Kitabı oku: «Die Freimaurer»

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Prof. Dieter A. Binder, geboren 1953, lehrt an der Karl-Franzens-Universität Graz und der Andrassy-Universität Budapest Geschichte. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Österreichischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und zur Kulturgeschichte.

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Mit der Freimaurerei im 18. Jahrhundert entstand ein Freundschaftsbund, der nicht nur jüngere Männerbünde und Zusammenschlüsse direkt oder indirekt beeinflusste, sondern auch zum erklärten Ziel sinistrer Verschwörungstheorien geworden ist. Was als kleinbürgerlicher und zünftischer Zusammenschluss in London 1717 begann, wurde rasch ein Sammelpunkt der alten Eliten und des aufstrebenden Bürgertums und war damit stets ein Spiegel der Gesellschaft, innerhalb der die bunte Vielfalt der Logen existierten und existieren durften. Verfolgt von Inquisition, linken und rechten Diktaturen und totalitären Regimen, angegriffen von völkischen Kreisen als Internationalisten und vaterlandslosen Gesellen, abgelehnt von linken Puristen als Ausdruck der bourgeoisen Gesellschaft, überlebte diese Gesellschaftsform mannigfache Widrigkeiten. Von den einen als Speerspitze der Aufklärung gefeiert, vom Freimaurer Kurt Tucholsky als „lendenlahmer Synagogenersatz“ ironisiert, blieben sie in aller Formenvielfalt das, was sie immer waren: ein Ausdruck des Privaten am Rande der Öffentlichkeit und Informationsgesellschaft.

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Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH, Wiesbaden nach der Gestaltung von Thomas Jarzina, Köln Bildnachweis: Das „Kölner Wandbild“ entstanden 1965 und 1981 von Robert Seuffert jun. im Kölner Logenhaus, Hardefuststraße 9, 50677 Köln. Eigentum Kölner Logenhausgesellschaft: www.freimut-und-wahrheit.de und www.zum-ewigen-dom.de Lektorat: PD Dr. Marco Frenschkowski, Hofheim/Taunus eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0022-8 www.marixverlag.de

Inhalt

Über den Autor

Zum Buch

Vorwort

Frühgeschichte

Das Symbol des Salomonischen Tempels

Freimaurer und Gentleman

Freimaurerei und der Spieltrieb des 18. Jahrhunderts

Freimaurer und Gentleman

Das Bild des Ritters

Das Prinzip der Selbsterziehung

Erziehung zur gesellschaftlichen Verantwortung

Netzwerke

Exkurs über ein weiteres mitteleuropäisches Beispiel

Der wirre Blick von Außen

Verschwörungstheorien

Kirchliche Wurzeln der Verschwörungstheorien

Von der christlichen zur säkularisierten Verschwörungstheorie

Antifreimaurerische Verschwörungstheorien und Totalitarismus

Postmoderne Beliebigkeiten

Die „Alten Pflichten“

I. Von Gott und der Religion

II. Von der obersten und den nachgeordneten staatlichen Behörden

III. Von den Logen

IV. Von Meistern, Aufsehern, Gesellen und Lehrlingen

V. Von der Leitung der Bruderschaft bei der Arbeit

VI. Vom Betragen – nämlich

Zum Abschluss

Vom vergeblichen Bemühen um eine einheitliche „reguläre“ Freimaurerei

Symbole der Freimaurer

Glossar

Weiterführende Literatur

Fußnoten

Kontakt zum Verlag

Vorwort

We have compassion for those fools

Who think our acts impure;

We know from ignorance proceeds

Such mean opinion of our deeds.

