Kitabı oku: «Der Strohmann», sayfa 2
3. Kapitel
„Also, schießen Sie los“, befahl Winston, nachdem sie im Hinterzimmer Platz genommen hatten, und schenkte sich einen vierfachen Whisky ein.
Seinem Gast bot er vorsichtshalber nichts zu trinken an, weil er befürchtete, dass dieser das Angebot annehmen könnte.
„Haben Sie sich zufällig die Rede unseres Präsidenten zur Lage der Nation angesehen, Mr. Winston?“
„Leider nein. Wissen Sie, ehrlich gesagt interessiere ich mich nicht für Politik. Aber ich habe gehört, dass er keinen besonders guten Tag erwischt haben soll...“
„Ganz recht, Mr. Winston. Diese Rede war eine einzige Katastrophe. Spätestens nach dieser Rede wird kaum noch jemand daran zweifeln, dass unser Präsident tatsächlich an hochgradiger Oligophrenie leidet.“
„Entschuldigung. Oligo...“
„Oligophrenie. Das ist der medizinische Fachausdruck für Schwachsinn.“
„Alles klar. Aber eigentlich habe ich nicht den Eindruck, dass er besonders darunter leidet. Auf mich wirkt er eigentlich immer ziemlich zufrieden und ausgeglichen. Die Leidtragenden dürften doch wohl eher diejenigen sein, die die Folgen seiner schwachsinnigen Entscheidungen ausbaden müssen.
Und das sind glücklicherweise meistens irgendwelche Ausländer.“
„Das stimmt natürlich, Mr. Winston. Aber trotzdem hat diese völlig missglückte Rede seine Chancen auf eine zweite Amtsperiode nicht gerade verbessert. Nach jüngsten Umfragen halten ihn nur noch knapp 30 % für einen guten Präsidenten, und wenn der Kandidat der Demokraten auch nur einigermaßen attraktiv ist...“
„Alles gut und schön, aber was geht mich das an?“, unterbrach Winston. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich habe nichts gegen unseren Präsidenten. Ganz im Gegenteil, ich habe ihn sogar selbst gewählt. Aber ich würde schön langsam gerne wissen, was das alles mit Chinchilla zu tun haben soll.“
„Dazu komme ich gerade, Winston... äh... Mr. Winston.
Für die Vorwahl der Demokraten haben sich bisher drei Kandidaten angemeldet:
Dr. James Black, der Nobelpreisträger für Medizin, dem es gelungen ist, Heilmittel gegen AIDS, Krebs und Altersschwäche zu finden, dann der ehemalige Bodybuilder und nunmehrige Filmschauspieler Charlton Davis und, last not least, Willy, der weltberühmte dressierte Schimpanse.
Dr. James Black ist natürlich von vornherein chancenlos, weil er schwul ist und sich öffentlich zu seinem Lebensgefährten bekannt hat, und Willy sind auch nicht viel mehr als zwanzig Prozent der Stimmen zuzutrauen. Also wird aller Voraussicht nach Charlton Davis das Rennen machen.
Und nun komme ich zu dem Teil, der Sie interessieren wird:
Charlton Davis hat seine Karriere als Bodybuilder beim ‚Chikago Athletic Club’ beschlossen, der, wie Sie vielleicht wissen, Jeff Bucher gehört, der rechten Hand Chinchillas.
Nur wenige Wochen nach seiner Wahl zum Mister Universum wechselte Davis damals zum Athletic Club...“
„Das allein beweist noch gar nichts. Wahrscheinlich haben die ihm eine Menge Kohle dafür angeboten. Und ehrlich gesagt würde ich als Sportler mich auch nicht dafür interessieren, wem der Verein gehört, für den ich antrete, solange die Kasse stimmt.“
„Ich auch nicht“, erwiderte der Agent. „Aber finden Sie es nicht, vorsichtig ausgedrückt, etwas merkwürdig, dass Davis sich auch während seiner gesamten Filmkarriere im Dunstkreis der Organisation bewegt hat?
Und damit meine ich nicht bloß, dass sein Lieblingsregisseur Player höchstwahrscheinlich zur Organisation gehört, sondern vor allem, dass ausnahmslos alle Filme, an denen Davis bisher mitgewirkt hat, von GMG produziert worden sind.
Und GMG gehört, wie Sie vermutlich wissen, einem gewissen Claudio Verona alias Chinchilla, offiziell zwar nur zu einundfünfzig, de facto aber zu hundert Prozent.
