Kitabı oku: «MIT ZÄHNEN UND KLAUEN»

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Inhalte

1  Typo

2  Impressum

3  Zitat

4  Die Welt wird nicht ohne einen Krieg untergehen

5  Hier kracht es schon fast wie in Bagdad

6  Würdest du einen Hund abknallen …

7  Wir haben Bajonette, die sollten Eindruck schinden

8  Wie man einen Polizeihubschrauber bei Grand Theft

9  Ich mach euch fertig, ihr Schweine!

10  Ich frage mich allmählich, ob wir den Irak …

11  Alles wird glimpflich verlaufen, Sir …

12  Die Cops gehen nicht ans Telefon

13  Wer über 30 Tage lang unerlaubt abwesend bleibt …

14  Auch im Krieg gibt es Regeln

15  Das Ekelhafteste, was ich je gerochen habe

16  Aus der Leitung, verflucht

17  Einen Platz finden, an dem wir ausharren können …

18  Lauf, lauf, verdammt noch mal, lauf

19  Ich bin Sicherheitsangestellter …

20  New York kam mir schon immer wie ein fremdes Land

21  Eine Pistole könnten wir aber auch gebrauchen

22  Wäre es nicht cool, wenn man jeden kaltmachen könn

23  Hier ist die Kacke gewaltig am Dampfen, wir tappen

24  In voller Kampfmontur

25  Hey, Army! Könnt ihr mich hören?

26  Wir sind nicht hier, um das Massaker von My Lai od

27  Genau das wolltest du vermeiden

28  So kann ich nicht arbeiten!

29  Wir versuchen, ein Heilmittel für die falsche Kran

30  Wirte

31  Keine Spur von freundlichen Truppen

32  So sichert ein Schützenzug ein Gebäude

33  Eine höhere Verpflichtung

34  Noch einer auf deinem Kerbholz

35  Zahltag

36  Können Sie mir helfen?

37  Verschwinden Sie schleunigst aus meinem Labor

38  Gott sei Dank ist er nicht tollwütig

39  Vertrauen Sie mir

40  Wir sind die mächtigste Armee der Welt und werden

41  In der Befehlskette fehlen Glieder

42  Das erlebt man nicht jeden Tag

43  Jeder Tote bedeutet eine Unterbrechung der Infekti

44  Je länger ich sie sehe, desto ungerechter finde ic

45  Entweder die oder wir, Gentlemen

46  Sie verdienen es nicht, uns alles wegnehmen zu dür

47  Kein Zurück

48  Wisst ihr, mein Dad …

49  Ein Mann, zur rechten Zeit am rechten Ort, kann et

50  Sicherheit am Arbeitsplatz

51  Trommelfeuer

52  Solange noch jemand lebt, besteht Hoffnung

53  Ich möchte dir zuerst meine Geschichte erzählen, d

54  Noch irgendeine, äh … letzte Bitte?

55  Das wesentliche Problem sind nicht die Leute, die

56  »Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!«

57  Die letzte Bastion

58  Ein einfaches Missverständnis

59  Einer unter Ihnen ist ein Verräter

60  Stich und Halt, bewegen. Zug und Halt, bewegen. Zu

61  Wir werden diese Kampfhandlung ausschließlich mit

62  Wir sind die US Army

63  Ich habe überlebt

64  Sie wollten eine bessere Welt schaffen

65  Früh genug, um mir den Arsch aufzureißen?

66  Wagemutig oder selten dämlich, sucht es euch aus

67  Ist nicht unbedingt ›Welt retten‹, aber ich lasse

68  Bei einer Truppe mit diesem Namen muss ich mich wo

69  Wenn du nicht davonrennen kannst …

70  Falsche Antwort

71  Kurz darauf regnet es Leichenteile

72  Ich habe keine Angst

73  Ein letzter Trumpf

74  Kontakt

75  Ich hatte keine Wahl

76  Die entgegengesetzte Richtung

77  Sie sind nicht umsonst so weit gekommen

78  Vergebliche Liebesmüh

79  Wem gehört die Welt danach?

80  Der Autor

81  Leseproben

82  Der LUZIFER Verlag


Impressum

Deutsche Erstausgabe

Titel der Originalausgabe: TOOTH AND NAIL

Published by arrangement with SALVO PRESS, Nevada, USA

Copyright Gesamtausgabe © 2014 LUZIFER-Verlag

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Copyright Cover © 2014 Timo Kümmel

Lektorat: Heike Müller

Übersetzung: Andreas Schiffmann

ISBN EPUB: 978-3-943408-64-5

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Never will I fail my country’s trust.

