Kitabı oku: «Von Natur aus anders»

Die Autorin
Doris Bischof-Köhler ist 1936 in Bad Dürkheim an der Weinstraße geboren. Nach dem Abitur 1955 studierte sie Psychologie an den Universitäten Tübingen und München und erhielt 1960 ihr Diplom. Seit 1960 ist sie mit Norbert Bischof verheiratet. Der Ehe entstammen drei Töchter.
Nach ihrer Mutterzeit arbeitete sie in verschiedenen Forschungseinrichtungen, unter anderem am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen und in der Stiftung für Humanwissenschaftliche Grundlagenforschung in Zürich. Von 1983 bis 1986 ließ sie sich am Institut für Ehe und Familie in Zürich zur systemischen Ehe- und Familientherapeutin ausbilden. Von 1983 bis 1997 war sie als Lehrbeauftragte für den gesamten Bereich der Entwicklungspsychologie am Psychologischen Institut der Universität Zürich verantwortlich. In dieser Zeit gelang ihr der experimentelle Nachweis der engen strukturellen Beziehung zwischen dem Selbsterkennen im Spiegel und dem Einsetzen der Empathie um den 18. Lebensmonat. Über dieses Thema promovierte sie bei Gisela Trommsdorff in Konstanz; ihre Forschung erhielt von der dortigen Universität die Auszeichnung als beste Dissertation des Jahres 1988. In der Folgezeit war sie an verschiedenen Hochschulen als Dozentin tätig. Im Jahr 2005 wurde sie an der Universität München habilitiert und zur apl. Professorin für Psychologie ernannt.
Die Forschungsinteressen des Ehepaars Bischof sind evolutionspsychologisch geprägt und überlappen sich weitgehend, was von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie durch die gemeinsame Verleihung des Deutschen Psychologiepreises 2003 gewürdigt wurde. Sie haben jedoch separate Schwerpunkte, wobei Doris Bischof-Köhler sich außer auf die Geschlechterpsychologie auf die Themen Empathie, Selbsterkennen, Theory of Mind und Zeitverständnis sowie die Zusammenhänge zwischen kognitiver und motivationaler Entwicklung im Vorschulalter konzentriert.
Im Jahr 2011 war sie nach einer Operation am offenen Herzen gezwungen, ihre forscherische Aktivität zu beenden und sich auf theoretische Arbeit zu beschränken. Diese Erfahrung hat in ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch positive Spuren hinterlassen – umschweiflose Konzentration auf das Wesentliche und ein vertieftes Misstrauen gegen »große Erzählungen«.
Doris Bischof-Köhler
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5., erweiterte und überarbeitete Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
2002/2022 © W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037881-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037882-7
epub: ISBN 978-3-17-037883-4
Für
Karoline
Annette
Franziska
und ihren Vater
Inhalt
1 Vorwort zur fünften Auflage
2 Vorwort zur ersten Auflage
3 Einleitung
4 1 Die Macht der Stereotypen
5 1.1 »Baby Sexing«
6 1.2 Stereotype
7 1.3 Androgynie
8 1.4 Die Studie von Maccoby und Jacklin
9 1.5 Feinschlägige Nuancen
10 1.6 Methodische Probleme
11 1.7 Ein Perspektivenwechsel
12 2 Der Wunsch nach Veränderung
13 2.1 Sozialisierte Geschlechtsunterschiede
14 2.2 Kinderläden
15 2.3 Geschlechtsneutrale Erziehung
16 2.4 Tausendjährige Sozialisation?
17 2.5 Geschlecht als Morphologie
18 2.6 Geschlecht als Inszenierung
19 2.7 Toxische Maskulinität
20 2.8 Gender Mainstreaming
21 2.9 Gender Studies
22 2.10 »Sokal Squared«
23 2.11 Repressive Korrektheit
24 3 Die missverstandene Biologie
25 3.1 Angst der Regie vor dem Autor
26 3.2 »Veranlagte Verhaltensweisen sind nicht veränderbar«
27 3.3 »Geringe Anlageunterschiede sind unbedeutend«
28 3.4 »Gleichbehandlung reduziert Geschlechtsunterschiede«
29 3.5 »Natur und Freiheit sind Gegensätze«
30 3.6 »Die Biologie bestimmt die Moral«
31 3.7 »Die Biologie legitimiert die Abwertung der Frau«
32 Teil I Theorien und ihre Evidenz
33 4 Freud und die Folgen
34 4.1 Ödipus- und Kastrationskomplex
35 4.2 Elektrakomplex und Gebärneid
36 4.3 Kritische Anmerkungen
37 4.4 Bindung ist nicht gleich Sexualität
38 4.5 Feministische Alternativen
39 5 Dressur und Nachahmung
40 5.1 Theorie der geschlechtstypischen Verstärkung
41 5.2 Erziehungspraxis der Eltern
42 5.3 Erziehungspraxis im Kindergarten
43 5.4 Erziehung durch Gleichaltrige
44 5.5 Zwischenbilanz
45 5.6 Annahmen über die »Natur« der Geschlechter
46 5.7 Bezugssysteme
47 5.8 Baby-X-Studien
48 5.9 Die Rolle der Nachahmung
49 5.10 Kriterien für die Modellwahl
50 5.11 Befunde zur Nachahmung von geschlechtstypischem Verhalten
51 6 Kohlbergs Alternative
52 6.1 Invariante Stufen der Entwicklung
53 6.2 Zum Begriff »Identität«
54 6.3 Zuordnung des Geschlechts
55 6.4 Geschlechtspermanenz
56 6.5 Geschlechtskonsistenz
57 6.6 Wirklichkeit und Schein
58 6.7 Invarianz
59 6.8 Entwicklungsfolge
60 6.9 Geschlechtskonstanz und geschlechtstypisches Verhalten
61 7 Stereotype und Geschlechtsrollenverhalten
62 7.1 Die ersten Geschlechtsstereotypen
63 7.2 Abwertung und Aufwertung
64 7.3 Stereotype sind hartnäckig
65 7.4 Die Geschlechtsschema-Theorie
66 8 Präferenzen
67 8.1 Was und womit Kinder am liebsten spielen
68 8.2 Angebot von Spielsachen
69 8.3 Spielsachen im Kulturvergleich
70 8.4 Gegenstereotype
71 8.5 Welcher Elternteil wird bevorzugt?
72 8.6 Väterlicher und mütterlicher Spielstil
73 8.7 Mädchen und Jungen wollen nichts voneinander wissen
74 8.8 Kompatibilität der Verhaltensstile
75 8.9 Kompatibilität der Bewegungsweisen
76 8.10 Konfliktlösungsstrategien
77 8.11 Kohlbergs Theorie überprüft
78 9 Systemorientierte Erziehungshaltung
79 9.1 Kinder provozieren Verhalten
80 9.2 Unausgeglichenheit und emotionale Stabilität
81 9.3 Interesse an Menschen oder Sachen
82 9.4 Reaktion der Erwachsenen
83 9.5 Interaktion von Disposition und Sozialisation
84 9.6 Fazit
85 Teil II Biologische Begründungen und ihre Evidenz
86 10 Die Evolution der Geschlechtsunterschiede
87 10.1 Was heißt »biologisch«?
88 10.2 Ultimate und proximate Ursachen
89 10.3 Warum zwei Eltern?
90 10.4 Warum zwei Geschlechter?
91 10.5 Parentale Investition
92 10.6 Qualitative und quantitative Fortpflanzungsstrategie
93 10.7 Fisher’s rule
94 10.8 Geschlechtstypische Konsequenzen
95 11 Männliche Strategien
96 11.1 Konkurrenz unter Männchen
97 11.2 Ritualisierung
98 11.3 Fremd und vertraut
99 11.4 Risikobereitschaft
100 11.5 Misserfolgstoleranz
101 11.6 Männliche Fürsorgebereitschaft
102 11.7 Werbungsstrategien
103 11.8 Männliche sexuelle Gewalt
104 12 Weibliche Strategien
105 12.1 Thesen zur weiblichen Ausstattung
106 12.2 Weibliche Aggressivität
107 12.3 Weibliche Rangordnung
108 12.4 Weibliche Abwanderung
109 12.5 Weibliche Promiskuität
110 12.6 Weibchen verführen Weibchen
111 12.7 Ranghöhe und Reproduktionserfolg bei Weibchen
112 12.8 Treue-analoges Verhalten
113 12.9 Eifersucht
114 13 Geschlechtstypische Verhaltensdispositionen beim Menschen
115 13.1 Schluss vom Tier auf den Menschen?
116 13.2 Scheinbar widersprüchliche Befunde
117 13.3 Menschliches Verhalten unter ultimater Perspektive
118 13.4 Phylogenetische Kontinuität
119 13.5 Eheformen beim Menschen
120 13.6 Kriterien für die Partnerwahl
121 13.7 Weibliche Präferenzen
122 14 Menschliche Phylogenese
123 14.1 Mutmaßungen über die Anthropogenese
124 14.2 Sammlerinnen
125 14.3 Mütterliche Fürsorglichkeit
126 14.4 Jäger und Krieger
127 14.5 Vorgabe für Geschlechtsrollen
128 15 Geschlechtsrollen im Kulturvergleich
129 15.1 Die Universalität und ihre Ausnahmen
130 15.2 Vergleich von Geschlechtsrollen
131 15.3 Margaret Mead und der Kulturrelativismus
132 15.4 Kritik und Revision
133 15.5 Das Grundgeschlecht des Menschen
134 15.6 Das Matriarchat
135 15.7 »Herrschaft« oder »Anfang«?
136 15.8 Matrilinearität
137 15.9 »Geschlechtsegalitäre« Kulturen
138 16 Frauen im Kibbuz
139 16.1 Die Frauen vom Joch der Kinderaufzucht befreien
140 16.2 Frauen revoltieren
141 16.3 »Präkulturelle Determinanten«
142 16.4 Nicht sexistische Erziehung im Kinderhaus
143 17 Die Entstehung von Mann und Frau
144 17.1 Von der Phylogenese zur Ontogenese
145 17.2 Drei Umweltwirkungen
146 17.3 Genetisches Geschlecht
147 17.4 Gonadales Geschlecht
148 17.5 Äußeres morphologisches Geschlecht und Hormonsteuerung
149 17.6 Geschlechtsspezifische Organisation von Verhaltensdispositionen
150 17.7 Pränatale Hormonwirkung bei normaler Fötalentwicklung
151 17.8 Postnatale Hormonwirkungen
152 17.9 Pubertät
153 17.10 Primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale
154 17.11 Geschlechtsdimorphismus
155 18 Varianten geschlechtlicher und sexueller Entwicklung
156 18.1 Prototypen und Varianten
157 18.2 Weiblicher Pseudohermaphroditismus
158 18.3 Androgene versus Sozialisation
159 18.4 Kompensatorische Aktivierung?
160 18.5 Konfliktbewältigung bei fötaler Androgenisierung
161 18.6 Spielzeugpräferenz und pränatale Hormone
162 18.7 Männlicher Pseudohermaphroditismus
163 18.8 Soziale Konstruktion der Geschlechtsidentität?
164 18.9 Das Zuweisungsgeschlecht
165 18.10 Ein drittes Geschlecht?
166 18.11 Genetische Anomalien
167 18.12 Männlich, weiblich, divers
168 18.13 Unglücklich mit dem eigenen Geschlecht
169 18.14 Neue Wege im Umgang mit Geschlechtsdysphorie bei Kindern
170 18.15 Ursachen für Geschlechtsdysphorie
171 18.16 Sexuelles Interesse am gleichen Geschlecht
172 18.17 Das Fremde wird erotisch faszinierend
173 18.18 Erziehung oder pränatale Hormone?
174 18.19 Ein Gen für Homosexualität?
175 18.20 Weibliche Homosexualität
176 Teil III Interaktion biologischer und soziokultureller Faktoren
177 19 Männer und Frauen denken anders
178 19.1 Intelligenztests
179 19.2 Was sind visuell-räumliche Fähigkeiten?
180 19.3 Die Vielfalt verbaler Fähigkeiten
181 19.4 Wie lassen sich die Vorteile in den kognitiven Bereichen erklären?
182 19.5 Lateralisierung und Androgene
183 19.6 Wozu sind Geschlechtsunterschiede in den räumlichen und verbalen Leistungen gut?
184 19.7 Wieweit sind die räumlichen und verbalen Unterschiede sozialisiert?
185 20 Mathematik, eine Domäne der Männer?
186 20.1 Ein aufschlussreiches Experiment
187 20.2 Ursachen
188 20.3 Bedrohung durch Stereotype
189 20.4 Mathematik und die Gesellschaft
190 20.5 Linkshändig, kurzsichtig und allergisch
191 20.6 Was ist mathematisches Denken?
192 20.7 Zwei komplementäre Denkstile
193 20.8 Funktionale Denker und prädikative Denkerinnen
194 20.9 Die Lust, Probleme zu lösen
195 21 Versuche zur Angleichung
196 21.1 Missverhältnis bei der Fächerwahl
197 21.2 Polarisierung
198 21.3 Das Experiment Koedukation
199 21.4 Verschärfung der Geschlechtsrollendifferenz
200 22 Selbstvertrauen
201 22.1 Überschätzung und Unterschätzung
202 22.2 Furcht vor Erfolg
203 22.3 Die Erklärung von Erfolg und Misserfolg
204 22.4 Lob und Tadel in der Familie
205 22.5 Alternative Erklärung
206 22.6 Lob und Tadel in der Schule
207 23 Geborgenheit und Neugier
208 23.1 Vertrautheit und Sicherheit
209 23.2 Unbekanntheit und Erregung
210 23.3 Die Bedeutung von Bindung und Erkundung bei Kleinkindern
211 23.4 Sicherheits- und Erregungsmanagement bei Zweijährigen
212 23.5 Faszination durch unbekannte Objekte
213 23.6 Die Raumfähre
214 23.7 Risikobereitschaft
215 23.8 Auffallen um jeden Preis
216 23.9 Das Licht unter dem Scheffel
217 24 Macht und Geltung
218 24.1 Aggression
219 24.2 Geschlechtsunterschiede in der Aggression beim Menschen
220 24.3 Reaktive und assertive Aggression
221 24.4 Toughness-Rating
222 24.5 Aufmerksamkeitsstruktur
223 24.6 Sind Mädchen weniger an Rangauseinandersetzungen interessiert?
224 24.7 Rangverhalten bei Jungen
225 24.8 Rangverhalten bei Mädchen
226 24.9 Dominanz- und Geltungshierarchie
227 24.10 Beziehungsaggression
228 24.11 Der Krabbenkorb und die Bienenkönigin
229 24.12 Die Hintergründe weiblichen Rivalisierens
230 25 Konkurrenz zwischen den Geschlechtern
231 25.1 Das Ende der Arbeitsteilung
232 25.2 Verhalten bei Kompetition
233 25.3 Vorteile für die Männer
234 25.4 Ins Abseits driften
235 25.5 Durchsetzung und Selbstvertrauen
236 25.6 Die Rolle der Hormone
237 25.7 Testosteron und Erfolg
238 25.8 Testosteron bei Frauen
239 25.9 Eine mögliche Rolle der Östrogene
240 26 Fürsorge und Verantwortlicheit
241 26.1 Starke und schwache Identitäten
242 26.2 Beruf und Familie
243 26.3 Freundschaften
244 26.4 Prosoziale Dominanz
245 26.5 Empathie und Gefühlsansteckung
246 26.6 Empathie und Perspektivenübernahme
247 26.7 Systematik versus Empathie
248 26.8 Zum Dienen geboren?
249 26.9 Männliche »Brutpflege«
250 26.10 Hausväter und berufstätige Mütter
251 26.11 Zum Dienen erzogen?
252 Epilog
253 27 Natur und Gesellschaft
254 27.1 Was bedeutet »genetische Fundierung«?
255 27.2 Soziokulturelle Erklärungen
256 27.3 Ultimate Verursachung
257 27.4 Proximate Verursachung
258 27.5 Die Frage der Interaktion
259 27.6 Wie soll es weitergehen?
260 Literatur
261 Sachverzeichnis
262 Personenverzeichnis
Vorwort zur fünften Auflage
Als der Kohlhammer-Verlag mit der Frage an mich herantrat, wie es denn mit »Von Natur aus anders« weitergehen soll und ob ich mich entschließen könnte, eine Nachauflage ins Auge zu fassen, war ich sofort geneigt, diese Arbeit auf mich zu nehmen. Die Frage der Geschlechtsunterschiede ist heute mehr denn je ein Politikum, und speziell die Vorstellungen über den Einfluss der Biologie auf unser Verhalten sind nach wie vor von einer solch stupenden Einfalt, dass man es nicht dabei belassen kann. Dann aber habe ich gezögert. Das Thema ist so aktuell, dass die Literatur – die seriöse wie auch die tendenziöse – ein Ausmaß angenommen hat, das mir allein schwer zu bewältigen schien.
Ohne kompetente Hilfe wäre das auch nicht gegangen. Sie kam in erster Linie von Norbert Zmyj. Er hatte bei mir in München studiert, an meiner entwicklungspsychologischen Forschung aktiv teilgenommen, seine Diplomarbeit bei mir geschrieben, seine Doktorarbeit in Leipzig am Max-Planck-Institut verfasst und ist inzwischen selbst Professor mit gründlicher Lehr- und Forschungserfahrung auf diesem Gebiet. Er versorgte mich mit Hintergrundinformationen, half mir beim Literaturverzeichnis, überprüfte Literaturzitate und war mir insgesamt ein wichtiger Diskussionspartner, der mit Unbestechlichkeit auch auf kritischen Anmerkungen bestand. Ihm gilt mein ganz besonderer Dank.
