Kitabı oku: «Jan und die Schmuggler»

Yazı tipi:

Knud Meister / Carlo Andersen

Jan und die Schmuggler

Eine Detektivgeschichte

für Buben und Mädchen

Dritte Auflage

Saga

Jan und die Schmuggler

Aus dem Danish von Karl Hellwig

Originaltitel: Jan og havnemysteriet © 1953 Carlo Andersen, Knud Meister

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711458891

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes kapitel

Mit der Hafenpolizei unterwegs

Der Mann am Ruder des schweren Polizeiboots hatte ein scharf geschnittenes Gesicht mit buschigen Augenbrauen. Seine von Wind und Wetter gegerbte braune Haut und sein ganzes Aussehen ließen erraten, daß er ein alter Seemann war. Er summte vor sich hin, während seine scharfen blauen Augen einen weißen Dampfer verfolgten, der in der Ferne, an einem der kleinen Inselforts vorüber, gegen Norden dampfte.

Jan, der mit seinem dicken Freund Erling unmittelbar hinter dem Steuermann saß, konnte das Summen kaum hören, aber hin und wieder drangen vereinzelte Töne an sein Ohr, und er begann darüber nachzusinnen, was da eigentlich gesummt wurde. Er kannte die Melodie gut, aber die Worte, die er auffing, paßten nicht recht zu ihr, denn hin und wieder fehlten Töne.

Hinter Jan und Erling saß noch ein Mann, der plötzlich fragte: «Nun, ihr Buben? Gefällt euch die Fahrt?»

«Sehr sogar!» erwiderte Jan mit einem breiten Lächeln. «Es ist sehr nett von Ihnen, Herr Inspektor, daß Sie uns auf Ihre Patrouillenfahrt mitgenommen haben.»

«Warum auch nicht?» sagte Polizeiinspektor Hansen freundlich. «Ich habe schon oft gedacht, es würde euch Spaß machen, einmal selber zu sehen, wie die Hafenpolizei arbeitet. Als ich neulich mit deinem Vater zusammen war, fiel mir das plötzlich ein, und ich benutzte die gute Gelegenheit euch einzuladen.»

«Es ist ein wundervolles Boot», sagte Erling und strich mit der Hand liebkosend über die Reling.

«Versteht ihr etwas von Booten?»

«Ich glaube schon», erwiderte Erling. «Wir benutzen ja den größten Teil unserer freien Zeit zum Segeln.»

«Wo habt ihr es gelernt?»

«Im Juniorenklub in Hellerup.»

«Wir haben ein eigenes kleines Segelboot dort draußen liegen. Es heißt ‚Rex‘», fügte Jan hinzu.

Der Mann am Ruder wandte den Kopf und lächelte breit. «Das hier ist etwas anderes als das Segeln», sagte er. «Mir gefällt es nicht gerade besonders, mit einem Motorboot herumzukutschieren, aber mit einem Segelboot kämen wir hier im Hafen nicht weit.»

«Beck hat recht», warf der Inspektor ein. «Wären wir heute abend vom Wind abhängig, so wären wir noch nicht einmal bis zum Zollamt gelangt.»

«Stimmt!» erwiderte der Rudergänger, ein Wachtmeister der Hafenpolizei, und schob seine Mütze zurück. «Aber als ich seinerzeit auf See war...» Er verstummte und blickte über die Schulter zu seinem Vorgesetzten hinüber.

«Da haben wir’s!» seufzte der Inspektor. «Jetzt wird Beck seine ganze Lebensgeschichte erzählen. Ich kann mir gut so lange die Ohren verstopfen, denn ich kenne jedes Wort auswendig.»

«Ich erzähle ja nicht für Sie, sondern für die Buben», sagte Beck lachend und wandte sich Jan und Erling zu. «Es war wirklich eine herrliche Zeit, als ich noch zur See fuhr. Wäre der Krieg nicht gekommen, dann wäre ich wahrscheinlich nie in den Dienst der Polizei getreten.»