Always I fight on—

Through the foe,

To the objective,

To triumph over all.

If necessary, I fight to my death.

Aus ›The Infantryman’s Creed‹

»Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen,

dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird«

Friedrich Nietzsche

Die Welt wird nicht ohne einen Krieg untergehen

Als er nur kurz die Augen schließt, schläft Private First Class Jon Mooney sofort ein, obwohl er schweißgebadet in Panzerweste und mit einem M4-Karabiner in Händen hinter Stacheldraht und Sandsäcken am Checkpoint steht. Sein Kopf fällt ihm unter dem Gewicht des Kevlar-Helms auf die Brust, vor seinen Augen beginnt es zu flimmern und er wähnt sich wieder im Irak – nur einen Augenblick lang – als Wachposten an einer Straßensperre im Bezirk Adamiyah in Bagdad, während über ihm Apache-Hubschrauber knattern, einheimische Kinder auf der Straße Kaltgetränke feilbieten und Scharfschützengewehre in Fensterrahmen auftauchen.

Sein Herz rast, die Augen irren auf der Suche nach Bedrohungen umher und fokussieren schließlich zum gefühlten hundertsten Mal die Werbetafel auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung. Das breite Plakat, auf dem mehrere Models in rosafarbenem Schaumbad herumplanschen, prangt vom Dach einer Burger-King-Filiale, zwischen einem Elektronikgeschäft und einem Kleiderdiscounter. Er begreift den Sinn des Fotos nicht und weiß nicht einmal, wofür es wirbt, aber es spricht ihn an. Es macht ihm ein Angebot zur Flucht, nach der er sich geradezu händeringend sehnt, obwohl er keine Worte dafür findet.

Das hier ist nicht der Irak, sondern New York City.

Der Burger King und alle anderen Geschäfte in diesem Bereich der First Avenue wurden wegen der Epidemie geschlossen, ihre Fassaden mit schwarzen Metallgittern verbarrikadiert, als sei die gesamte Straße ein riesiges Gefängnis. Verlassene Autos und Müll versperren die Fahrbahn und den Fußgängerweg, ausgehend vom Checkpoint bis zu den Straßensperren aus Beton einen Häuserblock weiter.

Eigentlich ist dies sein Zuhause. Die Wolkenkratzer Manhattans ragen über der schmutzigen Straßenszene in die Höhe und die Sonne reflektiert von ihren Fenstern. Mooney späht blinzelnd ins Licht, bis er die funkelnde Spitze des Chrysler Buildings ausmacht. Dort oben sieht alles ruhig, fast unbeschwert aus. Man könnte innehalten und eine Weile im lauen Wind ausharren.

Vor 46 Stunden noch saß er am anderen Ende der Welt mit dem Rest des 2. Platoons der Kompanie Charlie auf einer Landebahn und wartete auf seinen Flug nach Hause. Natürlich nannten sie es nicht Flucht; die Obrigkeit umschrieb es als »notfallmäßige Versetzung«, ihre Vorgesetzten am Boden sprachen von »Rückzug« und die Soldaten von einer »Riesenschweinerei«, dem »Inbegriff des Chaos« oder einer »klasse Gelegenheit, zu sterben«. Egal wie man es bezeichnete: Die Armee holte auf einen Schlag Zehntausende Einheiten zurück, während die irakische Regierung ihre Zelte in der internationalen Zone abbrach und die verschiedenen Stämme sogleich dazu übergingen, alte Rechnungen zu begleichen, wenn sie zwischen ihren fanatischen Attentaten auf die sich zurückziehenden Amerikaner Zeit dazu hatten.

Mit allem, was fliegen oder schwimmen konnte, kehrten die Soldaten nach Hause zurück und wurden an verschiedene Standorte in den Vereinigten Staaten versetzt. Die logistische Leistung des Truppenrückzugs von Stützpunkten überall auf der Welt in die Heimat war verblüffend. Mooneys Zug – Schützen der leichten Infanterie, deren Haut verbrannt war von der Sonne des Mittleren Ostens und die aus ihren Hosentaschen noch Sand schöpften – wies man diesen Abschnitt der First Avenue von Manhattan zu. Ihr Auftrag: Das Trinity Hospital absichern.

