Kitabı oku: «Jan wird Detektiv»

Yazı tipi:

Knud Meister und Carlo Andersen

1.

An einem Samstag um zwei Minuten nach zehn Uhr wurde die Gewerbe- und Industriebank der Schauplatz des unverschämtesten Raubüberfalls, den man jemals in Kopenhagen erlebt hatte. Folgendes trug sich zu:

Der Regen strömte nieder. Der Asphalt war spiegelblank. Das Wasser füllte die Rinnsteine in solchen Mengen, daß die unterirdischen Kanäle es kaum zu fassen vermochten; man konnte fast an Bäche zur Zeit der Schneeschmelze denken. Natürlich befanden sich nur ganz vereinzelte Menschen auf den Straßen. Als die Uhr die zehnte Vormittagsstunde schlug, steckte ein Bankangestellter auf den Glockenschlag genau den Schlüssel in die Türe und öffnete sie von innen. Er blickte in den Regen hinaus, schlug die Außentür auf und verschwand in der Drehtür. Hierauf sagte er scherzend zu einem der Beamten: «Das Wetter ist so abscheulich, daß wir die Bank ebensogut geschlossen lassen könnten.»

Er hatte nicht bemerkt, daß in der Nähe des Bankeingangs ein Auto hielt. Doch kaum war er verschwunden, so stiegen zwei Männer aus dem Wagen. Der eine trug einen schwarzen Ölmantel und eine schmucke goldbordierte Uniformmütze. Er stellte sich vor dem Eingang auf, während der andere, die Hände in den Taschen vergraben, hineinging.

Wenige Sekunden darauf kam ein Herr durch den strömenden Regen gelaufen. Er hatte den Mantelkragen hochgeschlagen und trug eine nasse Ledermappe unter dem Arm. Als er Miene machte, die Bank zu betreten, stellte sich ihm der Mann mit dem Ölmantel in den Weg und sagte: «Entschuldigen Sie, mein Herr; die Bank ist noch nicht geöffnet.»

Der Herr mit der Mappe sah zu dem uniformierten Manne auf, dessen Mützenschirm das Gesicht zum Teil verdeckte, und von dem auch sonst nicht viel zu sehen war, da der hochgeschlagene Kragen seines Ölmantels den unteren Teil des Gesichts verbarg. «Noch nicht geöffnet?» wiederholte der Herr mit der Mappe verwundert. «Aber es ist schon zehn Uhr vorbei, und die Türe steht ja sperrangelweit offen.»

«Die Bank ist noch nicht geöffnet», entgegnete der Uniformierte bestimmt. «Ihre Uhr geht wahrscheinlich vor.»

«Ja, aber das Portal ist doch offen... »

«Weil drinnen geputzt wird», erklärte der Mann. «Ich muß Sie bitten, sich noch einige Minuten zu gedulden.»

Die Stimme des Uniformierten klang so scharf und bestimmt, daß der Herr mit der Mappe unwillkürlich beeindruckt war, obwohl er eigentlich widersprechen wollte. Außerdem lief ihm das Regenwasser in den Hals, so daß er keine Lust verspürte, sich auf langwierige Erörterungen einzulassen, sondern sich nach einem Schutz umsah. Auf der gegenüberliegenden Straße entdeckte er einen Torbogen, zu dem er hinüberstürzte. Hier stellte er sich auf und schimpfte, verärgert über die Unpünktlichkeit der Bank, vor sich hin.

Im Schalterraum der Bank spielte sich inzwischen ein dramatischer Auftritt ab.

Der Mann, der, die Hände in den Taschen vergraben, die Bank betreten hatte, steuerte geradeswegs auf den Kassenschalter zu, wo ein alter, weißhaariger Kassierer ein Päckchen Tausendkronenscheine abzählte. Er blickte fragend auf, doch im nächsten Moment malte sich Überraschung in seiner Miene. Denn der Mann, der da vor ihm stand, hatte ein Paar Augen im Kopf, die nichts Gutes verhießen. Die Augen waren übrigens das einzige, das er von dem Manne sehen konnte. Der Mantelkragen verbarg den unteren Teil des Gesichts, und den Hut hatte er tief in die Stirne gedrückt. Auf dem Antlitz des Hauptkassierers, dessen rote Farbe noch von dem weißen Haar unterstrichen wurde, spiegelte sich waches Interesse. Er empfand nicht die geringste Furcht, obwohl sein Instinkt ihm sagte, daß Gefahr drohte. Seine hellblauen Augen sahen wachsam auf den Fremden, der plötzlich eine ruckartige Bewegung machte, wodurch in derselben Sekunde eine Pistole zum Vorschein kam, die er auf den Kassierer gerichtet hielt. Gleichzeitig flüsterte er mit einer Stimme, die scharf wie eine Stahlklinge war: «Geben Sie das Geld heraus, aber rasch!»

