Kitabı oku: «Der Mantel der Vergangenheit»

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Das Buch
1943 Harry Molter, ein junger Landwirt in Düsseldorf, wird wegen der »Schwarzschlachtung« einer Sau denunziert und von der Gestapo verhaftet. Der Gestapo-Offizier Richard Augsburger stellt ihn vor die Wahl: Gefängnis oder Ostfront.
1951 Auf dem Speicher ihres Wohnhauses bemerkt die zehnjährige Rosa eine düstere Gestalt. Harry Molter! Nach einer langen Odyssee zwischen Front, Lazarett und Irrenanstalt, psychisch nahezu gebrochen, lebt er obdachlos in den Trümmern Düsseldorfs. Seine Frau und seine Kinder sind verschollen. Die langsam wachsende ungleiche Freundschaft mit dem Mädchen entfacht einen neuen Lebenswillen. Doch auch Augsburger lebt unentdeckt und unter falscher Identität in den Trümmern. Der Nazi müsste wissen, wo sich Harrys Familie befindet. Wird Harry ihn zum Sprechen bringen?
Die Autorin

Doris Bender-Diebels, geboren 1948 in Düsseldorf und dort aufgewachsen, lebt in Wuppertal. Viele Jahre arbeitete sie als Krankenschwester, Familientherapeutin und Dozentin für Pflegeberufe in verschiedenen Bereichen der Psychiatrie. Vor allem die Geschichte der Psychiatrie, insbesondere die Verfolgung von psychisch Kranken und von geistig behinderten Menschen im Nationalsozialismus und im zweiten Weltkrieg fanden bis heute ihr Interesse.

Mit diesem Buch legt sie ihren ersten Roman vor. Szenen einer Kindheit in den Nachkriegsjahren in Düsseldorf wurden zu einer spannenden Kriminalgeschichte verwoben, die im Kriegsjahr 1943 beginnt und von Willkür, Tod, Mitmenschlichkeit, Freundschaft und Liebe erzählt.

Alle Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Doris Bender-Diebels
Der Mantel der Vergangenheit

Das Werk inklusive aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig und strafbar.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte bibliographische Daten sind im Internet auf http://www.dnb.de abrufbar.

Für Ernst

Zuversicht ist nichts Greifbares,

es ist ein Zustand,

in den man hineinwachsen muss.

Mahatma Gandhi

1

Düsseldorf-Bilk, März 1951

»Geheimnisse aller Art zu lüften« könnte man als die besondere Leidenschaft der zehnjährigen Rosa Martens beschreiben. Entdeckte sie die Spur zu etwas Verborgenem, fühlte sie eine detektivische Neugier, die ihre Fantasie für das Versteckte und Verbotene belebte. Vor allem ihre ausgeprägte Beobachtungsgabe, von Erwachsenen oft als kindliche Einbildungskraft belächelt, ließ sie solche Entdeckungen machen. Dazu kam ihr Mut, auf andere Menschen zuzugehen.

Rosa wachte auf. Ein Blick auf den Wecker genügte, sich gähnend wieder unter ihre Bettdecke zu kuscheln. Erst sechs Uhr. Um acht begann die Schule. Sie schloss die Augen.

Ihre Schwester Iris, mit der sie das Schlafsofa teilte, kniff sie wenig später in die Seite: »Du musst aufstehen, heute bist du dran. Schon vergessen?«

»Nein … aber nur weil du älter bist, brauchst du mir nicht zu sagen, wann ich aufstehen soll.«

»Fauch mich nicht so an. Ich kann doch nichts dafür, dass wir kein eigenes Klo haben und nachts auf den blöden Pott gehen müssen.« Iris drehte ihr den Rücken zu. Demonstrativ zog sie ihre Decke über den Kopf.

