Kitabı oku: «Herr Rechtsanwalt, Herr Linksanwalt»

Yazı tipi:

Chris­ti­na Ge­berg

Herr Rechts­an­walt, Herr Links­an­walt

Ro­man

Text: © Co­py­right by Chris­ti­na Ge­berg

Um­schlag­ge­stal­tung: © Chris­ti­na Ge­berg, Shut­ter­stock & spark.ad­o­be

Ver­lag:

Chris­ti­na Ge­berg

chris­ti­na.ge­berg@gmail.com

Druck: epu­bli – ein Ser­vice der neo­pu­bli GmbH, Ber­lin

§1

Haben Sie schon den neu­en Rechts­an­walt ge­se­hen?“ Kla­ra Berg­mann sah ihre Kol­le­gen er­war­tungs­voll an. „Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te ist zwar eine Wer­be­ta­fel mit sei­nem Ge­sicht, aber… Hach, ich kann mir da nicht hel­fen, ich bin in sol­chen Sa­chen viel zu neu­gie­rig! Es in­ter­es­siert mich wirk­lich, wie er in Per­son so ist.“

Klar­as äl­te­re Kol­le­gin Uta Mei­er, die es nicht mehr weit bis zur Ren­te hat­te, hielt mit der Er­stel­lung ei­ner Ex­cel-Ta­bel­le inne und über­leg­te. „Nein. Ei­gent­lich ziem­lich selt­sam, oder? Vor vier Wo­chen ha­ben die Ar­bei­ten ne­be­n­an auf­ge­hört und drei Tage spä­ter hat­te der Gute be­reits so viel Post im Brief­kas­ten, dass al­les aus dem Schlitz quoll. Trotz­dem ha­ben wir ihn seit­dem kein­mal ge­se­hen. Viel­leicht ei­ner von der Sor­te, die sich prin­zi­pi­ell ein­igelt.“

Ni­co­le Klin­ger hielt sich aus dem Ge­spräch ganz raus; sie kon­zen­trier­te sich auf die Buch­füh­rung, die sie vor ih­rer Mit­tags­pau­se fer­tig ha­ben woll­te. Doch auch sie war dem Rechts­an­walt kein­mal be­geg­net. Die von Kla­ra er­wähn­te Wer­be­ta­fel war Ni­co­le bis­her nicht ein­mal auf­ge­fal­len.

Die Chefin, Mar­ti­na Koch, kam aus ih­rem Büro her­aus und leg­te die Post­map­pe mit un­ter­schrie­be­nen An­schrei­ben auf Klar­as Ar­beits­platz ab. Sie hat­te das Ge­spräch zwi­schen Kla­ra und Frau Mei­er mit­be­kom­men und da sie sehr ger­ne mit ih­ren Mit­a­r­bei­tern plau­der­te, sag­te sie: „Ich habe ihn tat­säch­lich zwei­mal ge­se­hen. Ein­mal sind wir ge­mein­sam im Fahr­stuhl ge­fah­ren, das an­de­re Mal sind wir uns in der Bank be­geg­net.“

Kla­ra Berg­mann wirk­te, als müss­te sie sich in wahn­sin­ni­ger Zu­rück­hal­tung üben, um ihre Chefin nicht mit Fra­gen zu bom­bar­die­ren.

„Nun ja“, sag­te Mar­ti­na Koch mit vor der Brust ver­schränk­ten Ar­men, „das ist ein Gro­ßer, Schlan­ker. Im­mer im An­zug, trägt eine Kra­wat­te mit Pa­ra­gra­phen­zei­chen und sei­ne Haa­re zu ei­nem Zopf. Straf­ver­tei­di­ger eben. Ent­we­der sie sind sehr an­ge­passt oder al­ter­na­tiv. Herr Rausch scheint mir mit sei­nen lan­gen Haa­ren und sei­ner ul­ki­gen Pa­ra­gra­phen­kra­wat­te Letz­te­res zu sein. Ich bil­de mir üb­ri­gens die gan­ze Zeit ein, dass ich sei­nen Na­men von ir­gend­wo­her ken­ne…“

Kla­ra Berg­mann seufz­te ent­zückt, so als hät­te man ihr ge­ra­de aus ei­nem kit­schi­gen Gro­schen­ro­man vor­ge­le­sen. Zu ger­ne hät­te sie ei­ner of­fi­zi­el­len Vor­stel­lung, wie sie der Or­tho­pä­de aus dem zwei­ten Stock vor zwei Jah­ren or­ga­ni­siert hat­te, bei­ge­wohnt, um Chris­ti­an Rausch nä­her ken­nen­zu­ler­nen.

Mar­ti­na Koch ging zu­rück in ihr Büro und schloss die Tür, um in Ruhe mit ei­nem Man­dan­ten zu te­le­fo­nie­ren. Ihre Mit­a­r­bei­ter wid­me­ten sich wie­der ih­ren Auf­trä­gen.

Kla­ra und Frau Mei­er ar­bei­te­ten in Teil­zeit. Ni­co­le ar­bei­te­te als Ein­zi­ge in Voll­zeit und ihr stand eine ein­stün­di­ge Pau­se zu. Es ma­che ihr nichts aus, sag­te Ni­co­le im­mer, dass sie so viel ar­bei­te. Sie fin­de so­wohl in­ner­halb der Wo­che als auch am Wo­chen­en­de Zeit für ihre pri­va­ten Ver­gnü­gen.

