Kitabı oku: «George Best»

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Dietrich Schulze-Marmeling

George Best

Der ungezähmte Fußballer


VERLAG DIE WERKSTATT

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Satz und Gestaltung: Verlag Die Werkstatt

ISBN 978-3-7307-0190-4

Inhalt

1  Prolog

2  Vorwort

3  KAPITEL 1 Belfast Boy

4  KAPITEL 2 Von Belfast nach Manchester

5  KAPITEL 3 Swinging Sixties

6  KAPITEL 4 1968

7  KAPITEL 5 Star in einem mittelmäßigen Team

8  KAPITEL 6 „Trouble“ an allen Fronten

9  KAPITEL 7 Abschied von United

10  KAPITEL 8 Boy in Green

11  KAPITEL 9 Gesamtirische Träume

12  KAPITEL 10 Der „europäische Brasilianer“

13  KAPITEL 11 Heute hier, morgen dort

14  KAPITEL 12 Das Ende

15  KAPITEL 13 Zurück in Belfast

16  KAPITEL 14 Wem gehört George Best?

17  EPILOG Der Ungezähmte und der „moderne Fußball“

18  ANHANG George Best: Lebensdaten

19  George Best: Karrieredaten

20  Literatur

21  George Best in Bildern

22  Kleines Nordirland-Glossar

23  Über den Autor

Prolog

„George Best war ohne Frage der Größte. Es gab einfach niemanden, den man mit ihm vergleichen konnte.“

ALEX FERGUSON

„Wer ihn auf dem Platz gesehen hat, wird ihn niemals vergessen.“

TONY BLAIR

„Er war der talentierteste Spieler, den ich jemals gesehen habe.

Pelé hatte nicht so viel Talent. Und ich sehe George auch über Cruyff, weil er mehr Herz besaß.“

JOHNNY GILES

„Er war der beste Spieler, besser als ich. Für mich war er nie ein Europäer, sondern ein brasilianischer Spieler.“

PELÉ

„Wäre ich hässlich auf die Welt gekommen, hättet ihr nie etwas von Pelé gehört.“

GEORGE BEST

„Er war beidfüßig – manchmal schien er auch gleich sechs Füße zu besitzen. Niemand hat je mit einem zusammengespielt, der wie er war, und man wird es auch nie wieder tun können.“

MATT BUSBY

„George hatte diese unglaubliche Qualität, die ihn wohl von allen anderen abgehoben hat, die je Fußball gespielt haben.“

PAT CRERAND

„George Best war einer der talentiertesten Spieler aller Zeiten. Und wahrscheinlich der beste Fußballer, der nie bei einer WM dabei war.“

FRANZ BECKENBAUER

„Er war der genialste Ballkünstler und wildeste Lebemann, den der britische Fußball hervorbrachte.“

CHRISTIAN EICHLER

„Was Best besaß, war einmalig. Du kannst es niemandem beibringen.“

JOHAN CRUYFF

„George Best war spektakulär. Er war ein Genie.“

EUSÉBIO

„George hat mich begeistert, als ich jung war. Er war ein schriller, aufregender Typ, und er konnte seine Mitspieler inspirieren.

Wir waren sehr ähnliche Spielertypen, Dribbler, die für magische Momente sorgen konnten.“

DIEGO MARADONA

„Wenn ich tot bin, dann vergessen die Leute den ganzen Mist, und man erinnert sich nur noch an den Fußball. Das würde mir schon reichen.“

GEORGE BEST

„Best war der schnellste, der intelligenteste und der zerstörerischste Spieler, den es je gegeben hat. Es gab keinen Mutigeren als ihn.“

RODNEY MARSH

„Maradona good, Pelé better, George Best.“

NORDIRISCHES SPRICHWORT

Vorwort

Er war ein großer Entertainer, dessen Bühne der Rasen war. Er war ein Dribbler vor dem Herrn, der seine Gegenspieler demütigte und in den Wahnsinn trieb und sich auch von deren Fouls nicht einschüchtern ließ. Er war ungezähmt und scherte häufig aus dem kollektiven System aus, um es gleich mit einem Haufen Gegenspieler aufzunehmen und den Erfolg auf eigene Faust zu erzwingen. Er war verdammt mutig und schonungslos – Letzteres allerdings auch gegen sich selbst.