Der Hauptkassierer zögerte. Sein Gesicht wurde um einen Schein röter, und seine Hände zitterten ein wenig.

«Beeilen Sie sich», zischte der Mann mit der Pistole. «Ich lasse Ihnen nur ein paar Sekunden Zeit.»

Der Kassierer warf einen raschen Blick auf die Stelle des Schaltertisches, wo sich der Knopf befand, auf den man nur zu drücken brauchte, um den Alarmapparat in Gang zu setzen. Der Knopf befand sich zwei Schritte von ihm entfernt. Wie sollte er dorthin gelangen, ohne Verdacht zu erregen?

Der Mann mit der Pistole schien zu wissen, was in dem Kassierer vorging, denn er sagte scharf: «Rühren Sie sich nicht von der Stelle! Beeilen Sie sich, oder... » Er machte eine sprechende Bewegung mit der Pistole.

In diesem Augenblick trat einer der übrigen Bankbeamten in den abgegrenzten Schalterraum des Kassierers. Er sah sogleich, was vorging, doch bevor er nur den Mund öffnen konnte, war der Bankräuber einen Schritt zurückgetreten, so daß auch der zweite Beamte in die Schußlinie seiner Pistole geriet. «Heraus mit dem Geld, oder ich schieße», sagte er. «Ich zähle bis drei... »

Der Hauptkassierer stand noch immer unschlüssig da, aber jetzt hörte er den andern zählen: «Eins...zwei... »

Er begegnete dem Blick des Bankräubers und sah deutlich, daß der Mann zu allem entschlossen war. Dieser Mensch schreckte vor nichts zurück. Mit zitternden Händen schob der Kassierer einige Banknotenpäckchen über den Schaltertisch. Der Bankräuber griff mit der Linken zu und nahm die Noten mit einem Ruck an sich. Ebenso rasch stopfte er sie in die geräumigen Taschen seines Mantels. Fünfundachtzigtausend Kronen wanderten so binnen wenigen Sekunden aus der Bankkasse in die Taschen des Verbrechers. Hierauf schritt der geheimnisvolle Fremde rückwärts zur Türe, dauernd die Pistole auf die beiden Beamten gerichtet. «Wer sich rührt, den schieße ich nieder», sagte er laut.

Jetzt fuhren sämtliche Schalterbeamten hoch. Mit schreckgeweiteten Augen blickten sie auf den Mann, der mit der Pistole in der Hand zum Ausgang zurückwich. Als er die Drehtür erreicht hatte, versetzte er sie mit einem Druck des linken Ellbogens in Drehung, um mit der kreisenden Drehtür hinauszuschlüpfen. In dem Sekundenbruchteil, den dieses Vorgehen erforderte, handelte einer der jüngsten Bankbeamten blitzschnell. Er ergriff einen großen Briefbeschwerer aus Bronze und schleuderte ihn nach dem Bankräuber. Er traf ihn am linken Bein, und der Verbrecher stieß einen Schrei aus, während er sich umwandte und durch die Drehtür verschwand. Im nächsten Augenblick schrillte die Alarmglocke; einer der Bankangestellten rief sogleich die Polizei an, und die ganze Bank war in Aufruhr. Einige Bankbeamte liefen auf die Straße hinaus, um die Verfolgung des Räubers aufzunehmen, doch sahen sie nur noch, wie ein Auto in rasender Fahrt um die Ecke des Rathausplatzes bog. Nicht einmal die Nummer des Wagens vermochten sie zu erkennen.

Ein Herr, der eine Mappe unter dem Arme trug, überquerte die Straße; sein Mantel war triefendnaß. «Ist die Bank jetzt endlich offen?» fragte er.

«Endlich offen?» verwunderte sich der eine Bankbeamte, der trotz dem Regen noch immer auf die Stelle starrte, wo das Auto verschwunden war. «Was meinen Sie damit?»