Nun konnte Rosa nicht mehr einschlafen und stand auf. Vorsichtig zog sie den Nachttopf unter dem Bett hervor. Sie wollte ihre Mutter nicht wecken, deshalb schlich sie auf Zehenspitzen, den Topf in beiden Händen balancierend in die Küche. Sie wusch sich am Spülbecken, zog ihre Sachen an und schlüpfte in ihre Pantoffeln. Mit dem Pipipott ging sie hinaus ins Treppenhaus. Das Klo der Familie Martens befand sich auf dem Speicher in der fünften Etage des Hauses, ein Stockwerk über ihrer Wohnung. Der Dachboden und die dortige kleine Wohnung wurden bei einem Bombenangriff durch Brand teilweise zerstört. Rosas Vater Herbert setzte die Toilette wieder instand. Oft erschreckte Rosa der Flügelschlag von Tauben, die durch das meist offen stehende Dachfenster ein- und ausflogen. Wenn sie allein im Halbdunkel hierher kam, begleitete Rosa die Furcht, jemand könne sich hinter der Mauer versteckt halten. Auch jetzt musste sie gegen diese Angst ankämpfen. Mit Herzklopfen stieg sie die Treppe hoch, wobei sie den Nachttopf fest umklammerte. Um diese Zeit war es draußen zwar schon hell, aber das kleine Fenster zwischen der vierten und fünften Etage ließ nur wenig Licht hinein. Wie immer flackerte die nackte Birne in der Fassung am mittleren Treppenabsatz. Bei der siebten Stufe angekommen sah sie auf dem Podest ein rundes, silbrig glänzendes Ding liegen. Es schien ein Knopf zu sein. Der hatte gestern Abend, als sie vor dem Zubettgehen aufs Klo gegangen war, noch nicht da gelegen. Das wäre ihr aufgefallen; denn Rosa war eine Sammlerin. Alles was sie fand, wurde in ihren Augen zu etwas Besonderem. Sie hob es auf, verwahrte es sorgfältig in einer Schachtel und schaute es immer wieder an, bis es eine Geschichte ergab, die sie mit ihrer Freundin Esther teilen konnte.

Sie stellte den Nachttopf ab, ergriff den Knopf und steckte ihn in die Tasche ihres Kleides. Dann schnappte sie sich erneut den Pinkelpott und wollte gerade die nächste Stufe nehmen, als ein leises Geräusch sie innehalten ließ. Lieber Gott, bitte, lass es lediglich eine Maus sein, betete sie. Doch ein Blick nach oben, in die Richtung des Geräusches, und ihre Beine froren ein. Da war etwas! Es bewegte sich! Nicht schnell … spürbar nur wie ein Hauch.

Im Nu pochte ihr Herz so heftig, dass das Blut in ihren Ohren rauschte. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Die Angst hinderte sie zwar daran, genauer hinzuschauen, dennoch nahm sie einige Schemen wahr: Auf dem oberen Podest sah sie die Umrisse einer Gestalt. Vom schwachen Deckenlicht beleuchtet, machte sie lange dunkle Haare aus, die auch über das Gesicht fielen. Oder war da gar kein Gesicht? Sie erkannte weder Augen, Mund noch Nase. Die Erscheinung wurde von einem Mantel umhüllt. Dieses Wesen wie aus einem Albtraum rührte sich nicht, stand einfach am Geländer. Rosa hörte nur ein leises Atemgeräusch. Dann nahm sie eine Bewegung wahr, einen zaghaften Schritt auf die Treppe zu … und plötzlich, von einer Heidenangst ergriffen, drehte sie sich um und lief schreiend die Stufen hinunter. Scheppernd fiel der Nachttopf zu Boden, und sein Inhalt ergoss sich auf das Podest vor ihrer Wohnung.

»Rosa, warum schreist du denn so, du weckst ja das ganze Haus auf! Ach herrje, was ist denn hier so nass?« Hanne Martens trat im Morgenmantel vor die Tür und rutschte beinahe in der Urinpfütze aus. Hinter ihr erschien Iris, die drehte sich sofort mit einem Kopfschütteln um und ging zurück in die Wohnung.

»Da oben ist jemand, Mutti, da gehe ich nie mehr hin. Jemand mit langen schwarzen Haaren, ganz groß, eine scheußliche Gestalt ohne Augen und Mund, ohne Nase, ich schwöre, da ist jemand auf dem Speicher mit einem Mantel.« Sie schluchzte und sank ihrer Mutter in die Arme.

Die Nachbarstür öffnete sich, und Frau König streckte den Kopf heraus: »Watt iss denn hier widder loss? Wer krakeelt denn hier so errüm? Kamma nich ma länger schlafe? Immer dat Jeschrei vonne Blagen. Un watt stenke denn hier eso?« Sie sah die gelbliche Nässe auf dem Boden. »Datt iss ja woll nich wahr, die Pisse hier – datt wird hoffentlich wech jemacht!« Sie drehte auf dem Absatz um und verschwand in ihrer Wohnung. Die Tür fiel krachend ins Schloss.

