Kitabı oku: «Seewölfe Paket 13», sayfa 16

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Sobocan und Batuti nickten zustimmend.

Bereits zwei Stunden später begaben sie sich unter der geländekundigen Führung Sobocans auf den Weg zurück zur Küste. Viele guten Wünsche von Mehmet Yigal und seiner weitverzweigten Familie begleiteten sie dabei. Und die Männer hofften inbrünstig, daß sie in Erfüllung gehen würden, denn der geringste Fehlschlag konnte den sicheren Tod für sie und ihre gefangenen Kameraden bedeuten.

7.

Wie das Wahrzeichen auf dem Kuppeldach einer Moschee stand die gelbe Sichel des Mondes am nächtlichen Himmel. Das fahle Licht verlieh den bizarren Felsformationen der Küstenlandschaft ein schattenhaftes, bedrohliches Aussehen.

Von den dunklen Flächen der See wehte ein kühler Wind herüber, der sich jedoch rasch in den mächtigen, festungsähnlichen Ausläufern des Taurus verlor. Nur selten wurde die Stille der Nacht durch den Ruf eines Vogels oder durch ein Rascheln im spärlichen Gestrüpp unterbrochen.

Philip Hasard Killigrew und seine Männer lagen oder hockten auf dem feuchten Boden eines dunklen Verlieses. Nachdem man Stenmark als Geisel genommen hatte, waren die Seewölfe gefesselt und hierhergebracht worden. Dann hatte man ihnen noch die Füße zusammengebunden, bevor die dicke Holztür von außen verriegelt worden war.

An ein Entkommen aus eigener Kraft war im Moment nicht zu denken. So blieb den Männern keine andere Wahl, als das abzuwarten, was die Derwische ihnen zugedacht hatten. Und das schien, wie die haßerfüllten Gesichter der Fanatiker bereits angedeutet hatten, nichts Gutes zu sein.

„Wir scheinen uns hier im selben Loch zu befinden, in dem man Sobocan gefangen gehalten hat“, flüsterte Stenmark, den man nach seiner Verwendung als Geisel zusammen mit den anderen Männern hier eingesperrt hatte.

„Loch ist das richtige Wort“, knurrte Edwin Carberry. „Dagegen ist die Bilge der ‚Isabella‘ die reinste Kapitänskammer. Himmel, Arsch und Wolkenbruch – gelegen habe ich auch schon wesentlich besser als hier!“

„Du kannst ja mal an die Tür klopfen und nach dem Wirt rufen“, sagte Matt Davies aus einer dunklen Ecke. „Vielleicht bringt er dann für jeden eine volle Muck Rum. Das wär gar nicht zu verachten bei der lausigen Kälte, die hier drin herrscht.“

Der Profos knurrte wie ein gereizter Löwe.

„Paß nur auf, daß du dir nicht deinen zarten Achtersteven erkältest“, erwiderte er. „Frostbeulen auf kariertem Untergrund sind kein schöner Anblick.“

Die Männer lachten unterdrückt.

„Seid etwas leiser“, mahnte der Seewolf, den man in Türnähe plaziert hatte, „sonst verbietet man uns das Reden ganz. Dieser geiernasige Scheich hat bestimmt eine Wache vor der Tür zurückgelassen.“

„Aye, aye, Sir“, ertönte die Stimme Al Conroys aus dem Dunkel. „Sollten wir nicht wie Sobocan höflich an die Tür pochen? Vielleicht findet sich ein mitleidiges Herz und schiebt den Riegel zurück.“

„O Mann, hast du fromme Wünsche“, sagte Luke Morgan halblaut. „Halte die Burschen nur nicht für dümmer, als sie ohnehin schon sind. Sieh lieber zu, daß du vorher deine Fesseln loskriegst.“

„Sag nur, du hast deine schon mit elegantem Schwung von den schlanken Händen gestreift“, entgegnete Al Conroy. „Dann kannst du deinen Zauberspruch ruhig auch mal bei mir anwenden. Ich verspreche sogar, daß ich ganz stillhalte.“

„Da mußt du dich noch ein bißchen gedulden“, ertönte es aus der dunklen Ecke. „Mir ist gerade was dazwischen geraten.“

Wieder füllte leises Gelächter das feuchte Verlies.

