Kitabı oku: «Tigermädchen», sayfa 7

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5 DAS ELFTE GEBOT

Melanie und ihre Freunde standen im Halbkreis um John herum und schwiegen.

Anthony hatte John kein Wort geglaubt und die zehn hochkant aus dem Büro geschmissen, mit dem Verbot, diesem „Fall“ nachzugehen. Nun standen sie keine zwanzig Schritte vor Anthonys Büro und starrten ratlos Löcher in die Luft. Alle waren wütend, nicht auf John oder den Brief, sondern allein auf Anthony, der nicht einmal einem Lehrer die Geschichte glauben wollte.

John öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch er wusste nicht was, also schloss er ihn wieder.

„Kann ich den Brief mal haben?“, fragte Emma zaghaft und rieb sich nachdenklich die Schläfe.

„Natürlich.“ John reichte ihn ihr, seine Stimme war gebrochen.

Emma beäugte das Papier konzentriert und drehte es mehrmals in den Händen. Melanie schaute ihr gespannt zu, während sie überlegte, wie sie trotz Anthonys Verbot und Johns Aufsicht Laura retten konnten. Sie würde auf keinen Fall ein Mädchen in einem Keller eingesperrt lassen, bloß weil irgendein hochgewachsener Wichtigtuer ihnen untersagte, es zu retten. Mit einem Mal war ihre Wut auf Emma verschwunden, es gab nun wichtigere Sachen zu klären als ihre Vergangenheit: Wie löste man einen Fall, ohne von den eigenen Leuten entdeckt zu werden? Wie fand man bloß mit einem Brief und einer Nummer Laura wieder? Wenn man auch noch bedachte, dass sie nicht einmal mehr den vollständigen Brief besaßen?

„John!“, stieß Emma in diesem Moment keuchend hervor. „Laura hat das Blatt verhext. Diesen Zauber konnte sie besonders gut.“

Alle Augen richteten sich auf sie, als sie leicht verunsichert ihre Erklärung fortsetzte: „Nach einem Tag löscht sich die Nachricht von selbst, damit sie nicht in falsche Hände gerät.“

John stöhnte und rang die Hände. Er sah müde aus, müder als Jack, der neben Melanie stand. „Mist. Das war klug von Laura.“

John schaute hoch und als Melanie in seine Augen blickte, war jegliche Gebrochenheit weg und hatte dem Kampfgeist Platz gemacht.

„Wir werden nach dem elften Gebot vorgehen“, erklärte er auf einmal mit entschlossener Stimme. „Und das lautet: Lass dich nicht erwischen!“

Lachen ging durch die Reihe, aber keiner hatte Zweifel, dass John es ernst meinte. Melanie lächelte breit, sie mochte John mittlerweile so sehr, wie sie Anthony verabscheute. Der Leiter des 3.1 sagte ihnen tatsächlich, sie sollten gegen die Regeln verstoßen!

„Morgen beginnen wir mit den Ermittlungen.“ John schaute einen nach dem anderen der Reihe nach an, ohne auf seine erfundene Regel einzugehen. „Gleich nach dem letzten Rennen am Nachmittag werden wir uns an die Sache setzen. Ich werde euch helfen, so gut ich kann, aber das Wichtigste ist: Anthony darf uns nicht entdecken.“

Die Teenager nickten und Daniel schlug vor: „Wir könnten uns in der Schmiede treffen und wenn Anthony fragt, sagen wir, dass wir an diese Schmiedeprojekt arbeiten.“

John stimmte erfreut zu und machte ihnen erneut klar, dass niemand ein Wort darüber erfahren durfte. Als wären sich nicht alle bewusst, wie ernst diese Sache war! Sie konnten nur hoffen, dass alle hier gut lügen konnten ...

„Weshalb rufen wir nicht einfach mal diese Nummer an?“, wollte Zoé noch wissen.

John überlegte kurz. „Das müssten wir länger planen. Wenn wir von hier aus anrufen, merkt das Anthony. Wenn wir mit einem unserer Handys von auswärts anrufen, können sie uns orten … Aber irgendwie wird uns das noch was bringen, denke ich.“ John machte eine kurze Pause. „Ich weiß nur noch nicht, wie.“

Auf dem Rückweg wollte Melanie von Emma wissen, was John mit dem Rennen gemeint hatte. Zum Glück hatte auch Emma den Streit vom Morgen verdrängt und redete wieder mit ihr. Sie steuerten auf das Hauptgebäude zu, weil sie noch ihre Schulsachen holen mussten.