«Ich wollte schon vor einiger Zeit hinein; aber der Portier wies mich ab. Er sagte, die Bank sei noch nicht geöffnet.»

«Der Portier?»

«Ja, er stand vor dem Eingang. Aber vorhin folgte er einem Herrn, der herauskam, und stieg mit ihm in ein Auto.»

«Meinen Sie das Auto, das in diese Richtung fuhr?» Der Bankbeamte wies auf den Rathausplatz.

«Ja», erwiderte der Herr mit der Mappe. «Aber nun will ich endlich hinein. Ich habe keine Lust, noch länger zu warten. Ich verstehe übrigens nicht, wie man sich erlauben kann, die Kunden einfach fortzuweisen... »

Jetzt begriff der Bankbeamte den Zusammenhang. «Es wäre uns niemals eingefallen, Sie fortzuweisen», sagte er. «Wissen Sie, was geschehen ist? Die Bank ist geplündert worden!»

«Geplündert? Eben?»

«Jawohl, vor ein paar Minuten.»

Nun war der Herr mit der Mappe derjenige, der sich vor Verwunderung kaum fassen konnte.

Im selben Augenblick kam das Auto des Überfallkommandos der Polizei mit heulender Sirene die Straße heraufgerast.

2.

Kriminalkommissar Hans Helmer zerdrückte seinen Zigarrenstummel im Aschenbecher, lehnte sich in seinem Stuhle zurück und blickte den jungen Kriminalbeamten an, der vor ihm stand: «Nun, Mogensen, was haben Sie herausgefunden?»

«Wir haben das Auto entdeckt, in dem die Bankräuber geflüchtet sind», antwortete Mogensen. «Es stand auf dem Parkplatz beim Forum, und es erwies sich, daß es aus einer Privatgarage beim Güterbahnhof gestohlen worden ist. Der Eigentümer, ein Ingenieur namens F. C. Pedersen, ist seit einigen Tagen verreist. Er ist augenblicklich in Göteborg mit Bauarbeiten beschäftigt. Wir haben festgestellt, daß er sich von dort nicht fortgerührt hat. Das Schloß zur Garage ist ein einfaches Hängeschloß, das sich leicht öffnen läßt.»

«Hm.» Helmer blätterte in einem Aktenstück. «Die Kerle haben fünfundachtzigtausend Kronen erbeutet... oder, um genau zu sein, vierundachtzigtausendachthundert Kronen. Darunter befinden sich fünfzig neue Tausendkronenscheine, deren fortlaufende Nummern die Bank notiert hat. Das übrige Geld ist schwerer zu bestimmen. Vieles deutet zudem darauf hin, daß der Räuber sich in seinem Fach auskennt, so daß er wohl auch wissen wird, was er nach dem Raub zu tun hat. Er wird sich wohl kaum die Blöße geben, die neuen großen Scheine sogleich in Verkehr zu bringen.»

Der Kommissar schwieg und trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. Der junge Beamte wartete ab, was sein Vorgesetzter weiterhin sagen würde.

«Das schlimmste an der ganzen Sache ist», fuhr der Kommissar nach einer Weile fort, «daß wir weder von dem Bankräuber noch von seinem Helfershelfer ein genaueres Signalement haben. Niemand hat von den beiden mehr gesehen als die Augenpartie. Beide hatten den Mantelkragen hochgeschlagen und die Kopfbedeckung tief in die Stirne gedrückt. Der Kassierer meint allerdings, daß der Bankräuber einen kleinen, dunklen Schnurrbart gehabt hätte. Ganz sicher ist er aber nicht. Der Helfershelfer war ein kleiner, kräftiger Mann, behauptet der Herr, der vor der Bank mit ihm gesprochen hat. Ha! Ein kleiner, kräftiger Mann! Dieses Signalement würde auf jeden zweiten Kopenhagener passen.»

Der Kommissar versank in Gedanken. Abermals blätterte er in den vor ihm liegenden Akten. Dann fragte er: «Was ist mit den Zeitungen?»

