Kitabı oku: «Herr Rechtsanwalt, Herr Linksanwalt»

Yazı tipi:

Chris­ti­na Ge­berg

Herr Rechts­an­walt, Herr Links­an­walt

Ro­man

Text: © Co­py­right by Chris­ti­na Ge­berg

Um­schlag­ge­stal­tung: © Chris­ti­na Ge­berg, Shut­ter­stock & spark.ad­o­be

Ver­lag:

Chris­ti­na Ge­berg

chris­ti­na.ge­berg@gmail.com

Druck: epu­bli – ein Ser­vice der neo­pu­bli GmbH, Ber­lin

§1

Haben Sie schon den neu­en Rechts­an­walt ge­se­hen?“ Kla­ra Berg­mann sah ihre Kol­le­gen er­war­tungs­voll an. „Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te ist zwar eine Wer­be­ta­fel mit sei­nem Ge­sicht, aber… Hach, ich kann mir da nicht hel­fen, ich bin in sol­chen Sa­chen viel zu neu­gie­rig! Es in­ter­es­siert mich wirk­lich, wie er in Per­son so ist.“

Klar­as äl­te­re Kol­le­gin Uta Mei­er, die es nicht mehr weit bis zur Ren­te hat­te, hielt mit der Er­stel­lung ei­ner Ex­cel-Ta­bel­le inne und über­leg­te. „Nein. Ei­gent­lich ziem­lich selt­sam, oder? Vor vier Wo­chen ha­ben die Ar­bei­ten ne­be­n­an auf­ge­hört und drei Tage spä­ter hat­te der Gute be­reits so viel Post im Brief­kas­ten, dass al­les aus dem Schlitz quoll. Trotz­dem ha­ben wir ihn seit­dem kein­mal ge­se­hen. Viel­leicht ei­ner von der Sor­te, die sich prin­zi­pi­ell ein­igelt.“

Ni­co­le Klin­ger hielt sich aus dem Ge­spräch ganz raus; sie kon­zen­trier­te sich auf die Buch­füh­rung, die sie vor ih­rer Mit­tags­pau­se fer­tig ha­ben woll­te. Doch auch sie war dem Rechts­an­walt kein­mal be­geg­net. Die von Kla­ra er­wähn­te Wer­be­ta­fel war Ni­co­le bis­her nicht ein­mal auf­ge­fal­len.

Die Chefin, Mar­ti­na Koch, kam aus ih­rem Büro her­aus und leg­te die Post­map­pe mit un­ter­schrie­be­nen An­schrei­ben auf Klar­as Ar­beits­platz ab. Sie hat­te das Ge­spräch zwi­schen Kla­ra und Frau Mei­er mit­be­kom­men und da sie sehr ger­ne mit ih­ren Mit­a­r­bei­tern plau­der­te, sag­te sie: „Ich habe ihn tat­säch­lich zwei­mal ge­se­hen. Ein­mal sind wir ge­mein­sam im Fahr­stuhl ge­fah­ren, das an­de­re Mal sind wir uns in der Bank be­geg­net.“

Kla­ra Berg­mann wirk­te, als müss­te sie sich in wahn­sin­ni­ger Zu­rück­hal­tung üben, um ihre Chefin nicht mit Fra­gen zu bom­bar­die­ren.

„Nun ja“, sag­te Mar­ti­na Koch mit vor der Brust ver­schränk­ten Ar­men, „das ist ein Gro­ßer, Schlan­ker. Im­mer im An­zug, trägt eine Kra­wat­te mit Pa­ra­gra­phen­zei­chen und sei­ne Haa­re zu ei­nem Zopf. Straf­ver­tei­di­ger eben. Ent­we­der sie sind sehr an­ge­passt oder al­ter­na­tiv. Herr Rausch scheint mir mit sei­nen lan­gen Haa­ren und sei­ner ul­ki­gen Pa­ra­gra­phen­kra­wat­te Letz­te­res zu sein. Ich bil­de mir üb­ri­gens die gan­ze Zeit ein, dass ich sei­nen Na­men von ir­gend­wo­her ken­ne…“

Kla­ra Berg­mann seufz­te ent­zückt, so als hät­te man ihr ge­ra­de aus ei­nem kit­schi­gen Gro­schen­ro­man vor­ge­le­sen. Zu ger­ne hät­te sie ei­ner of­fi­zi­el­len Vor­stel­lung, wie sie der Or­tho­pä­de aus dem zwei­ten Stock vor zwei Jah­ren or­ga­ni­siert hat­te, bei­ge­wohnt, um Chris­ti­an Rausch nä­her ken­nen­zu­ler­nen.

Mar­ti­na Koch ging zu­rück in ihr Büro und schloss die Tür, um in Ruhe mit ei­nem Man­dan­ten zu te­le­fo­nie­ren. Ihre Mit­a­r­bei­ter wid­me­ten sich wie­der ih­ren Auf­trä­gen.

Kla­ra und Frau Mei­er ar­bei­te­ten in Teil­zeit. Ni­co­le ar­bei­te­te als Ein­zi­ge in Voll­zeit und ihr stand eine ein­stün­di­ge Pau­se zu. Es ma­che ihr nichts aus, sag­te Ni­co­le im­mer, dass sie so viel ar­bei­te. Sie fin­de so­wohl in­ner­halb der Wo­che als auch am Wo­chen­en­de Zeit für ihre pri­va­ten Ver­gnü­gen.

Dass es ihr nichts aus­mach­te, war nur die hal­be Wahr­heit. Für Ni­co­le gab es näm­lich schlicht und er­grei­fend kei­nen Grund, um mit den Stun­den her­un­ter­zu­ge­hen. Sie war Sin­gle. Ihre zwei­te und letz­te Be­zie­hung, die ihr viel ab­ver­langt hat­te, war drei Jah­re her und seit­dem war Ni­co­le mit der lie­ben Män­ner­welt über­haupt nicht in Be­rüh­rung ge­kom­men. Wann im­mer es in Mä­dels­run­den um Män­ner ging, hat­te sie nichts bei­zu­tra­gen und hör­te nur zu. Wäh­rend Kla­ra Berg­mann auf Flirt­por­ta­len an­ge­mel­det war und auch Speed-Da­ting aus­pro­biert hat­te, um po­ten­zi­el­le Part­ner ken­nen­zu­ler­nen – sie er­zähl­te ger­ne und viel, was sie auf Por­ta­len und Tref­fen so al­les er­leb­te –, tat Ni­co­le al­les, um ja kei­ne Män­ner ken­nen­zu­ler­nen. Sprich: Sie tat nichts. Ihre Kol­le­gen wuss­ten, dass sie seit drei Jah­ren Sin­gle war. Ni­co­le war acht­und­zwan­zig. Als sie neun­zehn Jah­re alt ge­we­sen war, da hat­te sie mit fünf­und­zwan­zig Jah­ren ver­hei­ra­tet sein und mit acht­und­zwan­zig ein Kind ha­ben wol­len. Ni­co­le wür­de in zwei Mo­na­ten, am fünf­zehn­ten Juli, neun­und­zwan­zig wer­den. Sie war nicht ver­hei­ra­tet. Nicht ein­mal ver­lobt. Ni­co­le hat­te nicht ein­mal einen Part­ner.

Nicht, dass Ni­co­le mit der Män­ner­welt ab­ge­schlos­sen hät­te. Sie woll­te, um Him­mels Wil­len, nicht alle Män­ner über einen Kamm sche­ren. Al­ler­dings wehr­te sich al­les in ihr ge­gen Män­ner und Be­zie­hun­gen. Sie war froh, sich da­für ent­schie­den zu ha­ben, ei­ni­ge Jah­re nach der Aus­bil­dung vor­erst in Voll­zeit zu ar­bei­ten; die Ar­beit hat­te sie nach der Tren­nung von ih­rem Ex-Part­ner auf­ge­fan­gen und sie von ih­rer Trau­er ab­ge­lenkt.

„Schö­nen Fei­er­abend dem­nächst, wir se­hen uns mor­gen!“ Es war drei­zehn Uhr und Uta Mei­er muss­te ih­ren Zug krie­gen.

„Schö­nen Fei­er­abend, Frau Mei­er.“ Ni­co­le lehn­te sich auf ih­rem Dreh­stuhl mit zu­frie­de­ner Mie­ne zu­rück und streck­te sich. Sie hat­te die Buch­füh­rung tat­säch­lich vor der Pau­se ge­schafft und ver­pass­te sich selbst einen men­ta­len Schul­ter­klop­fer. Wenn sie et­was gut konn­te, dann war es ihre Ar­beit. Sie hat­te das Glück, so­fort im rich­ti­gen Be­ruf ge­lan­det zu sein. Ni­co­le war stets sehr in­ter­es­siert ge­we­sen am Aus­bil­dungs­in­halt und Soll und Ha­ben wa­ren für sie seit der ers­ten Stun­de ein Klacks.

Ni­co­le stand auf und öff­ne­te das Fens­ter auf ih­rer Sei­te, das auf einen kla­ren blau­en Mai­him­mel ging. Von un­ten ström­te der Ge­ruch von Es­sen em­por, der Ni­co­le das Was­ser im Mund zu­sam­men­lau­fen ließ. Un­ten be­fand sich das ita­lie­ni­sche Re­stau­rant, wo das ge­sam­te Kanz­lei­team je­des Jahr im Ja­nu­ar an­stel­le ei­ner Weih­nachts­fei­er ge­mein­sam es­sen ging.

Die letz­ten Male hat­te Ni­co­le sich Es­sen von Zu­hau­se mit­ge­bracht, das sie am Abend zu­vor vor­be­rei­tet hat­te. Das Mit­tag­es­sen für heu­te hat­te sie zu Hau­se ver­ges­sen. Son­der­lich dra­ma­tisch war es nicht, da die Kanz­lei im Zen­trum der Stadt lag und man al­les krie­gen konn­te, was der Ma­gen be­gehr­te.

„Wenn Sie noch ein we­nig da­blei­ben, dann bis gleich“, rich­te­te Ni­co­le das Wort an Kla­ra Berg­mann, die frei­wil­lig Über­stun­den mach­te, wenn sie et­was nicht schaff­te. „Wenn nicht, wün­sche ich Ih­nen einen schö­nen Fei­er­abend und bis mor­gen.“

Zwei Stra­ßen wei­ter gab es eine Back­stu­be, die Ni­co­le un­re­gel­mä­ßig fre­quen­tier­te. Sie ge­sell­te sich zu der Men­schen­trau­be, die an der Am­pel auf grü­nes Licht war­te­te, und da fiel ihr die Wer­be­ta­fel auf, die im Schat­ten des Ma­ri­en­ho­tels lag. Die Ta­fel zeig­te das Ge­sicht ei­nes Man­nes über drei­ßig. Er hat­te dun­kel­blon­des, schul­ter­lan­ges Haar, einen vol­len Bart, grau­blaue Au­gen und au­ßer­or­dent­lich dich­te Brau­en, die ihm bei­na­he in die Au­g­äp­fel hin­gen. Eine tie­fe Li­nie teil­te sei­ne Stirn in Zwei und zwi­schen sei­nen Au­gen­brau­en ver­lie­fen drei ver­ti­ka­le Stri­che. Der Mund war zu­sam­men­ge­knif­fen. Der Mann wirk­te streng, hu­mor­los und – ja, tat­säch­lich – böse.

Chris­ti­an Rausch – Rechts­an­walt, Fach­an­walt für Straf­recht, Straf­ver­tei­di­ger war auf wei­ßem Grund un­ter­halb des ver­grö­ßer­ten Fo­tos zu le­sen.

Ni­co­le press­te die Lip­pen fest auf­ein­an­der, wie um Chris­ti­an Rausch nach­zu­ah­men. Amü­siert hol­te sie ihr Han­dy her­aus, fo­to­gra­fier­te die Wer­be­ta­fel ab und schick­te das Foto an eine Freun­din. Nur kurz dar­auf nahm sie eine Au­di­o­nach­richt auf: „Rechts­an­walt für Straf­recht, ha. Der Kerl sieht selbst so aus, als hät­te er je­man­den auf dem Ge­wis­sen. Die Au­gen­brau­en sind wirk­lich eine Ka­ta­s­tro­phe.“ Ni­co­le ki­cher­te und ließ ein paar wei­te­re Sprü­che vom Sta­pel, die ihr in den Sinn ka­men.

Die Am­pel sprang auf Grün und Ni­co­le ging, ge­mein­sam mit den an­de­ren, an den ste­hen­ge­blie­be­nen Au­tos vor­bei über die Stra­ße.

Mit ei­nem be­leg­ten Bröt­chen in der Hand mach­te es sich Ni­co­le an ei­nem frei­en Tisch am Fens­ter be­quem. Wäh­rend sie aß, sah sie ab und zu auf das Dis­play ih­res Han­dys. Als sie auf­sah, stand am Ein­gang zur Bä­cke­rei nie­mand Ge­rin­ge­res als Chris­ti­an Rausch.

Na so­was, dach­te Ni­co­le bei sich und ließ das Han­dy sin­ken. Ni­co­les Ver­wun­de­rung in­ten­si­vier­te sich, als er die Back­stu­be be­trat und sei­nen stren­gen Blick auf sie rich­te­te. Er vi­sier­te sie an wie ein Jä­ger, kam auf sie zu und Ni­co­le lehn­te sich zu­rück wie nach ei­nem In­stinkt han­delnd.

Chris­ti­an Rauschs Ge­sichts­aus­druck wirk­te noch bos­haf­ter als auf der Wer­be­ta­fel und für einen Mo­ment be­kam es Ni­co­le tat­säch­lich mit der Angst zu tun, weil er in per­so­na wie ein ech­ter Ver­bre­cher in er­le­se­ner Gar­de­ro­be aus­sah. Jetzt erst schluck­te sie ihr zer­kau­tes, spei­chel­um­flos­se­nes Es­sen hin­un­ter und starr­te den Mann vor sich an, der um die einen Me­ter neun­zig groß war. Ni­co­le war, als woll­te er et­was sa­gen. Doch ur­plötz­lich, als hät­te man einen He­bel um­ge­legt, wand­te er sich ab und tä­tig­te kurz dar­auf eine Be­stel­lung.

Mei­ne Güte… Was war denn bit­te das für eine Ak­ti­on ge­we­sen? Hat­te Rausch etwa mit­be­kom­men, was sie in der Au­dio an ihre Freun­din über ihn ge­sagt hat­te? Nein, das konn­te nicht sein. An­de­rer­seits war es sehr gut mög­lich, wenn man be­dach­te, dass er kurz nach ihr die Back­stu­be be­tre­ten hat­te. Viel­leicht hat­te er an der Am­pel un­mit­tel­bar hin­ter ihr ge­stan­den…

Rausch nahm sei­ne Be­stel­lung ent­ge­gen und wand­te sich Ni­co­le zu. Aber­mals mach­te er den Ein­druck, et­was sa­gen zu wol­len, doch er ent­schloss sich, wie­der­holt dar­auf zu ver­zich­ten. Er ver­ließ die Back­stu­be und Ni­co­le sank auf ih­rem Stuhl zu­sam­men. Es gab kei­nen Zwei­fel dar­an, dass er an der Am­pel hin­ter ihr ge­we­sen war und al­les ge­hört hat­te. Pein­lich be­rührt be­deck­te Ni­co­le ihre Au­gen mit der Hand. Him­mel, war­um muss­te das aus­ge­rech­net ihr pas­sie­ren?

Der Ap­pe­tit war ihr ver­gan­gen, aber weil sie hung­rig war und woll­te, dass ihr Kopf gleich funk­tio­nier­te, wenn sie den Jah­res­ab­schluss mach­te, aß sie das Bröt­chen auf. Was ge­sche­hen war, war ihr hoch­gra­dig pein­lich und un­an­ge­nehm. Soll­te sie den Rechts­an­walt bei Ge­le­gen­heit dar­auf an­spre­chen und sich bei ihm ent­schul­di­gen? Sie hät­te die Au­dio nicht auf­neh­men sol­len. Aber da­für war es nun zu spät. Wür­de eine Ent­schul­di­gung über­haupt et­was brin­gen? Wahr­schein­lich hat­te er sie in sei­nem Ge­hirn als eine ober­fläch­li­che Zie­ge ab­ge­spei­chert.

