Kitabı oku: «Geschichten des Windes», sayfa 7

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„Wie lange müssen wir noch warten?“, fragte er seinen Vater ungeduldig.

„Pst! Sei leise!“, antwortete dieser nur knapp.

Beleidigt streichelte Sean seine Stute. Irgendwie hatte er sich eine Jagd anders vorgestellt, auf jeden Fall spannender und aufregender.

Plötzlich wurden die Hunde unruhig. Sean lauschte und sperrte seine Augen auf. Auch Vika schien etwas zu spüren. Er hielt die Zügel straffer.

Auf einmal rannten Friseal und die anderen Hunde los, die Pferde hinterher. Sean wäre fast von Vikas Rücken gefallen und konnte sich gerade noch am Zügel festhalten. Es ging nun alles sehr schnell. Sean hatte gar kein Tier gesehen, das sie jagen konnten. Gefährlich und rasant ging es durch das Dickicht. Sean hatte keine Kontrolle mehr über sein Pferd. Er wurde ordentlich durchgerüttelt und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Nach einem wilden, für ihn unendlich scheinenden Ritt wurde Vika langsamer. Sean konnte wieder Atem holen. Er bemerkte, dass sich seine Finger so verkrampft am Zügel festhielten, dass es wehtat. Sean schaute sich um und konnte niemanden sehen, doch die Hunde bellten. Er lenkte seine Stute in diese Richtung und sah dann zum Glück seinen Vater und die anderen Jäger. Sie bildeten einen Kreis und Sean konnte nicht sehen, was in dessen Mitte lag. Die Hunde bellten und hüpften wie verrückt.

„Sean, komm her!“, rief sein Vater. „Schau, ich habe einen Hirsch erlegt!“

Benommen stieg Sean ab und lief zum Kreis. Da erblickte er einen frisch geschossenen, relativ großen Rothirsch. Sean zählte zehn Geweihenden. Es war ein wunderschönes Tier. Die anderen Jäger nickten anerkennend.

„Das wird eine schöne Trophäe. Ich zeige dir, wie wir ihn zerlegen und ausnehmen“, sagte Alistair stolz.

Sean war enttäuscht. Er hatte überhaupt nichts mitbekommen! Halbherzig schaute er zu, wie die Jäger das Fell abzogen, das Geweih abtrennten, die Innereien im Wald vergruben und den Körper zerteilten. Sie verstauten alles auf verschiedenen Pferden.

Für Sean, der dachte, dass die Jagd nun zu Ende wäre, wurde es ein langer Tag. Der Jagdhunger war noch nicht gesättigt und die Männer ritten noch bis zum Abend im Wald herum, lauerten und erlegten einige weitere Tiere. Zum Schluss waren die Pferde schwer mit drei Rothirschen, einem Reh, zwei Kaninchen und fünf Birkhühnern beladen. Die Jäger ritten erschöpft und zufrieden nach Hause.

Einer war nicht zufrieden. Sean fand die Jagd alles andere als spannend und wollte auf keinen Fall noch einmal mitkommen. Aber er freute sich auf die leckeren Wildbraten, die es in den nächsten Tagen geben würde.

Neun

- 1692 -

Aufgeregt rannte Sean den Gang entlang zum großen Salon. Sein alter Freund Angus hatte ihm gesagt, dass seine Eltern ihn unbedingt sprechen wollten. Sean dachte freudig, dass es um seinen morgigen 13. Geburtstag ginge und er beeilte sich sehr.

Als er den Salon erreichte, traf er seine Eltern zusammengesunken vor dem Kamin an, in dem das Feuer ungerührt prasselte. Seans Herz setzte zwei Schläge aus. Was ist denn passiert?, fragte er sich.

Alistair bemerkte Sean und erhob sich mühsam. Er nahm die beiden Hände seines Sohnes und schaute ihm lange und traurig in die Augen. Dann räusperte er sich und sagte mit belegter Stimme:

„Sean, mein Lieber. Deine Großmutter ist heute Nacht von uns gegangen.“

Sean trat entsetzt einen Schritt zurück. Er rang nach Luft, seine Augen waren weit aufgerissen. Tränen schossen seine Wangen hinab. Dann drehte Sean sich um und rannte aus dem Salon.