„Jeden zweiten Monat bei Vollmond findet so ein Rennen statt, bei dem zuerst die Bewohner eines Gebäudes gegeneinander antreten, dann die Besten der einzelnen Wohneinheiten gegeneinander rennen und danach die Besten der jeweiligen Areale“, sagte Emma und warf Melanie beim Gehen einen Blick zu.

„Ah ...“, gab Melanie einen von Verständnis zeugenden Laut von sich und kniff nachdenklich die Augen zusammen. Tatsächlich war sie ziemlich schnell im Rennen, aber sie wusste nicht, ob es hier noch andere mit speziellen Fähigkeiten gab. Aber auf jeden Fall wollte sie ihr Bestes geben. „Wer hat denn normalerweise so gewonnen?“, fragte sie beiläufig.

Emma rieb sich die Stirn – eine Geste, die sie häufig machte. „Hm, von unserem Gebäude kam ich meistens weiter ... Aber im Areal 1 – unter Anthonys Leitung, die Armen – gewann dann in der letzten Runde jemand anderes.“

Melanie blickte sie von der Seite her an. „Und das ärgert dich?“, bemerkte sie und lachte.

Emma setzte in das Lachen ein und warf ihr einen Blick zu, antwortete jedoch nicht. Wenn sich Melanie nicht täuschte, schien ihre Freundin leicht rot zu werden, was sie als ‚Ja‘ interpretierte. Als sie schweigend weitergingen und Melanie sie weiterhin von der Seite her betrachtete, beschloss sie, dass sie herausfinden wollte, was an ihr so seltsam war. Nicht seltsam im Sinne von Vielleicht ist sie ja ein Alien, sondern seltsam im Sinne von Weshalb möchte sie nicht sagen, wie lange sie schon hier ist?Was ist damals passiert? Auf einmal tat ihr ihre direkte Frage leid – sie selbst mochte einige Fragen ja auch nicht beantworten, also konnte sie das von Emma genauso wenig erwarten. Sie wusste ja nicht, in was für eine Wunde sie da stach. So entschied Melanie, dass sie ihre Neugierde auf eine sanftere Weise stillen würde. Und auch, ohne ihre Freundin zu verletzen.

„Was starrst du so?“, fragte Emma plötzlich, als sie beinahe im Zimmer angekommen waren, mit einem seltsamen Unterton.

Melanie schaute ertappt weg. „Nichts, sorry.“ Sie stieß die Tür auf und ließ Emma vorgehen. Dann, ohne sich zu setzen, holte sie tief Luft und sagte leise: „Em ... Ich wollte dich heute Morgen nicht so drängen ...“

Emma schaute überrascht auf und schenkte ihr ein gekünsteltes Lächeln. „Schon okay.“

Melanie schüttelte den Kopf. Jetzt, da sie nicht mehr so aufgebracht war wie am Morgen, konnte sie klarer denken und merkte, dass sie Emma mit dieser Sache hätte in Ruhe lassen sollen – auch, wenn es sie extrem interessierte und sie es nicht vergessen würde. Aber vielleicht würde Emma eines Tages in der Lage sein, von sich selbst aus darüber zu sprechen. Zukünftig würde Melanie vorsichtiger vorgehen.

Allerdings war es ihr noch wichtig, hinzuzufügen: „Aber wenn es darum geht, dass du mir nicht vertraust ... Dann kann ich dir sagen, ich würde es für mich behalten.“

Emma lächelte, diesmal war es ein echtes Lächeln. „Nein, das ist es nicht ...“ Sie schaute weg und ließ sich eine lose Haarsträhne ins Gesicht fallen. „Aber danke.“

Melanie lächelte zurück, aber sie merkte, dass Emma noch mehr sagen wollte. Geduldig wartete sie, bis ihre Freundin weitersprach.

Diese blickte über sie hinweg und sagte zögernd: „Ich möchte einfach nicht darüber reden, Melanie. Du wolltest John ja auch nicht sagen, weshalb du mit dem Kämpfen angefangen hast.“

Melanies Herz setzte einen Schlag aus und sie erwiderte stockend: „Ich ... hatte einfach Lust. Was ist daran so komisch? Neun andere Mädchen in meinem Kurs hatten auch Lust.“ Sie atmete so langsam wie möglich und hoffte, Emma würde ihren schnellen Herzschlag nicht hören.

