Kitabı oku: «Tigermädchen», sayfa 8

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Noch in derselben Sekunde schoss das Wurfmesser aus ihrer Hand, segelte rasend schnell auf das Ziel zu und blieb ein wenig rechts von der absoluten Mitte – aber immer noch im innersten Kreis – stecken.

Triumphierend lächelnd drehte sie sich zu Jack um, der verblüfft das Messer anstarrte. „Und?“, zog sie ihn lachend auf, ohne zu erwähnen, dass sie lieber exakt getroffen hätte.

Jack hob anerkennend eine Augenbraue. „Nicht schlecht.“

Melanie zog zufrieden das nächste Messer hervor und eins nach dem anderen verzierte den Mittelpunkt der Zielscheibe. Diesmal hatte Jack mehr für sie übrig als ein nicht schlecht.

„Wow. Wo hast du das gelernt?“

Melanie lachte verlegen. „In so einem Kurs“, meinte sie ausweichend.

„Was hast du denn in so einem Kurs noch gelernt?“, wollte Jack wissen und sammelte seine Wurfmesser ein, ohne das letzte geworfen zu haben. Wahrscheinlich schämte er sich.

Melanie presste die Lippen zusammen. Sie sprach ungern über sich selbst, geschweige denn über ihre Vergangenheit. In dieser Hinsicht konnte sie Emma völlig verstehen. „Nahkampf, größtenteils ...“ Sie riss ihre eigenen Wurfmesser aus der Zielscheibe und steckte sie zurück in den Gürtel. Jack antwortete nichts, sondern ging neben ihr her auf die Kampfarena zu.

„In dem Fall ...?“, fragte er dann doch und deutete auf die kämpfenden Mitschüler.

Melanie lächelte. „Mit dem Dolch“, antwortete sie bestimmt und ihre Waffe glitzerte schon in der Sonne. Das Gute war, dass sie einander hier nicht zimperlich behandeln mussten – schließlich heilten die Verletzungen, sobald sie die Arena verließen. So konnten sie um einiges besser trainieren als andere Camps.

Noch bevor sie anfingen zu kämpfen, kam Emma schnell vorbei.

„Mel, wir sehen uns dann in der Schmiede, okay?“, fragte sie, während sie auf sie zueilte. „Ich muss zum Rennen.“

Melanie nickte. „Okay. Viel Glück!“ Sie freute sich über Emmas strahlenden Blick, als diese an ihren Erfolg dachte.

Emma lächelte ihr noch ein letztes Mal zu, dann war sie verschwunden und Melanie drehte sich wieder Jack zu, der noch an derselben Stelle stand wie zuvor.

„Wollen wir?“, fragte sie.

Jack zog als Antwort seinen Dolch aus dem Gürtel.

Der Raum war wie immer stickig und heiß. Neun Jugendliche und John hatten sich in die Schmiede gequetscht und besprachen den Fall Laura. Der Brief lag auf dem Amboss, obwohl er leer war. Nach dem Rennen, das bis um halb vier gedauert hatte, waren alle sofort in die Schmiede geeilt. Melanie hatte sogar zu wenig Zeit gehabt, um Emma zu fragen, ob sie gewonnen hatte. Emma, die dicht neben Melanie stand, musterte eine Zeichnung einer Spinne im Spinnennetz auf ihren Armen, die sie mit einem Kugelschreiber während der Mathestunde gezeichnet hatte. Melanie musste zugeben, dass die Zeichnung schön war.

John bat just um Aufmerksamkeit, als Melanie Emma ein Kompliment machen wollte, und trat zwei Schritte näher an den Tisch, bevor er erneut zu sprechen begann. „Ich habe mir überlegt, dass wir am besten an den Tatort gehen. Der ist höchstwahrscheinlich in dieser WG, in der Laura gewohnt hat. Weiß jemand mehr darüber?“ Kein Hallo oder Schön, dass ihr da seid von John, dachte Melanie, aber ihr gefiel seine direkte Art.

Caroline antwortete auf seine Frage. „Ja. Sie hat mal gesagt, dass sie drei Mitbewohner hat. Zwei Mädchen und ein Junge.“

John nickte, dankbar für die Information. „Gut. Dann müssen wir diese befragen. Vielleicht haben sie etwas gesehen.“

So ging das Ganze weiter und gegen fünf Uhr waren sie zum Schluss gekommen, dass sie morgen einen Ausflug machen würden. John hatte sich bereit erklärt, Anthony die Sache mit einer Besichtigungstour zu erklären, und die neun Teenager mussten sich schon mal überlegen, wie sie am besten vorgehen sollten.