Mogensen zog einige Nachmittagszeitungen aus der Tasche und legte sie vor den Kommissar auf den Schreibtisch. Die Überschriften waren in großen Lettern gedruckt, und überall waren Bilder von der Bank zu sehen; sie zeigten die Polizei bei der Arbeit und den weißhaarigen Kassierer an seinem Schalter. In den Artikeln wurde der Bankraub genau beschrieben, nicht die kleinste Einzelheit war vergessen. Den Beschluß bildete die wenig tröstliche Feststellung, daß die Räuber sich noch immer auf freiem Fuße befanden, und daß die Polizei noch nicht die geringste Spur gefunden hatte.

«Das ist der frechste Raubüberfall, den ich jemals erlebt habe», bemerkte Kriminalkommissar Helmer. «Aber wir müssen die beiden Verbrecher erwischen. Nicht nur damit die Bank ihr Geld zurückerhält, sondern vor allem, um den Leuten zu zeigen, daß ein Verbrechen sich niemals bezahlt macht. Wir haben der Öffentlichkeit gegenüber Pflichten. Sie wissen ja, Mogensen, daß die dänische Polizei bis jetzt noch alle Verbrecher unschädlich gemacht hat, die sich gegen das Gesetz vergangen und die öffentliche Sicherheit gefährdet haben. Und so soll es auch diesmal sein. Diese beiden Verbrecher müssen ebenfalls unschädlich gemacht werden.»

Mogensen nickte. Er kannte seinen Vorgesetzten und wußte, daß er seine Pflicht sehr ernst nahm und seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der öffentlichen Sicherheit stellte.

«Welcher Fehler ist nun hier in erster Linie gemacht worden?» fuhr Helmer fort. «Ich meine, in welcher Hinsicht hat die Bank etwas versäumt?»

«Sie hat nicht genügend Schutzmaßnahmen getroffen», erwiderte Mogensen.

«Richtig. Die meisten Banken verfügen heutzutage über eine umfassende Sicherungs- und Alarmanlage. In diesem Falle schließen sich bei einem Druck auf einen bestimmten Knopf automatisch sämtliche Ausgangstüren, und gleichzeitig wird die Polizei alarmiert. Der Räuber sitzt dann fest. Die Gewerbe- und Industriebank aber hatte sich nicht zureichend gesichert. Das war ein Fehler, für den sie nun bezahlen muß. Ich bin überzeugt, daß der Verwaltungsrat in seiner nächsten Sitzung den Beschluß fassen wird, eine tadellose Sicherungsanlage einzubauen. Das ist die erste Stufe in der Bekämpfung des Verbrecherwesens: Alle Bedingungen zu schaffen, die ein Verbrechen unmöglich machen. Man muß auf seine Sachen achtgeben, sein Fahrrad abschließen, sein Geld gut verwahren und nichts herumliegen lassen. Die Gewerbe- und Industriebank hat nun in dieser Beziehung etwas gelernt!»

3.

«Meine Güte, hab’ ich einen Hunger!»

Jan Helmer kam in die Wohnstube geschossen, wo seine Mutter am Fenster saß, die unvermeidliche Näharbeit in den Händen. «Grüß Gott, kleine Frau Helmer!»

«Grüß Gott, mein Junge.» Frau Helmer lächelte ihren Sohn an. «Hör einmal, Jan, du darfst auf der Treppe nicht so poltern. Ich dachte schon, ein ganzes Regiment käme heraufmarschiert. Was glaubst du denn, was die andern Hausbewohner sagen werden, wenn du solchen Krach machst?»

Sie sah voll Stolz auf ihren Jungen. Jan hatte sich auf die Tischkante gesetzt und baumelte mit den Beinen. Er trug einen dunkelblauen Pullover, lange, dunkelblaue Hosen und blauweiße Bootsschuhe. Sein Gesicht war sonnverbrannt, und seine Augen glänzten vor Lebenslust und Gesundheit.

«Hast du dich gut unterhalten?»

«Ob ich mich gut unterhalten habe! Ach, Mutter, ich bin ja so glücklich, daß ich der Juniormannschaft beitreten durfte! Du ahnst nicht, wie herrlich das Segeln ist! Und Peter Winslöw, der Hafenaufseher, ist ein glänzender Lehrer.»

Jan hatte nach endlosem Hinundherreden die Erlaubnis erhalten, der Juniormannschaft des Segelklubs beizutreten. Sein Vater, Kriminalkommissar Helmer, hatte von Anfang an nichts dagegen gehabt; aber Frau Irene Helmer war von Natur ziemlich ängstlich, so daß sie sich zuerst heftig widersetzt hatte. Tatsächlich saß sie jetzt immer mit klopfendem Herzen da, wenn Jan mit seiner Mannschaft auf dem Wasser war. Trotzdem freute sie sich an seiner Begeisterung und an seinem guten Aussehen, das er dem freien Leben auf dem Meer verdankte.