Sword-bearer’s Song, 1738

Die Forschung zur Freimaurerei konzentriert sich weitgehend auf intellektuell herausragende Produkte aus dem freimaurerischen Umfeld,1 auf pointiert soziopolitische Erscheinungsformen2 und auf die Rezeptionsgeschichte freimaurerischer Vereinigungen im Umfeld der Verschwörungstheorien.3 Die breite Palette freimaurerischer Erscheinungsformen wird als organisationsgeschichtliches Phänomen diskutiert und dargestellt,4 selten erfolgt daneben eine Hinwendung zur Funktion des Rituals an sich.5 In Summe gesehen entsteht dabei der Eindruck, dass sich die Forschung an Kategorien der Freimaurerei an sich orientiert, deren strenge Unterscheidung zwischen regulärer und irregulärer Maurerei, zwischen Logen im klassischen Sinn und „Geheimgesellschaften“ im weiteren Sinn einer Gesamtschau entgegenstehen kann.6 Gerade in der Fülle unterschiedlichster Obödienzien, sich oft widersprechender Zielrichtungen und sich gegenseitig ausschließender Strukturmonopole spiegelt sich der massive Popularitätsschub, den die neue Organisationsform in weiten Kreisen der west- und mitteleuropäischen Gesellschaft erlebt hat. Diese rasche Akzeptanz der Freimaurerei als Organisationsform wird in der Forschung zumeist mit der weitgehenden Identifikation des Organisationsmodells mit den philosophisch-politischen Inhalten der Aufklärung erklärt.

Ich widme diese knappe Darstellung jenen, die mir in Deutschland, Österreich, Slowenien, der Schweiz und Ungarn freundschaftlich fördernd entgegentreten und die es akzeptieren, dass ich meine Sicht der Freimaurerei seit langem beschreibe und ein „heimatloser Bürgerlicher“ bleibe.

Graz und Budapest, im Dezember 2008

Dieter A. Binder

Frühgeschichte
oder
Wie man Freimaurer wird

Im „Goose and Gridiron“ unweit von St. Paul’s Cathedral, einem Wirtshaus der einfachen Leute, trafen am 24. Juni 1717 die Vertreter von vier Logen zusammen, die erstmals eine Großloge, also einen Dachverband für ihre geselligen Zusammenkünfte beschlossen. Diese Männer, wohl zumeist Kleinbürger, pflegten Traditionen aus dem Bauhandwerk, wiewohl viele von ihnen aus anderen Berufen kamen und ihm Umfeld der ersten Großloge keine Steinmetze zu finden waren. Zur Führung dieser „Großloge von London und Westminster“ wählten sie Anthony SAYER, der als Gentleman galt, den Zimmermann Jacob LAMBALL und den Kapitän Joseph ELLIOT. Entscheidend war, dass sich diese neue Organisationsform gesellschaftlich rasch durchzusetzen vermochte.

Zunächst versammelten sich einfache Bürger und pflegten eine rituell geregelte Geselligkeit. Als 1719 der 1683 in La Rochelle geborene und nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes nach England emigrierte John Theophilus DESAGULIERS (gest. 1744) zum dritten Großmeister gewählt wurde, veränderte sich das soziale Spektrum schlagartig. Aus dem Zusammenschluss eher kleinbürgerlicher Leute wurde ein „gesellschaftliches Ereignis“. Schon 1721 wurde John Duke of MONTAGU (1690-1749) Großmeister einer Großloge mit 16 Logen, 1725 zählte man 52, 1732 bereits 109 Logen. James ANDERSON (um 1680-1739), der 1723 die „Alten Pflichten“, das freimaurerische Grundgesetz, formulierte, schuf in enger Zusammenarbeit mit DESAGULIERS die bis heute gültigen Grundregeln der Freimaurerei. Diese nahmen trotz des Zustroms aus der aristokratischen Welt und aus den Herrscherhäusern – 1731 wurde FRANZ STEPHAN von LOTHRINGEN (1708-1765),7 1737 Frederick Prince of WALES (1707-1751), 1738 FRIEDRICH von PREUSSEN (1712-1786) aufgenommen – die Überwindung der ständisch strukturierten Gesellschaft vorweg. Gleichzeitig aber etablierten diese Aufnahmen vielfach die enge Bindung einzelner Großlogen an das jeweilige Herrscherhaus, die in Skandinavien bis in die jüngste Vergangenheit, in England bis in die Gegenwart anhielt.