Hanne Martens verdrehte die Augen. Immer das Gleiche mit dieser nörgelnden Frau! Hanne wollte keinen Streit mit ihr. Wusste sie doch, dass Frau König erst seit der Nachricht über den Tod ihres Mannes in der Gefangenschaft so unduldsam war.

»Ich glaube, du hast geträumt«, versuchte sie, Rosa zu beruhigen und drückte sie an sich. »Wer sollte denn dort oben sein? Du hast wahrscheinlich ein Geräusch gehört und warst noch gar nicht richtig wach. Dann weiß man nicht so genau, ist das wahr oder ein Traum? Jetzt komm erst mal frühstücken, die Schule fängt gleich an.«

»Nein, ich will kein Frühstück, ich will, dass du mir glaubst. Geh’ doch hoch, dann wirst du ja selbst sehen, dass diese fürchterliche Gestalt da oben ist«, beharrte Rosa und entwand sich der Umarmung. Ihre sonst meist lachenden blauen Augen blitzten die Mutter wütend an. Hanne Martens kannte ihre Tochter und wusste, dass Rosa keine Ruhe geben würde, wenn sie nicht sofort mit ihr auf die Suche nach dieser Gestalt ging.

»Na gut, ich ziehe mir erst mal was an, und dann können wir gemeinsam gucken.«

Rosa beruhigte sich. Gleich würde Mutti schon sehen, dass sie sich nichts eingebildet hatte. Schnell griff sie sich Eimer und Putzlappen und wischte den Urin vom Boden auf. Mit einer Taschenlampe bewaffnet stiegen sie und ihre Mutter kurz darauf die Stufen zum Speicher hoch.

»Siehst du, hier ist doch niemand«, sagte Hanne mit beruhigender Stimme, während sie in den hinteren Raum leuchtete, den Mauerreste vom Klo trennten. Eine Taube schreckte auf und flatterte durch das offen stehende Dachfenster davon. Sonst befand sich da wirklich keine Seele. Rosa verstand die Welt nicht mehr. Diese Gestalt musste noch hier sein. Ich bin doch nicht verrückt, wie die alte Frau Prack, dachte sie, die, wie Mutti ihr erzählte, immer noch ihren Sohn vor sich sah und mit diesem sprach, obwohl er schon seit vielen Jahren tot war. Den silbrigen Knopf in ihrer Tasche vergaß Rosa in der Aufregung völlig.

»Komm, jetzt machen wir erst mal Frühstück, sogar mit einem Ei«, versuchte Hanne ihre Tochter von dem Schrecken abzulenken. Eier gab es sonst nur an Sonntagen. Dazu ließ sich Rosa gern überreden. Auch Iris zeigte sich jetzt am Tisch, vom Kaffeegeruch angezogen.

Nach dem Frühstück machte Rosa sich auf den Weg zur Schule, immer noch aufgewühlt von dem Erlebnis auf dem Speicher. Sie war sich sicher, die Gestalt gesehen zu haben, und ihre Gedanken liefen in abenteuerliche Richtungen. Auf der Straße wartete Brunhilde. Wie an jedem Tag. »Komm, gib mir die Hand«, forderte Brunhilde die Freundin auf. Sie war größer und etwas kräftiger als Rosa und meinte, sie daher beschützen zu müssen. Rosa hasste es, von ihr an die Hand genommen zu werden.

»Lass das«, blaffte sie, »wenn du das nicht lässt, dann kannst du bis zum Ende der Schulzeit alleine gehen, du blöde Kuh. Ich will nicht an die Hand genommen werden, merke dir das.« Rosa schäumte vor Wut. »Du bist nicht meine Mutter, ich habe schon eine!«

Brunhilde schnaubte und lief schneller voraus.

Das muss ich Esther erzählen. Die wird mir glauben. Und bestimmt werden wir zusammen herausfinden, was oder wen ich gesehen habe, dachte Rosa. Ihre Neugier gewann langsam wieder die Oberhand.

2

Düsseldorf-Hamm, 20. März 1943

Wie so oft in diesem Jahr fand Harry Molter auch in der vergangenen Nacht kaum Schlaf. Mittlerweile musste er zu jeder Tages- und Nachtzeit darauf gefasst sein, vom durchdringenden Sirenenton der Bomberwarnung aufgeweckt zu werden. Und dann war Eile nötig. Nach dem Schließen der Bunkertür blieb keine andere Wahl, als sich eine andere Schutzmöglichkeit zu suchen. Die Tür durfte bis zur Entwarnung nicht mehr geöffnet werden. Und das hatte seinen Grund. Denn wenn just in diesem Moment eine Granate in das Bunkerinnere gelangte, bedeutete das den Tod aller darin Schutz suchenden Menschen. Die Vorstellung, mit seiner Familie vor der verschlossenen Bunkertür zu stehen, entfachte in ihm immer wieder Angst und ließ ihn nachts nicht mehr in einen tiefen und erholsamen Schlaf sinken. Eine untergründige Beklemmung nagte in ihm, wie in vielen Zeitgenossen, seit sie spürten, dass Deutschland angreifbar war.