John winkte kurz und verließ dann die Schmiede, auf dem Weg zu Anthony. Die Schüler setzten sich im Kreis um den Tisch und begannen zu planen.

„Wir sind neun Schüler und es gibt drei Leute zu befragen“, begann

Emma die Diskussion. „Am besten teilen wir uns in drei Dreiergruppen auf.“ Emanuel nickte und fügte hinzu: „John kann sich um den Leiter kümmern, während wir die Befragung durchführen.“

„Und wie erklären wir, weshalb wir sie befragen?“, wollte Melanie wissen.

„Naja, es spricht nichts dagegen, dass wir sagen, wir hätten Grund zur Annahme, dass Laura entführt wurde“, wandte Caroline nachdenklich ein, die dicht neben Ramón saß. Melanie schaute verschmitzt zu, wie jener seine Hand auf ihre legte.

„Stimmt!“, musste Daniel zugeben. Wie immer hatte er sich in der Nähe der Schmiede niedergelassen. „Oder wir fragen John, was er dem Leiter sagen will.“

Damit waren alle einverstanden und Melanie merkte wieder, wie effizient hier alle vorgingen. Die Schüler machten mit und engagierten sich für ihre Interessen, und obwohl kein Lehrer da war, arbeiteten alle weiter. So etwas wäre an ihrer alten Schule nie infrage gekommen. Aber langsam musste sie akzeptieren, dass sie hierhin gehörte und nicht mehr an ihre alte Schule. Sie wohnte hier, hatte hier ihre Freunde und ging hier zur Schule. Und hier musste sie ein Mädchen aus den Fängen der Gegner retten, das sie nicht einmal kannte. Doch Melanie fühlte sich so geborgen wie schon seit Jahren nicht mehr, trotz all der Gefahren im Land der Nacht.

Die Tür ging auf und alle drehten sich erschrocken um. Es war jedoch nur John, der sie nun tadelnd ansah. „Test nicht bestanden!“, rügte er sie gespielt. „Wenn ich Anthony wäre, wärt ihr aufgeflogen.“

Beschämt wandte Melanie den Blick ab – er hatte Recht. Trotzdem brachte er eine gute Nachricht.

„Anthony hat mir die Geschichte abgekauft, denke ich“, erklärte John, während er die Treppe hinunterspazierte und sich auf einen Stuhl neben Jack setzte. „Morgen machen wir eine Exkursion.“

Kollektives Aufatmen folgte auf seine Worte. Alle wussten, dass Anthony im Grunde genommen das Sagen hatte.

„So“, sagte John genüsslich und blickte in die Runde. „Jetzt möchte ich wissen, was ihr euch überlegt habt.“

Es war schon spät, als die neun Jugendlichen zu den anderen in den Gemeinschaftsraum stießen. Ein paar wenige Schüler waren noch auf den Sofas versammelt und machten Hausaufgaben, ansonsten war es still.

Melanie, die endlich das Resultat des Rennens wissen wollte, ging gerade auf Emma zu, um sie zu fragen, als sie sah, wie Emanuel sie ansprach.

„Hey Em, wie weit bist du gekommen?“, fragte er lächelnd und Melanie konnte kaum glauben, wie schüchtern die beiden waren.

Emma lächelte breit. „Ich ... habe gewonnen.“

„Wirklich? Super, Emma!“ Hocherfreut leuchtete Emanuels Miene auf und er nahm sie kurz in den Arm. Emma versteifte sich erst, doch dann sah Melanie, dass sie es genoss, auch wenn sie erschrocken war. Aber Emanuel ließ sie nach wenigen Sekunden wieder los, er schien selbst überrascht zu sein von seiner Reaktion.

„Wow, ich hab‘s gewusst!“, rief er jetzt und diejenigen, die nicht schon ohnehin zuhörten, drehten sich zu ihnen um. Emanuel scherte sich wenig darum und klopfte ihr anerkennend auf die Schulter, dann wandte er sich seinen Kumpels zu und verkündete: „Leute, Emma hat gewonnen!“

Nun brach Jubel aus und einer nach dem anderen gratulierte ihr. Melanie umarmte sie und sagte währenddessen leise: „Wer freut sich da mehr, du oder Emanuel?“ Emma lachte und stieß sie spielerisch in die Seite.