In den angesprochenen „Alten Pflichten“ heißt es unter anderem über die Voraussetzungen, die Aufnahmewerber zu erfüllen haben: „Sie sollen also gute und redliche Männer sein, von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugung sie sonst vertreten mögen. So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft unter Menschen zu stiften […].“8

Und weiter heißt es: „Die als Mitglieder einer Loge aufgenommenen Personen müssen gute und aufrichtige Männer sein, von freier Geburt, in reifem und gesetztem Alter, keine Leibeigenen, keine Frauen, keine sittenlose und übelbeleumdeten Menschen, sondern nur solche von gutem Ruf.“9 In den „General Regulations“ werden diese erforderlichen Voraussetzungen zusätzlich erläutert: Im Regelfall darf niemand unter 25 Jahren sein,10 eine „sorgfältige Überprüfung des Rufes und der Eignung des Suchenden“ muss stattgefunden haben,11 und niemand kann ohne „einstimmige Zustimmung“12 aller „anwesender Brüder der Loge“ aufgenommen werden.

Die Erfindung der Freundschaft, die charakteristische Verbindung von Freundschaft und Geselligkeit, von der Maurice AYMARD spricht,13 steht am Beginn des „geselligen“ [18.] Jahrhunderts.14 Er hebt dabei hervor, dass die „Freundschaft zwischen zwei Menschen, die sich aus freien Stücken füreinander entschieden und lediglich ihre Beziehung im Sinne hatten […] außergewöhnlich und einzigartig“ war.15 Trat nun ein Mann, der schon in einem konkreten Freundschaftsverhältnis zu einem anderen Mann stand, zu einem dritten in ein solches Beziehungsgeflecht, so hatte er darüber seinen Freund zu informieren, um gleichsam dessen Zustimmung zu erhalten, denn durch diesen Schritt wurde auch der bisherige Freund in eine neue Konstellation einbezogen.16 Nichts anderes findet sich im letzten angeführten Verweis: Bruder in einer Loge kann nur der werden, den das Beziehungsgeflecht innerhalb des Tempels der hier Versammelten akzeptiert. Adolph Freiherr KNIGGE (1751-1796) hält in seinem „Umgang mit Menschen“ in diesem Konnex ein gruppendynamisches Prinzip fest: „Übrigens rathe ich, wenn man sich soweit in seiner Gewalt haben kann, mit so wenigen Leuten wie möglich vertraulich zu werden, nur einen kleinen Cirkel von Freunden zu haben und diesen nur mit äußerster Vorsicht zu erweitern.“17

Die „reine Lehre“ und der Bau am „Tempel“18 waren und blieben weitestgehend eine männliche Domäne, denn, so Michael Andreas RAMSAY (1686-1743) in seinem „Discours“ 1737, „im Interesse der Reinheit unserer Maximen und Sitten“ hätten die Frauen draußen zu bleiben.19 Trotz des säkularisierten Erziehungsideals formte das Bild des Tempels auch die Vorstellung vom „spekulativen Maurer“. Dessen Bild entspricht zum einen dem sozialen Selbstverständnis der Entstehungszeit –„ein Mann und von freier Geburt“– und übernimmt zum anderen das Bild des Priesters, wie es durch die Opfervorstellungen des Alten Testaments20 geprägt worden ist. In den Alten Landmarken heißt es daher: „Die Anwärter für die Aufnahme müssen Männer sein, ohne körperliche Mängel oder Verstümmelungen, frei von Geburt, großjährig und von gutem Leumund; Frauen, Krüppel und Sklaven können nicht beitreten.“21 Ergänzt man dieses Bild mit einem externen Modell, nämlich jenem des Gentlemans,22 so kommt man zu einer erstaunlichen Übereinstimmung.