Zwar war dies nicht die Heimkehr, auf die sich Mooney während des vergangenen Jahres gefreut hatte, doch wenigstens schoss niemand mehr auf ihn.

Er zwingt seine Gedanken zurück in den Augenblick. In der Nähe des Checkpoints taucht der alte Mann wieder auf und belästigt wie gehabt jeden, der versucht, zu den Soldaten und ins Krankenhaus zu gelangen. »Ich würde an Ihrer Stelle nicht da reingehen«, gibt er zu bedenken. Er ist glatt rasiert und hat lange, graue Zotteln. Auf seinem T-Shirt steht: CLEVERSTER DUDE WEIT UND BREIT.

»Aber ich bin hungrig«, meint der Angesprochene. »Es gibt kaum mehr Lebensmittel in den Läden, und ich habe nichts.«

Mooneys Zugführer, Corporal Eckhardt, winkt eine junge Frau durch, die offensichtlich mit Hongkong Lyssa infiziert ist und sich auf einen Mann stützt, der wohl ihr Gatte oder Freund ist. Sie glüht vor Fieber und leidet an Zuckungen.

»Tut mir leid«, gibt Eckhardt denjenigen zu verstehen, die nach ihnen in der Schlange stehen. »Wir verteilen auf diesem Posten keine Nahrungsmittel. Versuchen Sie es an den Adressen auf dieser Liste; die Stadtverwaltung hat sie ausgegeben.«

»Leute gehen da rein«, bemerkt der Alte, indem er jedem in Sichtweite zunickt, »kommen aber nie wieder raus.«

Der elende Bastard weidet sich offensichtlich an dieser Tatsache.

Mooney seufzt, während er dabei zusieht, wie die Menschen zwischen den verlassenen Fahrzeugen hindurchströmen, um sich in einem der zusehends schwindenden freien Betten des Trinity Hospitals behandeln zu lassen. Der Andrang der Infizierten scheint nicht abzureißen.

Jon Mooney ist seinen Militärdienst leid, aber bald hat er alles überstanden: noch 27 Tage und ein Morgenappell, bis seine Verabschiedung offiziell ist und die Army ihn gehen lässt. Dann sagt er dem Irak, New York und dem Rest der Welt Alpha Mike Foxtrot – Adios, Motherfucker.

Doch die Tage ziehen sich dahin. Wie die meisten Angehörigen seines Platoons ist er noch ein halbes Kind, 19 oder 20 Jahre alt, aber mit Abzeichen auf der Schulter, die von Kampferfahrung zeugen und sie als Veteranen ausweisen – Infanteristen: schlank, fit und hungrig.

Mooney ist erschöpft und hat bereits zu viel gesehen, das er liebend gerne vergessen würde. Er will einfach nur noch nach Hause, alte Schallplatten sammeln und bis zwei Uhr morgens vor der Glotze hängen. Vielleicht gelingt es ihm auch, wieder mit Laura anzubandeln und sich eine Wohnung zu besorgen – irgendeinen abgeschiedenen Zufluchtsort, an dem er eine Zeit lang allein sein kann.

»Nächster!«, bellt Eckhardt. »Los Leute, kommt in die Gänge.«

»Alle gehen rein, und keiner kommt wieder raus«, kräht der alte Mann.

»Mister, ich glaube, es ist an der Zeit, dass Sie Ihr Schandmaul halten«, sagt Specialist Martin von der Waffenstaffel, während er sich über sein M240 Kaliber .30 beugt, das auf einem Dreibein montiert von einem Haufen Sandsäcke aus in die First Avenue zielt. Auf dem Boden neben ihm sitzt der Ladekanonier – ein Typ, den alle Boomer nennen – und lacht.

»So gehen Sie also mit einem um …«, hebt der Alte an, ehe er sich in Bewegung setzt und davontrottet, da Martin sein Maschinengewehr gerade so weit herumschwenkt, dass es bedrohlich wirkt. »Schon klar, ihr Kerle habt den richtigen Beruf gewählt«, ruft er mit Blick über die Schulter nach hinten, während er sich torkelnd zwischen den Autos entfernt. »Ohne einen Krieg wird die Welt nämlich nicht untergehen!«

»Alpha Mike Foxtrot!«, gibt ihm Martin grinsend mit auf den Weg, woraufhin sein Ladekanonier erneut kichert.

»Einen Krieg, Bruder gegen Bruder!«, ergänzt der Mann von Weitem.