„Möchte nur gern wissen, wo die drei Jungs abgeblieben sind“, bemerkte nun eine tiefe Stimme, die eindeutig Ferris Tucker, dem rothaarigen Schiffszimmermann, zuzuordnen war. „Die bärtigen Buschgespenster haben ganz schön dumm aus ihren langen Röcken geschaut, als sie ihr Verschwinden bemerkt haben.“

„Das macht nichts“, antwortete Hasard. „Hauptsache, daß die Häscher Salihs unverrichteter Dinge zurückgekehrt sind. Die Jungs sind frei, und das ist ein Pluspunkt für uns. Sobocan kennt sich sehr gut aus in dieser Wildnis, er wird einen passenden Unterschlupf gefunden haben.“

„Vielleicht sind sie längst auf der ‚Isabella‘“, meldete sich Luke Morgan wieder zu Wort.

„Das glaube ich nicht, Luke“, sagte der Seewolf. „Den Weg zur Bucht hat Salih sicherlich sofort abriegeln lassen. Schließlich handelt es sich da um den naheliegenden Fluchtweg. Aber den Gefallen, ihnen schnurstracks in die ausgebreiteten Arme zu laufen, haben die drei den Derwischen bestimmt nicht getan.“

„Solange Dan und Batuti auf freiem Fuß sind, besteht für uns Hoffnung“, meinte Stenmark, der Schwede. „Und Sobocan scheint ja auch ein recht zuverlässiger Bursche zu sein. Was die Derwische wohl mit uns vorhaben?“

„Wenn man bedenkt, wie die Burschen mit der Besatzung des venezianischen Handelsschiffes umgesprungen sind, dann können wir zumindest nicht damit rechnen, mit einem warmen Händedruck zur ‚Isabella‘ zurückgeschickt zu werden“, stellte der Seewolf fest.

„Verdammt! Und ich bin schuld an dieser ganzen Misere“, sagte Stenmark. „Hätte ich dem Kerl, der mir an den Kragen wollte, schneller eins auf die Rübe gegeben, dann hätten mich die anderen gar nicht erst von hinten packen können.“

„Ho, du Stint!“ knurrte der Profos. „Willst du wohl die Kullertränchen etwas zurückhalten, was, wie? Das hätte jedem von uns passieren können. Und hätten wir vielleicht zusehen sollen, wie dir dieser Affenarsch von einem Scheich den ungewaschenen Hals durchsäbelt, he? Rübenschweine von deiner Sorte werden immer noch an Bord der ‚Isabella‘ gebraucht.“

„Der Profos hat recht“, setzte Philip Hasard Killigrew hinzu. „Du hättest auch die Waffen gestreckt, wenn sich einer von uns in deiner Situation befunden hätte. Oder etwa nicht?“

„Natürlich, Sir.“

„Na also. Dann möchte ich hiermit den allgemeinen Vorschlag unterbreiten, daß jeder versucht, seine Fesseln, so gut es geht, durchzuscheuern. Erstens liegen wir damit nicht auf der faulen Haut, und zweitens wird es uns dabei vielleicht etwas wärmer.“

„Eine gute Idee“, sagte Edwin Carberry. „Und wer zu faul zum Scheuern ist, der kann’s ja mal mit den Zähnen versuchen.“

Augenblicke später waren die Seewölfe an der Arbeit. Schließlich zählten sie nicht zu jener Sorte von Männern, die bei Schwierigkeiten die Flinte ins Korn warfen.

Der trübe Schein einer Öllampe tauchte den Raum in spärliches Licht. Auf den dicken, handgeknüpften Teppichen, die den Steinboden bedeckten, hockten drei Männer, die die Tracht der Mewlewija-Derwische trugen. In ihrer Mitte standen flache Tonschalen, in denen stark duftender, heißer Tee dampfte. Es handelte sich um Ibrahim Salih, seinen engsten Vertrauten, den kleinen, rundlichen Naci, und um Abdullah, einen jener Männer, die dem Scheich die Nachricht von den anrückenden „Giaurs“ überbracht hatten.

„Das Schiff der Fremden sieht sehr gut aus“, berichtete Abdullah. „Es ist eine dreimastige Galeone, aber viel schlanker und wendiger gebaut als die Schiffe der Spanier. Selbst Barabin wäre stolz auf ein solches Schiff.“

Naci nickte eifrig, als hätte er die „Isabella“ der Seewölfe selbst gesehen.