Er war einer der ganz Großen seiner Zunft, wurde im „Revolutionsjahr“ 1968 zum bisher jüngsten englischen und europäischen Fußballer des Jahres gekürt und wird noch heute in einem Atemzug mit Pelé, Johan Cruyff und Maradona genannt. Für Pelé war er sogar der Größte unter den Größten und ein „europäischer Brasilianer“.

Der Mann, von dem hier die Rede ist, heißt George Best und wurde 1946 in der nordirischen Metropole Belfast geboren. Einer damals rauen, schmutzigen und verregneten Industriestadt, die später durch einen „Religionskrieg“ traurige Berühmtheit erlangte und zum Synonym für Mord und Terror wurde. Aber auch schon vor dem Ausbruch der „Troubles“ 1968 bewegten sich die Menschen in dieser konfessionell gespaltenen Stadt häufig nur auf dem Kleinfeld ihres Viertels. So auch George Best, der in einer Nachkriegssiedlung im protestantischen Osten Belfasts aufwuchs, bevor er als 15-Jähriger nach Manchester ging, um sich dem berühmten United anzuschließen.

George Best schrieb sich nicht nur mit seinen Dribblings in die Annalen des Spiels. Er war nicht nur ein überragender Fußballspieler, sondern sah auch noch blendend aus und wurde so zum ersten Popstar des Fußballs. Vielleicht war dies eine größere Herausforderung als alle Grätschen seiner Gegenspieler. Denn weder Best noch sein Verein Manchester United oder sein Trainer Matt Busby wussten, wie man damit umgehen sollte. Best hatte ein Problem zu viel. Er hat es mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Wäre ich hässlich auf die Welt gekommen, hättet ihr nie etwas von Pelé gehört.“

Vieles in Bests Leben kam zu früh – für ihn selbst oder für seine Umwelt. Sechs Jahre nach seinem Tod schrieb Dirk Gieselmann für die „11 Freunde“: „Eine auch nur ansatzweise vergleichbare Figur konnte aus dem Fußball nicht mehr kommen. Wenn man mit den Stones und Steve McQueen aufgewachsen ist, kann man U2 und Tom Cruise schließlich auch nicht mehr ernst nehmen.“ Gieselmann gibt exakt wieder, was viele Menschen meiner Generation – ich rede von den 50-plus-Menschen – über George Best denken (und über U2 und Tom Cruise…). Was in Ordnung ist, sofern es nicht in eine selbstgerechte „Früher-war-alles-besser“-Attitüde mündet, jenen untrüglichen Hinweis auf senile Verbitterung.

Best war zu gut für den damaligen Fußball und damit manchmal am falschen Ort und seiner Zeit voraus. Er spielte seinen Gegnern Knoten in die Beine, als die rustikaleren Typen ihre technisch überlegenen Kollegen noch ungestraft umnieten durften. Best ist vielleicht der am meisten gefoulte Spieler in der britischen Fußballgeschichte, aber keiner der Schlächter hat es je geschafft, ihn vom Spielfeld zu treten.

Obwohl er einer der besten Fußballspieler seiner Generation war, durfte Best sein Können nie bei einer Weltmeisterschaft demonstrieren. Als sich sein Land 1958 erstmals für das Turnier qualifizierte, war Best erst zwölf. 1982, als Nordirland seine zweite WM bestritt, war er bereits 36. In Bests besten Jahren hätte es einer gesamtirischen Nationalelf bedurft, um bei der größten Leistungsshow dabei zu sein.

Best war ein vehementer Befürworter einer Fußballauswahl für ganz Irland. Aber die politischen Verhältnisse und der Egoismus der Fußballfunktionäre in Belfast und Dublin verhinderten ein gemeinsames Kicken über alle politischen, kulturellen und konfessionellen Gräben hinweg. Dabei wäre Best der perfekte Repräsentant eines gesamtirischen Fußballprojektes gewesen. Denn kein anderer Ire wurde von Nordiren und Südiren, von Protestanten und von Katholiken, von pro-britischen Unionisten und von irischen Nationalisten und Republikanern so verehrt wie der Fußballspieler aus dem protestantischen Osten Belfasts, der im Trikot eines „katholischen“ Klubs brillierte.