Das Motorboot glitt jetzt in den Freihafen hinaus und rundete die äußerste Mole der «Langen Linie». Sie fuhren in das Südbassin des Freihafens hinein, wo ein paar große Dampfer der Ostasiatischen Kompagnie am Kai vertäut waren. Dann beschrieben sie einen eleganten Bogen und steuerten in das beinahe blanke Wasser des Mittelbekkens hinein.

«Der Hafen bietet, vom Wasser aus gesehen, einen höchst interessanten Anblick», sagte Erling. «Wenn man den Freihafen nur als etwas erlebt, das hinter einem Gitter liegt, denkt man gar nicht daran, wie groß der Hafen von Kopenhagen eigentlich ist.»

«Und wieviel in diesem Hafen wahrscheinlich geschieht!» fügte Jan hinzu.

«Du hast recht», bestätigte der Inspektor. «Deshalb ist es äußerst wichtig für die Hafenpolizei, daß wir das Wasser auch von der Seeseite aus abpatrouillieren können.»

Der schöne Abend hatte viele kleine Fahrzeuge auf das Wasser gelockt. Die Segelboote stampften träge, während die Motorboote flink hin und her sausten. Auch mehrere Rennboote der Rudervereine flitzten über ihre Übungsstrecken dahin.

«Es muß ein sehr spannendes Leben sein», bemerkte Erling.

«Was für ein Leben?»

«Das Leben in der Hafenpolizei».

«Ach so... Na, es ist keineswegs derart spannend, wie ihr vielleicht denkt. Das meiste ist Routine. Ich jedenfalls greife, um meinen Drang nach Spannung befriedigen zu können, mit Vorliebe zu Kriminalromanen, wenn ich zu Hause bin.»

«Meinem Vater geht es genau so.» Jan lachte. «Auch er liebt es, Kriminalromane zu lesen, obwohl man doch eigentlich glauben sollte, sein Bedarf an Spannung müßte durch seine Tätigkeit als Kriminalkommissar ausreichend gedeckt werden.»

«Dein Vater denkt sehr vernünftig», meinte Hansen. «Als alter Polizeimann weiß er, daß nichts gesünder ist, als wenn man sich nach des Tages Arbeit in der Ausübung eines Sports oder mit der Lektüre eines Kriminalromans entspannt. So ein Buch ist oft richtig erfrischend. Ich gehe übrigens auch gern ins Kino, um mir einen Film anzusehen, der von Detektivarbeit und dergleichen handelt.»

«Gilt auch für mich», bestätigte Wachtmeister Beck. «Es gibt nichts Lustigeres, als zu sehen, wieviel schlauer der Privatdetektiv oft ist als die ganze Polizei!» Er lachte dröhnend.

«Finden Sie dergleichen auch lustig?» fragte Jan verwundert den Inspektor.

«Gewiß finde ich das lustig», erwiderte Hansen. «Es ist ja gerade das Nette an den Kriminalromanen, daß sie der Wirklichkeit in keiner Weise gleichen. So eine Geschichte will ja nicht berichten, was wirklich geschieht, sondern sie will die Phantasie anregen. Deshalb denkt sich der Autor eine Menge Verwicklungen aus, die gerade deshalb Spaß machen, weil es sich um reine Erfindungen handelt. Im Hinblick darauf stört es mich keineswegs, daß der Verfasser den Privatdetektiv das Problem mit Hilfe seines erstaunlichen Gehirns glatt lösen läßt, während die Polizei dauernd im Dunkeln tappt.»

«Aber man kann doch tatsächlich eine ganze Menge herausbekommen, wenn man seinen Kopf anstrengt und richtig nachdenkt», warf Jan ein.