Emma zog eine Augenbraue hoch, sanft fragte sie: „Und deswegen bist du fast in Tränen ausgebrochen?“

Melanie schnappte erschrocken nach Luft, spürte, wie sie errötete, und fuhr sich aufgewühlt durch die Haare. Das Herz hämmerte schmerzhaft in ihrer Brust. Sie wollte etwas sagen, aber außer einem heiseren „Ähm“ bekam sie nichts hervor. Ihr wurde ganz heiß und sie räusperte sich, bevor sie wieder zu sprechen versuchte. „Das ist etwas völlig anderes.“ Abrupt drehte sie sich um und ordnete hektisch an ihren Schulsachen. Emma hatte es nicht böse gemeint, aber mit dieser Aussage war sie noch mehr ans falsche Thema geraten als Melanie womöglich bei ihr.

„Tut mir leid!“ Emma war etwas näher gekommen, sie schien es ernst zu meinen. „Außer Daniel und mir hat es, glaube ich, keiner gemerkt“, versuchte sie, Melanie wieder zu beruhigen.

Melanie warf ihr durch ihren dunklen Haarvorhang hindurch ein Lächeln zu. „Macht nichts. Du hast ja Recht. Ich dachte nur, ich sei eine bessere Lügnerin.“

Emma erwiderte schmunzelnd: „Ich denke, du bist eine sehr gute Lügnerin.“

Melanie musste lachen, nicht ganz sicher, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung war. „Danke“, murmelte sie sarkastisch und Emma lachte mit.

6 DAS MÄDCHEN IN SCHWARZ

Die dunkle Retterin schlich durch die Straßen. Dauernd drehte sie ihren Kopf nach links, um den Bentley nicht aus den Augen zu lassen. Das dunkelblaue Auto fuhr vorsichtig die finsteren Gassen entlang, auf dem Weg zu einem Versteck. Die Gasse sah aus wie alle Gassen, in denen das Mädchen in Schwarz so verkehrte; die Häuser waren heruntergekommen und Abfall lag in allen Ecken. Dadurch, dass die Straßenlaternen bestenfalls die Hälfte der Nacht lang durchhielten, waren diese Straßen die beste Möglichkeit, jemanden unbemerkt zu entführen.

Aber nur, wenn man nicht mit der dunklen Retterin rechnete.

Sie hatte immer noch nicht begriffen, wie es so viele Mädchen schafften, sich in dieselbe Situation zu bringen, aber eines wusste sie: Sie konnte das auf keinen Fall zulassen.

Das Auto beschleunigte auf einmal und die dunkle Retterin ging in die Offensive. Angriff war die beste Verteidigung, pflegte sie zu sagen. Ihre Hand glitt zu ihrer rabenschwarzen Jeans und ein Messer kam aus einer Tasche zum Vorschein. Das Messer flog auf das Auto zu, noch bevor es richtig in ihrer Hand war. Mit einem lauten Krachen landete es in den Scheinwerfern und der Bentley blieb ruckartig stehen. Innerhalb weniger als einer Minute war das Mädchen in Schwarz bei dem Auto angekommen und warf sich auf den Mann, der gerade aussteigen wollte. Dieser fluchte, wehrte sich, aber schlussendlich landeten beide auf dem Boden und rangen miteinander. Die dunkle Retterin zog die Beine an und rammte ihr Knie aufs Geratewohl in den Körper des Mannes. Seinem erstickten Stöhnen nach zu urteilen, hatte sie getroffen.

„Du schon wieder!“, keuchte er und entlockte dem Mädchen in Schwarz ein spöttisches Lachen.

„Schön, dich zu sehen“, behauptete sie, mit ihrem üblichen Sarkasmus in der Stimme. „Und noch schöner, wenn du dich einfach verpissen würdest.“

„Hättest du wohl gerne“, fauchte er aufgebracht, seine Faust schnellte vor und traf die dunkle Retterin seitlich im Gesicht. Sie kippte nach links und kam auf dem Boden auf. Fluchend richtete sie sich auf und kniff die Augen zusammen, bis sich die Welt aufhörte zu drehen. Das hatte man davon, wenn man mit einem perversen Blödmann Witze riss.

Sie sprang hoch, rannte von hinten auf den Mann zu, der auf dem Weg zum Auto war, und umschlang seinen Hals. Er kickte nach hinten und traf sie am Bein, doch sie blieb stur stehen und drückte fester zu. Mit ihren Beinen machte sie es ihm unmöglich, zu fliehen – das eine war vor seinem, das andere seitlich angelegt. Gerade wollte sie ins Auto schauen, um zu erkennen, wo das kleine Mädchen war, als jemand ihr auf die Schulter klopfte. Da stand das Mädchen aus dem Auto und hielt ihr einen Gegenstand hin – erst als sie ihn ergriff, erkannte sie, dass es sich dabei um ihr Messer handelte. Ungläubig starrte sie in die blauen Augen der Kleinen und strich ihr rasch über ihre blonden Locken.