„Eben deshalb“, sagte er mit seiner hohen Stimme, „wäre es eine Sünde gegen Allah, wenn man diese Galeone versenken würde. Bisher waren wir auf dem Wasser recht unbeweglich, weil uns nur einige kleine Fischerboote zur Verfügung standen. Selbst dafür hat uns Sobocan, dieser Hund, noch die Riemen gestohlen. Mit dem Schiff dieser Fremden aber wären wir mächtig. Wir könnten damit weite Küstengebiete kontrollieren und wären nicht mehr auf die Beuteanteile angewiesen, die Barabin uns von Zeit zu Zeit überläßt.“

„Naci hat recht“, erklärte Abdullah. „Es befindet sich nur eine Handvoll Männer an Bord. Einfacher und problemloser werden wir nie mehr ein Schiff in unseren Besitz bringen. Wir brauchen nur zuzugreifen. Außerdem, wer weiß schon, was die Giaurs alles in den Laderäumen der Galeone verstaut haben. Alles wird uns gehören!“

Ibrahim Salihs Augen funkelten tückisch, während er die Teeschale an die Lippen führte. Vom Innenhof der Felsenmoschee drang bereits der rhythmische Schlag einer Trommel herein, der von den langgezogenen Tönen einer Flöte begleitet wurde. Längst hatte man draußen die Fakkeln und das mystische Feuer entzündet. Bereits in wenigen Minuten würden seine Leute mit dem ekstatischen Wirbeltanz beginnen. Schon war vereinzelt das Stampfen nackter Fußsohlen und das Murmeln des „Dhikr“, der mystischen Formel, zu hören.

Über das Gesicht Salihs zog sich ein entschlossenes Grinsen, als er die leere Schale an ihren Platz zurückstellte.

„Durch euren Mund spricht die Weisheit Allahs“, sagte er. „Das Schiff der Fremden wird uns groß und mächtig werden lassen. Wir werden es noch in dieser Nacht übernehmen. Allah wird es gewiß in unsere Hände geben.“

„Das wird er“, bestätigte Naci voller Überzeugung, „und du wirst der Kapitän der Galeone sein. Du bist lange Jahre zur See gefahren und hast viele Erfahrungen gesammelt. Diese werden uns nun von Nutzen sein.“

Salih, der früher zu einer üblen Piratenbande gehört hatte, nickte gönnerhaft, während Naci dienstbeflissen seine Teeschale nachfüllte.

Auch Abdullah schien über die Reaktion Salihs befriedigt zu sein.

„Wir haben alle Trümpfe in der Hand“, bemerkte er. „Die wenigen Männer, die an Bord verblieben sind, bedeuten keine Gefahr für uns. Außerdem könnten wir ihren Kapitän aus dem Verlies holen und als Geisel benutzen.“

„Das wird nicht nötig sein“, entschied Ibrahim Salih siegessicher. „Wir werden auch so mit ihnen fertig. Sollten sie große Schwierigkeiten bereiten, können wir immer noch auf den Kapitän zurückgreifen. Es ist nicht in jedem Falle empfehlenswert, den Kapitän eines Schiffes als Geisel zu nehmen. Wenn er zum Beispiel bei seiner Mannschaft verhaßt ist, wird er eine ziemlich wertlose Geisel sein. Verlassen wir uns zunächst lieber auf unsere eigene Stärke. Haben wir nicht erst vor wenigen Stunden bewiesen, daß wir diesen ungläubigen Hunden überlegen sind?“

„O ja, das haben wir.“ Naci nickte selbstgefällig. „Auf was warten wir eigentlich noch? Wozu lassen wir die Gefangenen am Leben? Nur wenn sie tot sind, bilden sie keine Gefahr mehr für uns.“

Ibrahim Salih lächelte kalt.

„Gedulde dich, Naci“, sagte er. „Sie werden sterben, und zwar sobald wir ihr Schiff in unsere Gewalt gebracht haben. Bis dahin werden sie als Faustpfand am Leben bleiben. Doch wir wollen sie nicht so umbringen, als wären wir Meuchelmörder, o nein, wir werden ihnen vor Augen führen, welche Strafen Allah für Ungläubige vorgesehen hat, und wir werden sie im Kreise unserer Bruderschaft zum Tode verurteilen. Alles wird seine Ordnung haben.“

„Das ist sehr weise“, sagte Naci und rieb sich erwartungsvoll die Hände. „Soll ich sie aus dem Verlies holen lassen?“

Salih erhob sich.

„Ja, Naci, laß die Giaurs holen. Sie sollen ihr Urteil hören.“

Wenig später begab sich der Scheich der Derwische mit seinen beiden Untergebenen hinaus auf den Innenhof der Felsenmoschee, wo sich die übrigen Mitglieder der Bruderschaft bereits im ekstatischen Wirbeltanz drehten, in der Hoffnung, inneren Kontakt zu Allah zu finden. Das mystische Feuer in der Mitte des Hofes flackerte und verströmte den Geruch von Weihrauch und Gewürzen.