Ni­co­le seufz­te und tipp­te mit dem Fin­ger­na­gel ge­gen den Tisch. Nun, sie hat­te den Mann heu­te das ers­te Mal in vier Wo­chen ge­se­hen. Es war pu­rer, un­g­lü­ck­li­cher Zu­fall ge­we­sen, dass er sich heu­te hin­ter ihr be­fun­den hat­te, und viel­leicht wür­de sie ihn einen Mo­nat lang nicht se­hen. Chris­ti­an Rausch schien ge­fragt und viel­be­schäf­tigt zu sein. Mit Si­cher­heit wür­de er das Gan­ze nach ei­nem Mo­nat wie­der ver­ges­sen ha­ben.

§2

Eine Be­trieb­sprü­fung stand dem­nächst an und der Man­dant hat­te Ni­co­le und ih­rer Chefin am Frei­tag­nach­mit­tag einen gro­ßen Kar­ton vol­ler Ord­ner ge­bracht. Heu­te war Mon­tag und Ni­co­le stand be­reits kurz nach sie­ben vor der Kanz­lei. Mit ge­run­zel­ter Stirn such­te sie in ih­rer Ta­sche nach dem Schlüs­sel. Ni­co­le woll­te es ein­fach nicht glau­ben, dass sie ihn zu Hau­se ver­ges­sen hat­te. Wü­tend über sich selbst hock­te sie sich hin und kipp­te den ge­sam­ten In­halt der Ta­sche auf den Bo­den aus. Sli­p­ein­la­gen, Na­gel­lack, der schon längst ver­trock­net war, ein No­tiz­block mit kit­schi­gem Mo­tiv, Haus­sch­lüs­sel mit ei­ner plü­schi­gen Kat­ze als An­hän­ger und vie­le an­de­re Din­ge bil­de­ten im Nu einen klei­nen See, den Ni­co­le mit bei­den Hand­flä­chen teil­te und dann al­les ein­mal um­dreh­te. Von dem Schlüs­sel fehl­te jede Spur. Das war ihr noch nie pas­siert. Ni­co­le biss sich frus­triert auf die Lip­pe. Groß­ar­tig.

Kla­ra kam stets vier­tel vor acht. Bis da­hin war es noch eine hal­be Stun­de und Ni­co­le muss­te drin­gend zur Toi­let­te. Die Schlüs­sel für den Brief­kas­ten und die Toi­let­te, die die Kanz­lei Koch mit den an­de­ren auf der Eta­ge teil­te, la­gen auf der The­ke in der Kü­che. Der ei­ser­nen Stil­le nach zu ur­tei­len war Ni­co­le die Ers­te hier. Mög­li­cher­wei­se war sie als Ers­te über­haupt ge­kom­men. Sie wür­de zum Haupt­bahn­hof ge­hen und dort eine Toi­let­te auf­su­chen müs­sen.

Ni­co­le woll­te ge­ra­de da­mit be­gin­nen, die aus­ge­schüt­te­ten Ge­gen­stän­de miss­ge­stimmt wie­der in ihre Ta­sche zu pa­cken, als sie den Fahr­stuhl hör­te und dann das Kla­ckern von Ab­sät­zen. Es wa­ren al­ler­dings kei­ne Frau­en­schu­he, die das Kla­ckern ver­ur­sach­ten. Chris­ti­an Rausch hielt vor der Tür zu sei­ner Kanz­lei inne und sah zu Ni­co­le her­über.

Sie blin­zel­te. Dann stell­te sie fest, dass sie nach wie vor breit­bei­nig hock­te und ihr gel­ber Rock ein or­dent­li­ches Stück weit hoch­ge­rutscht war. In der einen Hand hielt sie zwei Sli­p­ein­la­gen, in der an­de­ren ih­ren Haus­sch­lüs­sel mit dem Kat­ze­n­an­hän­ger. Ni­co­le schnapp­te hör­bar nach Luft, press­te die Ober­schen­kel zu­sam­men und ver­steck­te die Ein­la­gen und den An­hän­ger hin­ter ih­rem Rü­cken, wäh­rend sie ver­such­te, auf ih­ren fla­chen Schu­hen nicht nach hin­ten zu kip­pen. Ihr Un­ter­leib be­gann zu span­nen. Schief lä­chelnd, hin­rei­chend rosa um die Nase, sag­te sie dann: „Gu­ten Mor­gen.“

„Gu­ten Mor­gen“, ant­wor­te­te der An­walt kühl und blick­te da­bei skep­tisch drein.

Weil sie es nicht mehr in der Po­si­ti­on aus­hielt, stopf­te Ni­co­le den In­halt ih­rer Hän­de seit­lich in die Ta­sche, rich­te­te sich un­be­hol­fen auf und strich ih­ren Rock glatt. „Mein Name ist Klin­ger, Ni­co­le Klin­ger. Ich ar­bei­te in der Kanz­lei Koch und habe den Kanz­leisch­lüs­sel da­heim ver­ges­sen.“

Jetzt erst be­trach­te­te sie Chris­ti­an ge­nau: Um sein Haar schlang sich im Nacken ein Zopf­gum­mi, er trug ein wei­ßes Hemd, dazu eine Kra­wat­te mit Pa­ra­gra­phen­zei­chen und dun­kel­blaue Ho­sen; über sei­ne lin­ke Arm­beu­ge hat­te er sei­nen Sak­ko ge­wor­fen.

Weil Chris­ti­an sie im­mer noch an­sah, füg­te sie zu ih­rer Er­klä­rung ner­vös hin­zu: „Das pas­siert mir für ge­wöhn­lich nicht.“ Das Herz klopf­te un­ru­hig in ih­rer Brust und sie hat­te den Ein­druck, dass er sie mit sei­nem stump­fen Blick dazu zwin­gen woll­te, sich zum Don­ners­tag zu äu­ßern. Sie hat­te nicht das Ge­fühl, dass es ein gu­ter Zeit­punkt war. Ni­co­le war nicht vor­be­rei­tet. „Ehm… Mir ist das wirk­lich sehr pein­lich, Herr Rausch, aber… könn­ten Sie mir, even­tu­ell“, Ni­co­le drucks­te kurz her­um, „die Toi­let­te auf­ma­chen?“ Ihr Ge­sicht glich ei­ner To­ma­te und sie senk­te be­schämt und mit glü­hen­den Oh­ren den Kopf.

„Ich ver­ste­he. Das kann ich ge­wiss“, er­wi­der­te Rausch wie ein Kind, das die höf­li­che In­di­rekt­heit ge­flis­sent­lich miss­ver­stand, und öff­ne­te die Tür zu sei­ner Kanz­lei, „aber ich wer­de es nicht tun. Ent­schul­di­gen Sie mich.“

Ver­wirrt starr­te Ni­co­le auf die Stel­le, wo der An­walt eben noch ge­stan­den hat­te. War das etwa sei­ne Ra­che an ihr? Nie und nim­mer wür­de sie es jetzt noch bis zum Haupt­bahn­hof schaf­fen! Nie und nim­mer!

Mit zu­sam­men­ge­press­ten, zit­tern­den Schen­keln ging Ni­co­le zum Auf­zug; an Trep­pen­stei­gen war nicht zu den­ken. Vol­ler Un­ge­duld trat sie auf der Stel­le. Ni­co­le war im Auf­zug, noch be­vor die Tü­ren voll­stän­dig auf­ge­glit­ten wa­ren. Meh­re­re Male tipp­te sie auf den Knopf mit der Let­ter E drauf und be­te­te, dass al­les gut ge­hen wür­de.

Im ge­gen­über­lie­gen­den Ho­tel bat sie die jun­ge Dame an der Re­zep­ti­on dar­um, die Toi­let­te zu be­nut­zen. Das kos­te­te Über­win­dung, es war schließ­lich ein Lu­xus­ho­tel, in wel­chem schon Schau­spie­ler und Prä­si­den­ten über­nach­tet hat­ten.

Er­leich­tert ging Ni­co­le auf die Stra­ße. Dort oben sein woll­te sie jetzt nicht. Ers­tens hat­te es kei­nen Sinn, zwei­tens woll­te sie Chris­ti­an Rausch nicht be­geg­nen, falls es ihm ein­fie­le, vor die Tür zu ge­hen. Aus die­sem Grund be­schloss Ni­co­le, einen klei­nen Spa­zier­gang zu ma­chen und ge­gen Vier­tel vor acht wie­der hier zu sein, hof­fend, dass sich Kla­ra heu­te nicht krank­mel­den woll­te.

Hat­ten Chris­ti­an ihre Wor­te tat­säch­lich der­art ge­kränkt? Sie war seit­dem nicht mit sich selbst im Rei­nen ge­we­sen. Sie ge­hör­te zu den Men­schen, die das schlech­te Ge­wis­sen wo­chen­lang ver­fol­gen konn­te. Aber blö­de Sprü­che, die wit­zig sein soll­ten, wa­ren doch kein Grund, ihr nicht die Toi­let­te zu öff­nen!

Ni­co­le blieb ste­hen und zwang sich zur Ruhe. Sie woll­te nicht dar­über nach­den­ken, so em­pört sie im Nach­hin­ein über das Ver­hal­ten des Rechts­an­walts auch sein moch­te. Sie hoff­te, dass sie und Herr Rausch nun quitt wa­ren und es kein bö­ses Blut zwi­schen ih­nen ge­ben wür­de.

§3

Ni­co­le und Chris­ti­an be­geg­ne­ten sich die rest­li­che Wo­che und am Mon­tag nicht.

Am Diens­tag roll­te Ni­co­le einen Bü­ro­wa­gen vol­ler Ord­ner Rich­tung Fahr­stuhl. Die Ord­ner muss­ten alle im Kel­ler ar­chi­viert wer­den, da­mit die Ak­ten­schrän­ke nicht mehr so über­voll wa­ren.

Der Fahr­stuhl war laut An­zei­ge im vier­ten Stock, da kam Chris­ti­an aus sei­ner Kanz­lei her­aus. Sei­ne Tür war dem Auf­zug am nächs­ten und er ent­deck­te Ni­co­le so­fort.

„Gu­ten Tag“, grüß­te sie den Rechts­an­walt und lä­chel­te ihn an. Durch den Grö­ßen­un­ter­schied von etwa drei­ßig Zen­ti­me­tern muss­te sie den brau­nen Lo­cken­kopf he­ben.

Chris­ti­an duf­te­te nach ei­ner in­ten­si­ven Kom­po­si­ti­on aus Pat­schu­li, Rose und Veil­chen. Für einen Au­gen­blick wur­de Ni­co­le ganz schum­me­rig von die­sem Duft, der zu ihr hin­über­schwapp­te. Ein schö­ner Win­ter­duft, aber an sol­chen war­men Ta­gen ein ab­so­lu­ter Na­sen­kil­ler und Kopf­schmer­zen­ver­ur­sa­cher.

Chris­ti­an, die Haa­re wie­der zum Zopf, der Bart zwar ge­pflegt, aber dicht, ganz in Schwa­rz und Weiß ge­klei­det, grüß­te halb­her­zig zu­rück. Sei­ne Pa­ra­gra­phen­kra­wat­te, an der er sich einen Nar­ren ge­fres­sen zu ha­ben schien, war wie­der mit von der Par­tie.

Erst schob Ni­co­le den Wa­gen in den Auf­zug. Chris­ti­an folg­te und be­tä­tig­te über den Wa­gen hin­weg die Tas­te ins Erd­ge­schoss. Um in den Kel­ler zu ge­lan­gen, war eine Schlüs­seldre­hung er­for­der­lich. Ni­co­le dreh­te den Schlüs­sel und drück­te auf das Un­ter­ge­schoss. Ei­gent­lich müss­te das Qua­drat jetzt rot leuch­ten. Das tat es aber nicht. Ver­wirrt wie­der­hol­te Ni­co­le die nö­ti­ge Pro­ze­dur, doch auch beim zwei­ten und beim drit­ten Mal klapp­te es nicht. Ver­är­gert zog Ni­co­le den Schlüs­sel her­aus und un­ter­such­te ihn wie ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Ar­te­fakt. Da­bei stell­te sie fest, dass der Schlüs­sel ein we­nig an­ders aus­sah als sonst. War er etwa er­neu­ert wor­den und Frau Koch hat­te ver­ges­sen, es ih­nen zu sa­gen? Muss­te sie also an­ders vor­ge­hen?

Chris­ti­ans Duft schnür­te ihr in die­sem en­gen Raum all­mäh­lich die Keh­le zu.

„Krie­gen Sie es nicht hin, gleich­zei­tig zu dre­hen und zu drü­cken, Frau Klin­ger?“

Ni­co­le zuck­te kurz zu­sam­men und schiel­te zu Chris­ti­an hin­über. Das Gan­ze war ihr auch so schon pein­lich ge­nug und der Kerl mein­te auch noch, sei­nen Senf da­zu­ge­ben zu müs­sen. Sie ver­such­te es noch ein­mal ver­geb­lich im Al­lein­gang und hör­te, wie Chris­ti­an Rausch laut, da­mit sie es ja hör­te, mit der Zun­ge schna­lz­te. Oh, sie hass­te es, wenn Men­schen das mach­ten.

Ni­co­le wand­te sich dem Rechts­an­walt zu. „Der Schlüs­sel ist neu“, sag­te sie, um einen neu­tra­len Ton be­müht. „Ich muss noch raus­fin­den, wie er fun-“

„Ge­ben Sie ihn mir“, schnitt Chris­ti­an ihr das Wort ab und streck­te die Hand­flä­che aus.

Das her­ri­sche Ge­ba­ren des Rechts­an­walts ge­fiel ihr über­haupt nicht. Plötz­lich konn­te Ni­co­le ih­ren Wunsch, sich bei ihm zu ent­schul­di­gen, und das schlech­te Ge­wis­sen, das sie ge­plagt hat­te, nicht ver­ste­hen. Den­noch gab sie ihm den Schlüs­sel­bund. Mach’s doch bes­ser, dach­te sie ge­reizt und wünsch­te, dass er schei­ter­te.

Chris­ti­an schaff­te es, dass das Qua­drat mit dem Buch­sta­ben U auf­leuch­te­te.

Mit her­un­ter­ge­klapp­ter Kinn­la­de nahm Ni­co­le den Schlüs­sel­bund wie­der ent­ge­gen.

„Wenn Sie se­hen, dass Ihr Mo­dus Pro­ce­den­di drei­mal hin­ter­ein­an­der schei­tert, soll­ten Sie sich et­was an­de­res ein­fal­len las­sen. Das ist eine Fra­ge der fun­da­men­ta­len In­tel­li­genz, über die wir Men­schen ei­gent­lich schon seit ge­rau­mer Zeit ver­fü­gen.“

Sie woll­te ihn mit sei­ner Pa­ra­gra­phen­kra­wat­te stran­gu­lie­ren. Oder ihm mit dem Um­satz­steu­er­recht in­klu­si­ve der Durch­füh­rungs­ver­ord­nung und dem An­wen­dungs­er­lass links und rechts eine scheu­ern, dass ihm Hö­ren und Se­hen ver­gin­gen. Al­ter­na­tiv das kom­men­tier­te Ein­kom­men­steu­er­recht – Haupt­sa­che et­was, das weht­at.

Der Auf­zug blieb ste­hen und Chris­ti­an ging schnel­len Schrit­tes hin­aus, ohne sich zu ver­ab­schie­den. Ni­co­le fuhr eine Eta­ge tie­fer und schob den Wa­gen wü­tend durch die Gän­ge des Kel­lers. Es war kühl und roch nach Mo­der und die­ser Ge­ruch tat gut, denn er ver­trieb Chris­ti­ans pe­ne­tran­tes Pa­r­füm aus ih­ren ar­men Na­sen­höh­len.

„Krie­gen Sie es nicht hin, gleich­zei­tig zu dre­hen und zu drü­cken, Frau Klin­ger?“, äff­te sie vor der Tür in den Kel­ler­raum Chris­ti­an Rausch nach, wäh­rend sie den Schlüs­sel­bund nach dem rich­ti­gen Schlüs­sel ab­such­te. „Ge­ben Sie mir den Schlüs­sel!“ Sie schnaub­te. „Mo­dus Pro­ce­dings­bums, eine Fra­ge der fun­da­men­ta­len In­tel­li­genz, bah!“

Ni­co­le be­gann mit der Sor­tie­rung der Ak­ten­ord­ner und po­w­er­te sich aus. Wie sie es ge­schafft hat­te, sich im Auf­zug zu be­herr­schen, wie sie es ge­schafft hat­te, ins­be­son­de­re auf sei­nen fi­na­len Kom­men­tar nichts zu­min­dest un­ter­schwel­lig Be­lei­di­gen­des zu er­wi­dern, wuss­te sie nicht.