Das Symbol des Salomonischen Tempels
Ein Exkurs zum Ritual

Anton KREIL,23 Professor am Theresianum in Wien, wandte sich emphatisch anlässlich einer Lichtgebung, der Initiationen eines neuen Mitglieds also, in der Wiener Loge „Zur wahren Eintracht“ an seine Brüder und den eben aufgenommenen Lehrling: „Ueberall also Scheintugend oder Aftertugend; überall Verführung oder Mißhandlung, Betrug, Heucheley, Gleisnersinn, ewiges Untergraben, und Uebervortheilen, freche Gewaltthätigkeit, überall die verschämte Ehrlichkeit im Gedränge, überall das unverschämte Laster im Triumphe. So Brüder! so stehts mit unserm Tempelbau. Werft Eure Kelle weg, zerreißt eure Schürzen, zertrümmert Zirkel und Winkelmaaß. Wozu sollen uns diese Werkzeichen, seitdem das verschmitzte Laster das Geheimniß gefunden hat, sie zu verfälschen, seitdem der Eckstein geborsten ist? Wenn wir uns aber vom Kampfe zurückziehen, wer wird sich um die Sache der Tugend annehmen? wer die Unschuld schützen? wer die Thränen der bedrängten Waisen, der hilflosen Mündel trocknen? die Rechte der gekränkten Menschheit wider ihre Unterdrücker vertheidigen? Wer wird dem Arme des Boshaften Einhalt thun, dass er seinen Streich nicht vollende? Auf Brüder! rettet, was noch zu retten ist. [… So wirket im Stillen, bringt Stützen dem Tempel, der uns izt noch immer nachsinkt!“24

Das Bild des Tempels, der in Gefahr ist, einzustürzen, evoziert zum einen das Bild eines Bauwerkes, an dem mit Maurerwerkzeug gearbeitet wird, zum anderen das Bild einer moralisch verkommenen Welt, zu deren Rettung Menschen aufgerufen werden. In der dieser Ansprache vorangegangenen Initiation wird der Suchende mit dem Bild des Tempels vertraut gemacht.

Der Meister vom Stuhl erklärt dem Lehrling die Symbole, die er auf der Lehrlingstafel findet. Nach dem Hinweis auf das Handwerksgerät führt die Erklärung zu einem zweiten Motivkranz:„Noch sehen sie hier Hieroglyphen,25 die wir Salomo’s Tempel entlehnt haben […]. Der mosaische Fußboden,26 so schön als fest, ist das Sinnbild der Grundlage, die wir bey denen suchen, welchen wir die Pforte unseres mystischen Tempels öffnen wollen. Festigkeit des Karakters, und der Wunsch, ihre Seele unaufhördlich zu verschönern, muß unsere Suchende vor andern auszeichnen. Die Schnur mit Fransen diente im Tempel Salomo’s den Vorhang zuzuziehen, der das Allerheiligste verhüllte: statt dieses Vorhanges erblicken sie sie auch hier.27 Verschwiegenheit ist der Vorhang, der unser Heiligthum vor der Entweihung sichert. Die zur linken stehende Säule, mit dem Buchstaben I bezeichnet, ist die Abbildung der Säule im Vorhofe des Salomonischen Tempels, an welcher, der Tradition zu Folge, während des Tempelbaues die Lehrlinge ihren Lohn zu empfangen pflegten.28 Das Wort ihres Grades erinnere sie ohne Unterlaß: dass der Lohn ihrer Arbeit in dem beseeligenden Bewußtseyn, seine Pflicht gethan zu haben,29 bestehen müsse.“30

Das im Ritual angesprochene Bild des Tempels als Symbol für die Menschheit, an deren Vervollkommnung der einzelne zu arbeiten hat, findet sich naturgemäß auch in modernen Ritualen und Lehrgesprächen:

„Warum nennen wir uns Freimaurer?

Weil wir als freie Männer an dem großen Bau arbeiten.

An was für einem Bau?

Unsere Vorfahren nannten ihn den Salomonischen Tempelbau und meinten damit den Tempel der Humanität.