In Bezug auf den Inhalt des Buches habe ich mich weitgehend nach der Vorauflage gerichtet und diese nach Möglichkeit durch neuere Studien ergänzt, wobei es sich, dem Zeitgeist folgend, oft um Meta-Analysen handelt. Dabei war festzustellen, dass es Forschungsbereiche gibt, deren Gegenstand sich in der neueren Literatur komplett gewandelt hat; so gab es, um nur ein Beispiel zu nennen, zum Thema Entwicklung der Geschlechtsidentität früher hauptsächlich Studien zu deren typischem Verlauf, während heute der Fokus in erster Linie auf ihren Varianten liegt. Ältere Studien, sofern sie mir verlässlich und aufschlussreich erschienen, habe ich nicht weggelassen, nur weil sie aus dem 20. Jahrhundert stammen. Warum sollten sie schlechter sein als neuere, zumal diese bisweilen auch nicht eine wünschenswerte methodische Differenziertheit des Vorgehens aufweisen.
Ich habe mich der Herausforderung gestellt, den Gender Studies, dem Gender Mainstreaming und der an sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten omnipräsenten Kritik an der Zweigeschlechtlichkeit in dieser Überarbeitung einen breiteren Raum zuzubilligen. Wenn man sich auf diese Themen einlässt, ist es nicht zu vermeiden, dass sich irgend jemand auf die Füße getreten fühlt. Ich habe mich bemüht, in der Sache eindeutig Stellung zu beziehen und gleichzeitig niemanden zu kränken, aber Letzteres war bei diesem Thema noch nie zu vermeiden. Deshalb, sei’s drum, es musste gesagt werden.
Bleibt mir, Herrn Dr. Ruprecht Poensgen sowie Frau Annika Grupp und Frau Kathrin Kastl für die gute Zusammenarbeit zu danken. Insbesondere möchte ich Frau Stefanie Reutter nennen, die sich engagiert der Endredaktion des Manuskriptes annahm. Dank gebührt auch den Mitarbeiterinnen von Norbert Zmyj, insbesondere Frau Claudia Rothermundt und Frau Helen Andrzejczak, die das Manuskript korrigierten und sich ausdauernd mit der Herstellung des Personen- und des Sachwortverzeichnisses befassten.
| Bernried, im Januar 2022 | Doris Bischof-Köhler |
Vorwort zur ersten Auflage
Als ich Mitte der 1980er Jahre zum ersten Mal eine Vorlesung über die Entwicklung geschlechtstypischer Verhaltensunterschiede hielt, rief diese gemischte Reaktionen hervor: ein Teil der Studierenden war offenkundig fasziniert, bei anderen meldete sich heftiger Widerspruch, einzelne blieben sogar aus Protest weg. Woran lag das? Ich hatte das Geschlechterthema explizit in einen evolutionsbiologischen Bezugsrahmen gestellt und dem Auditorium zugemutet, sich mit der Möglichkeit anlagebedingter Verhaltensunterschiede auseinanderzusetzen. Das erschien einigen politisch nicht korrekt, schrieb es doch scheinbar die Diskriminierung von Frauen fort. Positive Reaktionen kamen dagegen von Studierenden, die verstanden hatten, dass es mir primär darum ging, sie an eine etwas differenziertere Sicht des Anlage-Umwelt-Verhältnisses heranzuführen und ihnen bezüglich der Biologie die Angst zu nehmen, die immer ein schlechter Ratgeber ist.
Ich habe die Vorlesung turnusmäßig bis heute immer wieder gehalten und die negativen Reaktionen haben deutlich abgenommen. Während man vor 15 Jahren bisweilen allen Mut zusammennehmen musste, um gewisse Aussagen mit Provokationspotential nicht um des lieben Friedens willen kurzerhand wegzulassen, gestaltet sich das Klima neuerdings zunehmend so, dass ich offene Türen einzurennen meine. Dass die Geschlechter von Natur aus verschieden sein könnten, wird heute mit einer gewissen Selbstverständlichkeit konzediert.
Was hat diesen Einstellungswandel wohl bewirkt? Mag sein, dass ich in den Jahren eine gewisse Routine entwickelt habe, die heiße Ware an den Mann oder die Frau zu bringen. Vielleicht spielen aber auch die Fortschritte der Genetik eine Rolle, von denen man fast täglich liest. Sie haben der Biologie eine Präsenz im öffentlichen Bewusstsein verschafft, die es nicht mehr erlaubt, sie im Stile vergangener Jahrzehnte zu verdrängen.
Möglicherweise hängt die gelassenere Einstellung der Studierenden – und unter ihnen insbesondere der weiblichen – aber auch damit zusammen, dass Frauen ihre Situation weniger aussichtslos sehen und sich deshalb von biologischen Argumenten nicht mehr so sehr bedroht fühlen. Falls diese Annahme zutrifft, stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, ein Buch wie das hier vorgelegte zu veröffentlichen. Sein Hauptanliegen geht ja dahin, eine differenzierte Diagnose der Faktoren zu liefern, die einer Diskriminierung von Frauen Vorschub leisten. Vielleicht ist das inzwischen gar nicht mehr erforderlich und die Situation hat sich bereits so weit zum Guten gewendet, dass man getrost das Weitere abwarten kann.
Analysiert man die gesellschaftliche Situation allerdings genauer, dann erscheint eine allzu große Euphorie nicht angebracht. Zwar fordern junge Frauen heute mit Selbstverständlichkeit ihr Anrecht auf eine berufliche Karriere ein und viele machen ihren Weg. Wie sieht das aber in der Praxis aus? Ich bin Mutter dreier Töchter. Mein Mann und ich haben sie nach Kräften ermutigt, anspruchsvolle Berufe zu ergreifen, und sie sind darin inzwischen auch sehr erfolgreich. Dafür schlagen sie sich jetzt aber mit dem Problem herum, wie sie die Familie und insbesondere den Kinderwunsch mit ihrer Tätigkeit vereinbaren können. Diese persönliche Erfahrung ist, wie ich fürchte, repräsentativ. In Deutschland, und nicht nur hier, geht die Geburtenziffer dramatisch zurück. Frauen verzichten zunehmend zugunsten der Berufstätigkeit auf Kinder, und viele erleben diese Wahl keineswegs als befriedigend. Jedenfalls gehört es für die meisten meiner Studentinnen auch heute noch zum Lebensplan, Beruf und Familie zu vereinigen. Ob ihnen das gelingen wird, ist eine offene Frage. Die Karrieremuster, die ihnen unsere Gesellschaft anzubieten hat, werden so manche unter ihnen nötigen, auf das eine oder das andere zu verzichten, wenn nicht die Kinder die Zeche zahlen sollen.
Ich meine also, dass das Thema dieses Buches nicht an Aktualität eingebüßt hat. Es ging darum, alles zusammenzutragen, was man wissen sollte, wenn man eine gerechte Lösung für das Zusammenleben und die Selbstverwirklichung der Geschlechter sucht. Ob das lückenlos gelungen ist, bleibe dahingestellt, jedenfalls habe ich mich darum bemüht. Allerdings gebe ich unumwunden zu, dass mir die These, die beiden Geschlechter seien allein beim Menschen, wie sonst nirgends in der Natur, mit völlig gleichen Verhaltensdispositionen ausgestattet, von Anfang an nicht eben überzeugend schien. Ich habe mich dem Thema also in einer gewissen Erwartungshaltung genähert und kann nicht ausschließen, dass das Spuren hinterlassen hat. Allerdings kann ich guten Gewissens sagen, dass es nie meine Absicht war, irgendetwas zu »beweisen«.
Das Buch ist im Grundtenor entwicklungspsychologisch konzipiert; auf diesem Gebiet liegt mein eigener Kompetenzschwerpunkt. Man kann das Thema aber nicht ohne interdisziplinäre Brückenschläge behandeln; es waren also auch noch andere Forschungsperspektiven einzubeziehen, darunter namentlich die Evolutionsbiologie, die Anthropologie, die Primatologie, die Endokrinologie und die vergleichenden Kulturwissenschaften. Ohne regen Gedankenaustausch mit Spezialisten in den betreffenden Gebieten wäre das nicht möglich gewesen. Unter diesen sind vor allem Jane Goodall, Hans Kummer und August Anzenberger zu nennen. Ferner möchte ich mich bei meinen studentischen Mitarbeiterinnen Margot Kirkpatrick, Christa Seiler, Marianne Rahm, Laura Alagia Collenberg, Sybille Bechstein-Renner und Manuela Oesch bedanken, die durch Experimentalarbeiten und Literaturrecherchen einen Beitrag zu diesem Buch geleistet haben. Dankbar verbunden bin ich auch Lutz von Rosenstiel, der mir wiederholt die Möglichkeit gab, das Thema »Frau und Karriere« mit Managern zu diskutieren, Rudolf Cohen, der einige zentrale Thesen sehr gründlich mit mir erörtert hat, und Irmgard Bock, die die Mühe auf sich genommen hat, das fertiggestellte Manuskript zu lesen und mir ein wertvolles Feedback zu geben.
Ein besonderes Wort dankbarer Erinnerung gebührt Ferdinand Merz. Mit seinem Buch: »Geschlechterunterschiede und ihre Entwicklung« ist er mir in all den Jahren, in denen ich mich mit der Materie beschäftigte, Vorbild gewesen. Seine Weise, an die Frage heranzugehen, setzt genau die richtigen Akzente und berührt alle die Bereiche, die mir beachtenswert erscheinen. Sein leider nicht mehr aufgelegtes Werk ist heute, mehr als 20 Jahre nach seinem Erscheinen, noch genau so gültig wie damals, und vieles, was darin Vermutung bleiben musste, ist inzwischen empirisch bestätigt worden.
Auch unsere drei Töchter Karoline, Annette und Franziska seien noch einmal genannt. Sie haben nicht nur Anschauungsmaterial für viele Probleme geliefert, die in dem Buch behandelt werden, sondern waren mir auch wichtige Diskussionspartnerinnen. Vor allem aber haben sie mich immer wieder gedrängt weiterzumachen, wenn mir im Laufe der Jahre der Atem einmal kurz wurde. Dies gilt in besonderem Maße auch für meinen Ehemann Norbert, den ich, was die Unterstützung betrifft, die er mir zuteil werden ließ, eigentlich einen Feministen nennen möchte, auch wenn er das nicht gerne hört. Wenn mir anlässlich von Vorträgen zum Thema Geschlechtsunterschiede ein eisiger Wind entgegenwehte, war er zur Stelle und stärkte mir den Rücken. Insbesondere aber hat er inhaltlich Wesentliches zu dem Buch beigetragen. Schon Mitte der sechziger Jahre hat er zu dem damals unter Verhaltensforschern noch kaum aktuellen Thema ein interdisziplinäres Symposium in der Reimers-Stiftung organisiert, mit dem unser gemeinsames Interesse an diesem Arbeitsgebiet seinen Anfang nahm. Seitdem hat sich eine gewisse Arbeitsteilung eingestellt, bei der er eher die evolutionsbiologische Perspektive eingebracht hat, während ich selbst mich vor allem als Entwicklungspsychologin verstehe. Insofern dokumentiert dieses Buch auch, dass zuweilen Forscherehen funktionieren können.
Abschließend möchte ich noch dem Kohlhammer-Verlag, insbesondere Herrn Dr. Poensgen, für die sehr angenehme Zusammenarbeit danken.
| Bernried, im Mai 2001 | Doris Bischof-Köhler |
Einleitung
1 Die Macht der Stereotypen
1.1 »Baby Sexing«
Etliche Jahre hielt ich in regelmäßigem Turnus eine Vorlesung über die Entwicklung von Geschlechtsunterschieden, die damit zu beginnen pflegte, dass dem Auditorium eine Reihe von Videofilmen mit Kindern im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren vorgeführt wurde. Die Studierenden sollten bei jedem Kind raten, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Dies ließ sich bei dieser Altersklasse nicht einfach an Äußerlichkeiten feststellen, denn Mütter zogen ihre kleinen Kinder längst nicht mehr geschlechtsrollenkonform an. So trifft man Jungen mit langen, wallenden Locken und goldenen Armbändchen ebenso wie Mädchen mit Kurzhaarfrisuren und in Höschen, beide sowieso noch mit Windelpaketen, die auch nicht gerade zwischen den Geschlechtern differenzieren. In Anlehnung an den angelsächsischen Sprachgebrauch, bei dem Geschlechtsbestimmung von Haustieren kurzerhand auf die dort üblich pragmatische Weise als »Sexing« bezeichnet wird, bereicherte eine Studentin, die bei der Auswahl des Videomaterials zur Hand ging, unseren Laborjargon um den Begriff »Baby Sexing«. Die Studierenden sollten dabei ihren Eindruck zunächst spontan äußern und dann versuchen, sich Rechenschaft abzulegen, anhand welcher Merkmale sie zu ihrem Urteil kamen.
Nach etlichen Wiederholungen dieser Übung gaben einige Merkwürdigkeiten zu denken, die regelmäßig auftraten. Über die Jahre hinweg zeigte sich nämlich, dass die Beurteilungen zwar häufig danebengingen, dass die verschiedenen Gruppen aber in hohem Maße in der Wahl der Merkmale übereinstimmten, mit der sie ihre Zuordnungen begründeten, so dass man dazu übergehen konnte, eine vorbereitete Folie mit einer Liste von Eigenschaften für den Hellraumprojektor mitzubringen, die mit jeweils nur geringfügigen Modifikationen dann die Grundlage für die Diskussion abgab. Die nachfolgende Tabelle 1.1 informiert über die Einträge dieser Liste, soweit sie das Verhalten betreffen. Physiognomische Kriterien (Kopfform, Körperbau, Haltung und Bewegung, Zierlichkeit, Weichheit etc.) wurden auch genannt, sollen hier aber außer Betracht bleiben. Interessant ist auch, dass gewisse Merkmale sowohl für die Beurteilung als Junge als auch als Mädchen den Grund lieferten. So wurde z. B. einerseits der Eindruck, das Kind sei konzentriert und ausdauernd bei der Sache, als Indiz für Weiblichkeit genannt, dann aber wurde auch wieder geglaubt, Jungen an ihrer Beharrlichkeit zu erkennen.
An diesem Ergebnis ist zunächst einmal nichts besonders Bemerkenswertes. Interessanter erscheint dagegen eine Verhaltenseigentümlichkeit, die sich während der Diskussion fast schon voraussagbar einstellte. Anfänglich gaben die Studierenden
Tab. 1.1: Eigenschaften, die typischerweise Jungen und Mädchen zugeschrieben werden

JungeMädchen
einige ganz unbefangene Urteile ab, etwa von der Art »Es ist ein Junge, denn er ist so draufgängerisch«, oder »Es ist ein Mädchen, denn es ist mehr am Kontakt als am Spielzeug interessiert«. Das rief die ersten verlegenen Lacher hervor und der Strom der Kommentare wurde daraufhin zähflüssiger. Inhaltlich tendierte man nun dazu, sich auf Merkmale der äußeren Erscheinung wie Haarlänge etc. zu beschränken, obwohl vorher betont worden war, dass diese irrelevant seien. Irgendetwas wurde den Studenten zunehmend peinlich, sie begannen sich offensichtlich klarzumachen, auf was sie sich bei ihrer Urteilsbildung einließen, und verloren ihre Unbefangenheit.
Nun könnte das daran liegen, dass die meisten Studierenden in einer solchen Einstufung nicht geübt sind, denn eineinhalb- bis zweijährige Kinder gehören im Allgemeinen nicht zu ihrem täglichen Umgang. Es wäre also denkbar, dass sie sich überfordert fühlten. Andererseits hing aber nichts für sie davon ab, ob sie richtig oder falsch urteilten. Die Ursachen lagen also wohl auf einem anderen Sektor. Wenn man sie direkt auf ihre Befangenheit hin ansprach, dann stellte sich regelmäßig heraus, dass sie sich zunehmend der Tatsache bewusst wurden, in ihren Äußerungen Inhalte zum Ausdruck zu bringen, die sich mit den gängigen Geschlechtsrollenstereotypen deckten, wie sie von Williams und Best kulturübergreifend festgestellt wurden: Männer gelten als durchsetzungsstärker, aggressiver, selbstbewusster und risikobereiter, Frauen als sensibler, fürsorglicher, vorsichtiger und nachgiebiger (Williams & Best, 1990). Es gibt auch einige Jahrzehnte später keine Hinweise darauf, dass sich an den Geschlechtsrollenstereotypen etwas Wesentliches geändert hat (Haines, Deaux & Lafaro, 2016). Auch wenn die Befragung der Studenten mit der Zeit geht und sie nun per Smartphone das Baby Sexing vornehmen, kommen im Wesentlichen die gleichen Stereotype zum Vorschein.
1.2 Stereotype
Unter Stereotypenversteht man soziale Urteile, die eigentlich zutreffender als Vorurteile zu kennzeichnen sind, da sie die Tendenz haben, Personen grob vereinfachend und ohne Rücksicht auf ihre Individualität zu etikettieren. Solche Überzeugungen werden von einem großen Teil der Bevölkerung geteilt; sie bestimmen die Einstellung zu eigenen und zu fremden Gruppen und eben auch die Rollenerwartungen an die Geschlechter. Da den Studierenden in diversen Vorlesungen die Botschaft vermittelt wird, eine Urteilsbildung auf der Basis von Stereotypen sei fragwürdig, ja sogar verwerflich, gerieten sie beim »Baby Sexing« offensichtlich in einen Konflikt, sobald sich zeigte, dass sie sich doch von solchen Überzeugungen leiten ließen – und dies dann gar noch öffentlich im Hörsaal. Eine Studentin brachte ihr Unbehagen einmal auf den Punkt, indem sie sich geradeheraus weigerte, überhaupt bei dieser Übung mitzumachen, mit der Begründung, ein solches Vorgehen zementiere die Diskriminierung von Frauen, man müsse doch endlich von diesen Stereotypen wegkommen und das Denken in Unterschieden überwinden.
Nun trifft es ohne Zweifel zu, dass Stereotype die Eigenschaft haben, zu übertreiben und über einen Kamm zu scheren. Tatsächlich gingen die Studierenden bei ihrer Beurteilung teilweise von recht groben Klischees aus und trafen damit dann auch tüchtig daneben. Die krassesten Fehleinschätzungen kamen dort vor, wo allein schon das bloße Auftreten eines als »typisch« männlich oder weiblich geltenden Verhaltens für die Zuordnung ausschlaggebend war, ohne dass dabei aber berücksichtigt wurde, in welcher Art dieses Verhalten ablief. Fußballspiel z. B. wurde wie selbstverständlich als Kennzeichen für Jungen gewertet, so als wäre es überhaupt nicht denkbar, dass auch einmal ein Mädchen Spaß daran findet.