Dass es ihr nichts aus­mach­te, war nur die hal­be Wahr­heit. Für Ni­co­le gab es näm­lich schlicht und er­grei­fend kei­nen Grund, um mit den Stun­den her­un­ter­zu­ge­hen. Sie war Sin­gle. Ihre zwei­te und letz­te Be­zie­hung, die ihr viel ab­ver­langt hat­te, war drei Jah­re her und seit­dem war Ni­co­le mit der lie­ben Män­ner­welt über­haupt nicht in Be­rüh­rung ge­kom­men. Wann im­mer es in Mä­dels­run­den um Män­ner ging, hat­te sie nichts bei­zu­tra­gen und hör­te nur zu. Wäh­rend Kla­ra Berg­mann auf Flirt­por­ta­len an­ge­mel­det war und auch Speed-Da­ting aus­pro­biert hat­te, um po­ten­zi­el­le Part­ner ken­nen­zu­ler­nen – sie er­zähl­te ger­ne und viel, was sie auf Por­ta­len und Tref­fen so al­les er­leb­te –, tat Ni­co­le al­les, um ja kei­ne Män­ner ken­nen­zu­ler­nen. Sprich: Sie tat nichts. Ihre Kol­le­gen wuss­ten, dass sie seit drei Jah­ren Sin­gle war. Ni­co­le war acht­und­zwan­zig. Als sie neun­zehn Jah­re alt ge­we­sen war, da hat­te sie mit fünf­und­zwan­zig Jah­ren ver­hei­ra­tet sein und mit acht­und­zwan­zig ein Kind ha­ben wol­len. Ni­co­le wür­de in zwei Mo­na­ten, am fünf­zehn­ten Juli, neun­und­zwan­zig wer­den. Sie war nicht ver­hei­ra­tet. Nicht ein­mal ver­lobt. Ni­co­le hat­te nicht ein­mal einen Part­ner.

Nicht, dass Ni­co­le mit der Män­ner­welt ab­ge­schlos­sen hät­te. Sie woll­te, um Him­mels Wil­len, nicht alle Män­ner über einen Kamm sche­ren. Al­ler­dings wehr­te sich al­les in ihr ge­gen Män­ner und Be­zie­hun­gen. Sie war froh, sich da­für ent­schie­den zu ha­ben, ei­ni­ge Jah­re nach der Aus­bil­dung vor­erst in Voll­zeit zu ar­bei­ten; die Ar­beit hat­te sie nach der Tren­nung von ih­rem Ex-Part­ner auf­ge­fan­gen und sie von ih­rer Trau­er ab­ge­lenkt.

„Schö­nen Fei­er­abend dem­nächst, wir se­hen uns mor­gen!“ Es war drei­zehn Uhr und Uta Mei­er muss­te ih­ren Zug krie­gen.

„Schö­nen Fei­er­abend, Frau Mei­er.“ Ni­co­le lehn­te sich auf ih­rem Dreh­stuhl mit zu­frie­de­ner Mie­ne zu­rück und streck­te sich. Sie hat­te die Buch­füh­rung tat­säch­lich vor der Pau­se ge­schafft und ver­pass­te sich selbst einen men­ta­len Schul­ter­klop­fer. Wenn sie et­was gut konn­te, dann war es ihre Ar­beit. Sie hat­te das Glück, so­fort im rich­ti­gen Be­ruf ge­lan­det zu sein. Ni­co­le war stets sehr in­ter­es­siert ge­we­sen am Aus­bil­dungs­in­halt und Soll und Ha­ben wa­ren für sie seit der ers­ten Stun­de ein Klacks.

Ni­co­le stand auf und öff­ne­te das Fens­ter auf ih­rer Sei­te, das auf einen kla­ren blau­en Mai­him­mel ging. Von un­ten ström­te der Ge­ruch von Es­sen em­por, der Ni­co­le das Was­ser im Mund zu­sam­men­lau­fen ließ. Un­ten be­fand sich das ita­lie­ni­sche Re­stau­rant, wo das ge­sam­te Kanz­lei­team je­des Jahr im Ja­nu­ar an­stel­le ei­ner Weih­nachts­fei­er ge­mein­sam es­sen ging.

Die letz­ten Male hat­te Ni­co­le sich Es­sen von Zu­hau­se mit­ge­bracht, das sie am Abend zu­vor vor­be­rei­tet hat­te. Das Mit­tag­es­sen für heu­te hat­te sie zu Hau­se ver­ges­sen. Son­der­lich dra­ma­tisch war es nicht, da die Kanz­lei im Zen­trum der Stadt lag und man al­les krie­gen konn­te, was der Ma­gen be­gehr­te.

„Wenn Sie noch ein we­nig da­blei­ben, dann bis gleich“, rich­te­te Ni­co­le das Wort an Kla­ra Berg­mann, die frei­wil­lig Über­stun­den mach­te, wenn sie et­was nicht schaff­te. „Wenn nicht, wün­sche ich Ih­nen einen schö­nen Fei­er­abend und bis mor­gen.“

Zwei Stra­ßen wei­ter gab es eine Back­stu­be, die Ni­co­le un­re­gel­mä­ßig fre­quen­tier­te. Sie ge­sell­te sich zu der Men­schen­trau­be, die an der Am­pel auf grü­nes Licht war­te­te, und da fiel ihr die Wer­be­ta­fel auf, die im Schat­ten des Ma­ri­en­ho­tels lag. Die Ta­fel zeig­te das Ge­sicht ei­nes Man­nes über drei­ßig. Er hat­te dun­kel­blon­des, schul­ter­lan­ges Haar, einen vol­len Bart, grau­blaue Au­gen und au­ßer­or­dent­lich dich­te Brau­en, die ihm bei­na­he in die Au­g­äp­fel hin­gen. Eine tie­fe Li­nie teil­te sei­ne Stirn in Zwei und zwi­schen sei­nen Au­gen­brau­en ver­lie­fen drei ver­ti­ka­le Stri­che. Der Mund war zu­sam­men­ge­knif­fen. Der Mann wirk­te streng, hu­mor­los und – ja, tat­säch­lich – böse.