An Hausaufgaben war nicht zu denken, alle redeten wild durcheinander und Emma nutzte die Gelegenheit, um mit Emanuel zu flirten. Der Lärmpegel war, seit sie in den Gemeinschaftsraum gekommen waren, um einiges gestiegen, sodass Melanie Daniel beinahe überhört hätte, als er sie ansprach.

„Ich kann‘s echt nicht glauben“, meinte er kopfschüttelnd und sie versuchte, sich zu erinnern, ob er Emma gratuliert hatte. So wie sie ihn kannte, hatte er dies getan.

„Was denn?“, fragte Melanie und schenkte ihm ein unschuldiges Lächeln. Er stand neben ihr, in genau dem Abstand, den sie als optimal zwischen zwei Menschen betrachtete.

„Du hast sie gewinnen lassen und jetzt hat sie die ganze Rennen gewonnen.“

Als hätte das Melanie nicht auch schon bemerkt. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß. Sie hat es verdient.“

Daniel warf einen Blick zu Emma, die sich gerade mit Emanuel unterhielt, und fragte mit gedämpfter Stimme: „Stört dich das nicht?“

Melanie schüttelte den Kopf. „Dieses Rennen findet jeden zweiten Monat statt.“

„Also stört es dich, aber du willst einfach ein andermal gewinnen“, erklärte ihr Daniel und Melanie erstarrte für einen Moment, als sie bemerkte, dass das teilweise zutraf.

„Mann, wie machst du das?“, fragte sie leicht aufgebracht.

„Was?“ Daniel zog belustigt einen Mundwinkel nach oben, was seine Grübchen zum Vorschein brachte. Er wusste genau, was sie meinte, aber sein männliches Ego wollte es natürlich von ihr hören.

Melanie wurde nervös. „Vor mir zu wissen, was ich denke.“

Daniel lachte, antwortete aber nicht. Melanie hätte darauf wahrscheinlich auch nichts erwidern können. Lachend fügte sie hinzu: „Von jetzt an frage ich einfach dich, wenn ich etwas über mich wissen möchte.“

Daniel schüttelte den Kopf. „Ich weiß sehr wenig über dich“, behauptete er lächelnd. „Du bist in dieser Hinsicht nicht so gesprächig, mi vida.“

Melanie zuckte erneut zusammen. Er hatte Recht, sie mochte es tatsächlich nicht, wenn sie über sich selbst reden musste. Prinzipiell dachte sie nicht so viel über Vergangenes nach – schließlich war es ja vergangen. Sie verdrängte es lieber, das war weniger schmerzhaft. Aber im Vergleich zu allen anderen hier könnte Daniel einen ganzen Aufsatz über sie schreiben.

„Stimmt“, bestätigte sie knapp. „So interessant bin ich nicht.“ Daniel hob die Augenbrauen. „Das sagt wer?“ „Ich.“ Melanie lachte verlegen.

„Da bin ich aber nicht einverstanden“, widersprach Daniel, immer noch nicht amüsiert.

Melanie legte den Kopf schief und meinte leicht flirtend: „Vielleicht ändern wir ja unsere Meinungen noch.“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und Melanie musste wieder einmal zugeben, wie gut er aussah. „Was ist denn deine Meinung über mich, mi amor?“

Hm ... Du bist attraktiv, nett und hast eine beängstigende Art, in mich hineinzuschauen...

Melanie überlegte, was sie ihm darauf antworten sollte. „Ich halte dich ebenfalls für interessant.“ Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare, ohne den Blick von ihm zu lassen.

„Dann kann ich ja froh sein“, lachte Daniel und trat dabei unruhig von einem Bein aufs andere.

„Über dich weiß ich aber bereits mehr als du über mich“, meinte Melanie, hoffend, dass er jetzt nicht nachfragte, was es denn bei ihr so zu wissen gab.

„Zum Beispiel?“

„Du kommst aus Jamaika, du schmiedest gerne Waffen und deine Muttersprache ist Spanisch“, begann Melanie mit ihrer Aufzählung.