„Danke. Versteck dich da hinten!“, flüsterte sie und wandte sich wieder dem Blödmann zu. Er schlug wieder um sich, befreite sich aus ihrem Griff und rannte davon. Mit einem wütenden Knurren setzte die dunkle Retterin ihm nach. Sie warf sich nach vorn, sprang und krallte sich an dem Hemd des Mannes fest. Sie fielen hin und das Mädchen in Schwarz begrub den Mann unter sich, das Messer gezückt.

„Wie oft muss ich dich noch verprügeln?“, zischte sie aufgebracht und hielt ihm das Messer an den Hals, auch wenn sie nicht vorhatte, ihn zu töten. Seine Augen weiteten sich, er begann zu zappeln und um sich zu schlagen, aber ihr Griff war erbarmungslos. Mit einer ruckartigen Bewegung fuhr ihr Messer quer über seine Brust, jedoch darauf bedacht, ihn nicht tödlich zu verletzen. Als sie sicher war, dass er unfähig war, ihr zu folgen, schnellte sie hoch und eilte zu der Kleinen zurück, die brav auf sie wartete.

„Hey, du Süße“, sagte das Mädchen in Schwarz leise und betrachtete das Mädchen, das wie ein kleiner Engel aussah. Es stand leicht zitternd in der Ecke und blickte sie mit verängstigtem Blick an. Die Kleine reagierte völlig unerwartet auf die dunkle Retterin: Sie warf sich blindlings in ihre Arme. Berührt von der Umarmung lächelte das Mädchen in Schwarz. Sanft streichelte sie ihr über den Kopf und flüsterte: „Du bist ein starkes Mädchen. Alles wird gut, Kleine.“ Und nach einer Weile: „Wo wohnst du? Ich kann dich nach Hause bringen.“

Das Mädchen schaute sie abschätzend an, dann sagte sie zögerlich: „Da hinten.“ Und zeigte die Gasse hinauf. „Es dauert etwa fünf Minuten, ich habe nur vor meinem Haus gespielt, als ...“, sie brach ab, presste die Lippen zusammen und sagte nichts mehr. Die dunkle Retterin nahm sie mitfühlend am Arm – die Geste des Mädchens war so typisch, dass es ihr fast das Herz zerbrach. Darauf bedacht, immer um die Straßenlaternen herumzugehen, setzte sich das Mädchen in Schwarz in Bewegung.

„Ganz ruhig, alles wird gut. Ich bringe dich nach Hause“, redete sie beruhigend auf das Mädchen ein, eilig den Weg einschlagend, den die Kleine beschrieben hatte. Sie hastete ihr hinterher, ihre Hand fest umklammert. Dieses Mädchen hatte es nicht verdient, so was in dem Alter zu erleben. Sie hätte mit ihren Freundinnen Pyjamapartys machen sollen und einem Jungen nachschwärmen, so wie jedes Kind mit zwölf Jahren. Auch wenn das Mädchen in Schwarz liebend gerne diese eine Nacht aus ihrem Leben geschnitten hätte, sollte niemand anderes dasselbe durchmachen. Ein Ruck ging durch ihre Hand und sie hielt an. Das kleine Mädchen war stehen geblieben und deutete auf ein Haus vor ihnen, das wie alle anderen Häuser in dieser Straße groß war und weiß gestrichen. Im Gegensatz zu den heruntergekommenen Gassen, in die die Entführer so gerne gingen, leuchteten hier alle Straßenlaternen und die dunkle Retterin verdichtete die Schatten um sich herum.

„Da wohnst du?“, fragte sie.

Das Mädchen nickte, sodass ihre blonden Locken in alle Richtungen flogen.

„Gut. Dann geh ich mal“, meinte sie und ließ die Hand der Kleinen los, doch diese schüttelte vehement den Kopf und krallte sich an ihr fest. „Nein! Geh nicht!“

Die dunkle Retterin beugte sich vor, hastig gab sie der Kleinen einen Kuss auf den Kopf. „Tut mir leid“, flüsterte sie und meinte es ernst. „Vielleicht sehen wir uns mal wieder.“

Das Mädchen lächelte und rannte dann, so schnell es konnte, zum Haus.