Als Best 2005 im Alter von 59 Jahren an den Folgen seines Alkoholismus starb, gaben ihm in einem Land, das nur knapp zwei Millionen Einwohner zählt, über 100.000 Menschen ein letztes Geleit. Es war die größte Beerdigung in der Geschichte der irischen Insel. Die Zeremonie in der Grand Hall des nordirischen Parlaments- und Regierungssitzes wurde zum Stelldichein ehemaliger politischer Todfeinde.

Es geht in diesem Buch nicht nur um Rückschau, sondern auch um die Frage nach der Aktualität von George Best und die Zukunft des Fußballs. Es wurde auch aus dem Gefühl heraus geschrieben, dass manches von dem, womit Best uns begeisterte, dem heutigen Fußball fehlt und wieder modern werden könnte: der Mut zum Eins-gegen-eins-Duell, zum temporären Ausbrechen aus dem Modus des Konzept- und Systemfußballs mit scheinbar endlosen Ballstafetten, der erst durch überraschende Geniestreiche so richtig an Schlagkraft gewinnt. Das Spiel benötigt nicht nur Soldaten und glatt gebügelte Akademie-Absolventen, die brav den diktierten und einstudierten Laufwegen folgen. Das Spiel benötigt auch mutige Individualisten. Spieler, die mit einem Schuss Eigensinn die gegnerische Ordnung zum Einsturz bringen, indem sie die eigene für einen Moment ignorieren. Spieler, die auch ohne Netz und doppelten Boden und ohne Absicherung durch das System mal etwas wagen.

Wer ein Buch über George Best in die Hand nimmt, erwartet vielleicht eine Auflistung von Alkoholexzessen und Frauengeschichten. Ich habe mir diese weitgehend verkniffen, wenngleich sie ein unterhaltsames und dickes Werk ergeben würden. Zu den unangenehmen Eigenschaften meiner Generation gehört das voyeurhafte Sich-Amüsieren über gescheiterte Existenzen. Bei gleichzeitiger Stilisierung dieser Menschen zu Rebellen, mit deren Schicksal man freilich nicht tauschen möchte. „Sterbt nicht so wie ich“, ermahnte Best vom Sterbe­bett aus seine Mitmenschen. Auch wenn dies hilflos klang: Er hatte recht. Nimmt man noch eine zweite Aussage aus seinen letzten Tagen hinzu: „Vergießt um mich keine Tränen. Ich hatte ein fantastisches Leben“, dann erfolgte sein Abgang ziemlich souverän. Best hat nichts bereut. Er hat uns weder mit der Rolle des armen Opfers malträtiert, noch die des nachahmungswürdigen Helden strapaziert.

Völlig verzichtbar waren Hinweise auf sein Sauf- und Sexleben allerdings auch nicht, da sie Bests Karriere beeinflusst haben. Sie interessierten mich, wenn sie – in der Regel ungewollt – eine kulturelle oder gar politische Message beinhalteten. Beispielsweise wenn der als Protestant und nordirischer Unionist aufgewachsene Best mit Pat Crerand unterwegs war, einem Katholiken und Sympathisanten des irischen Nationalismus. Oder wenn Best sich mit der südirischen Schauspielerin Sinead Cusack zusammentat.

Über Best ist bislang vorwiegend aus der Perspektive Manchesters geschrieben worden: Best als der Nordire im United-Trikot. Seine nordirische Herkunft, die damit verbundenen politischen und kulturellen Prägungen und Implikationen, der während seiner Zeit bei United ausbrechende und schließlich eskalierende Bürgerkrieg und dessen Auswirkungen auf den Fußballprofi, also die Wechselwirkung zwischen Heimat und Wahlheimat, die Rezeption Bests in der nordirischen und irischen Gesellschaft (über seinen Tod hinaus), das alles wird in der Regel nur am Rande behandelt. Interessanterweise gibt es keinen nordirischen Biografen des weltweit prominentesten Nordiren – abgesehen von einem Buch seiner Schwester Barbara.

Ich habe mich um eine andere Perspektive bemüht. Die Folien meines Schreibens waren Manchester und Nordirland, genauer Belfast. Deshalb kommt auch immer wieder die Sprache auf kulturelle und politische Entwicklungen in Nordirland. Van Morrison, Rory Gallagher, der „George Best der Bluesgitarre“, der evangelikale Prediger und unionistische Politiker Ian Paisley sowie der ehemalige IRA-Oberkommandierende, Best- und Manchester-United-Fan Martin McGuinness spielen in einigen Kapiteln ebenfalls mit. Zwar hat Best fast 90 Prozent seines Erwachsenenlebens in Manchester, London und den USA verbracht. Aber je mehr ich mich in das Thema Best vertiefte, desto klarer wurde mir, dass Best von diesem Background nicht zu trennen ist.