Was für Bausteine gebrauchen wir dazu?

Die Bausteine, deren wir bedürfen, sind die Menschen.

Was für Mörtel ist uns nötig, um diese Bausteine zu einem lebendigen Tempel zu verbinden?

Die schöne, reine Menschenliebe, die Brüderlichkeit aller, das ist der Mörtel des Tempelbaues.“31

Alexander GIESE fasst die eingangs zitierte Rede dahingehend zusammen, dass der Freimaurer „am Tempel Salomonis (der ja zerstört worden ist)“ baut, da er für ihn „zugleich der Bau am Tempel der ‘allgemeinen Menschenliebe ist’. Das Symbol stammt aus dem Alten Testament und nimmt zugleich das Hauptziel des Neuen Testaments auf: die Nächstenliebe.“32 Diese Interpretation erscheint zutiefst vom christlichen Rahmen geprägt zu sein, denn der Wiederaufbau des Tempels ist im Judentum mit der Wiederkehr des Messias verbunden, während „die christliche Rezeption des Tempels von Jerusalem […] von einer die jüdische Tradition vielfach umdeutenden Inanspruchnahme bis zu den verschiedenen Versuchen einer archäologisch exakten Rekonstruktion des Bauwerkes reicht.“33 Die freimaurerische Rezeption des Tempels erfasst das Symbol des Tempels als imago mundi, als Grundriss des freimaurerischen Rituals34 und als konkreter Plan für die Einrichtung der Loge bzw. des Tempels.

Die alttestamentarischen Aussagen zum Tempelbau Salomons informieren über die Proportion35 des Baues, seine Dreiteilung in Vorhalle, den Haupt- und Kultraum und das Allerheiligste, in dem die Bundeslade steht,36 über die vor dem Tempel aufgestellten Bronzesäulen, Jachin auf der rechten und Boas auf der linken Seite,37 und geben eine rekonstruktionistische Utopie des Tempelbezirkes.38 Aus diesen knappen Hinweisen beziehen die Architekturtheoretiker ihre Angaben bei der Rekonstruktion des Salomonischen Tempels, wobei Paul von NAREDI-RAINER deutlich macht, dass die bauhistorische Rekonstruktion des spanischen Jesuiten Juan Bautista VILLALPANDO39 die englische Architekturtheorie „bis ins 18. Jahrhundert“ massiv beeinflusst hatte und von Sir Christopher WREN (1632-1723) „zu Rate gezogen wurde“.40 WREN, der Baumeister der St. Paul’s Cathedral, gilt in der freimaurerischen Literatur nahezu ohne Einschränkungen als eines der prominenten Mitglieder im ausgehenden 17. Jahrhundert,41 obwohl die kritische freimaurerische Geschichtsschreibung auf die Quellenlage hingewiesen hat.42 GOULD hat in seinem dreibändigen Werk „The History of Freemasonry“43 nach eingehender Untersuchung die Zugehörigkeit WRENs zur Bruderschaft als phantastische Erfindung zurückgewiesen.44 WRENs Bedeutung für die Freimaurerei wird aber gemeinsam mit der von Isaac NEWTON (1642/43-1727) auch in modernen Selbstdarstellungen der United Grand Lodge of England in ihrer Vordenkerrolle gesehen.