«Natürlich kann man das», stimmte der Inspektor lachend zu. «Und es läßt sich gar nicht bestreiten, daß die Polizei eine ganze Menge von klugen Kriminal-Schriftstellern gelernt hat. Sherlock Holmes zum Beispiel ist eine durchaus imponierende Gestalt. Er besitzt nicht wenig Scharfsinn und Kombinationsgabe. Im großen und ganzen gilt ja, daß ein Kriminalroman gewissermaßen ein spannendes Spiel ist, das einen unterhält, ohne daß man deshalb glaubte, er müsse ein zutreffendes Bild der Wirklichkeit geben. Viele Menschen glauben, Kriminalromane seien überspannt und schädlich. Ich persönlich glaube, daß gute Kriminalromane vortreffliche Unterhaltung bieten. Übrigens bist du ja selber eine Art Privatdetektiv, Jan. Du mußt also in den Kriminalromanen auf verwandte Seelen stoßen.»

«Vater hat mich von jeher dazu erzogen, meine Augen und Ohren zu gebrauchen und über das, was ich beobachtet habe, nachzudenken», sagte Jan. «Es ist keineswegs so, daß ich eine besondere Gabe besitze, Kriminal-Probleme zu lösen, aber ich bin schon oft über ein Problem sozusagen gestolpert, das mich dann zum Nachdenken angeregt hat.» Jan lächelte verlegen, denn er liebte es ganz und gar nicht, daß man ihn wegen seines Scharfsinns lobte.

Erling, der das wußte, kam seinem Freunde zu Hilfe. «Ja», sagte er, «da hast du vollkommen recht. Immer wieder bist du über Spuren gestolpert, ohne sie zu sehen, und hättest du mich – deinen alten, stets zuverlässigen Freund Erling Krag – nicht bei dir gehabt, dann wäre es um den Sieg der Gerechtigkeit schlecht bestellt gewesen!»

Der Inspektor lachte herzlich. Er konnte die beiden flinken Buben gut leiden. Großen Spaß machte ihm vor allem Erlings unverwüstlicher Humor.

«Da wir gerade von mir sprechen», fuhr Erling fort, «darf ich mir vielleicht eine kleine Bemerkung erlauben?»

«Sehr gern!» erwiderte Hansen. «Nur heraus damit!»

«Man pflegt bekanntlich zu sagen, daß die Meeresluft zehrt.»

«Damit hast du vollkommen recht». Der Inspektor lachte. «Es wird tatsächlich Zeit, daß wir uns etwas stärken.»

Er verschwand in der Kajüte des Motorboots, kehrte aber bald zurück. «Ich habe etwas Proviant mitgenommen», sagte er, «denn ich vermutete schon, daß Erling Hunger bekommen würde. Langt zu! Wenn das Mineralwasser nicht reicht, habe ich mehr an Bord.»

Die Tüte, die Hansen aus der Kajüte mitgebracht hatte, enthielt eine reiche Auswahl an lekkerem Kopenhagener Gebäck. Die beiden Freunde ließen sich denn auch nicht lange nötigen.

Inzwischen hatten sie das Inselfort «Trekroner» umfahren und nahmen wieder Kurs auf den Hafen.

Es war ein prächtiger Abend. Das Wetter hätte gar nicht schöner sein können. Die Buben genossen die Fahrt in vollen Zügen.

Als sie in eins der nördlichsten Becken des Freihafens einliefen, hörten sie plötzlich vom Kai her laute Rufe. Jan richtete sich auf und blickte nach der Stelle, woher die Rufe kamen. Er sah aber nur zwei Gestalten, die sich heftig bewegten. Das Licht war schon zu schwach, als daß man Einzelheiten hätte unterscheiden können.

«Haben Sie das gehört, Beck?» rief der Inspektor. «Legen Sie das Ruder herum und fahren Sie näher heran!»

«Jawohl», sagte der Rudergänger und nahm Kurs auf den Kai.

Dort lag ein kleiner Frachtdampfer vertäut, der augenscheinlich eine Bretterladung löschte, denn auf dem Kai lagen schon einige Stapel langer Bretter.

Als das Polizeiboot anlegte, sprang Jan als erster an Land. Erling und der Inspektor folgten ihm.

Jan lief auf eine dunkle Gestalt zu, die auf dem Kai lag und beugte sich über sie. Es war ein Mann, und er war bewußtlos. Sonst war niemand zu sehen.