Mooney ist sich der Bedeutung dieser Worte nur vage bewusst, schaudert aber, aus welchem Grund auch immer.

»Das gibt’s nur in New York«, meint Boomer und schüttelt den Kopf.

Hier kracht es schon fast wie in Bagdad

Am südlich gelegenen Kontrollpunkt wirft eine Traube von Zivilisten dem befehlshabenden Offizier des Zweiten Platoons vor, die Army halte einen geheimen Impfstoff der Regierung im Krankenhaus zurück.

Mit seinen hellblauen Augen und einem Blondschopf erinnert Second Lieutenant Todd Bowman aus Fredericksburg in Texas eher an einen Chorknaben, als an einen Soldaten. Bevor der große, aber schmächtige Junge der Armee beitrat, um hautnah zu erfahren, wie Geschichte geschrieben wird, studierte er sie als Fach am College. Obwohl er sich als fähiger Anführer bewies, hat er sich immer noch nicht abgewöhnt, verstohlene Blicke auf Sergeant First Class Mike Kemper zu werfen, einen 30-jährigen Veteranen aus Louisiana, ob dieser seine gewagtesten Befehle und tiefsten Ängste bestätigt. Kemper, seinerseits klein und sehnig mit unproportional großen Händen, ein Typ, der zum Töten wie geschaffen scheint, zwinkert üblicherweise zur Antwort. Mit rasiertem Kopf und starrem Blick schüchtert sein ganz normaler Gesichtsausdruck jeden solange ein, bis er ein Lächeln bemüht, das seine Außenwirkung drastisch verändert. Für die Jungs im Platoon ist der Sergeant ein Fels in der Brandung. Sie nennen ihn Pops.

Auf der anderen Seite der Spiralen aus Stacheldraht, die über die First Avenue gelegt und mit Sandsäcken beschwert wurden, fleht eine dicke Frau den Lieutenant an, er möge welchen Impfstoff auch immer herausrücken, den die Streitkräfte im Krankenhaus bewachen.

»Ma'am«, erwidert der Lieutenant, »weshalb würden wir diese Masken tragen, wenn wir ein Gegenmittel hätten? Wissen Sie, wie unbequem es ist, die Dinger Tag und Nacht anzubehalten?«

Die Frau sieht ihn verunsichert an. »Na ja, das könnte nur Show sein.«

»Für mich ergibt das überhaupt keinen Sinn, was Sie da sagen, Ma'am.«

»Ich werde mich hier hinstellen und nicht von der Stelle rühren, bis ich was zum Impfen meiner Babys bekomme! Verstehen Sie mich?«

Ein Mann aus der Menge wirft ein: »Also hören Sie mal Officer …«

»Wie alt sind Sie überhaupt«, unterbricht die Frau. »Zwölf?«

Der Mann fährt fort: »Sehen Sie mich an, Officer … Danke! Der Präsident der Vereinigten Staaten behauptet, Sie hätten einen Impfstoff. Weshalb sollte der Präsident so etwas sagen, wenn es nicht stimmt?«

Bowman bleibt sachlich: »Sir, unser oberster Kommandant hat keine derartigen Informationen erhalten, denn davon hätte ich bestimmt Wind bekommen.«

»Hey, ich habe gefragt, ob Sie mich verstehen können«, stichelt die Frau.

Ein zweiter Mann mischt sich ein: »Meine Frau ist krank geworden, also bat ich ihre Schwester, zu uns zu kommen und zu helfen, aber jetzt hat sie es sich auch eingefangen, und ich kann sie nicht beide kontrollieren. Sie sind in meiner Wohnung und treiben Gott weiß was, nehmen die Bude auseinander oder so. Ich brauche Hilfe; was soll ich machen?«

»Das Beste, was Sie tun können«, antwortet Bowman. »Bringen Sie die beiden doch zur Behandlung her, bitten Sie einen Nachbarn um Unterstützung oder die Polizei, falls diese die Mittel dazu hat. Ich jedenfalls kann keinen einzigen Mann von diesem Posten abrücken, um Ihnen zu helfen. Tut mir leid, wirklich.«

Einzelne Schüsse, dann eine längere Salve, entheben sich dem steten Hintergrundlärm von New York, den Lauten von acht Millionen Menschen bei ihrem Kampf ums Überleben. Bowman erstarrt vorübergehend mit einer vagen Ahnung von Gefahr, bevor er sich in die Richtung umdreht, aus der die Schüsse erschallen. Wenige Augenblicke später übertönt ein Black-Hawk-Helikopter das Geräusch, der rasch über die Häuserdächer fliegt.