Daniel grinste und antwortete: „Du kommst von hier, deine Muttersprache ist Deutsch und dein Hobby ... kenne ich nicht.“

Melanie musste lachen. „Okay, ein Punkt für dich. Mein Hobby ist ... Hm, vielleicht Klettern.“

„Siehst du? Etwas, das ich nicht wusste!“

„Sag ich ja. Und ich könnte noch mehr über dich erzählen! Zum

Beispiel, dass du unter Wasser atmen kannst.“

Daniel schüttelte den Kopf. „Deine Kraft kenne ich aber auch: Das Zeug mit die Schatten und der Nachtsicht.“

„Hm, da hast du recht“, musste Melanie zugeben. Ihre Fähigkeiten, die es ihr ermöglichten, die Schatten zu manipulieren und in der Nacht zu sehen, hatte sie ihm am ersten Tag schon erläutert. „Aber das wäre dann schon alles, was ich über mich erzählt habe.“ Mittlerweile wusste sie nicht mehr, ob es darum ging, dass Daniel wenig oder viel über sie wusste. Aber die Unterhaltung machte Spaß. „Frag mich mal was“, verlangte sie und betete inständig, dass er feinfühlig genug war, um nicht das Falsche zu fragen.

„Okay ...“ Ein Lächeln schlich sich über sein Gesicht. „Bist du noch Jungfrau?“

Melanie erstarrte. Wenn sie jetzt Nein sagte, musste sie ja nicht hinzufügen, wie sie ihre Jungfräulichkeit verloren hatte, oder? „Nein“, antwortete sie atemlos. Das war ja wohl eine typische Männerfrage!

Daniel runzelte leicht die Stirn, ihm schien ihre seltsame Reaktion nicht entgangen zu sein.

„Aber ich habe keinen Freund“, fügte sie hinzu und lächelte, um die angespannte Stimmung zu lockern.

Daniel lächelte zurück, Melanie versuchte, seine Reaktion zu analysieren. Er machte aber nichts Spezielles, sondern sagte: „Das hast du bei mir ja hingegen schnell herausgefunden.“

Sie konnte sich noch gut an ihr erstes Gespräch zurückerinnern, als er Emma mi amor genannt hatte, und musste bei dem Gedanken daran lächeln. „Stimmt. Naja, rein theoretisch hast du nur gesagt, dass Emma nicht deine Freundin ist.“

Daniels Lächeln wurde breiter, die Grübchen vertieften sich. „Ich hab keine Freundin, mi amor“, versicherte er ihr und warf ihr dabei einen seltsamen Blick zu.

Melanie konnte die Augen nicht von seinen abwenden. Sie waren dunkel wie Schokolade und um seine Augen herum waren Lachfalten zu sehen. Sie spürte Daniels Blick auf ihr ruhen und fragte sich, was er von ihrer Augenfarbe hielt. Die Spannung zwischen ihnen war greifbar.

In diesem Moment wurde ihre Sicht von wasserstoffblondem Haar verdeckt. Sam. Melanie hätte ihr am liebsten die Faust ins Gesicht geschlagen, aber Sam kam ihr zuvor, indem sie fröhlich verkündete: „Kommt ihr morgen auch mit an den Strand?“ Ihr Lächeln war völlig unschuldig.

Melanie starrte sie fassungslos an und realisierte kaum, wie Daniel etwas verwirrt zusagte. „Und du, Melanie?“, drang Sams Stimme zu ihr vor.

„Was?“ Melanie rüttelte sich aus ihrer Starre, sie konnte einfach nicht glauben, wie wenig Taktgefühl Sam besaß. Wie kam Zoé nur mit ihr zurecht?

„Kommst du morgen mit zum Strand?“, wiederholte Sam ihre Frage.

„Äh ... ja, okay“, sagte Melanie überrumpelt zu, aber im nächsten Moment hätte sie sich am liebsten direkt im Meer ertränkt. Wie sollte sie an den Strand gehen, wenn sie nicht einmal schwimmen konnte? Sie brauchte eine plausible Ausrede, beschloss sie.

Sam jedoch schien nichts zu bemerken und lächelte sie ein letztes Mal an, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte und davonstöckelte.

Rasch warf sie einen Blick zu Daniel hinüber und bemerkte, dass er wie immer die Leute um sich herum – also Melanie – analysierte. Errötend wandte sie den Blick ab und kurz darauf hatten sich beide in eine Unterhaltung der anderen eingeklinkt. Das Gespräch von vorhin wirbelte immer noch in Melanies Kopf herum, aber Sam hatte es ihr unmöglich gemacht, weiter mit Daniel über ihn zu sprechen. Oder über sich selbst.

Viel zu früh hatten sich die Mitglieder des Gebäudes 3.1 versammelt. Melanie fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die sie nur kurz hatte bürsten können. Emma hatte wieder einmal Albträume gehabt – natürlich, ohne zu sagen, weshalb – und die beiden hatten große Mühe gehabt, nach dem Klingeln des Weckers aufzustehen.