„Sean!“, rief sein Vater und lief ihm schnellen Schrittes hinterher. Ohne zu klopfen trat er in das Gemach seines Sohnes und fand seinen Jungen schluchzend auf dem Bett liegen. Alistair setzte sich betrübt neben ihn und streichelte sanft seinen Rücken. So saß er, bis sich Sean etwas beruhigt hatte und sich seinem Vater zuwandte.

„Warum?“, fragte Sean nur und blickte Alistair aus traurigen, geröteten Augen an. Er sah, dass auch sein Vater geweint hatte. Eine Welle tiefer Liebe durchströmte Sean und er umarmte seinen nach außen meist so gefühlskalten Vater lange. Er fragte sich verzweifelt, wer das tiefe Loch stopfen könnte, das der Tod seiner liebevollen Großmutter in sein Herz gerissen hatte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimte bei dieser Umarmung auf, Sean fühlte sich bei seinem Vater geborgen.

Seans Geburtstag am nächsten Tag war trostlos, weil seine Großmutter fehlte. Alles fühlte sich so sinnlos an, auch die Anwesenheit seines besten Freundes konnte Sean nicht aufmuntern.

Kendras Beerdigung fand erst eine Woche nach ihrem Tod, am 6. Februar, statt, da noch Alistairs Geschwistern Bescheid gegeben werden musste. Der Gottesdienst und die Beisetzung wurden auf Dunnottar Castle abgehalten. Es war ein sonniger Mittwoch und das Wetter passte überhaupt nicht zu der bedrückten Stimmung auf der Burg. Obwohl sie sehr eigensinnig war, hatten die meisten Burgbewohner die alte Lady gemocht, so dass die Kapelle voll war. Es wurde eine ergreifende, würdevolle Zeremonie.

Einen Tag vor der Beisetzung war doch tatsächlich Seans Tante Allison angekommen, um ihrer Mutter die letzte Ehre zu erweisen. Sie hatte ihren Mann James MacGregor, einen netten älteren Herren, und ihr Baby Geillis, Seans Cousine, mitgebracht. Allison war sehr freundlich zu Sean und schien sich genauso zu freuen, ihn endlich kennenzulernen, wie er. Sean mochte die Familie auf Anhieb und war sofort in die kleine Geillis vernarrt.

Natürlich bemerkte Sean die Spannungen zwischen Allison und seiner Mutter und er hatte das Gefühl, dass es für beide schwer war, im selben Raum sein zu müssen. Zu gern hätte Sean gewusst, was die Frauen auseinandergetrieben hatte, aber wen sollte er fragen?

Seans Onkel Ennis war auch gekommen, aber würdigte ihn wie immer kaum eines Blickes, was Sean durchaus schmerzte. Sean betrachtete Ennis ehrfürchtig, da er ein Professor war, und somit ein wirklich kluger Mann sein musste. Sean hätte sich gern einmal mit ihm unterhalten, aber die unnahbare Art seines Onkels hielt ihn davon ab.

Als dann der helle, mit schönen Schnitzereien verzierte und mit wunderschönen Blumen bedeckte Sarg seiner geliebten Großmutter auf dem Kirchhof in die Erde gelassen wurde, konnte Sean seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Benommen spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Er dachte erst, sie wäre von Arthur, doch als er hinüberblickte, nahm er wahr, dass sie Shona gehörte. Er schaute in ihr hübsches Gesicht und sah ihren mitfühlenden Blick. Sean nickte ihr dankbar zu und lächelte zum ersten Mal wieder seit dem Tod seiner Großmutter.

***

Als Sean ein paar Tage nach der Beerdigung von den vielen Tränen erschöpft und mit hängenden Schultern zu Arthur ging, fand er seinen Freund niedergeschlagen auf dem Bett sitzen.

„Was ist denn los?“

Sean hatte eigentlich nicht die Kraft, seinen Freund aufzumuntern und setzte sich mutlos neben Arthur.