Unterdessen ist Corporal Alvarez angetreten und lässt den Lieutenant wissen, im Krankenhaus wolle man ihn sprechen. Es sei dringend, schiebt er nach.

Der Mann auf der Straße redet immer noch: »Sie hören mir nicht …«

Bowman, der sein Unbehagen nicht abschütteln kann, nickt andeutungsweise und erklärt der Menge: »Wir sind hier fertig.«

Krankenhausleiter Dr. Linton und Winslow, einer von mehreren schwerbewaffneten Stadtpolizisten, die für Sicherheit im Gebäude sorgen, stehen an einem Linienbus vor der Notaufnahme des Trinity. Sie tragen Atemschutzmasken und sehen besorgt aus. Hinter ihnen warten mit dem Hongkong Lyssa Infizierte und ihre Verwandten in einer Schlange darauf, in den Bus einsteigen zu dürfen. Man hustet viel und schnäuzt sich die Nase, während drinnen Krankenschwestern strikt militärisch selektieren, indem sie wirkliche Opfer des Virus von Patienten mit anderen Leiden beziehungsweise von Gesunden trennen, die bloß panisch sind und sich einbilden, krank zu sein.

Die Personen mit Lyssa werden mit farbigen Armbinden in Prioritätsstufen unterteilt. Leute mit Grün werden zur häuslichen Pflege heimgeschickt; wer Rot erhält, gilt als dringender Fall und kommt auf die Intensivstation, falls dort ein Bett frei ist; Gelb hingegen bedeutet, dass man auf alle Fälle bleiben darf und warten muss, aber nicht zwangsläufig auf die Intensivstation gelangt. Schwarz bedeutet: Sie lindern deine Qualen so weit wie möglich, bis du stirbst.

Die Wahrscheinlichkeit, an Hongkong Lyssa zu sterben, ist hoch. Drei bis fünf Prozent aller Erkrankten überleben das Virus nicht, also doppelt so viele wie im Falle der Spanischen Grippe von 1918 und '19 Hunderttausende Amerikaner sind bereits gestorben, und weitere zwei bis drei Millionen werden ihnen voraussichtlich folgen. Genau genommen sterben gerade so viele Menschen, dass man die Leichname in Kühl-LKWS übereinanderlegt, die immerzu mit laufendem Motor auf der anderen Seite des Krankenhauses stehen, bis sie vollgeladen sind, und ihre Fracht nach New Jersey fahren, wo Massengräber für sie ausgehoben werden.

Doch nicht die Zahl der Toten ist das Problem, obwohl sie entsetzlich anmutet.

HK Lyssa ist ein neuartiges Virus, ähnlich der Grippe, und wird durch die Luft übertragen. Laut Seuchenschutzbehörde geht es wahrscheinlich auf den indischen Flughund zurück und entwickelte sich so weit, dass es sich ohne Weiteres auch unter Menschen verbreitet. Es reißt dich von den Füßen wie die Grippe, äußert sich jedoch auch in weiteren Symptomen wie Zuckungen, Augenflimmern und einem strengen, milchig sauren Körpergeruch. Die meisten Betroffenen genesen zwar nach zwei Wochen, doch falls sie schwer infiziert sind und das Virus ins Hirn eindringt, führt es zum Schwachsinn: Dann findet man sie mit Schaum vor dem Mund, sie verweigern die Aufnahme von Wasser, werden paranoid und neigen zu unvermittelten Gewaltausbrüchen. Letztendlich verlernen sie das Sprechen; sie geben dann nur noch ein beunruhigendes Grollen von sich, das an ein Motorrad im Leerlauf erinnert. Seit jemand in den Fernsehnachrichten einen Vergleich mit tollwütigen Hunden gezogen hat, bürgerte sich diese Bezeichnung ein. Sie sind gefährlich, und die Soldaten wissen, dass sie vorsichtig mit ihnen umgehen müssen. Tollwütige haben schon Menschen verletzt und umgebracht, sogar ihre eigenen Familienangehörigen. Man markiert sie stets mit Schwarz, und sie alle sterben in der Regel nach drei bis fünf Tagen.

Dass die geringe Zahl der Tollwütigen den Kampf gegen eine ohnehin bereits fürchterliche Epidemie erschwert, ist jedoch ebenfalls nicht das eigentliche Problem.