„Their remarkable visions of the vanished Temple were based solidly on the biblical accounts of its building, but their plans and elevations were more than an architectural exercise: the Temple was seen as a cosmic symbol, and it was its spiritual significance that such drawings and descriptions sought to convey.“45 NEWTON, der sich ebenfalls mit der Rekonstruktion VILLALPANDOs auseinandergesetzt hat,46 betrachtet den „Salomonischen Tempel in gewisser Weise als Weltmodell“.47 Dies hat bereits Jospehus Flavius in seinem Jüdischen Krieg (V, 184-237) besonders unterstrichen, wobei dieser Autor im 17. und 18. Jahrhundert viel gelesen wurde. „Die Rekonstruktionsversuche des Salomonischen Tempels im 17. Jahrhundert, die Theologen aller Konfessionen, aber ebenso auch Architekten, Mathematiker und Naturwissenschaftler wie etwa Sir Isaac Newton durchführten, ließen“ – so LIMPRICHT48 – „den Tempel zusehends als Lehrgebäude erscheinen, welches von den Freimaurern eklektizistisch adaptiert wurde. Vor allem in der Gründungsphase der Freimaurerei, also um 1700, vermittelten gelehrte Vereinigungen wie die Royal Society in London, denen zahlreiche Freimaurer angehörten, das Bild des Tempels als Metapher für eine tugendhafte Gesellschaft,“ wobei aus einer ursprünglich „am Heilsplan orientierten Gebäudemetaphorik“ durch die säkularisierte Rezeption ein „imaginärer Tempel des eigenen Inneren“ geworden ist,49 wie dies von LESSING (1729-1781) deutlich angesprochen wird.

Die Arbeit am Tempel wird damit zu einer ethischen Selbsterziehung als Grundvoraussetzung für eine Verbesserung der Welt.

„Falk: Ordnung muß also doch ohne Regierung bestehen können.

Ernst: Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiß: warum nicht?“50

Dabei ist sich LESSING durchaus der Gefahr des Subjektivismus bewußt, der er entgegenzusteuern sucht:

Ernst: Eine Wahrheit, die jeder nach seiner eigenen Lage beurteilt, kann leicht gemißbraucht werden.

[…]

Falk: Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln verbunden ist; was sie von göttlichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.

Ernst: Was ist das?

Falk: […] dass sie nicht unfehlbar sind. […] dass sie ihrer Absicht nicht allein öfters nicht entsprechen, sondern auch wohl gerade das Gegenteil davon bewirken.“51

Für den „vernünftigen“ Umgang der Menschen miteinander fordert daher LESSING in seinen Lehrgesprächen Toleranz und Brüderlichkeit ein,52 die mit einer Relativierung des eigenen Standpunktes einhergehen müssen:

„Falk: Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret.

[…]

Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angeborenen Religion nicht unterlägen; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen.

[…]

Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich dreist erhebet.“53

Diese Überwindung der ständisch strukturierten Gesellschaft spricht LESSING schließlich direkt in einer Paraphrase der „Alten Pflichten“ von 1723 an, in denen der Normenkatalog für einen Freimaurer festgelegt worden ist. „A Mason is oblig’d, by his Tenure, to obey the moral Law; and if he rightly understands the Art, he will never be a stupid Atheist, nor an irreligious Libertine. But though in ancient Times Masons were charg’d in every Country to be of the Religion of that Country or Nation, whatever it was, yet ‘tis now thought more expendient only to oblige them to that Religion in which all Men agree, leaving their particular Opinions to themselves; that is, to be good Men and true, or Men of Honour and Honesty, by whatever Denominations or Persuasions they may be distinguish’d; whereby Masonry becomes the Center of Union, and the Means of conciliating true Friendship among Persons that must have remain’d at a perpetual Distance.”54 LESSING verweist in diesem Kontext auf den klassischen Gegensatz von Ideal und Realität, indem er nicht nur auf spezielle Einzelbeispiele eingeht, sondern auch dieses Spannungsverhältnis grundsätzlich anspricht: „Weil Loge sich zur Freimaurerei verhält wie Kirche zum Glauben. Aus dem äußeren Wohlstande der Kirche ist für den Glauben der Glieder nichts, gar nichts, zu schließen. Vielmehr gibt es einen gewissen äußerlichen Wohlstand derselben, von dem es ein Wunder wäre, wenn er mit dem wahren Glauben bestehen könnte. Auch haben sich beide noch nie vertragen, sondern eins hat das andere, wie die Geschichte lehrt, immer zu Grunde gerichtet.“55