„Ich hasse meine Eltern!“, sagte da Arthur aufgebracht. Sean überraschte die Aussage sehr. So etwas hatte er noch nie von Arthur gehört. Arthurs Eltern waren die besten, die Sean sich vorstellen konnte.

„Ach, sag doch so etwas nicht! Es handelt sich bestimmt nur um ein Missverständnis.“

Sean tätschelte Arthurs Hand und musste dabei an seine Großmutter denken. Er spürte, wie neue Tränen sich ans Licht kämpften, konnte sie aber hinunterschlucken.

„Sie wollen, dass ich Priester werde! In Kinneff18!“, sagte Arthur abfällig. „ICH in einer Kirche! Das ist doch absurd!“ In Arthurs Augen schimmerten Tränen. Er hatte sich sein Leben anders vorgestellt. Er wusste zwar nicht wie, aber SO nicht!

„Was haben sich deine Eltern dabei gedacht?“, wollte Sean wissen.

„Ich weiß es doch auch nicht. Sie sagen, meine Zukunft wäre gesichert, aber sie haben mich überhaupt nicht gefragt. Ich soll ab nächstem Monat bei dem Priester dort leben und alles von ihm lernen. Er wäre sehr erfreut, dass ich lesen kann und nimmt mich gerne in seinen Dienst, hat meine Mutter gesagt. Aber ich will nicht!“

Jetzt schluchzte Arthur laut. Sean nahm ihn stumm in die Arme. Ich muss mir etwas überlegen!

Und das tat er auch. Die nächsten Tage verbrachte Sean damit, verschiedenste Lösungen zu suchen und abzuwägen. Er konnte kaum schlafen, die Gedanken an einen Ausweg kreisten wie wild in seinem Kopf herum und eine Idee war absurder als die andere. Was konnten sie nur tun? Dass Arthur weggehen würde, war keine Option. Ihn wollte Sean nicht auch noch verlieren. Er hatte den Verlust seiner Großmutter noch nicht ansatzweise verarbeitet, und jetzt würde ihm sein bester Freund genommen werden? Das durfte er nicht zulassen. Schließlich blieb nur eine Möglichkeit übrig, Sean hatte einen Entschluss gefasst.

Beschwingt ging er zu Arthurs Haus und klopfte. Arthurs Mutter öffnete, Angus kam neugierig herbei. Er hatte vor Kurzem Laufen gelernt.

„Sean, komm rein! Wie geht es dir?“

Sean nuschelte „Gut!“ und sah zu Arthur, der gerade trübsinnig am Küchentisch saß und etwas aß. Sonst war niemand im Raum. Überrascht sprang Arthur auf.

„Sean! Schön, dass du da bist!“

„Wollen wir ins Zimmer gehen?“, fragte Sean bedeutungsvoll. Arthur verstand, räumte den Tisch ab und die beiden gingen nach oben. Fiona schaute ihnen irritiert nach und machte sich dann an den Abwasch. Still litt auch sie unter der Entscheidung, doch sie und Tevin sahen keinen anderen Weg, ihrem Sohn eine gesicherte Zukunft zu ermöglichen. Angus erkundete indessen weiter fröhlich quietschend die Küche.

„Ich habs!“, flüsterte Sean verschwörerisch.

„Was hast du?“

„Die Lösung natürlich! Für unser Problem! Wir müssen weggehen, gemeinsam“, sagte Sean stolz.

„Abhauen meinst du?“

Arthur schaute seinen Freund verdutzt und ungläubig an. „Du willst weg von Dunnottar Castle? Aber deine Eltern. Und du bist doch irgendwann der Laird. Das verstehe ich nicht.“ Das war zu viel für Arthur.

„Hör mal zu. Ich will kein Laird sein. Und auf der Burg ist es sowieso so langweilig. Wir hatten doch gesagt, dass wir zusammen die Meere befahren wollen. Warum also nicht jetzt?“

„Hm, das wäre natürlich fantastisch! Wobei, meine Eltern und Geschwister werden schon sehr traurig sein. Aber wir können doch auch wieder zurückkommen, oder?“, wandte Arthur ein.