Es dauerte einen Moment, bis das Mädchen in Schwarz merkte, was es vorhatte und panisch ließ sie die Schatten um sich herum schwarz werden. Als die Mutter des Kindes im Türrahmen erschien, um die Retterin ihrer Tochter zu sehen, war diese schon weg und hatte nur noch ein Stück Dunkelheit hinterlassen.

7 DER LEGENDÄRE TAG DES RENNENS

Hunderte Teenager standen unruhig herum. Heute war der legendäre Tag des Rennens und alle wollten ihr Bestes geben. Die Jugendlichen waren auf ihre Häuser aufgeteilt worden und hatten sich neben- und hintereinander in der großen Arena aufgestellt. Die Besammlung in der Arena war jedoch nur der Anfang des Events, von hier aus reichten zehn Bahnen in den Wald hinein, die bald von 500 Teenagern gestürmt werden würden. Melanie stand neben Emma, gemeinsam dehnten sie sich für das Rennen. Hinter ihnen taten die anderen dasselbe, alle hier schienen einen gewissen Ehrgeiz im Sport zu haben. In der strahlenden Nachmittagssonne leuchtete das Startstück der 500-Meter-Bahn einladend, doch jeder wusste, dass die Hitze auch ihre Nachteile hatte. Melanie trug wie immer im Sportunterricht schwarze Leggins und ein gleichfarbiges Tank Top, was ihre kurvige Figur zur Geltung brachte, aber heute wünschte sie sich, sie hätte etwas anderes anzogen. Emma zum Beispiel trug graue Leggins und ein hellblaues Top, das ihre Augen betonte, und wie schon öfter in letzter Zeit hatte sie sich Melanies Mascara ausgeliehen. In den hellen Kleidern würde sie weniger schwitzen als Melanie es in Schwarz tat.

Eine durch ein Megafon verstärkte Männerstimme ließ die Menschenmenge verstummen. „Liebe Schüler und Schülerinnen“, begann Anthony die Rede und Melanie hätte am liebsten laut aufgelacht und ihn korrigiert: Verhasste Schüler und Schülerinnen ... Sie entschied sich jedoch dagegen und hörte stattdessen aufmerksam zu. „Jetzt ist das Rennen des Gebäudes 3.1 angesagt. Alle Mitglieder verteilen sich auf ihre Plätze, in fünf Minuten rennt ihr los. Der Schnellste des Gebäudes kommt in die zweite Runde. Tempo!“

Die Jugendlichen setzten sich gleichzeitig in Bewegung und strömten auf die Startplätze zu. Alle befolgten Anthonys Anweisung schnell, was bei seinem liebenswürdigen Charakter auch von Vorteil war. Melanie schaute unruhig ihre Gegner an, als sie sich vor eine mit einem gelben Strich gekennzeichnete Bahn stellte. Das Ziel war es, zweimal die ganze Strecke zu rennen und das so schnell wie möglich. Melanie war gut im Rennen, sehr gut sogar. Aber einen Kilometer war sie erst zwei- bis dreimal in ihrem Leben gerannt, die anderen hier machten das laufend. Würde sie trotzdem gut genug sein?

John lief hinter ihnen vorbei und sprach ihnen bekräftigende Worte zu, er war ganz in seinem Element. Melanie hörte nur mit halbem Ohr zu, sie konzentrierte sich mehr auf die bevorstehende Aufgabe – so kurz vor einem Rennen konnte sie keine Konversation mehr betreiben. Neben ihr standen die anderen aus ihrem Gebäude. Die Bahn, vor der sie sich aufgestellt hatten, war in zehn weitere Abschnitte aufgeteilt worden. Ein Stück von der Bahn entfernt beschäftigten sich die anderen Schüler des Gebäudes 3. Die Areale 10.1 bis 3.2 waren – von unten nach oben in der Liste – schon an der Reihe gewesen und am Ende des Rennens des Gebäudes 1.1 würden sich alle Schüler des Camps Cataaras für das Endrennen versammeln. Als Melanie den Blick über ihre Freunde schweifen ließ, wurde ihr einmal mehr schmerzlich bewusst, dass normalerweise noch jemand Weiteres hier stünde: Laura.

