Kitabı oku: «Geschichte in Bewegung»

Der Autor

Ass. Prof. Mag. Dr. Christian Domenig (geb. 1976) lehrt seit 2005 mittelalterliche Geschichte an der Universität Klagenfurt.
Christian Domenig
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
Umschlagabbildung: Detail einer Buchmalerei aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, Très Riches Heures du duc de Berry (1411–1416), fol. 10 v (via Wikimedia Commons). Autorenportrait: photo riccio.
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-032775-7
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-032776-4
epub: ISBN 978-3-17-032777-1
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 1 Geschichtswissenschaft in Ost und West
3 2 Modernisierung und Aktualität
4 3 Kultur(en) in Bewegung
5 4 Handlungen und Zeichen
6 5 Kommunikation und Medien
7 6 Materialität
8 7 Emotionen
9 8 Konflikt und Ausgleich
10 9 Individuum und Gesellschaft
11 10 Adliges Leben
12 11 Mensch und Umwelt
13 12 Mensch und Tier
14 13 Neue Methoden
15 14 Rückblick und Ausblick
16 Register
Vorwort
Dieses Buch möchte inspirieren. Es soll anregen, neue Wege in der Mediävistik zu beschreiten, und wendet sich mit diesem Ansinnen nicht nur an die Lernenden, sondern auch an die Lehrenden. Im Wesentlichen beschreibt es die innovativen Forschungsansätze der letzten drei bis vier Jahrzehnte. Es ist dies die Zeit, in der der Mensch in den Mittelpunkt der historischen Betrachtung gestellt wurde, es ist die Zeit der Kultur- und Alltagsgeschichte, die Zeit des Bestrebens, alle Phänomene des Zeitraums von 500 bis 1500 zu erfassen. Dieser Ansatz führte rasch zu neuen Einblicken in die Welt des Mittelalters, sodass sich die Vorstellungen von dieser Epoche grundlegend wandeln konnten. Neues zu wagen und im internationalen und interdisziplinären Diskurs umzusetzen, hob die Mediävistik auf ein neues Niveau, obwohl doch die berühmt-berüchtigten Daten und Fakten die gleichen geblieben sind.
Es gehört zu den stehenden Sätzen nahezu aller für dieses Buch verwendeten Arbeiten, im Vorwort festzustellen, dass gerade in den letzten Jahren überaus viel zum jeweiligen Thema erschienen ist. Meist erfolgt dies unter Verwendung des Begriffs Konjunktur, mitunter auch turn. Für dieses Buch stellte sich die gar nicht so leichte Aufgabe, einen Weg durch diese vielfältige Literatur zu weisen. Ich konnte mit diesem Ansinnen kaum alles in den letzten 30 bis 40 Jahren Geschriebene berücksichtigen und bitte um Verständnis, wenn sich jemand unberücksichtigt fühlt. Ältere Ansätze, insbesondere aus den 1970er Jahren, die noch unter anderen Aspekten entstanden sind, konnten nicht ausreichend einbezogen werden. Zugleich musste ein Endpunkt gesetzt werden, so sind Publikationen bis 2020 berücksichtigt. In diesem Sinne ist dieser Überblick eine Momentaufnahme, die in der Hoffnung angefertigt wurde, dass die fruchtbringende Entwicklung der letzten Jahrzehnte weiter geführt wird. Zudem war es mir wichtig, die Pluralität der Forschungsansätze zu respektieren. Die Mediävistik, wie sie sich heute darstellt, ist keineswegs aus einem Guss, mitunter widersprechen sich die Ansätze sogar! Über den aktuellen Zustand der mittelalterlichen Geschichtsforschung sollte ebenfalls kein falscher Eindruck entstehen: Selbstverständlich werden immer noch traditionelle Themen im Sinne einer Politik- bzw. Landesgeschichte betrieben – oft genug von denselben Personen. Und ich möchte außerdem betonen, dass gerade eine innovative mittelalterliche Geschichtswissenschaft ohne die entsprechenden fachlichen Grundlagen in Form von Latein und historischen Hilfswissenschaften nicht betrieben werden kann.