„Natürlich! Wir sind noch so jung. Wer weiß, was das Leben noch mit uns vorhat. Machst du mit?“, fragte Sean herausfordernd.

„Ja, du rettest mich damit! Du bist der Beste!“, stürmisch umarmte Arthur seinen Freund. Er hatte wieder Hoffnung geschöpft.

Sofort machten sich die beiden Jungen daran, ihre Flucht zu planen. Das Schwierigste war der Weg zum Festland. Wenn sie den geschafft hatten, mussten sie bloß noch nach Stonehaven kommen und dann wollten sie weiter schauen.

***

Zwei Tage später schlichen des nachts zwei Gestalten mit Kapuzen über den Burghof zu den Stallungen. Kurz darauf führten sie ein Pferd mit großen Satteltaschen in Richtung Torhaus. Alles ging leise und schnell vonstatten, auch das Pferd machte keinen Laut. Beim Torhaus angekommen, blieb eine Gestalt beim Pferd und die andere huschte mit einem langen Gegenstand in der Hand in das Gebäude. Es dauerte eine Weile, dann öffnete sich das Tor, die Gestalt kam wieder heraus und winkte der anderen zu. Diese setzte sich mit dem Pferd am Zügel in Bewegung und gemeinsam verließen sie die Burg. Flink stiegen sie die Stufen hinab und folgten dem schmalen Pfad bis zum Festland. Erst dort blieben sie stehen und blickten zurück.

„Wir haben es geschafft!“ Sean zupfte seine Kapuze zurecht. „Gut gemacht, Vika!“ Liebevoll streichelte Sean den Hals seiner treuen Stute. „Wie hast du das mit der Wache gemacht?“

Sie hatten sich geeinigt, dass Arthur diesen Teil übernahm, da er größer und stärker war als Sean.

„Es war Brendan. Er saß auf seinem Stuhl und döste. Da habe ich mich von hinten angeschlichen und ihm mit dem Knüppel auf den Hinterkopf gehauen, aber nicht so stark natürlich. Er ist einfach vom Stuhl gekippt und bewusstlos liegen geblieben. Schnell habe ich ihn geknebelt und gefesselt und das Tor geöffnet. Es war schon ein komisches Gefühl, jemanden zu überfallen und dann noch von hinten“, erwiderte Arthur verwirrt.

„Brendan wird schon wieder. Du hast das gut gemacht, Arthur.“

Mit diesen Worten stieg Sean auf und half Arthur, sich hinter ihn zu setzen. Mühelos trabte Vika trotz des Gewichtes los, die Stute war zäher, als sie aussah. Schweigend ritten sie den Küstenweg entlang und vermieden, sich umzublicken. Ganz so einfach, wie sie sich gegenseitig versicherten, war es doch nicht, ihr Zuhause und ihre Lieben zu verlassen.

Würden sie sie je wiedersehen?

II

Auf zu neuen Ufern

Wenn du den Mut aufbringst

Auf den Meeren des Lebens zu segeln

Entdeckst du nicht nur neue Welten

Sondern auch dich selbst

R.B.B.

Zehn

- 1692 -

„Das muss Aberdeen sein!“, rief Sean freudig und spornte seine Stute an.

Erschöpft von dem anstrengenden, fünfstündigen Ritt durch weichen Schneematsch sehnten sich seine Glieder nach Erholung. Auch Arthur konnte sich kaum noch auf dem Pferd halten.

Sean hatte vor ihrer Flucht heimlich die Landkarte seines Vaters studiert und zum Glück war der Weg nach Aberdeen nicht schwer zu finden, denn er ging immer an der Küste entlang. Der silberne Mond hatte ihnen treu geleuchtet und wurde nun langsam von seiner goldenen Schwester, der Sonne, abgelöst.

Als die Jungen der Stadt näherkamen, bemerkten sie die eigenartige Farbe der Häuser. Die Gebäude bestanden alle aus einem silbergrauen Stein, der in der aufgehenden Sonne glitzerte. Einige sahen ziemlich beeindruckend aus, mit Türmchen und anderen Verzierungen. An der Kirche hielten sie an. Sie war aus dem gleichen Gestein gebaut und sah sehr alt aus.