Eine hal­be Stun­de spä­ter wa­ren Chris­ti­an und Ni­co­le wie­der ge­mein­sam im Auf­zug. Ni­co­le ver­mu­te­te, dass er bei der Bank ge­we­sen war. Die Ent­schul­di­gung konn­te Herr Rechts­an­walt ver­ges­sen, eben­so das freund­li­che Grü­ßen. Hät­te sie die­sen däm­li­chen Bü­ro­wa­gen nicht bei sich, hät­te sie die Trep­pe ge­nom­men. Ni­co­le drück­te sich de­mon­s­tra­tiv in die rech­te Ecke des Auf­zugs, als hät­te Chris­ti­an eine an­ste­cken­de Krank­heit. Chris­ti­an im Ge­gen­zug tat, als wäre sie gar nicht da.

„Die­ser däm­li­che An­walt“, mur­mel­te Ni­co­le, als sie Frau Mei­er den Ord­ner, den sie aus dem Kel­ler ho­len soll­te, auf den Tisch stell­te.

Kla­ra war ge­ra­de im Be­spre­chungs­zim­mer; ein Man­dant war zum Un­ter­schrei­ben sei­ner Ein­kom­men­steu­er­er­klä­rung ge­kom­men. Wäre Kla­ra im Raum ge­we­sen und die Tür ins Büro ih­rer Chefin nicht ge­schlos­sen, hät­te Ni­co­le ge­schwie­gen.

„Wir sind ge­mein­sam Auf­zug ge­fah­ren“, er­klär­te Ni­co­le und war froh, ih­rem in­fer­na­li­schen Är­ger Luft ma­chen zu kön­nen.

Uta Mei­er schüt­tel­te un­gläu­big den Kopf. „Da ist je­mand über­haupt nicht im Rei­nen mit sich selbst.“

„Da ist je­mand ganz schön frus­triert und un­zu­frie­den, wenn Sie mich fra­gen“, sag­te Ni­co­le und setz­te sich an ih­ren Ar­beits­platz.

§4

Als Ni­co­le zum Brief­kas­ten trat, um die Ci­ti­post zu ho­len, öff­ne­te sich die Ein­gangs­tür. Ni­co­le schau­te au­to­ma­tisch zu ih­rer Lin­ken und run­zel­te die Stirn, weil sie ein be­kann­tes Ge­sicht er­blick­te.

„Ni­co­le!“ Die blon­de Frau in knie­lan­gem Blei­stift­rock und Rü­schen­blu­se lä­chel­te breit.

„Mag­da, ist denn das zu fas­sen!“

Mag­da­le­na Bi­els­ka war eine ehe­ma­li­ge Mit­schü­le­rin von Ni­co­le. Sie wa­ren nicht be­freun­det ge­we­sen, hat­ten sich aber in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den mit­ein­an­der aus­ge­tauscht. Als sie das letz­te Mal mit­ein­an­der ge­schrie­ben hat­ten, hat­te Mag­da­le­na ein­hun­dert Ki­lo­me­ter ent­fernt Jura stu­diert und war ge­pen­delt.

Bei­de Frau­en fie­len aus al­len Wol­ken, als sie beim ge­mäch­li­chen Trep­pen­stei­gen fest­stell­ten, dass sie seit Wo­chen im glei­chen Ge­bäu­de, auf der glei­chen Eta­ge ar­bei­te­ten und den je­weils an­de­ren bis jetzt kein ein­zi­ges Mal ge­se­hen hat­ten. Sie fin­gen zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten an, hat­ten zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten Pau­se und Mag­da­le­na hat­te eine Stun­de vor Ni­co­le Fei­er­abend.

Ni­co­le woll­te in Er­fah­rung brin­gen, was mit Mag­da­le­n­as Stu­di­um pas­siert sei, doch Mag­da­le­na block­te ge­zwun­ge­ner­ma­ßen ab. „Ich will mich nicht ver­spä­ten. Will un­ger­ne raus­fin­den, was Herr Rausch von Ver­spä­tun­gen hält.“

Ni­co­le ver­dreh­te in­ner­lich die Au­gen. Wahr­schein­lich muss­te man bei Herrn Rausch einen Euro in die Kas­se le­gen, wenn man spä­ter kam.

„Wenn du Lust hast, kön­nen wir nach­her was es­sen ge­hen. Ich woll­te heu­te noch ein paar Er­le­di­gun­gen in der Stadt ma­chen. Eine Stun­de reicht mir, das passt ja. Ich könn­te di­rekt am Ein­gang auf dich war­ten.“

„Ger­ne!“

Mag­da­le­na drück­te ei­lig Ni­co­les Hand, ehe sich die bei­den trenn­ten.

Punkt sieb­zehn Uhr mach­te Ni­co­le Fei­er­abend, ver­ab­schie­de­te sich von ih­rer Chefin und traf sich un­ten mit Mag­da­le­na. Sie über­leg­ten kurz, wo­hin sie ge­hen woll­ten, und schließ­lich ent­schie­den sie sich für das ita­lie­ni­sche Re­stau­rant ne­be­n­an.

„Also“, be­gann Mag­da­le­na, als sie Platz auf ro­ten, wie mit Samt be­zo­ge­nen Stüh­len ge­nom­men hat­ten, „mein Jura-Stu­di­um habe ich ab­ge­bro­chen und habe dann eine Aus­bil­dung zur Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­ten im Kon­gress­vier­tel ge­macht. Die Aus­bil­dung habe ich vor drei Jah­ren be­en­det, habe zwei­ein­halb Jah­re im al­ten Be­trieb ge­ar­bei­tet und such­te mir dann einen neu­en Be­trieb. So bin ich zu Herrn Rausch ge­kom­men.“

„Wie ist es, für ihn zu ar­bei­ten?“, er­kun­dig­te sich Ni­co­le und fal­te­te die Spei­se­kar­te aus­ein­an­der. Sie stell­te es sich nicht son­der­lich schön vor.

„Er ist oft schlecht ge­launt. Nicht ge­reizt, er lässt es auch nicht an uns aus. Ganz ko­misch ist das… Spre­chen tut er über sein Pri­vat­le­ben gar nicht. Wir wis­sen nicht, ob er eine Part­ne­rin hat, ob er schon Kin­der hat… Wo­bei ich mir Letz­te­res nicht be­son­ders gut vor­stel­len kann. All­zu alt dürf­ten die Kin­der nicht sein, aber er bleibt ewig lan­ge im Büro und kommt manch­mal auch vor uns. Fast so, als wür­de er dort über­nach­ten.“

Der Kell­ner brach­te ih­nen ihre Ge­trän­ke in Win­desei­le und nach­dem sie von ih­rem al­ko­hol­frei­en Cock­tail ge­ni­ppt hat­te und sich ver­ge­wis­sert hat­te, dass Rausch nicht ir­gend­wo in der Nähe war, er­zähl­te Ni­co­le von den Auf­ein­an­der­tref­fen mit Chris­ti­an.

„Er hat dich nicht pin­keln las­sen? Wow, er hat sich dir ge­gen­über wirk­lich schei­ße ver­hal­ten. Zu uns ist er for­dernd und sei­nen Tote-Spra­chen- und Fremd­wort-Fim­mel könn­te er ru­hig links lie­gen las­sen, weil wir ihn stel­len­wei­se gar nicht ver­ste­hen und nach­fra­gen müs­sen. Aber er lässt sei­ne Lau­ne, wie ge­sagt, nicht an uns aus und zahlt an­ge­mes­sen. Ich schät­ze, du bist nach dem Kom­men­tar zu sei­nem Aus­se­hen bei ihm un­ten durch. We­nigs­tens ar­bei­tet ihr nicht zu­sam­men. Igno­ri­er ihn ein­fach, wenn ihr euch nicht ver­steht“, schlug Mag­da­le­na amü­siert vor und lenk­te die Un­ter­hal­tung in an­de­re Bah­nen.

Sie un­ter­hiel­ten sich über ihre Ar­beit im All­ge­mei­nen, über Män­ner – Mag­da­le­na war seit Kur­z­em Sin­gle und es fiel ihr leicht, Ni­co­les ab­weh­ren­de Hal­tung nach­zu­voll­zie­hen –, über Gott und die Welt und aßen haus­ge­mach­te Pas­ta. Ni­co­le er­zähl­te über die mor­gi­ge Be­trieb­sprü­fung. Den Man­dan­ten durf­te sie nicht nen­nen und so er­zähl­te sie nur, dass sie und ihre Chefin auf­ge­regt und auch ein we­nig an­ge­spannt sei­en. Der Prü­fer habe am Te­le­fon nett ge­klun­gen, aber das habe nichts zu sa­gen.

Die zwei Frau­en be­zahl­ten kurz nach zwan­zig Uhr.

„Ich gebe dir mal mei­ne neue Han­dy­num­mer“, sag­te Mag­da­le­na, als sie aus dem Re­stau­rant tra­ten. „Wir kön­nen uns je­der­zeit ger­ne ver­ab­re­den, wenn du magst. Auch am Wo­chen­en­de.“

Mag­da­le­na muss­te zur Bus­hal­te­stel­le, Ni­co­le zur Bahn. Sie tausch­ten eine kur­ze Um­ar­mung aus.

„Lass dich von Herrn Rausch nicht zu sehr är­gern“, riet Mag­da­le­na Ni­co­le au­gen­zwin­kernd. Dann ging sie über die Stra­ße zur Bus­hal­te­stel­le.

Ni­co­le at­me­te tief durch und sah die Ma­ri­en­stra­ße fünf hoch. Ein Fens­ter der Kanz­lei Rausch ging auf das Ma­ri­en­ho­tel. Die Vor­hän­ge wa­ren aus­ein­an­der­ge­zo­gen, Licht brann­te im Raum und Chris­ti­an Rausch trat ans Fens­ter. Ni­co­le jag­te ein un­an­ge­neh­mer Schau­er den Rü­cken hin­un­ter, als hät­te sie so­eben eine fet­te Ka­ker­la­ke in der Kü­che ent­deckt.

Rausch te­le­fo­nier­te und zog mit ei­ner Hand erst den einen, dann den an­de­ren Vor­hang zu, so als hät­te er Ni­co­le ge­se­hen und woll­te nicht, dass sie in sei­ne Kanz­lei gu­cken konn­te.

Ni­co­le dreh­te sich vom Ge­bäu­de weg und ging zum Haupt­bahn­hof. In der Bahn nahm sie nach lan­ger Zeit das Han­dy wie­der in die Hand. Sie hat­te zwei An­ru­fe von ih­rer Freun­din Anna ver­passt. Da Ni­co­le es über­haupt nicht moch­te, in der Bahn zu te­le­fo­nie­ren, und sie zu­dem un­ter­ir­disch fuh­ren, schrieb Ni­co­le Anna eine Nach­richt, in der sie nach dem Grund der An­ru­fe frag­te und von ih­rem Tref­fen mit Mag­da­le­na Bi­els­ka be­rich­te­te.

Et­was spä­ter be­trat Ni­co­le ihre Zwei­zim­mer­woh­nung. Sie warf ihre Ta­sche auf das Bett und dusch­te sich aus­gie­big. Beim Ein­cre­men ih­rer Bei­ne merk­te sie aus den Au­gen­win­keln, dass ihr Han­dy auf­leuch­te­te. Anna rief an. Ni­co­le zupf­te sich ein Kos­me­tik­tuch her­aus, wisch­te sich rasch die Hän­de ab und nahm den An­ruf ent­ge­gen. Wie Anna so war, woll­te sie al­les wis­sen, was Ni­co­le und Mag­da­le­na be­spro­chen hat­ten.

„Du hat­test vor­hin an­ge­ru­fen“, er­in­ner­te Ni­co­le Anna, nach­dem sie sich or­dent­lich über Herrn Rausch aus­ge­las­sen hat­te. „Was gab’s?“

„Ah, ja“, mach­te Anna, ki­cher­te wie ein klei­nes Mäd­chen und sag­te, ohne um den hei­ßen Brei her­um­zu­re­den: „Ich habe für dich ein Blind Date or­ga­ni­siert.“

Ni­co­le blin­zel­te. Es dau­er­te, bis sie be­griff. „D-Du hast was?“, stot­ter­te sie. „Du hast was?“

„Dir ein Blind Date or­ga­ni­siert“, wie­der­hol­te Anna wie selbst­ver­ständ­lich. „Weißt du, ich habe schon län­ger das Ge­fühl, dass du zu den Leu­ten ge­hörst, die man zu ih­rem Glück zwin­gen muss. Du bist bald vier Jah­re Sin­gle und ar­bei­test Voll­zeit. Weißt du, war­um du im­mer noch Voll­zeit ar­bei­test? Weil du kei­nen Mann hast. Wenn du einen ver­nünf­ti­gen Freund hät­test, dann wür­dest du nicht den gan­zen Tag in die­ser Kanz­lei sit­zen.“

Ni­co­le saß mit of­fe­nem Mund auf ih­rem Bett und wur­de im­mer wü­ten­der. „Bist du des Wahn­sinns“, zisch­te sie ihre Freun­din an. Anna sprach wah­re Wor­te, aber Ni­co­le woll­te ihr ge­ra­de kei­nes­falls Recht ge­ben. „Da be­steht über­haupt kein Zu­sam­men­hang. Ich ar­bei­te Voll­zeit, weil ich das möch­te. Das hat nichts da­mit zu tun, dass ich kei­nen Mann habe, son­dern da­mit, dass ich mehr Geld ver­die­nen will, und so­lan­ge ich…“

„Ach, Ni­co­le. Ich weiß es bes­ser, glaub mir.“

„Nein, das tust du nicht. Ich wer­de das Blind Date nicht wahr­neh­men, das kannst du ver­ges­sen.“ So et­was Dreis­tes hat­te Anna sich noch nie er­laubt.

„Willst du nicht ein­mal wis­sen, wie er ist? Viel­leicht ver­steht ihr euch gut. Und sag jetzt nicht, dass du das be­zwei­felst! Hör auf, so vor­ein­ge­nom­men zu sein, so wirst du dir viel­leicht dei­nen Traum­prin­zen ent­ge­hen las­sen.“

„Ja, das Sa­gen Ü-Fünf­zi­ger auch ger­ne, wenn man in der Bahn lie­ber in sein Smart­pho­ne starrt, als die Män­ner in der Ab­tei­lung ab­zuch­e­cken. Ver­giss es.“

„Haha, wirk­lich wit­zig, du hät­test Ko­mi­ker wer­den sol­len. Ich wer­de nicht ab­sa­gen. Wenn du willst, gebe ich dir sei­ne Num­mer und du kannst es selbst ma­chen.“

„SAG MA-“

„Wenn we­der du noch ich ab­sa­gen, wird er mor­gen ganz al­lei­ne am Treff­punkt sein. Der arme Kerl.“ Anna seufz­te aber­mals.

