Kitabı oku: «Voyeur – und drei andere erotische Erika Lust-Geschichten»

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Voyeur – und drei andere erotische Erika Lust Geschichten

Lust

Voyeur – und drei andere erotische Erika Lust Geschichten:

Muse des Künstlers

Die Erinnerung an ihn

Generation Autosex.Coverbild/Illustration: ShutterstockCopyright © 2018, 2020 LUST All rights reserved ISBN: 9788726744248

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nachAbsprache mit LUST gestattet.

Voyeur

Cecilie Rosdahl

Mein Name ist Nadine. Ich bin neunzehn Jahre alt und arbeite nachts in einem Hotel. Das ist mein Paradies, denn es ist ruhig und luxuriös. Ich betrachte gern die Menschen, die hierherkommen. Die meisten tragen teure Kleidung und sind aufgebrezelt. Sie wollen irgendwohin. Sich treffen, ob nun beruflich oder privat. Hier gibt es immer frische Blumen, saubere Handtücher und blankpolierte Spiegel. Ich bin Rezeptionistin und kümmere mich auch um den Zimmerservice.

Wenn es still ist, schreibe ich meine Fantasien auf. Die Zeit muss nun mal mit irgendwas verbracht werden und ich wollte schon immer Schriftstellerin werden. Einen eigenen Sekretär wie Barbara Cartland zu haben, ist mein ultimativer Traum. Dann hätte ich mein eigenes Zimmer im Hotel und könnte in meinem Seidenpyjama auf dem Bett liegen und Champagner trinken, während ich dem Sekretär alles diktiere.

Ich hatte schon Kontakt zu einem Redakteur. Er ähnelt Mel Gibson, nur in einer jüngeren Ausgabe und mit braunen Augen. Er mag meine erotischen Fantasien und es reizt mich, dass er sie lesen will, obwohl noch viele Seiten fehlen, bis sie ein Buch sind.

Meine Lieblingskünstlerin ist Sophie Calle. Sie hat einmal in einem Hotel gearbeitet, dort geputzt und das Eigentum der Gäste als Teil ihres Kunstprojekts fotografiert. Mein Projekt sind meine Geschichten.

Es ist ein altes Hotel voll lederner Chesterfieldmöbel und grüner Lampen. Die Bar im Keller ist schwach beleuchtet und wirkt wie einem englischen Film entsprungen. Wenn ich mit dem Staubwedel unterwegs bin, stelle ich mir vor, dass das hier mein Zuhause ist, mein Schloss, und der Redakteur mein Meister, der mir befiehlt, was ich zu schreiben habe.

Dieses Hotel hat etwas ganz Besonderes, etwas das kein anderes mir bekanntes Hotel hat und das den Reichsten der Reichen vorbehalten ist. Es nennt sich PLAYROOM.

Dort kann man Geld bezahlen, um ein Paar beim Sex zu beobachten. Außerdem können die Hotelgäste dort selbst miteinander schlafen.

Dass gleichzeitig ein Augenpaar von der anderen Seite der Wand durch eine Luke späht, die sobald der Akt überstanden ist, zuklappt, hat seinen Reiz und macht es erst recht einzigartig.

Deswegen trägt das Hotel den Namen Voyeur. Außer einer Übernachtung bekommt man hier nämlich die Möglichkeit, seine wildesten Fantasien vor eigenen Augen vorgespielt zu bekommen. Auf der Visitenkarte stehen folgende Worte:

”You've heard about us. You're looking for us. At Voyeur you can live out whatever you want, whenever you want. Your deepest fantasies come true right before your eyes. Do you want to try? Call us at 666-999-000.”

Bisher war ich noch kein Voyeur, wenn auch nicht aus mangelnder Lust. Ich habe jedoch schon aus überaus unschicklichem Verhalten etwas Inspiration schöpfen können.

Da das Hotel alt ist, sind auch die Türen und Schlösser alt und lassen sich mit schweren, altmodischen Schlüsseln verschließen. Wenn die Schlüssel nickt stecken, kann man durchs Schlüsselloch schauen und dem Auge eine Freude bereiten, wenn es dahinter gerade jemand treibt. Das Schlüsselloch bietet eine gute Aussicht auf das Bett.

Aus dieser Position wurden meine Erfahrungen – die natürlich nicht meine Erfahrungen, aber eben meine eigenen Beobachtungen sind – zur Inspiration für meine Schreiberei. Das Hotel ist außerdem hellhörig, weshalb man auch mithören kann, wenn jemand leidenschaftlichen Sex hat. Wirklich erregend.