Hier also wohnt meine Tante, dachte Sean. Er hätte sie gern besucht, aber es war keine Zeit und außerdem bestand die Gefahr, dass sie seiner Familie von seinem Besuch berichtete.

„Wo ist der Hafen? Ich sehe hier nur Häuser, Häuser, Häuser“, bemerkte Arthur schmollend.

„Ich muss den Weg zum Meer verpasst haben. Am besten fragen wir jemanden.“

Sean stieg ab und wandte sich an eine ältere Frau, die gerade mit einem Korb zu einem der Häuser ging.

„Ihr müsst diesen Weg dort in die Richtung reiten. Bald könnt ihr dann den Hafen sehen.“

Zur Unterstützung stellte sie den schweren Korb kurz ab und zeigte mit ihrer linken Hand in die von ihr beschriebene Richtung. Sean bedankte sich und kam wieder zu Arthur und Vika.

Sie mussten länger reiten als sie dachten, der Hafen war ein ganzes Stück vom Ortskern entfernt. Doch dann konnten sie die ersten Segelmasten aufragen sehen.

„Da, da sind Schiffe!“, rief Arthur aufgeregt. „Da müssen wir hin!“

Sean beschleunigte sein Pferd, auch er konnte es kaum erwarten, endlich am Hafen zu sein. Die Bucht mit den Schiffen wurde größer und größer, so auch die Begeisterung der beiden Jungen. Am Hafen angekommen, bot sich ihnen ein überwältigender Anblick.

„Sean! Hast du die Schiffe gesehen? Die sind ja riesig!“

„Wie soll ich die übersehen?!“, antwortete Sean belustigt und schaute ehrfurchtsvoll an einem 60 Fuß19 hohen Mast hinauf.

„Sie sind wunderschön.“

Der Hafen bestand aus einem großen natürlichen Becken mit einem Kai für große Zwei- bis Drei-Mastschiffe und einer Menge Anlegestege für kleinere Einmaster und Fischerboote. Am Ende wurde die Durchfahrt zum offenen Meer durch einen Damm mit einem Leuchtturm darauf verengt.

An diesem Morgen ankerten sieben große Schiffe an der Kaimauer und warteten darauf, dass sie beladen wurden. Armdicke Seile waren kunstvoll an den Pollern befestigt. Über Rampen gelangten die Seeleute mit ihrer Fracht auf dem Rücken auf die Schiffe und unbeladen wieder hinunter. Sean erinnerte das alles an einen Ameisenhaufen, den er einmal im Wald gesehen hatte. Die Berge der Ladung an Land wurden immer kleiner. Die Fässer und Säcke verschwanden über die Rücken der Männer-Ameisen im Bauch des Schiffes.

Seans Blick wanderte von den Schiffen zum großen Platz vor dem Hafenbecken. Erst jetzt entdeckte Sean die riesige Ansammlung von Marktständen, die dort aufgebaut waren. Die Schiffe hatten so sehr nach seiner Aufmerksamkeit verlangt, dass er nichts anderes hatte wahrnehmen können. Auch seine Ohren waren bisher irgendwie taub gewesen. Doch jetzt prallte eine Flut aus lauten, aufdringlichen Geräuschen auf ihn ein.

„FIIISCH, FRIIIISCHER FIIIISCH!!“

„WUUUUNDERBARE MEERFOREEELLE!“

„ZAAARTER LAAACHS!“

Die Marktleute fuchtelten wild in der Gegend herum, einige sogar mit den Fischen in der Hand.

Und der Geruch! Eine Welle aus salzigem Fisch-Duft schwappte in seine Nase. Sean musste schlucken und die Luft anhalten, um sich langsam daran zu gewöhnen.

„Sean, der Markt ist viel größer als der in Stonehaven! Und hier gibt es nur Fisch! Ich habe in meinem Leben noch nie soo viel Fisch gesehen! Das Meer muss ja leer sein!“

Arthur kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ununterbrochen plapperte er und beschrieb er, was er alles sah.

„…Und die Menschen! Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen!…“

Sean hörte gar nicht hin. Er staunte schweigend. Obwohl er so viele Bücher gelesen und sich die aufregendsten Dinge vorgestellt hatte, war die Realität doch weitaus beeindruckender.