Nach einem kurzen Befehl begaben sich mehrere Männer zusammen mit Abdullah und Naci auf den Weg, um die Gefangenen zu holen. Die übrigen Derwische setzten ihren Tanz fort. Der Trommelwirbel war rascher, die monotone Musik der Flöte lauter und schriller geworden.

Den Seewölfen bot sich ein gespenstisches Bild, als sie nach wenigen Minuten in den Kreis der tanzenden Derwische geführt wurden. Noch keinem von ihnen war es bis zu diesem Zeitpunkt gelungen, seine Fesseln abzustreifen. Die Fußfesseln waren ihnen abgenommen worden, damit sie den kurzen Weg bis zum Innenhof der Moschee zurücklegen konnten.

Tief sog Edwin Carberry den Duft in die Nase, der dem Feuer entströmte.

„Bei allen Meermännern und Seejungfrauen“, schnaubte er auf seine derbe Art, „hier stinkt’s, als habe der Teufel höchstpersönlich einen Furz gelassen. Wollen uns die Rübenschweine vielleicht vergiften, was, wie?“

Auch die übrigen Männer, der Seewolf, Ferris Tucker, Al Conroy, Stenmark, Matt Davies und Luke Morgan, empfanden den ungewohnten Geruch von Weihrauch und Gewürzen als unangenehm, als sie in den Kreis der Tanzenden traten. Die Krummsäbel, die die Derwische während der Zeremonie durch die Luft zischen ließen, gerieten ihnen mitunter bedrohlich nahe.

„Und was für eine Musik“, fuhr der Profos fort. „Es ist schon ein Wunder, daß die Kerle bei diesem Katzenjammer auch noch durch die Gegend hüpfen. Mir wird gleich schlecht, wenn ich das noch eine Weile mit anhören muß. Bei allen tanzenden Ziegenböcken, Sir, muß man sich das gefallen lassen?“

„Du wirst es überleben, Ed“, sagte der Seewolf lächelnd, während er und seine Männer vor Salih gebracht wurden.

Dieser musterte seine Gefangenen mit hämischem Blick.

„Ich spreche zwar eure Sprache nicht, Engländer“, sagte er zu Hasard, „aber ihr werdet mein Spanisch wohl verstehen. Zumindest werdet ihr begreifen, was die Stunde für euch geschlagen hat, gleich, in welcher Sprache mein Urteil an euch ergeht.“

„Du sprichst von einem Urteil?“ fragte Philip Hasard Killigrew. „Wer hat dir das Recht verliehen, über andere Menschen Gericht zu halten?“ Sein Spanisch war ohne Fehler.

Ibrahim Salih lachte laut auf.

„Nicht ich werde euch richten, sondern Allah hat euch Ungläubige bereits durch ein Wort, wie es im Koran niedergeschrieben ist, zum Untergang bestimmt.“ Zu dem kleinen, dicklichen Naci gewandt, befahl er: „Lies die Verse sechzig und einundsechzig aus der achten Sure vor. Ich werde sie für die Giaurs übersetzen!“

Naci schlug den Koran auf und begann in seiner hohen Stimme zu zitieren: „Auch mögen sie, die Ungläubigen, nicht meinen, daß sie über Allah siegten, denn sie vermögen nicht, Allahs Macht zu schwächen. Rüstet euch mit Macht gegen sie, so gut, wie ihr nur könnt, und mit einer Reiterschar, um damit den Feinden Allahs und euren Feinden und noch anderen außer diesen, die ihr zwar nicht kennt, die aber Allah wohl kennt, Schrecken einzujagen.“

Salih genoß seinen Triumph.

„Mir steht zwar keine Reiterschar zur Verfügung“, stellte er fest, nachdem er die Worte übersetzt hatte, „aber mir und meinen Männern wird es auch so gelingen, euch, die Feinde Allahs, auszumerzen. Ihr wolltet uns unsere Beute abjagen und dafür werden wir euch bestrafen, indem wir noch in dieser Nacht euer Schiff in Besitz nehmen. Danach werdet ihr sterben! Dies ist Allahs Ratschluß, und er ist unabänderlich. Du, Kapitän, wirst als erster in den Tod gehen. Und bis dahin bleibt ihr in eurem Gefängnis.“

Das Urteil fand unter den Derwischen rege Zustimmung. Laute Flüche über die „ungläubigen Hunde“ wurden laut. Und die Ankündigung Salihs, das Schiff der Fremden zu übernehmen, löste helle Begeisterung aus.