Natürlich ist das immer noch kein Beweis...“
„Natürlich nicht“, sagte Winston nachdenklich. „Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es ein Zufall ist. Jeder, der Chinchilla kennt, weiß, dass dieser Mann nichts dem Zufall überlässt. Und wenn er einem Bodybuilder aus einem seiner Clubs zu einer großartigen Filmkarriere verhilft, dann erwartet er sich von ihm eine entsprechende Gegenleistung.“
„Eben“, sagte der Agent. „Und das bedeutet, dass der nächsten Präsident der Vereinigten Staaten aller Voraussicht nach ein Strohmann Chinchillas sein wird.“
„Sofern dieser Charlton Davis tatsächlich die Wahlen gewinnt.“
„Ganz recht. Und jetzt frage ich Sie, Mr. Winston, auf Ehre und Gewissen: Wollen Sie uns dabei helfen, dieses furchtbare Unheil von unserem Land abzuwenden, oder wollen Sie auch unter diesen Umständen bei Ihrem Nein bleiben?“
„Nein.“
„Wie darf ich das verstehen? Was meinen Sie mit Ihrem Nein? Nein oder Ja?“
„Wenn ich Nein sage, so heißt das immer Nein.“
„Das heißt, Sie wollen uns nicht helfen.“
„Nein.“
„Also schön, dann...“
„Nein, halt, warten Sie! Ich will Ihnen ja helfen! Ich verneinte nur Ihre Frage, ob ich bei Nein bleiben will. Unter diesen Umständen bleibt mir ja gar nichts anderes übrig, als diesen Fall zu übernehmen. Davis darf nicht Präsident werden und ich bin bereit, alles zu tun, um das zu verhindern.“
„Das freut mich“, erwiderte der Agent. „Großartig. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.“
„Ich auch nicht“, sagte Winston und schenkte sich noch einen Whisky ein.
Seinem Gast bot er wieder nichts an, weil er die knapp zwanzig Liter Whisky, die er zurzeit im Haus hatte, nur ungern mit jemandem geteilt hätte.
So wie viele große Männer neigte auch er zu einem gewissen gesunden Egoismus.
***
4. Kapitel
„Zunächst interessiert mich, was die CIA bisher in dieser Angelegenheit unternommen hat“, sagte Winston. „Wenn die CIA auch viel von ihrem einstigen Glanz verloren hat – euer Chef hat offenbar zu viele James-Bond-Filme gesehen – so kann man doch nicht leugnen, dass ihr euch immer sehr viel Mühe gebt.“
„Ihre Kritik an unserer Organisation ist unberechtigt, Ihr Lob hingegen angebracht“, stellte der Agent fest. „Als wir von Davis’ Kandidatur erfuhren, setzten wir vier unserer besten Agenten auf den Fall an. Sie hatten den Auftrag, sich in Chinchillas Organisation einzuschleichen, um Beweise dafür zu beschaffen, dass Davis immer noch in Chinchillas Diensten steht.“
„Und?“
„Sie alle starben bei mysteriösen Unfällen. Den ersten fand man gebacken im Ofen eines Hostienbäckers, den zweiten erfroren in seiner eigenen Tiefkühltruhe, den dritten gegrillt auf seinem eigenen Gartengrill und den vierten...“
„Frittiert in seiner eigenen Friteuse?“
„Mit so etwas macht man keine Scherze, Mr. Winston. Schließlich geht es hier nicht um Äpfel oder Birnen, sondern um Menschen.“
„Natürlich. Ich würde auch nie auf die Idee kommen, Äpfel oder Birnen in einer Friteuse zuzubereiten. Also, was war mit dem vierten?“
„Man fand ihn als Inhalt von hundertfünfzig Dosen Hundefutter.
Das war für uns der endgültige Beweis, dass es sich in allen vier Fällen um Mord handeln musste, denn erstens hielt sich der Agent gar keinen Hund, und zweitens hätte er die Dosen ja wohl kaum selbst verschließen können, oder?