Chris­ti­an Rausch – Rechts­an­walt, Fach­an­walt für Straf­recht, Straf­ver­tei­di­ger war auf wei­ßem Grund un­ter­halb des ver­grö­ßer­ten Fo­tos zu le­sen.

Ni­co­le press­te die Lip­pen fest auf­ein­an­der, wie um Chris­ti­an Rausch nach­zu­ah­men. Amü­siert hol­te sie ihr Han­dy her­aus, fo­to­gra­fier­te die Wer­be­ta­fel ab und schick­te das Foto an eine Freun­din. Nur kurz dar­auf nahm sie eine Au­di­o­nach­richt auf: „Rechts­an­walt für Straf­recht, ha. Der Kerl sieht selbst so aus, als hät­te er je­man­den auf dem Ge­wis­sen. Die Au­gen­brau­en sind wirk­lich eine Ka­ta­s­tro­phe.“ Ni­co­le ki­cher­te und ließ ein paar wei­te­re Sprü­che vom Sta­pel, die ihr in den Sinn ka­men.

Die Am­pel sprang auf Grün und Ni­co­le ging, ge­mein­sam mit den an­de­ren, an den ste­hen­ge­blie­be­nen Au­tos vor­bei über die Stra­ße.

Mit ei­nem be­leg­ten Bröt­chen in der Hand mach­te es sich Ni­co­le an ei­nem frei­en Tisch am Fens­ter be­quem. Wäh­rend sie aß, sah sie ab und zu auf das Dis­play ih­res Han­dys. Als sie auf­sah, stand am Ein­gang zur Bä­cke­rei nie­mand Ge­rin­ge­res als Chris­ti­an Rausch.

Na so­was, dach­te Ni­co­le bei sich und ließ das Han­dy sin­ken. Ni­co­les Ver­wun­de­rung in­ten­si­vier­te sich, als er die Back­stu­be be­trat und sei­nen stren­gen Blick auf sie rich­te­te. Er vi­sier­te sie an wie ein Jä­ger, kam auf sie zu und Ni­co­le lehn­te sich zu­rück wie nach ei­nem In­stinkt han­delnd.

Chris­ti­an Rauschs Ge­sichts­aus­druck wirk­te noch bos­haf­ter als auf der Wer­be­ta­fel und für einen Mo­ment be­kam es Ni­co­le tat­säch­lich mit der Angst zu tun, weil er in per­so­na wie ein ech­ter Ver­bre­cher in er­le­se­ner Gar­de­ro­be aus­sah. Jetzt erst schluck­te sie ihr zer­kau­tes, spei­chel­um­flos­se­nes Es­sen hin­un­ter und starr­te den Mann vor sich an, der um die einen Me­ter neun­zig groß war. Ni­co­le war, als woll­te er et­was sa­gen. Doch ur­plötz­lich, als hät­te man einen He­bel um­ge­legt, wand­te er sich ab und tä­tig­te kurz dar­auf eine Be­stel­lung.

Mei­ne Güte… Was war denn bit­te das für eine Ak­ti­on ge­we­sen? Hat­te Rausch etwa mit­be­kom­men, was sie in der Au­dio an ihre Freun­din über ihn ge­sagt hat­te? Nein, das konn­te nicht sein. An­de­rer­seits war es sehr gut mög­lich, wenn man be­dach­te, dass er kurz nach ihr die Back­stu­be be­tre­ten hat­te. Viel­leicht hat­te er an der Am­pel un­mit­tel­bar hin­ter ihr ge­stan­den…

Rausch nahm sei­ne Be­stel­lung ent­ge­gen und wand­te sich Ni­co­le zu. Aber­mals mach­te er den Ein­druck, et­was sa­gen zu wol­len, doch er ent­schloss sich, wie­der­holt dar­auf zu ver­zich­ten. Er ver­ließ die Back­stu­be und Ni­co­le sank auf ih­rem Stuhl zu­sam­men. Es gab kei­nen Zwei­fel dar­an, dass er an der Am­pel hin­ter ihr ge­we­sen war und al­les ge­hört hat­te. Pein­lich be­rührt be­deck­te Ni­co­le ihre Au­gen mit der Hand. Him­mel, war­um muss­te das aus­ge­rech­net ihr pas­sie­ren?

Der Ap­pe­tit war ihr ver­gan­gen, aber weil sie hung­rig war und woll­te, dass ihr Kopf gleich funk­tio­nier­te, wenn sie den Jah­res­ab­schluss mach­te, aß sie das Bröt­chen auf. Was ge­sche­hen war, war ihr hoch­gra­dig pein­lich und un­an­ge­nehm. Soll­te sie den Rechts­an­walt bei Ge­le­gen­heit dar­auf an­spre­chen und sich bei ihm ent­schul­di­gen? Sie hät­te die Au­dio nicht auf­neh­men sol­len. Aber da­für war es nun zu spät. Wür­de eine Ent­schul­di­gung über­haupt et­was brin­gen? Wahr­schein­lich hat­te er sie in sei­nem Ge­hirn als eine ober­fläch­li­che Zie­ge ab­ge­spei­chert.