Nun hörte sie lächelnd seiner begeisterten Schilderung von der heutigen Segelfahrt zu, obwohl sie nicht recht zu folgen vermochte, da alle möglichen Fachausdrücke durch die Luft schwirrten, mit denen sie überhaupt keinen Begriff verband. Was war zum Beispiel «Luvseite», was «Backbord» und «Klüverbaum» und «Heck»? Was bedeutete es, wenn Jan von «abfallen» sprach, und davon, daß «das Boot in den Wind geschossen war»? Sie gab es auf, hinter den tieferen Sinn dieser Seemannssprache zu kommen, und begnügte sich damit, sich an der Begeisterung ihres Sohnes zu freuen. Im übrigen setzte sie ihr Vertrauen auf den Hafenaufseher, der als vernünftiger und tüchtiger Mann galt und es verstand, die Knaben auf eine muntere und gleichwohl bestimmte Weise zu meistern.

Während Jan erzählte, ging die Türe auf, und seine Schwester Lis kam herein. Sie war nur ein Jahr älter als Jan, doch schon fast erwachsen – wenigstens ihrer eigenen Meinung nach! Sie hatte mit einer Freundin einen Spaziergang gemacht und trug einen sehr hübschen Hut.

Jan riß die Augen auf. «Heiliger Bimbam! Woher hast du denn diesen Deckel?» Er sprang vom Tisch hinunter, stürzte auf Lis zu und versuchte ihr den Hut zu entreißen.

Sie wehrte sich, so gut sie konnte. «Scher dich, du Frechdachs! Es geht nur mich etwas an, was für einen Hut ich aufhabe. Au! Jan, du bist ein Ungeheuer! Geh, du verdirbst mir ja meinen Hut!»

«Könnt ihr denn niemals Ruhe geben!» mahnte Frau Helmer. «Man möchte beinahe meinen, ihr wäret fünf Jahre alt.» Sie mußte dann aber doch lachen, als sie Jan sah, der sich den Hut seiner Schwester aufgesetzt hatte und damit durchs Zimmer stolzierte.

Plötzlich hielt er in seinem Spaziergang inne, und Lis nützte die Gelegenheit, sich ihren Hut wieder anzueignen und mit verächtlicher Miene hinauszugehen.

Jan fragte: «Kommt Vater heute spät nach Hause?»

«Ich weiß wahrhaftig nicht, wann er heimkommt», seufzte Frau Helmer. «Dieser Bankraub gibt ihm viel zu schaffen. Er rief vor kurzem an und sagte, daß er zum Abendessen hier zu sein hoffe; aber ich weiß zur Genüge, was das zu bedeuten hat. Es kann geradesogut sein, daß er die halbe Nacht hindurch arbeiten muß.»

«Wenn er nur den Räuber erwischen würde», bemerkte Jan. «Der Kerl war wirklich unverschämt. Fast wie in einem amerikanischen Film.»

Frau Helmer erhob sich. «Ich sehe jetzt in der Küche nach, ob Dagmar mit dem Essen fertig ist. Geh du dich inzwischen waschen, Jan; denn ich denke, wir werden bald essen. Vielleicht kommt Vater doch noch zur Zeit.»

Diese Hoffnung sollte sie nicht trügen. Sie saßen noch nicht lange bei Tisch, als Kriminalkommissar Helmer erschien und erklärte, er habe einen Bärenhunger. Das war gewöhnlich sein Gruß, wenn er nach einem arbeitsreichen Tage heimkam. Dann aber dauerte es nicht lange, und er erzählte von seiner Tätigkeit. «Es ist eine ernste Sache; aber ich hege einige Zweifel, ob es uns diesmal gelingen wird, den Fall zu klären», sagte er. «Ich muß offen gestehen, daß wir bis jetzt noch nicht die geringsten Anhaltspunkte haben, die uns möglicherweise auf die Spur der Verbrecher bringen könnten. Allerdings sind noch einige Nachforschungen im Gange, die uns vielleicht einen Fingerzeig geben werden.»