Somit haben wir innerhalb kürzester Zeit vier unserer besten Agenten verloren. Sie starben für das Vaterland...“
„Sie starben für einen Scheißdreck“, erwiderte Winston. „Wie konntet ihr bloß auf die hirnrissige Idee kommen, dass es möglich ist, sich in die Organisation Chinchillas einzuschleichen, ohne entlarvt zu werden?“
„Entschuldigen Sie, Mr. Winston, aber meine Idee war das nicht.“
„Nein, natürlich nicht. Aber wie, bitte schön, wolltet ihr das denn anstellen? Vielleicht unter einem anderen Namen, mit gefälschten Papieren?“
„Nein, eigentlich...“
„Euer Chef sieht offenbar wirklich zu viele James-Bond-Filme.
Aber ich will Ihnen mal eines sagen, 003:
Chinchilla wäre nie so mächtig geworden, wenn er nicht dafür gesorgt hätte, dass jeder Neuzugang gründlich überprüft wird.
Mit einer falschen Identität könnt ihr ihn nicht hinters Licht führen, so was kriegt er schon bei den ersten Nachforschungen raus.
Bei erfundenen Namen: Ein Blick ins Geburtenregister, und schon ist der Mann entlarvt.
Nimmt der Agent den Namen eines Verstorbenen an, so genügt ein Blick ins Sterberegister, und wenn der wahre Namensträger noch lebt...“
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche, Mr. Winston, aber wir haben nichts dergleichen getan.“
„Ach so? Sondern?“
„Jeder CIA-Agent hat doch ohnehin einen Tarnberuf. Beispielsweise bin ich offiziell ein biederer Versicherungsvertreter. Sehen Sie, und deshalb war es in diesem Fall auch gar nicht nötig, irgendwelche falschen Identitäten zu erfinden...“
„Moment. Soll das etwa heißen, dass eure Agenten unter ihren richtigen Namen versucht haben, der Organisation beizutreten?“
„Ja. Doch. Eigentlich schon...“
„Ja, Kind Gottes, seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?
Habt ihr euch denn noch nie überlegt, dass die Organisation mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch einige ihrer Leute bei euch in der CIA sitzen hat?
Genauso gut hättet ihr eure Leute gleich an die Wand stellen können. Oder meinetwegen auch frittieren.“
„Wie schon gesagt, meine Idee war’s nicht.“
„Das will ich auch schwer hoffen. Aber euer Chef sollte sich was schämen, Wer vier seiner Leute so leichtfertig in den sicheren Tod schickt, der ist eigentlich rücktrittsreif.
Außerdem habt ihr offensichtlich nicht bedacht, dass die Agenten, selbst wenn sie anstandslos aufgenommen worden wären, in dem einen Jahr bis zur Wahl so gut wie gar nichts hätten erreichen können.“
„Wieso denn nicht?“
„Weil keiner von ihnen auch nur in die Nähe Chinchillas gekommen wäre. Sagen Sie, 003: Was wissen Sie eigentlich über den Aufbau dieser Verbrecherorganisation?“
„Nun ja, also, ganz oben stehen Chinchilla und sein Stellvertreter Bucher. Dann gibt es einige Generaldirektoren...“
„Zehn an der Zahl.“
„Gut. Zehn. Namen sind uns leider keine bekannt, wir kennen nur einen, der vermutlich dazuzählen dürfte, die anderen sind nach wie vor UP’s, wie wir in unserem Fachjargon sagen...“
„Yuppies?“
„Nein, unbekannte Personen, unidentified persons, also U.P.’s.
Jeder dieser Generaldirektoren hat wieder einige Untergebene...“
„Zehn.“
„Von diesen Untergebenen hat wieder jeder einige Untergebene...“
„Zehn. Auf jeden Vorgesetzten kommen bei Chinchilla zehn Untergebene.“
„Tja, und so geht das weiter bis zur Basis.“
„Eben. Eure Agenten hätten natürlich ebenfalls an der Basis anfangen
müssen und ihre Befehle nur von ihrem unmittelbaren Vorgesetzten erhalten. Bestenfalls hätten sie noch dessen Vorgesetzten kennen gelernt, aber mehr hätten sie in diesem Jahr keinesfalls in Erfahrung bringen können.
Ihr habt vermutlich gehofft, dass eure Agenten irgendwelche Belege in die Finger bekommen, die beweisen, dass Davis von Chinchilla bezahlt wird, oder?“
„Ja, genau das.“
„Habt ihr euch wirklich eingebildet, dass so eine wichtige Sache von einer basisnahen Gruppe durchgeführt wird?