Einmal war ich so ungezogen, dass ich mich im Kleiderschrank versteckte, während ein Paar Sex hatte. Ich musste mir den Mund zuhalten, während ich voyeuristisch an ihrem Akt teilnahm. Glücklicherweise verschwanden sie anschließend im Badezimmer und ich konnte mich rausschleichen. Mein Herz klopfte noch eine Stunde später vor Erregung und der Angst entdeckt zu werden.

Ich habe eine Schweigepflichtserklärung unterschrieben, da wir wichtige und prominente Gäste haben. Viele haben hohe Positionen und es wäre ein Skandal, wenn sich herausstellte, dass sie ein Teil hiervon sind.

Hin und wieder kommen Prostituierte von der Straße, aber größtenteils haben wir exklusive Escorts. Viele sind Mitglieder in Swingerclubs. Das Hotel führt akkurat Buch und hat ein Protokoll für jeden einzelnen Übernachtungsgast. Die sogenannten „Roten Seiten“ enthalten Informationen über sexuelle Präferenzen. Darüber hinaus gibt es „die Kartei“, die die Kontaktdaten der „Ausübenden“ enthält.

Die Hotelangestellten sind nach Alter, Aussehen und eigenen Präferenzen sortiert. Noch bin ich Novizin, aber ich werde von „Mama“ geschult. Sie ist die Frau des Hoteldirektors und ehemalige Kostümbildnerin und Makeup-Artist. Sie hilft den Jüngeren sich in ihrem Metier zurechtzufinden.

Was mich selbst betrifft, strebe ich keine Karriere als Escortgirl, sondern als Autorin an. Deswegen ist es ausschließlich der Inspiration geschuldet, dass ich hier arbeite. Der Redakteur hat mir den Job besorgt. Ich hatte nur eine Novelle eingereicht, woraufhin er mit ein Bewerbungsgespräch organisierte.

Meine kleinbürgerlichen, langweiligen Eltern würden komplett durchdrehen, wenn sie wüssten, was ich am Laufen habe. Sie glauben, dass ich nur Laken falte und Gäste einchecke.

Tagsüber mache ich eine Ausbildung zur Krankenschwester, deswegen dient mein Anatomiebuch meiner eigentlichen Tätigkeit als Deckmantel. Ich studiere männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Das Buch liegt aufgeschlagen auf meinen Texten.

Nicht mal der Direktor weiß, dass ich über die Vorgänge im Hotel schreibe. Sein Geschäft ist aber nicht wirklich kriminell. Niemand ist minderjährig oder eine illegale Arbeitskraft aus dem Osten. Alle Mitglieder der Kartei genießen ihre Arbeit. Ansonsten würde es auch keinen Spaß machen zuzusehen – oder darüber zu schreiben.

Ich trage Jeans und eine offene Jacke, mein Haar ist offen. Eine rote, kurzärmlige Bluse, die einen Teil meines Bauchs und mein Piercing zeigt. Rote Chucks. Der Raum ähnelt mit seinem leeren Boden und einer einzelnen Bank in der Mitte einer Theaterbühne. Eine große Zimmerpflanze an einer Wand. Dämmerlicht beleuchtet die Bank in einem Spot.

Ich reibe mir die Oberschenkel und warte gespant, etwas ungeduldig. Nehme mein Handy aus der Tasche und schaue mir die Bilder an, auf denen Baby und ich uns küssen.

Die eine Wand hat eine tolle, skulpturale Oberfläche in Erdtönen mit einem Wellenmuster. Jetzt höre ich eine Klappe aufgehen. Ich schaue zur Scheibe, einem rechteckigen Loch in der Wand, wie ein Bildschirm oder ein Fenster zu einem anderen Raum. Das ist der Ticketschalter.

Ich stecke das Handy in die Tasche und gehe zum Fenster. Eine schöne Frauenhand reicht mir eine Eintrittskarte, auf der in rotem Plastik die Worte „VOYEUR“ stehen. Das O ist ausgestanzt, besteht aus einem Loch. Ich setze es wie ein Monokel vor mein Auge.

Jetzt habe ich Zutritt zu einem weiteren Fenster, das ich mit der Karte öffne.

Eine hübsche Blondine mit einem kurzen Jungenhaarschnitt starrt mich an. Im Raum steht eine Pritsche. Auf dem Boden und von der Decke hängen Blumenranken. Sie sind sehr schön, farbenfroh und bilden einen tollen Kontrast zu dem sonst nackten Raum, in dem die Pritsche das einzige Möbelstück ist. Es erinnert an einen Wald oder eine Art Paradies. Grüne Blätter und rote Blüten.

Die Frau legt sich auf die Pritsche. Ihr Körper ist schlank, die Haut hell und rein.