Dieses Buch ist selbstverständlich auch mit meiner eigenen Biographie verknüpft. Schon als Student in den 1990er Jahren kam ich intensiv mit Kulturgeschichte und historischer Anthropologie in Kontakt. Zu verdanken habe ich den Einstieg in die Thematik meinen späteren Doktorvätern Günther Hödl und Johannes Grabmayer. Diesen beiden Lehrern gilt daher mein besonderer Dank! Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei Günther Bernhard, der mir immer wieder bereitwillig Zugang zu den Grazer Geschichte-Bibliotheken gewährt hat, insbesondere zu seiner hilfswissenschaftlichen Bibliothek.
In diesem Sinne möchte ich Sie einladen, mit mir einen Rundgang durch verschiedene neue Aspekte der Mediävistik zu unternehmen. Lassen Sie sich kurz an die Hand nehmen, damit Sie danach eigene Wege beschreiten können!
Christian Domenig
St. Gilgentag 2021
DETEGE IGNOTUM
1 Geschichtswissenschaft in Ost und West
Die Geschichtswissenschaft – und mit ihr die Mediävistik – hat im 20. Jahrhundert große Umbrüche erfahren. Als das Jahrhundert begann, stand noch der Historismus im Mittelpunkt. Er führte bereits im 19. Jahrhundert zu einer Professionalisierung und Institutionalisierung des Faches. Aus Geschichtsschreibung wurde Geschichtsforschung. Die Geschichtswissenschaft wurde zu einer Leitwissenschaft über den deutschen Sprachraum hinaus. Themen der mittelalterlichen Geschichte im Rahmen des Historismus waren vor allem Reich und Nation sowie Kirche und Staat. Dieser Blickwinkel spiegelt durchaus die Geschichte des 19. Jahrhunderts wider. Im Fokus der Forschung standen besonders Quellen, die nach historisch-kritischer Methode aufbereitet wurden. Diese Forschungstraditionen ließen sich überaus leicht in die nationalsozialistische Ideologie transferieren. Deutsche Historiker haben fast mühelos die Auffassungen des nationalsozialistischen Geschichtsbilds übernehmen können, »die einen mehr in völkischer oder gar rassistischer Richtung, die anderen mehr in der Erhebung reiner Machtpolitik zum höchsten Beurteilungsmaßstab und im Traum vom ›Reich der Deutschen‹, das über andere Völker zu herrschen berufen sei.«1
Nach den Zweiten Weltkrieg blieb es beim Festhalten am Konzept der »›Nation‹ als Movens historischer Prozesse, deren Gang durch die Geschichte nun zwar nicht mehr als Heldenepos, wohl aber als Tragödie weitererzählt werden konnte.«2
War der Historismus die Geschichtswissenschaft der Moderne, so kann die Wirtschafts- und Sozialgeschichte als jene der Postmoderne verstanden werden. Bei diesen Forschungsansätzen ist es nicht einfach, den Übergang vom einen zum anderen genau zu definieren. In der deutschen Mediävistik ist das Jahr 1945 allerdings keinesfalls als Stunde Null zu sehen. Das kommt auch daher, dass das Mittelalter mehr als lange vor der Zeit des Nationalsozialismus als Tiefpunkt deutscher Geschichte liegt. »Bei der Suche nach Ursachen für die Katastrophe war das deutsche Mittelalter kaum gefragt.«3 Die Entnazifizierung blieb im Westen oberflächlich, eine Rückkehr emigrierter Professoren fand kaum statt, durchgreifende Reformen der Universitäten wurden nicht vorgenommen.