Ni­co­le seufz­te und tipp­te mit dem Fin­ger­na­gel ge­gen den Tisch. Nun, sie hat­te den Mann heu­te das ers­te Mal in vier Wo­chen ge­se­hen. Es war pu­rer, un­g­lü­ck­li­cher Zu­fall ge­we­sen, dass er sich heu­te hin­ter ihr be­fun­den hat­te, und viel­leicht wür­de sie ihn einen Mo­nat lang nicht se­hen. Chris­ti­an Rausch schien ge­fragt und viel­be­schäf­tigt zu sein. Mit Si­cher­heit wür­de er das Gan­ze nach ei­nem Mo­nat wie­der ver­ges­sen ha­ben.

§2

Eine Be­trieb­sprü­fung stand dem­nächst an und der Man­dant hat­te Ni­co­le und ih­rer Chefin am Frei­tag­nach­mit­tag einen gro­ßen Kar­ton vol­ler Ord­ner ge­bracht. Heu­te war Mon­tag und Ni­co­le stand be­reits kurz nach sie­ben vor der Kanz­lei. Mit ge­run­zel­ter Stirn such­te sie in ih­rer Ta­sche nach dem Schlüs­sel. Ni­co­le woll­te es ein­fach nicht glau­ben, dass sie ihn zu Hau­se ver­ges­sen hat­te. Wü­tend über sich selbst hock­te sie sich hin und kipp­te den ge­sam­ten In­halt der Ta­sche auf den Bo­den aus. Sli­p­ein­la­gen, Na­gel­lack, der schon längst ver­trock­net war, ein No­tiz­block mit kit­schi­gem Mo­tiv, Haus­sch­lüs­sel mit ei­ner plü­schi­gen Kat­ze als An­hän­ger und vie­le an­de­re Din­ge bil­de­ten im Nu einen klei­nen See, den Ni­co­le mit bei­den Hand­flä­chen teil­te und dann al­les ein­mal um­dreh­te. Von dem Schlüs­sel fehl­te jede Spur. Das war ihr noch nie pas­siert. Ni­co­le biss sich frus­triert auf die Lip­pe. Groß­ar­tig.

Kla­ra kam stets vier­tel vor acht. Bis da­hin war es noch eine hal­be Stun­de und Ni­co­le muss­te drin­gend zur Toi­let­te. Die Schlüs­sel für den Brief­kas­ten und die Toi­let­te, die die Kanz­lei Koch mit den an­de­ren auf der Eta­ge teil­te, la­gen auf der The­ke in der Kü­che. Der ei­ser­nen Stil­le nach zu ur­tei­len war Ni­co­le die Ers­te hier. Mög­li­cher­wei­se war sie als Ers­te über­haupt ge­kom­men. Sie wür­de zum Haupt­bahn­hof ge­hen und dort eine Toi­let­te auf­su­chen müs­sen.

Ni­co­le woll­te ge­ra­de da­mit be­gin­nen, die aus­ge­schüt­te­ten Ge­gen­stän­de miss­ge­stimmt wie­der in ihre Ta­sche zu pa­cken, als sie den Fahr­stuhl hör­te und dann das Kla­ckern von Ab­sät­zen. Es wa­ren al­ler­dings kei­ne Frau­en­schu­he, die das Kla­ckern ver­ur­sach­ten. Chris­ti­an Rausch hielt vor der Tür zu sei­ner Kanz­lei inne und sah zu Ni­co­le her­über.

Sie blin­zel­te. Dann stell­te sie fest, dass sie nach wie vor breit­bei­nig hock­te und ihr gel­ber Rock ein or­dent­li­ches Stück weit hoch­ge­rutscht war. In der einen Hand hielt sie zwei Sli­p­ein­la­gen, in der an­de­ren ih­ren Haus­sch­lüs­sel mit dem Kat­ze­n­an­hän­ger. Ni­co­le schnapp­te hör­bar nach Luft, press­te die Ober­schen­kel zu­sam­men und ver­steck­te die Ein­la­gen und den An­hän­ger hin­ter ih­rem Rü­cken, wäh­rend sie ver­such­te, auf ih­ren fla­chen Schu­hen nicht nach hin­ten zu kip­pen. Ihr Un­ter­leib be­gann zu span­nen. Schief lä­chelnd, hin­rei­chend rosa um die Nase, sag­te sie dann: „Gu­ten Mor­gen.“

„Gu­ten Mor­gen“, ant­wor­te­te der An­walt kühl und blick­te da­bei skep­tisch drein.

Weil sie es nicht mehr in der Po­si­ti­on aus­hielt, stopf­te Ni­co­le den In­halt ih­rer Hän­de seit­lich in die Ta­sche, rich­te­te sich un­be­hol­fen auf und strich ih­ren Rock glatt. „Mein Name ist Klin­ger, Ni­co­le Klin­ger. Ich ar­bei­te in der Kanz­lei Koch und habe den Kanz­leisch­lüs­sel da­heim ver­ges­sen.“

Jetzt erst be­trach­te­te sie Chris­ti­an ge­nau: Um sein Haar schlang sich im Nacken ein Zopf­gum­mi, er trug ein wei­ßes Hemd, dazu eine Kra­wat­te mit Pa­ra­gra­phen­zei­chen und dun­kel­blaue Ho­sen; über sei­ne lin­ke Arm­beu­ge hat­te er sei­nen Sak­ko ge­wor­fen.