Nein, das wird von ganz oben her organisiert, und ich gehe jede Wette ein, dass Chinchilla sich höchstpersönlich mit der Durchführung dieses Planes befasst. Schließlich ist es keine Kleinigkeit, einen seiner Strohmänner auf den Stuhl des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu hieven.
Ich hoffe, Sie sehen wenigstens jetzt ein, dass sich die CIA in dieser Angelegenheit unendlich dumm verhalten hat. Genauer gesagt habt ihr euch wie Vollidioten benommen. Oder wie Oligophrene, wenn Ihnen das lieber ist. Für nichts und wieder nichts haben vier von euch ihr Leben opfern müssen.“
„Ich fürchte, Sie haben recht“, sagte 003 kleinlaut. „Wir haben da Scheiße gebaut. Aber, wie schon gesagt, meine Idee war’s nicht...“
„Ist schon gut“, sagte Winston begütigend. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Ihr seid eben, um ein treffendes Gleichnis zu gebrauchen, mit Fliegenklatschen auf Löwenjagd gegangen.
Trotz eurer jahrelangen Bemühungen ist es euch nur gelungen, einen der zehn Generaldirektoren zu entlarven, und nicht mal bei dem seid ihr euch ganz sicher.
Schon das hätte euch von eurem wahnwitzigen Plan abbringen müssen. Ohne mich wüsstet ihr ja nicht einmal, wer der Boss dieser größten Verbrecherorganisation unseres Planeten ist.
Und selbst wenn es euch gelungen wäre, zu beweisen, dass Davis von Chinchilla finanziert wird – das ist natürlich völlig unmöglich, aber nehmen wir es rein theoretisch einmal an - was hätte euch das genützt?
Gar nichts.
Zwar hat es sich unter vorgehaltener Hand in Chikago herumgesprochen, dass Claudio Verona, den man in Verbrecherkreisen Chinchilla nennt, im Verdacht steht, ein skrupelloser Gangsterboss zu sein, aber in der amerikanischen Öffentlichkeit gilt er als einer der größten Wohltäter der Menschheit.
An die zehn Millionen Dollar gibt er jährlich für wohltätige Zwecke aus, und die von ihm gegründete Organisation zur Unterstützung der armen afroafrikanischen Kinder in Afrika wurde sogar vor zwei Jahren für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Es würde Davis also nicht einmal sonderlich schaden, wenn herauskäme, dass er von Chinchilla bezahlt wird, und Chinchillas Kommentar dazu wäre, dass er als amerikanischer Staatsbürger ja schließlich das Recht hat, einen Politiker, der ihm zusagt, finanziell zu unterstützen.“
„Wie haben Sie herausgefunden, dass Chinchilla der Boss dieser Organisation ist?“, fragte der Agent.
„Warum ist die Banane krumm?“
„Keine Ahnung. Warum denn?“
„Ich weiß es nicht. Deshalb frage ich Sie ja.“
„Also, ich glaube eher, dass Sie versuchen, meiner Frage auszuweichen.“
„Ganz recht“, bestätigte Winston. „Weil Sie das nämlich zufällig einen verdammten Scheißdreck angeht.“
***
Rückblende
Was James Winston dem Agenten verschwieg, war, dass sein eigener Vater einst als Generaldirektor für Chinchilla gearbeitet hatte.
Er war sogar ein Mann der ersten Stunde gewesen:
Er hatte schon für den Gangsterboss gearbeitet, als dieser noch keine Baskenmütze aus Chinchillafell trug, die er nur abnahm, wenn er ein Todesurteil verkündete oder selbst vollstreckte.
Bill Winston hatte nur einen Fehler, der ihm denn auch zum Verhängnis wurde: Er war unheimlich stolz auf seine Leistungen im Dienste des organisierten Verbrechens, so stolz, dass er sich nicht damit begnügte, die Erinnerung daran in den Windmühlen seines Gedächtnisses aufzubewahren.
Zwar sprach er selbstverständlich mit niemandem darüber, jeder hielt ihn für einen seriösen Geschäftsmann, aber er führte ein Tagebuch, was jedem Mitglied von Chinchillas Organisation strengstens verboten war.
James Winston aber, der schon als Kind einen ausgesprochenen Hang zum Schnüffeln gehabt hatte, entdeckte eines Tages im Schreibtisch seines Vaters dieses Tagebuch, las es voll Bewunderung für den tatkräftigen Herrn Papa, und obwohl Chinchilla niemals namentlich erwähnt wurde, begriff der kleine James, dass mit ‚Boss’ niemand anders gemeint sein konnte als der nette Onkel mit dem ulkigen Akzent und der schönen Baskenmütze, auf dessen Schoß er schon so oft hatten sitzen dürfen, ein Stück Pizza oder eine Tüte Gelatti im kleinen Fäustchen.