Im kommunistischen Osten hingegen wurde die Geschichtswissenschaft ab den 1950er Jahren in den Dienst des politischen Systems gestellt. Rasch kam es zu einem Generationenwechsel, denn die alten Fachkräfte traten bald ab und eine mittlere Generation fehlte aufgrund des Krieges. Außerdem setzten sich viele Wissenschaftler in den Westen ab. Die nun nachrückenden jungen waren systemtreu.4 Sie stellten sich in den Dienst Stalins, der schon 1928 zum Sturm auf die Festung Wissenschaft aufgerufen hatte: »Diese Festung müssen wir um jeden Preis nehmen. Diese Festung muß die Jugend nehmen, wenn sie der Erbauer eines neuen Lebens sein, wenn sie zu einem wirklichen Nachwuchs der alten Garde werden will.«5 Verbunden mit einer massiven Aufstockung der Stellen entstanden geschichtswissenschaftliche Kader. Es zählte nicht die individuelle Forschungsleistung, sondern eine kontrollierte Mannschaftsbildung in Schwerpunktbereichen. Die Geschichtswissenschaft wurde den Staats- und Parteiinteressen untergeordnet, sie galt offiziell als »eine scharfe ideologische Waffe bei der Erfüllung der vom IV. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gestellten Aufgaben bei der Erziehung der Arbeiterklasse und aller Werktätigen im Geiste des Patriotismus und des proletarischen Internationalismus.«6 Der Beschluss half wesentlich »mit, einer von der SED abhängigen und ihr bis zuletzt treu ergebenen Geschichtswissenschaft den Weg zu bereiten.«7 Nun herrschte die Lehre des Historischen Materialismus mit festgelegten Gesetzmäßigkeiten und strikter Parteilichkeit. Keiner anderen Wissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik wurden derartige ideologische Vorgaben gemacht, nicht zuletzt von Walter Ulbricht persönlich. Unbedingt zu verifizieren waren die Aussagen von Karl Marx, Friedrich Engels, Lenin und anfangs Stalin.8 Vorbilder aus der Geschichtswissenschaft waren keine vorhanden, deshalb »haben die jungen Mediävisten der SBZ/DDR die Lehren der ›Klassiker‹ selbst für ihre Forschungszwecke adaptiert.«9 Während der Kontakt zum Westen zusehends abgebrochen wurde, entwickelte sich ein reger Austausch mit den sozialistischen Bruderstaaten.10 Die Geschichtswissenschaft in der Sowjetunion galt gemeinhin als Vorbild.
Innerhalb des Faches Geschichte war das Mittelalter in der DDR von nachrangiger Bedeutung. Es wurde dabei zur Zeit des Feudalismus,11 die teilweise bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts ausgeweitet wurde, und stellte ein Experimentierfeld für die neue Geschichtsinterpretation dar.12 Daneben waren Stadtgeschichtsforschung, Deutsche Ostexpansion und Geschichte der Westslawen sowie religiöse Bewegungen und Häresien Schwerpunkte der DDR-Mediävistik.13 Staatssekretär Wilhelm Girnus brachte es bereits 1958 im Rahmen der 3. Hochschulkonferenz der SED unter dem Titel »Perspektiven der Germanistik« auf den Punkt: »In der Deutschen Demokratischen Republik hat das Mittelalter endgültig ausgespielt, und die Weltanschauung unseres Jahrhunderts ist der dialektische Materialismus.« Die seit der Romantik übliche Überbetonung des Mittelalters gleich in mehreren Fächern an Universitäten müsse ein Ende haben: »Die religiös-klerikale Gedanken- und Gefühlswelt des Mittelalters vollends gehören ins Museum wie Kettenpanzer und Lanze.«14
Die Entwicklung der Geschichtswissenschaft im Westen, wo man im Prinzip davon ausging, dass das Hochschulsystem im Wesentlichen gut aufgestellt sei und nach dem Vorbild der Humboldt’schen Universitätsidee auch wiederhergestellt werden sollte,15 wurde befördert von einem massiven Ausbau der Universitätslandschaft in den 1960er und 70er Jahren. In keinem Zeitabschnitt zuvor stieg die Zahl der Universitäten so stark an. Diese Erweiterung hatte ihren Hintergrund zum einen Teil in einer heftig geführten bildungspolitischen Diskussion, die Bildung als wirtschaftlichen Standortfaktor begriff und rasch von der Politik absorbiert wurde, und zum anderen Teil mit der größeren Nachfrage nach Studienplätzen der geburtenstarken Nachkriegsgeneration. Dem wurde aber weniger durch Einrichtung klassischer Universitäten Rechnung getragen, sondern durch Regional- und Spezialhochschulen, die sich auf Schwerpunkte konzentrierten. Das kam vielen lokalen politischen und wirtschaftlichen Interessen entgegen, zumal in der Bundesrepublik Deutschland die Universitäten unter die Kulturhoheit der Bundesländer fallen. Die volle personelle Einrichtung dieser Reformuniversitäten zog sich oft über Jahre hin, nicht alle Fächer waren vertreten, die Zusammensetzung der Fakultäten war mitunter experimentell. So ergab sich der Zwang, kreativ zu kooperieren und interdisziplinär zu arbeiten. Gerade diese neuen Hochschulen wurden zu Innovationszentren in Forschung und Lehre, während sich die alten Universitäten ihrer Tradition verpflichtet fühlten.
Gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in der BRD 16 Universitäten und in der DDR sechs, so waren es kurz vor der Wende 1989 in der BRD 244 Hochschulen und 54 in der DDR. Nach der Wiedervereinigung erfolgte ein Konzentrationsprozess. In Österreich vermehrte sich die Zahl von drei Universitäten bis Anfang der 1990er Jahre auf zwölf. Danach kamen ab 1994 noch Fachhochschulen und seit 2007 neun Pädagogische Hochschulen hinzu. Nur in der Schweiz blieb die Anzahl der kantonalen Universitäten fast gleich.
Inhaltlich geschah im Gesamtfach nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Hinwendung zur Zeitgeschichte eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Vorgeschichte. Bedeutend im Kalten Krieg war der Ausbau des Faches osteuropäische Geschichte. Damit einher ging eine Abkehr von der nationalen und europäischen Geschichtssicht. Allerdings gehörte der Osten schon zu den favorisierten Forschungsthemen des Dritten Reiches. Das Aufkommen der Strukturgeschichte förderte die Abspaltung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte vom klassischen Fach. Gerade an den neu eingerichteten Universitäten konnten diese Felder prosperieren. »Der deutlichste Wandel spiegelt sich in den unsicher und vorsichtig gewordenen Einstellungen gegenüber der Nation und damit der Nationalgeschichte wie auch in der Haltung gegenüber der Bonner Republik und der Demokratie wider.«16 Hier wird die größte Veränderung zur Zwischenkriegszeit deutlich: »Tatsächlich ist unbestreitbar, daß die deutschen Historiker nach 1945 die demokratische Neuordnung in jener Geschlossenheit begrüßt haben, in der sie sie nach 1918/19 angegriffen haben.«17
Im Bereich der mittelalterlichen Geschichte änderte sich an der historistischen Ausrichtung bis zum Beginn der 1960er Jahre noch nichts Wesentliches. Das hängt mit einem Grundprinzip seit dem 19. Jahrhundert zusammen, das nun vollends zum Tragen kam.
»Die traditionelle deutsche Auffassung von Geschichtswissenschaft, die üblicherweise mit dem Begriff Historismus umschrieben wird, hat sich unter den deutschen Historikern nicht oder zumindest nicht kraft ihrer überlegenen wissenschaftlichen Qualität und schon gar nicht aufgrund ihrer angeblichen politischen Funktion durchgesetzt, sondern vornehmlich deshalb, weil ihre Begründer es verstanden, eine treue Gefolgschaft heranzuziehen und fortlaufend mit den wichtigsten Positionen des Faches zu betrauen, so daß Außenseiter von vornherein ausgeschlossen wurden oder isoliert blieben.«18
Die Rolle der Mediävistik im Nationalsozialismus ist auch deshalb bis heute nicht ausreichend reflektiert. Es gab eine starke personelle Kontinuität, die meist mit fachlicher Kompetenz begründet wurde. Auffallend an den verschiedenen Nachkriegsbiographien ist aber, dass die Netzwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus weiter einwandfrei funktioniert zu haben scheinen.