Ein unglaublich attraktiver, nackter Mann kommt zum Vorschein und beugt sich über sie. Er küsst sie untenrum, während sie die Arme nach hinten streckt und den Kopf dem Boden zuwendet. Ich kann ihre genießerischen Laute hören. Er gibt ihr den Finger. Danach wechseln sie in die 69-Stellung. Er unten, sie oben. Ich sehe seine Zunge in ihr Geschlecht gleiten. Sie hat ihn im Mund. Er ist groß und steif. Sie ist glattrasiert und hat einen tollen Hintern.

Dann umklammert sie seine Hoden und nimmt seinen Penis in die andere Hand. Befriedigt ihn hart und rhythmisch.

Auf einem Schenkel hat sie eine schwarze Tätowierung. Ich kenne die Form aus der buddhistischen Ikonographie. Hypnotisiert starre ich darauf. Es ist ein Mandala, das sich zur Meditation eignet.

Wieder gehen sie in die 69-Stellung. Meine Augen schwanken von Mund zu Mund, die vom jeweils anderen kosten. Er ist genauso dunkelhaarig wie sie blond. Ein wunderschönes Paar mitten in dieser Oase, deren Existenz ich nicht erahnen konnte, ehe mein Redakteur mir die kleine, mit dem Wort VOYEUR bedruckte Visitenkarte gab.

Ich bin feucht vor Erregung und habe Lust, durch das kleine Loch und auf die andere Seite zu klettern. Ich berühre mich leicht. Meine Brustwarzen sind steif und schreien nach Berührung, Küssen, wollen geleckt und gezwickt werden.

Ihre Geräusche quälen meine Ohren auf eine erregende Weise. Ich drücke meinen Unterleib gegen die Wand und reibe mich daran.

Auf einmal wird Musik gespielt. Rhythmische Geigenklänge und tiefe Bässe. Die Musik geht mir unter die Haut, durch mein Fleisch und bis auf den Knochen. Das Ganze ist so wunderbar verführend. Ich spüre Tränen auf meinen Wangen. Wie ich durch meine Augen gerührt und verführt werde. Hier und dort verschmelzen in meinem Blick.

Ich hatte einmal eine Akupunkturbehandlung. Der Philosophie des fernen Ostens zufolge spiegelt sich jedes Organ im Ohr wider. Vielleicht ist es mit dem Auge das Gleiche? Dass das Auge die Körper repräsentiert? Wie sonst kann sich der Anblick mit meinem Gehirn verbinden und mir das Gefühl verleihen, ich läge dort – nackt, unanständig?

Ich muss die Augen für einen Moment schließen. Ich kann meine eigene Erregung kaum aushalten. Sein großer Penis, so dick und steif. Meine Sehnsucht ihn zu spüren, diejenige zu sein, in die er eindringt.

Er zieht die Vorhaut schnell vor und zurück, während sie wie eine Gipsskulptur dasitzt und ihn anstarrt. Das auf ihren Körper fallende Licht lässt sie einem Kunstwerk ähneln, einem heiligen Gegenstand der absoluten Hingabe. Ich stelle mir vor, ich wäre er, ich würde sie berühren.

Sie nimmt ihn in den Mund. Er ist so groß und lang, dass sie ihn in keineswegs vollständig in dem Mund bekommt. Ihre Lippen sind feucht und ich stelle mir die Gerüche vor, das einzige, dass ich von der anderen Seite der Wand nicht wahrnehmen kann.

Er zieht ein Kondom über. Dringt mit seinem großen, harten und langen Penis in sie ein.

Mein Kopf befindet sich ganz dicht an dem kleinen Viereck, das mir das Zuschauen erlaubt. Ich höre mich stöhnen und keuchen. Sie drehen ihre Gesichter zu mir und lächeln. Laden mich mit ihren Blicken in ihr Paradies ein. Ich öffne den Reißverschluss meiner Jeans und schiebe ein paar Finger unter den Slip und gegen mein Geschlecht. Es ist so schön und reizend zuzuschauen. Sie küssen sich mit großer Leidenschaft, liebevoll, sinnlich.

Jetzt geht sie auf alle Viere. Er berührt sich selbst, um die Erektion nicht zu verlieren, während sie sich zurechtrückt. Sie kriecht bis zur Kante der Pritsche und streckt ihm ihr Hinterteil entgegen. Er dringt aufs Neue in sie ein.

Die Musik wechselt und ihr Stöhnen klingt wie ein mächtiger Sopran. Seine Stimme ist der Bass. Es klingt himmlisch.