Eines Tages, nachdem Winston die Wahrheit über seinen Vater herausgefunden hatte, spielte er mit den Nachbarsjungen erstmals ein neues, von ihm selbst erfundenes Spiel, das sich ‚Boss und Bulle’ nannte, wobei der ‚Boss’ immer daran zu erkennen war, dass er eine Baskenmütze trug.
Selbstverständlich erfuhr Chinchilla davon, stellte Bill Winston zur Rede und legte ihn um, wenn auch mit allergrößtem Bedauern.
Weil aber Bill ihm zeit seines Lebens ein guter, treuer Freund gewesen war und von böswilligem Verrat nicht die Rede sein konnte, gewährte er ihm eine letzte Bitte:
Er versprach dem Vater, seinen Sohn, den kleinen James, weder jetzt – als Strafe für seine verräterischen Kinderspiele – noch irgendwann später zu liquidieren noch jemals seine Liquidierung zu veranlassen.
Von diesem Versprechen wusste James Winston freilich nichts, wenngleich es ihm, der im Lauf der Jahre zum mit Abstand lästigsten Gegner Chinchillas avanciert war, oft merkwürdig vorkam, dass der Gangsterboss bisher noch nie auch nur den Versuch unternommen hatte, ihm das Lebenslicht auszuknipsen.
Fest steht, dass James Winston, wenn auch ohne es zu wollen, den Tod seines eigenen Vaters verschuldet hatte, und obwohl er alles andere als ein Sensibelchen war, schätzte er es ganz und gar nicht, daran erinnert zu werden.
In solchen Fällen konnte er sogar richtiggehend grob werden.
So wie in hunderttausend anderen Fällen auch.
***
5. Kapitel
„Stimmt. Sie haben recht. Das geht mich wirklich nichts an“, sagte der Agent hastig. „Und vermutlich haben Sie auch damit recht, dass es uns wenig genützt hätte, die Verbindung Chinchilla - Davis aufzudecken.“
„Außerdem ist das bestimmt auch gar nicht möglich, dazu ist Chinchilla zu gerissen“, stellte Winston fest. „Wissen Sie, wie er meiner Ansicht nach vorgehen wird?“
„Keine Ahnung. Wie denn?“
„Davis hat ja, wie ich vermute, im Verlauf seiner Karriere ein beträchtliches Vermögen angesammelt. Berühmte Filmschauspieler sind bekanntlich keine armen Schlucker.“
„Das ist richtig.“
„Davis finanziert sich seinen Vorwahlkampf selbst und kann dadurch, sollte eine Überprüfung stattfinden, jeden einzelnen Dollar belegen. Und nach dem Wahlkampf kriegt er ganz unauffällig das Geld von Chinchilla zurück, wobei anzunehmen ist, dass diese Ausgabe nicht einmal in Chinchillas eigener Buchhaltung aufscheinen wird.
Der Mann ist nämlich ausgesprochen vorsichtig.“
„Eines verstehe ich aber immer noch nicht ganz, Mr. Winston. Oder darf ich Sie James nennen?“
„Nur, wenn ich Sie Null nennen darf. Was verstehen Sie denn nicht?“
„Wenn Chinchilla so vorsichtig ist, warum macht er dann ausgerechnet einen Mann zum Präsidentschaftskandidaten, dessen Verbindung zu ihm so offensichtlich ist? Es wäre doch viel klüger, jemanden aufzustellen, von dessen Verbindung zu ihm keiner etwas ahnt...“
„Bravo. Das war die erste wirklich intelligente Frage. Nun, Chinchilla hat eine einzige Schwäche, die ihn verwundbar macht, und das ist eine Art Sportsgeist. Er will zwar immer gewinnen, aber er will nicht, dass ihm der Sieg ohne jede Mühe in den Schoss fällt.
Er gleicht einem Schachspieler, der seinem Gegner einen Springer vorgibt, weil er davon überzeugt ist, um einen Turm stärker zu sein. Er ist sicher, die Partie zu gewinnen, weiß aber, dass er sich um den Sieg bemühen muss. So eine Partie macht ihm Spaß, im Gegensatz zu einer, in der er von vornherein als Sieger feststeht.