Die Ursprungslegenden der Freimaurer, die den Salomonischen Tempelbau mit den Dombauhütten des Mittelalters verknüpfen, „gehören zum typologischen Geschichtsbild“ des Bundes.56 Derartige, auf biblische Erzählungen gestützte Geschichtsbilder findet man in Herrschaftserzählungen wie etwa der „Landnahme“ in Ungarn. Dort wird der Weg der Reiterstämme in den Karpatenbogen und der Beschluss, dort sesshaft zu werden, dem Weg der Israeliten ins Gelobte Land nacherzählt. Aber auch in diversen Zunftlegenden des mittelalterlichen Handwerkes sind derartige biblische „Zitate“ häufig zu finden. Die von James ANDERSON verfasste Geschichte der Freimaurerei muss also zunächst in Verbindung mit den ursprünglich verfassten „Constitutions“57 gesehen werden. Er schildert den Weg der Freimaurerei „in Anlehnung an die Bibel“ als eine „Geschichte der Bauten und Bauherren der Welt.“58 LESSING spricht von ANDERSONs „kahle[r] Rhapsodie, in welcher die Historie der Baukunst für die Historie des Ordens untergeschoben wird“.59 Damit wird die Geschichte des alttestamentarischen Tempelbaus mit der Geschichte der Dombauhütten verknüpft, das christliche Gotteshaus wird als wiedererrichteter Tempel interpretiert. Das Alte Testament nennt für die Arche des Noah, die Stiftshütte des Moses, den Tempel Salomons und die Tempelvision Ezechiels Maße, die allegorisch im Neuen Testament aufgenommen werden und konkret Eingang in die Kirchenarchitektur finden.60

Das eigentlich Revolutionäre der Logen, die brüderliche Begegnung jenseits der starren Grenzen der ständischen Gesellschaft,61 wird in Einklang mit dem Bild des Salomonischen Tempels gesetzt. Nicht ein schlichtes Symbol, wie etwa die Kette oder der Ring,62 das ohne großen Aufwand aus den vorhandenen Handwerksgeräten abgeleitet werden kann, wird zum alles umfassenden Bild gewählt, sondern der gewaltige Tempelbau steht als Ziel vor Augen. Dieser Tempelbau ist aber nicht mehr Bestandteil kirchlicher oder staatlicher Organisationsformen, sondern bestimmendes Wesensmerkmal einer bürgerlichen Gesellschaft, die ihre Formenwelt neben die „Mysterien der Kirche und neben die Arkanpolitik der Staaten“ stellt.63 LESSING definiert daher das Alter der Freimaurerei mit dem „Alter der bürgerlichen Gesellschaft“, denn beide „konnten nicht anders als miteinander entstehen“.64 Um der angestrebten Brüderlichkeit willen benutzte man zunächst die Formen traditioneller Kooperationsmuster, um gleichzeitig über die traditionellen Bindungen hinauszugelangen. Familie, Zunft oder Orden waren ähnlich wie die dörfliche Gemeinschaft an Schnittstellen der Öffentlichkeit gelegen, wurden von hierarchischen Vorstellungen dominiert und damit auch kontrolliert. Die „Entdeckung“ der Freundschaft, wie sie von Philippe ARIÈS und Roger CHARTIER dokumentiert worden ist,65 ist letztlich eine spezifische Antwort auf eine Welt der Gewalt politischer und religiöser Bürgerkriege im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts. Auf diese Gewalt antwortet man schließlich mit der „Vorstellung der Freundschaft unter bzw. zwischen Männern,“ deren „intimes, privates Verhältnis ohne Waffen“ zu einer „gesellschaftlichen, ja universellen Utopie erweiterbar ist.“66 Nicht mehr der Familie allein ist der private Raum vorbehalten, sondern man bezieht den Fremden gleichsam in eine spirituelle Verwandtschaft ein, nennt in Bruder und verkehrt mit ihm nach festgesetzten Formen überall dort, wo man um gleichgesinnte Zusammenschlüsse weiß. Man legitimiert diesen privaten Umgang mit dem sozialen Anspruch, die Mitglieder auf einen künftigen universellen Bruderbund aller Menschen vorzubereiten und damit gleichzeitig eine private Initiative zur Friedenssicherung zu leisten.67

„Falk: […] Gleichwohl haben sie [d.s. die Freimaurer, der Verf.] alles Gute getan, was noch in der Welt ist, – merke wohl: in der Welt! – Und fahren fort, an alle dem Guten zu arbeiten, was noch in der Welt werden wird, – merke wohl, in der Welt.“68

Dieser universale Anspruch wird im Symbol von der Wiedererrichtung des Salomonischen Tempels verdeutlicht.