Ermöglicht wurde mir diese Herangehensweise durch zahlreiche Aufenthalte in Nordirland und eine freundschaftliche Verbundenheit zu Menschen aus beiden Communities – der katholischen wie der protestantischen. Nicht zuletzt dank der Lingua franca Fußball, zu deren Grundvokabular „George Best“ gehört.

Ich habe dies immer als ein Privileg verstanden, da diese Selbstverständlichkeit in Nordirland keine ist. Viele Menschen können oder wollen diese Normalität immer noch nicht genießen, weshalb sich ihnen die Denkprozesse in der „anderen Community“ oftmals verschließen. Trotz des Friedensabkommens von 1998 und einer interkonfessionellen Regierung leben Protestanten und Katholiken in Nordirland noch immer weitgehend getrennt.

Den letzten Anstoß zu diesem Buch gab der Northern Ireland Milk Cup 2013, ein Turnier für junge Fußballer, das alljährlich an der nordirischen Causeway Coast ausgespielt wird und zu dessen Dauergästen der Nachwuchs von Manchester United gehört. Eines Abends diskutierte ich mit einigen Turnierorganisatoren über die Vor- und Nachteile eines „academy football“. Anlass war eine Beschwerde des Manchester-United-Coaches Paul McGuinness, Sohn von Wilf McGuinness, dem Nachfolger von Matt Busby bei United, der auch George Best trainiert hatte. Uniteds U17 wurde mit vielversprechenden Talenten wie Andreas Pereira und Joe Riley schließlich verdient Turniersieger. Manche Beobachter sahen in der Truppe eine Fortsetzung der „Class of ’64“ (mit George Best, David Sadler, John Aston) und „Class of ’92“ (mit David Beckham, Paul Scholes und Co.) – United-Jugendmannschaften, die eine neue erfolgreiche Ära bei den Profis einleiteten. Aber McGuinness gefiel nicht, dass sich seine Jungs auf dem Weg zum Titel auch mit Teams messen mussten, deren Spieler nicht von Fußballakademien kamen und Uniteds Dominanz mit ihren eigenen Mitteln begegneten. In der Regel zählten dazu eine defensiv geprägte Ordnung, eine gewisse Zweikampfhärte und Konterfußball. Wir fragten uns, ob sich ein George Best darüber beschwert hätte. Und ob die Fußballakademien ihre Schüler nicht manchmal etwas zu glatt bügeln und immer die richtige Vorbereitung auf das Profileben bieten würden. Schließlich würde die Jungs später in der Premier League und im FA Cup ebenfalls eine Reihe von Teams erwarten, die ihr Spiel nicht nach den Vorstellungen Uniteds spielen.

Am folgenden Tag fuhren wir nach Belfast und zum Burren Way Nr. 16, dem Elternhaus von George Best. Dort trafen wir mit Robin McCabe einen alten Freund George Bests. Robin hatte zusammen mit Best für den Cregagh Boys Club gespielt. Er führte uns durchs Haus, zeigte uns den Fußballplatz, auf dem George und er einst für die Cregagh Boys gekickt hatten, sowie einige Briefe, die George ihm und der Familie aus Manchester geschrieben hatte – und die Idee zu diesem Buch war geboren.

Mein besonderer Dank gilt daher zuerst Robin McCabe, ebenso Heather Chesney und Wendy Langham (East Belfast Partnership), Jim Sandford (Dale Farm Milk Cup, bis 2013: Northern Ireland Milk Cup), Uwe Koopmann, Uwe Renners, Christina Matthoff fürs Korrekturlesen, meinen Lektoren Bernd Beyer und Markus Montz sowie einigen Menschen, die nicht genannt werden möchten.

Dietrich Schulze-Marmeling, April 2015


Dietrich Schulze-Marmeling (rechts) an Bests Elternhaus im Burren Way Nr. 16. Links steht Robin McCabe, ein alter Freund George Bests.