Jan begriff sogleich, was da geschehen war. Der auf dem Kai Liegende war offenbar niedergeschlagen worden, und der Täter hatte die Flucht ergriffen. Wahrscheinlich war eine Prügelei vorausgegangen. Jan hockte neben dem Bewußtlosen nieder, dessen Lippen sich schwach bewegten. Jan beugte sich vor und lauschte. Aber alles, was er hören konnte, waren ein paar zusammenhanglose Worte: «...sollst ... du ... büßen ... Kurt.»

Die Augenlider des bewußtlosen Mannes begannen zu zittern, und in dem Augenblick, da der Inspektor und Erling kamen, schlug er die Augen auf und blickte sich verwirrt um.

Hansen beugte sich zu ihm nieder und versuchte ihn aufzurichten: «Tut Ihnen etwas weh? Können Sie sich aufrichten?»

«Ja... ich glaube...»

Der Überfallene nahm sich gewaltsam zusammen, und schließlich setzte er sich auf. Als er die Uniform sah, erschrak er sichtlich. «Was ist geschehen?» fragte Hansen.

Der Blick des Mannes irrte umher. Er schien noch nicht recht bei Bewußtsein zu sein. Schließlich murmelte er: «... hat mich niedergeschlagen... Wohl mit einem Knüppel...»

Während der Inspektor dem Überfallenen aufhalf und ihn zu einem der Bretterstapel führte, wo er sich niedersetzen konnte, ließ Jan seine Blicke über das Pflaster des Kais gleiten. Er sah etwas glänzen, bückte sich schnell und hob es auf. Es war ein kleiner runder Taschenspiegel. Er betrachtete ihn nicht genauer, sondern steckte ihn gleich in die Tasche. Dann machte er sich daran, das Pflaster sorgsam zu untersuchen, fand aber nichts weiter. Schließlich kehrte er zu den anderen zurück.

Der Überfallene war jetzt so weit zu sich gekommen, daß er eine einigermaßen zusammenhängende Erklärung abgeben konnte. Er rauchte dabei eine Zigarette, die Hansen ihm gegeben hatte.

«Wie heißen Sie?» begann der Inspektor das Verhör.

«Gustav Lundquist».

«Der Name klingt schwedisch, aber Sie sprechen dänisch?»

«Mein Vater war Schwede. Ich selber bin hierzulande geboren.»

«Was haben Sie für eine Beschäftigung?»

«Ich bin Koch.»

«Wo?»

«Auf dem Schiff dort.» Er zeigte auf den Frachtdampfer mit der Holzladung.

«‚Ragna IV’ ... Das ist wohl ein dänisches Schiff?»

«Ja. Es gehört der Reederei Mortensen & Nielsen. Wir sind gerade mit Holz von Finnland gekommen.»

«Und Sie wohnen hier in Kopenhagen?»

«Ich habe hier gewohnt. Aber jetzt habe ich keine feste Adresse, weil ich die meiste Zeit unterwegs bin.»

«Nun erzählen Sie, was eigentlich geschehen ist», forderte der Inspektor ihn auf und beugte sich vor.

Der Koch machte eine kurze Pause, faßte sich an den Kopf und stöhnte. Er schien noch immer etwas benommen zu sein. «Was geschehen ist? Das war so. Ich ging hier auf dem Kai etwas spazieren, und da kam ein Mann und bat mich um ein Streichholz. Ich strich eins an und hielt es so, daß ich mit der Hand die Flamme schützte... Das pflegt man ja zu tun, wenn man auf See ist... Da holte er aus und versetzte mir einen Schlag... Sonst erinnere ich mich an nichts...»

«Können Sie den Mann beschreiben, der Sie niederschlug?»

«Vielleicht... Aber er sah eigentlich nicht weiter auffallend aus.»

«War er jung oder alt?»

«Ich glaube, er war mitten in den Dreißigern. Besonders gut angezogen war er nicht. Er trug auch keine Krawatte, sondern nur ein Wollhemd mit Bund, das am Halse offenstand. Und dann trug er eine Mütze...»

«Welche Farbe hatte sein Anzug?»

«Blau, glaube ich.»