„Aufstellen!“, riss Anthonys laute Stimme Melanie aus ihren Gedanken. Sie straffte ihre Schultern und atmete langsam ein und aus. „Fünf! Vier! Drei! Zwei ... Los!“

Melanie rannte los. Alles wurde unwichtig, die Geräusche um sie herum verblassten und das Einzige, was sie hörte, war das regelmäßige Auftreten ihrer Turnschuhe. Aus den Augenwinkeln sah sie Emma und Daniel, die etwa auf ihrer Höhe rannten. Als sie genauer schaute, bemerkte sie, dass sie selbst ganz vorne lag. Aber Emma holte rasch auf und auch Daniel war sehr schnell. Melanie drehte den Kopf wieder nach vorne, der Wind peitschte ihr den Pferdeschwanz um die Ohren. Ihr Atem ging noch ruhig, ein gutes Zeichen. Sie rannte weiter und weiter, spürte, wie Adrenalin durch ihren Körper schoss und sie ein Gefühl der Freiheit überkam. Sie kam am Ende der Bahn an, ohne nach links oder rechts zu schauen, stieß sich an dem Stein dort ab, drehte sich um und sprintete zurück.

Ein Schatten zu ihrer Linken erregte ihre Aufmerksamkeit. Melanies Blick fuhr dorthin und als sie Emma erkannte, war sie einerseits erleichtert, anderseits wurde sie nervös. Emma war keine Bedrohung – nun, solange sie sich nicht in einem Wettrennen befanden. Emma holte auf und war nun auf der gleichen Höhe wie Melanie. Ihr Blick war konzentriert nach vorn gerichtet und ihr goldblonder Zopf wurde vom Wind nach hinten geweht.

Auf einmal fiel Melanie ein, wie Emma gestern gewirkt hatte, als sie vom Rennen erzählt hatte. Sie würde gerne gewinnen. Melanie drehte sich nachdenklich wieder nach vorne um, überlegend, ob sie sie gewinnen lassen sollte oder ob sie es dem Glück überlassen sollte. Emma hatte, wie es schien, alle Jahre über gegen ein einziges Mädchen verloren und auch, wenn Melanie nicht wusste, wie lange Emma schon hier war, war ihr klar, dass sie schon eine lange Zeit hier verbracht hatte. Als das Ende der Bahn in Sichtweite geriet, beschloss sie, dass der Sieg für Emma wichtiger war als für sie. Diese Rennen fanden sowieso jeden zweiten Monat von neuem statt. Also verlangsamte sie ihren Schritt und schaute Emma zu, wie sie rannte. Etwas an Emmas Art zu rennen, irritierte Melanie. Nicht, dass sie komisch lief oder so, sie bewegte sich im Grunde genommen völlig normal. Seltsam war, dass sie rannte, als sei sie auf der Jagd – oder auf der Flucht, wie man es nahm. Ihre Füße hetzten über den Boden, als jage sie einem Schatz hinterher. Man könnte sagen, es sei bloß Ehrgeiz, aber Melanie sah mehr dahinter.

Emma war beinahe am Ende angekommen. Melanie beschleunigte ein letztes Mal und kam zwei Sekunden nach ihrer Freundin am Ziel an.

Bevor sie ein Wort sagen konnte, kam Daniel ins Ziel gerannt, aber er schien sich gedacht zu haben, dass er nicht Erster sein würde. Mit fünf Sekunden nach Emma war er aber immer noch sehr schnell, wie die Stoppuhr am Ziel verkündete. Die drei lächelten einander an und warteten, bis sie wieder zu Atem gekommen waren.

„Gut gemacht“, keuchte Melanie. Ihre Mitstreiter nickten, zum Zeichen, dass sie verstanden hatten.

Langsam kamen auch die anderen an und alle wollten wissen, wie lange wer gerannt war. Die Gespräche wurden mit jeder Sekunde lauter, bis schließlich alle im Ziel angekommen waren.

Daniel zog Melanie am Arm zur Seite und sie fragte sich, ob er sich auch nach ihrer Zeit erkundigen wollte. Er war noch etwas außer Atem, schaute aber ruhig auf sie hinunter. Abwartend blickte sie in seine dunklen Augen und wartete auf die Frage nach dem Ergebnis.

Aber er sagte etwas völlig anderes.

„Du hast Emma gewinnen lassen.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Das Blut schoss Melanie ins Gesicht und sie öffnete verlegen ihren Pferdeschwanz, damit sie etwas zu tun hatte. Ihre schwarze Haarmähne fiel ihr ins Gesicht.

Daniel ließ sich jedoch nicht davon beirren, auch wenn er ihr Haar aus den Augenwinkeln betrachtete. „Wieso, mi amor?“, hakte er nach. Sein Tonfall war gelassen, nicht anklagend, aber dennoch war ihr die Frage unangenehm. Vielleicht, weil sie selbst keine plausible Antwort wusste.