Was um al­les in der Welt war nur in Anna ge­fah­ren? Ni­co­le wuss­te, dass Anna es läs­tig fand, wenn sich Ni­co­le zu be­stimm­ten The­men, die in der Mä­dels­run­de be­spro­chen wur­den, nicht äu­ßern konn­te. Aber ein Blind Date zu or­ga­ni­sie­ren, ohne ihre Freun­din dar­über in Kennt­nis zu set­zen, ohne ihr Ein­ver­ständ­nis ein­zu­ho­len, war da­ne­ben. Lei­der kann­ten sich Ni­co­le und Anna viel zu lan­ge und Anna wuss­te, wel­che Knöp­fe sie bei ih­rer Freun­din drü­cken muss­te, um ih­ren Wil­len durch­zu­set­zen. Ni­co­le be­kam ein schlech­tes Ge­wis­sen und eine Vier­tel­stun­de spä­ter sag­te sie: „Du wuss­test doch, dass mor­gen der ers­te Tag der Be­trieb­sprü­fung ist. Hät­test du das Date nicht auf ir­gend­wann an­ders le­gen kön­nen?“

„Mor­gen? Ach Mist. Tut mir leid, ich hat­te das ganz ver­ges­sen. Ich dach­te, die ist erst nächs­te Wo­che. Oh, Ni­co­le, das tut mir so leid. Das habe ich wirk­lich ver­peilt. Aber das ist doch nicht so schlimm, oder? Es wird be­stimmt ein sehr ent­spann­ter Abend und du kannst ab­schal­ten.“

„Hm“, mach­te Ni­co­le, längst nicht über­zeugt. Wenn der Prü­fer mor­gen et­was fin­den wür­de, dann wür­de ihre Lau­ne an­schlie­ßend im Ei­mer sein. Und wenn ihre Lau­ne im Ei­mer sein wür­de, könn­te sie viel­leicht pat­zig wer­den. „Du kannst den Ter­min wirk­lich nicht ver­le­gen?“

„Bei ihm geht es nur mor­gen so gut, da­nach ist er für eine Wei­le sehr be­schäf­tigt. Also… Ob mit oder ohne Prü­fung, es wäre so­wie­so auf mor­gen hin­aus­ge­lau­fen.“

Ni­co­le leg­te sich hin und rieb sich die Na­sen­wur­zel. „Okay, mei­net­we­gen. Mei­net­we­gen. Kannst du mir ein paar Sa­chen über ihn er­zäh­len?“

„Dann ist es kein Blind Date mehr.“

„Ich bin mir ziem­lich si­cher, dass es dann trotz­dem eins ist.“

„Also gut. Er heißt Nick­las Be­cker. Er ist Ar­chi­tekt und ein Jahr jün­ger als du. Ich habe ihn beim Tan­zen ken­nen­ge­lernt. Ich fin­de ihn sym­pa­thisch, aber da ich be­setzt bin, woll­te ich ihn an dich wei­ter­rei­chen.“

Je schnel­ler ich es hin­ter mir habe, des­to bes­ser, dach­te sich Ni­co­le. Dann wür­de sie sich mit dem Ar­chi­tek­ten eben di­rekt nach der Be­trieb­sprü­fung tref­fen. Sie hat­te es bis jetzt oft ge­nug ge­schafft, sich nach ei­nem ner­ven­auf­rei­ben­den Ar­beits­tag zu­sam­men­zu­rei­ßen. Mor­gen wür­de ihr das si­cher auch ge­lin­gen.

§5

Die Be­trieb­sprü­fung fing gut an. Aber ab der Mit­tags­pau­se be­gann der Prü­fer, un­zäh­li­ge Un­stim­mig­kei­ten zu fin­den, und ließ ent­we­der Ni­co­le oder Frau Koch zu sich ru­fen, um über sei­ne Fun­de zu spre­chen.

Wie es aus­sah, wür­de die vom Man­dan­ten ge­führ­te Kas­se kom­plett ver­wor­fen wer­den müs­sen. Und das be­deu­te­te, dass sie alle eine Schät­zung er­war­te­te. Aber die Kas­se war nicht das ein­zi­ge Pro­blem und Ni­co­le hat­te gro­ße Angst, dass der Prü­fer wei­te­re Sa­chen fin­den könn­te, die nicht in Ord­nung wa­ren. Es war nicht Ni­co­les Schuld und auch nicht die Schuld ih­rer Chefin. Den­noch war den bei­den angst und ban­ge, um den Man­dan­ten, mit dem sie schon lan­ge zu­sam­me­n­a­r­bei­te­ten.

Ni­co­le war schlecht ge­launt und hat­te über­haupt kei­ne Lust auf das Blind Date. Ab­sa­gen war al­ler­dings nicht drin und so mach­te sich Ni­co­le auf der Toi­let­te ein we­nig frisch, be­vor sie los­ging. Auf dem Weg zur Mar­kus­kir­che, wo sie den Ar­chi­tek­ten tref­fen soll­te, dach­te Ni­co­le an die schö­nen Din­ge des Le­bens und ihre Lau­ne hob sich ein we­nig.

Ni­co­le und Nick­las, der auf ei­ner Bank ge­war­tet hat­te, er­kann­ten sich pro­blem­los. Er war ein schlan­ker Mann mit sanf­ten Ge­sichts­zü­gen, brau­nen Au­gen und dun­kel­blon­dem Haar. Die Op­tik stimm­te. Aber ent­ge­gen des­sen, was Chris­ti­an Rausch al­ler Wahr­schein­lich­keit nach dach­te, war Op­tik für Ni­co­le längst nicht al­les.

„Ich dach­te, wir könn­ten viel­leicht in den Eis­la­den in der Alt­stadt“, schlug Nick­las vor.

„Hört sich gut an“, sag­te Ni­co­le lä­chelnd. „Du und Anna kennt euch also vom Tan­zen?“

„Ja, also…“

Wie Ni­co­le fest­stell­te, re­de­te Nick­las viel und ger­ne – über sich. Er gab Ni­co­le nicht die Zeit, auf sein Ge­sag­tes ein­zu­ge­hen oder Fra­gen zu stel­len. Erst dach­te Ni­co­le, dass das von ei­ner mög­li­chen Auf­re­gung kom­men könn­te. Im Eis­la­den, nach­dem sie einen Ba­na­nen- und einen Scho­ko­la­den­be­cher be­stellt hat­ten, wur­de klar, dass Nick­las ein­fach ego­zen­trisch war. Mitt­ler­wei­le wuss­te sie, was er in sei­ner Frei­zeit mach­te, was sei­ne Lieb­lings­se­ri­en, Lieb­lings­fil­me und -rei­se­zie­le wa­ren, aber er wuss­te nur, wie sie hieß und was sie be­ruf­lich mach­te. Für mehr schien er sich auch nicht zu in­ter­es­sie­ren.

„Du bist Steu­er­fach­an­ge­stell­te, nicht wahr?“

Ni­co­le glaub­te schon, er woll­te mehr über ihre Per­son in Er­fah­rung brin­gen, doch Nick­las re­de­te ein­fach wei­ter: „Im Mo­ment wer­den Steu­er­fach­an­ge­stell­te über­all ge­sucht, aber ir­gend­wann wird gar kein Be­da­rf an die­sen Men­schen be­ste­hen. Der Be­ruf ist nicht so si­cher, wie vie­le mei­nen. Ir­gend­wann wer­den An­ge­stell­te wie du kom­plett von Ma­schi­nen er­setzt wer­den. Falls du eine Zu­kunft auf dem Ar­beits­markt willst, soll­test du dich wirk­lich schnellst­mög­lich wei­ter­bil­den oder dir einen ganz an­de­ren Be­ruf su­chen.“

Ni­co­le koch­te vor Wut. Die schlech­te Lau­ne über den Ver­lauf der Be­trieb­sprü­fung kam hoch und misch­te sich mit der Auf­re­gung über die­sen da­her­ge­lau­fe­nen Ar­chi­tek­ten­fle­gel, der ihr ihre Ar­beit ma­dig ma­chen woll­te. „Ich lie­be mei­nen Be­ruf“, sag­te sie auf­ge­bracht. Sie fisch­te ihr Por­te­mon­naie aus der Ta­sche, klatsch­te Mün­zen auf den Tisch und schob sie zum ver­dutz­ten Nick­las hin­über, ehe sie auf­stand.

„Schö­nen Tag noch!“ Ni­co­le ging und Nick­las hielt sie nicht ein­mal auf, so sehr hat­te sie ihn über­rum­pelt. Ei­ni­ge Schau­lus­ti­ge reck­ten Ni­co­le die Köp­fe nach.

So­bald sie den Eis­la­den ver­las­sen hat­te, nahm Ni­co­le eine kur­ze, aber aus­sa­ge­kräf­ti­ge Au­di­o­nach­richt an Anna auf: „Dass du mir nie wie­der ir­gend­ein Blind Date or­ga­ni­sierst.“

§6

Am Don­ners­tag stand vor dem Auf­zug ein Mann mit glän­zen­dem, zu­rück­ge­gel­tem Haar. Er hät­te in ei­nem Ma­fi­a­film mit­spie­len kön­nen. Sein Ge­sicht zier­te eine gro­ße Na­r­be, die sich von sei­nem lin­ken Ohr über sei­ne spit­ze Nase hin­weg bis zum rech­ten Ohr streck­te. Im rech­ten Ohr­läpp­chen schim­mer­te ein Ohr­ring.

Ni­co­le woll­te einen Bo­gen um ihn ma­chen, doch er sprach sie an und hielt ihr eine Vi­si­ten­kar­te hin:

Rechts­an­walt | Fach­an­walt für Straf­recht | Straf­ver­tei­di­ger

Chris­ti­an Rausch

- Ga­ran­tiert kein Links­an­walt! –

„Das ist fünf­te Stock, ja?“, frag­te der Mann in ge­bro­che­nem Deutsch.

Ni­co­le nick­te. „Ich fah­re auch in den fünf­ten“, sag­te sie, als sich der Mann be­dank­te und sich um­sah. Es käme ko­misch, jetzt noch die Trep­pe zu neh­men.

Ni­co­le über­leb­te die Auf­zug­fahrt und wink­te dem Mann, der bei Herrn Rausch einen Ter­min hat­te, zum Ab­schied zu. Hof­fent­lich war sie so­eben nicht mit ei­nem Mör­der Auf­zug ge­fah­ren.

Kla­ra war in der Kü­che. Sie hat­te Tee ge­kocht und ließ die Ther­mo­s­kan­ne of­fen, da­mit der Tee ab­kühl­te. „Gu­ten Mor­gen, Frau Klin­ger! Der Be­trieb­sprü­fer ist heu­te auch da, oder?“

„Gu­ten Mor­gen“, er­wi­der­te Ni­co­le. „Ja, Herr Noll ist heu­te da. Mor­gen nicht, da­für nächs­te Wo­che wie­der. Er ar­bei­tet sehr ge­nau. Schlecht für uns, aber er nimmt sei­ne Ar­beit ernst und da­vor habe ich gro­ßen Re­spekt.“

Ni­co­le setz­te sich in ih­ren Stuhl, ließ den PC hoch­fah­ren und mel­de­te sich an.

Der Be­trieb­sprü­fer wur­de ge­gen halb neun von Ni­co­le empfan­gen und ins Be­spre­chungs­zim­mer ge­führt. Kla­ra mach­te ihm Kaf­fee und leg­te auf die Un­ter­tas­se Kek­se dazu. Ob Herr Noll Kla­ra ge­fiel oder sie nur da­für sor­gen woll­te, dass er sich hier wohl­fühl­te und es mensch­lich Plus­punk­te gab, wuss­te Ni­co­le nicht zu sa­gen. Kla­ra schwärm­te nicht von Herrn Noll, was sonst ihre Art war. Mög­li­cher­wei­se schwärm­te sie nicht pu­blik, weil er bis zum Ende der Be­trieb­sprü­fung im Grun­de ihr al­ler Geg­ner war.

Kla­ra te­le­fo­nier­te mit ei­nem Man­dan­ten und Frau Mei­er be­sprach et­was hin­ter ver­schlos­se­ner Tür mit Frau Koch, als es an der Tür klin­gel­te. So­weit Ni­co­le wuss­te, hat­te Frau Koch nichts be­stellt und im Ka­len­der war kein Man­dan­ten­be­such ein­ge­tra­gen. Viel­leicht woll­te je­mand sei­ne Un­ter­la­gen ab­ge­ben.

Ga­ran­tiert-kein-Links­an­walt Chris­ti­an Rausch stand vor ihr, als sie auf­mach­te. Sie starr­te ihn an, als wäre er ganz plötz­lich vor ihr auf­ge­taucht wie ein ma­gi­sches We­sen.

„Wäre Frau Mar­ti­na Koch für einen Au­gen­blick zu spre­chen?“

Ni­co­le fass­te sich wie­der und ging zur Sei­te, da­mit Chris­ti­an ein­tre­ten konn­te. Sie sprach zu ihm wie zu ei­nem ge­wöhn­li­chen Man­dan­ten: „Sie ist ge­ra­de in ei­nem Mit­a­r­bei­ter­ge­spräch. Sie kön­nen ger­ne Platz im War­te­zim­mer neh­men und ich sage Frau Koch Be­scheid, dass Sie da sind, Herr Rausch. Kann ich schon aus­rich­ten, wor­um es geht?“

„Nein, dan­ke.“

Was will der denn hier?, dach­te Ni­co­le sich, als sie bei Frau Koch klopf­te und gleich da­nach die Klin­ke her­un­ter­drück­te.

„Herr Rausch möch­te mit Ih­nen spre­chen“, in­for­mier­te sie ihre Chefin über die Tür­schwel­le, wor­auf­hin sich Frau Koch und Frau Mei­er einen ver­wun­der­ten Blick zu­wa­r­fen.

Ni­co­le zuck­te die Ach­seln. „Er woll­te mir nicht sa­gen, was er be­re­den möch­te.“

Zehn Mi­nu­ten spä­ter wuss­te Ni­co­le Be­scheid: Er hat­te wis­sen wol­len, wel­ches IT-Un­ter­neh­men die Kanz­lei Koch be­treu­te und wie viel sie für den Ser­vice zahl­ten.

„Könn­ten Sie das bit­te zu Herrn Rausch brin­gen?“, frag­te Frau Koch und drück­te Ni­co­le einen Um­schlag in die Hand.

Ni­co­le konn­te nicht nein sa­gen.

Ge­ra­de woll­te sie klin­geln, da wur­de die Tür ge­öff­net. Es war Chris­ti­an, der of­fen­bar auf dem Weg zur Toi­let­te war.

„Frau Ko-“

„Ge­ben Sie den Um­schlag bit­te ei­nem mei­ner Mit­a­r­bei­ter.“ Und dann schloss die­ser Mist­kerl tat­säch­lich die Tür.

Ni­co­le blieb drau­ßen ste­hen wie ein Hund, der nicht ins In­ne­re durf­te, und starr­te das Kanz­lei­lo­go an, so als woll­te sie von ihm die Er­klä­rung für Chris­ti­ans schä­bi­ges Ver­hal­ten er­hal­ten. Die­ser Mann hat­te ent­we­der kei­ne gute Er­zie­hung ge­nos­sen oder hass­te sie ab­grund­tief und woll­te sie zum Nar­ren hal­ten. Gut, die An­ti­pa­thie be­ruh­te zwei­fels­oh­ne auf Ge­gen­sei­tig­keit. Aber sie hat­te ihm die Tür nicht vor der Nase zu­ge­schla­gen.

Ni­co­le dreh­te sich um und war­te­te auf Chris­ti­ans Rü­ck­kehr.

Er war über­rascht, sie samt dem Um­schlag auf der Will­kom­mens­mat­te vor­zu­fin­den.

„Ich sag­te Ih­nen doch, Frau Klin­ger, dass Sie den Um­schlag ei­nem mei­ner Mit­a­r­bei­ter ge­ben sol­len“, sag­te er streng und be­trach­te­te sie ganz ge­nau, wie um hin­ter eine ge­hei­me Ab­sicht ih­rer­seits zu kom­men.