KAPITEL 1

Belfast Boy

George Best wächst in der nordirischen Industriemetropole Belfast auf, in einer typischen protestantischen Arbeiterfamilie. Vater und Großvater arbeiten auf der Werft, engagieren sich in der Gewerkschaft und dem antikatholischen Oranier Orden. Als Kind besucht George Heimspiele des Glentoran FC. 1958 qualifiziert sich Nordirland erstmals für ein WM-Turnier, wodurch Georges Fußball­begeisterung einen weiteren Schub erhält.

Irlands Industriemetropole

Das erste Fußballstadion, das der junge George Best regelmäßig besucht, liegt im Osten Belfasts und heißt schlicht „Oval“. Dort spielt der Glentoran FC, zu dessen Spielen bereits Georges Vater und Großvater pilgerten. Härtester Rivale ist der Linfield FC; bei den Begegnungen beider Teams kommt es immer wieder zu Ausschreitungen zwischen den Fans. George Best bringt diese Rivalität mit der religiösen Spaltung seiner Heimat in Verbindung: „Protestanten unterstützten automatisch Linfield, aber wenn du Katholik warst, unterstütztest du Glentoran.“ Diese Erinnerung ist zwar nicht richtig. Aber sie verweist unmittelbar auf die komplizierte religiös-politische Geografie, von der Bests Heimatstadt geprägt ist.

Belfast ist eine sehr junge Stadt. Sie wurde erst 1603 gegründet und ist ein Ergebnis der gezielten Besiedlung des irischen Nordostens. In der Stadt an der Mündung des Flusses Lagan wurden englische und vor allem schottische Einwanderer heimisch, die in der Regel Protestanten waren.

In den 1850ern begann in Belfast ein ökonomischer Boom, der mit einer Bevölkerungsexplosion einherging. Zugleich änderte sich die konfessionelle Demografie der Stadt radikal. Ein Drittel ihrer Einwohner waren nun Katholiken. Viele von ihnen kamen aus dem Westen der Provinz Ulster, vertrieben durch die Hungerkatastrophen, die zwischen 1846 und 1851 die irische Insel plagten und als „Great Famine“ in die Geschichtsbücher eingingen. 1841 zählte Belfast noch rund 70.000 Einwohner. 1911 lebten bereits 386.000 in der Ulster-Metropole, womit sich die Bevölkerung im Zeitraum von 70 Jahren mehr als verfünffacht hatte.

Die katholischen Neu-Ankömmlinge ließen sich vor allem im Westen der Stadt nieder. Das Hauptsiedlungsgebiet der Protestanten war der Osten, wo die großen und wichtigsten Industrien entstanden, und auch der Süden war überwiegend protestantisch. Den Norden der Stadt teilten sich die Konfessionen, aber nur in dem Sinne, dass protestantische Gebiete neben katholischen lagen. Man grenzte sich auch hier gegeneinander ab.

In den Jahren 1857, 1864, 1872 kam es zu sektiererischen Ausschreitungen in Belfast, die die Segregation von Protestanten und Katholiken weiter verstärkten. 1901 lebten 60 Prozent der Bürger Belfasts in Straßen, die entweder zu 90 Prozent protestantisch oder katholisch waren. Aber auch in konfessionell gemischten Straßen existierte häufig eine Trennlinie: Das eine Ende der Straße wurde von Protestanten bewohnt, das andere von Katholiken.

Als Pfeiler der Belfaster Industrie hatten sich Mitte des 19. Jahrhunderts der Schiffbau und die Leinenproduktion etabliert. 1912 war die Hälfte aller 140.000 lokalen Arbeitskräfte in diesen beiden Industriezweigen beschäftigt. Harland & Wolff, im protestantischen Osten der Stadt und an der Mündung des Flusses Lagan in die Irische See gelegen, war die größte Werft im Vereinigten Königreich und besaß das größte Trockendock der Welt. 1911 lief hier die Titanic vom Stapel. Belfast war Standort der weltweit umfangreichsten Schiffsproduktion. Deren Facharbeiterschaft bestand fast ausnahmslos aus Protestanten.

Belfast beherbergte außerdem die größte baumwollverarbeitende Industrie der Welt, weshalb die Stadt auch „Linenpolis“ genannt wurde. Die York Street Flax Spinning Mill im Norden der Stadt war die weltweit größte Leinenfabrik.