Weil Chris­ti­an sie im­mer noch an­sah, füg­te sie zu ih­rer Er­klä­rung ner­vös hin­zu: „Das pas­siert mir für ge­wöhn­lich nicht.“ Das Herz klopf­te un­ru­hig in ih­rer Brust und sie hat­te den Ein­druck, dass er sie mit sei­nem stump­fen Blick dazu zwin­gen woll­te, sich zum Don­ners­tag zu äu­ßern. Sie hat­te nicht das Ge­fühl, dass es ein gu­ter Zeit­punkt war. Ni­co­le war nicht vor­be­rei­tet. „Ehm… Mir ist das wirk­lich sehr pein­lich, Herr Rausch, aber… könn­ten Sie mir, even­tu­ell“, Ni­co­le drucks­te kurz her­um, „die Toi­let­te auf­ma­chen?“ Ihr Ge­sicht glich ei­ner To­ma­te und sie senk­te be­schämt und mit glü­hen­den Oh­ren den Kopf.

„Ich ver­ste­he. Das kann ich ge­wiss“, er­wi­der­te Rausch wie ein Kind, das die höf­li­che In­di­rekt­heit ge­flis­sent­lich miss­ver­stand, und öff­ne­te die Tür zu sei­ner Kanz­lei, „aber ich wer­de es nicht tun. Ent­schul­di­gen Sie mich.“

Ver­wirrt starr­te Ni­co­le auf die Stel­le, wo der An­walt eben noch ge­stan­den hat­te. War das etwa sei­ne Ra­che an ihr? Nie und nim­mer wür­de sie es jetzt noch bis zum Haupt­bahn­hof schaf­fen! Nie und nim­mer!

Mit zu­sam­men­ge­press­ten, zit­tern­den Schen­keln ging Ni­co­le zum Auf­zug; an Trep­pen­stei­gen war nicht zu den­ken. Vol­ler Un­ge­duld trat sie auf der Stel­le. Ni­co­le war im Auf­zug, noch be­vor die Tü­ren voll­stän­dig auf­ge­glit­ten wa­ren. Meh­re­re Male tipp­te sie auf den Knopf mit der Let­ter E drauf und be­te­te, dass al­les gut ge­hen wür­de.

Im ge­gen­über­lie­gen­den Ho­tel bat sie die jun­ge Dame an der Re­zep­ti­on dar­um, die Toi­let­te zu be­nut­zen. Das kos­te­te Über­win­dung, es war schließ­lich ein Lu­xus­ho­tel, in wel­chem schon Schau­spie­ler und Prä­si­den­ten über­nach­tet hat­ten.

Er­leich­tert ging Ni­co­le auf die Stra­ße. Dort oben sein woll­te sie jetzt nicht. Ers­tens hat­te es kei­nen Sinn, zwei­tens woll­te sie Chris­ti­an Rausch nicht be­geg­nen, falls es ihm ein­fie­le, vor die Tür zu ge­hen. Aus die­sem Grund be­schloss Ni­co­le, einen klei­nen Spa­zier­gang zu ma­chen und ge­gen Vier­tel vor acht wie­der hier zu sein, hof­fend, dass sich Kla­ra heu­te nicht krank­mel­den woll­te.

Hat­ten Chris­ti­an ihre Wor­te tat­säch­lich der­art ge­kränkt? Sie war seit­dem nicht mit sich selbst im Rei­nen ge­we­sen. Sie ge­hör­te zu den Men­schen, die das schlech­te Ge­wis­sen wo­chen­lang ver­fol­gen konn­te. Aber blö­de Sprü­che, die wit­zig sein soll­ten, wa­ren doch kein Grund, ihr nicht die Toi­let­te zu öff­nen!

Ni­co­le blieb ste­hen und zwang sich zur Ruhe. Sie woll­te nicht dar­über nach­den­ken, so em­pört sie im Nach­hin­ein über das Ver­hal­ten des Rechts­an­walts auch sein moch­te. Sie hoff­te, dass sie und Herr Rausch nun quitt wa­ren und es kein bö­ses Blut zwi­schen ih­nen ge­ben wür­de.

§3

Ni­co­le und Chris­ti­an be­geg­ne­ten sich die rest­li­che Wo­che und am Mon­tag nicht.

Am Diens­tag roll­te Ni­co­le einen Bü­ro­wa­gen vol­ler Ord­ner Rich­tung Fahr­stuhl. Die Ord­ner muss­ten alle im Kel­ler ar­chi­viert wer­den, da­mit die Ak­ten­schrän­ke nicht mehr so über­voll wa­ren.

Der Fahr­stuhl war laut An­zei­ge im vier­ten Stock, da kam Chris­ti­an aus sei­ner Kanz­lei her­aus. Sei­ne Tür war dem Auf­zug am nächs­ten und er ent­deck­te Ni­co­le so­fort.

„Gu­ten Tag“, grüß­te sie den Rechts­an­walt und lä­chel­te ihn an. Durch den Grö­ßen­un­ter­schied von etwa drei­ßig Zen­ti­me­tern muss­te sie den brau­nen Lo­cken­kopf he­ben.

Chris­ti­an duf­te­te nach ei­ner in­ten­si­ven Kom­po­si­ti­on aus Pat­schu­li, Rose und Veil­chen. Für einen Au­gen­blick wur­de Ni­co­le ganz schum­me­rig von die­sem Duft, der zu ihr hin­über­schwapp­te. Ein schö­ner Win­ter­duft, aber an sol­chen war­men Ta­gen ein ab­so­lu­ter Na­sen­kil­ler und Kopf­schmer­zen­ver­ur­sa­cher.