Melanie zuckte mit den Schultern und errötete noch mehr, weil er sie mi amor genannt hatte. Daran musste sie sich noch gewöhnen. „Weiß nicht ... Sie wollte mehr gewinnen als ich ...“, murmelte sie, nachdem sie beschlossen hatte, dass Leugnen sinnlos wäre.

Daniel hob eine Augenbraue. „De verdad?“

Melanie nickte und wich seinem Blick aus.

Wie hat er das bemerkt?

Plötzlich ertönte eine Stimme in ihrem Kopf.

Er merkt solche Sachen immer.

Melanie zuckte heftig zusammen, als sie Carolines Stimme erkannte. Sie wirbelte herum und stand auf einmal Caroline gegenüber, die sich neben Daniel positioniert hatte.

„Hast du ...?“ Melanie brach verwirrt ab.

Daniel schaute von Caroline zu Melanie und wieder zurück. Caroline lächelte entschuldigend.

„Hat sie deine Gedanken gelesen?“, fragte Daniel amüsiert.

Melanie schaute schockiert Daniel an. „Hat sie WAS?“ Ihr Herz klopfte wild. Sollte das etwa heißen, Caroline konnte Gedanken lesen?

Caroline wurde sichtlich nervös. „Ich kann Gedanken lesen ... Hat dir das noch keiner gesagt?“, fragte sie erstaunt.

Melanie schüttelte den Kopf. „Irgendwie nicht.“ Das wäre noch wichtig gewesen!

„Oh“, entfuhr es Caroline verlegen. „Das mache ich eigentlich nicht oft. Ich wollte nur deine Zeit wissen, aber du hast gerade an etwas anderes gedacht.“

„Und dann hast du einfach mal geantwortet?“, ergänzte Melanie gereizter als beabsichtigt.

Caroline nickte verunsichert. „Sorry ...“

„Schon okay“, unterbrach Melanie sie. „Ich ... habe das nur nicht erwartet.“ Sie lachte nervös. „Ist aber eine coole Gabe!“

Caroline erwiderte ihr Lachen. „Mal davon abgesehen, dass man super Leute erschrecken kann, hat es noch weitere Vorteile – zum Beispiel, wenn man Gegner verhört. Und, keine Sorge, ich habe den lieben langen Tag Besseres zu tun, als die Gedanken von anderen abzuhören.“

Melanie grinste. „Kann ich verstehen. In dem Fall kannst du es abschalten?“

Caroline nickte und Melanie fragte in Gedanken, in der Hoffnung, dass sie zuhörte: Wie viel hast du denn schon über mich herausgefunden?

Caroline schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln. Nicht viel. Nur oberflächliche Dinge. Aber immer wenn ich jemandem zum ersten Mal die Hand gebe, fährt ein Ersteindruck der Person in mich, bei dem ich alle grundlegenden Gefühle auf einmal spüre. Deshalb bin ich so zusammengezuckt, als ich dir die Hand gegeben habe. Aber gespürt habe ich nichts Informatives, ertönte ihre sanfte Stimme in Melanies Kopf.

Melanie nickte beruhigt, sie glaubte es Caroline wirklich – eine andere Wahl hatte sie gar nicht. Immerhin war das jetzt ein besserer Grund dafür, dass Caroline damals so zusammengezuckt war, weil sie Melanies Gedanken empfangen hatte, als dass sie schlichtweg durchgeknallt war.

Daniel lachte und erst jetzt fiel Melanie wieder ein, dass er noch bei ihnen stand.

„Leute, ihr könnt auch laut reden - außer ihr lästert über mich ab. Das machen Frauen doch manchmal so?“, fragte er belustigt und die beiden Mädchen mussten lachen, nachdem ihnen bewusst wurde, wie unhöflich sie sich verhielten. „Wir lästern nicht“, versicherte ihm Melanie amüsiert, was er jedoch gar nicht glaubte. Er grinste sie bloß wissend an.

Anthonys Ansage unterbrach die Unterhaltung zwischen Caroline, Daniel und Melanie. „Der Gewinner von 3.1 ist Emma. Gebäude 2.5 bitte antreten! Tempo!“

Die Jugendlichen vom Gebäude 3.1 wichen denen vom 2.5 und kehrten zu den anderen aus Camp Cataara zurück, die neben der Rennstrecke in einer anderen Arena trainierten. Während Melanie der Menschenmenge folgte, holte Emma sie ein.