Ein Staat für die Protestanten

1921/22 wurde die bis dahin komplett von England beherrschte irische Insel geteilt. 26 Grafschaften bildeten einen „Free State“, in dem die katholische Kirche das Sagen hatte. Die restlichen sechs Grafschaften verblieben als Nordirland im Vereinigten Königreich. Hier waren zwei Drittel der Bevölkerung protestantisch. Anders als Schottland und Wales bekam Nordirland ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung, deren Minister aber bis 1972 ausschließlich von der protestantischen Unionist Party gestellt wurden. Nordirlands erster Premierminister James Craig, der von 1921 bis zu seinem Tod 1940 die Provinz regierte: „Wir sind ein protestantisches Parlament und ein protestantischer Staat.“ Auch die bewaffneten Kräfte des Staates bestanden fast ausschließlich aus Protestanten. Nordirlands Polizei sah ihre vorrangige Aufgabe darin, die protestantische Vorherrschaft gegenüber etwaigen (katholischen) Rebellen zu verteidigen.

Die Konstituierung des nordirischen Staates wurde von Pogromen begleitet. Von den 93.000 Belfaster Katholiken wurden 11.000 vertrieben, weil ihre bisherigen Arbeitsplätze in protestantischen Gebieten lagen. 23.000 Katholiken mussten ihre Häuser verlassen. 500 katholische Geschäfte wurden geplündert und ausgebrannt. 257 Katholiken und 157 Protestanten wurden ermordet. In Nordirland hatten sich nun jene politischen Lager herausgebildet, die den Konflikt in den folgenden Jahrzehnten prägen sollten: auf der einen Seite Protestanten, die loyal zur britischen Union und zur Krone standen („Unionisten“ bzw. „Loyalisten“), auf der anderen Seite hauptsächlich Katholiken, die für ein Zusammengehen mit der Republik Irland und eine einheitliche irische Nation eintraten („Republikaner“ bzw. „Nationalisten“).

Protestantischer und katholischer Fußball

Auf der irischen Insel stand die Wiege des Soccers in Belfast. Aber Soccer hatte harte Konkurrenten. Bei den Katholiken waren es die gälischen Spiele Gaelic Football und Hurling, die von der 1884 gegründeten Gaelic Athletic Association (GAA) gepflegt wurden. Innerhalb des protestantischen Lagers bevorzugten dessen bessere Schichten Rugby gegenüber Soccer.

Die Gaelic Games wurden fast ausschließlich von Katholiken/Nationalisten betrieben. Die GAA spielte im Konzept des irischen Nationalismus eine bedeutende Rolle und war somit von Beginn an eine auch politische Institution. Die Popularisierung der gälischen Sportarten sollte den kulturellen Einfluss der englischen Kolonialmacht zurückdrängen, der sich besonderes in „British sports and pastimes“ manifestierte, und das verschüttete Selbstbewusstsein der irischen Nation wecken. In Nordirland hatten Angehörige der Polizei und der britischen Armee keinen Zutritt zur GAA.

Obwohl irisch-nationalistische GAA-Puristen den englischen Soccer als „fremdes Spiel“ und „Spiel der Kolonialherren“ denunzierten, mobilisierte Fußball in der Industriestadt Belfast auch die katholische Arbeiterschaft.

Am 18. November 1880 wurde im Belfaster Queen’s Hotel die Irish Football Association (IFA) aus der Taufe gehoben. Nach der englischen Football Association (FA, 1863), der Scottish Football Association (SFA, 1873) und der Wales Football Association (WFA, 1876) ist die IFA der viertälteste nationale Fußballverband der Welt. In Belfast entwickelte sich fortan eine Vereinslandschaft, die dem politischen und konfessionellen Muster der Stadt entsprach. Der erste Klub Irlands überhaupt war der 1879 vom schottischen Kaufmann John McAlery gegründete Cliftonville FC im Norden der Stadt. 1882 entstand im Osten der Glentoran FC, benannt nach dem Anwesen seines ersten Präsidenten Victor Coates, Besitzer einer Eisengießerei. 1886 wurde in Süd-Belfast der Linfield FC ins Leben gerufen, auf Initiative von Arbeitern der Ulster Spinning Company in Sandy Row. Cliftonville, Glentoran und Linfield waren protestantische Adressen. Linfield unterhielt enge Beziehungen zu den Glasgow Rangers und spielte wie diese in den britischen Farben Blau-Weiß-Rot.