„Ja, das ha­ben Sie ge­sagt“, er­wi­der­te Ni­co­le be­bend. „Sie schei­nen kei­ne gute Kin­der­stu­be ge­nos­sen zu ha­ben. Man schlägt ei­ner Per­son nicht die Tür vor der Nase zu. Au­ßer viel­leicht, wenn es zum drit­ten Mal hin­ter­ein­an­der die Zeu­gen Je­ho­vas sind. Das ist eine Fra­ge fun­da­men­ta­len An­stands, über den wir Men­schen ei­gent­lich seit ge­rau­mer Zeit ver­fü­gen. Ich fin­de Ihr Ver­hal­ten mir ge­gen­über nicht gut und füh­re es auf mei­ne scherz­haf­ten Be­mer­kun­gen zu Ih­rem Äu­ße­ren zu­rück. Sie schei­nen mir sehr nach­tra­gend zu sein.“

Er mach­te den Mund auf und Ni­co­le fühl­te sich an den Tag zu­rück­er­in­nert, an dem sie ihn das ers­te Mal in per­so­na ge­se­hen hat­te, in der Back­stu­be. Die­ses Mal je­doch sag­te er et­was. „Ich wür­de Sie bit­ten, zur Sei­te zu ge­hen.“

Ni­co­le dach­te gar nicht dar­an. Sein Ver­such, sich aus der Kon­ver­sa­ti­on her­aus­zu­ma­nö­vrie­ren, mach­te sie nur wü­ten­der. „Nein. Nicht, be­vor wir nicht die Fron­ten ge­klärt ha­ben.“

Chris­ti­an starr­te sie un­ver­wandt an und schwieg mit zu­sam­men­ge­knif­fe­nen Lip­pen. Ni­co­le glaub­te, dass er den Mund nie­mals wie­der in ih­rer Ge­gen­wart auf­ma­chen wür­de, da sag­te er: „Ich habe nicht den En­thu­si­as­mus dazu, in Di­a­log mit ei­ner ein­fa­chen, ober­fläch­li­chen Steu­er­fach­an­ge­stell­ten zu tre­ten.“ Er schnapp­te ihr den Brief aus der Hand. „Ge­hen Sie zu­rück in die Kanz­lei und wursch­teln Sie sich wei­ter durch Ihre Auf­trä­ge durch, an­statt je­man­den zu be­leh­ren, de-“

Vor Nick­las hat­te sie sich zu­sam­men­ge­ris­sen. Vor Chris­ti­an Rausch schaff­te sie es nicht. „Sie, Sie…“ Ihre Stim­me zit­ter­te ob der tie­fen Krän­kung, die sie ge­ra­de er­fah­ren hat­te, ihre Au­gen fun­kel­ten ihr Ge­gen­über zor­nig an. Wes­halb mein­te je­der da­her­ge­lau­fe­ne Idi­ot ei­gent­lich, sol­che Kom­men­ta­re zu ih­rer Ar­beit ma­chen zu müs­sen?

Chris­ti­an sah sie fra­gend, bei­na­he her­aus­for­dernd an.

Sie woll­te ihn be­lei­di­gen, ihr Ge­hirn such­te ver­zwei­felt nach ei­nem Wort, das zwar nicht un­ter die Gür­tel­li­nie ging, ihn aber tref­fen könn­te, und schließ­lich spie Ni­co­le aus: „Sie däm­li­cher Links­an­walt, Sie! Was er­lau­ben Sie sich ei­gent­lich?! Ers­tens ist die Aus­bil­dung zum Steu­er­fach­an­ge­stell­ten eine der schwie­rigs­ten Aus­bil­dun­gen in Deut­sch­land.“ Sie trat auf ihn zu und bohr­te ihm den Zei­ge­fin­ger in die Brust. Im Af­fekt war sie kein Stück von sei­ner Kör­per­grö­ße ein­ge­schüch­tert und auch sei­nem Duft hielt sie tap­fer stand. „Zwei­tens wurscht­le ich nicht, son­dern weiß ganz ge­nau, was ich tun muss und wie ich es tun muss! Drit­tens: Die­se ein­fa­che, ober­fläch­li­che Steu­er­fach­an­ge­stell­te, die ei­gent­lich gar nicht so ober­fläch­lich ist, son­dern nur ein biss­chen wit­zig sein woll­te, wird dem­nächst ih­ren Steu­er­fach­wirt an­tre­ten und, wenn sie Lust hat, ih­ren Steu­er­be­ra­ter oben drauf! Ganz ohne Stu­di­um, hö­ren Sie?! Sie elen­der Ju­rist, Sie! Vier­tens: Ich fin­de Ihre Kra­wat­te ein­fach da­ne­ben! Und vier­tens… Nein, fünf­tens: Mei­ne Güte, Sie sind wirk­lich der furcht­bars­te Mensch, der mir je un­ter die Au­gen ge­kom­men ist! Und ich, ich woll­te mich noch ent­schul­di­gen, pah! Wis­sen Sie was, Herr Rausch? Neh­men Sie ihr Mo­dus Pro­ce­te-“

„Mo­dus Pro­ce­den-“

„… Und sche­ren Sie sich zum Teu­fel!“ Ni­co­le schnaub­te wie ein wü­ten­der Stier, be­vor sie ihre Füße stap­fend in Be­we­gung brach­te.

Ge­räusch­voll schloss sie die Kanz­lei­tür und lehn­te sich da­ge­gen. Ihr Brust­korb vi­brier­te, die Na­sen­flü­gel flat­ter­ten, ihr war warm, un­er­träg­lich warm und sie ließ die letz­ten fünf Mi­nu­ten Re­vue pas­sie­ren.

Sie be­reu­te al­les, was sie ge­sagt hat­te. Al­les. An­de­rer­seits fand sie aber, dass Chris­ti­an es ver­dient hat­te.

§7

„Das hast du wirk­lich al­les ge­sagt?“, frag­te Mag­da­le­na un­gläu­big nach.

Ni­co­le nick­te und spieß­te einen ka­ra­mel­li­sier­ten Zie­gen­kä­se­ta­ler mit der Ga­bel auf. „Ja. Da­bei habe ich ei­gent­lich nicht vor, den Fach­wirt und den StB zu ma­chen...“

„Fach­wirt ist kei­ne schlech­te Idee, Ni­co­le. Du hät­test jetzt die Zeit dazu und ich kann mir gut vor­stel­len, dass dei­ne Chefin einen Teil der Kos­ten über­nimmt.“

Ni­co­le mur­mel­te et­was Un­ver­ständ­li­ches. Be­stimmt hass­te Chris­ti­an sie jetzt noch mehr als zu­vor. „Gott, wie froh ich bin, dass er und ich ein­an­der nicht täg­lich be­geg­nen. Ich muss mich heu­te auf­ge­führt ha­ben wie eine Pa­ra­no­i­de, weil ich im­mer si­cher­ge­hen woll­te, dass er nicht ir­gend­wo rum­steht, wo ich vor­bei will.“

„Wir ver­mu­ten mitt­ler­wei­le, dass er pri­vat Pro­ble­me hat und es ein­fach an den Falschen aus­lässt. Nicht un­be­dingt an uns und vor al­lem nicht an den Man­da­ten, schließ­lich brin­gen die Geld. Aber… an dir. Und er ist wahr­schein­lich tat­säch­lich recht nach­tra­gend.“ Mag­da­le­na wirk­te, als woll­te sie sich für ih­ren Chef ent­schul­di­gen. „Ich kann mir gut vor­stel­len, dass er zu dir nichts mehr sa­gen wird. Viel­leicht hast du ihn mit dei­ner An­spra­che ein we­nig wach­ge­rüt­telt, wenn er dir nichts hin­ter­her­ge­wor­fen hat. Wer weiß?“

„Oder er wird mehr sa­gen als zu­vor und ich habe nur Öl ins Feu­er ge­gos­sen. Mann, bin ich froh, dass es der Be­trieb­sprü­fer nicht mit­be­kom­men hat. Zu­min­dest wirk­te er nicht so. Das Be­spre­chungs­zim­mer liegt näm­lich qua­si ge­gen­über eu­rer Kanz­lei und die Wän­de sind nicht die dicks­ten, wenn man, na ja, schreit.“

Zur Freu­de al­ler hat­te der Be­trieb­sprü­fer nichts mehr ge­fun­den. Er war ges­tern gu­ter Lau­ne ge­we­sen. Am Ziel wa­ren sie al­ler­dings noch nicht.

„Mach dir kei­nen Kopf“, ver­such­te Mag­da­le­na, Ni­co­le auf­zu­mun­tern. Sie sah auf ihre Arm­band­uhr. In ei­ner hal­b­en Stun­de fing der Film an, für den sie sich nach lan­gem Hin und Her ent­schie­den hat­ten: ein Gru­sel­film. Von an­de­ren Ki­no­be­su­chern war er gut be­wer­tet wor­den. Es war lan­ge her, dass Ni­co­le einen Gru­sel­film ge­se­hen hat­te. Da­mals zu­min­dest hat­te sie kei­ne Pro­ble­me da­mit ge­habt, nach so ei­nem Film ein­zu­schla­fen. Es war ein Film – war­um soll­te sie sich nach des­sen Ende ängs­ti­gen?

Ni­co­le und Mag­da­le­na deck­ten sich nach Ab­ho­len der Kar­ten mit Pop­corn und Cola ein und such­ten das Kino Num­mer acht auf. Sie fan­den ihre Plät­ze schnell und un­ter­hiel­ten sich bis zum Film­be­ginn.

Der ein­ein­halb­stün­di­ge Film ent­pupp­te sich als zu viel für Ni­co­le und sie war dank­bar da­für, dass es dun­kel war und nie­mand ihr angst­er­füll­tes Ge­sicht se­hen konn­te. Noch nie hat­te sie bei ei­nem Gru­sel­film so viel Angst ge­habt. Sie war es nicht mehr ge­wohnt, sol­che Fil­me zu schau­en. Das of­fe­ne Ende war kein Grund zum er­leich­ter­ten Aus­at­men. Ni­co­le schluck­te und zuck­te zu­sam­men, als Mag­da­le­na sie von der Sei­te an­tipp­te.

„Al­les okay mit dir?“

„J-Ja, al­les okay“, er­wi­der­te Ni­co­le. „Ich bin nur müde. Ist et­was her, dass ich so lan­ge auf ge­we­sen bin.“ Das war nicht ein­mal ge­lo­gen. Sie ging nur noch sel­ten nach zwei­und­zwan­zig Uhr ins Bett.

Mag­da­le­na stand auf. „Es wird be­stimmt einen zwei­ten Teil ge­ben. Wol­len wir den zu­sam­men schau­en?“

„Mhm“, mach­te Ni­co­le un­si­cher. „Viel­leicht, viel­leicht.“

Die bei­den Frau­en ver­lie­ßen den Ki­no­saal; es war kurz nach drei­und­zwan­zig Uhr. Ni­co­le war voll, trä­ge und als sie an ei­ner Am­pel stan­den, hät­te sie sich am liebs­ten auf die Stra­ße ge­legt und wäre dort ein­ge­schla­fen. Mag­da­le­n­as Bus fuhr auch um die­se Zeit und so en­de­ten die bei­den Frau­en in der Ma­ri­en­stra­ße. Ni­co­le war­te­te ge­mein­sam mit Mag­da­le­na vier Mi­nu­ten an der Bus­hal­te­stel­le, um­arm­te sie zum Ab­schied und woll­te ih­ren mü­den Kör­per zum Haupt­bahn­hof schlei­fen, als ihr auf­fiel, dass ein Fens­ter der Kanz­lei Koch weit of­fen stand.

„Oh nein“, mur­mel­te Ni­co­le. Hat­te ihre Chefin ver­ges­sen, das Fens­ter zu­zu­ma­chen? Frau Koch kam manch­mal an Sams­ta­gen und auch an Sonn­ta­gen in die Kanz­lei. Die­sen Sams­tag und Sonn­tag, das wuss­te Ni­co­le, war Frau Koch nicht da, da sie ge­mein­sam mit ih­rem Mann zu ih­ren El­tern ge­fah­ren war.

Ni­co­le biss sich auf die Lip­pe. Das Fens­ter war of­fen und sie hat­te den Schlüs­sel da­bei. Aber sie war so müde und ge­ra­de auch ver­dammt lust­los. Wie­der­um wür­de sie sehr un­ver­ant­wort­lich han­deln, wenn sie dem ge­öff­ne­ten Fens­ter ein­fach den Rü­cken zu­kehr­te. Wer wuss­te schon, was am Wo­chen­en­de ge­sche­hen könn­te? Ni­co­le be­schloss, lie­ber auf Num­mer si­cher zu ge­hen.

Im fünf­ten Stock an­ge­kom­men, mach­te Ni­co­le das Licht an und muss­te erst die Tür zum Eta­gen­flur öff­nen. Ein we­nig mul­mig war ihr schon zu­mu­te, um solch spä­te Stun­de al­lei­ne in die­sem Ge­bäu­de un­ter­wegs zu sein. Vor al­lem nach ei­nem Gru­sel­film.

In der Kanz­lei mach­te sie das Fens­ter zu und kon­trol­lier­te alle Räu­me. „Gut“, sag­te Ni­co­le, als sie vor die Tür trat. Sie schloss die Kanz­lei ab und woll­te zum Auf­zug, da be­merk­te sie, dass die Tür zur Kanz­lei Rausch einen Spalt­weit of­fen stand. Vor­hin hat­te sie es ver­mie­den, das Logo an­zu­schau­en, die Tür muss­te da aber be­reits of­fen ge­we­sen sein.

Ni­co­le war un­ru­hig. Herr Rausch war be­stimmt als Letz­ter ge­gan­gen. Hat­te er also ver­ges­sen, die Tür or­dent­lich zu­zu­ma­chen? War er in Eile ge­we­sen? Chris­ti­an mach­te einen zu pe­dan­ti­schen Ein­druck, als dass er so et­was ver­ges­sen könn­te.

Ni­co­le woll­te die Tür ge­ra­de ins Schloss fal­len las­sen, da hör­te sie drin­nen, aus dem Dunk­len, einen dump­fen Laut. Wie vom Don­ner ge­rührt, die Hand an der Tür­klin­ke, stand Ni­co­le mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen da. Hat­te sie das ge­ra­de wirk­lich ge­hört? Oder wa­ren das die Nach­wir­kun­gen des Gru­sel­films? Ni­co­le schluck­te an­ge­strengt den Kloß in ih­rem Hals hin­un­ter. Soll­te sie die Po­li­zei ru­fen? Und was, wenn es für das Ge­räusch eine ein­fa­che Er­klä­rung gab? Wenn nie­mand ein­ge­bro­chen war und sie die Po­li­zei ru­fen wür­de, käme sie sich däm­lich vor.

Ni­co­le sperr­te die Oh­ren weit auf und lausch­te. Drin­nen war es still. In ih­rer Ta­sche tas­te­te Ni­co­le so laut­los wie nur mög­lich nach Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, für den Fall der Fäl­le. Es war zwar kein Pfef­fer­spray, brann­te aber herr­lich auf der Netz­haut, wenn die Au­gen da­mit in Kon­takt ka­men. Ni­co­le at­me­te tief durch wie vor ei­ner Mut­pro­be und ging hin­ein.

Es war stock­dus­ter. Sie konn­te die ei­ge­ne Hand vor Au­gen nicht se­hen und tas­te­te des­halb nach dem Licht­schal­ter an der Wand. Ein­bau­leuch­ten in der De­cke flu­te­ten den in Erd­fa­r­ben ge­hal­te­nen Flur mit grel­lem Licht. Hof­fent­lich wür­de Chris­ti­an nie er­fah­ren, dass sie in sei­ner Kanz­lei ge­we­sen war. Ihm wür­de das be­stimmt nicht schme­cken.

Ni­co­le ging am War­te­zim­mer vor­bei und woll­te ge­ra­de in den Ar­beits­raum ein­bie­gen, als hin­ter ihr ein tie­fes Grum­meln er­tön­te. Ni­co­le ge­fror auf der Stel­le und auch wenn es eine bes­se­re Idee ge­we­sen wäre, die Bei­ne in die Hand zu neh­men, blieb sie wie an­ge­wur­zelt ste­hen. Ir­gend­je­mand war hier. Ir­gend­je­mand war tat­säch­lich hier! Sie muss­te die Po­li­zei ru­fen. Sie muss­te…

Ein Ra­scheln er­tön­te, dann das Ge­räusch ei­nes kunst­le­der­be­spann­ten So­fas, das das Ge­wicht ei­nes Kör­pers frei­gab. Ni­co­les Herz häm­mer­te un­kon­trol­liert in ih­rer Brust. Sie war starr vor Angst, konn­te nur ent­setzt mit den Lip­pen zit­tern und das Des­in­fek­ti­ons­mit­tel fiel ihr aus der Hand.

Eine gro­ße Ge­stalt hat­te sich vom Sofa er­ho­ben und be­weg­te sich schwan­kend auf sie zu. Lan­ge Fin­ger leg­ten sich auf den Tür­rah­men und ins Licht trat, die Au­gen schein­bar ver­är­gert zu­sam­men­ge­knif­fen, Chris­ti­an Rausch. Sein Haar war of­fen und zer­zaust, die Pa­ra­gra­phen­kra­wat­te lo­cker und in sei­nem Ge­sicht hat­te er eine Viel­zahl an Bles­su­ren. Am auf­fäl­ligs­ten war eine klei­ne, blu­ti­ge Wun­de auf sei­ner Stirn.