Kappes-Hamm, wie der Stadtteil wegen des großflächigen Anbaus von Kohl auch genannt wurde, hatte seinen Dorfcharakter bewahren können. Enge Gassen zwischen Backsteinhäusern, Feldwegen und Straßen verbanden den Zugang zum Rhein durch das Deichtor und setzten sich über den Deich fort bis in die Rheinwiesen. Nicht weit entfernt befuhren Züge die Hammer Eisenbahnbrücke auf die linke Rheinseite nach Neuss. Pioniere der Wehrmacht bewachten zwar das Rheinufer, waren aber im Vergleich mit den amerikanischen Streitkräften auf der anderen, der Neusser Rheinseite für eine Abwehr nicht gut gerüstet.

Hier war Harry aufgewachsen und mit seinen achtunddreißig Jahren einer der jüngeren Bauern, die selbständig einen Hof führten. Er liebte seine Arbeit auf dem Feld und mit den Tieren. Steckrüben, Kohl und Kartoffeln – den Molters gehörten seit vier Generationen viele Hektar Ackerland. Den Spargelanbau mussten sie mit Beginn des Krieges leider aufgeben. Ein paar Schweine fanden im Innenhof ihren Platz in einem Stall.

»Jung, denk immer daran, auf dich kommt es an, dass die Menschen auch im Krieg was zum Beißen haben. Gerade jetzt sind sie auf unsere Arbeit und die Ernte angewiesen«, erinnerte ihn sein Vater erst noch vor drei Wochen beim gemeinsamen Abendessen an seine Pflicht als Landwirt.

Und dann lag er vier Tage später tot im Stall. Ein Schlaganfall sei es gewesen, behaupteten die Ärzte. Seitdem ruhte die Verantwortung allein auf Harrys Schultern. Von seinen beiden jüngeren Brüdern kamen schon lange keine Feldpostbriefe mehr. Sie waren – der eine auf dem Vormarsch in Frankreich, der andere in der Nähe von Prag – gefallen.

Groll und Müdigkeit kosteten viel Energie und entfachten seine Selbstzweifel, die oftmals in Selbstgesprächen endeten. Er bemühte sich, die Angst vor der Familie zu verbergen.

»Wie soll ich das alleine schaffen, wenn ich die Arbeit immer wieder unterbrechen muss wegen der Brandbomben, die auf unsere Felder und Häuser fallen? Wenn Zwangsarbeiter als Ersatz für kräftige Landarbeiter, die zum Wehrdienst eingezogen worden waren, schwere Arbeiten auf den Feldern verrichten müssen? Wenn deren Körper jedoch wegen Unterernährung so ausgemergelt sind, dass sie die Arbeit kaum bewältigten?«

Seine Gedanken kamen ins Jetzt zurück. Heute war ihr Hochzeitstag, aber schöne Empfindungen wollten dennoch nicht kommen. »Der Krieg zerstört alles, was normales Leben sonst bedeutet: Seine Freude mit Menschen teilen, die man liebt, Freunde und Nachbarn haben, mit denen man feiert, denen man seine Pläne anvertrauen kann, Frieden …«

»Harry wo bist du?«, Reginas Ruf unterbrach die Grübelei.

»Ich komme schon.«

Harry ging zum Haus, wo seine Frau vor der Tür auf ihn wartete. In der Hand trug sie den ›Schweineeimer‹ mit den wenigen Speiseabfällen, die in diesen Kriegszeiten für die Tiere noch abfielen und zu den Rübenschnitzen in die Tröge verteilt werden mussten.

»Kommst du mit in den Stall, Harry? Wir müssen füttern.«

Harry atmete tief durch. Seine Sorgen und Gedanken durften ihm den elften Hochzeitstag nicht verderben. Gerade heute sollten sie sich nicht in seinen Kopf eingraben.