Die Seewölfe kamen nicht mehr dazu, etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen. Sie wurden sofort nach dem „Urteil“ Ibrahim Salihs in das dunkle Kellerverlies zurückgebracht, dann wurden ihre Füße erneut gefesselt.

Ed Carberry jedoch war es noch vor dem Betreten des Kellerraumes gelungen, einem der Wächter so heftig auf die Fußzehen zu treten, daß er heulend und stöhnend auf dem Gang des Gewölbes herumtanzte.

Während der Profos feststellte, daß der „Ober-Derwisch“ seine Grashüpfer fürchterlich verzärtelt haben mußte, wurde der schwere Eisenriegel vorgeschoben.

Inzwischen hallten die Befehle Salihs über den Innenhof der Felsenmoschee. Nur vier Männer sollten als Wache zurückbleiben, alle anderen sollten am Angriff auf die „Isabella“ teilnehmen. Von den vier Wächtern hatten zwei die Aufgabe, die Gefangenen zu bewachen, und zwei sollten die Festung und ihre Umgebung im Auge behalten, denn noch hatte man nicht vergessen, daß es Sobocan und zwei von diesen „Giaurs“ gelungen war, zu entfliehen.

Mit seinen restlichen Männern brach Salih zur Küste auf. Außer neuen Riemen für die Boote schleppten die Derwische ein beachtliches Waffenarsenal mit sich.

Die Sichel des Mondes wurde gerade durch Wolken verdeckt, als sie sich einige Zeit später an Bord der Boote begaben und an deren Bug leichte Geschütze montierten. Die See war dunkel und kabbelig, als die Derwische die Riemen ins Wasser tauchten, um zu jener stillen, kleinen Bucht zu pullen, in der die „Isabella“ vor Anker gegangen war.

8.

Sobocan, Batuti und Dan O’Flynn hatten sich bereits bis in die Nähe der Felsenmoschee durchgeschlagen.

Die Nacht war kühl und dunkel. Nur wenn der Mond für einen Augenblick hinter den Wolken hervortauchte, wurde die Landschaft in fahles Licht gehüllt.

Obwohl sich Sobocan recht gut in dem unwegsamen Gelände zurechtfand, war es nicht einfach für sie gewesen, bei Nacht die Festung in Küstennähe zu erreichen. Sie wurden mit Sicherheit von den Derwischen gesucht, deshalb war es unmöglich für sie, mit brennenden Fackeln durch die Felsenlandschaft zu klettern. Man hätte sie sofort entdeckt.

Noch als sich die drei Männer am Rand des Steilhangs befanden, der in den Talkessel hinunterführte, in dem die Moschee versteckt lag, registrierten sie mit Verwunderung einen Fackelzug, der sich von der Festung weg in Richtung Küste bewegte.

„Nanu“, stieß Dan O’Flynn hervor, „unsere Kameraden sind das bestimmt nicht. Es müssen die Derwische sein. Was suchen die wohl mitten in der Nacht an der Küste? Zum Fischen dürfte es entschieden zu dunkel sein!“

„Vielleicht wollen tanzende Männer ‚Isabella‘ entern“, warf Batuti ein, und er schien damit den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.

Sobocan räusperte sich. „Das ist durchaus möglich“, ließ er sich vernehmen. „Die ‚Isabella‘ liegt zwar ein ganzes Stück von hier entfernt, aber die Derwische haben Boote. Und die Riemen, die ich ihnen weggenommen habe, dürften sie mittlerweile ersetzt haben.“

„Verdammt!“ Dan O’Flynn kratzte sich am Hinterkopf. „Hoffentlich merken unsere Leute an Bord rechtzeitig, was sich da zusammenbraut. Die Derwische dürften auf jeden Fall in der Überzahl sein. Aber wißt ihr, was der ganze Spuk für uns bedeutet?“ setzte er hinzu. „Wir haben es nur noch mit wenigen Gegnern zu tun, wenn wir in die Moschee eindringen. Und jetzt ist es, wie mir scheint, wichtiger, daß wir unsere Leute so schnell wie möglich aus diesem Loch herausholen.“

„Dan O’Flynn hat recht“, stellte Batuti fest. „Auf was warten wir noch?“

Sofort begannen die beiden Seewölfe und Sobocan den Abstieg in den Talkessel – was sich bei Nacht als recht zeitraubend erwies. Die dicken, wuchtigen Mauern der ehemaligen Festung rückten jedoch unaufhaltsam näher. Aus dem Inneren des Gemäuers drang Licht. Es schien von Fackeln zu stammen, die im Freien brannten.