Überhaupt wurden die Begründungen häufig so formuliert, als käme das betreffende Merkmal ausschließlich einem Geschlecht zu. Wurde also beispielsweise »Kontaktfähigkeit« als Indiz für Weiblichkeit angeführt, so klang das zuweilen so, als sei das männliche Geschlecht in dieser Hinsicht schlechterdings inkompetent. Stereotype Urteile sind eben nicht nur pauschal, sondern auch ausgrenzend; wird eine Eigenschaft dem einen Geschlecht zugewiesen, so wird sie dem anderen ebenso unterschiedslos abgesprochen.
1.3 Androgynie
Auch in den ersten Versuchen, Geschlechtsunterschieden wissenschaftlich durch Fragebogenerhebungen auf die Spur zu kommen1, war man davon ausgegangen, dass maskuline und feminine Merkmale bipolar auf einer einzigen Dimension liegen und sich daher gegenseitig ausschließen (
Abb. 1.1). Je weniger weibliche Eigenschaften eine Person aufweist, umso mehr männliche sollte sie auf sich vereinen und umgekehrt.
Diese Position wurde aber auf die Dauer unhaltbar. Es fanden sich zwar Merkmale, die ein Großteil der Frauen als typisch für sich reklamierte; die Männer fühlten sich dann aber keineswegs durch das Gegenteil dieser Eigenschaft adäquat charakterisiert, sondern besetzten mehr oder minder unbefangen die gesamte Bandbreite von »trifft auf mich genau zu« bis »trifft überhaupt nicht zu«, mit einer natürlichen Häufung im Bereich mittlerer Ausprägung. Entsprechendes galt für typisch männliche Merkmale.

Abb. 1.1: Eindimensionale Skala
Daraus ließ sich nur der Schluss ziehen, dass Maskulinität und Femininität unabhängige Merkmalsgruppen sind, die sich nicht strikt widersprechen, sondern kombiniert werden können. Statt einer einzigen hat man demnach zwei Achsen zu unterscheiden, deren eine durch die Pole »männlich-unmännlich«, die andere durch »weiblich-unweiblich« zu charakterisieren sind. Ursprünglich wurde angenommen, dass diese Achsen völlig unabhängig voneinander sind, was dann graphisch durch ihre orthogonale Anordnung auszudrücken wäre. Inzwischen hat sich gezeigt, dass zwar keine Identität, aber wohl doch eine gewisse Verwandtschaft zwischen weiblich und unmännlich einerseits, männlich und unweiblich andererseits besteht, so dass die Achsen heute meist in obliquer Anordnung dargestellt werden (
Abb. 1.2; Reinisch et al., 1991).
Abb. 1.2: Zweidimensionale Skala
Auch in diesem Falle hat man statt einer bipolaren eine Vier-Felder-Anordnung. Personen rangieren nur noch dann als »feminin«, wenn sie viele feminine Merkmale und zugleich niedrige Werte in Maskulinität aufweisen. Entsprechendes gilt spiegelbildlich für die Zuweisung zur Gruppe »maskulin«. Zusätzlich gibt es nun noch Personen, die sich in Bezug auf sowohl Maskulinität als auch Femininität unternormal einschätzen. Diese werden meist, nicht sehr treffend, als »undifferenziert« bezeichnet; niemand interessiert sich sonderlich für sie. Das Gegenteil gilt für die letzte Gruppe, die laut Selbstbeurteilung sowohl typisch männliche als auch typisch weibliche Merkmale in sich vereint. Diese wird nach einem Vorschlag von Sandra Bem als »androgyn« bezeichnet (Bem, 1974) und in sie wurde anfangs die Hoffnung gelegt, zukünftig als Standard psychischer Gesundheit zu gelten. Um nicht neue Geschlechterrollen zu entwerfen, ging Bem bald einen Schritt weiter und postulierte, das Ideal der Androgynie sei nicht auf einzelne Individuen, sondern auf die ganze Gesellschaft anzuwenden (Bem, 1981). Nur so könne sie vom Diktat der Geschlechterrollen befreit werden.
Bem arbeitete mit einem Geschlechtsrolleninventar, das jeweils 20 eher männliche, eher weibliche und eher geschlechtsneutrale Merkmale enthielt (
Tab. 1.2). Die Probanden hatten sich selbst auf einer siebenstufigen Skala einzuschätzen, die von »nicht oder nahezu nie zutreffend« bis zu »immer oder fast immer zutreffend« reichte.
Tab. 1.2: Beispiele aus dem Geschlechtsrolleninventar von Bem

eher zu Männern passendzu beiden Geschlechtern passendeher zu Frauen passend
Spence (Spence et al., 1974) konzipierte ungefähr um die gleiche Zeit ebenfalls einen ähnlichen Fragebogen zur Messung geschlechtsspezifischer Merkmale. Sie unterschied nur zwei Skalen, die sie mit den Symbolen F und M belegte. Zusätzlich versuchte sie die beiden Klassen auch noch inhaltlich zu identifizieren, und zwar die maskuline Skala durch das Stichwort »Instrumentalität«, die feminine durch »Expressivität«. Diese Charakterisierung entspricht aber wohl mehr dem Bedürfnis, eine einigermaßen politisch korrekte, d. h. wertfreie, Etikettierung zu finden, als dass sie wirklich als inhaltlich adäquat überzeugt.
Tab. 1.3: Beispiele aus dem Geschlechtsrolleninventar von Spence

M-Skala (Instrumentalität)F-Skala (Expressivität)
Die Bedeutung dieser Studien wird vornehmlich darin gesehen, dass sie durch einen eleganten Kunstgriff erlauben, den Kuchen gleichsam zu essen und zu behalten: Auf der einen Seite wird die im Volksmund unausrottbar verwurzelte Unterscheidung »typisch weiblicher« von »typisch männlichen« Eigenschaften aufgegriffen und beibehalten, auf der anderen aber von der schicksalhaften Bindung an das biologische Geschlecht gelöst. Wenn eine Person von Genetik und Anatomie her eine Frau ist, braucht sie deshalb noch längst nicht auch psychologisch feminin zu sein; ihr steht das ganze allgemeinmenschliche Wertspektrum offen. Wieso jene Merkmale aber überhaupt noch als »feminin« und »maskulin« apostrophiert werden, wieso man nicht wirklich konsequent nur noch etwa von »Instrumentalität« und »Expressivität« spricht, entzieht sich dann leicht der weiteren Reflexion.
1.4 Die Studie von Maccoby und Jacklin
Wie steht es nun aber wirklich mit der Verteilung »femininer« und »maskuliner« Eigenschaften auf die beiden Personengruppen, die wir im vorwissenschaftlichen Sprachgebrauch als »Mädchen« und »Jungen«, als »Frauen« und Männer« zu unterscheiden pflegen? Werden die in den Stereotypen zum Ausdruck gebrachten Differenzen wirklich nur herbeigeredet, so dass ihre terminologische Abkoppelung vom biologischen Geschlecht oder – wie im Falle der oben erwähnten Studentin – die strikte Weigerung, sie überhaupt beim Namen zu nennen, schon ausreichen könnte, um sie aus der Welt zu schaffen? Sind sie einfach nichts anderes als Vorurteile, die es endlich auszuräumen gilt?
Viele sind noch heute davon überzeugt, dass das in der Tat so ist. Die Annahme, dass die Geschlechter sich in Wirklichkeit überhaupt nicht unterscheiden, wird so selbstverständlich für zutreffend gehalten, dass man es gar nicht für notwendig hält, ihre Richtigkeit nachzuweisen. Sie wird vielmehr als das behandelt, was die Statistiker eine Nullhypothese nennen (s. Kasten).
Nullhypothesen
Wenn man dreimal hintereinander eine Sechs würfelt, muss das nicht heißen, dass der Würfel präpariert ist. Wenn also ein Forscher glaubt, irgendeinen interessanten, dem bisher verbindlichen Wissensstand widersprechenden Zusammenhang entdeckt zu haben, so muss er zunächst statistisch prüfen, ob der beobachtete Effekt nicht auch rein zufällig hätte zustande kommen können. Er muss, wie man es ausdrückt, eine Arbeitshypothese (»Der Würfel ist präpariert«) gegen die Nullhypothese (»Der Würfel ist normal«) prüfen. Das Verfahren ist asymmetrisch: Die Arbeitshypothese muss man sichern, die Nullhypothese widerlegen. Die Arbeitshypothese trägt also die Beweislast.
Das bedeutet: Wenn jemand behauptet, Unterschiede im Verhalten und Erleben von Frauen und Männern existierten nur im Volksglauben oder gar in der Fantasie von Ideologen und Chauvinisten, während in Wirklichkeit doch alle Menschen gleich angelegt seien, dann darf er dies solange tun, bis irgendwer ihn unausweichlich widerlegt, während die These, Frauen seien anders als Männer, und dies womöglich auch noch von Natur aus, die volle Beweislast zu tragen hat. Offenbar wird es als »sparsamer« empfunden, Geschlechtsunterschiede zu leugnen, als sie zu akzeptieren. Die Berechtigung zu dieser asymmetrischen Betrachtungsweise wird freilich so gut wie nie reflektiert.
Eleanor Maccoby und Carolin Jacklin von der Stanford University, die immer noch zu den prominentesten Gewährsleuten in der Frage der Geschlechtsunterschiede zählen, gingen in ihrem Buch »The psychology of sex differences« ebenfalls von der gerade formulierten Nullhypothese aus und prüften nach, ob die empirische Befundlage an irgendwelchen Stellen dazu nötigen würde, sie zu verwerfen. Sie kamen dabei zu dem Schluss, dass »viele populäre Überzeugungen über die psychologische Eigenart der beiden Geschlechter erwiesenermaßen eine geringe oder überhaupt keine Grundlage haben. Die Ursache, warum solche Mythen dennoch aufrechterhalten werden, liegt darin, dass Stereotype eine so machtvolle Wirkung haben« (Maccoby & Jacklin, 1974, S. 355, Übersetzung von D. B.-K.).
Die beiden Autorinnen haben etwa 1.600 empirische Arbeiten aus allen erdenklichen Gebieten der Psychologie daraufhin analysiert, ob männliche und weibliche Versuchspersonen dabei irgendwie abweichende Resultate erzielt hatten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Unterschiede in lediglich vier Bereichen angenommen werden müssten. Drei davon betreffen den kognitiven Stil:
Männer hätten bessere Fähigkeiten im mathematischen Denken und in der visuell-räumlichen Vorstellung, während das weibliche Geschlecht eher sprachbegabt sei.
Auf dem emotionalen Sektor gäbe es überhaupt nur einen belegbaren Unterschied, nämlich in der Aggressivität. Alle übrigen üblicherweise postulierten Unterschiede dagegen seien ohne empirische Basis.
Als Resultat ihrer Studie sahen sich Maccoby und Jacklin in ihrer Vermutung bestätigt, Stereotype seien nicht viel mehr als willkürliche Setzungen der Gesellschaft, die ihre Durchschlagskraft lediglich der Tatsache verdanken, dass sie von Generation zu Generation weitergegeben und insbesondere von den Männern bereitwillig immer wieder aufgegriffen werden, um die eigene Vorherrschaft zu sichern. Als engagierte Feministinnen folgerten die Autorinnen weiter, ein Abbau der Diskriminierung sei am ehesten dadurch einzuleiten, dass man die Stereotype als das entlarve, was sie eigentlich sind, nämlich »Mythen« ohne Wahrheitsgehalt.
Das passt zunächst gut zu der Feststellung, dass die gängigen Stereotype wenig geeignet waren, den Studierenden zu wirklich qualifizierten Urteilen zu verhelfen. Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht.
1.5 Feinschlägige Nuancen
Das Bild sieht nämlich anders aus, wenn man einige Zusatzerfahrungen mitberücksichtigt, die sich in unserer Arbeit inzwischen eingestellt hatten. So zeigt sich etwa, dass die Trefferquote erheblich ansteigt, wenn die Beurteiler über mehr Erfahrung mit der betreffenden Altersgruppe verfügen.
In einer Studie an unserem Institut hatte eine Studentin den Auftrag, die Verhaltensweisen 16-monatiger Kinder beiderlei Geschlechts, die auf Video aufgenommen waren, genau zu analysieren. Die Kinder trugen einheitlich neutrale Kleidung, und Namensnennungen sowie sonstige Hinweise auf das Geschlecht waren auf den Videobändern gelöscht. Die Studentin konnte also nicht wissen, ob es sich bei einem Kind um einen Jungen oder um ein Mädchen handelte; vorgefasste Meinungen über Geschlechtsunterschiede hätten die Auswertung daher nicht beeinflussen sollen.
Dennoch stellte sich heraus, dass es der Untersucherin gar nicht möglich war, keine Mutmaßungen über das Geschlecht der Kinder anzustellen. Wir ließen sie, eher der Vollständigkeit halber, nach Abschluss der Auswertung ihre diesbezüglichen Einschätzungen notieren. Und diese erwiesen sich dann ausnahmslos als zutreffend – die Studentin hatte sich nicht bei einem einzigen der 25 Kinder im Geschlecht getäuscht!
Es muss also bereits in diesem Alter Differenzierungen geben, die dem Experten eine zuverlässige Zuordnung ermöglichen, auch wenn die üblichen Stereotype vielleicht nicht zutreffen. Bei den Verhaltensunterschieden, die sich dann bei der Auswertung dieser Studie objektiv herausstellten, handelte es sich weder um die von Maccoby und Jacklin konstatierten Abweichungen in den kognitiven Stilen – diese manifestieren sich erst viel später im Verhalten –, noch lag es daran, dass die Jungen jetzt schon »aggressiver« waren als die Mädchen. Es handelte sich vielmehr um feinschlägige Unterschiede in der Art und Weise, wie die Babys mit Spielsachen umgingen, wie sie diese manipulierten und untersuchten und wofür sie sich besonders interessierten. Auch in der Interaktion mit der Mutter und in der Reaktion auf eine kurzfristige Trennung von ihr unterschieden sich die Geschlechter.
Wir werden auf diese Ergebnisse noch genauer zu sprechen kommen und haben hier nur auf sie verwiesen, um deutlich zu machen, dass Maccoby und Jacklin in ihrer zugegebenermaßen anerkennenswerten Absicht, Vorurteile abzubauen, offensichtlich über das Ziel hinausgeschossen sind.
1.6 Methodische Probleme
Zu derselben Ansicht war Jeanne Block, eine Kollegin der genannten Autorinnen, bereits im Jahre 1976 gekommen, als sie das Buch von Maccoby und Jacklin bald nach seinem Erscheinen einer Revision unterzog. Sie analysierte das darin zugrunde gelegte Material ein zweites Mal und kam zu recht deutlich abweichenden Befunden (Block, 1976).
Vor allem machte sie auf methodische Schwachpunkte des Buches aufmerksam. Ein großer Prozentsatz der von Maccoby und Jacklin berücksichtigten Arbeiten hatte gar nicht primär die Frage nach Geschlechterunterschieden zum Thema gehabt. Die Autoren dieser Arbeiten waren im Gegenteil sogar ausdrücklich daran interessiert gewesen, möglichst nicht auf solche zu stoßen, und zwar gar nicht unbedingt aus Gründen der politischen Korrektheit, sondern einfach deshalb, weil sie dann die Probanden nach Geschlecht getrennt auswerten hätten müssen. Dies hätte die Suche nach statistischer Signifikanz in den Ergebnissen deutlich erschwert.
Statistische Signifikanz ist ein mathematischer Ausdruck für die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis einer empirischen Untersuchung durch Zufall zustande gekommen ist. Sie hängt wesentlich von der Größe der Stichprobe ab (s. Kasten »Statistische Signifikanz«).
In den von Maccoby und Jacklin untersuchten Fällen wiesen nun oft genug Mädchen und Jungen durchaus nicht identische Werte auf. Diese hatten aber wegen der zu kleinen Stichprobengröße nicht statistische Signifikanz erreicht. Im Text der Veröffentlichung wurde dies dann als »keine Unterschiede« verzeichnet. Bloße Tendenzen blieben unerwähnt. Wenn nun aber in mehreren Untersuchungen, die unabhängig voneinander demselben Thema gewidmet sind, überall dieselbe Tendenz auftauchte, dann ist es unwahrscheinlich, dass diese Übereinstimmung zufällig zustande gekommen sind.
Gravierender ist allerdings Blocks Feststellung, dass Maccoby und Jacklin eine Reihe von Untersuchungen zwar angeführt, bei der statistischen Gesamtevaluation dann aber überhaupt nicht berücksichtigt haben; man hatte sie offensichtlich vergessen. Dabei handelte es sich nun ausgerechnet um Befunde, die weitere Geschlechtsunterschiede gerade auch im motivational-emotionalen Bereich eindeutig belegten, nämlich höhere Explorativität, dominanteres Verhalten und stärkeres Selbstvertrauen bei Jungen und erhöhte Ängstlichkeit, Neigung zu Gehorsam und größere Nähe im persönlichen Kontakt bei Mädchen.
Statistische Signifikanz
Wenn in einer empirischen Untersuchung, sagen wir, zwölf von 20 Jungen, aber nur neun von 20 Mädchen eine bestimmte Leistung erbrachten, so erlaubt dieses Ergebnis für sich noch nicht die Behauptung, es bestehe ein Geschlechtsunterschied. Es könnte immer noch leicht durch Zufall zustande gekommen sein; es ist nicht »statistisch signifikant«. Wenn jedoch von jedem Geschlecht die zehnfache Zahl, also je 200 Kinder, an dem Versuch teilgenommen und dann 120 Jungen und 90 Mädchen positiv abgeschnitten hätten, so wäre ein zufälliges Zustandekommen des Ergebnisses so unwahrscheinlich, dass man es ernst nehmen müsste.