Ni­co­les Lip­pen hör­ten auf zu zit­tern.

Chris­ti­an sah sie mit sei­nen gla­si­gen Au­gen an, die sich nur lang­sam an das Licht ge­wöhn­ten. Er blin­zel­te, als wäre sie le­dig­lich eine Er­schei­nung, die ver­schwin­den könn­te. Aber Ni­co­le ver­schwand nicht. Chris­ti­an schmatz­te und nick­te. „Frau Klin­ger“, stell­te er mit schwe­rer Stim­me fest und lehn­te sich ge­gen den Tür­rah­men. „Sie sind es.“

Ni­co­le roch Al­ko­hol. „Sie sind ver­letzt… und be­trun­ken“, kon­sta­tier­te sie er­schro­cken.

Es ver­gin­gen viel­leicht Mi­nu­ten, in de­nen die bei­den ein­an­der ge­gen­über­stan­den. Was Chris­ti­an durch den Kopf ging, ob ihm über­haupt et­was durch den Kopf ging, konn­te Ni­co­le nicht sa­gen. Chris­ti­an schna­lz­te mit der Zun­ge, lös­te sich schwer­fäl­lig vom Tür­rah­men und tor­kel­te zu­rück ins licht­lo­se War­te­zim­mer.

Ver­un­si­cher­te starr­te Ni­co­le ins Lee­re. Der Schre­cken war von ihr ge­fal­len, aber hin­ter ih­rer Stirn jag­te eine Fra­ge die nächs­te: Wie­so war Chris­ti­an um die­se Uhr­zeit in sei­ner Kanz­lei und das auch noch be­trun­ken? Hat­te Mag­da­le­na recht und er hat­te wo­mög­lich pri­vat mit Pro­ble­men zu kämp­fen, wes­halb er sich in die Kanz­lei flüch­te­te? Sie fuhr zu­sam­men, als Fla­schen klirr­ten und Chris­ti­an fluch­te. Mit ei­nem Mal fiel die üb­rig ge­blie­be­ne Star­re von ih­ren Glie­dern ab. Ni­co­le mach­te einen mu­ti­gen Satz nach vor­ne und schal­te­te das Licht im War­te­zim­mer ein.

Stöh­nend schob Chris­ti­an sei­nen Arm vor die Au­gen. Er lag mit an­ge­win­kel­ten Bei­nen auf dem Sofa; da­vor la­gen vier brau­ne Fla­schen, die er um­ge­sto­ßen hat­te, und auf dem Bei­stell­tisch, der mit Zei­tun­gen und Ma­ga­zi­nen über­häuft war, stand eine noch halb­vol­le Bier­fla­sche.

Ni­co­le schüt­tel­te den Kopf und über­leg­te, ob sie ein­fach ge­hen soll­te. Viel­leicht wür­de er schon mor­gen ver­ges­sen ha­ben, dass sie da ge­we­sen war, oder er wür­de den­ken, dass er ge­träumt hat­te. Aber Ni­co­le blieb. Der An­blick von Chris­ti­an Rausch war mit­lei­der­re­gend, auch wenn zwi­schen ih­nen bö­ses Blut herrsch­te. „Herr Rausch?“

Er dreh­te sich auf die Sei­te, ihr den Rü­cken zu­keh­rend, und stöh­ne aber­mals, weil die Wun­de, kaum das Sofa be­rüh­rend, eine Schmer­zens­wel­le durch sei­nen Schä­del schick­te. Chris­ti­an hat­te wohl ver­ges­sen, dass die Wun­de da war. Ge­zwun­ge­ner­ma­ßen setz­te sich Chris­ti­an hin, nach­dem er un­zäh­li­ge Lie­g­e­po­si­ti­o­nen aus­pro­biert hat­te.

Die Bles­su­ren wa­ren frisch. Hat­te er sich selbst mit ei­ner Bier­fla­sche eine über­ge­bra­ten? Glass­plit­ter konn­te Ni­co­le nir­gend­wo ent­de­cken. Ei­gent­lich sah es so aus, als wäre er das Op­fer ei­ner Prü­gel­at­ta­cke ge­wor­den. „Sie ha­ben be­stimmt ir­gend­wo einen Ers­te-Hil­fe-Kas­ten“, sag­te Ni­co­le und mit ei­nem Mal wirk­te die ge­sam­te Si­tua­ti­on un­end­lich sur­re­al. Sie. Er. Hier. Um die­se spä­te Stun­de.

Chris­ti­an ant­wor­te­te nicht so­fort. „Oben, im Schrank“, sag­te er dann schlep­pend und klag­te hin­ter­her: „Mir ist übel. Al­les dreht sich.“

Ni­co­le leg­te ihre Ta­sche ab und öff­ne­te den Schrank, in wel­chem über­wie­gend Bü­ro­be­da­rf un­ter­ge­bracht war. Sie zog den oran­ge­fa­r­be­nen Ers­te-Hil­fe-Kas­ten her­aus, leg­te ihn auf das Sofa ab und öff­ne­te ihn.

Chris­ti­an hat­te sich nach vor­ne ge­beugt und das Ge­sicht in den Hän­den ver­gra­ben. Ni­co­le hoff­te, dass er sich nicht hier und jetzt über­ge­ben wür­de. „Sie müs­sen die Wun­de ver­sor­gen. Ich hole Ih­nen ein Glas Was­ser.“ Sie re­de­te mehr mit sich selbst als mit ihm und war mit der Lage mi­ni­mal über­for­dert.

In ih­rer kur­z­en Ab­we­sen­heit mach­te Chris­ti­an kei­ner­lei An­stal­ten, ir­gen­d­et­was zu tun. Er saß ein­fach da und ta­xier­te den In­halt des Ers­te-Hil­fe-Kas­tens. Das Glas Was­ser nahm er an, trank aber nicht.

„Trin­ken Sie. Soll ich mich um die Wun­de küm­mern?“, frag­te Ni­co­le zö­gernd. Wenn sie das Mag­da­le­na er­zähl­te… Sie wür­de ihr ga­ran­tiert nicht glau­ben. Wenn sie spä­ter vorm Spie­gel stün­de und die Si­tua­ti­on wie­der­gä­be, wür­de sie sich nicht ein­mal selbst glau­ben! Ni­co­le knie­te sich vor dem Kas­ten hin, über­leg­te kurz und be­gann dann, Chris­ti­ans Wun­de und Bles­su­ren zu ver­sor­gen. Er ließ sie ma­chen und ver­zog nur ein­mal wäh­rend der ge­sam­ten Be­hand­lung das Ge­sicht. In­des wog Ni­co­le ab, ob Chris­ti­ans pe­ne­tran­tes Pa­r­füm oder der star­ke Bier­ge­ruch sie mehr stör­te. Sie ver­mie­den, ein­an­der in die Au­gen zu se­hen.

Ni­co­le stell­te die Fla­schen bei­sei­te, da­mit Chris­ti­an nicht ver­se­hent­lich auf sie drauf­trat und da­von­rutsch­te, und sag­te: „Ich wer­de dann ge­hen.“ Es gab nichts mehr, was sie für ihn tun konn­te, nichts mehr, was sie für ihn tun woll­te. So bla­siert er sich ihr ge­gen­über je­des Mal ver­hal­ten hat­te, hät­te sie ihn ein­fach sich selbst über­las­sen sol­len.

Chris­ti­an nick­te. „Sie kön­nen das Licht aus­ma­chen“, brab­bel­te er.

Ich bin doch nicht Ihre Be­diens­te­te, woll­te Ni­co­le sa­gen, ver­kniff sich aber den Kom­men­tar.

Sie eil­te die Trep­pe hin­un­ter und konn­te es nicht fas­sen, dass sie Chris­ti­an Rausch in sei­ner ei­ge­nen Kanz­lei be­trun­ken vor­ge­fun­den hat­te. Es juck­te ihr in den Fin­gern, ent­we­der Mag­da­le­na oder Anna da­von zu be­rich­ten, wes­halb sie das Han­dy her­aus­hol­te und die fol­gen­de Nach­richt an Anna schrieb: Du wirst nicht glau­ben, was ich ge­ra­de er­lebt habe. Ni­co­le hob den Blick und sah ihr Spie­gel­bild im Fens­ter ge­gen­über. Sie moch­te Chris­ti­an nicht. Den­noch hielt sie ihr Ge­wis­sen da­von ab, Anna zu schrei­ben.

Anna mel­de­te sich und frag­te, was sie denn er­lebt habe, und Ni­co­le ant­wor­te­te, ein äu­ßerst schlei­mi­ger Typ habe sie an­ge­bag­gert. Aber…, schoss es Ni­co­le durch den Sinn und ihr lin­ker Mund­win­kel zuck­te über­le­gen. Wenn Chris­ti­an sich noch ein­mal auf­führ­te wie ein bla­sier­ter Affe, dann hat­te sie et­was ge­gen ihn in der Hand.

§8

„Gu­ten Mor­gen!“

„Gu­ten Mor­gen, Frau Berg­mann.“

Ni­co­le staun­te nicht schlecht. Für ge­wöhn­lich trug Kla­ra nur Ho­sen und schmink­te sich nicht zur Ar­beit. Heu­te be­deck­te ihre Ober­schen­kel ein en­ger, schwa­r­zer Rock und sie war de­zent ge­schminkt; nur Lip­pen und Au­gen zwar, aber Klar­as Ge­sicht war wie ver­wan­delt. Die ge­glät­te­ten Haa­re tru­gen ih­ren Teil eben­falls bei. Sie hat­te sich der­art zu­recht­ge­macht, dass man mei­nen könn­te, sie hät­te gleich eine Ver­ab­re­dung.

„Ich habe ges­tern Abend Muf­fins ge­ba­cken. Ich stel­le sie auf den Kü­chen­tisch. Be­die­nen Sie sich, wenn Sie möch­ten.“

Ni­co­les Lip­pen form­ten sich zu ei­nem wis­sen­den Lä­cheln. Kla­ra hat­te die Muf­fins doch nur ge­ba­cken, um dem Prü­fer mit ih­ren Back­küns­ten zu im­po­nie­ren. Jetzt, wo Ni­co­le dar­über nach­dach­te, hat­te Kla­ra schon lan­ge nicht mehr von Chris­ti­an Rausch ge­schwärmt.

„Schö­ner Rock, Frau Berg­mann. Wol­len Sie Herrn Noll ver­füh­ren, da­mit wir noch was raus­ho­len kön­nen?“

Kla­ra Berg­mann lief rot an. „Wie kom­men Sie denn dar­auf! Er ist doch un­ser Geg­ner! Also… Also echt!“ Kla­ra zog ih­ren Rock tie­fer, ging an Ni­co­le vor­bei zu ih­rem Ar­beits­platz und ver­steck­te sich hin­ter dem Bild­schirm.

Ni­co­le lach­te. „War doch nur ein Scherz.“

Sie muss­ten nur noch die­se Wo­che über­ste­hen, dann hieß es: Das Ur­teil ab­war­ten und Tee trin­ken. Dass sie in die­ser Zeit et­was weit­aus mehr be­schäf­ti­gen wür­de als die Be­trieb­sprü­fung, hät­te Ni­co­le nie ge­dacht. Es war Links­an­walt Chris­ti­an. Sie woll­te ihm nicht be­geg­nen und ver­such­te, nicht zu viel Flüs­sig­keit zu sich zu neh­men, um häu­fi­ge Toi­let­ten­gän­ge zu ver­mei­den. Aber ohne kal­tes Was­ser oder ab­ge­kühl­ten Tee kam man an die­sen war­men Ta­gen nicht aus.

Es kam, wie es kom­men muss­te: Als sie die Toi­let­te ver­ließ, stand er be­reits vor ihr und ihre Brust füll­te sich mit Ent­set­zen. Ehe Ni­co­le sich ver­se­hen konn­te, pack­te Chris­ti­an sie sach­te am Ober­arm und zog sie mit sich. „Mo­ment! Wa-“

„Auf ein Ge­spräch un­ter vier Au­gen, Frau Klin­ger.“

Ni­co­le ver­stand so­fort, dass er mit ihr über den Frei­tag­abend spre­chen woll­te. Zu ih­rem Leid­we­sen er­in­ner­te er sich dar­an und sie wuss­te nicht, was gleich pas­sie­ren wür­de.

„Wes­halb wa­ren Sie am Frei­tag in mei­ner Kanz­lei?“, woll­te Chris­ti­an im Trep­pen­haus wis­sen.

Ni­co­le er­zähl­te es ihm und Chris­ti­an rieb sich nach­denk­lich, als über­leg­te er, ob er ihr Glau­ben schen­ken soll­te, sein bär­ti­ges Kinn. „Was Frei­tag vor­ge­fal­len ist, bleibt un­ter uns“, sag­te er ent­schie­den.

Ni­co­le ge­fiel nicht, dass er es für eine Selbst­ver­ständ­lich­keit hielt. Sie ver­schränk­te die Arme vor der Brust und er­wi­der­te selbst­be­wusst: „Ja. Aber nur un­ter der Vor­aus­set­zung, dass Sie auf­hö­ren, mich wie Dreck un­ter Ih­ren Fin­ger­nä­geln zu be­han­deln.“

Sein Ge­sicht wur­de ein we­nig hel­ler und sie ent­deck­te einen Zug dar­in, den sie vor­her nie bei ihm ge­se­hen hat­te. „… Ja.“

„Sie ha­ben das Pflas­ter nicht ge­wech­selt, rich­tig?“, frag­te Ni­co­le vor­sich­tig nach.

„Ich habe es nicht ge­wech­selt, nein.“

„Ich wür­de Ih­nen emp­feh­len, es zu tun.“

„Mhm-mhm. Falls Sie sich fra­gen, wes­halb ich frei­tag­nachts al­ko­ho­li­siert in der Kanz­lei war: Ich habe einen sehr schwe­ren Fall auf dem Tisch, der mir viel ab­ver­langt. Ich trin­ke für ge­wöhn­lich sel­ten und nur Rot­wein.“

Ver­wun­dert dar­über, dass er ihr das of­fen­bar­te, ließ Ni­co­le ihre Hal­tung ab­fal­len. „Und wie kam es zu die­ser Wun­de?“, woll­te sie wis­sen.

„Das soll­te Sie nicht tan­gie­ren, Frau Klin­ger. Dan­ke.“

Hat­te er sich eben bei ihr be­dankt? Tat­säch­lich! Links­an­walt Chris­ti­an Rausch war alle Ju­bel­jah­re für eine Über­ra­schung gut. Auch wenn Chris­ti­an ihre Vor­aus­set­zung ak­zep­tiert hat­te, frag­te sie sich, wie er sich ihr ge­gen­über in Zu­kunft ver­hal­ten wür­de.

Frau Koch schau­te wie ge­bannt auf ih­ren Bild­schirm, als Ni­co­le kurz an der ge­öff­ne­ten Tür klopf­te. Sie leg­te ih­rer Chefin eine Auf­stel­lung hin und frag­te: „Al­les in Ord­nung?“

„Ah, ah, ja“, ant­wor­te­te Frau Koch ab­we­send, über­flog den Text vor sich zum x-ten Mal von vor­ne bis hin­ten und nahm ihre Bril­le von der Nase. „Wie es aus­sieht, will Dok­tor Höff­ner sei­ne Pra­xis ver­kau­fen.“

„Er will sei­ne Pra­xis ver­kau­fen? Wirk­lich? Der Dok­tor Höff­ner?“

Dok­tor Höff­ner war ein lang­jäh­ri­ger Man­dant. Für sei­ne Pra­xis, die in der ers­ten Eta­ge lag, mach­te Kla­ra Berg­mann die Lohn- und Ge­halts­ab­rech­nung, die Buch­füh­rung und für Dok­tor Höff­ner selbst jähr­lich die Ein­kom­men­steu­er­er­klä­rung. Dok­tor Höff­ner war zwei­und­sieb­zig und lei­te­te sei­ne Pra­xis für All­ge­mein­me­di­zin seit je­her im Al­lein­gang. Frau Koch, Kla­ra, Ni­co­le und Frau Mei­er hät­ten nie ge­dacht, dass die­ser Mann ir­gend­wann von selbst sei­ne Pra­xis ver­kau­fen wür­de; sie war in­klu­si­ve Ausstat­tung und Mit­a­r­bei­tern sein Ein und Al­les und man woll­te ihm wün­schen, dass er dort sei­ne letz­ten Atem­zü­ge tat.