„Hey, Em!“, begrüßte Melanie sie fröhlich. „Du kommst weiter!“

Emma lachte. „Ja, aber du hast mir gar nicht gesagt, wie schnell du bist!“ Es war kein Vorwurf, sondern einfach eine anerkennende Bemerkung.

Melanie zuckte mit den Schultern und hielt ihrem Blick stand. „Was hätte ich sagen sollen?“

Als sie gemeinsam in der anderen Arena ankamen, schnappte Melanie hier und da ein Wort über das beliebteste Thema hier auf: Das Tier der Nacht.

Es war heute deshalb das Tier der Nacht, weil der Mann behauptete, das Mädchen in Schwarz habe sich kurz in ein finsteres Tier verwandelt und sich auf ihn gestürzt. Die Bewohner von Camp Cataara waren der Meinung, die dunkle Retterin sei noch nicht vollständig zum Tigermädchen geworden und würde sich deshalb rein instinktiv verwandeln.

Die Zeitung hatte an diesem Morgen natürlich etliche andere Erklärungen dafür, allesamt ohne ein Tigermädchen. Melanie wurde langsam von dem täglichen Theater gelangweilt, schließlich ging das ja schon knappe drei Jahre so – langsam konnte man sich doch an diese Tatsache gewöhnen!

Sie riss sich aus ihren Gedanken und folgte Emma in die Umkleidekabine. Nachdem sie überprüft hatte, wie die anderen kämpften, holte sie sich entsprechende Waffen. Sie schnallte sich ein Wurfmesserset um die Hüfte und steckte einen Dolch für den Nahkampf ein. Noch immer konnte sie sich an dem ganzen Sortiment nicht sattsehen.

Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie Emma unschlüssig vor den Nahkampfwaffen stehen blieb. Aus ihrem goldblonden Zopf hatten sich einige Strähnen gelöst und hingen in ihr Gesicht, aber ansonsten sah man ihr nicht an, dass sie gerade ein Rennen gewonnen hatte. Melanie hielt ihr fragend einen Dolch hin, woraufhin Emma erschrocken zwei Schritte zurücksprang und Melanie aus geweiteten Augen anstarrte, als hätte sie ihr den Dolch in den Bauch gerammt. Verwirrt schaute Melanie ihre Freundin an, die jetzt langsam wieder etwas näher kam. Hatte sie irgendeine hektische Bewegung gemacht?

„Sorry“, murmelte sie, aber ihr Atem ging schneller als gewöhnlich. Sie beäugte den Dolch aus den Augenwinkeln, als befürchtete sie, er würde demnächst explodieren.

Melanie hängte die Waffe irritiert zurück an den Haken, den Blick immer noch auf Emma geheftet. Weshalb reagierte sie so heftig, wenn Melanie ihr einen Dolch hinhielt?

„Alles okay?“, fragte sie ehrlich besorgt.

Emma nickte hastig. „Sorry“, entschuldigte sie sich erneut und griff zielstrebig nach einem Messer. „Ich nehme lieber das.“

Melanie zuckte mit den Schultern. Wenn sie lieber mit einem Messer kämpfen wollte, sollte sie das tun. Aber was war das Problem mit Dolchen? Ein Dolch war eine der normalsten Stichwaffen hier.

„Ich hab jetzt aber einen Dolch genommen, ist das okay?“, erkundigte sich Melanie und beobachtete Emmas Reaktion. Diese fasste sich bloß an die rechte Schläfe und nickte, ohne sie anzusehen. Nebeneinander traten sie in die Kampfarena und Melanie ging zu den Zielscheiben hinüber, an denen man mit den Wurfmessern die Treffsicherheit trainieren konnte. Jack stand ebenfalls dort und grinste sie an, als sie näher kam.

„Was?“, fragte Melanie und lächelte ihn an. „Freust du dich so über deine Konkurrenz?“ Ihr Blick schweifte zu Jacks Zielscheibe hinüber; sechs Messer steckten im zweiten Ring von innen, drei auf der Grenze zur Mitte. Das zehnte Messer hatte Jack noch in der Hand.

„Dann zeig mal, was du drauf hast!“, erwiderte Jack mit einem belustigt provozierendem Unterton.

„Kein Problem.“ Melanie stellte sich vor eine benachbarte Zielscheibe, lehnte sich ein Stück vor und zog das erste Messer mit einer fließenden Handbewegung aus dem Gürtel. Sie spürte, wie Jack sie beobachtete und bemerkte beunruhigt, wie ihre Hand zu zittern begann. Sie atmete tief ein und brachte das Wurfmesser in Position, das Handgelenk leicht angewinkelt.

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