«Und Sie sind sicher, daß er Ihnen nichts gestohlen hat? Er muß doch eine Absicht gehabt haben, als er Sie niederschlug.»

Der Koch tastete seine Taschen ab. Er zog seine Brieftasche hervor und blickte hinein. Dann schüttelte er den Kopf. «Ich vermisse nichts», sagte er.

«Hm!» meinte der Inspektor. «Es sieht so aus, als hätte der Kerl, der Sie überfallen hat, Angst bekommen, und sei fortgelaufen. Vielleicht hatte er uns in unserem Boot kommen sehen. Er dürfte die Absicht gehabt haben, Ihnen Brieftasche und Uhr wegzunehmen. Wollen Sie, daß wir einen Rapport aufsetzen und den Überfall melden?»

«Nein, danke, lieber nicht», sagte der Koch. «Ich mag nicht gerne zum Gericht rennen.»

Der Inspektor stand auf und steckte sein Notizbuch in die Tasche. «Fühlen Sie sich kräftig genug, daß Sie allein auf Ihr Schiff zurückkehren können?» fragte er.

«Ich glaube schon.»

Der Koch erhob sich, lächelte verlegen und ging auf sein Schiff zu. «Derartige Sachen kommen oft vor», sagte der Inspektor, während er ihm, die Schultern zuckend, nachblickte. «Überfälle und Schlägereien haben wir hier am laufenden Band.» Nach einer kurzen Pause fügte er lächelnd hinzu: «Weißt du was, Jan? Hier hätten wir ja ein Kriminalproblem für dich. Es ist keine große Sache, aber interessieren könnte es doch: Wer war der Mann, der den Koch überfallen hat? Hättest du keine Lust, dich damit zu beschäftigen?»

«Das überlege ich gerade!» erwiderte Jan ernst. «Es könnte wohl sein, daß etwas dahinter steckt.»

Zweites kapitel

Jan zerbricht sich den Kopf

Das Motorboot der Hafenpolizei schoß wieder in voller Fahrt dahin. Inspektor Hansen zündete seine Pfeife an. «Heute abend sieht alles so friedlich aus», sagte er, «daß ich fürchte, nach dem kleinen Zwischenspiel mit dem Koch werden wir wohl nichts weiter erleben.»

«Das schadet nichts», versicherte Jan.

Erling blickte seinen Freund an. In Jans Tonfall lag etwas, das ihm zu denken gab. Auch sah man es Jan an, daß seine Gedanken weit weg waren. Irgend etwas an der Geschichte mit dem Koch hatte seinem Freunde offenbar zu denken gegeben. Erling kannte Jan gut genug, um zu wissen, was in ihm vorging, sobald eine neue Aufgabe aufgetaucht war.

Auf der anderen Seite fragte sich Erling, was an der Geschichte wohl aufzuklären sein mochte? Ein Mann war zu Boden geschlagen worden, während er auf dem Hafenkai spazieren ging. Er hatte ein paar Knüffe bekommen, aber sonst war ihm nichts Ernstes geschehen. Es war ihm auch nichts gestohlen worden; nicht einmal so viel war geschehen, daß ein Polizeirapport erforderlich gewesen wäre.

Das einzige, was er selber an der Sache interessant fand, war der Umstand, daß es sich um einen Koch handelte, der sicherlich Wert auf gutes Essen legte. Vielleicht verlohnte es sich der Mühe, Gustav Lundquists Kochkunst gelegentlich auf die Probe zu stellen. Das Polizeiboot fuhr jetzt an ein paar großen Touristendampfern vorüber, die an der Langen Linie vertäut waren. In den Salons brannten die Lichter, und auf den Decks ergingen sich viele Passagiere.

Erling wandte seinen Blick wieder Jan zu. Worüber mochte er nur nachsinnen? Erling wurde immer neugieriger, aber er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, daß es keinen Zweck hatte, ihn in Gegenwart von Fremden zu fragen.