„Er be­auf­tragt uns mit dem Pra­xis­über­g­a­be­ver­trag und hat wohl be­reits einen In­ter­es­sen­ten: Dok­tor Ek­hard Bode.“

„Hm. Schon ein ko­mi­sches Ge­fühl zu wis­sen, dass er bald nicht mehr da sein wird.“

„Un­glaub­lich“, hör­te Ni­co­le Frau Koch mur­meln, als sie aus ih­rem Büro trat. „Der ver­kauft doch tat­säch­lich sei­ne Pra­xis!“

Der Be­trieb­sprü­fer, Herr Noll, kam aus dem Be­spre­chungs­zim­mer. Er war be­reit zum Auf­bruch. „Dan­ke für den Kaf­fee und die selbst­ge­mach­ten Muf­fins, Frau Berg­mann“, rich­te­te er das Wort an Kla­ra und sei­ne blau­en Au­gen leuch­te­ten über den ge­ho­be­nen Mund­win­keln wie La­ter­nen bei Nacht. „Und, Frau Klin­ger, ich den­ke, wir sind tat­säch­lich durch, wie ver­spro­chen! Ich wer­de mich hier nicht mehr bli­cken las­sen.“ Er lach­te herz­lich und hielt sich mit ei­ner Hand den di­cken Bauch. „Wir se­hen uns dann am Don­ners­tag.“

Ni­co­le be­glei­te­te Herrn Noll zur Tür. Auch wenn es gut für sie aus­sah, Herr Noll eine an­ge­neh­me Per­son war und man mit ihm nett plau­dern konn­te, war es eine Er­leich­te­rung, dass er ging. Er war der Prü­fer, au­ßer­dem schränk­te sei­ne An­we­sen­heit die Mit­a­r­bei­ter ein und trotz der ge­schlos­se­nen Tür fühl­te es sich beim Be­re­den sen­si­blen Ma­te­ri­a­ls an, als hät­ten die Wän­de Oh­ren.

§9

Am Mitt­woch ka­men die von Frau Koch be­stell­ten Map­pen für Jah­res­ab­sch­lüs­se, eine Fax­pa­tro­ne und di­ver­se Klei­nig­kei­ten an. Der Lie­fe­rant hat­te die Be­stel­lung auf drei Kar­tons ver­teilt und Ni­co­le und Kla­ra wa­ren eine gute hal­be Stun­de da­mit be­schäf­tigt, die Kar­tons auf­zu­ma­chen, die be­stell­te Ware zu prü­fen und ein­zu­sor­tie­ren.

Ni­co­le hat­te jetzt of­fi­zi­ell Mit­tags­pau­se. „Ich brin­ge die Kar­tons weg. Wie ich die Putz­frau ken­ne, wird sie es eh ver­ges­sen“, mein­te sie, drück­te die Kar­tons einen nach dem an­de­ren zu­sam­men und klemm­te sich al­les un­ter die Ach­sel.

„Brau­chen Sie kei­ne Hil­fe?“

„Dan­ke, Frau Berg­mann, al­les gut. Se­hen Sie zu, dass Sie heu­te schnell nach Hau­se kom­men. Sonst gibt es wie­der Är­ger von Frau Koch.“

Als die Auf­zug­stü­ren sich im Erd­ge­schoss öff­ne­ten, stand Chris­ti­an vor ihr. Ei­ner der Kar­tons glitt zu Bo­den, ehe Ni­co­le die Pap­pe an ih­ren Kör­per pres­sen konn­te. Die an­de­ren Kar­tons folg­ten und eine Se­kun­de spä­ter stand Ni­co­le mit ge­wei­te­ten Au­gen und rosa Wan­gen Chris­ti­an ge­gen­über, der Auf­zugs­bo­den vol­ler Pap­pe. War­um ge­sch­a­hen sol­che Din­ge im­mer, wenn Chris­ti­an da­bei war?

Chris­ti­an streck­te die Arme aus, um ihr zu hel­fen, da ging Ni­co­le in die Hocke und sam­mel­te die Pap­pe hur­tig ein, wäh­rend Chris­ti­an mit sei­nem Fuß ver­hin­dern woll­te, dass die Tü­ren zu­gin­gen. Sie hät­te Chris­ti­ans Hil­fe in An­spruch ge­nom­men, wenn es nicht so un­end­lich pein­lich wäre.

Wäh­rend sie die Kar­tons zwi­schen un­zäh­li­gen Con­tai­nern im Hin­ter­hof ent­sorg­te, dach­te sie sich: Der woll­te mir sei­ne Hil­fe doch nur an­bie­ten, weil er Angst hat, dass ich ir­gend­je­man­dem da­von er­zäh­le.

Als Ni­co­le um die Ecke bog, blieb sie ab­rupt ste­hen. Da war Chris­ti­an. Sie wa­ren sich erst vor we­ni­gen Mi­nu­ten be­geg­net, aber das war es nicht, was Ni­co­le zum An­hal­ten be­wegt hat­te. Chris­ti­an lä­chel­te. Und das war sur­re­a­ler als die Frei­tag­nacht und alle Ge­mäl­de Da­lís zu­sam­men.

Am Ein­gang zur Ma­ri­en­stra­ße fünf saß eine pum­me­li­ge, mit kur­z­en Ho­sen be­klei­de­te Frau auf der Sitz­flä­che ih­res Rol­la­tors. In ih­rer Rech­ten hielt sie eine Bord­stein-Zei­tung hoch, die lin­ke Hand, die sie auf dem Griff des Rol­la­tors ab­ge­stützt hat­te, hielt eine Zi­ga­ret­te. Zu ih­ren Fü­ßen saß ein jun­ger Bea­gle, der sich ge­ra­de von Chris­ti­an strei­cheln und krau­len ließ. Chris­ti­an hat­te sich hin­ge­hockt und schien über­g­lü­ck­lich zu sein. Aber auch der Hund freu­te sich über die er­hal­te­ne Zu­nei­gung, schleck­te Chris­ti­an die Fin­ger und we­del­te un­auf­hör­lich mit sei­nem Schweif.

Ni­co­le trat nä­her an Chris­ti­an her­an, um sich zu ver­ge­wissern, dass er es auch wirk­lich war.

„Wie geht es dir, Si­mo­ne?“, frag­te Chris­ti­an die pum­me­li­ge Frau, wäh­rend er den Bea­gle hin­ter den Oh­ren kraul­te. „Ich habe dich lan­ge nicht ge­se­hen.“

„War wo­an­ders“, ant­wor­te­te Si­mo­ne mit kna­r­zen­der Stim­me. „Bord­stein, Zei­tung Bord­stein! Gut, dass es heu­te nicht ganz so ekel­haft warm ist. Ar­mer Mi­ckey, wäre ges­tern bei­na­he ge­schmol­zen. Na, sieh dir nur an, wie er dich ab­schleckt.“ Si­mo­ne grins­te und ent­deck­te Ni­co­le, die nach wie vor an ih­rer vi­su­el­len Wahr­neh­mung zwei­fel­te. „Bord­stein, Zei­tung Bord­stein!“, wie­der­hol­te Si­mo­ne und wink­te Ni­co­le mit dem Ex­em­plar in ih­rer Hand ein­la­dend zu.

Eine wei­te­re Si­tua­ti­on, der man nicht ent­flie­hen konn­te. Aber we­nigs­tens konn­te sie eine gute Tat voll­brin­gen. Ni­co­le such­te ihre Ho­sen­ta­schen ab in der Hoff­nung, dort ge­nug Mün­zen zu fin­den. Als Ni­co­le einen Schritt nach vor­ne mach­te, dreh­te Mi­ckey sei­ne Nase in ihre Rich­tung. So wur­de sie auch von Chris­ti­an ent­deckt.

Ni­co­le hol­te eine Ei­neu­ro­mün­ze her­vor. „Wie viel kos­tet die Zei­tung?“

„Zwei zwan­zig“, ant­wor­te­te Si­mo­ne und nahm einen Zug von ih­rer Zi­ga­ret­te. „Die Hälf­te da­von be­hal­te ich als Ver­käu­fer.“

Ni­co­le schau­te mit­lei­dig in ihre Hand­flä­che. „Ich habe nur-“

Chris­ti­an er­hob sich. Er lä­chel­te nicht mehr, wirk­te aber wei­ter­hin aus­ge­las­sen. Aus der hin­te­ren Ho­sen­ta­sche hol­te er sein Por­te­mon­naie her­vor. „Hier, ich neh­me die­ses Mal drei. Be­halt den Rest“, sag­te er an Si­mo­ne ge­wandt und reich­te ihr einen Zeh­ner.

Si­mo­ne warf den Zi­ga­ret­ten­stum­mel weg und wühl­te in der gro­ßen Ta­sche, die an dem Rol­la­tor be­fes­tigt war. „Hier, drei­mal Bord­stein“, sag­te sie lä­chelnd und drück­te Chris­ti­an die Zei­tun­gen in die Hand. Eine da­von reich­te er Ni­co­le, die das Ex­em­plar an­nahm und es zu­sam­men­roll­te.

„Dan­ke“, sag­te sie per­plex.

Chris­ti­an nahm Ab­schied von Si­mo­ne und Mi­ckey. Zu­sam­men fuh­ren Ni­co­le und Chris­ti­an mit dem Auf­zug in die fünf­te Eta­ge und trenn­ten sich ge­wohnt wort­los.

Nach Fei­er­abend stand Ni­co­le vor der Tür zu sei­ner Kanz­lei und über­leg­te, ob sie den Brief­um­schlag in ih­ren Hän­den per­sön­lich ab­ge­ben oder doch lie­ber in den Brief­kas­ten schmei­ßen soll­te. Sie ent­schied sich für die per­sön­li­che Über­g­a­be. Sie wuss­te nicht, ob Chris­ti­an den Kas­ten noch heu­te lee­ren wür­de, und auch wenn zwei Euro und zwan­zig Cent bei­lei­be kei­ne gro­ße Aus­beu­te wa­ren – si­cher war si­cher und es hät­te über­haupt nicht zu ih­rem Be­ruf ge­passt, nach­läs­sig mit Geld um­zu­ge­hen. Ni­co­le klin­gel­te und war­te­te.

Chris­ti­an öff­ne­te ihr. Er wirk­te der­art schlecht ge­launt, dass Ni­co­le einen Schritt zu­rück­mach­te. Au­gen­blick­lich zwang Chris­ti­an sich dazu, die Fal­ten auf sei­ner Stirn zu glät­ten, und sah auf den Brief­um­schlag.

„Ich woll­te Ih­nen das Geld für die Zei­tung ge­ben“, er­klär­te sich Ni­co­le und lä­chel­te ver­druckst. „Zwei zwan­zig.“

Ver­ächt­lich be­sah sich Chris­ti­an den Brief­um­schlag. „Wol­len Sie mich krän­ken?“

Für Chris­ti­an war es viel­leicht Klein­geld, aber Ni­co­le ging es ums Prin­zip. „Nein, nur Ih­nen das Geld zu­rück­ge­ben.“

Es im­po­nier­te ihm wohl, dass sie so dar­auf be­harr­te, ihm das Geld zu­rück­zu­ge­ben; er nahm den Brief­um­schlag an, wenn auch wi­der­wil­lig. „Es gibt et­was, das ich ar­ti­ku­lie­ren möch­te“, ge­stand er ihr und bat sie mit ei­ner Ges­te in sei­ne Kanz­lei.

Zö­gernd trat Ni­co­le ein. Chris­ti­an führ­te sie di­rekt ins Be­spre­chungs­zim­mer, wäh­rend sie sich un­auf­hör­lich frag­te, was er denn jetzt von ihr woll­te.

Das Be­spre­chungs­zim­mer wirk­te durch die Ab­we­sen­heit von De­ko­ra­ti­o­nen karg. Ein lan­ger, mas­si­ver Tisch zog sich von der Wand zum Fens­ter. Die wei­ßen, schwe­ren Vor­hän­ge hin­der­ten das glei­ßen­de Son­nen­licht dar­an, den Raum mit sei­nen Strah­len aus­zu­fül­len.

Es fühl­te sich ei­gen­ar­tig an, hier zu sein. Ni­co­le setz­te sich an den Tisch und Chris­ti­an nahm ge­gen­über von ihr Platz. Den Brief­um­schlag bei­sei­te le­gend, sag­te er: „Mein Ver­hal­ten, das ich zu An­fang an den Tag ge­legt habe, tut mir leid. Es war nicht rich­tig, Ih­nen die Tür zur Toi­let­te nicht auf­zu­ma­chen. Eben­falls nicht rich­tig war es, mich der­art an­ma­ßend zu ver­hal­ten.“

Wäre sie in je­ner Nacht nicht auf ihn ge­sto­ßen, so wäre Ni­co­le jetzt über alle Ma­ßen ver­wun­dert ge­we­sen. Aber sie wuss­te nicht, ob sei­ne Ent­schul­di­gung von Her­zen kam oder Chris­ti­an im­mer noch Bam­mel da­vor hat­te, dass sie ir­gend­je­man­dem et­was er­zähl­te und so sei­nen Ruf un­ter­grub.

Chris­ti­an schien zu er­war­ten, dass sie auf sein Ge­sag­tes ein­ging. „Mir tut es leid, was ich über Sie ge­sagt habe. Und auch, dass ich Sie Links­an­walt ge­nannt habe“, sag­te sie. „Ihre Kra­wat­te fin­de ich üb­ri­gens gar nicht soo da­ne­ben. Ich fin­de sie ei­gent­lich recht… sta­bil.“

Chris­ti­an blick­te auf sei­ne Kra­wat­te und dann wie­der zu Ni­co­le. Auf sei­nen Lip­pen lag die An­deu­tung ei­nes Lä­chelns. „Ich hof­fe, wir ha­ben die Zone der Dis­har­mo­nie nun ver­las­sen.“

Sie schwie­gen ein­an­der ei­ni­ge Mi­nu­ten lang an, ehe er sie zur Tür be­glei­te­te.

Drau­ßen traf Ni­co­le auf Si­mo­ne und Mi­ckey. Si­mo­ne hat­te sich ihr Ge­sicht ge­merkt und wink­te ihr zu. Was dann ge­sch­ah, ging so schnell, dass we­der Si­mo­ne noch Ni­co­le so­fort re­a­gie­ren konn­ten.

Ein an­de­rer Hund tauch­te mit sei­nem Be­sit­zer auf. Der Chi­hua­hua be­gann, Mi­ckey aus der Fer­ne pro­vo­ka­tiv an­zu­bel­len. Mi­ckey riss sich los, stürm­te auf den Hund zu und schleif­te die Lei­ne über den ge­pflas­ter­ten Bo­den hin­ter sich her. Si­mo­ne war vom Sitz ih­res Rol­la­tors auf­ge­sprun­gen und krächz­te auf­ge­bracht: „Mi­ckey! Mi­ckey! Komm so­fort zu­rück, hörst du?! Ach du dum­mer Jun­ge!“

Ni­co­le setz­te ihre Füße in Be­we­gung, eil­te Mi­ckey hin­ter­her und schaff­te es, die Lei­ne zu fas­sen zu be­kom­men. Mi­ckey be­kam das erst gar nicht mit, weil er so ver­ses­sen dar­auf war, es dem Chi­hua­hua zu zei­gen.

„Nun komm schon, Mi­ckey, lass uns zu­rück zu dei­nem Frau­chen. Ich kann ja ver­ste­hen, dass du die­sem blö­den Chi­hua­hua eins aus­wi­schen willst“, Ni­co­le ver­such­te, nicht zu sehr an der Lei­ne zu zer­ren, weil sie Angst hat­te, Mi­ckey weh­zu­tun, „aber Si­mo­ne ruft dich!“

Es dau­er­te ein we­nig, bis Mi­ckey sich be­ru­hig­te. Ein letz­tes Mal bell­te er keh­lig dem Chi­hua­hua, der in der Men­schen­men­ge ver­schwand, hin­ter­her, be­vor er an Ni­co­les Sei­te zu Si­mo­ne zu­rück­kehr­te und mit hän­gen­den Oh­ren Don­ner­wet­ter über sich er­ge­hen las­sen muss­te. Schließ­lich, nicht fä­hig, ih­rem klei­nen Lieb­ling wei­ter­hin böse zu sein, tät­schel­te Si­mo­ne ih­rem Bea­gle den Kopf.