1891 bekamen auch Belfasts Katholiken ihren Klub. In der Gegend um die Falls Road im katholischen Westen der Stadt wurde Belfast Celtic gegründet. Celtics Vorbild war der größere Glasgower Namensvetter, der 1888 von irisch-katholischen Immigranten konstituiert worden war. Belfast Celtic übernahm auch das Trikot vom großen Bruder.

In den folgenden 60 Jahren lieferten sich der „protestantische“ Linfield FC und das „katholische“ Belfast Celtic einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft im Belfaster und nordirischen Fußball. Die Rivalität wurde von Beginn an von sektiererischen Ausschreitungen begleitet. Ebenso gab es Auseinandersetzungen, wenn Celtic gegen Glentoran spielte. Wie Linfield war auch Glentoran FC, der Lieblingsverein des jungen George Best, in einem protestantischen Arbeiterbezirk beheimatet. Das Stadion „Oval“ lag im Werftarbeiterbezirk Ballymacarret und in Nachbarschaft zu Harland & Wolff. Ballymacarret war das Herzstück des protestantisch-proletarischen East Belfast. Viele der Anhänger der „Glens“ arbeiteten auf den Werften und in deren Zulieferbetrieben im Belfaster Osten.

Belfast Boy

East Belfast ist auch die Heimat von George Best. Sein Vater Richard, genannt Dickie, arbeitet als Dreher bei Harland & Wolff, und auch dessen Vater war bereits dort beschäftigt. Dickie Best ist als Gewerkschafter aktiv, aber wie alle Arbeiter auf der Werft versteht er sich auch als überzeugter protestantischer Unionist. Harland & Wolff ist der größte industrielle Arbeitgeber Nordirlands, und seine zu fast hundert Prozent protestantische Arbeiterschaft bildet traditionell das proletarische Rückgrat der Bewegungen gegen irische Einheit und Unabhängigkeit.

George Bests Mutter Anne, eine geborene Withers, arbeitet in der Zigarettenfabrik Gallaher’s in der York Street. Eine Zeit lang ist Gallaher’s sogar der weltweit größte unabhängige Produzent von Tabakwaren. In Belfast verdingen sich viele Frauen in der Industrie, vor allem auf katholischer Seite, wo die Männer ohne Arbeit sind oder nur magere Löhne einstreichen. In der Leinenindustrie sind zeitweise 70 Prozent der Beschäftigten Frauen, während auf den Werften ausschließlich Männer arbeiten. Im Belfast der 1940er und 1950er Jahre sind Arbeiterinnen katholisch und Arbeiter protestantisch.

Aber Anne Best ist ein Beispiel dafür, dass auch in den protestantischen Arbeiterfamilien häufig die Frauen zum Familieneinkommen beitragen. Die Zeiten, in denen die Löhne der Belfaster Facharbeiter die höchsten in Irland waren und teilweise sogar über dem Niveau in England und Schottland lagen, sind vorbei. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren Belfasts Schlüsselindustrien in eine schwere Krise geraten. Belfasts zweite große Werft Workman & Clark, die zu den „ersten Sechs“ im Vereinigten Königreich gehörte, musste 1937 schließen. Und im Nordirland der Nachkriegsjahre liegt das durchschnittliche Einkommen um ein Drittel unter dem im restlichen Vereinigten Königreich. 1951 sind 36 Prozent aller Beschäftigten in Belfast Frauen, darunter auch viele verheiratete. Eine hohe Quote für diese Zeit und ein so religiöses Land wie Nordirland.

Dickie Best lernt seine künftige Frau Anne Withers bei einer Tanzveranstaltung in der Willowfield Unionist Hall in der Woodstock Road in East Belfast kennen. Am 30. Juni 1945 heiraten die beiden und beziehen ein kleines Reihenhaus in der Jocelyn Street in East Belfast, einer Nebenstraße der Woodstock Road. Die Miete erweist sich aber als zu teuer für das junge Paar, weshalb es nach knapp einem Jahr Unterschlupf bei Annes Eltern in der Donard Street sucht, nur einen Steinwurf entfernt von der bisherigen Wohnung.

Sowohl Dickie wie Anne sind sportlich aktiv. Er ist ein respektabler Fußballer, der bis zu seinem 37. Lebensjahr für diverse Amateurklubs kickt. Meistens als Linksverteidiger, also auf der Position der späteren Gegenspieler seines Sohnes. Dickie ist von gedrungener Gestalt, agil, bissig, schnell und mit beiden Füßen stark am Ball. Anne Best ist eine exzellente Hockeyspielerin, die mehrfach zu Sichtungslehrgängen der nordirischen Auswahl eingeladen wurde. Aber während des Krieges fanden keine Länderspiele statt.