Man wird einer erwiesenermaßen integren Wissenschaftlerin vom Format Eleanor Maccobys sicher keine bewusste Täuschungsabsicht unterstellen können. Arbeiten von diesem Umfang lassen sich aber nun einmal nicht ohne einen Stab von Mitarbeitern bewältigen, und da können sich, wie man auch hier wieder sieht, allerlei Pannen einschleichen.
Block zieht ihrerseits aus der intensiven Beschäftigung mit dem Datenmaterial das Fazit, dass die Stereotype doch einen Wahrheitsgehalt haben könnten. Sie schreibt:
»Meiner Meinung nach kann man den ›Volksglauben‹ und die ›Mythen‹ über Geschlechtsunterschiede, auf die sich Maccoby und Jacklin beziehen, nicht einfach dadurch wegerklären, dass man nur auf die Verbreitung und Überzeugungsmacht von Stereotypen verweist.
… Selbst wenn Stereotypen nur ›Mythen‹ zur Grundlage haben sollten, so könnten darin dennoch auch gewisse kulturell scharfsichtig wahrgenommene und vielfach bestätigte Wahrheiten zum Ausdruck kommen.« (Block, 1976, S. 285 und 295, Übersetzung von der Autorin)
1.7 Ein Perspektivenwechsel
Die Kontroverse hatte danach noch ein bedenkenswertes Nachspiel. In einer Buchveröffentlichung von 1998 hat sich Eleanor Maccoby, inzwischen emeritiert, noch einmal ausführlich mit dem Thema befasst und ihre Annahmen von 1974 erheblich revidiert. Von ihrer damals vertretenen Ansicht, die Geschlechter würden sich nur unwesentlich unterscheiden, ist dabei nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen befasst sie sich nun eingehend mit den Unterschieden, die sie vor allem in der Gruppenstruktur, in den Interaktionsmustern, in Konfliktbewältigungsstrategien und im Spielverhalten lokalisiert. Sie sieht in ihnen die Erklärung für die durchgängig beobachtbare und im frühen Alter bereits einsetzende Geschlechtertrennung, einem Phänomen, dem sie weite Partien ihres Buches widmet (Maccoby, 2000). Was die Ursachenanalyse betrifft, so problematisiert sie die Annahme einer ausschließlichen Sozialisiertheit von Geschlechtsunterschieden und zieht neben kognitiven Faktoren auch eine biologische Mitverursachung ernsthaft in Erwägung, wobei man allerdings ihrer Diktion anmerkt, wie schwer ihr dieser Schritt fällt. Umso bemerkenswerter sind ihr Versuch eines Neuzugangs und die Erweiterung ihrer Perspektive.
Mit diesem Perspektivenwechsel steht Maccoby übrigens nicht allein. Auch andere, zum Teil durchaus feministisch orientierte Forschende, die ursprünglich davon ausgegangen waren, die Annahme geschlechtstypischer Verhaltensunterschiede hätte keine reale Basis, haben inzwischen ihre Einstellung revidiert. Alice Eagly, eine der prominentesten amerikanischen Genderforscherinnen, kennzeichnet 1995 die in den 70er Jahren auf feministischer Seite dominierende Überzeugung, Geschlechtsunterschiede seien so unbedeutsam, dass man sie vergessen könne, als unzutreffend und kontraproduktiv (Eagly, 1995). John Williams und Deborah Best, deren Forschungsabsicht es ursprünglich gewesen war, die Nicht-Existenz von Geschlechtsunterschieden nachzuweisen, gelangten aufgrund einer kulturvergleichenden Studie über Geschlechtsstereotype zu der Einsicht, dass diese nicht wegzuleugnen seien, und diskutieren in diesem Zusammenhang durchaus auch biologische Ursachen (Williams & Best, 1990; s. auch Lippa, 2010). Diane Halpern, die davon ausgegangen war, dass kognitive Geschlechtsunterschiede nicht existierten und diesbezügliche Berichte auf Untersuchungsartefakten, Fehlern und Vorurteilen beruhten, kam nach Sichtung der gesamten einschlägigen Literatur zu dem Ergebnis,
»es gibt tatsächlich und in manchen Fällen sogar erhebliche Geschlechtsunterschiede in einigen kognitiven Fähigkeiten. Sozialisationspraktiken sind dafür zweifelsohne wichtig, aber es gibt auch gute Hinweise, dass biologische Geschlechtsunterschiede eine Rolle spielen.« (Halpern, 2012, S. 87; Halpern et al., 2007)
Solche Einsichten haben inzwischen in Form populärer Bestseller auch die breite Öffentlichkeit erreicht und um Erkenntnisse des Kalibers bereichert, Frauen »könnten nicht einparken« und Männer seien »vom Mars«. Nun erweisen sich diese Elaborate in ihrer kruden und wenig fundierten Argumentation aber als ausgesprochen kontraproduktiv. Dies nicht nur, weil sie unzutreffende Vorstellungen über Ausmaß und Ursachen von Geschlechtsunterschieden in ihrer Leserschaft hervorrufen, sondern vor allem auch, weil sie durch undifferenzierte und einseitige Annahmen über die Wirkung der Veranlagung antibiologischen Vorurteilen erneut Nahrung geben. So beklagt Sylvia Jahnke-Klein in einem Artikel im Handbuch zur Mädchenpädagogik, in dem es um Mädchen und Naturwissenschaften geht, dass »biologische Begründungsansätze « in der öffentlichen Diskussion immer wieder viel Aufmerksamkeit erfahren. Und dann führt sie als einziges Beispiel eben das Buch des Ehepaares Pease an (»Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken«), das sie offensichtlich als repräsentativ für den biologischen Ansatz erachtet, denn sie kommt ohne Umschweife zur einer pauschalen Aburteilung: »Wissenschaftlich haltbar ist meines Erachtens keiner dieser biologischen Erklärungsansätze« (Jahnke-Klein, 2010, S. 248) (man beachte die Mehrzahl!). Wenn sie anschließend den »biologischen Begründungsmuster[n]« einen »gravierenden Denkfehler« unterstellt, weil es der überlappenden Verteilung von Fähigkeitskurven zwischen den Geschlechtern angeblich nicht Rechnung trage, dann besteht der gravierende Denkfehler vielmehr darin, sich wohl nie ernsthaft mit seriösen biologischen Ansätzen befasst zu haben. Aber auch Versuche einer differenzierteren Replik wie die von Claudia Quaiser-Pohl und Kirsten Jordan (»Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen dabei Recht geben«) beschäftigen sich weniger mit einem biologischen Ansatz und mehr mit dessen populärwissenschaftlichen Karikatur (Quaiser-Pohl & Jordan, 2004). Dass die Autorinnen zudem selbst voreilige Schlüsse ziehen, zeigt schon der Titel des Buchs: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gab es keine Untersuchung darüber, wie es um die Fähigkeiten zum Einparken bei Frauen und Männer bestellt ist.
Bei dieser Grundstimmung verwundert es nicht, dass das Pendel neuerdings wieder in die andere Richtung ausschlägt. Eine Studie von Janet Hyde trägt denn auch den bezeichnenden Titel »Die Hypothese der Geschlechterähnlichkeit« (Hyde, 2005). Hydes Zusammenstellung von 46 Übersichtsarbeiten zu verschiedenen psychologischen Bereichen läuft auf die These hinaus, dass die meisten in der Populärliteratur behaupteten Geschlechtsunterschiede keine oder nur eine schwache empirische Basis hätten. So haben vor ihrem kritischen Blick lediglich Unterschiede in der Aggression, der Sexualität und der Motorik Bestand. Wenn man ihre Übersichtstabellen allerdings genauer anschaut, stellt man fest, dass dort noch etliche weitere Unterschiede wie beispielsweise in Fürsorglichkeit, Durchsetzungsorientiertheit und räumlichem Vorstellungsvermögen angeführt sind, auf die dann aber in der zusammenfassenden Diskussion nicht Bezug genommen wird, obwohl sie ebenfalls ein statistisches Gewicht aufweisen. Hyde hat Untersuchungen mit eindeutigen Unterschieden bei ihrer Bilanz offensichtlich nicht berücksichtigt, wenn nicht sämtliche Studien in diesem Bereich zu einem vergleichbaren Ergebnis kamen. Dies trägt der Tatsache nicht genügend Rechnung, dass Ergebnisse je nach der verwendeten Methodik variieren können. Es macht zum Beispiel einen erheblichen Unterschied, ob ein Befund durch direkte Beobachtung oder aber nur über eine Befragung erhoben wurde, und durch den Einsatz bestimmter Tests können unterschiedliche Aspekte einer Fähigkeit angesprochen werden. In solchen Fällen ergibt die Mittelung der Ergebnisse wenig Sinn, aber man kann dadurch natürlich Geschlechtsunterschiede zum Verschwinden bringen (kritisch zu Hyde s. auch Guimond, 2008).
Die Autorengruppe um Ethan Zell hat sich der Hypothese der Geschlechterähnlichkeit ebenfalls angenommen und alle Meta-Analysen (s. Kasten »Meta-Analyse«) zum Thema Geschlechtsunterschiede zusammengefasst. Sie kommt zum Ergebnis, dass über alle Bereiche hinweg durchaus Geschlechtsunterschiede vorhanden sind (Zell et al., 2015). In neueren Arbeiten erkennt Hyde auch an, dass die Bereiche in denen Geschlechtsunterschiede auftreten doch zahlreicher sind, als sie anfangs angenommen hat,
»Die Hypothese der Geschlechterähnlichkeit lässt Ausnahmen zu der generellen Regel zu: Diese Ausnahmen sind […] mentale Rotation, die Persönlichkeitsdimension Liebenswürdigkeit/Tender Mindedness, Sensation Seeking, Interesse an Dingen und Menschen, körperliche Aggression, einige Bereiche der Sexualität (Masturbation und Konsum von Pornographie) und Einstellung zu unverbindlichem Sex.« (Hyde, 2014, S. 392)
Da Hyde weitere Bereiche ausspart, in denen Geschlechtsunterschiede bekannt sind, beispielsweise beim kindlichen Spiel (
Kap. 8), wird die Liste der vermeintlichen Ausnahmen in Zukunft wohl noch länger werden.
Meta-Analyse
Verfahren, um mehrere unabhängige Untersuchungen zur selben Fragestellung, also z. B. zu Geschlechtsunterschieden, zu vergleichen. Dabei wird zunächst die Effektstärke d bestimmt, indem man die Mittelwertdifferenz eines Merkmals der beiden Geschlechtergruppen durch die Standardabweichung teilt, die ein Maß für die Breite der Streuung dieses Merkmals ist. »Standard« und »Abweichung« sind hier rein statistische und nicht etwa wertende Begriffe. Man verfährt also gemäß folgender Formel:

Der weibliche Mittelwert mw wird dabei immer vom männlichen abgezogen. Positive d-Werte weisen auf eine männliche, negative auf eine weibliche Überlegenheit hin. Große Mittelwertdifferenzen und kleine Standardabweichungen ergeben große Effektstärken, die Geschlechtsunterschiede treten also deutlich hervor. Nach derzeitiger Konvention gilt ein d von 0,2 als geringer, von 0,5 als mittlerer und ab 0,8 als großer Unterschied. Bei der Meta-Analyse werden die Effektstärken der einzelnen Studien üblicherweise entsprechend der Größe der Stichproben gewichtet.
Nun ist es, ähnlich wie bei Maccoby und Jacklin, das ausdrückliche Anliegen der Autorin, die Gleichheit der Geschlechter zu betonen. Auf diese Weise hofft sie, die Diskriminierung zu unterbinden und zu verhindern, dass die Betroffenen selbst an die Geschlechtsunterschiede glauben und sich in ihrem Verhalten entsprechend einrichten. So ehrenwert diese Absichten sein mögen, wir werden uns im Folgenden doch etwas kritischer mit einer solchen Vorgehensweise auseinandersetzen müssen.
1 Beispielsweise im Terman-Miles-Test of Masculinity and Femininity, 1936
2 Der Wunsch nach Veränderung
2.1 Sozialisierte Geschlechtsunterschiede
Die Weise, in der Maccoby und Jacklin und die übrigen genannten Autoren zunächst argumentierten, wie auch die neuerdings vertretene Stoßrichtung von Hyde sind beispielhaft für eine von zwei verbreiteten Haltungen zur Frage, wie die Diskriminierung von Frauen abgebaut werden könne: Man versucht nachzuweisen, dass die üblicherweise angenommenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern entweder überhaupt nicht existieren oder so geringfügig sind, dass man sie vernachlässigen kann. Nur auf diese Weise – so der Glaube – könne man ungerechtfertigte Vorurteile entmachten und damit der Diskriminierung ihre Basis entziehen.
Verbreiteter ist eine zweite Position. Deren Vertreter gehen nicht so weit, Geschlechtsunterschiede herunterzuspielen oder ganz zu leugnen. Sie akzeptieren, dass sich Männer und Frauen in allerlei Hinsicht voneinander unterscheiden, haben jedoch eine dezidierte Meinung bezüglich der Ursache dieses Effektes. Die nämlich wird selbstverständlich allein in einer nach Geschlechtsrollen differenzierenden Sozialisation gesehen, und die dabei vermittelten Normen gelten ebenso selbstverständlich als rein kulturell gesetzt.
Da solche Unterschiede regelmäßig zu Lasten der Frauen gehen, müsse man, um endlich Chancengleichheit zu erreichen, Jungen und Mädchen konsequent geschlechtsneutral erziehen und dafür sorgen, dass die traditionelle Rollenteilung einer egalitären Gleichverteilung der Aufgaben Platz mache. Letzteres scheint freilich nicht ganz leicht realisierbar zu sein, denn die anfängliche Euphorie, mit der entsprechende Maßnahmen auch politisch durchgesetzt wurden, hat inzwischen einen Dämpfer erhalten. Zwar haben diese Bemühungen durchaus Erfolge zu verzeichnen: Mädchen schneiden in der Schule besser ab, sind an den Universitäten in vielen Fächern in der Überzahl, machen berufliche Karriere und werden sogar Bundeskanzlerin. Andererseits sind die Erwartungen aber auch vielfach nicht erfüllt worden: Frauen sind in Führungspositionen immer noch erheblich unterrepräsentiert und verdienen nach wie vor weniger als Männer.
Die jungen Generationen sind immer noch weit davon entfernt, das neue Gleichheitsideal zu verkörpern. Sie legen zwar vielleicht entsprechende Bekenntnisse ab, in ihrem Lebensstil bleibt vieles aber noch immer den alten Vorstellungen verhaftet. Frauen rackern sich nach wie vor in der Familienarbeit ab, auch wenn sie voll berufstätig sind, und Männer sind nur zu einem verschwindend geringen Prozentsatz bereit, die Rolle des Hausmannes zu übernehmen. Auch bei den deutschen Youtube-Stars bestehen Geschlechtsunterschiede hartnäckig fort: Youtuberinnen beschäftigen sich hauptsächlich mit Schminken und ihren Hobbys Basteln, Nähen und Kochen. Die Feministin Elisabeth Furtwängler, die die Youtube-Studie gemeinsam mit ihrer Mutter Maria in Auftrag gegeben hatte, stellte konsterniert fest:
»Die Studienergebnisse haben uns vor eine Reihe von Fragen gestellt, auf die wir als Feministinnen zunächst keine Antwort haben: Warum sind die erfolgreichen Akteur*innen in den neuen sozialen Medien, ausgerechnet die mit den rückwärtsgewandt erscheinenden Geschlechtsrollen und wie können wir eine größere Vielfalt sichtbar machen?« (MaLisa, 2019, S. 3)
Diese Rückschläge werden wie eh und je mit gesellschaftlichen Bedingungen erklärt, die in der Tat in mancher Hinsicht keineswegs ideal sind, was beispielsweise die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexiblere Arbeitszeitregelungen oder durch das ausreichende Angebot einer qualitativ hochwertigen außerhäuslichen Kinderbetreuung betrifft. Allerdings sollte man sich mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben. Es stellt sich nämlich die Frage, ob das Vorgehen, mit dem man die Veränderungen herbeiführen wollte, der Vielschichtigkeit des Problems angemessen war.
2.2 Kinderläden
Eindeutige Evidenz, dass erzieherische Gleichbehandlung nicht notwendigerweise zum angestrebten Effekt führt, ergab sich unbeabsichtigt aus einem großangelegten Quasi-Experiment mit Kindern im Vorschulalter. Im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung hatten sich einschlägig engagierte Eltern zusammengetan und in leerstehenden Läden antiautoritäre Kindergärten eingerichtet, für die sich die Bezeichnung »Kinderläden« einbürgerte. Ziel war es, Vorschulkinder gemeinsam aufwachsen zu lassen und dabei bestimmte – von der Tradition abweichende – Erziehungsideale zu realisieren. Zu diesen zählten in erster Linie eine repressionsfreie Erziehung und die Förderung der Selbstregulation innerhalb der Gruppe. Die Erzieher sollten also möglichst wenig eingreifen. Die Formen der Konfliktbewältigung, bei denen es keine Opfer geben sollte, waren zu fördern, Kooperation und Solidarität standen im Vordergrund. Und nicht zuletzt wollte man eben auch auf die Einübung von Geschlechtsrollen verzichten, in der Hoffnung, dass dies von selbst zur Angleichung der Geschlechter führen werde.
Zwei Psychologen, Horst Nickel und Ulrich Schmidt-Denter, wollten nun in einer umfangreich angelegten Untersuchung klären, wieweit sich diese Ziele erfüllt hatten (Nickel & Schmidt-Denter, 1980). Es wurden 40 Kinderläden – fast alle, die es überhaupt gab – mit 31 traditionellen Kindergärten verglichen. Die Alterspanne der untersuchten Kinder reichte von drei bis zu fünf Jahren (
Abb. 2.1).