Der Weg dorthin soll in der ethischen Selbsterziehung beschritten werden. Das Ritual des Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrades ist darauf hin ausgelegt. Der damit verbundene Initiationsritus dient einem gruppendynamischen Prozess, der für eine geschlossene Gesellschaft charakteristisch ist.

Das Ritual für den Lehrlingsgrad stellt die Arbeit an sich selbst in den Vordergrund, während das für den Gesellengrad die Pflege der Gemeinschaft betont.69 Im Psychodrama des Meisterrituals wird die Schaffung des „neuen Menschen“ verdeutlicht, indem der „alte Mensch“ seine Todesangst überwindet, stirbt und wieder aufgerichtet zu neuem Leben erwacht.70 Ausgehend von den Hinweisen im Alten Testament und einer Baulegende, in deren Zentrum der sagenhafte Baumeister des Tempels, HIRAM, steht, sind alle drei Rituale in das Bild des Salomonischen Tempelbaues eingebettet.

Als Mittel der Visualisierung der Aufgaben der einzelnen Grade dienen die Logentafeln, -teppiche, die der Rahmen für die wesentlichen gradspezifischen Symbole sind. Gleichsam grundiert mit den Tempelzitaten finden sich die gradspezifischen Werkzeuge deutlich abgehoben, die Handwerkstradition wird in dieser Vernetzung mit der Tempelbautradition verknüpft.71 Mit ihrer genau definierten Ausrichtung nach Osten ist die Arbeitstafel letztlich ein genaues Modell der Loge.

Die direkten Tempelbezüge des ersten und zweiten Grades, die Säulen des Vorhofes, an denen die Lehrlinge und die Gesellen ihren „Lohn“ empfangen, nachdem sie sich gehörig ausgewiesen haben, kehren letztlich in der zen­tralen Erzählung des dritten Grades wieder. Gesellen, die nach dem Meisterwort streben, um einen höheren Lohn zu empfangen, verlassen ihren Platz, um dem Baumeister HIRAM aufzulauern und diesen, nachdem er ihnen das Meisterwort verweigert hat, zu ermorden. Rasch verscharrt, nur Akazienzweige verraten den Ort, wird die Suche nach dem neuen Meisterwort gleichzeitig zur Erweckung des „neuen Menschen“. Zu den Handwerkssymbolen und den Tempelmotiven (Säulen, musivisches Pflaster, Treppen etc.) treten nun auch Motive aus der Baulegende (Akazienzweig, Grab, das verlorene Meisterwort, die Schlüssel Salomons etc.). Deutlich tritt in diesen drei „Johannes-Graden“ der direkte Bezug auf den Einzelnen und seine Aufgabe in den Vordergrund. Sein Weg zur Selbsterziehung wird mit dem Hinweis auf den wieder zu errichtenden Tempel erklärt.

Sehr rasch nach der Etablierung der ersten Großloge in London 1717 und deren Strukturverfestigung setzt die Entwicklung weiterer Systeme ein, die unter der Sammelbezeichnung „Hochgradsysteme“ subsumiert werden können. In einigen dieser Systeme und in einzelnen Graden dieser Systeme begegnet man erneut Salomon und dem Tempelbau, wie etwa im Royal Arch, in dem gleichsam der Bau eines zweiten Tempels vollzogen werden soll, wobei die zentralen Motive wiederum das verlorene und neugefundene Meisterwort umfassen.72

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