Pünktlich wie eine Schweizer Stoppuhr erschien John vor dem Campus Cataara und rief seine Crew zusammen. Die Crew 3.1, wie Emma und Melanie sie heimlich nannten, stellte sich gleich gerader hin und wuchs somit um etwa zwei Zentimeter, als John dazu kam. „Auf geht‘s! Die WG erwartet uns um halb neun“, kündigte John an, ohne Zeit mit einer Begrüßung zu verschwenden.

Hintereinander herlaufend bogen sie bald schon in eine breite Straße ein, die in die Stadt führte. Die Straßen waren so, wie Melanie sie von zu Hause aus kannte, und hübsche Vorgärten zierten die eher schlichten Häuser. Melanie unterhielt sich leise mit Emma und Caroline. Wie bei allen anderen drehte sich das Thema um die bevorstehende Befragung, denn von dieser Befragung würde ein Großteil ihrer Mission abhängen. Und sie hatten sich schon genug Zeit gelassen in den letzten beiden Tagen.

„Wir sollten ihnen zuerst erklären, was passiert ist, und dann einfach locker bleiben“, schlug Caroline gerade vor, die ein dunkelblaues Sommerkleid trug. „Sonst fühlen sie sich bedrängt.“

Melanie war schon oft aufgefallen, dass Caroline sich sehr um die Gefühle anderer scherte, aber seit gestern wusste sie, dass das daran lag, dass sie bestimmt gut wusste, wie Menschen tickten – schließlich konnte sie jederzeit die Gedanken aller Anwesenden lesen.

„Und wir sitzen irgendwo herum, nicht in einem Halbkreis um den Befragten oder so“, fügte Melanie hinzu, während sie neugierig den Anblick der Umgebung in sich aufsaugte. Die Straßen waren beinahe leer, ein paar Motorräder fuhren an ihnen vorbei und die Läden an beiden Straßenseiten, die zwischen den Wohnhäusern standen, öffneten um diese Zeit.

„Wieso gibt es hier viel mehr Motorräder als Autos?“, wollte Melanie unvermittelt wissen.

„Weil man mit Motorrädern meist ebenso schnell ist wie mit Autos, aber nicht so viel Platz braucht“, begann Emma zu erklären, ganz in ihrem Element. „Und im Stau kann man sich einfacher vordrängeln. Du wirst sehen, dass es um einiges praktischer ist, wenn wir erst einmal wohin wollen“, fügte sie mit einem zuversichtlichen Lächeln hinzu. Melanie schaute nachdenklich einem Motorrad hinterher und stellte sich vor, wie es wäre, auf einem draufzusitzen. Bestimmt wäre es toll, durch die Gegend zu rasen, den Wind in den Haaren zu spüren und sich bewusst zu sein, dass man ein gefährliches Vehikel fuhr. Vielleicht würde sie sich an Daniel festklammern und sich an seinen Rücken lehnen …

John hielt an und Melanie wäre beinahe in Sam hineingelaufen. Als sie aufsah, erblickte sie eine typische WG: Ein bescheidenes Haus mit einem mehr oder weniger gut gepflegtem Vorgarten. Die kleinen Fenster standen offen, um das schöne Wetter hineinzulassen, und Melanie zählte kurz die Räume ab. Es besaß vier Zimmer im ersten Stock mit je zwei Fenstern, im zweiten Stock gab es zwei Zimmer mit je einem Fenster auf die Vorderseite hinaus.

John hatte sich jetzt zu der Gruppe umgedreht und hob die Hand, um sich Gehör zu verschaffen.

„Ihr werdet euch nun in Dreiergruppen aufteilen und je ein WG-Mitglied befragen. Ich kümmere mich um den Leiter. Wir geben nicht mehr als nötig preis. Der Treffpunkt ist im Garten“, erklärte er knapp.

In weniger als fünf Minuten hatte sich die Crew in drei Gruppen aufgeteilt: Emma, Zoé und Emanuel waren in einer Gruppe, Melanie, Jack und Sam in einer anderen und die dritte bestand aus Daniel, Ramón und Caroline. Kühl begegnete Sam Melanies Blick, als sie sich zu ihnen gesellte. Sie waren beide nicht so begeistert davon, zusammenarbeiten zu müssen.

John hingegen kümmerte sich wenig darum, ob sich die Gruppenmitglieder gleich heiraten wollten, er setzte sich in Bewegung, sobald sie beisammenstanden.