Zur Enttäuschung der Untersucher, die zum Teil auch als Eltern in der Initiative engagiert gewesen waren und ihre eigenen Kinder in Kinderläden gegeben hatten, erwies sich das Erziehungsziel der geschlechtlichen Angleichung als voll verfehlt. Dies äußerte sich vor allem bei der Bewältigung von Konflikten. In den traditionellen Kindergärten wurden diese in erster Linie aggressiv ausgetragen, wobei die Jungen signifikant die Mädchen übertrafen. Ein solches Ergebnis hatte man auch erwartet, denn Aggressivität gehört zum Rollenstereotyp eines »ordentlichen Jungen«. Nicht erwartet hatte man jedoch, dass der gleiche Unterschied auch in den Kinderläden auftreten würde, und zwar – zum Entsetzen der Beteiligten – nicht etwa in geringerem Maß, sondern sogar noch ausgeprägter als unter den traditionellen Erziehungsbedingungen. Die Jungen in den Kinderläden lösten ihre Konflikte vorzugsweise mit brachialer Gewalt, während die Mädchen sich bereitwilliger zurückzogen und noch ängstlicher und abhängiger agierten als ihre Geschlechtsgenossinnen im »bürgerlichen« Kindergarten. Letztere setzten sich sogar durchaus zur Wehr, entsprachen also viel weniger dem Rollenstereotyp als die repressionsfrei erzogenen Mädchen. Zwar erwiesen sich die Kinderläden generell als konfliktärmer, was die Untersucher auch erwartet hatten, aber dies ging eben eindeutig zu Lasten der Mädchen, die einfach im Streitfall sofort nachgaben. Erst die Fünfjährigen zeigten ein ähnliches Ausmaß an Aggressionsbereitschaft wie die Jungen, so als hätten sie allmählich doch gelernt, sich zu wehren.
Das Ergebnis widerspricht eklatant der Erwartung, geschlechtstypische Aggressionsunterschiede seien anerzogen. Wenn Letzteres nämlich zuträfe, dann müssten sich Jungen und Mädchen gerade in den traditionellen Kindergärten stärker unterscheiden, und dies umso ausgeprägter, je älter die Kinder sind, denn umso besser sollte das an den gängigen Stereotypen orientierte Rollenverhalten eingeübt sein. Tatsächlich ist es aber gerade umgekehrt.
Die Untersucher wollten der Sache dann noch genauer auf den Grund gehen und herausfinden, wie es mit den Dominanzverhältnissen stand, ob hier wiederum das alte Geschlechtsrollenstereotyp der männlichen Vorherrschaft durchschlagen würde. Sie brachten deshalb in beiden Typen von Kindergärten Jungen und Mädchen in eine Konkurrenzsituation, in der sie um ein attraktives Kinderfahrrad rivalisieren konnten. Wiederum war das Ergebnis eindeutig: Das in traditionellen Kulturen sattsam bekannte Muster, dass das männliche Geschlecht das weibliche dominiert, trat auch hier in Erscheinung, und zwar eben auch bei den nondirektiv erzogenen Kindern.
Die Autoren waren einigermaßen ratlos, wie sie dieses unerwartete Ergebnis erklären sollten. Sie erwogen sogar, ob die Kinder in den Kinderläden durch das Bemühen ihrer Eltern, sie nicht geschlechtsrollenkonform zu erziehen, vielleicht gerade für Geschlechtsunterschiede sensibilisiert und dadurch veranlasst worden sein könnten, diese besonders deutlich auszuleben.
Sehr überzeugend ist diese Argumentation nicht. Man könnte natürlich auch einwenden, die Kinder seien ja nicht im luftleeren Raum aufgewachsen und hätten immer noch genügend Berührung mit der traditionellen Kultur gehabt, um sich ihre Informationen über die gängige Geschlechtsrollenzuweisung zu verschaffen. Das ist aber insofern wenig plausibel, als die Kinder in erster Linie eben doch in ein alternatives Erziehungsmilieu eingebettet waren. Vor allem leuchtet nicht ein, wieso die geschlechtstypische Differenzierung unter diesen Bedingungen ausgerechnet besonders profiliert auftreten sollte. Wenn man die Interpretation der Autoren ernst nähme, dann hätte eine Umerziehung im Sinne einer Angleichung nicht die geringste Chance, im Gegenteil, man müsste, um das Schlimmste zu verhüten, gerade propagieren, die traditionelle Behandlung beizubehalten.
Abb. 2.1: Relative Häufigkeiten aggressiver (oben) bzw. vermeidender (unten) Reaktionen auf Konfliktanlässe bei Jungen und Mädchen im Altersverlauf zwischen drei und fünf Jahren. Links: Kinderläden, rechts: traditionelle Kindergärten.
In Wirklichkeit spricht alles dafür, dass konservativ denkende Eltern und Erzieher eher dazu tendierten, der Aggression bei Jungen einen Dämpfer aufzusetzen, anstatt sie auch noch zu fördern. Es besteht aber noch immer wenig Neigung, zwei und zwei zusammenzuzählen und die Konsequenzen aus solchen Erfahrungen zu ziehen. Noch immer beansprucht die Ansicht, Geschlechtsunterschiede seien ausschließlich anerzogen, das unumstößliche Recht, Interpretationsmöglichkeiten verbindlich festzulegen und einzuengen.
2.3 Geschlechtsneutrale Erziehung
In der Absicht, sämtliche Sozialisationsbedingungen zu beseitigen, die für das Entstehen von Geschlechtsstereotypen verantwortlich gemacht werden, entstand in Schweden vor einigen Jahren der Kindergarten »Egalia«. Er folgt dem Ideal einer geschlechtsneutralen Erziehung: Klassische Märchenbücher mit Prinzessinnen und Rittern sind nicht vorhanden, die Erzieher sind zu gleichen Teilen männlich und weiblich, und das Kunstwort »hen« wurde eingeführt, das eine geschlechtsneutrale Alternative zu den Personalpronomen »han« (er) und »hon« (sie) darstellen soll. Kommt nun doch einmal ein männlicher Handwerker in den Kindergarten, werden den Kindern anschließend Fotos von Handwerkerinnen gezeigt. Und spielt ein Kind Vater-Mutter-Kind, wird ihm vorgeschlagen, auch Vater-Vater-Kind oder Mutter-Mutter-Kind zu spielen.
Das internationale Medienecho war überwiegend positiv. Der Grund dafür lag allerdings nicht in den überzeugenden Ergebnissen empirischer Untersuchungen. Es gab sie nicht und es wird sie nicht geben, denn Egalia lehnt eine wissenschaftliche Untersuchung seines Konzepts ab.
Mittlerweile aber liegen erste empirische Ergebnisse vor, bei denen Kinder eines ähnlich geschlechtsneutralen schwedischen Kindergartens mit denen eines traditionellen Kindergartens verglichen wurden (Shutts et al., 2017). Zwar gaben die Kinder des geschlechtsneutralen Kindergartens häufiger an, prinzipiell an Freundschaften mit Kindern des Gegengeschlechts interessiert zu sein; die tatsächlichen Freundschaften waren in beiden Kindergärten dann allerdings gleichermaßen auf Geschlechtsgenossen fokussiert. Die Kinder des geschlechtsneutralen Kindergartens bekundeten zudem eine etwas geringere Neigung, Spielsachen wie Autos oder Puppen geschlechtsstereotyp zuzuordnen, dieser Effekt lag aber hauptsächlich an den Antworten der Jungen. Mädchen zeigten in beiden Kindergärten die gleichen Geschlechtsstereotype. Nun könnten die Jungen tatsächlich weniger Geschlechtsstereotype besessen haben, sie könnten aber auch schlicht unter einem stärkeren Druck gestanden haben, die sozial erwünschten Antworten zu geben.
Weitere Zweifel am Erfolg der geschlechtsneutralen Erziehung entstehen beim Betrachten einer dritten Aufgabe, die vordergründig als Gedächtnisaufgabe konzipiert war, aber eigentlich das Denken in der Kategorie »Geschlecht« testete. Den Kindern wurden Fotos von anderen Kindern und ihren jeweiligen Tieren gezeigt. Bei den anschließenden Fragen, welchem Kind welches Tier gehörte, konnten die Kinder naturgemäß nicht alle Besitzverhältnisse erinnern. Jedoch konnten sich die Kinder des geschlechtsneutralen Kindergartens häufiger als Kinder des traditionellen Kindergartens noch daran erinnern, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, zeigten also sogar eine etwas stärkere Fokussierung auf die Kategorie »Geschlecht«. Dieses Ergebnis ist daher bemerkenswert, weil es von der einzigen Aufgabe stammt, die die pädagogischen Inhalte der geschlechtsneutralen Erziehung nicht direkt abfragte und daher nicht für die Tendenz anfällig war, sozial erwünschte Antworten zu geben.
Die Autoren kommen gleichwohl zum Schluss, dass geschlechtsneutrale Erziehung eine sinnvolle Maßnahme sei. Mit Blick auf die uneinheitlichen Ergebnisse fügen sie hinzu, dass diese wohl vornehmlich durch Einflüsse von außerhalb des Kindergartens begründet seien und es Aufgabe der Politik sei, auch dort für mehr Geschlechtsneutralität zu sorgen. Ähnlich wie bei der Studie zu den Kinderläden werden andere Erklärungsansätze nicht verfolgt.
2.4 Tausendjährige Sozialisation?
Die Frage ist nur, worin eine alternative Erklärung bestehen könnte. 1994 erscheint ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung, dessen Tenor recht nachdenklich klingt, was die Umsetzbarkeit erzieherischer Leitbilder betrifft. Der Autor Allan Guggenbühl, ein Psychologe, beklagt, dass aller Koedukation zum Trotz Jungen immer noch »unangepasster, wilder und störrischer« seien als ihre Altersgenossinnen. Eltern und Erzieher müssten daher zur Kenntnis nehmen, dass sich ihr Ideal von der Gleichbehandlung der Geschlechter nicht bewährt habe, weil sich auf diese Weise die Unterschiede offensichtlich nicht nivellieren ließen; es müssten also wohl geschlechtsdifferenzierende Maßnahmen erwogen werden. Jungen und Mädchen unterschiedlich behandeln, hieße aber faktisch, zu den Geschlechtsstereotypen zurückzukehren, was wiederum die Gefahr berge, einzelne Kinder auf diese Norm einzuengen, auch wenn sie ihrem Entwicklungspotential nicht entspräche. Eltern und Erzieher müssten sich aber trotz dieses Dilemmas der Herausforderung stellen.
So weit, so gut. Man ist schon dabei, die Zeitung abzulegen, da fällt der Blick noch eben auf einen letzten Satz, der alles wieder gründlich relativiert. Der entscheidende Gedanke darin ist kursiv hervorgehoben. Er lautet: »Das Verhalten der Knaben muss ein Thema sein, auch wenn es das Resultat tausendjähriger entsprechender Sozialisation sein mag« (Guggenbühl, 1994, S. 65).
Die Argumentation ist typisch für die Unerschütterlichkeit, mit der am Glauben an die Sozialisiertheit auch angesichts offensichtlich widersprechender Befunde festgehalten wird. Wenn gar nichts mehr hilft, greift man zu einer formelhaften Beschwörung der Geschichte. Jahrhunderte oder gar Jahrtausende von Tradition werden ins Feld geführt, Großeltern, Urgroßeltern, Generationen von Ahnen werden bemüht, die immer noch ihren Einfluss geltend machen sollen.
Nicht, dass die Verkrustung von gesellschaftlichen Strukturen und die Hartnäckigkeit, mit der sich Einstellungen über Generationen hinweg halten können, gering zu gewichten seien, aber man sollte sich doch zumindest einmal überlegen, was das konkret heißen würde. Schließlich haben wir als junge Leute gerade in der Erziehung unserer Kinder ganz bewusst so ziemlich alles anders gemacht als unsere Eltern. Sollten wir als Mitglieder einer Gesellschaft, die in Innovation, Veränderung und Fortschritt ihre primären Werte sieht und der Tradition immer weniger Raum gewährt, ausgerechnet im Bereich der Geschlechtsrollen sklavisch dem verhaftet sein, was unsere Großeltern wollten und deren Großeltern auch schon? Ist es wirklich glaubwürdig, dass deren Vorstellungen eine solch immense, schon geradezu magische Wirkkraft ausüben, dass sie die Absichten einer ganzen Erziehergeneration zunichtemachen können, wenn diese sich doch immerhin wenigstens rechtschaffen Mühe gibt, Jungen und Mädchen gleich zu behandeln?
Könnte es nicht sein, dass die Veränderung deshalb nicht funktioniert, weil wir sie falsch anpacken und weil wir dabei von realitätswidrigen Voraussetzungen ausgehen? Ganz in diese Richtung weist ja auch Guggenbühls Argumentation, wenn er nahelegt, die Geschlechtsstereotype müssten ernst genommen werden und man müsse vom Ideal der Gleichbehandlung wegkommen. Nur hatte er zum Zeitpunkt, als er den Artikel verfasste, für den möglichen Grund dieser Notwendigkeit einen blinden Fleck.
Lesern, die nicht so unverbrüchlich an die Macht der Sozialisation glauben, fällt nämlich als Erstes und Nächstliegendes ein, dass es vielleicht auch etwas mit dem Naturell der Jungen zu tun haben könnte, wenn sie sich als erziehungsresistent erweisen. Und genau in die gleiche Richtung würde man auch angesichts der Befunde aus den Kinderläden assoziieren. Solche Fantasien verletzen freilich die guten Sitten politischer Korrektheit, denn sie rühren an das Tabuthema der Veranlagung.
Warum aber ist es eigentlich nicht möglich, den Gedanken wenigstens einmal zur Diskussion zu stellen, in der oben von Guggenbühl angesprochenen geschlechtsspezifischen Herausforderung könnte sich auch so etwas wie Natur ausdrücken? Es muss ja vielleicht nicht zutreffen, aber erwägen sollte man es doch einmal dürfen – eine Überlegung, für die sich Guggenbühl übrigens mittlerweile in einer neueren Veröffentlichung durchaus offen zeigt (Guggenbühl, 2008).
2.5 Geschlecht als Morphologie
Die durchgängig beobachtbare Tendenz, angesichts von Geschlechtsunterschieden die Allmacht der Sozialisation zu beschwören und eine biologische Verursachung überhaupt gar nicht erst zu erwägen, lässt den Verdacht aufkommen, dass hinter dem, was oberflächlich als Desinteresse erscheint, tiefer gründende Berührungsängste lauern. Falls das zutrifft, müssen wir deren Ursachen genauer analysieren.
Dabei macht sich hinderlich bemerkbar, dass »Biologie« ein Reizwort ist, das, wenn es überhaupt thematisiert wird, selten eine sachliche Behandlung erfährt. Im Folgenden wollen wir zunächst Revue passieren lassen, was unter dieser Wortmarke alles verstanden bzw. missverstanden zu werden pflegt, um dann den Ursachen der eigentümlichen Aversion nachzugehen.
Recht weit verbreitet ist eine häufig von soziologischer und feministischer Seite vertretene Einstellung, die sich vordergründig als »aufgeklärt« charakterisieren ließe; sie wurde u. a. von Margaret Mead vertreten.»Biologie« wird hier praktisch synonym mit Anatomie verstanden, im Falle der Geschlechtlichkeit also konkret mit dem berühmten »kleinen Unterschied« der Fortpflanzungsorgane einschließlich der unmittelbar daran gebundenen Aktivitäten.
Selbstverständlich, sagen die Vertreter dieses Standpunktes, spielt diese »Biologie« eine Rolle. Als Wesen mit Selbstbewusstsein reflektieren wir die Tatsache unserer Geschlechtlichkeit und die unterschiedlichen Funktionen bei der Fortpflanzung. Daraus lassen sich geschlechtsspezifische Aufgaben ableiten, die eine Rollenteilung der traditionellen Form nahelegen, und das führt schließlich zu einem unterschiedlichen Selbstverständnis der Geschlechter. Dieses Erklärungsmuster ist kurz gefasst der Kern der sozialen Rollentheorie, die – auf Talcott Parsons zurückgehend – derzeit insbesondere von Alice Eagly vertreten wird (Eagly, 1987). Konkret stellt man sich das so vor, dass die Menschen wahrgenommen haben, wie Männer sich aufgrund ihrer physischen Ausstattung anders verhalten als Frauen, was sich in einer Arbeitsteilung manifestiert. Aus dieser Erfahrung wird abgeleitet, dass die Geschlechter sich auch psychologisch unterscheiden, und daraus entwickeln sich die Geschlechtsrollenvorstellungen und diesbezügliche Verhaltensanforderungen. Aufschlussreich für diesen theoretischen Ansatz ist es, dass die Rolle der Biologie auf den physischen Bereich beschränkt gesehen wird. Psychologische Unterschiede werden ausschließlich als soziales Phänomen gedeutet (Eagly & Wood, 2009). Dass in solchen Zuweisungen indessen zutreffende Einsichten zum Ausdruck kommen könnten, es sich also um mehr als nur um Unterstellungen handelt, die Möglichkeit der biologischen Evolution von psychologischen Verhaltensdispositionen wird nicht erwogen.
Der Biologie wird in dieser Konzeption also zwar eine gewisse Bedeutung zugebilligt, die sie für das menschliche Verhalten haben kann – dies aber nur, wenn es der Gesellschaft auch gefällt, dies überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und zum Gegenstand der Interpretation zu machen. Aber natürlich bleibt es den Kulturen anheimgestellt, wie sie ihre Geschlechtsrollen bestimmen; diese sind also relativierbar, besonders heute, wo die Biologie »funktionslos« geworden ist, weil wir Mittel gefunden haben, ihren »Zwängen« zu entkommen.
Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass die Selbstdefinition mittels der Geschlechtsrollen nicht – wie aufgrund der sozialen Rollentheorie zu erwarten wäre – in Kulturen mit traditioneller Aufteilung am stärksten ausgeprägt ist, sondern in den eher egalitären Kulturen, bei denen sich die Geschlechter eigentlich mehr Angleichung erlauben könnten (Guimond, 2007; Lippa, 2010). Auch die Kinder im schwedischen geschlechtsneutralen Kindergarten zeigten tendenziell eine Fokussierung auf die Kategorie »Geschlecht«, wenn die Aufgabe hinreichend subtil war. Warum das so sein könnte, wird uns später noch eingehender beschäftigen: Der Befund weist indessen darauf hin, dass die Übernahme der Geschlechtsrolle nicht dann besonders pointiert vollzogen wird, wenn es eine besonders ausgeprägte Stereotypisierung eigentlich nahelegen würde.