„Komm, wir setzen uns erst einmal, ich habe Hunger.“ Sean zog seinen Freund am Arm und sie gingen zu ein paar großen Steinen etwas abseits. Sie kauten ihren Proviant, beobachteten überwältigt das rege Treiben und bestaunten weiter die Schiffe. Beim Genießen der von zu Hause mitgebrachten Trockenwürste wurden sie innerlich etwas ruhiger.

„So, und was machen wir jetzt?“, wollte Arthur schließlich wissen.

„Na, wir suchen uns ein Schiff aus und fahren mit“, antwortete Sean.

„Aber das kostet doch Geld. Auch unser Essen wird irgendwann knapp. Hast du Geld dabei?“, wollte Arthur wissen.

Oje, daran hatte Sean nicht gedacht! So ein Mist! Was machen wir denn jetzt? Sollte ihr Abenteuer schon hier enden? Noch bevor sie überhaupt ein Schiff betreten hatten?

Doch Arthur hatte eine Idee.

„Es wird dir nicht gefallen, aber der einzige Weg ist wahrscheinlich, dass wir Vika verkaufen. Wir können sie sowieso nicht mit an Bord nehmen.“

Vika! Wie konnte Sean nur so nachlässig gewesen sein und bei seinem tollen Plan nicht daran denken, was mit seinem treuen Pferd passieren sollte! Ich dummer, dummer Junge!

Sean überlegte lange. Er sah die gutherzige Stute an und ihm wurde ganz flau im Magen. Vika schaute ausgerechnet jetzt besonders treuherzig drein, als ob sie wüsste, welche Gedanken ihr Herr hatte. Aber es nützte nichts: das war die einzige Möglichkeit.

Nach einer Weile fanden die zwei Jungen einen Mann, der die Stute kaufen wollte.

„Sie ist brav und äußerst zäh, außerdem noch ganz jung“, beteuerte ihm Sean.

„Ja ja, das sagen alle…“, antwortete der dürre Mann mittleren Alters mit den kantigen Gesichtszügen. „Gib sie schon her.“

Damit entriss er Sean die Zügel und zog Vika lieblos davon.

„Seid nett zu ihr!“, rief Sean ihm traurig nach.

Er hatte sich vorher stumm von seiner geliebten Vika verabschiedet. Sie wieherte leise und ging widerstrebend mit ihrem neuen Besitzer davon. Dieser hatte ihnen eine Menge Geld gegeben, dachten die beiden Jungen zumindest. Für den Mann jedoch war es das größte Geschäft seines Lebens gewesen.

Als sie weitergingen, drehte sich Sean nicht noch einmal um. Sein Herz schmerzte und das Geld klimperte schwer in seiner Hosentasche.

Sean und Arthur liefen zurück zum Kai. Bis dahin hatten sie sich noch keine Gedanken gemacht, wo sie eigentlich hinwollten.

„Und jetzt?“, fragte Sean, entmutigt aufgrund Vikas Verlust.

„Wir müssen uns durchfragen“, entgegnete Arthur enthusiastisch. „Mal sehen, wer uns mitnimmt für dein Geld.“ Und schon stapfte er los und ging zum vordersten Schiff.

„Entschuldigung, wohin fährt dieses Schiff?“, fragte er einen Mann, der gerade einen schweren Sack über der Schulter auf das Schiff tragen wollte.

„Nach….“, sagte dieser undeutlich und war schon wieder keuchend weitergegangen.

„Aber wie viel kostet…“, rief Arthur ihm hinterher.

Die Seeleute hatten so viel zu tun, dass sie die Jungen gar nicht bemerkten. Nun versuchten beide, Gehör zu finden. Sie liefen von Mann zu Mann und fragten. Sean zeigte auch ein paar Münzen, um zu beweisen, dass sie die Fahrt bezahlen konnten.