„Dan­ke, wirk­lich dan­ke“, sag­te sie zu Ni­co­le. „Kennst Chris­ti­an von der Ar­beit?“

„Wir ar­bei­ten auf der­sel­ben Eta­ge“, ant­wor­te­te Ni­co­le und kraul­te Mi­ckey, der sich hin­ge­legt hat­te, zwi­schen den Oh­ren.

„Net­ter Kerl. Kauft ent­we­der Zei­tung oder bringt Mi­ckey Le­cke­r­lis mit.“

Ni­co­le dach­te an den lä­cheln­den Chris­ti­an von heu­te Mit­tag und schmun­zel­te. Gut mög­lich, dass Chris­ti­an eine Schwä­che für Hun­de hat­te. Das mach­te ihn ein we­nig, nun, sym­pa­thisch. Auch wenn sie eher der Kat­zen­mensch war. „Ich den­ke, ich brin­ge Mi­ckey nächs­tes Mal auch et­was mit.“

§10

Die Be­triebs­be­sich­ti­gung am Don­ners­tag samt ei­ner an­schlie­ßen­den Be­spre­chung dau­er­te über vier Stun­den. So­wohl Frau Koch als auch Ni­co­le fan­den, dass al­les gut ge­lau­fen war. Sie wa­ren am Mor­gen mit Frau Kochs Wa­gen zum Man­dan­ten ge­fah­ren und ge­gen drei­zehn zehn stieg Ni­co­le vor dem Ma­ri­en­ho­tel aus.

Frau Koch muss­te noch et­was er­le­di­gen; Ni­co­le konn­te ganz nor­mal Mit­tags­pau­se ma­chen.

Vor dem Ein­gang ins Ge­bäu­de stand eine ma­ge­re Brü­net­te. Ob­wohl sie im Schat­ten stand, trug sie eine Son­nen­bril­le. Als Ni­co­le an ihr vor­bei­ge­hen woll­te, sprach die Brü­net­te sie an. Erst auf Spa­nisch, was Ni­co­le über­rum­pel­te, dann, als hät­te sie sich ei­nes Bes­se­ren be­son­nen, in feh­ler­haf­tem, un­si­che­rem Deutsch, wo­bei sie her­um­ges­ti­ku­lier­te. Sie war sehr auf­ge­regt.

Ni­co­le such­te die Wor­te zu­sam­men, die sie be­nö­tig­te, und frag­te lang­sam auf Spa­nisch: „Ehm, Sie wol­len also zu Herrn Rausch, ver­ste­he ich Sie rich­tig?“

Das Ge­sicht der jun­gen Frau er­hell­te sich jäh. Ihr Glück nicht so recht fas­send, nick­te sie ener­gisch. „Ich bin ehe­ma­li­ger Man­dant, ges­tern aus Me­xi­ko an­ge­reist und will ihn mit mei­ner An­we­sen­heit über­ra­schen. Ich war in sei­ner al­ten Kanz­lei, aber die sag­ten mir, dass er sich selbst­stän­dig ge­macht hat. Da­ni­e­la Var­gas Jimé­nez der Name.“

Sie re­de­te so schnell, dass Ni­co­le Mühe hat­te, sie zu ver­ste­hen.

Ni­co­le hat­te Spa­nisch in der Schu­le ge­habt. Nach dem Ab­itur hat­te sie die­se Spra­che nicht ge­spro­chen, son­dern ent­we­der Fil­me mit spa­ni­schen Un­ter­ti­teln oder di­rekt im spa­ni­schen Ori­gi­nal­ton an­ge­se­hen, da­mit die er­a­r­bei­te­ten Sprach­kennt­nis­se nicht kom­plett ab­han­den­ka­men. „Hier sind Sie rich­tig. Wol­len wir viel­leicht ge­mein­sam nach oben?“

Die Tür zur Kanz­lei wur­de ih­nen von Mag­da­le­na auf­ge­macht.

„Hey, ist Herr Rausch da? Die­se jun­ge Frau hier“, Ni­co­le deu­te­te mit ih­rer fla­chen Hand auf die Brü­net­te an ih­rer Sei­te, „möch­te ihn kurz spre­chen.“

„Wäre es mög­lich, dass Sie noch kurz mit mir ge­mein­sam rein­ge­hen?“, frag­te Da­ni­e­la. Nur ganz kurz, ich wer­de mich er­klä­ren… Mein Be­such ist un­an­ge­kün­digt. Be­zie­hungs­wei­se: Er ist an­ge­kün­digt, aber ich bin einen Tag frü­her an­ge­reist.“

„Herr Rausch ist noch in ei­ner Be­spre­chung, aber ich den­ke, sie ist gleich vor­bei. Wol­len Sie Platz im War­te­zim­mer neh­men?“, rich­te­te Mag­da­le­na das Wort an die Brü­net­te.

Da­ni­e­la ver­stand Deutsch of­fen­bar bes­ser, als sie es sprach, denn sie be­jah­te dank­bar.

Mag­da­le­na pflanz­te die bei­den Frau­en ins War­te­zim­mer. Ni­co­le sah sich un­auf­fäl­lig um und dach­te zu­rück an die Nacht, in der sie Chris­ti­an auf­ge­fun­den und sei­ne Bles­su­ren be­han­delt hat­te.

„Mein Deutsch ist lei­der sehr schlecht, ich habe Angst, dass Herr Rausch mich gar nicht ver­steht“, sag­te Da­ni­e­la plötz­lich. „Ich ver­si­che­re Ih­nen, es wird nicht sehr lan­ge dau­ern. Nächs­tes Mal neh­me ich einen pro­fes­si­o­nel­len Über­set­zer mit. Dan­ke, dass Sie mir heu­te bei­ste­hen.“

Ni­co­le lä­chel­te zu­rück. „Ich muss um vier­zehn Uhr wie­der ar­bei­ten. Es wäre schön, wenn wir es bis da­hin schaf­fen. Ich ar­bei­te üb­ri­gens ne­be­n­an.“

„Oh. Gut.“ Da­ni­e­la sag­te ein Weil­chen nichts, dann, mit dem Blick auf ihre knö­cher­nen, ge­fal­te­ten Hän­de, er­klär­te sie: „Herr Rausch ist ein wirk­lich net­ter Mann.“ Mehr sag­te sie nicht und ver­sank, ih­rem Ge­sichts­aus­druck nach zu ur­tei­len, in Er­in­ne­run­gen.

Die bei­den Frau­en hör­ten das Be­spre­chungs­zim­mer auf­ge­hen und Ni­co­le zuck­te zu­sam­men. Chris­ti­an kom­ple­men­tier­te sei­nen Man­dan­ten zur Tür. Nur einen Atem­zug spä­ter stand er im Tür­rah­men.

Da­ni­e­la er­hob sich so­fort und nahm die Son­nen­bril­le ab. „Gu­ten Tag, Herr Rausch“, sag­te sie lang­sam auf Deutsch.

Chris­ti­an schien Ni­co­le noch nicht be­merkt zu ha­ben, denn er über­wand den Ab­stand zwi­schen sich und Da­ni­e­la mit zwei gro­ßen Schrit­ten, nahm ihre Hand und drück­te sie. Da­bei sah er ihr in die trü­ben, brau­nen Au­gen und mach­te den Ein­druck, als hät­te man ihm einen Schlag in den Ma­gen ver­setzt.

Ver­lo­ren blick­te sich Da­ni­e­la nach Ni­co­le um. „Sa­gen Sie ihm, dass ich froh bin, wie­der hier zu sein und dass ich ihm dank­bar da­für bin, dass er mir hel­fen möch­te.“

Ni­co­le hat­te kei­ne Ah­nung, wor­um es ging, aber sie über­setz­te al­les, was Da­ni­e­la zu Chris­ti­an sag­te. Von dem, was Chris­ti­an sag­te, muss­te sie das We­nigs­te über­set­zen, weil Da­ni­e­la ihn gut ver­stand.

Die bei­den woll­ten sich nicht so recht tren­nen. Be­son­ders Da­ni­e­la schien viel zu sa­gen zu ha­ben, aber aus Rück­sicht auf Ni­co­le hielt sie sich zu­rück und nahm vier­tel vor zwei schwe­ren Her­zens Ab­schied von Chris­ti­an. „Ich schaf­fe es al­lei­ne nach un­ten“, mein­te sie, als Ni­co­le frag­te, ob sie Da­ni­e­la be­glei­ten sol­le. Auch woll­te sie nicht, dass Chris­ti­an sie be­glei­te­te.

Chris­ti­an mach­te die Tür hin­ter Da­ni­e­la zu. Sei­ne Fin­ger blie­ben auf der Klin­ke lie­gen; wie zu­ge­fro­ren stand er da und war ganz in Ge­dan­ken ver­tieft.

Ni­co­le räus­per­te sich. „Herr Rausch?“

„Dan­ke, dass Sie über­setzt ha­ben“, sag­te er und öff­ne­te ihr die Tür. „Auf Wie­der­se­hen, Frau Klin­ger.“

§11

An ih­rem Ge­burts­tag nahm sich Ni­co­le nicht frei, was Mag­da­le­na und Anna glei­cher­ma­ßen ent­setz­te. Ni­co­le woll­te am Frei­tag­abend nach­fei­ern und er­klär­te, sie möge es gar nicht, sich an ein­zel­nen Ta­gen frei­zu­neh­men. Da­für hat­te sie zwei­ein­halb Wo­chen Ur­laub im Au­gust.

Ni­co­le hat­te einen Ku­chen für die Ar­beit ge­ba­cken. Sie schnitt ihn in der Kü­che in klei­ne Stü­cke, als Kla­ra Berg­mann kam.

„Al­les Gute zum Ge­burts­tag, Frau Klin­ger“, wünsch­te Kla­ra und schüt­tel­te Ni­co­les Hand. „Könn­te ich Sie ganz kurz spre­chen?“

Ni­co­le leg­te das Mes­ser weg, lehn­te sich ge­gen die The­ke und sah Kla­ra fra­gend an.

Kla­ra trat ein we­nig ner­vös von ei­nem Bein auf das an­de­re. „Ich gehe mit Jür­gen aus!“, platz­te es plötz­lich aus ihr her­aus.

„Jür­gen? Wer ist Jür­gen? Mo­ment“, fiel es Ni­co­le ein. „Jür­gen Noll? Sie ge­hen mit Herrn Noll aus?“

„Ja, schon seit zwei Wo­chen. Ir­gend­wie muss­te die­ses Ge­ständ­nis raus, ich hielt es für an­ge­bracht. Ich habe mich nicht ge­traut, es Ih­nen vor­her zu sa­gen. Sie wis­sen ja, die Be­trieb­sprü­fung und das al­les. Wir ge­hen mit­ein­an­der aus und er ist auch pri­vat eine an­ge­neh­me Per­son.“

Ni­co­le lä­chel­te. „Das ist schön!“ Scherz­haft füg­te sie hin­zu: „Toll, dass die Be­trieb­sprü­fung letzt­end­lich gut ge­gan­gen ist und die Schät­zung uns nicht all­zu hart er­wi­scht hat. Sonst wür­de ich es Ih­nen sehr übel neh­men.“

Kla­ra lach­te an­ge­spannt.

„Ich ma­che Tee und wenn die an­de­ren da sind, dann tue ich uns al­len et­was vom Ku­chen auf. Auf ihre Be­wer­tung bin ich ge­spannt. Schließ­lich sind Sie der Ba­ck­ex­per­te in der Kanz­lei.“

Am Nach­mit­tag kam Frau Koch mit ih­rem Ta­blet her­aus. „Hö­ren Sie sich das mal an, mei­ne Da­men. Ich wuss­te doch, dass mir der Name die­ses Rechts­an­walts be­kannt vor­kam.“ Sie las ih­nen die Ein­füh­rung in einen lan­gen Ar­ti­kel aus der Ta­ges­zei­tung vor:

Da­ni­e­la Var­gas Jimé­nez, sie­ben­und­zwan­zig, die wäh­rend ei­nes Auf­ent­halts in ih­rem Hei­mat­land Me­xi­ko zu ei­ner Frei­heits­s­tra­fe von zehn Jah­ren ver­ur­teilt wur­de, ist nach Deut­sch­land zu­rück­ge­kehrt. Sie wur­de nach sechs Jah­ren frei­ge­spro­chen, weil ihre Un­schuld durch einen Zu­fall be­wie­sen wer­den konn­te.

Rechts­an­walt und Fach­an­walt für Straf­recht Chris­ti­an Rausch hat die jun­ge Frau da­mals im Pro­zess ver­tre­ten und ist bis zum Ende von ih­rer Un­schuld über­zeugt ge­we­sen. Heu­te möch­te der An­walt Da­ni­e­la da­bei hel­fen, sich wie­der in Deut­sch­land ein­zu­le­ben.

Frau Koch ließ das Ta­blet wan­dern und als Ni­co­le das Ge­rät in den Hän­den hielt, ver­grö­ßer­te sie das Foto, das Da­ni­e­la und Chris­ti­an zeig­te. Sie sa­ßen ge­mein­sam mit ei­ner Frau, wahr­schein­lich der Über­set­zer, in ei­nem Café und be­spra­chen et­was mit­ein­an­der.

„Könn­te ich den Ar­ti­kel viel­leicht gleich in der Pau­se ganz le­sen?“, frag­te sie Frau Koch und durf­te das Ta­blet vor­erst be­hal­ten.

Nach­dem Kla­ra und Frau Mei­er ge­gan­gen wa­ren, setz­te sich Ni­co­le an den Ar­ti­kel.

Da­mals war Chris­ti­an nach Me­xi­ko ge­reist und hat­te al­les in sei­ner Macht ste­hen­de ge­tan, um Da­ni­e­la zu hel­fen. Ge­reicht hat­te es nicht. Chris­ti­an war bis zum Ende über­zeugt da­von ge­we­sen, dass Da­ni­e­la die Tat un­ter­ge­ju­belt wor­den war. Letzt­end­lich hat­te er da­mit Recht ge­habt.

Nach­denk­lich ge­stimmt, brach­te Ni­co­le das Ta­blet zu Frau Koch zu­rück.

§12

„Sto­ßen wir an! Auf Ni­co­les neun­und­zwan­zigs­ten Ge­burts­tag! Und auf fast vier Jah­re des Sin­gle­da­seins.“ Die letz­ten Wor­te sprach Anna mur­melnd aus und igno­rier­te Ni­co­les Au­gen­rol­len.

Ni­co­le hat­te im Ca­fére­stau­rant Ma­gni­fi­co für fünf re­ser­viert. Ne­ben Anna hat­te sie auch Mag­da, Ta­ma­ra, die sie noch aus der Schul­zeit kann­te, und Han­nah, die Ni­co­le wäh­rend ih­rer Aus­bil­dung ken­nen ge­lernt hat­te, ein­ge­la­den. Sie sa­ßen drau­ßen. Es war noch hell und an­ge­nehm, ob­wohl es voll war. Ni­co­les Ge­schen­ke wa­ren auf ei­nem frei­en Stuhl ge­sta­pelt wor­den; sie wür­de sie erst nach dem Es­sen auf­ma­chen.

Die Frau­en schlürf­ten ge­müt­lich ihre Cock­tails und un­ter­hiel­ten sich an­ge­regt, als ein Kell­ner ih­nen einen Teil ih­res Es­sens brach­te. Wäh­rend Ni­co­le dem Kell­ner nicht ins Ge­sicht sah und hur­tig Platz für die gro­ßen Tel­ler schaff­te, ent­deck­te Anna be­reits zum zwei­ten Mal an die­sem Abend ein in­ter­es­sier­tes Leuch­ten in den Au­gen des jun­gen Man­nes.

„Der Kell­ner, ich den­ke, er fin­det dich in­ter­es­sant“, sag­te sie zu Ni­co­le, so­bald der Kell­ner ver­schwun­den war.

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