2.6 Geschlecht als Inszenierung
Noch ein paar Schritte weiter geht der sogenannte »ethnomethodologische« Ansatz, eine besonders rigorose Spielart des Kulturrelativismus. Dieser billigt den einzelnen Kulturen nicht nur zu, die Geschlechtsrollen frei zuweisen zu können, sondern behauptet darüberhinaus, der Unterschied zwischen den Geschlechtern werde überhaupt nur dann wahrgenommen, wenn ihn eine Kultur entsprechend »inszeniere«; man spricht direkt von »doing gender«. »Geschlechtlichkeit« wird als etwas angesehen, das man sich aneignet, »und zwar als soziale Konstruktion«. Konsequentermaßen wird dann in der »Dekonstruktion« das geeignete Heilmittel gegen die Diskriminierung gesehen (Gildemeister, 1988, S. 497). Im Originalton klingt das etwa folgendermaßen (Günthner & Kotthoff, 1991, S. 8):
»Jede Interaktionssituation bietet die Gelegenheit, Geschlechterrollen zu perpetuieren, aber auch zu verändern, d. h. wir kreieren den Geschlechtsunterschied permanent durch Andersbehandlung der Geschlechter mit oder wir heben ihn durch Gleichbehandlung vorübergehend auf. Gesellschaftliche Strukturen, wie beispielsweise männliche Dominanz oder weibliche Unterlegenheit, sind also nicht einfach gegeben, sondern ein kultiviertes Konstrukt, das wir in Interaktionssituationen aktivieren können.«
Die Geschlechtlichkeit in ihren somatischen Aspekten wird als »sex« von »gender« unterschieden, um auch durch die Wortwahl klar zu machen, dass die Biologie nichts mit dem Verhalten zu tun hat. In einer Verlautbarung des Bundesfamilienministeriums wurde das im Jahre 2002 in folgendem Wortlaut festgeschrieben: »Gender bezeichnet die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechtsrollen von Männern und Frauen. Diese sind – anders als das biologische Geschlecht (also sex) – erlernt und damit veränderbar« (Bundesfamilienministerium, 2002). Nur »gender« als erlernte und von der Kultur übernommene Geschlechtsrolle ist von Interesse. »Sex« dagegen kann zwar kulturell thematisiert werden, zwingend ist dies aber nicht; prinzipiell wäre man auch frei, die somatischen Unterschiede zu ignorieren.
Manche Autorinnen gehen so weit zu behaupten, die Morphologie böte sowieso keine hinreichend eindeutige Basis für die Einteilung in Mann und Frau. Die Geschlechtszuordnung sei vielmehr rein willkürlich. So argumentiert etwa Fausto-Sterling, jemanden als männlich oder weiblich zu bezeichnen, sei eine rein »soziale Entscheidung«; sie beruft sich dabei auf Fälle von Hermaphroditen und anderen anatomischen Uneindeutigkeiten (Fausto-Sterling, 2000). Auch Muldoon und Reilly bezweifeln, dass es eine ausreichende biologische Grundlage dafür gäbe, »männlich« und »weiblich« als dichotome, sich gegenseitig ausschließende Kategorien zu bestimmen (Muldoon & Reilly, 1998). In ihrer radikalsten Form wurde diese Annahme von Judith Butler formuliert, bei der nicht nur die Geschlechtsidentität, sondern auch die körperliche Geschlechtlichkeit keine festgelegten Größen sind, sondern ständig nach Maßgabe bestimmter Normen im Handeln neu hervorgebracht werden (Butler, 1991). Diese Radikalität ist allerdings auch von feministischer Seite mit dem Argument in die Kritik geraten, wenn Geschlecht sich nur in individuellen Interaktionen und Interpretationen manifestiere, verflüchtige es sich gleichsam und entziehe sich der wissenschaftlichen Untersuchung.
Auch wenn nicht alle feministischen Theorien so weit gehen, die morphologische Geschlechtlichkeit zu leugnen, teilen die meisten doch die Annahme, Femininität und Maskulinität und die davon abgeleiteten Geschlechtsrollen seien ausschließlich »sozial konstruiert« (Campbell, 1999; Rhoads, 2004). Wir werden uns noch genauer mit der Annahme auseinandersetzen müssen, für die morphologische Zweigeschlechtlichkeit gäbe die Biologie keine ausreichende Basis ab. Auf jeden Fall dürfte feststehen, dass das Thema »anlagebedingte Geschlechtsunterschiede« im Rahmen dieses Theorieansatzes überhaupt nicht »diskursfähig« wäre. Letztlich läuft die Argumentation darauf hinaus, der Natur jeden Einfluss auf Verhaltensunterschiede der Geschlechter überhaupt abzusprechen und zu glauben, wo solche in Erscheinung träten, könnten sie durch geeignete »Dekonstruktion« ohne Weiteres zum Verschwinden gebracht werden, wenn man nur im kulturellen Umfeld alle Hinweise auf die Geschlechtlichkeit konsequent tilgt, so wie das in Schweden versucht wird. Walter Hollstein hat in Bezug auf dergleichen Bemühungen seine Skepsis angemeldet, wenn er lakonisch Horaz zitiert: »Treib die Natur mit der Forke hinaus; stets kehrt sie zurück, heimlich durchbricht sie als Sieger die Mauern des hässlichen Hochmuts« (Hollstein, 2004, S. 48).
2.7 Toxische Maskulinität
Das Anliegen, Geschlechtsrollen zu dekonstruieren, war bis vor gar nicht langer Zeit auf das feministische Umfeld beschränkt und richtete sich in erster Linie gegen eine »hegemoniale Männlichkeit«, worunter patriarchalische Strukturen verstanden werden, die als sozial konstruiert gedacht sind und in denen Männer dominieren und Frauen sich unterordnen (Connell, 1999). Somit ist es vor allem »Männlichkeit«, die es zu dekonstruieren gilt. Welch groteske Formen das annehmen kann, dokumentieren gewisse »Anleitungen« zur Jungenpädagogik. So heißt es beispielsweise in einer einschlägigen Veröffentlichung: »Jungen sollen in profeministischer, antisexistischer und patriarchatskritischer Jungenarbeit lernen, dass sie, so wie sie sind, nicht sein sollten und einem fatalen Männlichkeitsbild hinterherjagen« (Forster, 2004, S. 487). In einem anderen Beitrag wird folgende Anweisung gegeben: »Nicht die stabile männliche Identität kann das erste Ziel von Jungen- und Männerarbeit sein. […] Das Ziel ist nicht der ›andere Junge‹, sondern gar kein Junge« (Krabel & Schädler, 2001, S. 36). Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit dieser Anweisungen wird besonders offenkundig, wenn man die Gruppe der Jungen gedanklich durch eine andere diskriminierbare gesellschaftliche Gruppe ersetzt.
Die Behauptung, dass bei Jungen und Männern grundsätzlicher Reformbedarf in Sachen Geschlechtsrollen bestünde, ist in der Gesellschaft mittlerweile kein Nischenthema mehr und findet nicht nur großen Anklang in den Feuilletons, sondern auch im Wissenschaftsbetrieb. Die US-amerikanische Psychologenvereinigung, weltweit Vorbild für andere nationale Psychologenvereinigungen, gab kürzlich einen Ratgeber für Jungen- und Männerarbeit heraus, in dem sie vor einer »traditionellen maskulinen Ideologie« warnte. Diese »beschränke die psychologische Entwicklung von Männern, beeinträchtige ihr Verhalten, führe zu Belastungen und Konflikten und verschlechtere die psychische und körperliche Gesundheit« (APA, 2018, S. 3, Übersetzung von der Autorin). Der Leitfaden beschäftigt sich mit der Frage, wie man in der psychologischen Arbeit Jungen und Männern diese Männlichkeitsideologie ausreden könne und erhofft sich davon eine Reihe von positiven gesundheitlichen Effekten. Bemerkenswert ist, dass diese Empfehlungen hauptsächlich auf Manuskripten beruhen, die entweder keine empirischen Untersuchungen zur Grundlage hatten und damit nur die persönliche Meinung der Autoren widerspiegeln oder die ein korrelatives Studiendesign hatten. Letztere zeigten also nur, dass Gesundheitsprobleme mit einer »traditionellen männlichen Ideologie« einhergingen. Damit ist aber natürlich nicht geklärt, dass die »traditionelle maskuline Ideologie« die Gesundheitsprobleme verursachte. Ursache und Wirkung könnten umgekehrt verknüpft sein oder beide Phänomene könnten durch einen dritten Faktor hervorgerufen werden (s. Kasten »Korrelation und Kausalität«). Experimente zu diesen Spekulationen sind Mangelware. Falls vorhanden, fördern sie eher Petitessen zu Tage, beispielsweise dass Männer, die kurz zuvor maskuline Wörter (z. B. »Schnauzbart«) beiläufig gelesen hatten, vermeintlich ungesündere Lebensmittel (Pommes frites statt Ofenkartoffeln) bevorzugen als Männer, die feminine Wörter (z. B. »Lippenstift«) gelesen hatten. Frauen reagieren übrigens ähnlich (Zhu et al., 2015). Wie aus solchen Experimenten die Gesundheitsgefahr einer »traditionellen maskulinen Ideologie« abgeleitet werden kann, ist unklar. Noch radikalere Strömungen handeln dieses Thema unter dem Begriff »toxische Maskulinität« ab, ohne dass aber gesagt wird, welche Art der Maskulinität nicht toxisch sei und freilich ohne von einer »toxischen Femininität« zu sprechen (Karner, 1996).
Korrelation und Kausalität
Nicht immer, wenn sich zwei Größen gemeinsam verändern, liegt das daran, dass die eine die andere verursacht hätte. Statistiker kennen viele Anekdoten, die das belegen. Man kann zum Beispiel anhand von Daten des statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt zeigen, dass dort im Zeitraum zwischen 2005 und 2014 der Verdienstabstand zwischen Männern und Frauen einerseits und die Anbaufläche von Gemüse andererseits mit nahezu 0.9 korrelierten. Betrachtet man die Verläufe, die während dieser Jahre mannigfach herauf- und heruntergingen und dies immer getreulich im Gleichschritt, so kann es gut möglich sein, dass da irgendeine Art von Kausalität vorgelegen haben könnte. Aber niemand wird ernsthaft erwägen, dass eine der beiden Variablen die Ursache der anderen war; wenn überhaupt hat es vorgeordnete Umstände gegeben, die auf alle beide Einfluss hatten. Man kann der Sache natürlich experimentell auf den Grund gehen, aber das ist bei gesellschaftlichen Fragen, zum Beispiel bei Geschlechtsunterschieden, häufig aus ethischen oder praktischen Gründen nicht möglich. Wenn man einer Korrelation dann eine bestimmte Kausalität unterlegt, muss man sich klar sein, dass diese Deutung spekulativ ist.
2.8 Gender Mainstreaming
Politisch findet der Versuch, Geschlechtergerechtigkeit herzustellen seit etlichen Jahren in einer Bewegung Ausdruck, die als Gender Mainstreaming bezeichnet wird – ein Begriff, der dem Normalverbraucher nicht gerade das Verständnis erleichtert. Gender Mainstreaming hat in Form großzügig finanzierter Projekte die Gleichstellung der Geschlechter zum Ziel und begründet dies in der oben zitierten Broschüre des Bundesfamilienministeriums dahingehend, »bei allen gesellschaftlichen Vorhaben [seien] die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt« – was immer das heißen mag (Bundesfamilienministerium, 2002, S. 5; kritisch hierzu: Hollstein, 2004). So ganz scheint man sich aber auch hier nicht von einem gewissen Misstrauen gegen die Männlichkeit verabschiedet zu haben, wohl weil man befürchtet, man würde »dem Paradigma von der weiblichen Benachteiligung‚ auf die Füße treten’« (Rose, 2007, S. 77). Diese Sorge drückt sich beispielsweise in der Gestaltung des Global Gender Gap Index aus, der das Ausmaß an Geschlechtergerechtigkeit eines Landes ermitteln soll und von der Stiftung Weltwirtschaftsforum jährlich berechnet wird. Hierbei ergibt sich immer eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu Lasten der Frauen, die von Land zu Land lediglich unterschiedlich stark ausfällt. Das liegt jedoch an einer recht eigenwilligen Berechnungstechnik. Es gehen verschiedene Faktoren mit unterschiedlicher Gewichtung ein, wie beispielsweise das Einkommensverhältnis von Frauen zu Männern oder das Verhältnis der Lebenserwartung von Frauen und Männern. Der Index kann scheinbar Werte zwischen 0 und 2 annehmen. Der Wert 0 drückt völlige Ungleichheit zu Lasten der Frauen aus, der Wert 1 vollständige Gleichheit und der Wert 2 wäre theoretisch völlige Ungleichheit zu Lasten der Männer. Pikanterweise werden allerdings nahezu alle Faktoren, die einen Wert von größer 1 annehmen und damit eine Ungleichheit zu Lasten der Männer anzeigen, auf 1 gekürzt. Durch eine besondere Berechnung beim Faktor »Gesundheit und Lebenserwartung« liegt der Gesamtwert immer unter 1. Das Ergebnis zeigt also unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen stets eine Ungleichheit zu Lasten der Frauen an.
Der Basic Indicator of Gender Inequality mit einer ergebnisoffenen Berechnungsweise zeichnet ein differenzierteres Bild (Stoet & Geary, 2019). In Sachen Bildungschancen, Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit registriert er zwar auch in weiten Teilen der Welt Ungleichheit zu Lasten der Frauen. Gerade aber in wirtschaftlich hoch entwickelten Ländern wie Deutschland registriert er einen leichten Vorteil für Frauen, was vor allem an ihrer höheren Lebenserwartung liegt. Ob damit die Lebenswirklichkeit von Frauen und Männern hierzulande tatsächlich abgebildet wird, ist natürlich offen. Allerdings erscheint ein Verweis auf den Global Gender Gap Index in Sachen Geschlechtergerechtigkeit bei Kenntnis seiner Berechnung reichlich unbedarft.
Wofür unter dem Stichwort »Gender Mainstreaming« Geld ausgegeben wird, ist tatsächlich in vielen Fällen erstaunlich. Beinahe kabarettreif ist die Empfehlung einer von der nordrhein-westfälischen Landesregierung mit 27 000 Euro gesponserten Studie zum »Gender Mainstreaming im Nationalpark Eifel«: In ihr wird allen Ernstes empfohlen, Bilder der Hirschbrunft im Werbematerial zukünftig möglichst zu vermeiden oder wenigstens in eine Darstellung der »Vielfalt der Tierwelt« einzubetten, um keine stereotypen Geschlechterrollen zu fördern (Hayn, 2005). Eltern, die an traditionellen Geschlechtsrollen festhalten, werden in einer vom Berliner Senat finanzierten »Handreichung« für Kindergärten mit dem Titel »Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben« ins Visier genommen. Wenn die Eltern mit Ablehnung auf das geschlechtsvariante Verhalten ihres Kindes reagieren und »keine Gesprächsbereitschaft zeigen, sollte die Situation auch unter dem Blickwinkel einer möglichen Kindeswohlgefährdung betrachtet werden« (Günther, 2018, S. 5). Es mag ein wünschenswertes Ziel sein, dass Eltern nicht repressiv gegenüber den kindlichen Eigenarten auftreten, doch stimmt die unverhohlene Androhung der Inobhutnahme als Ultima Ratio doch recht nachdenklich.
Sicher handelt es sich bei den angeführten Zitaten um Auswüchse und es kann nichts schaden, wenn Lehrkräfte und Erzieher dafür sensibilisiert werden, Geschlechtsrollenverhalten nicht ausdrücklich auch noch zu unterstreichen. Kontraproduktiv ist es aber, wenn das zu einer völligen Verunsicherung führt, wie man sie unter praktizierenden Pädagogen gegenwärtig nicht selten beobachtet, die einfach ratlos sind, welche Maßnahmen sie überhaupt noch ergreifen dürfen.
2.9 Gender Studies
Einen akademischen Anstrich bekommen diese Aktivitäten durch ein neues Fach an Hochschulen, das sich als »Gender Studies« bezeichnet. Eine genaue Verortung ist schwierig, versteht sich das Fach doch als interdisziplinär. Die Wurzeln lägen sowohl in der Frauen- und Geschlechterforschung wie auch in der Frauenbewegung und aktuell beschäftige man sich mit der Frage »wie Geschlecht, Gesellschaft, Kultur und Wissen (schaft) zueinander vermittelt sind« (Brand & Sabisch, 2018, S. 2). Das Thema ist weder trivial noch uninteressant. Die einschlägigen Publikationen erwecken allerdings häufig den Eindruck, dass es sich um ein Sammelbecken von verschiedenen ideologisch aufgeladenen Themen handelt, zu denen eine politisch korrekte Haltung eingenommen wird. Denn bei aller Interdisziplinarität spielen biologische Überlegungen keine Rolle, und wenn, dann lediglich als Projektionsfläche für alles Schlechte dieser Welt, das es zu bekämpfen gilt. In einem Aufruf, Manuskripte bei der Zeitschrift »Gender« zum Thema »Antifeministische Mobilisierungen« einzureichen, wird die Biologie unter dem Begriff »(Re-)Naturalisierung von Geschlecht« problematisiert, wobei eine entsprechend motivierte Kritik am ideologischen Charakter der Gender Studies »diskursive Anschlüsse für Rassismen und Ideologien zur Legitimierung von Ungleichheit« böte (Gender, S. 1). Diese Art der Immunisierung gegenüber Kritik ist einzigartig für eine Disziplin mit wissenschaftlichem Selbstverständnis.