Nach einer halben Stunde wurden sie endlich fündig. Ein alter Matrose, der ziemlich wild aussah mit seinen langen Haaren, dem struppigen Bart und dem braunen, faltigen Gesicht, hatte anscheinend ein weiches Herz. Er ließ sich das gesamte Geld von Sean zeigen und nickte. Dann bewegte er seinen Kopf in Richtung des nächsten Schiffes und bedeutete ihnen somit, dass sie ihm folgen sollten.

Aufgeregt nahmen die Jungen ihre Bündel und liefen hinter ihm her. Als Sean den Fuß auf die Schiffsrampe setzte, durchfuhr ihn ein freudiger Schauer. Er dachte an die Pelican und an die Reiseerzählung des geheimnisvollen R.B.B., die in ihm diese nagende Sehnsucht nach Abenteuer geweckt hatte. Unwillkürlich tastete er in seinem Bündel nach dem dünnen Buch, das er nicht wieder in die Bibliothek zurückgebracht hatte. Sean hoffte, dass es ihm auf seiner Reise Glück bringen würde.

An Deck waren überall Seeleute am Werk. Sie verstauten Waren und Lebensmittel, prüften Taue und Knoten und riefen einander allerhand Befehle zu, die Sean und Arthur nicht verstanden.

Sean spürte ein Kribbeln im ganzen Körper. Noch nie hatte er sich so lebendig gefühlt. Er spürte: Hier gehöre ich hin. Mit leuchtenden Augen sah er sich auf dem Schiff um, erblickte die zwei riesigen Masten mit den noch verschnürten Segeln und sah unzählige Seile, die in einer für ihn unverständlichen Ordnung kreuz und quer über das Schiff und die Masten liefen. Sah Fässer und Truhen, lief über die knarrenden Planken. Auch seine Nase fühlte sich hier wohl. Es roch nach Salz und Freiheit. Die Möwen kreischten aufgeregt über seinem Kopf, der Wind zerzauste ihm die Haare.

Bei einem großen Mann mit Hut sollten sie stehenbleiben.

„Das ist Mr. Cook, unser Kapitän. Mr. Cook, ich habe noch zwei Passagiere gefunden. Sie zahlen gut. Sagt dem Kapitän, wie ihr heißt.“

Der Matrose blickte auffordernd zu Sean und Arthur. Etwas überrumpelt nannten sie ihre Namen.

„Einverstanden! Ihr könnt mitfahren“, sagte der Kapitän, nachdem er Sean freudig die Münzen abgenommen hatte.

„Es ist zwar keine Koje mehr frei, aber ihr könnt in der Kammer auf dem Boden schlafen. So, jetzt habe ich aber zu tun!“

Er ging zu zwei seiner Männer und redete energisch auf sie ein.

Sean und Arthur waren so überwältigt von den vielen neuen Eindrücken, dass sie glatt vergessen hatten, zu fragen wo die Reise überhaupt hinging.

„Hahaha! Ihr habt für die Fahrt bezahlt und wisst nicht einmal, wohin es geht?“

Ein etwas dickerer Matrose mit Glatzkopf hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann klopfte er sich auf die kräftigen Oberschenkel und beugte sich lachend nach vorn. Sean und Arthur schauten sich betreten an.

„Nach Amsterdam, wir fahren nach Amsterdam“, brachte der Matrose dann keuchend hervor und ging kopfschüttelnd wieder seiner Wege.

„Ah! Amsterdam!“, sagte Sean wichtigtuerisch.

„Kennst du es?“, fragte ihn Arthur.

„Ja… nein. Noch nie davon gehört. Aber es klingt großartig! Auf nach Amsterdam!“

Sean sah auf die Hafenbucht hinaus und konnte hinter dem Damm das offene Meer erkennen. Er legte die Hand wie ein Dach über seine Augen und ließ die Gedanken schweifen. Die Sonne stand schräg am Himmel, es war fast Mittag. Ein herrlicher Tag.

Arthur bekam bei dem Gedanken weiche Knie, bald auf das endlose, weite Meer zu fahren. Wie froh war er, dass Sean bei ihm war!

Nach einer ganzen Weile, als alles verstaut und die Matrosen an Bord waren, hörte Sean endlich:

„Leinen los, Ankertrosse hieven!“

Die Fahrt ging los.

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