»Ich folge dir doch überall hin, meine Liebste und Schönste«, flüsterte er Regina mit seinem besten Lächeln zu. »Seit elf Jahren lauf ich dir hinterher.«

»Nicht erst seit elf Jahren, mein Lieber, schon vor zwölf Jahren wolltest du was von mir. Erinnerst du dich nicht mehr?«

»Wie könnte ich das vergessen?« Harry musste grinsen. Er dachte daran zurück. Der Hund von Reginas Familie flitzte auf ihn zu, als er über den Gartenzaun ihres kleinen Häuschens am Rand des Dorfes kletterte. Er erwischte ihn am Hosenbein und riss den Stoff an der Naht in voller Länge auf. Harry stand mit nacktem Bein auf Freiers Füßen.

»War das peinlich. Und du standest am Fenster und konntest dich nicht mehr einkriegen vor Lachen.«

Mehr als der Stoff kam nicht zu Schaden. Die anschließende Nacht wurde jedoch für beide »der Himmel auf Erden«. Regina gab ihm am nächsten Morgen eine Hose ihres Vaters, damit er nicht halbnackt durch das Dorf nach Hause laufen musste.

Mit einem Kuss beendeten sie die gemeinsame Erinnerung an ihre ›himmlische‹ Vergangenheit. Regina Molter seufzte. Sich in dieser Zeit einen Himmel auf Erden zu wünschen, schien überheblich oder vermessen im Angesicht der Kriegsschicksale zahlreicher Menschen … der Soldaten, Familien, der Ausgebombten.

Sie hakten sich unter und gingen zum Stall.

»Gut, dass du mich zum Lachen gebracht hast, Schatz. Wir haben es doch immer noch besser als viele andere Familien. Unsere Mädchen sind gesund. Und sie lieben das Leben, trotz Bombenhagel und Bunker.« Sie löste sich von ihm und setzte den Schweineeimer ab.

Erneut streckte er ihr seine Hände entgegen, sie nahm sie, schmiegte sich an ihn.

»Regina, ich möchte dich nie verlieren.« Seine Augen tauchten lange in ihre. Das Glück zu fühlen und es im Blick des Anderen zu sehen, rieselte durch ihre Körper wie ein warmer Regen im Sommer.

Für diese eine Minute vergaßen sie ihre Sorgen, als gäbe es nur sie beide auf einer Insel des Friedens.

»Was meinst du, sollen wir heute Abend mal einen Spaziergang am Rhein machen? Wenn es keinen Bombenalarm gibt, könnten wir bis Himmelgeist laufen. Das haben wir schon so lange nicht mehr gemacht.«

Harrys Hand fuhr zärtlich durch ihre roten Locken. Er setzte noch einen Kuss auf ihre Stupsnase, die sie so keck aussehen ließ.

»Wir können uns höchstens mit den Kindern hinter den Deich ins Gras setzen und Brote mitnehmen als kleines Picknick, mein Schatz«, antwortete Regina. »Falls es wieder Alarm gibt, sollten wir doch in der Nähe des Bunkers bleiben.«

»Du hast Recht, man vergisst das nur zu gerne«, gab Harry zu.

Die Zeit, die sie dort verbringen mussten, wurde inzwischen immer länger. Und der Alarm kam häufig. Die Kinder fanden es besonders schlimm. Auch wenn sie zu Kleidung, Handtuch und Seife außerdem Bücher mitnehmen durften, konnten diese nicht den Lärm, den Schweißgestank und das Geschrei im Schutzraum vergessen machen, während draußen Bomben und Luftminen explodierten. Und die Enge kam als Problem hinzu. Zu Hause wachten sie oft nachts auf und weinten, weil die Aufenthalte im Bunker sie selbst in ihren Träumen verfolgte.

Das Ehepaar füllte die Tröge. Das Grunzen und Schmatzen der Tiere, die sich nun auf die gekochten Rübenschnitze und Kartoffelschalen stürzten, war die vertraute Hintergrundmusik ihrer Arbeit. Regina sah den Schweinen beim Fressen zu. Sie liebte diese Tiere ganz besonders. In drei Wochen würden Ferkel auf die Welt kommen. Die brächten wieder Leben in den Stall. Auch Agnes und Martina konnten mit ihren zehn Jahren schon mehrmals bei Geburten helfen oder zusehen, und sie liebten die neugeborenen Ferkel. »Laufende Fleischklößchen mit Steckernase«, nannten sie die Kleinen mit unschuldiger Grausamkeit.