Dabei ist eine breite akademische Kritik an den Gender Studies überfällig. Besonders viel Material für Kritik liefert beispielsweise ein sexualpädagogisches Handbuch, in dem prominente Vertreter dieses Fachs der Idee folgen, Geschlecht und Sexualität seien sozial konstruiert. In der Absicht, »Verwirrung und Veruneindeutigung« in Sachen »Sexualitäten, Identitäten, Körpern etc.« (Tuider et al., 2012, S. 40) bei Kindern und Jugendlichen zu stiften, schlagen Elisabeth Tuider und Kollegen darin zahlreiche Übungen vor. Eine Übung namens »Der neue Puff für alle« etwa stellt Jugendliche vor die Aufgabe, ein »Freudenhaus der sexuellen Lebenslust« in der Großstadt zu modernisieren. Dabei sollen sämtliche sexuelle Vorlieben berücksichtigt werden. Bemerkenswert ist, dass die Autoren keine empirischen Belege vorlegen, die ihre Ideen als hilfreich ausweisen. Offenkundig besteht auch kein Verständnis für die Tatsache, dass eine pädagogische Intervention nicht alleine deswegen gut ist, weil sie vermeintlich »theoretisch gut fundiert« sei. So verwies Tuider bei einer Fachtagung zu dieser Frage zunächst auf Adornos Aussage, dass man »ohne Angst verschieden sein« können müsse. Sie wollte allerdings einem »weißen, deutschen Professor« nicht das letzte Wort zu ihren Praxisvorschlägen überlassen. Stattdessen zitierte sie Jugendliche, die an diesen Maßnahmen teilgenommen hatten – so etwa einen Jungen, der zu Protokoll gab: »Wir fanden es damals alle gut, über solche Themen zu reden, weil wir danach endlich alle darüber Bescheid wussten.«2 Die methodische Naivität dieses Evaluationsversuchs ist erschütternd. Abgesehen davon, dass man diese Übungen pädagogisch für prinzipiell ungeeignet halten kann, wäre grundsätzlich eine empirische Untersuchung solch pädagogischer Maßnahmen notwendig, bevor man deren Einsatz empfiehlt (s. Kasten »Korrelation und Kausalität«) (Zmyj, 2016).
Politisch flankiert wird die Etablierung der Gender Studies an den Hochschulen durch diverse staatliche Maßnahmen, die unter dem Begriff »Gleichstellung« firmieren. Die grundgesetzlich geforderte tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männer wird daran gemessen, ob im jeweiligen Bereich eine Gleichverteilung der Geschlechter vorliegt. Wird ein Frauenanteil von 50 % unterschritten, müsse dies an einer mangelnden Gleichberechtigung liegen. Liegt er darüber, sei dies nicht weiter problematisch. Dieser »Gleichstellungsstandard« spielt bei der Vergabe von öffentlichen Geldern an Hochschulen eine maßgebliche Rolle, sei es bei der Vergabe von Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft, im Rahmen der Exzellenzinitiative oder bei der sogenannten »leistungsbezogenen Mittelvergabe« der Bundesländer. Beim Professorinnenprogramm des Bundes werden Universitäten sogar nur dann gefördert, wenn sie eine Frau auf einen Lehrstuhl berufen. Wohl unter dem Einfluss dieser politischen Großwetterlage richteten viele Hochschulen Genderprofessuren und Genderstudiengänge in der Hoffnung ein, bei einer Begutachtung wohlwollend in der Kategorie »Gleichstellungsstandards« bewertet zu werden.
Ihren universellen Geltungsanspruch bringen die Gender Studies an verschiedenen Stellen zum Ausdruck. Beispielhaft ist die kürzlich vom Umweltbundesamt herausgegebene Literaturarbeit »Gendergerechtigkeit als Beitrag zu einer erfolgreichen Klimapolitik« (Röhr et al., 2017), die so wirkt als sei sie von Loriots »Verein zur Integration der Begriffe Karneval und Umwelt in die Frau« inspiriert. Auch an den Universitäten setzen die Gender Studies auf Expansion. So macht das Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Vorschläge, wie »Gender-Aspekte« in 54 Studiengänge, wie etwa Maschinenbau oder Physik, integriert werden könnten (Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW, 2020). Man kommt nicht umhin bei dieser Forderung an den Universitätsbetrieb der DDR zu denken, der für alle Studierenden das Fach Marxismus-Leninismus vorsah. Man würde auch den Befehlscharakter dieser Vorschläge unterschätzen, wenn man nicht das Antragsformular für neue Studiengänge an einer großen nordrhein-westfälischen Universität kennen würde, in dem mehr Angaben zu »Gender-Aspekten« gemacht werden müssen als zum Studienfach selbst.
2.10 »Sokal Squared«
Es verwundert nicht, dass sich im akademischen Betrieb langsam Widerstand gegen die Gender Studies formiert, auch bei denjenigen, die prinzipiell den politischen Idealen und der Bedeutung von Geschlechterforschung zustimmen. Der Widerstand richtet sich vor allem gegen den Primat der Ideologie zu Lasten der Objektivität. Zur Veranschaulichung der prekären Rolle der Objektivität in Fächern wie den Gender Studies sei auf eine Affäre verwiesen, die unter dem Titel »Sokal im Quadrat« durch die Presse ging. Der Name bezieht sich auf den Physiker Alan Sokal, der im Jahre 1996 einen sogenannten Hoax-Artikel verfasst hatte. Hoax heißt so viel wie Jux oder Schabernack und bezeichnet in diesem Zusammenhang ein nicht ernst gemeintes Manuskript, das den Zweck hatte, das Begutachtungssystem einer wissenschaftlichen Zeitschrift daraufhin zu testen, ob eine gewisse Wortwahl und Haltung unabhängig vom inhaltlichen Niveau für eine Annahme zur Veröffentlichung ausreichend war.
Sokals Beitrag hatte vorgegeben, die Quantengravitation als linguistische und soziale Konstruktion zu interpretieren, so als würde die Naturwissenschaft die postmoderne Philosophie unterstützen. Der Artikel wurde dankbar akzeptiert und Sokal hatte die Lacher auf seiner Seite.
Im Jahre 2017 ließen sich drei Sozialwissenschaftler namens James Lindsay, Peter Boghossian und Helen Pluckrose von diesem Vorbild inspirieren, dasselbe auch bei als renommiert geltenden Fachzeitschriften aus dem Gender-Lager zu versuchen. Sie reichten innerhalb eines Jahres 20 Manuskripte ein. In einem Artikel wurde beispielsweise behauptet, dass in Parks eine Vergewaltigungskultur unter Hunden herrsche, die der unter Menschen gleiche, und Männer daher wie Hunde erzogen werden müssten, Frauen zu achten (Pluckrose et al. [alias Wilson], 2018). Ein anderer Artikel war eine feministische Adaption von Hitlers Anleitung zur Machtergreifung in »Mein Kampf« (Titel: »Unser Kampf ist mein Kampf«) (Pluckrose et al. [alias Gonzalez & Jones], 2018, Übersetzung von der Autorin), in der gegen individuelle Freiheitsrechte zugunsten der Sache der Frauen polemisiert wurde. Einige Artikel wurden publiziert (der Hunde-Artikel sogar mit Auszeichnung), einige befanden sich beim Aufdecken des Streichs durch eine Journalistin noch im Begutachtungsprozess, einige wurden abgelehnt. In nahezu keinem der Begutachtungsprozesse wurde auf die Absurdität der Artikel hingewiesen, vermutlich weil die Artikel in einen postmodernen Jargon gekleidet waren, der dem der ernsthaft publizierten Artikel in diesen Zeitschriften ähnelte.
Das wirft natürlich die Frage auf, ob wir aus dieser Disziplin mit einem substantiellen Erkenntnisgewinn rechnen dürfen. Noch bedenkenswerter ist allerdings der Umstand, dass der Effekt ein anderer war als bei Sokal. Die Betroffenen verstanden in diesem Falle keinen Spaß. Es half nicht, darauf hinzuweisen, dass doch bei anderen, politisch korrekteren Fragestellungen ganz ähnlich vorgegangen wird, dass beispielsweise mit fingierten Bewerbungen auf Stellenanzeigen geantwortet und die Reaktion der Unternehmen registriert wird, um so etwa die Diskriminierung von Frauen in Bewerbungsverfahren untersuchen zu können (Antidiskriminerungsstelle des Bundes, 2011). Jedenfalls stellte Boghossians Universität fest, er habe gegen ethische Standards verstoßen, weil die Herausgeber der Fachzeitschriften und deren Gutachter nicht darüber aufgeklärt wurden, dass sie Teil eines Forschungsprojekts waren. Als Strafe legte sie fest, dass er keine weitere Forschung am Menschen durchführen und keine Forschungsgelder einwerben dürfe. Dies sei ihm erst wieder gestattet, wenn er an Kursen teilgenommen habe, die ihn im Schutz von Menschen in wissenschaftlichen Untersuchungen unterrichteten, und eine Aufsichtsperson der Universität zur Überzeugung gelange, Boghossian habe seine Missetat bereut.
Man lebt offenbar gefährlich, wenn man sich mit der Gender-Bewegung anlegt. Wenn allerdings Geistesgeschichtler die Zeit endgültig für überwunden erachten, in der die Inquisition Galilei zum Widerruf zwingen konnte, so ist das Schicksal dieser Hoax-Attacke für sie vielleicht doch Anlass zum Nachdenken.
Bei all der berechtigten Kritik an den Gender Studies gibt es allerdings unter den Kritikern ebenfalls bedenkliche Entwicklungen. Auf dem politischen Parkett nutzen einige Akteure derzeit die Kritik an den Gender Studies dazu, die Axt an die Freiheit von Forschung und Lehre zu legen. Nach dem Vorbild Ungarns, das die Fortführung des einzigen Gender-Studies-Studiengangs des Landes verbot, wird auch für Deutschland gefordert die Gender Studies abzuwickeln. Deutschland hat in seiner Geschichte schlechte Erfahrungen mit staatlichen Eingriffen in die Hochschulautonomie gemacht; nicht zuletzt sind die Gender Studies zu einem großen Teil Resultat dieses Einflusses. Weitere Eingriffe staatlicherseits würde die ideologisierte Ausrichtung von Forschung und Lehre gleich welcher Couleur vermutlich eher noch verstärken als verringern. Ein Blick in die Geschichte der Psychologie oder der Physik zeigt, dass selbst wissenschaftliche Disziplinen mit Objektivitätsanspruch nicht prinzipiell immun gegen eine politische Instrumentalisierung sind. Daher sind Forderungen nach staatlicher Steuerung der inhaltlichen Ausrichtung des Universitätsbetriebs mit höchster Vorsicht zu genießen.
2.11 Repressive Korrektheit
Ein Bereich, in dem man eine Veränderung der Geschlechtsrollen für besonders erfolgversprechend hält, ist die Sprache, der eine dominante Funktion bei der Ausbildung des Bewusstseins allgemein und damit auch des Bewusstseins der Geschlechtlichkeit zugemessen wird3. Dementsprechend erwartet man von der Entsexualisierung der Sprache eine besondere Wirkung, wie sich dies in der Öffentlichkeit ja inzwischen auch unübersehbar in der Vorschrift bemerkbar macht, neben den männlichen auch die weiblichen Bezeichnungen zu verwenden oder radikal gleich nur die letzteren.
Das kann Stilblüten von unfreiwilliger Komik produzieren, so etwa, wenn eine große deutsche Universität ihre Studienanfänger in einem Rundschreiben mit »Liebe Erstsemesterinnen und Erstsemester« anredet. Unangenehmer wird es, wenn sich dieser Druck mit Sanktionen verbindet. Es gilt als »politisch unkorrekt«, Begriffe zu gebrauchen, die so etwas wie Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern auch nur von Ferne suggerieren könnten. So erlebt man, dass in wissenschaftlichen Veröffentlichungen ohne Rücksprache mit dem Autor von Verlagsmitarbeitern das Personalpronomen »she« bzw. »he« pauschal durch die Mehrzahlform »they« ersetzt wird, die als einzige für »unschuldig« genug gilt. Wenn dabei der Sinn des Inhalts entstellt wird – was soll’s; der Autor hat es klaglos zu schlucken. Ein deutscher Wissenschaftsverlag verfolgt mittlerweile ebenfalls eine ähnliche Praxis. Im Namen der Geschlechtergerechtigkeit dürfen Schüler nicht mehr »Schüler« genannt werden, sondern nur noch »Schüler*innen«, »Schüler_innen«, »Schülerinnen und Schüler« oder »SuS«, wobei Letzteres nur noch für Eingeweihte ohne Weiteres verständlich ist. Das generische Maskulinum »Schüler«, das Mädchen wie Jungen gleichermaßen meint und grammatikalisch korrekt ist, gilt als nicht mehr akzeptabel.
Auch öffentliche Einrichtungen scheuen neuerdings weder Kosten noch Mühen, sich den neuen Sprachgewohnheiten eines Teils der akademischen Klasse anzupassen. Viele Studentenwerke benennen sich, teilweise auf Anweisung der jeweiligen Hochschulleitung, in »Studierendenwerk« um. Die Kosten einer Umbenennung können bis zu sechsstellig sein, aber es ist unbekannt, ob dadurch mehr Geschlechtergerechtigkeit entstanden ist. Ob Studentinnen nun häufiger ein Studierendenwerk aufsuchen, weil sie zuvor dachten, ein Studentenwerk sei nur für ihre männlichen Kommilitonen? Generell fehlt es an Untersuchungen zu den lebensweltlich relevanten Effekten dieses Neusprechs. Es dominieren Experimente zu den Assoziationen, die Probanden im Labor zu den verschiedenen Bezeichnungen (z. B. »Schüler« vs. »Schülerinnen und Schüler«) haben. Dabei führt das generische Maskulinum regelmäßig dazu, dass weniger an Frauen gedacht wird als bei den sogenannten geschlechtergerechten Bezeichnungen. Ob sich dies in die Lebenswirklichkeit übersetzt, ist allerdings weitgehend unklar. Und selbst wenn dies der Fall wäre, bleibt für mögliche Risiken und Nebenwirkungen nur der Stellenwert einer Randnotiz übrig. In einer Studie mit Grundschulkindern legten die Psychologen Dries Vervecken und Bettina Hannover den Kindern entweder Berufsbezeichnungen im generischen Maskulinum (z. B. »Ingenieure«) oder in der Paarform (»Ingenieurinnen und Ingenieure«) vor (Vervecken & Hannover, 2015). Bei stereotyp männlichen Berufen wie dem des Ingenieurs führte die Paarform dazu, dass Mädchen und Jungen den Beruf gleichermaßen für leichter erlernbar hielten, aber auch dazu, dass ausschließlich Jungen annahmen, weniger in dem Beruf zu verdienen. Ob dies unterm Strich sowohl zu einer größeren Repräsentanz von Frauen in diesen Berufen führt als auch zu einer Beseitigung des Fachkräftemangels steht auf einem anderen Blatt. Schließlich kann der Frauenanteil in einem Beruf auch dadurch erhöht werden, dass sich die heranwachsenden jungen Männer gar nicht erst für ihn interessieren.
Ob man der Sache der Frauen mit einer solchen kollektiven Zwangsneurose einen Gefallen tut, oder ob nicht vielmehr die Mehrzahl der Bevölkerung, der der Nutzen all der verordneten Umständlichkeiten ja einleuchten müsste, in eine kontraproduktive Trotzhaltung getrieben wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls gibt die Kurzsichtigkeit in der Argumentation zu denken. So haben es die Verfasser dieser Reglementierungen anfangs nicht für bedenkenswert gehalten, dass es Sprachen gibt, wie beispielsweise die türkische oder ungarische, in denen überhaupt keine geschlechtlichen Markierungen vorgesehen sind. Wenigstens ein bisschen weniger krass sollten in solchen Kulturen doch also die Rollenunterschiede der Geschlechter ausfallen, wenn die Sprache wirklich mit so überragender Kraft den Stil des Verhaltens und Erlebens prägt. Gleichwohl wird niemand behaupten wollen, dass türkische Männer aufgrund früh eingeübter Sprechgewohnheiten weniger Macho-Allüren zeigen und bereitwilliger Windeln wechseln als ihre deutschen oder italienischen – im diskriminierenden Milieu indogermanischer Grammatik aufgewachsenen – Geschlechtsgenossen.
Als diese Problematik dann nicht mehr zu ignorieren war, ging man der Sache dankenswerterweise auf den Grund. Prewitt-Freilino und Mitarbeiter legten auf der Basis eines beachtlich umfangreichen Materials eine vergleichend-linguistische Studie vor, die dieser Frage nachging (Prewitt-Freilino et al., 2012).
Zu ihrer Enttäuschung fanden sie keinen signifikanten Unterschied in Sachen Geschlechtergerechtigkeit zwischen Ländern mit einer Sprache ohne jegliche geschlechtliche Markierung und Ländern, in deren Sprache, wie im Deutschen, Nomina und Personalpronomina nach Geschlecht unterschiedlich markiert sind. Hierfür musste natürlich eine Erklärung gefunden werden, und da verfiel man auf die Annahme, selbst in Sprachen ohne geschlechtliche Klassifikation könne es ja Worte geben, die auch, ohne dass man es ihnen ansieht, eine unbewusst verzerrte, auf Männer zentrierte Interpretation hervorriefen. Dass damit die Grundthese, die Grammatik selbst würde der Diskriminierung Vorschub leisten, zu Grabe getragen wird, scheint niemandem aufgefallen zu sein.
Zum Glück brachte die Untersuchung dann doch noch ein wenigstens halbwegs verwertbares Ergebnis. Es gibt Sprachen wie das Englische, die zwar ihre Nomina nicht geschlechtlich klassifizieren (»the« als einziger bestimmter Artikel), aber geschlechtsspezifische Pronomina besitzen (»he/she/it«). Länder, in denen diese Art von Sprache vorherrscht, weisen eine vergleichsweise höhere Geschlechtergerechtigkeit besonders in wirtschaftlicher Hinsicht auf. Das war nun auch wieder nicht so leicht zu erklären. Die Lösung, die den Autoren schließlich einfiel, hat ein genialisches Flair: Die geschlechtsneutral konstruierten Nomina könnten hier von sich aus keinen Schaden anrichten. Und die flexibel einsetzbaren Personalpronomina erleichterten dann ohne große Umstände eine sprachliche Inklusion von Frauen.