Die größte Herausforderung, vor der die Vereinigten Staaten stehen, besteht in der überwältigenden Zahl von Erkrankten, die nur noch bettlägerig sind und andauernde Fürsorge benötigen. Da das menschliche Immunsystem bislang nicht mit diesem Virus zu tun hatte, besitzt es keine natürlichen Abwehrkräfte, weshalb sich nahezu jeder anstecken kann. Folglich liegt die Zahl der betroffenen Bürger im achtstelligen Bereich, darunter auch viele der Behandelnden, Hüter der öffentlichen Ordnung, Hersteller und Lieferanten von Lebens- beziehungsweise Arzneimitteln, Handwerker und Arbeiter, die dafür sorgen, dass Wasser aus den Hähnen kommt, Licht und Klimaanlagen, Kühlschränke, Fahrstühle und Gasherde funktionieren. Amerika steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Ein Sprichwort besagt, die Nation stehe jederzeit nur drei Tage vor einer Revolution. Man verhänge einen Lieferstopp für Lebensmittel an Supermärkte und sehe zu, wie ein Land mit 300 Millionen Einwohnern, die glauben, hohe Ansprüche stellen zu dürfen und über 250 Millionen Feuerwaffen verfügen, darauf reagiert. So hat die Regierung den nationalen Notstand ausgerufen und seine Militäreinheiten aus Übersee abgezogen – um Amerika vor sich selbst zu schützen.

»Bleib nahe bei mir, Mike«, bittet Bowman den Platoon Sergeant. »Ich ahne schon, was sie diesmal wollen.«

Kemper nimmt seine Feldmütze ab und fährt sich mit einer Hand über den geschorenen Schädel. »Aber darauf vorbereiten konnten wir uns nicht. Wir sind nicht entsprechend ausgerüstet. Da heißt es Ausbildung an nicht-tödlichen Waffen, und jetzt, da wir welche einsetzen müssten, sind keine aufzutreiben«, rekapituliert er, während er seine Mütze wieder aufsetzt. »Das ganze Training für nichts und wieder nichts.«

Linton, der sie bereits erwartet, schenkt sich das obligatorische Geplänkel, die Militärs freundlich zu begrüßen, die sein Krankenhaus bewachen, und kommt sofort zur Sache.

»Lieutenant, wir haben keinen Platz mehr, um neue Patienten aufzunehmen – weder Betten, noch Personal. Die Handschuhe, Kittelschürzen und Atemmasken gehen uns aus. Wir schließen die Pforten und werden uns in nächster Zeit auf die vorliegenden Fälle konzentrieren.«

»Verstehe«, antwortet Bowman.

Der Krankenhausleiter hält ihm mit Gummihandschuhen ein Klemmbrett vor. »Ich habe die Adressen mehrerer alternativer Pflegestätten auflisten lassen. Soweit ich hörte, sind sie nach wie vor in Betrieb. Auch Sterbekliniken für die … Tollwütigen.« Der Arzt räuspert sich beim Gebrauch dieses geläufigen, aber politisch unkorrekten Begriffs. »Ich möchte Sie bitten, den Leuten da draußen zu sagen, sie sollen eine der anderen Einrichtungen aufsuchen.«

Kemper nimmt das Klemmbrett entgegen, während Bowman sagt: »Wir kümmern uns darum.«

Linton öffnet den Mund, schnappt ihn aber gleich wieder zu und sagt dann schlicht: »Danke sehr, Lieutenant.«

Bowman beobachtet, wie die Männer zurück ins Gebäude gehen, und schüttelt den Kopf.

Kemper nickt zustimmend. »Ein Haufen Arschlöcher, Sir, soviel ist sicher«, stellt er trocken fest.

Bowman seufzt laut. »Ich muss Captain West darüber in Kenntnis setzen. Mike, gib mir das Funkgerät.«

Plötzlich erklingt Maschinengewehrfeuer von Westen her tief aus der Innenstadt. Verwirrt wenden sich die Soldaten dem Lärm zu und wechseln dann kurze Blicke. Von Tag zu Tag, so scheint es, häufen sich die gewaltsamen Auseinandersetzungen. Dabei denken sie sich: Hier kracht es schon fast so wie in Bagdad. Und die Epidemie ist erst von wenigen Wochen ausgebrochen.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
20 ocak 2022
Hacim:
372 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783943408645
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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