„Das Licht kommt aus dem Innenhof“, stellte Sobocan fest.

Dann pirschten sie sich über Steine und Geröll bis an jene niedrige Mauer, die sich vom Innenhof aus zu einem Seitenflügel der Ruine hinüberzog. Über sie war Sobocan bereits geklettert, als er aus seinem Gefängnis geflohen war.

Sobocan legte einen Finger auf die Lippen.

„Von jetzt an dürfen wir nur noch flüstern“, sagte er. „Es ist anzunehmen, daß sich einige Wachen im Innenhof befinden. Aus diesem Grund hat man auch die Fackeln brennen lassen.“

„Also werden wir uns zunächst auf die Kerle im Hof konzentrieren“, sagte Dan O’Flynn, und in seinen Augen blitzte es unternehmungslustig. „Wenn sich allerdings noch Wächter vor dem Verlies befinden, müssen wir vorsichtig sein, damit sie uns nicht zu früh bemerken.“

Flach drückten die drei Männer ihre Körper gegen die Mauer. Aus dem Innenhof konnte man bereits gedämpfte Stimmen hören. Die Burschen schienen sich am warmen Feuer niedergelassen zu haben.

„Batuti wird einen Blick über Mauer werfen“, flüsterte der schwarze Mann aus Gambia. „Kopf ist schwarz wie Nacht. Niemand wird Batuti sehen.“

Die beiden anderen nickten.

Sofort bildeten sie mit ihren Händen eine Art Steigbügel und ermöglichten es damit Batuti, ohne zeitraubende Klimmzüge einen Blick über die Mauer zu werfen.

Am oberen Rand angelangt, schob der schwarze Herkules vorsichtig den Kopf über den Sims. Ein kurzer Augenblick genügte ihm, um die Lage zu orten. Rasch ließ er sich wieder hinunter.

„Was ist?“ zischte Dan O’Flynn.

„Es sind zwei Männer“, berichtete Batuti mit leiser Stimme. „Sie haben langes Rock an und spitzes Hut auf dem Kopf. Sie sitzen an Feuer und sprechen. Und beide haben uns Rükken zugewandt.“

„Das hört sich gut an“, raunte Dan O’Flynn. „Batuti, wir beide werden sie übernehmen. Sobocan wird uns mit seiner Pistole Rückendeckung geben. Er ist der einzige, der noch eine Schußwaffe hat. Wir beide sind auf unsere Messer angewiesen, auf die wir im Notfall zurückgreifen müssen. Sollte etwas schiefgehen, kann Sobocan eingreifen. Wenn es klappt, soll er uns folgen, denn er wird das Verlies rascher finden als wir.“

„Alles klar, Batuti ist bereit!“ flüsterte der schwarze Riese. Das Weiß seiner Augen hob sich als einziges aus seinem dunklen Gesicht ab.

„Ich werde euch über die Mauer helfen“, sagte Sobocan, „dann steige ich selber hoch. Im Hof befinden sich einige Büsche und Sträucher. Nutzt ihre Deckung aus!“

Gleich darauf kletterten Batuti und Dan O’Flynn flink wie Katzen über den Mauersims. Rasch ließen sie sich auf der anderen Seite hinuntergleiten und verschwanden augenblicklich im Schutz einiger Büsche, die jetzt in den Wintermonaten fast völlig blattlos geworden waren.

Drüben am Feuer blieb alles still. Die Flammen waren kleiner geworden, aber die Fackeln, die in den eisernen Halteringen steckten, tauchten die nähere Umgebung in unruhiges Licht.

Die beiden Männer redeten und gestikulierten. Die Seewölfe verstanden kein Wort, ganz abgesehen davon, daß sie am Inhalt des Gespräches kaum interessiert waren.

Stumm nickte Dan Batuti zu und sofort setzten sich beide in Bewegung. Vorsichtig wie Schlangen, kein Geräusch hinterlassend, huschten sie auf die beiden Derwische zu. Ihre Augen waren voll auf die beiden Gestalten ausgerichtet.

Sie waren höchstens noch drei Yards von der Feuerstelle entfernt – da knackte es laut unter Dans Füßen. Er mußte im Halbdunkel auf einen dürren Ast getreten sein.

Wie auf Kommando fuhren die beiden Derwische herum. Das dumpfe Dröhnen von Schüssen, das vor einiger Zeit schwach aus der Ferne zu hören gewesen war, hatte sie nicht erschreckt. Sie wußten, was es zu bedeuten hatte. Jetzt aber stand in ihren Augen das blanke Entsetzen.