Chris­ti­an, die Haa­re wie­der zum Zopf, der Bart zwar ge­pflegt, aber dicht, ganz in Schwa­rz und Weiß ge­klei­det, grüß­te halb­her­zig zu­rück. Sei­ne Pa­ra­gra­phen­kra­wat­te, an der er sich einen Nar­ren ge­fres­sen zu ha­ben schien, war wie­der mit von der Par­tie.

Erst schob Ni­co­le den Wa­gen in den Auf­zug. Chris­ti­an folg­te und be­tä­tig­te über den Wa­gen hin­weg die Tas­te ins Erd­ge­schoss. Um in den Kel­ler zu ge­lan­gen, war eine Schlüs­seldre­hung er­for­der­lich. Ni­co­le dreh­te den Schlüs­sel und drück­te auf das Un­ter­ge­schoss. Ei­gent­lich müss­te das Qua­drat jetzt rot leuch­ten. Das tat es aber nicht. Ver­wirrt wie­der­hol­te Ni­co­le die nö­ti­ge Pro­ze­dur, doch auch beim zwei­ten und beim drit­ten Mal klapp­te es nicht. Ver­är­gert zog Ni­co­le den Schlüs­sel her­aus und un­ter­such­te ihn wie ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Ar­te­fakt. Da­bei stell­te sie fest, dass der Schlüs­sel ein we­nig an­ders aus­sah als sonst. War er etwa er­neu­ert wor­den und Frau Koch hat­te ver­ges­sen, es ih­nen zu sa­gen? Muss­te sie also an­ders vor­ge­hen?

Chris­ti­ans Duft schnür­te ihr in die­sem en­gen Raum all­mäh­lich die Keh­le zu.

„Krie­gen Sie es nicht hin, gleich­zei­tig zu dre­hen und zu drü­cken, Frau Klin­ger?“

Ni­co­le zuck­te kurz zu­sam­men und schiel­te zu Chris­ti­an hin­über. Das Gan­ze war ihr auch so schon pein­lich ge­nug und der Kerl mein­te auch noch, sei­nen Senf da­zu­ge­ben zu müs­sen. Sie ver­such­te es noch ein­mal ver­geb­lich im Al­lein­gang und hör­te, wie Chris­ti­an Rausch laut, da­mit sie es ja hör­te, mit der Zun­ge schna­lz­te. Oh, sie hass­te es, wenn Men­schen das mach­ten.

Ni­co­le wand­te sich dem Rechts­an­walt zu. „Der Schlüs­sel ist neu“, sag­te sie, um einen neu­tra­len Ton be­müht. „Ich muss noch raus­fin­den, wie er fun-“

„Ge­ben Sie ihn mir“, schnitt Chris­ti­an ihr das Wort ab und streck­te die Hand­flä­che aus.

Das her­ri­sche Ge­ba­ren des Rechts­an­walts ge­fiel ihr über­haupt nicht. Plötz­lich konn­te Ni­co­le ih­ren Wunsch, sich bei ihm zu ent­schul­di­gen, und das schlech­te Ge­wis­sen, das sie ge­plagt hat­te, nicht ver­ste­hen. Den­noch gab sie ihm den Schlüs­sel­bund. Mach’s doch bes­ser, dach­te sie ge­reizt und wünsch­te, dass er schei­ter­te.

Chris­ti­an schaff­te es, dass das Qua­drat mit dem Buch­sta­ben U auf­leuch­te­te.

Mit her­un­ter­ge­klapp­ter Kinn­la­de nahm Ni­co­le den Schlüs­sel­bund wie­der ent­ge­gen.

„Wenn Sie se­hen, dass Ihr Mo­dus Pro­ce­den­di drei­mal hin­ter­ein­an­der schei­tert, soll­ten Sie sich et­was an­de­res ein­fal­len las­sen. Das ist eine Fra­ge der fun­da­men­ta­len In­tel­li­genz, über die wir Men­schen ei­gent­lich schon seit ge­rau­mer Zeit ver­fü­gen.“

Sie woll­te ihn mit sei­ner Pa­ra­gra­phen­kra­wat­te stran­gu­lie­ren. Oder ihm mit dem Um­satz­steu­er­recht in­klu­si­ve der Durch­füh­rungs­ver­ord­nung und dem An­wen­dungs­er­lass links und rechts eine scheu­ern, dass ihm Hö­ren und Se­hen ver­gin­gen. Al­ter­na­tiv das kom­men­tier­te Ein­kom­men­steu­er­recht – Haupt­sa­che et­was, das weht­at.

Der Auf­zug blieb ste­hen und Chris­ti­an ging schnel­len Schrit­tes hin­aus, ohne sich zu ver­ab­schie­den. Ni­co­le fuhr eine Eta­ge tie­fer und schob den Wa­gen wü­tend durch die Gän­ge des Kel­lers. Es war kühl und roch nach Mo­der und die­ser Ge­ruch tat gut, denn er ver­trieb Chris­ti­ans pe­ne­tran­tes Pa­r­füm aus ih­ren ar­men Na­sen­höh­len.