Oft wird zur Erklärung des Zustands ein Generationenkonzept der um 1900 Geborenen bemüht. Dabei geht es um die Erinnerungsgemeinschaft der Weltkriegsteilnehmer und der Kriegsjugendgeneration, die direkt oder indirekt ein Fronterlebnis hatten.19 Schon in der Zwischenkriegszeit lehnten viele Mediävisten die Republik ab und blieben Monarchisten, unter denen der Deutschnationalismus weit verbreitet war. So begrüßten viele bedeutende österreichische Historiker den ›Anschluss‹ von 1938 als Erfüllung des deutschen Nationalstaates. Insgesamt blieben selbst später führende Mediävisten dem Nationalsozialismus bis zum Schluss treu ergeben, einige wurden im Rahmen der Aktion Sonderelbe Wissenschaft ab 1943 sogar vom Wehrdienst befreit.20 Bei dieser Aktion ging es um die Erhaltung des geisteswissenschaftlichen Nachwuchses für die ungewisse Zeit nach dem Krieg, denn für Vertreter der weniger kriegswichtigen Fächer war es ansonsten schwer, unabkömmlich gestellt zu werden.21 Insgesamt acht Professoren aus der Alten, Mittleren und Neuen Geschichte wurde dieses Privileg zuteil.22 Viele prägten den Wissenschaftsbetrieb noch lange mit, bis sie am Ende der 1960er Jahre heftig kritisiert wurden.23
Ein wesentlicher Einschnitt erfolgte erst im Zuge der Studentenbewegung von 1968, als an den Universitäten die Ordinarienstruktur, mangelnde Demokratie und fehlende Selbstreflexion kritisiert wurden. Die marxistische Ideologiekritik wurde im Westen als universitärer »Seminar-Marxismus«24 beliebt, der Imperativ der Emanzipation führte zur Aufgabe traditioneller Bezugspunkte und zur Etablierung eines bis dahin nicht bekannten Pluralismus. Nun wurde der traditionellen Geschichtswissenschaft zusehends eine Historische Sozialwissenschaft entgegen gesetzt.
Die Historische Sozialwissenschaft wurde in Deutschland auch als Bielefelder Schule bekannt, denn an dieser 1969 gegründeten Universität wirkten die Hauptprotagonisten Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka. Die von ihnen propagierte Gesellschaftsgeschichte lehnte sich stark an Theorie und Methoden der Soziologie, Ökonomie und Psychoanalyse an. Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass »die herkömmliche Bestimmung der Geschichte als Geisteswissenschaft in engster Anlehnung an die Philologie nicht mehr genügt.«25 Mit der Verwendung sozialwissenschaftlicher Analysemethoden war es nun möglich, Strukturen und Prozesse zu erforschen. Zum Erzählen eines historischen Ereignisses tritt das Erklären hinzu.
»Die der Sozialgeschichte eigene Darstellungsweise ist in der Regel nicht die Erzählung, sondern das explizite Problematisieren eines Themas, die begründende Darlegung der gewählten Ansätze und Methoden, das Insistieren auf den einzelnen Schritten der Analyse und Verifikation und die dem Anspruch nach selbstkritische Präsentation der Ergebnisse, die auf die Problematik des Ansatzes zurückverweist.«26
Die deutsche Historische Sozialwissenschaft ist nicht mit der französischen Schule der Annales oder der amerikanischen New Social History gleichzusetzen:
»In der Tradition der deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften definiert sie eine Gesellschaft viel stärker anhand ihrer Werte und Lebensanschauungen, dementsprechend muss eine Gesellschaftswissenschaft, wie sie sie versteht, hermeneutische mit analytischen Verfahrensweisen verbinden.«27
Eine neue Generation wollte, durchaus beeinflusst von der Frankfurter Schule, engagiert – aber nicht politisch instrumentalisiert – im Sinne einer politisch-gesellschaftlichen Pädagogik emanzipatorisch tätig sein. Allerdings fehlte diesem Ansatz die breite Öffentlichkeit, zusätzlich wurde in einigen deutschen Bundesländern das Unterrichtsfach Geschichte gekürzt. Die Wende hin zur Historischen Sozialwissenschaft brachte eine umfangreiche Theorie- und Methodenreflexion mit sich,28 sogar Fragen der elektronischen Datenverarbeitung in der Geschichtswissenschaft wurden bereits behandelt.29 Aus Krise und Herausforderung entstand ein neuer Aufbruch – zumindest für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, der die Historische Sozialforschung sich besonders zugewandt zeigte. Ihre Blütezeit lag vor allem in den 1970er und 1980er Jahren.
Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft ließ nicht lange auf sich warten. Immerhin blieb der Großteil des Faches Geschichte den alten Traditionen verhaftet, sogar die Wirtschafts- und Sozialgeschichte verharrte in alten Methoden und Ansätzen und beschäftigte sich weiterhin mit der Verfassung von Ökonomie und Gesellschaft. Neben der konservativen Kritik, die den marxistischen Hintergrund anprangerte, verfiel ein Grundparadigma der Moderne, das seit der Aufklärung die Geschichtserzählung dominiert hatte und auf dem vor allem die Historische Sozialwissenschaft aufbaute: Der Fortschritt, der mithilfe von Aufklärung und Humanität zur Freiheit, zur Emanzipation führen sollte, wurde zusehends hinterfragt und immer öfter sogar negiert. Mit den technischen und ökonomischen Entwicklungen sei ein Zeitalter der Gewissenlosigkeit angebrochen. »Die radikale Gegenwärtigkeit determiniert historische Forschungsprozesse.«30 Nunmehr wurde ins Treffen geführt, dass alles Menschliche nach bewussten und unbewussten Machtinteressen konstruiert sei – auch die Geschichte. Damit geriet zugleich jede Wahrheit und Objektivität ins Wanken, allgemeine Welterklärungsmodelle ließen sich nicht mehr aufstellen. Nur noch eine Hinwendung zum Subjektiven, Individuellen und Kleinräumigen sei möglich. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989 trug sein Übriges zum Ende des Fortschrittsdenkens bei. Zwar schien das generelle Streben der Menschen nach Freiheit vorerst bestätigt, aber offensichtlich war die marxistische Lehre vom Ablauf und Funktionieren der Weltgeschichte falsch. Nicht zuletzt konnte der Untergang des Kommunismus nicht prognostiziert werden: »Der Zusammenbruch des realen Sozialismus wurde methodisch zu einem ›schwarzen Freitag‹ der Sozialwissenschaften.«31
Zusammengefasst kann für die Ära des Kalten Krieges weniger von einem Abbrechen von Ansätzen als viel mehr von Ergänzungen und Neuerungen geredet werden. Die personelle Kontinuität verhinderte anfangs eine kritische Reflexion über die Zeit des ›tausendjährigen Reiches‹. Ein Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie auf die mittelalterliche Geschichtsforschung wurde kleingeredet bzw. als notwendiges Beiwerk entschuldigt. Erst seit der Jahrtausendwende, als der Generationenabstand groß genug war, setzte diesbezüglich ein kritischerer Umgang ein. Besonders zu bedenken ist, dass es nicht allein um eine nationalsozialistische Terminologie und Ideologie geht, sondern vor allem um die aufgegriffenen Forschungsthemen und die produzierten Forschungsergebnisse. Diese entsprachen durchaus dem Konzept von Blut und Boden, Volk und Führer. Als Aufbruch können hingegen die Universitätsgründungen in den 1960er und 70er Jahren gewertet werden. Diese bewusst nicht als Volluniversitäten eingerichteten Institutionen erwiesen sich durch ihren unkonventionellen Fächerkanon – obwohl anfangs belächelt – als Hort der Innovation. Interdisziplinarität und Internationalität fanden hier einen flexiblen Rahmen, der an den alten Universitäten nicht realisierbar war.