Melanie schlich leise um das Haus herum. Während ihre Gruppe den Jungen im Haus befragte, schaute Melanie noch kurz nach, ob sich irgendetwas Verdächtiges außerhalb des Hauses befand. Von einer Mülltonne mal abgesehen gab es aber nichts zu finden, also machte sie sich wieder auf den Rückweg in die WG.

„Entschuldigung!“, rief eine Stimme hinter Melanie. „Kannst du mir kurz helfen?“

Melanie drehte sich auf halbem Weg um und entdeckte ein hübsches Mädchen auf der anderen Straßenseite, das auf sie zukam. Sie sah aus wie eine Chinesin, mit langem schwarzen Haar und mandelförmigen Augen.

Melanie blieb stehen und lächelte freundlich. „Kommt drauf an. Bei was soll ich helfen?“

„Ich suche die Hauptstraße. Ich treffe mich mit einer Freundin, aber ich kenne mich nicht so gut hier aus“, antwortete das Mädchen und lächelte. Sie sah ausgesprochen fröhlich aus, fiel Melanie auf.

Nach kurzem Überlegen erinnerte sich Melanie daran, dass sie eine breite Straße passiert hatten und deutete nach rechts. „Hier lang, glaube ich. Ich bin aber auch erst seit kurzem hier, also kann ich nichts versprechen“, erklärte Melanie und beobachtete das Mädchen genau, auf der Suche nach einer seltsamen Reaktion.

Es schaute jedoch bloß in die Richtung, in die Melanie zeigte, und nickte erleichtert. „Danke! Ich denke, das war sie“, sagte es erfreut und schenkte ihr ein Lächeln. „Wie heißt du denn?“

„Melanie.“ Sie warf einen nervösen Blick auf die WG. Langsam musste sie reingehen. Aber erst wollte sie noch wissen, wer dieses aufgeweckte Mädchen war. „Wie heißt du?“, fragte sie hastig.

„Kannst mich Bella nennen.“ Sie lachte. „Also, vielleicht sehen wir uns wieder. Ich denke, du musst wieder rein.“

Melanie lächelte entschuldigend. „Stimmt. Mach‘s gut.“ Sie drehte sich um und beeilte sich, wieder in das kleine Zimmer des Zeugen zu gehen. Dabei hörte sie, wie das Mädchen, Bella, sich rasch entfernte.

Leise schloss sie die Tür hinter sich und begegnete den Blicken von drei Jugendlichen. Jack und Sam warfen ihr vielsagende Blicke zu, welche Melanie mit einem kaum merklichen Kopfschütteln erwiderte. Nein, die Luft war rein. Der Junge, der hier wohnte, blickte sie nur neugierig an, während Melanie sich auf einen freien Stuhl setzte. Das Zimmer war schmal und mit dem Schreibtisch, dem Bett und dem roten Sessel mehr als voll genug.

„Wie weit seid ihr?“, wollte Melanie wissen, da keiner Anstalten machte, etwas zu sagen.

„Wir haben Jason gerade erklärt, um was es geht.“ Sam klang distanziert und Melanie fragte sich, was sie jetzt schon wieder falsch gemacht hatte.

„Okay, gut.“ Melanie setzte ein Lächeln auf. „Hey Jason, ich bin Melanie.“

Jason lächelte etwas überrumpelt. „Hey. Also, dann fragt mal, was ihr wissen müsst.“ Sein Blick huschte von Sam zu Melanie und wieder zurück. Kurz merkte Melanie, wie er an ihren Augen hängen blieb – bestimmt war es auch hier nicht so gewöhnlich, pinke Augen zu haben. Oder so stark geschminkte Augen. Jason sah völlig durchschnittlich aus; er hatte durchschnittliche braune Haare, dunkle Augen und war durchschnittlich groß.

Jack meldete sich zu Wort. „Wann hast du Laura das letzte Mal gesehen?“, fragte er geradeheraus.

Jason überlegte. „Vor drei Tagen. Ich habe einfach gedacht, sie würde bei einer Freundin übernachten! Ich konnte ja nicht wissen, dass sie entführt wurde, sie hat nämlich ein paar Sachen mitgenommen.“ Jason sah sie beinahe schon flehend an, er schien zu denken, sie würden ihn verdächtigen.

„Wir beschuldigen dich ja nicht“, beruhigte Sam ihn, lächelte und warf sich mit einer geschmeidigen Bewegung die Haare über die Schulter. „Wir brauchen nur mehr Informationen, um zu ermitteln.“

Er wirkte etwas besänftigt und Melanie fragte sich, was die anderen ihm denn erzählt hatten und wieso Sam ihn anmachte.

