele Täuflinge haben wir denn eigentlich?»
Es stellte sich heraus, daß fünf Täuflinge die Zeremonie über sich ergehen lassen mußten. Jan, Erling, Jesper, Jack und der kleine Yan Loo waren noch nie über die ‹Linie› gefahren, wie es in der Seemannssprache heißt. Peter Nielsen grinste verschmitzt, als er sagte: «Na, ihr fünf, dann sollt ihr es mal zu spüren bekommen!»
«Was zu spüren bekommen?» stammelte Jesper und machte ein betroffenes Gesicht. «Was passiert denn eigentlich?»
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.