Am 22. Mai 1946, elf Monate nach der Heirat, kommt das erste Kind zur Welt. Es ist ein Junge, der nach seinem Großvater mütterlicherseits auf den Namen George getauft wird. Weitere fünf Kinder folgen: Carol (1947), Barbara (1952), die Zwillinge Julie und Grace (1963) und schließlich Ian (1967).

Cregagh

Im Januar 1949 ziehen Dickie und Anne Best mit dem zweieinhalbjährigen George und seiner Schwester Carol ins Cregagh Housing Estate, ein öffentliches Wohnungsbauprojekt. Die moderne Nachkriegssiedlung besteht aus zweigeschossigen Reihenhäusern mit Flachdächern, was für Belfast neu ist. Aus heutiger Sicht wirken die Häuser sehr bescheiden, aber das Bad ist nicht mehr draußen im Hinterhof, was damals fast schon als luxuriös gilt. Anfangs beträgt die Miete 14 Shilling (= 70 Pence) pro Woche. Später wird den Mietern die Möglichkeit geboten, die Häuser zu erwerben. Die Bests residieren im Burren Way Nr. 16.

Cregagh ist eine überwiegend protestantische Siedlung. Allerdings lebt hier zunächst noch eine zahlenmäßig bedeutendere katholische Minderheit, was der Randlange geschuldet ist. George Bests jüngere Schwester Barbara: „Burren Way war eine freundliche Straße. Wir hatten gute Nachbarn, Katholiken und Protestanten. Wir spielten miteinander und waren miteinander befreundet.“ Religiöses Sektierertum sei in ihrer Familie nicht vorgekommen. George berichtet, im Haus nebenan hätten Katholiken gewohnt. „Die Frau, Melda hieß sie, war die beste Freundin meiner Mutter.“ Auf der Straße hätten sich die Kinder ab und an Schimpfwörter zugerufen. „Du warst entweder ein ‚Fenier‘ oder ‚Proddy Dog‘. Halt so Dinge, die Kinder sich gegenseitig zurufen.“1 Mehr wäre aber nicht gewesen.

Aufgrund der segregierten Wohnkultur wirkt Belfast wie ein Konglomerat aus Kleinstädten. Das Leben der Familie Best spielt sich fast ausschließlich im Osten ab und hier auch nur in dem Dreieck Cregagh Housing Estate, Donard Street und „Oval“.

Presbyterians

Best beschreibt seine Familie als „religiös“. Seine Eltern seien Free Presbyterians gewesen. Nordirlands protestantische Community teilt sich in Anglikaner (Church of Ireland), Presbyterianer (Presbyterian Church of Ireland), Methodisten (Methodist Church of Ireland) und Freie Presbyterianer (Free Presbyterian Church). Die Free Presbyterian Church ist eine reformierte Freikirche mit weltweit über 100 Gemeinden, die Mehrheit davon in Nordirland. Sie spaltete sich in den 1950ern von der Presbyterian Church ab, sieht sich in der Tradition von Johannes Calvin, John Knox und den amerikanischen Puritanern, lehnt rigoros Vergnügen wie Alkohol, Glücksspiel oder Tanz ab, geißelt Homosexualität als Sünde, ist militant antikatholisch und gegen die Ökumene und macht aus dem Sonntag den trostlosesten Tag der Woche. Kurzum: Die Free Presbyterians sind die härteste und bigotteste Fraktion im religiösen Spektrum Nordirlands. Ihr Anführer war ein halbes Jahrhundert lang der Prediger Ian Paisley, der während der „Troubles“ zu einer der bedeutendsten politischen Persönlichkeiten Nordirlands aufsteigt. Denn Paisley war auch noch Boss der Democratic Unionist Party (DUP), die sich 1971 rechts von der Ulster Unionist Party etablierte, die dadurch ihren Charakter als Einheitspartei der nordirischen Protestanten/Unionisten verlor. Zu den Hochburgen der DUP gehören die Arbeiterbezirke East Belfasts. Aber nur eine Minderheit der hier lebenden DUP-Wähler und Anhänger sind Free Presbyterians.

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12 aralık 2025
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