„Also, wo hast du sie gesehen und um welche Uhrzeit?“, bohrte Sam nach. Ihre übertrieben geschminkten Wimpern klimperten ihn unschuldig an.

„In der Küche, am Morgen, als wir gefrühstückt haben.“ Er wich verwirrt ihrem Blick aus – der arme Junge war es offensichtlich nicht gewohnt, von so einem Mädchen so taxiert zu werden.

„Hat sie irgendetwas Verdächtiges gesagt?“, fragte Melanie weiter und warf Sam einen strafenden Blick zu, den diese geflissentlich übersah.

Er schüttelte den Kopf.

„Sind irgendwelche Besucher gekommen?“ Jack wurde langsam ungeduldig, was Melanie ihm nicht verübeln konnte. Dass Laura vor drei Tagen noch da gewesen war, hätten sie sich auch selbst denken können.

Jason zögerte. „Ich bin kurz darauf in die Stadt gegangen. Also bis um zehn Uhr war ich in meinem Zimmer, ich habe jedenfalls nichts bemerkt.“

Jack nickte und fuhr sich verzweifelt durch seine nach hinten gegelten, schwarzen Haare. „Okay.“ Er seufzte. „Weißt du, wie man hier am schnellsten wegkommt?“

„Wenn man ein Auto hat?“, fragte Jason nach und sprach weiter, ohne auf eine Antwort zu warten: „Einfach die Seitenstraße rechts vom Haus entlang und bald ist man schon in der Pampa.“

„Gibt es irgendwelche Spuren einer Entführung oder so?“, fragte Sam und lächelte ihn zuckersüß an. Langsam ging Melanie diese Flirterei echt auf den Keks, aber sie versuchte, sich nicht provozieren zu lassen, sondern sich auf Jason zu konzentrieren. Eine gute Ermittlerin würde sich doch nicht von solchem Tussikram ablenken lassen, oder? Sie musste sich auf ihr Ziel fokussieren: Jasons Antwort.

„Nein ... Ihr könnt ja in ihr Zimmer gehen“, sagte er zögerlich und beschloss, Jack anzuschauen, damit er nicht auf Sam reagieren musste.

Sam nickte. „Machen wir.“

Die restliche Befragung brachte keine weiteren Informationen und die drei machten sich bald schon auf in Lauras Zimmer. Sam nicht, ohne Jason einen letzten Blick zuzuwerfen.

Lauras Zimmer war einfach zu erkennen, eine hübsche Stickerei hing an der Tür und ein Bild von einem Wolf. Jack und Sam steuerten sofort auf besagte Tür zu.

„Laura verwandelt sich besonders gerne in einen Wolf“, erklärte Jack Melanie, als er ihren verwirrten Blick bemerkte, und trat ein. „Sie kann sich jeden Tag eine Stunde lang in ein beliebiges Säugetier verwandeln.“

Melanie hob überrascht die Augenbrauen. Das erfuhr sie aber auch früh. „Nicht schlecht“, musste sie zugeben und sah sich im Zimmer um. Es ähnelte im Grunde genommen Jasons Zimmer, aber die Farben der Möbel waren viel fröhlicher. Der Sessel war zitronengelb und die Wände hell gestrichen. Als sie ihren Blick erneut durch den Raum schweifen ließ, bemerkte sie etwas Komisches. Genauer gesagt war etwas komisch, aber Melanie wusste nicht, was. Vielleicht irritierte es sie, dass die Möbel so seltsam verschoben waren, was ganz und gar nicht zu der gepflegten Anordnung der Hefte auf dem Schreibtisch passte.

„Ist Laura eher ordentlich?“, fragte sie an Sam und Jack gewandt.

Jack zuckte die Schultern, aber Sam nickte knapp. „Ja. Das siehst du ja.“

„Eben nicht“, gab Melanie gereizt zurück. „Es widerspricht sich.“ Melanie stellte sich in die Lücke zwischen dem Bett und dem Schreibtisch. Der Schreibtisch war etwas in Richtung Fenster verschoben worden, sodass sich das Fenster nach Melanies Schätzung nur ganz knapp öffnen ließ. „Wieso stellt sie den Schreibtisch so schräg hin?“ Ordentliche Menschen – und Melanie war auch nicht besonders unordentlich – stellten niemals einen Schreibtisch an die Mitte der Wand, sodass links und rechts Platz verloren ging, mal davon abgesehen, dass sich das Fenster nicht problemlos öffnen ließ.