Ich stelle mir vor, dass sie und ich uns küssen. Dass meine Hände ihr helles, kurzgeschnittenes Haar ergreifen. Meine Zunge zwischen ihre Schamlippen kriecht und ihren Diamanten findet, ihn anschwellen lässt und zum Glänzen bringt.

Er pumpt kräftig und schnell in sie. Ihre Brüste schwingen vor und zurück. Ich habe Lust, sie zu packen und zu kneten.

Wieder stelle ich mir ihre Lippen vor. Dass ich sie lecke. Unsere Zungen, die sich im Kuss treffen und die Lust der anderen erwidern.

Sie sitzt auf ihm, als er kommt. Ihre Stimmen verschmelzen im Orgasmus. Dann ein Knall und die Klappe, die vor meinen Augen zufällt. Der Raum verschwindet gemeinsam mit den nackten, lüsternen Körpern.

Jetzt bin ich wieder allein mit mir. Ich entferne mich vom Fenster. Erregt und unbefriedigt zugleich. Ich ziehe meine Jacke an.

Baby ist mein privater James Bond. Er ist der ultimative Boyfriend und gleichzeitig eine Art Geliebter. Ich hatte mein erstes Mal spät, als Siebzehnjährige mit ihm und war seither nur mit einem im Bett. Er besucht die Schauspielschule und kann sämtliche Rollen spielen. Manchmal, wenn er üben musste, habe ich mit ihm zusammen gespielt. Ein Filmproduzent hat ihm eine große Karriere prophezeit. Er hat schon in einem Film mitgespielt und wurde für die beste männliche Nebenrolle nominiert.

Obwohl ich noch nicht so weit bin, stelle ich mir schon vor, wie schön unsere Kinder sein werden. er ist ein paar Jahre älter als ich und ich fühle mich einfach SO glücklich. Der Eroberungstraum eines jeden Mädchens.

Tatsächlich war seine erste Freundin meine beste Freundin, die nun nicht mehr meine beste Freundin ist – wegen ihm. Manchmal muss man sich für die Liebe entscheiden und seinem Begehren folgen. Ich hatte keine Wahl gehabt. Ich war so verdammt verliebt gewesen und bin es immer noch. Zurzeit nenne ich ihn Baby. Das liegt an einer seiner Rollen, die so heißt.

Baby findet den Playroom des Hotels ziemlich heiß und kann kaum erwarten, dass wir an die Reihe kommen. Der Hoteldirektor ist natürlich einverstanden, obwohl Baby nur Ja sagen würde, wenn er sicher sein kann, dass wir nicht gefilmt werden. Ein eventuelles Sextape würde seiner Karriere schaden, sofern die Medien davon Wind bekommen. Gab es ja in letzter Zeit häufiger mal.

Baby und ich haben Fifty Shades of Grey mehrere Male gesehen. Mein Haar ist dunkel wie das der weiblichen Hauptfigur. Mich erregt es auch, wenn er die Macht an sich reißt und mich beherrscht. Ich bin aber nicht der allergrößte SM-Fan. Ich mag nur die sanften Sachen, mit ein bisschen Schmerz, ein bisschen Peinigung, bloß nichts Grenzüberschreitendes. Ich bin eine Frau, der Zärtlichkeiten und Küsse gefallen, nicht das Perverse und Extreme.

Wenn ich Baby nicht hätte, hätte ich sicher längst eine Affäre mit dem Redakteur angefangen. Er wollte sich schon mehrmals mit mir verabreden, aber ich bin bei meinem Nein geblieben. Baby ist mein Traummann und ich will nichts riskieren, obwohl der Redakteur etwas in mir auslöst. Er ist reif, erfahren, hat eine tiefe Stimme, graugesprenkeltes Haar und große, buschige Augenbrauen. Tiefbraune Augen, die mich mit ihrem Blick ausziehen, während er über Worte spricht. Das erregt mich auf eine ganz andere Weise als Baby. Als könnten Wort und Fleisch in der Anwesenheit des Redakteurs eins werden. Manchmal bittet er mich vorzulesen, was ich geschrieben habe.

Ich erkenne die Sehnsucht und den Schmerz in seinem Blick. Wie er seufzt, wenn die Worte zu Fleisch werden. Dann sitze ich da mit meinen kleinen, einfachen Sätzen, während die von ihm editierten Bücher hinter ihm bis zur Decke reichen. Das verschafft einen gewissen Eindruck und ich fühle mich ein bisschen stolz. Dass die Worte, meine Worte, auf die gleiche Weise wie Fleisch, Körper und Zärtlichkeit eine gewisse Kraft ausüben können.

Dann seufzt er meinen Namen.