Ich bin sogar sicher, dass er inzwischen schon bereut, meinen Rücktritt als Detektiv provoziert zu haben, denn ich war der einzige, dem es mehrmals gelungen ist, ihn ernsthaft zu fordern.
Meinetwegen sind schon eine ganze Reihe von Chinchillas Leuten in Untersuchungshaft gesessen.
Sie sind zwar immer freigesprochen worden, trotz erwiesener Schuld, aber es hat die Organisation doch ziemlich viel Mühe gekostet, Zeugen oder Geschworene zu kaufen, sie einzuschüchtern oder, wenn sie unbelehrbar waren, unauffällig verunglücken oder Selbstmord begehen zu lassen.
Ich bin davon überzeugt, dass er sich über meine Wiederbetätigung sogar freuen wird, denn die Leichtigkeit, mit der er in letzter Zeit seine Erfolge errungen hat, behagt diesem großen Spieler ganz und gar nicht.
Diesmal wird ihm aber das Lachen vergehen, denn ich werde ihm kräftig in die Suppe spucken und sie ihm gründlich versalzen.“
„Halten Sie das denn wirklich für notwendig?“
„Wie meinen Sie das?“
„Ich meine, wenn Sie ihm schon kräftig in die Suppe gespuckt haben, dann wird er sie ja ohnehin nicht mehr essen wollen. Wozu wollen Sie ihm dann die Suppe auch noch gründlich versalzen?“
„Soll das etwa ein Witz sein, oder sind Sie wirklich so blöd, wie Sie aussehen?“, fragte Winston scharf.
Er hatte durchaus Sinn für Humor. Allerdings nur für seinen eigenen.
„Entschuldigen Sie, ich dachte nur, ein kleiner Scherz zwischendurch...“
„Das Denken sollten Sie lieber mir überlassen. Konzentrieren Sie sich lieber auf die Dinge, die Sie können.
Jedenfalls wird Chinchilla die erste schwere Schlappe seines Lebens hinnehmen müssen. Er wird es noch bitter bereuen, mich herausgefordert zu haben, denn ich werde es zu verhindern wissen, dass Davis Präsident wird, so wahr ich James Winston heiße!“
„Und die CIA wird Sie dabei tatkräftig unterstützen“, erklärte der Agent.
Winston schüttelte den Kopf:
„Nein. Lieber nicht. Wenn nämlich rauskommt, dass ich von der CIA damit beauftragt wurde, die Wahl von Charlton Davis zu verhindern, dann haben wir einen Politskandal von Watergate-Dimensionen am Hals und Chinchilla hat sein Ziel erreicht.“
„Da haben Sie recht. Aber Geld werden Sie vermutlich doch von uns brauchen, oder?“
„Das ist richtig. Ich werde sogar eine ganze Menge Geld brauchen. Ich schätze, so an die zwei Millionen Dollar.“
„Wenn’s weiter nichts ist, kein Problem. Wir überweisen Ihnen das Geld gleich morgen auf Ihr Konto.“
„Idiot! Und wenn der Bankbeamte, der die Überweisung tätigt, für Chinchilla arbeitet? Oder wenn der Kerl irgendeiner Zeitung was verrät? Was dann?“
„Keine Gefahr. Als Einzahlenden werden wir nämlich einen gewissen Cecil Isaac Adams angeben.“
„Und wieso sollte mir ein gewisser Cecil Isaac Adams zwei Millionen Dollar überweisen? Nein, entschuldigen Sie, aber das ist mir alles viel zu idiotisch.“
„Na, dann machen Sie doch einen besseren Vorschlag“, brummte der Agent ärgerlich.
„Die CIA hat doch bestimmt Verbindungen zu einer großen Versicherung, oder?“
„Uns gehört sogar eine!“, erklärte der Agent. „Zufällig ist es sogar die gleiche, für die ich angeblich arbeite.“
„Versichert diese Versicherung auch Banken gegen Bankraub?“
„Natürlich.“
„Dann nennen Sie mir eine Bank, die bei Ihnen versichert ist.