Jack kam überrascht näher. „Geh mal zur Seite.“

Melanie trat aus der Lücke und schaute Jack zu, wie er die Wand untersuchte und dagegen klopfte. Es klang immer gleich, dumpf und wie eine ganz normale Wand.

„Mann, Leute!“ Sam machte genervt einen Schritt auf den Schreibtisch zu. Melanie hörte an dem Klackern ihrer Schuhe, dass sie Absätze trug. „Der Schreibtisch verdeckt doch etwas.“

Melanie verdrehte die Augen, packte aber mit an, weil sie zugeben musste, dass Sam recht hatte. Jack packte an Sams Seite mit an und hob den Tisch mühelos einen halben Meter über den Boden. Stiftebecher fielen um und ein Heft rutschte zu Boden, als Sam, Jack und Melanie den Tisch ein paar Zentimeter ins Zimmer hineintrugen, aber schlussendlich konnten sie dahinter kriechen.

Melanie kauerte sich vor die Wand und begann, sie abzuklopfen. Zuerst bemerkte sie keinen Unterschied, aber dann schlug Jack abwechselnd mit ihr auf die andere Seite der Wand und sie konnte einen Hohlraum dahinter erahnen. An einer Stelle schien der Klang widerzuhallen. Augenblicklich erstarrte sie.

„Dahinter ist ein Hohlraum!“, rief Melanie aus und war binnen Sekunden von den anderen beiden umringt. Jack klopfte weiter, sich aufmerksam gegen die Wand lehnend. Melanie betrachtete ihn einen Moment lang bewundernd. Er sah ziemlich gut aus mit den dunklen Augen und den markanten Gesichtszügen. Das Problem war nur, dass er sich dessen zu sehr bewusst zu sein schien. Das Klopfen seiner Faust an der Wand brachte ihre Gedanken zurück zu ihrer Mission und sie schalt sich innerlich, dass sie sich wieder einmal hatte ablenken lassen. Wenn auch von einem gutaussehenden Mann und nicht von einer hübschen, aber arroganten Frau, wie beim letzten Mal. Eifrig half sie ihm zu klopfen und sie kamen nach einer Weile zu dem Schluss, dass der Hohlraum etwa zwei Meter breit und hoch war. „Weiß denn keiner hier davon?“, wollte Melanie erstaunt wissen und ließ von der Wand ab.

Sam zuckte die Schultern. „Woher soll ich das wissen?“

Melanie widerstand dem Drang, ihr eine reinzuhauen, und erhob sich. Hatte sie noch nie etwas von rhetorischen Fragen gehört? „Wir sollten den anderen davon erzählen.“

„Auf die Idee wäre ich jetzt nicht gekommen“, bemerkte Jack, aber mit einem ironischen Unterton und einem Lächeln im Gesicht, sodass es lustig und nicht gemein war wie bei Sam. Wie viel so ein Lächeln ausrichten konnte!

„Deshalb sag ich‘s dir ja“, erwiderte Melanie lachend und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

Nacheinander verließen sie Lauras Zimmer und gingen in den von der Sonne beleuchteten Garten, um auf die anderen zu warten.

John tauchte auch bald schon auf, nach ihm Emmas Gruppe und schlussendlich Daniels. Als alle versammelt waren, ergriff John wieder das Wort und bat eine Gruppe nach der anderen, zu erzählen, was sie herausgefunden hatten.

Melanie fasste die neuen Informationen im Kopf zusammen: Das eine Mädchen, Jana, hatte gesehen, dass Laura sich oft in einen Wolf verwandelt hatte, um in den Wald zu gehen. Dort hätten die Entführer vielleicht auf sie aufmerksam werden können. Sonst konnte sie aber auch nicht mehr sagen als Jason, wie Emanuel berichtet hatte. Daniel hatte gesagt, dass Ariana, das Mädchen, das seine Gruppe befragt hatte, gehört hatte, wie zwei Typen Laura besucht hatten. Als Ariana nachschauen gegangen war, hatte Laura die Tür geschlossen und sei danach nur nochmal kurz herausgekommen, um ihr mitzuteilen, sie würde eine Freundin besuchen gehen. Laut Ariana waren die beiden Männer währenddessen in ihrem Zimmer geblieben. Auf Daniels Frage hin, ob sie das nicht seltsam gefunden hatte, hatte Ariana betroffen gemeint, die Leute hier gingen ständig woanders übernachten, weil es hier sehr laut sei.

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