„Krie­gen Sie es nicht hin, gleich­zei­tig zu dre­hen und zu drü­cken, Frau Klin­ger?“, äff­te sie vor der Tür in den Kel­ler­raum Chris­ti­an Rausch nach, wäh­rend sie den Schlüs­sel­bund nach dem rich­ti­gen Schlüs­sel ab­such­te. „Ge­ben Sie mir den Schlüs­sel!“ Sie schnaub­te. „Mo­dus Pro­ce­dings­bums, eine Fra­ge der fun­da­men­ta­len In­tel­li­genz, bah!“

Ni­co­le be­gann mit der Sor­tie­rung der Ak­ten­ord­ner und po­w­er­te sich aus. Wie sie es ge­schafft hat­te, sich im Auf­zug zu be­herr­schen, wie sie es ge­schafft hat­te, ins­be­son­de­re auf sei­nen fi­na­len Kom­men­tar nichts zu­min­dest un­ter­schwel­lig Be­lei­di­gen­des zu er­wi­dern, wuss­te sie nicht.

Eine hal­be Stun­de spä­ter wa­ren Chris­ti­an und Ni­co­le wie­der ge­mein­sam im Auf­zug. Ni­co­le ver­mu­te­te, dass er bei der Bank ge­we­sen war. Die Ent­schul­di­gung konn­te Herr Rechts­an­walt ver­ges­sen, eben­so das freund­li­che Grü­ßen. Hät­te sie die­sen däm­li­chen Bü­ro­wa­gen nicht bei sich, hät­te sie die Trep­pe ge­nom­men. Ni­co­le drück­te sich de­mon­s­tra­tiv in die rech­te Ecke des Auf­zugs, als hät­te Chris­ti­an eine an­ste­cken­de Krank­heit. Chris­ti­an im Ge­gen­zug tat, als wäre sie gar nicht da.

„Die­ser däm­li­che An­walt“, mur­mel­te Ni­co­le, als sie Frau Mei­er den Ord­ner, den sie aus dem Kel­ler ho­len soll­te, auf den Tisch stell­te.

Kla­ra war ge­ra­de im Be­spre­chungs­zim­mer; ein Man­dant war zum Un­ter­schrei­ben sei­ner Ein­kom­men­steu­er­er­klä­rung ge­kom­men. Wäre Kla­ra im Raum ge­we­sen und die Tür ins Büro ih­rer Chefin nicht ge­schlos­sen, hät­te Ni­co­le ge­schwie­gen.

„Wir sind ge­mein­sam Auf­zug ge­fah­ren“, er­klär­te Ni­co­le und war froh, ih­rem in­fer­na­li­schen Är­ger Luft ma­chen zu kön­nen.

Uta Mei­er schüt­tel­te un­gläu­big den Kopf. „Da ist je­mand über­haupt nicht im Rei­nen mit sich selbst.“

„Da ist je­mand ganz schön frus­triert und un­zu­frie­den, wenn Sie mich fra­gen“, sag­te Ni­co­le und setz­te sich an ih­ren Ar­beits­platz.

§4

Als Ni­co­le zum Brief­kas­ten trat, um die Ci­ti­post zu ho­len, öff­ne­te sich die Ein­gangs­tür. Ni­co­le schau­te au­to­ma­tisch zu ih­rer Lin­ken und run­zel­te die Stirn, weil sie ein be­kann­tes Ge­sicht er­blick­te.

„Ni­co­le!“ Die blon­de Frau in knie­lan­gem Blei­stift­rock und Rü­schen­blu­se lä­chel­te breit.

„Mag­da, ist denn das zu fas­sen!“

Mag­da­le­na Bi­els­ka war eine ehe­ma­li­ge Mit­schü­le­rin von Ni­co­le. Sie wa­ren nicht be­freun­det ge­we­sen, hat­ten sich aber in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den mit­ein­an­der aus­ge­tauscht. Als sie das letz­te Mal mit­ein­an­der ge­schrie­ben hat­ten, hat­te Mag­da­le­na ein­hun­dert Ki­lo­me­ter ent­fernt Jura stu­diert und war ge­pen­delt.

Bei­de Frau­en fie­len aus al­len Wol­ken, als sie beim ge­mäch­li­chen Trep­pen­stei­gen fest­stell­ten, dass sie seit Wo­chen im glei­chen Ge­bäu­de, auf der glei­chen Eta­ge ar­bei­te­ten und den je­weils an­de­ren bis jetzt kein ein­zi­ges Mal ge­se­hen hat­ten. Sie fin­gen zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten an, hat­ten zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten Pau­se und Mag­da­le­na hat­te eine Stun­de vor Ni­co­le Fei­er­abend.

Ni­co­le woll­te in Er­fah­rung brin­gen, was mit Mag­da­le­n­as Stu­di­um pas­siert sei, doch Mag­da­le­na block­te ge­zwun­ge­ner­ma­ßen ab. „Ich will mich nicht ver­spä­ten. Will un­ger­ne raus­fin­den, was Herr Rausch von Ver­spä­tun­gen hält.“

Ni­co­le ver­dreh­te in­ner­lich die Au­gen. Wahr­schein­lich muss­te man bei Herrn Rausch einen Euro in die Kas­se le­gen, wenn man spä­ter kam.

„Wenn du Lust hast, kön­nen wir nach­her was es­sen ge­hen. Ich woll­te heu­te noch ein paar Er­le­di­gun­gen in der Stadt ma­chen. Eine Stun­de reicht mir, das passt ja. Ich könn­te di­rekt am Ein­gang auf dich war­ten.“

„Ger­ne!“

Mag­da­le­na drück­te ei­lig Ni­co­les Hand, ehe sich die bei­den trenn­ten.

Punkt sieb­zehn Uhr mach­te Ni­co­le Fei­er­abend, ver­ab­schie­de­te sich von ih­rer Chefin und traf sich un­ten mit Mag­da­le­na. Sie über­leg­ten kurz, wo­hin sie ge­hen woll­ten, und schließ­lich ent­schie­den sie sich für das ita­lie­ni­sche Re­stau­rant ne­be­n­an.