«Hat denn niemand gesehen, wie die Bankräuber das Auto vor dem Forum verließen?», erkundigte sich Jan.

«Das ist eins von den Dingen, die wir herauszubringen trachten. Aber bis jetzt sind wir noch zu keinem Ergebnis gekommen. Doch nun wollen wir von etwas anderem reden. Ich habe ja auch noch Pflichten als Familienvater zu erfüllen. Wie steht’s mit deinem Examen, Jan?»

«Ob Jan nicht erst sein Kapitänsexamen ablegen wird, bevor er das Mittelschulexamen besteht?» warf Lis mit unschuldiger Miene ein.

«Ich werde es schon schaffen, du Naseweis», gab Jan zurück.

«Das glaube ich auch, Jan», sagte Helmer. «Obwohl du kein Erling bist.»

Erling Krag war Jans bester Freund und sein vollkommenes Gegenstück. So schlank, geschmeidig und gelenkig Jan war, so rundlich und körperlich unbeholfen war Erling. Und während Jan auf dem Sportplatz und bei allen Freiluftunternehmungen in der ersten Reihe stand, zeichnete sich Erling in der Schule als Klassenerster und Bücherwurm aus, ohne deshalb jedoch ein Kopfhänger zu sein. Seit ihrem ersten Schultag waren Erling und Jan unzertrennlich.

«Erling ist nicht zu schlagen», räumte Jan ein. «Neulich haben wir in der Physikstunde von Niels Bohr und seiner Atomtheorie gesprochen. Ich glaube, wenn Herr Bohr heute das Mittelschulexamen machen müßte, würde er Erlings Noten auch nicht erreichen. Das ist eine ganz bestimmte Fähigkeit, die Erling im Speck sitzt. Alles, was er liest, bleibt in seinem Speck haften. So hat er wenigstens etwas, wovon er in kargen Zeiten zehren kann!»

Helmer lachte zu diesen Ausführungen, dann ging er zu einem andern Thema über: «Jetzt will ich dir etwas sagen, mein Sohn. Ich habe heute einen Brief von Onkel Christian erhalten. Er erwartet dich und Erling gleich nach dem Examen. Und weißt du, wer noch mitkommen soll?»

Jans Begeisterung, die bei den ersten Worten seines Vaters hell aufgeflammt war, ließ etwas nach. Fragend blickte er Lis an. «Wir sollen wohl die Dame da mitnehmen?»

«Wenn das der Fall wäre, solltest du dich freuen, daß deine Schwester ebenfalls aufs Land kommt», sagte Helmer. «Übrigens glaube ich, daß Lis lieber mit der Reise nach Jütland wartet, bis ihr euch dort ausgetobt habt. Die Sondereinladung, die ich meine, gilt keinem Geringeren als Boy!»

Diese Eröffnung bewirkte, daß Jan mit einem Freudengeheul aufsprang und in die Küche hinausstürzte, wo er fast das Dienstmädchen Dagmar umgerissen hätte, das friedlich am Küchentisch saß und sein Nachtessen verzehrte. Bei Jans stürmischem Erscheinen sprang Boy – ein schöner, großer Schäferhund – von seiner Matte auf, und Knabe und Hund stürzten ins Eßzimmer zurück, wo sie allen schüchternen Einwendungen Frau Helmers zum Trotz einen wilden Freudentanz aufführten. Helmer saß währenddessen in seinen Stuhl zurückgelehnt und sah lächelnd zu. Plötzlich aber kam ihm ein Gedanke; er fuhr auf und sagte: «Die Nachrichten!»

Er eilte zum Radioapparat und stellte rasch den Ortssender ein. Es dauerte eine Weile, bis die Röhren warm geworden waren, und als endlich die Stimme des Sprechers ertönte, stellte sich heraus, daß man einen Teil der Nachrichten schon versäumt hatte. Man hörte ihn nur noch sagen: «...hat die Gewerbe- und Industriebank eine Belohnung von fünftausend Kronen für denjenigen ausgesetzt, dem es gelingt, die Bankräuber festzunehmen, oder der Mitteilungen machen kann, die zur Wiederbeschaffung der geraubten Geldsumme führen.»

«Ach, wenn ich doch die fünftausend Kronen bekäme!» seufzte Jan. «Wenn ich doch bei der Jagd auf die Bankräuber mitmachen könnte!»

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