„Na, zum Beispiel die Midland Bank in der 42. Straße...“
„Ausgezeichnet. Diese Bank wird in nächster Zeit um zwei Millionen Dollar erleichtert – von einem unbekannten Täter – und Sie werden der Bank anstandslos die Versicherungssumme ausbezahlen.“
„Genial!“, rief der Agent. „Absolut genial!“
„Stimmt“, bestätigte Winston. „Wie Sie sehen, hat mein Verstand durch meine Kunstpause nichts von seiner brillanten Schärfe eingebüßt.“
„Nicht zuletzt deshalb haben wir uns ja auch dafür entschieden, uns an Sie zu wenden. Und eine Spezialausrüstung für Agenten werden Sie doch sicher auch von uns annehmen, oder?“
„Wenn Sie darauf bestehen...“
„Dann kommen Sie am besten gleich morgen ins Hauptquartier, Professor Cork wird alles für Sie bereithalten.“
„Irrtum. Das CIA-Hauptgebäude wird nämlich sicher rund um die Uhr von Chinchillas Leuten überwacht.
Wir machen das ganz anders: Der Professor fährt übermorgen zum Hauptgebäude. Die Garage ist ja bestimmt so gesichert, dass kein Außenstehender hineinkann, oder?“
„Natürlich. Sonst würden uns ja die Mullahs dauernd unsere Autos in die Luft sprengen oder biologische Kampfstoffe darin verstecken.“
„Gut. Als Nächstes werden die speziellen Gerätschaften zum Teil in einem Staubsauger, zum Teil in einem Vertreterkoffer untergebracht und im Kofferraum des Autos verstaut.“
„Häh?“
„Warten Sie, Sie werden das alles bald verstehen. Das Auto des Professors muss mit einer Vorrichtung ausgestattet sein, mit der man auf Knopfdruck die Benzinzufuhr unterbrechen kann.“
„Häh?“
„Das sollte rein technisch kein Problem sein. Um 20 Uhr steigt der Professor in sein Auto und begibt sich auf den Heimweg. Es ist leicht möglich, dass ihm einer von Chinchillas Männern folgt, wir dürfen da kein Risiko eingehen.
Auf halber Strecke, unweit eines Motels, drückt der Professor auf den schon erwähnten Knopf, der die Benzinzufuhr unterbindet, worauf der Motor abstirbt. Er dreht am Zündschlüssel, wieder und wieder, aber der Motor springt nicht mehr an. Verärgert steigt er aus, öffnet die Motorhaube, schüttelt den Kopf, betritt das Motel und sucht die Toilette auf.
Dort wartet in einer Kabine ein Mann, der so ausstaffiert wurde, dass er dem Professor aufs Haar gleicht.
Der Professor sucht die Klokabine auf, in der sich sein Doppelgänger versteckt hält. Kurz darauf verlässt der Doppelgänger die Toilette, während der Professor vorerst noch zurückbleibt.
Der Doppelgänger erkundigt sich beim Personal des Motels nach der nächsten Werkstatt, kehrt zurück auf die Straße und setzt sich zu Fuß Richtung Werkstatt in Bewegung.
Sollte der Professor tatsächlich beschattet werden, so wird sich sein Verfolger natürlich an diesen Doppelgänger halten.
Der echte Professor aber verlässt fünf Minuten später das Lokal, steigt in sein Auto, drückt auf besagten Knopf, das Benzin rinnt wieder, er startet und fährt weiter – zum Bordell ‚Erotic Pigs’.
Dort packt er seine Staubsaugervertreterausrüstung aus, geht durch das Eingangsportal, verlangt die Chefin und sagt zu ihr:
‚Ich hätte da schöne Staubsauger zu verkaufen.’
Worauf sie antwortet:
‚Ich brauche leider keinen. Allerdings habe ich zufällig gerade einen Kunden im Haus, der mir erzählt hat, dass heute sein Staubsauger den Geist aufgegeben hat, weshalb er dringend einen neuen braucht. Er würde sich über Ihren Besuch bestimmt freuen. Zimmer soundso.’
Dieser Kunde bin natürlich ich.
Die Chefin des Hauses ist übrigens eine alte Freundin von mir. Außerdem schuldet sie mir noch einen Gefallen.“
„Kein übler Plan“, gab der Agent zu. „Die Sache hat nur einen kleinen Haken.“
„Und der wäre?“
„Der Professor hat weder Führerschein noch Auto.“
„Mist. Ist aber halb so schlimm. Dann soll er eben einen seiner Assistenten zu mir schicken. Wen ihr schickt, ist egal, Hauptsache, er kennt sich mit dieser Spezialausrüstung aus und wirkt wie ein Staubsaugervertreter.“
„Wird gemacht. Gibt es sonst noch was?“
„Allerdings. Wie können wir die Menschentraube vor meinem Laden davon überzeugen, dass Sie sich von mir gerade eine Abfuhr geholt haben?“
„Die wissen doch nicht, dass ich von der CIA bin.“
„Und ob die das wissen. Oder glauben Sie wirklich, dass die vielen Leute sich nur deshalb vor meinem Laden versammelt haben, um meine schöne Auslage zu bewundern?