„Also“, be­gann Mag­da­le­na, als sie Platz auf ro­ten, wie mit Samt be­zo­ge­nen Stüh­len ge­nom­men hat­ten, „mein Jura-Stu­di­um habe ich ab­ge­bro­chen und habe dann eine Aus­bil­dung zur Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­ten im Kon­gress­vier­tel ge­macht. Die Aus­bil­dung habe ich vor drei Jah­ren be­en­det, habe zwei­ein­halb Jah­re im al­ten Be­trieb ge­ar­bei­tet und such­te mir dann einen neu­en Be­trieb. So bin ich zu Herrn Rausch ge­kom­men.“

„Wie ist es, für ihn zu ar­bei­ten?“, er­kun­dig­te sich Ni­co­le und fal­te­te die Spei­se­kar­te aus­ein­an­der. Sie stell­te es sich nicht son­der­lich schön vor.

„Er ist oft schlecht ge­launt. Nicht ge­reizt, er lässt es auch nicht an uns aus. Ganz ko­misch ist das… Spre­chen tut er über sein Pri­vat­le­ben gar nicht. Wir wis­sen nicht, ob er eine Part­ne­rin hat, ob er schon Kin­der hat… Wo­bei ich mir Letz­te­res nicht be­son­ders gut vor­stel­len kann. All­zu alt dürf­ten die Kin­der nicht sein, aber er bleibt ewig lan­ge im Büro und kommt manch­mal auch vor uns. Fast so, als wür­de er dort über­nach­ten.“

Der Kell­ner brach­te ih­nen ihre Ge­trän­ke in Win­desei­le und nach­dem sie von ih­rem al­ko­hol­frei­en Cock­tail ge­ni­ppt hat­te und sich ver­ge­wis­sert hat­te, dass Rausch nicht ir­gend­wo in der Nähe war, er­zähl­te Ni­co­le von den Auf­ein­an­der­tref­fen mit Chris­ti­an.

„Er hat dich nicht pin­keln las­sen? Wow, er hat sich dir ge­gen­über wirk­lich schei­ße ver­hal­ten. Zu uns ist er for­dernd und sei­nen Tote-Spra­chen- und Fremd­wort-Fim­mel könn­te er ru­hig links lie­gen las­sen, weil wir ihn stel­len­wei­se gar nicht ver­ste­hen und nach­fra­gen müs­sen. Aber er lässt sei­ne Lau­ne, wie ge­sagt, nicht an uns aus und zahlt an­ge­mes­sen. Ich schät­ze, du bist nach dem Kom­men­tar zu sei­nem Aus­se­hen bei ihm un­ten durch. We­nigs­tens ar­bei­tet ihr nicht zu­sam­men. Igno­ri­er ihn ein­fach, wenn ihr euch nicht ver­steht“, schlug Mag­da­le­na amü­siert vor und lenk­te die Un­ter­hal­tung in an­de­re Bah­nen.

Sie un­ter­hiel­ten sich über ihre Ar­beit im All­ge­mei­nen, über Män­ner – Mag­da­le­na war seit Kur­z­em Sin­gle und es fiel ihr leicht, Ni­co­les ab­weh­ren­de Hal­tung nach­zu­voll­zie­hen –, über Gott und die Welt und aßen haus­ge­mach­te Pas­ta. Ni­co­le er­zähl­te über die mor­gi­ge Be­trieb­sprü­fung. Den Man­dan­ten durf­te sie nicht nen­nen und so er­zähl­te sie nur, dass sie und ihre Chefin auf­ge­regt und auch ein we­nig an­ge­spannt sei­en. Der Prü­fer habe am Te­le­fon nett ge­klun­gen, aber das habe nichts zu sa­gen.

Die zwei Frau­en be­zahl­ten kurz nach zwan­zig Uhr.

„Ich gebe dir mal mei­ne neue Han­dy­num­mer“, sag­te Mag­da­le­na, als sie aus dem Re­stau­rant tra­ten. „Wir kön­nen uns je­der­zeit ger­ne ver­ab­re­den, wenn du magst. Auch am Wo­chen­en­de.“

Mag­da­le­na muss­te zur Bus­hal­te­stel­le, Ni­co­le zur Bahn. Sie tausch­ten eine kur­ze Um­ar­mung aus.

„Lass dich von Herrn Rausch nicht zu sehr är­gern“, riet Mag­da­le­na Ni­co­le au­gen­zwin­kernd. Dann ging sie über die Stra­ße zur Bus­hal­te­stel­le.

Ni­co­le at­me­te tief durch und sah die Ma­ri­en­stra­ße fünf hoch. Ein Fens­ter der Kanz­lei Rausch ging auf das Ma­ri­en­ho­tel. Die Vor­hän­ge wa­ren aus­ein­an­der­ge­zo­gen, Licht brann­te im Raum und Chris­ti­an Rausch trat ans Fens­ter. Ni­co­le jag­te ein un­an­ge­neh­mer Schau­er den Rü­cken hin­un­ter, als hät­te sie so­eben eine fet­te Ka­ker­la­ke in der Kü­che ent­deckt.

Rausch te­le­fo­nier­te und zog mit ei­ner Hand erst den einen, dann den an­de­ren Vor­hang zu, so als hät­te er Ni­co­le ge­se­hen und woll­te nicht, dass sie in sei­ne Kanz­lei gu­cken konn­te.

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