Am nächsten lag die Erklärung, daß Jan irgend etwas gefunden hatte, und daß er daraus seine Schlüsse zog. Erling hatte gesehen, wie er sich bückte und etwas vom Boden aufnahm. Aber er hatte nicht erkennen können, was es war. Doch er würde schon erfahren, was Jans Geist beschäftigte, sobald er Gelegenheit hatte, mit ihm unter vier Augen zu sprechen.

Inspektor Hansen und Wachtmeister Beck schienen gar nicht zu bemerken, wie still die beiden Buben geworden waren, denn sie plauderten munter miteinander über alles mögliche. Als das Boot schließlich am Zollamt anlegte, sagte der Inspektor: «Hoffentlich kommt ihr nicht zu spät nach Hause. Ich habe euch gern mitgenommen, und wenn ihr wieder einmal Lust habt, uns zu begleiten, so läßt sich das schon einrichten.»

«Vielen Dank, Herr Inspektor», sagte Jan. «Es war riesig nett von Ihnen, uns mitzunehmen.»

«Vielen Dank auch für das wundervolle Gebäck!» fügte Erling hinzu.

«Nichts zu danken!» erwiderte der Inspektor. «Grüße deinen Vater und deine Mutter, Jan, und kommt beide gut nach Hause!»

Die beiden Freunde hatten nicht damit gerechnet, daß es so spät werden würde. Daher hatten sie keine Fahrradlampen mitgenommen und mußten die Räder jetzt stoßen. Das paßte Erling ausgezeichnet, denn nun hatte er Gelegenheit mit Jan zu sprechen. Nach einer Weile erkundigte er sich: «Dürfte ich jetzt vielleicht erfahren, worüber du grübelst?»

«Wie meinst du das?»

«Das weißt du ganz genau! Also heraus mit der Sprache, lieber Freund! Du glaubst doch nicht etwa, du kannst mich aus dem Spiel lassen, wenn du vor Spannung beinahe explodierst?»

Jan lächelte geheimnisvoll. Manchmal machte es ihm Spaß, den Freund eine Weile zu necken. «Wer sagt dir denn, daß ich über irgendeinem Geheimnis brüte?» fragte er.

Aber Erling ließ sich nicht verblüffen. «Heraus mit der Sprache, teurer Freund!» donnerte er. «Was in aller Welt, bildest du dir eigentlich ein? Wie kannst du es wagen, mit deinem alten Freund und Vormund so zu sprechen?»

«Na, schön!» erwiderte Jan lachend. «Ich werde ein Geständnis ablegen. Aber es kostet dich ein kleines Ehrenwort. Die Sache muß streng geheim zwischen uns bleiben. Ich habe keine Lust, mich lächerlich zu machen, wenn sich zeigt, daß meine Annahme ein Irrtum war.»

«Mein Ehrenwort habe ich dir ein für allemal gegeben. Du weißt, daß ich niemals eine Silbe verrate, wenn es gilt, den Mund zu halten. Und was die Gefahr angeht, dich lächerlich zu machen, so habe ich eigentlich nie den Eindruck gehabt, daß dir dergleichen passieren könnte.»

«Nicht so viel Lorbeer! Aber hör zu. Wir haben eben einen Mann gesehen, der niedergeschlagen worden ist. Dieser Mann heißt Lundquist und ist Koch auf einem Schiff. Er erklärt, ein Unbekannter habe ihn angesprochen und um ein Streichholz gebeten. Als Lundquist dem Mann Feuer für seine Zigarette geben wollte, bekam er, wie er sagt, einen Schlag auf den Kopf. Daraufhin machte sich der sogenannte Unbekannte schleunigst aus dem Staube, denn als wir am Tatort anlangten und dem armen Koch auf die Beine halfen, war niemand mehr zu sehen.»

«Das alles ist mir wohlbekannt», fiel Erling ein. «Wenn der übrige Teil deiner Erklärung ebenso interessant ist, dann würde ich tief bedauern, daß ich dich darum gebeten habe.»

«Warte nur ab! Wir sind noch nicht fertig.»

«Das habe ich befürchtet. Aber gleichviel. Fahr fort!»