„Nadine, du bist so tüchtig.“

Obwohl das wohl eher ein Wort ist, das man zu einem Hund sagt, wird mir ganz warm ums Herz. Er legt die Betonung auf tüchtig.

Ich lese Texte über das Auge. Die Größe der Pupille bestimmt, wie viel Licht eindringt. Im Dunkeln weitet sich die Pupille, im Hellen umgekehrt. Die Abbildung eines Gegenstandes ist immer spiegelverkehrt. Das Gehirn dreht das Bild, damit es richtig wahrgenommen wird. Das Sichtfeld ist unten kleiner, seitwärts und oben größer.

Die Stäbchen im Auge sind äußerst lichtempfindlich und werden im Zwielicht stimuliert, wodurch das Bild schleierhaft und grau erscheint. Deswegen stimmt es, dass nachts alle Katzen grau sind. Ich muss das Kapitel mehrmals lesen, um es zu verstehen. Ich habe mir auch ein anatomisch korrektes Auge gekauft, dass man öffnen und so den Aufbau dreidimensional nachvollziehen kann. Ich mache Listen mit allen neuen Vokabeln, die ich für meine Anatomieprüfung auswendig lernen muss: Nasenmuschel, Nervus opticus, Saccus lacrimalis, bulbus oculi. Ich liebe diese Worte wirklich, obwohl es viel zu viele sind, um sie sich merken zu können.

Ich schreibe gerade an einer neuen Geschichte und belohne mich mit Weiterschreiben, wenn ich ein paar Seiten gelesen habe.

Der Direktor kommt mit schweißbedeckter Stirn herein. Dann weiß man, was er getan hat. Entweder hat er Mama zurechtgewiesen oder ist Treppen gelaufen. Er ist so fett, dass sein Bauch kaum im Hemd bleibt. Sein schwarzes Haar klebt glänzend an den Seiten. Kein Zweifel, dass er fünfzig bis sechzig Kilo früher mal ein hübscher Mann war. Mama ist auch groß.

Es ist etwas merkwürdig, dass sie so füllig sind. Aber sie lieben fettiges Essen. Mama ist auch Köchin und kocht den Gästen sahnige, dänische Gerichte. Sie war sicher auch einmal schön.

„Kannst du mir eine Masseuse besorgen? Mir hat gerade eine abgesagt. Ist für einen unserer Stammkunden.“

Ich nicke und rufe ein paar Nummern an, aber es steht niemand mehr zur Verfügung.

Der Direktor tupft sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

„Könntest du vielleicht?“

„Ich, massieren? Ähm…“

„Nichts Schmutziges, nur ein bisschen Hand auf Rücken. Er hat Rückenprobleme und ein Treffen im Ministerium… Bitte?“

Ich nicke lächelnd.

„Mache ich schon.“

„Danke“, sagt er und setzt sich an meiner Stelle hinter den Schalter.

„Geh zu Mama, sie gibt dir die Utensilien.“

Die Fenster zur Küche sind beschlagen. Mama rührt in einem Rindereintopf. Es duftet angenehm.

„Ich soll dich nach den Utensilien fragen?“

Mama nickt und trocknet ihre großen Hände an der mit Soße besprenkelten Schürze ab.

„Komm mit“, sagt sie und ich folge ihr in eine an die Küche angrenzende Kammer. Sie reicht mir einen Korb mit Öl und diversen Massagegeräten, einem Laken und einem Handtuch.

„Versuch es einfach so gut du kannst. Du kannst nicht viel falsch machen… drück nur nicht auf die Wirbelsäule. Du musst in Richtung Herz streichen.“

Ich nicke und nehme den Korb entgegen.

„Und zieh die hier an.“

Mama reicht mir ein enges, schwarzes Kostüm.

Das Kostüm sitzt wie eine zweite Haut. Es besteht aus synthetischem, lederähnlichem Stoff. Mama nickt und beginnt mein Haar zu bürsten, ehe sie es zu einem Zopf bindet.

„Also wirklich nur eine Massage?“

Sie nickt lächelnd.

„Ganz ruhig. NUR Massage.“

Ich lächle erleichtert.

Mit dem Korb in der Hand gehe ich zu seinem Zimmer. Klopfe an und warte, dass er öffnet. Er ist ein großer, schicker Mann mit dunklem Haar, einzelnen grauen Sprenkeln und einem tollen, maskulinen Gesicht. Ich keuche leicht, als ich seinen behaarten Brustkorb sehe, der unter dem halb aufgeknöpften Hemd zum Vorschein kommt.

„Dann bist du die Masseuse?“

Ich nicke und lächle nervös.

„Du bist ziemlich jung, was?“

Ich nicke.

„Neunzehn.“

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