Aber nur noch einem von ihnen gelang es, einen überraschten Laut auszustoßen. Mit gewaltigen Sätzen waren Batuti und Dan heran, dann schlugen ihre Fäuste erbarmungslos zu.

Dunkelheit und Stille überlagerten die Bucht, in der die „Isabella VIII.“ ankerte. Die gewaltigen Felswände, die stellenweise steil aus dem Wasser ragten, warfen ihre Schatten über die Bucht und ließen die Wasseroberfläche schwarz erscheinen.

Die Galeone der Seewölfe bewegte sich leise knarrend und ächzend hin und her. Da man sämtliche Lichter, einschließlich der Hecklaterne, gelöscht hatte, waren nur ihre mächtigen Umrisse zu erkennen. Die „Isabella“ glich in dieser Nacht einem Geisterschiff, das geheimnisvolle Kräfte in jene abgelegene, verschwiegene Bucht getrieben hatten.

Doch der äußere Schein trog. An Bord des Schiffes herrschte Unruhe. Die meisten Männer, die nicht mit Philip Hasard Killigrew an Land gegangen waren, hielten sich an Deck auf. Lediglich die Zwillinge waren von Ben Brighton, dem Ersten Offizier und Stellvertreter des Seewolfs, in ihre Kojen beordert worden.

„Irgend etwas ist schiefgegangen“, sagte Ben Brighton. Die Hände des sonst so ruhigen und besonnenen Mannes umkrampften mit leichter Nervosität den Ledergürtel, der sich um seine Hüften spannte. „Das vereinbarte Zeichen ist ausgeblieben, außerdem sind bereits am Nachmittag Schüsse gefallen.“

Old Donegal Daniel O’Flynn, sein Gesprächspartner, räusperte sich. Sein verwittertes Gesicht wirkte nachdenklich.

„Nun“, meinte er, „daß es nicht ganz ohne Kampf abgehen wird, war ja eigentlich zu erwarten. Aber daß das vereinbarte Zeichen ausgeblieben ist, bereitet mir langsam Kopfschmerzen. Ganz davon abgesehen, daß unsere Leute längst zurück sein müßten.“

„Das ist es ja“, sagte Ben Brighton. „Es war schließlich nicht geplant, daß sie in dieser mysteriösen Festung übernachten sollten. Wenn sie jetzt trotzdem nichts von sich hören oder sehen lassen, dann kann das eigentlich nur bedeuten, daß ihnen etwas zugestoßen ist.“

Old O’Flynn nickte mit grimmigem Gesicht.

„Verdammt!“ stieß er hervor. „Mich kneift’s in meinem Holzbein, wenn ich auch nur daran denke. Vielleicht ist die ‚Isabella‘ doch gesehen worden, und Hasard ist mit seinen Leuten geradewegs in einen Hinterhalt getappt.“

„Wir können das nicht ausschließen“, erwiderte Ben Brighton. „Sollte dies tatsächlich der Fall sein, dann ist auch die ‚Isabella‘ in Gefahr. Wir sind gefechtsklar, haben alle Lichter gelöscht und Bill in den Großmars geschickt. Aber das hilft Hasard nicht. Ich bin der Meinung, daß wir wenigstens im ersten Morgengrauen einige Männer losschicken sollten, gewissermaßen als Spähtrupp. Jetzt in der Nacht hätten sie wahrscheinlich keine Chance, die Felsenmoschee zu finden.“

„Der Gedanke ist nicht schlecht“, sagte der alte O’Flynn. „Sobald der Tag anbricht, sollten wir einen Trupp zusammenstellen. Notfalls werden wir hier auch mit wenigen Männern jedem auf die Finger klopfen, der an unsere Lady heranwill.“

„Nun gut, Old Donegal!“ Ben Brighton wandte sich dem Steuerbordniedergang zur Kuhl zu. „Ich werde die Männer bestimmen, die im ersten Morgengrauen aufbrechen. Es wird gut sein, wenn sie sich vorher noch ein wenig aufs Ohr legen, denn …“

Weiter gelangte der dunkelblonde, untersetzte Mann nicht. Die helle Stimme Bills, der im Ausguck saß, zerschnitt plötzlich die Stille der Nacht.