Als Kind hätte sich Regina nie vorstellen können, auf einem Bauernhof zu leben. Sie hatte Köchin gelernt und bis zur Hochzeit in einem bekannten Hotel in Düsseldorf gearbeitet. 1933 wurde sie Mutter von Zwillingen. Ihren Beruf durfte sie danach nicht mehr ausüben. Neben der Versorgung der Kinder ging sie der Schwiegermutter zur Hand und übernahm Stall- und Gartenarbeiten. So war es üblich für Frauen in einer Bauernfamilie.

Wehmut mischte sich in die frohe Stimmung, die sie eben noch bei den Gedanken an den bevorstehenden Neuzugang im Schweinestall gefühlt hatte. Mittlerweile waren die Tröge geleert, und die Schweine liefen nach draußen in den eingezäunten Hof, wo sie Stroh und Gras fanden.

»Komm, lass uns gehen, die Kinder haben bestimmt schon das Frühstück vorbereitet«, bat Regina ihren Mann, der ihr folgte.

»Jetzt freue ich mich auf ein gutes Frühstück mit Marmelade«, meinte der, »wobei – ein Schinkenbrot wäre mir lieber.«

»Das glaube ich dir gerne. Und zum Mittag ein saftiges Kotelett, nicht wahr?«, lachte Regina. Beim Gedanken daran lief auch Regina das Wasser im Mund zusammen.

»Die Zeit dafür wird wieder kommen, Schatz«, tröstete sie ihren Mann.

Sie verließen den Stall. Gerade fuhr ein Auto in den Hof. Die beiden schauten sich an. Der Ortsbauernführer des Bezirks stieg aus dem kleinen Volkswagen. Sie waren mal dicke Freunde gewesen, Harry und er. In Hamm aufgewachsen, gingen sie einst zusammen zur Schule. Doch dann wurde Günther ein eiferndes Mitglied der NSDAP. Anfangs verhielt er sich, wie Harry es nannte, noch zivilisiert. Zu dieser Zeit trafen sie sich gelegentlich im ›Hammer Krug‹ auf ein Bier. Solange sie nur über alte Erinnerungen und die unmittelbare Landarbeit sprachen, blieb die Stimmung freundlich. Seit Günther allerdings in der Partei Karriere machte, schnellte der rechte Arm immer schneller hoch, selbst dann, wenn es nicht verlangt wurde. Nachdem er aber am neunten November 1938 bei den Plünderungen und Schmierereien jüdischer Geschäfte die Schläger der SA anfeuerte, war für Harry die Freundschaft beendet. Das verzieh er Günther nie. Damals erkannte er mit Schrecken die menschenverachtenden Ziele dieser Partei. Vorher kümmerten ihn allgemeine Politikfragen nicht besonders. Er wählte vor der Machtübernahme die Zentrumspartei. Mit deren Politik für die Landwirtschaft war er zufrieden gewesen. Nach dem Pogrom gegen jüdische Bürger wollte Harry mit Günther kein privates Wort mehr sprechen und ging ihm aus dem Weg.

Harry ahnte nichts Gutes, als Günther nun auf ihn zukam.

»Geh schon mal zu den Kindern, ich komme gleich nach, das wird ja bestimmt nicht lange dauern«, bat er Regina. Sie nickte, schaute sich aber noch einmal um und runzelte nachdenklich die Stirn, bevor sie das Haus betrat.

Was will Günther denn hier, überlegte Harry. Irgendetwas musste passiert sein. Freiwillig käme Günther nicht auf seinen Hof. Zwei Jahre zuvor kam ein Gestapobeamter mit Hilfspolizisten auf den Hof und beschuldigte Harry, er habe Waffen in einem der Felder vergraben. Sie gruben das Kartoffelfeld um in der Hoffnung, etwas zu finden, weswegen sie ihn hätten bestrafen können. Sie fanden nichts und zogen am nächsten Tag maulend ab. Wer ihn denunzierte, konnte Harry nie in Erfahrung bringen. Das Kartoffelfeld bot ein schreckliches Bild, wie von hundert Wildschweinen durchwühlt.

Dieses Ereignis ging ihm durch den Kopf, als Günther Schmitz näher kam. In seinem Bauch grummelte es.

»Hallo Harry« Günther streckte ihm die Hand entgegen und verzichtete auf den deutschen Gruß.