Deshalb bin ich ja mit Ihnen ins Hinterzimmer gegangen.“
„Ja, aber wie ist das möglich?“, fragte der Agent unsicher. „Ich meine, ich habe mich doch strikt an die Verkleidungsvorschrift 42 B gehalten...“
„Kann es sein, dass Sie Ihre Ausbildung in dem Jahr absolviert haben, in dem der Kursus ‚Tarnen und Täuschen’ immer unmittelbar im Anschluss an die ‚praktischen Übungen in Whiskykunde’ abgehalten wurde?“
„Das ist richtig“, gab der Agent zu. „Aber woher wissen Sie das?“
„Ihre vollkommen unpassende Verkleidung hat es mir verraten“, erklärte Winston. „Offensichtlich ist Ihnen damals whiskybedingt vollkommen entgangen, dass es insgesamt nicht weniger als sechsundfünfzig verschiedene Verkleidungen gibt, die Agenten je nach Witterung zu tragen haben, und dass Verkleidungsvorschrift 42 B sich ausdrücklich nur auf regnerische Spätherbsttage bezieht.“
„Jetzt wird mir natürlich so manches klar“, sagte der Agent verlegen. „Aber woher wissen Sie als Außenstehender so genau über unsere Dienstvorschriften und Ausbildungsprogramme Bescheid?“
„Weil man als Detektiv dafür bezahlt wird, Dinge zu wissen, die nicht jeder weiß“, antwortete Winston. „Aber zurück zur Sache: Wie können wir die Schaulustigen da draußen davon überzeugen, dass ich nichts mit der CIA zu tun haben möchte?“
„Ich könnte ja so tun, als wäre ich nur als Kunde hierher gekommen“, schlug der Agent vor. „Indem ich Ihnen jetzt einen Fisch abkaufe.“
„Ich fürchte, dazu sind Sie schon zu lange hier. Außerdem hätte ich Sie in diesem Fall wohl kaum ins Hinterzimmer gebeten. Nein, ich denke, ich habe da eine bessere Idee.“
„Und die wäre?“
„Diese da“, antwortete Winston und schickte den Agenten mit einem präzisen Kinnhaken auf die Bretter, die das Hinterzimmer eines Fischgeschäfts bedeuteten.
„Was soll der Blödsinn?“, fragte der Agent, während er sich, am Boden sitzend, das Kinn rieb, das sich sofort unnatürlich zu verfärben begann.
„Wenn ich fest zuschlage, sind die Leute meistens zwischen einer halben und einer dreiviertel Stunde bewusstlos“, erklärte Winston. „Das wissen die Leute, weil ich für meine harten Schläge genauso berühmt bin wie Old Shatterhand.“
„Wer zum Teufel ist Old Shatterhand?“
„Also offenbar sogar noch berühmter. Jedenfalls ist die Beule auf Ihrem Kinn der beste Beweis dafür, dass Sie sich von mir eine schmerzhafte Abfuhr geholt haben.“
„Es tut wirklich ziemlich weh“, sagte der Agent. „Aber ich muss zugeben, dass diese Begründung ziemlich plausibel klingt. Und das Wichtigste ist, dass es mir gelungen ist, Sie zum Mitmachen zu überreden.“
„Eben.“
„Und was gedenken Sie jetzt zu unternehmen, Mr. Winston?“
„Das lassen Sie ruhig meine Sorge sein, 003.“
„Natürlich. Aber wenn ich Ihnen vielleicht abschließend einen guten Rat geben dürfte...“
„Meinetwegen.“
„Also, ich an Ihrer Stelle würde eher nicht versuchen, mich in Chinchillas Organisation einzuschleichen. Weder mit Ihrem echten noch mit einem falschen Namen.“
„Keine Sorge, so etwas Hirnverbranntes würde ich niemals tun“, erwiderte Winston. „Schließlich bin ich nicht bei der CIA.“
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