„Deck! Drei Boote an Steuerbord. Sie sind fast heran! Verdammt, warum ist es heute auch nur so dunkel!“

Bill, der Moses, schien sich Vorwürfe zu bereiten, weil er die Boote nicht früher gesehen hatte. Aber auch ein anderer hätte sie wahrscheinlich nicht früher wahrgenommen. Urplötzlich waren sie in seinem Gesichtsfeld aufgetaucht, als habe sie die Hölle ausgespuckt. Sie mußten sich im Schatten der riesigen Felsen bis in die unmittelbare Nähe der „Isabella“ herangearbeitet haben.

Auch Ben Brighton, der gerade zur Kuhl abentern wollte, sah jetzt die Boote. Und er reagierte schnell.

„Smoky und Old Donegal an die Drehbässen!“ rief er. „Bob und Big Old Shane, ihr kümmert euch um einige Flaschenbomben. Der Rest an die Musketen!“

„Aye, aye, Sir“ tönte es zurück.

Blitzschnell eilten die Männer auf ihre Stationen.

Die Stückpforten zu öffnen und die Culverinen auszurennen, hätte keinen Sinn mehr gehabt. Dazu waren die Boote bereits zu nahe heran.

„Derwische! Es sind Derwische!“ tönte die Stimme Bills aus dem Großmars. „Sie sind alle in die gleichen Gewänder gekleidet. In jedem Boot sitzen ungefähr zehn Männer!“

Natürlich hatten auch die nächtlichen Angreifer bemerkt, daß ihre Ankunft auf der „Isabella“ registriert worden war. Plötzlich gellte ein lauter Ruf durch die Nacht, der in den Booten ein wüstes Geschrei zur Folge hatte.

Gleich darauf krachten die ersten Schüsse.

Trotzdem pullten die Derwische wie besessen weiter. Ihre Absicht, die „Isabella“ zu entern, war unverkennbar. Und es konnte sich nur noch um Augenblicke handeln, bis die ersten Enterhaken über das Schanzkleid flogen. Schon krachte das Dollbord des ersten Bootes gegen die Bordwand.

Längst hatte auch Ben Brighton den Feuerbefehl gegeben. Musketenschüsse blitzten durch die Nacht. Dazwischen mischte sich das Dröhnen je einer der beiden vorderen und achteren Drehbassen. Auf der Back bediente Smoky, ein Rauhbein, das noch unter Francis Drake als Decksältester gefahren war, eins der schwenkbaren Geschütze, und auf dem Achterdeck hatte Old O’Flynn Stellung an einer Drehbasse bezogen.

Big Old Shane, der ehemalige Schmied der Feste Arwenack in Cornwall, hantierte zusammen mit Bob Grey, einem flinken und drahtigen Burschen, an der Schleudervorrichtung, die Ferris Tucker einst für seine berüchtigten Flaschenbomben konstruiert hatte.

Augenblicke später flog die erste Flasche, die mit gehacktem Blei, Nägeln und Glassplittern gefüllt war, durch die Nacht. Die Pulverladung entzündete sich und zerriß die Flasche direkt am Bug des dritten Bootes, das noch ungefähr achtzig Yards entfernt war.

Ein lautes Geschrei war die Antwort, und das Boot war plötzlich leer. Wer nicht von der Ladung der Flaschenbombe getroffen worden war, war über Bord gesprungen – voller Entsetzen über diese unbekannte, verheerende Waffe der Fremden.

Weitere Enterhaken waren inzwischen über das Steuerbordschanzkleid der „Isabella“ geflogen. Trotz der Schütte, die auf beiden Seiten krachten, tauchten bereits die ersten Derwische aus dem Dunkel der Nacht hervor.

„Die Burschen entern!“ brüllte Ben Brighton vom Achterdeck. „Greift euch Degen, Entermesser und Belegnägel! Zurück mit ihnen ins Wasser!“

Während sich die Seewölfe sofort auf die neue Situation einstellten, dröhnte ein lautes „Ar-we-nack!“ über die Decks der „Isabella“. Es war der alte Schlachtruf derer auf Arwenack, den die Männer gern benutzten.

Der kurze, aber heftige Enterkampf begann.

Die gefährlichen Krummsäbel der Derwische zischten durch die Luft, und es war höchst gefährlich, bei den schlechten Sichtverhältnissen entsprechend zu parieren. Zum Glück konnten die Angreifer durch ihre einheitlichen, langen Gewänder leicht erkannt werden, so daß kein Belegnagel auf den falschen Kopf donnerte.

Selbst der Schimpanse Arwenack turnte laut keckernd in den Wanten, und die Belegnägel, die er durch die Gegend schleuderte, trafen ihr Ziel jedesmal mit erstaunlicher Präzision.