»Hallo« erwiderte Harry, ohne die Hand des anderen zu nehmen. »Was willst du?«

Günther presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch die Nase ein. »Hör mal«, sagte er dann leise und drehte den Kopf seitlich, fast vertraulich. »Jemand hat dich bei mir und der Gestapo angezeigt. Wegen Volksschädigung. Die werden heute noch mit zwei Polizisten und einem Polizeihund kommen, du kennst ja den alten Bollo. Die werden den Hof durchsuchen. Der Bollo ist schon sehr alt, der bedeutet sicher keine Gefahr.«

Er schaute Harry an, wartete auf dessen Reaktion. Als diese unterblieb, redete er weiter: »Ich bekam schon gestern die Nachricht, konnte dich aber nicht sofort informieren. Ist was dazwischen gekommen, was auch sehr dringend erledigt werden musste. Du weißt doch, wie die Gauleiter so sind. Wenn die sich was ausgedacht haben, dann muss es manchmal ganz schnell gehen mit der Umsetzung. Und unser Gauleiter Florian ist besonders ungeduldig.«

»Mach doch keine große Einleitung, komm schon zur Sache«, fauchte Harry.

»Ich bin als Ortsbauernführer beauftragt worden, der Sache nachzugehen«, fuhr Günther fort. »Ich mach das wirklich nicht gerne. Wenn da was dran ist, solltest du mir das jetzt sagen, Harry. Vielleicht kann ich dann was für dich tun. Denn wenn das stimmt, was gegen dich vorgebracht wird, dann sieht es wirklich nicht gut aus, das kann ich dir sagen.« Günther hielt inne.

Harry sah ihn an. Er gab sich nach außen ganz gefasst, aber ihm wurde fast schwindlig vor Aufregung und Angst.

»Jetzt sag doch endlich, was los ist. Ich habe noch einiges zu tun, muss noch den Stall ausmisten und aufs Feld. Falls du dich noch daran erinnern kannst, welche Arbeit auf einem Hof ansteht«, stichelte Harry. Er versuchte, seine Nervosität zu verbergen. Sein Herz klopfte, als er an jene Sau dachte, die er vorgestern Nacht geschlachtet hatte.

»Und musst du noch die Schweine füttern?« Günthers Augen lauerten. Er war gekränkt, seine Warnung und Hilfsbereitschaft liefen ins Leere. Er wollte sie als ein Angebot aus alter Freundschaft verstanden wissen. Harry konnte mit dem, was gegen ihn vorlag, seine Existenz und die Freiheit von Regina und den Kindern aufs Höchste gefährden. Entweder ist er naiv, dachte Günther, oder er will sich nicht helfen lassen. Wie auch immer, das ist seine Entscheidung. Dann kann ich auch nichts für ihn tun.

»Aber du kamst ja gerade aus dem Stall, nicht wahr?«, fuhr er fort, »wie ist das denn, wenn man abends noch sechs Schweine hat und morgens plötzlich nur noch fünf? Gefiel es einer Sau nicht mehr bei euch? Vielleicht ist sie auf der Suche nach einem Eber abgehauen und hat sich in Luft aufgelöst?«

Günther redete sich in Rage. Dass Harry ihm den Handschlag verwehrte und seine Warnung in den Wind schlug, nagte an ihm. Und er ärgerte sich darüber, dass der Gestapobeamte, der Augsburger, den er auch nicht besonders mochte, gerade ihn, Günther, beauftragt hatte, dieser Sache nachzugehen. Man wusste in der Leitstelle durchaus von ihrer ehemaligen Freundschaft. Er wollte damit nichts zu tun haben.

Seine Frau Marianne, ihrerseits mit Regina befreundet, verstand nicht, warum er sich nicht für Harry einsetzte. »Du musst was für ihn tun, wenn das stimmt, was man Harry vorwirft. Schwarzschlachten machen die meisten Bauern. Du hast genügend kameradschaftliche Parteigenossen, auch bei der Gestapo, die ihm helfen könnten.«

Aber wenn Harry nicht mitspielte, nutzte all das nichts.

Harry wurde bleich. Wer konnte von der Schlachtung vor zwei Nächten wissen? Regina und er hatten alle Fenster verdunkelt, der Sau gaben sie Bier mit Schlafmittel, damit sie einschlief und nicht quieken konnte, als er mit dem großen Hammer kam. Die Gefahr spürten die Tiere sofort. Mit Reginas Hilfe nahm er den Hals des Tieres zwischen die Schenkel, und drosch mit kräftigen Schlägen auf die Stirnplatte. Dann ließen sie das Blut aus der durchschnittenen Halsschlagader ab. Nach dem Töten mussten sie das Tier einen Tag an einer Leiter in der angrenzenden alten Scheune in einen Topf ausbluten lassen. Gestern Nacht zerteilten sie es und packten die Teile in vier saubere Kartoffelsäcke. Zur Vorsicht vor Kontrollen versteckten sie die Säcke bis zur heute geplanten Verarbeitung unter den Misthaufen im Garten.