«Danke. Ich will nur bemerken, daß der Mann schon zu schwindeln begann, als er noch gar nicht richtig zum Bewußtsein gekommen war. Das scheint mir einigermaßen erstaunlich! Findest du nicht auch?»

«Er begann zu schwindeln? Willst du behaupten, er habe uns einen Bären aufgebunden?»

«Alles, was er sagte, war Schwindel, die ganze Geschichte von dem Überfall.»

Erling blieb kopfschüttelnd stehen. «Du glaubst nicht, daß er zu Boden geschlagen worden ist?» fragte er verblüfft.

«Das glaube ich. Selbstverständlich.»

«Und was stimmt dann nicht? Der Mann erzählte doch eigentlich nur, ein Unbekannter habe ihm eins auf den Schädel gegeben!»

«Er erklärte, ein Mann habe ihn um ein Streichholz gebeten...»

«Das weiß ich.»

«Aber es stimmt nicht. Niemand hat ihn um ein Streichholz gebeten.»

«Woher weißt du das?»

«Ich habe nirgendwo ein Streichholz gefunden! Wie du vielleicht gesehen hast, untersuchte ich das Pflaster genau, fand aber nichts außer einem kleinen Taschenspiegel, den ich eingesteckt habe. Hätte der Unbekannte den Koch um Feuer gebeten, so hätte das angebrannte Streichholz doch irgendwo in der Nähe liegen müssen, aber, wie gesagt, es war nichts dergleichen zu finden.»

«Es kann doch weggeweht worden sein... aber nein, natürlich nicht! Es war ja die ganze Zeit über windstill.»

«Stimmt», sagte Jan und lächelte. «Jetzt fällt mir übrigens ein, was für eine Melodie es war, die Wachtmeister Beck vor sich hin summte. Es war ‚Die Nacht ist so still‘ – und das paßt ausgezeichnet.»

Erling versank in tiefe Gedanken. Endlich sagte er: «Vermutlich hat sich der Koch mit einem Bekannten gestritten, und er wollte nicht gern zugeben, daß er unterlegen ist. Deshalb erzählte er die kleine Räubergeschichte von dem Überfall, denn das klang entschieden besser. Glaubst du nicht auch, daß es so gewesen ist?»

Jan zuckte die Schultern: «Selbstverständlich kann das der Grund sein; trotzdem ist es merkwürdig, daß er schon zu lügen begann, als er noch gar nicht richtig wieder zum Bewußtsein gekommen war. Aber die Sache ist nicht wichtig genug, dem nachzugehen. Im Augenblick interessiere ich mich viel mehr für das Wettrudern am Sonntag. Unser Freund Carl trainiert zurzeit dermaßen, daß er ganz blau im Gesicht ist. Er sagt, der Juniorenklub habe eine gute Chance, und ich würde ihm wirklich gönnen, daß seine Mannschaft siegt.»

«Ich auch», sagte Erling. «Allerdings weißt du ja, daß ich für den anstrengenden Rudersport wenig übrig habe.»

«Hast du überhaupt Interesse für irgendeinen Sport? Doch, ja! Fürs Segeln, weil da der Wind die Arbeit tut. Und für Fußball natürlich!»

«Gewiß!» erklärte Erling würdevoll. «Aber ich bin, wie du weißt, am Fußballspiel nicht nur interessiert, sondern verstehe auch allerlei davon. Vergiß das nicht! Was aber das Rudern angeht, so bin ich der Meinung, daß es ein Überbleibsel aus uralten, barbarischen Zeiten ist. Und damals – vor ein paar tausend Jahren – war es eine der härtesten Strafen, die einen armen Sklaven treffen konnten. Meines Erachtens liegt daher kein Grund vor, warum man sich heutzutage abschinden sollte, als säße man auf einer Galeere, denn auf diese Weise verfallen wir ja wieder in die Barbarei der Vorzeit. Im übrigen kommt man auf dem Wasser bekanntlich viel bequemer vorwärts, wenn man sich eines Segels bedient – oder im Notfall auch eines kleinen Benzinmotors.»

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