»Nun, über was denkst du nach, Harry«?

»Ich frage mich, wer darauf kommt, dass ein Schwein fehlt. Zurzeit sind wir doch in Deutschland gesegnet mit Schweinen.« Sein Sarkasmus wirkte bei Günther nicht.

»Aber mal ehrlich. Wer behauptet denn, dass ich geschlachtet habe. Schau mal in deine Unterlagen, wann sind die letzten Ferkel gemeldet worden? Und wie war der Bestand der Sauen an dem Tag? Ich erinnere mich nämlich genau daran, das war vor zwei Jahren. Da besaß ich fünf Sauen, davon lag für zwei Sauen die amtliche Erlaubnis zum Schlachten vor, blieben also noch drei im Stall, wovon eine leider nur zwei lebende Ferkel bekam. Die ich auch ordnungsgemäß gemeldet habe. Und das sind heute wieder fünf Schweine nach Adam Riese.«

Günther blätterte in der Akte. Was Harry sagte, entsprach den Eintragungen. Aber wieso zum Teufel behauptete Parteigenosse Helmut Schneider, der Postbote, Harry habe sechs Schweine? Er hätte sie gesehen, als er neulich Briefe zum Hof brachte. Es gab keinen Grund, Helmut zu misstrauen. Bisher stimmten dessen Informationen immer.

Trotzdem wurde Günther unsicher. Vielleicht täuschte sich Schneider ja doch? Er wusste selbst, dass viele Bauern Schweine ohne Genehmigung schlachteten.

Denunzianten waren aber meist nicht die anderen Bauern, sondern neidische Mitbürger. Helmut trug erst seit kurzem die Post hier in Hamm aus. Vertretungsweise für einen erkrankten Kollegen.

»Vielleicht warf deine Sau damals ja nicht nur zwei, sondern drei Ferkel. Hat das niemand kontrolliert?«

»Stimmt, hat niemand kontrolliert. Wem glaubst du mehr, deinem Spion oder mir?«

Günther überlegte, was am besten wäre: Den Hof durchsuchen lassen und nichts finden? Dann wäre er in Hamm bei vielen Bauern unten durch. Denn Harry war bei den meisten Hammer Bürgern beliebt und angesehen, auch ohne Parteibuch. Konnte er die Sache unter den Tisch kehren? Das würde er am liebsten tun. Aber das könnte für ihn selbst zum Problem werden. Die Anschuldigung des Postboten gab es schriftlich. Er bestand darauf, seinen Angaben nachzugehen. Und wenn seine Aussage stimmte, dann war Harry nach dem Kriegswirtschaftsgesetz strafbar geworden, weil er dem Volk Fleisch entzog. Er würde sich vor Gericht verantworten müssen. »Harry«, er wandte sich ihm zu, »die kommen gleich mit Bollo. Ich kann nichts tun. Du hast es nicht anders gewollt.«

Grußlos ging Günther zurück zum Auto, stieg ein und fuhr langsam los. Bollo ist alt, und wenn Harry wirklich geschlachtet hat, dann wird er das tote Schwein ja vom Hof geschafft haben. Für blöd halte ich ihn nicht, sagte er sich. Ein unsicheres Gefühl blieb.

Das Auto mit einem Beamten der Gestapo und zwei Hilfspolizisten fuhr auf den Hof, vorbei an Günthers Auto, das ihnen dabei entgegen kam.

Harry blieb zurück. In seinem Kopf rauschte es, und ein schmerzhafter Druck verstärkte sich hinter seinem rechten Auge.

Als der Gestapobeamte und die Polizisten aus dem Wagen stiegen und nicht Bollo, sondern der neue junge Polizeihund Hasso heraus sprang, brach ihm der Schweiß aus. Dessen Nase entging sicher nichts.

Mittlerweile war auch Regina wieder nach draußen gekommen und zu Harry gegangen. »Was ist denn hier los? Mein Gott, du bist ja ganz weiß im Gesicht und deine Hände zittern.«

Sie ahnte die Gefahr und ließ die Polizisten nicht aus den Augen. Ihr Herz hämmerte. Harry zog seine Frau zur Seite.

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