Man erkennt an diesem Beispiel, wie unerlässlich es ist, bei der Interpretation empirischer Befunde ein Mindestmaß an selbstkritischer Zurückhaltung zu wahren.
2 Tuider, 2015 »LESBISCH-SCHWUL-BI-Trans* Sexuelle Vielfalt und sexuelle Vorurteile in der Jugendhilfe« am 23.11.2015 im Historischen Ratssaal der Stadt Münster
3 Eine fundierte und kritische Einführung in die theoretische und empirische Befundlage zu dieser Thematik gibt Klann-Delius, 2005.
3 Die missverstandene Biologie
3.1 Angst der Regie vor dem Autor
Die Frage, ob sich das Bewusstsein der Geschlechtlichkeit und der damit verbundenen Eigenschaften wirklich so beliebig »inszenieren« oder auch weginszenieren lässt, steht mehr denn je zur Diskussion, auch wenn viele Sozialwissenschaftler das nicht wahrhaben wollen. Dabei ist schon der Begriff der Inszenierung selbst eine Reflexion wert. Er bezeichnet die Tätigkeit des Regisseurs, der eine vom Autor kreierte Idee – ein Drehbuch, eine Opernpartitur oder ein Skript – aus der abstrakten Textform in Anschauung transformiert. Inszenierung ist durchaus ein eigenständiger schöpferischer Akt; sie setzt aber ebenso selbstverständlich immer schon ein Werk voraus, das es zu inszenieren gilt. Und wenn man, wie heutzutage allerdings üblich, hinter der Bearbeitung die Vorlage überhaupt nicht mehr wiedererkennt, weil sich der Regisseur auf Kosten des Autors allzu sehr selbst zu verwirklichen beliebte, dann monieren die Kritiker mit Recht fehlende Werktreue.
Die Verfechter des »konstruktivistischen« Ansatzes scheinen sich nun tatsächlich ganz an jenen postmodernen Regie-Egomanen zu orientieren, denen es gelingt, den Autor aus ihrem Werkverständnis zu verdrängen. An sich wäre gegen das Bild von der kulturellen Inszenierung des Geschlechterspiels nämlich überhaupt nichts einzuwenden, ja es trifft die Realität sogar haargenau – nur darf dabei eben nicht vergessen werden, dass aller Inszenierung, wenn das Wort seinen Sinn behalten soll, auch ein Textmaterial zugrunde liegt, das schon da gewesen sein muss, bevor die Fantasie des Regisseurs ihre Arbeit aufnehmen kann. Die Rede von der kulturellen Inszenierung der Geschlechtlichkeit verweist somit, richtig verstanden, von sich aus auf die Frage nach den natürlichen Grundlagen.
In dem gerade geschilderten ideologischen Umfeld ist es freilich nicht möglich, diese Frage auch nur zu stellen. Sie wird – günstigstenfalls – für hoffnungslos obsolet erklärt oder ihre Proponenten als »biologistisch« abgestempelt. »Biologie« ist eben ein Reizthema; wenn es anklingt, dann schlagen die Emotionen hoch, die Diskussion wird unsachlich bis hin zur moralischen Diffamierung und dem Vorwurf, die Sache der Frauen zu verraten. Konfrontiert man die Opponenten mit gut fundierten Daten, die eigentlich zu einer Revision ihrer Überzeugung führen müssten, so ist der Verdacht auf falsche »erkenntnisleitende Interessen« schnell bei der Hand.
Es sieht so aus, als sei die Diskussion zwischen Umwelttheoretikern und Biologen durch den unbeherrschbaren Zwang vergiftet, die Gegenseite zu verteufeln. Genauer betrachtet ist die Dynamik aber doch asymmetrisch. Es gibt unter Sozialwissenschaftlern einen antibiologischen Affekt, zu dem auf der Gegenseite eigentlich keine vergleichbare Voreingenommenheit erkennbar ist. Natürlich gibt es Ausnahmen; nur sind sie in der Minderzahl. Zu ihnen gehört der Soziologe Walter Hollstein, der einmal in einem Referat ausdrücklich auf die angesprochene Schieflage hingewiesen hat und sie auch in seinem Buch »Geschlechterdemokratie« thematisiert. Wird »der Biologie die Negation gesellschaftlicher Bedingungen vorgeworfen […], dokumentiert dies nicht eine angenommene Fehlleistung naturwissenschaftlichen Denkens, sondern vielmehr die Ignoranz bestimmter Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen« (Hollstein, 2004, S. 263).
Wenn also bei Diskussionen zwischen Sozialwissenschaftlern und Biologen den Letzteren explizit oder – häufiger – implizit unterstellt wird, sie erhöben einen Alleinerklärungsanspruch, dann ist der Verdacht nicht ganz abwegig, dies sei die Projektion der eigenen Intoleranz. Jedenfalls hängt die Haltung mit tiefgreifenden Missverständnissen und daraus resultierenden Befürchtungen zusammen, mit denen wir uns nun genauer auseinandersetzen wollen.
Solche Missverständnisse beruhen auf Fehlinformation oder auf dem Unwillen, sich überhaupt in einem Gebiet kundig zu machen. Was ist so schlimm an der biologischen Argumentation? Aus den Antworten von Studentinnen auf die Frage nach der Veranlagung haben sich im Lauf der Jahre folgende sechs in unserem Zusammenhang äußerst aufschlussreiche Thesen zu diesem Problem herauskristallisiert. Wir wollen an dieser Stelle die Frage des »dritten Geschlechts« und wie Personen, die sich dazu bekennen, mit der Frage der Veranlagung umgehen, noch zurückstellen.
1. Veranlagung bedeutet Festgelegtsein, denn an der Natur kann man nichts ändern.
2. Die anlagebedingten Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind so gering, dass sie nicht weiter relevant sind.
3. Geschlechtsunterschiede sind ein Produkt der Sozialisation, nicht der Veranlagung. Daher führt nur eine Gleichbehandlung der Geschlechter zur Verringerung der Geschlechtsunterschiede.
4. Natur und Freiheit sind Gegensätze.
5. Wenn man Geschlechtsrollen als naturgegeben akzeptiert und in der Biologie begründet, erhebt man sie damit auch zur gesellschaftlichen Norm; Abweichungen wären dann als »naturwidrig« verpönt.
6. Natürliche Geschlechtsunterschiede zugeben heißt, Männern Eigenschaften zubilligen, die den Frauen fehlen. Daraus ließe sich das Recht ableiten, Frauen als »minderwertig« zu diskriminieren.
3.2 »Veranlagte Verhaltensweisen sind nicht veränderbar«
Wir wollen diesen sechs Thesen genauer auf den Grund gehen. Dabei erweist sich die erste als besonders zentral und hartnäckig; sie wird uns eine Weile beschäftigen.
Es geht dabei um die sogenannte Anlage-Umwelt-Kontroverse, die Frage also, wie der genetische Code und äußere Einflüsse miteinander bei der Gestaltung des Organismus und seiner Verhaltensprogramme interagieren. Zuweilen kann man lesen, dieses Thema sei inzwischen ausdiskutiert; das stimmt aber nicht: Die Gemüter erhitzen sich nach wie vor daran. Dabei wird man nun eben regelmäßig mit dem erstgenannten Argument konfrontiert, demzufolge Anlagen sich unabhängig von Umwelteinflüssen entfalten und erbbedingte Verhaltensweisen folglich nicht veränderbar sein sollen.
Eine Aussage von Jeanne Block (Block, 1983) kennzeichnet diese Überzeugung recht treffend. In einem Review-Artikel zur geschlechtsdifferenzierenden Sozialisation diskutiert sie im einleitenden Abschnitt auch die Möglichkeit biologischer Einflüsse und kommt sinngemäß zu folgendem, etwas resignativ klingendem Schluss: Wo die Biologie eine Differenzierung von Verhaltensbereitschaften vorsehe, dort könne man ohnehin nichts mehr ändern. Sozialisation habe nur dort eine Chance, wo sie an einem biologisch neutralen Ausgangsmaterial ansetze. Bevor man daher die Wirkung biologischer Faktoren überhaupt nur erwäge, müsse man ganz sicher gehen, dass man den Einfluss der Sozialisation gänzlich ausgelotet habe.
Nun argumentiert Block noch vergleichsweise differenziert. Andere gehen mit der Biologie weniger behutsam um. Einfachste Grundkenntnisse in dem ungeliebten Fach sind nicht eben verbreitet; und wo Wissen fehlt, stellen sich leicht Zerrbilder ein, die sich dann unschwer ins Lächerliche ziehen lassen.
Repräsentativ hierfür sind beispielsweise die Ausführungen der Soziologin Carol Hagemann-White (Hagemann-White, 1984). In ihrem Buch über geschlechtsdifferenzierende Sozialisation widmet sie der Biologie immerhin ein ganzes Kapitel. Darin finden sich insbesondere zwei Thesen, die auch anderswo, wenn auch vielleicht nicht in so zugespitzter Form, vertreten werden (Hagemann-White, 1984, S. 30, kursiv von der Autorin).
Verhaltensunterschiede müssen, um sich als »biologisch« zu qualifizieren, regelmäßig, deutlich und zuverlässig bei allen Kulturen auftreten.
Das ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn man behaupten würde, die Farbenpracht einer empfindlichen Zierpflanze sei nur dann genetisch angelegt, wenn jeder Tölpel sie in seinem Blumentopf verlässlich zum Blühen bringen kann. Bei einem richtigen Verständnis biologischer Wirkweise kann der Gedanke gar nicht aufkommen, anlagebedingte Dispositionen würden starr ein ganz bestimmtes Verhalten determinieren. Es versteht sich vielmehr von selbst, dass sie sich je nach Maßgabe kultureller Einflüsse in verschiedener Form manifestieren können.
In Kulturen mit Ackerbau legen die Menschen größten Wert darauf, Eigentum zu mehren und zu wahren. Bei Jägern und Sammlern, die alles, was ihnen gehört, auf dem Leib mit sich tragen müssen, stellt Besitz dagegen einen niedrigen Wert dar. Heißt das nun, dass das Verlangen nach persönlichem Eigentum nicht zur natürlichen Grundausstattung des Menschen gehört? Werden Jäger und Sammler später doch noch sesshaft, ist es mit der Genügsamkeit jedenfalls bald vorbei. Allenfalls können sich Übergangsrituale bilden, die die Spannung für eine Weile kanalisieren. So wird etwa bei manchen nordamerikanischen Indianern von besonders reich gewordenen Stammesangehörigen erwartet, dass sie anlässlich eines Festes ihren gesamten Besitz wieder verschenken. Der Brauch ist nicht weit verbreitet, er scheint kulturgeschichtlich nicht sehr stabil zu sein. Das Beispiel zeigt aber, wie mannigfaltig die Formen sind, in denen die Kultur das Kräftespiel menschlicher Grundmotive »inszenieren« kann, ohne dass dies im Geringsten die natürliche Angelegtheit dieser Motive widerlegt.
Wenn also gewisse Geschlechtsunterschiede in verschiedenen kulturellen Kontexten nicht gleich auffallend ausgeprägt sind und vielleicht in Einzelfällen sogar einmal in ihr Gegenteil verkehrt erscheinen, dann reicht dies noch längst nicht aus, um die Relevanz biologischer Faktoren in Frage zu stellen.
3.3 »Geringe Anlageunterschiede sind unbedeutend«
Ähnlich viel ist von einem zweiten, von der Autorin noch nachgeschobenen Argument zu halten (Hagemann-White, 1984, S. 30, kursiv von der Autorin):
Will die biologische Erklärung sich auf empirische Regelmäßigkeit beziehen, so müssten die gefundenen Unterschiede ausreichend groß sein, um mit der Wirkungsweise biologischer Mechanismen vereinbar zu sein.
Verbunden mit der Behauptung, dass die Unterschiede tatsächlich aber ganz gering seien und sich überhaupt nur zeigen würden, wenn man größere Stichproben heranziehe, wird auch hieraus wiederum die Irrelevanz biologischer Argumentation abgeleitet.
Warum biologische Mechanismen nur für grobschlächtige Unterschiede zwischen den Geschlechtern verantwortlich sein sollen, lässt Hagemann-White offen. Abgesehen davon sind die Differenzen aber gar nicht überall so minimal, wie sie meint. Am ehesten trifft dies für den kognitiven Bereich zu. Der Autorin sind aber offensichtlich die vielen Befunde zur motivationalen, emotionalen und sozialen Entwicklung insbesondere bei Kleinkindern entgangen, auf die wir noch ausführlich zu sprechen kommen und bei denen Schwerpunktverschiebungen zwischen den Geschlechtern durchaus ins Gewicht fallen.
Schon eher ernst zu nehmen ist ein weiteres Argument, das häufig gegen die Biologie ins Feld geführt wird, bei genauerer Analyse allerdings gerade umgekehrt gut geeignet ist, um die Durchschlagskraft auch schwacher biologischer Effekte im Anlage-Umwelt-Wechselspiel verständlich zu machen.
Bei den meisten psychologischen Merkmalen, die statistisch zwischen den Geschlechtern differenzieren, ist es so, dass sich die Verteilungskurven für Frauen und Männer weitgehend überlappen. Die Variation innerhalb eines Geschlechts ist also oft größer als die zwischen Männern und Frauen insgesamt. Daraus wird mit schon vorhersehbarer Regelmäßigkeit abgeleitet, dann könne man die Unterschiede doch gleich ganz ignorieren. Dabei wird ebenso regelmäßig übersehen, dass solche Unterschiede trotz ihrer Geringfügigkeit durchaus schon genügen, um aufgrund spezieller Dynamiken erhebliche Schieflagen zu produzieren. Es gibt keinen Grund, sie von vornherein als belanglos zu bagatellisieren, da die Kultur sie auf jeden Fall »überspielen« könnte.
Die Umwelt unterliegt eben ihren eigenen Sachzwängen, die sie unter Umständen veranlassen können, geringfügige Differenzen nicht zu nivellieren, sondern erheblich zu verstärken. Hierauf haben nachdenkliche Autoren schon seit langem hingewiesen, so z. B. Ferdinand Merz bereits vor über vierzig Jahren in einer noch immer lesenswerten Monographie (Merz, 1979). Anhand eines Gedankenexperiments sei hier vorab schon ein Eindruck vermittelt, wie man sich eine solche Dynamik vorzustellen hat; sie wird uns in diesem Buch noch wiederholt beschäftigen.
In vielen Beschäftigungszweigen sind Frauen erkennbar unterrepräsentiert. Dies trifft insbesondere auf technische Berufe zu. Nehmen wir an, es handle sich um das Fach Maschinenbau an einer Technischen Hochschule. Für die Aufnahme zum Studium bestehe ein Numerus Clausus, der sich nach einer Eignungsprüfung richtet. Gehen wir von dem fiktiven Fall aus, dass die Aufnahme jährlich aufgrund eines Tests an der Gesamtpopulation der männlichen und weiblichen Abiturienten vorgenommen wird, dass sich beide Geschlechter gleichermaßen für das Fach interessieren und dass wirklich nur das Ergebnis dieser Aufnahmeprüfung zählt, also kein Vorurteil gegen Frauen besteht. Nun möge der Eignungstest einige Aufgaben beispielsweise zum räumlich-visuellen Vorstellungsvermögen enthalten, bei denen, aus welchen Gründen auch immer, Frauen im Mittel etwas schlechter abschneiden als Männer. Das schlägt sich in der Statistik der Testergebnisse nieder. Allerdings ist der Unterschied geringfügig. Nehmen wir beispielsweise eine Verteilung an, wie sie in der Abbildung 3.1 veranschaulicht ist (
Abb. 3.1).
Abb. 3.1: Die horizontale Skala zeigt die erreichte Punktzahl im Aufnahmetest, die vertikale den Prozentsatz der Personen, die eine jeweilige Punktzahl erreichen. Die Verteilungen überlappen sich weitgehend, doch liegt der Durchschnitt der Männer aus den genannten Gründen ein paar Punkte über dem der Frauen. Wenn nun wirklich nur Bewerber akzeptiert werden, die mindestens eine bestimmte Punktzahl erreichen, dann wirkt sich der optisch kaum ins Gewicht fallende Unterschied der Verteilungskurven schon gravierend aus. Unter den in der Abbildung zugrunde gelegten Verhältnissen wären unter den erfolgreichen Kandidaten die Männer bereits im Verhältnis 2 zu 1 überrepräsentiert. Bei noch rigoroserer Auswahl wird das Verhältnis sehr rasch noch viel ungünstiger.
Generell muss man sich bei dem Argument, Geschlechtsunterschiede seien wegen der überlappenden Verteilung vernachlässigbar, also immer vor Augen halten, dass in diesen Fällen das in Frage stehende Merkmal nicht nur beim einen Geschlecht häufiger vertreten ist, sondern – was noch wichtiger ist – umso stärker zum Tragen kommt, je weiter man in den Bereich der stärksten Ausprägungen kommt (
Abb. 3.1).
3.4 »Gleichbehandlung reduziert Geschlechtsunterschiede«
Effekte der gerade geschilderten Art sind nicht immer leicht zu durchschauen. Das Beispiel der Kinderläden zeigt sehr eindrücklich, dass z. B. für die Balance von Aggressivität und Nachgiebigkeit im Verhältnis von Jungen und Mädchen eine neutrale Haltung der Erzieher überhaupt nicht zuträglich ist.
Gleichbehandlung wäre nur dann eine geeignete Maßnahme, wenn die Geschlechter von der Veranlagung her auch wirklich gleich wären. Unterscheiden sie sich dagegen, dann kann eine Angleichung, wie Guggenbühl argumentiert, wirklich nur durch differenzierende Behandlung erreicht werden. Es entsteht somit in der Tat das Paradox, dass man die Geschlechtsstereotype ernst nehmen muss, um sie zu überwinden.
Was bei dieser Sachlage bedenklich stimmt, ist die unbefangene Selbstverständlichkeit, mit der die Gleichheit der Veranlagung weiterhin als Nullhypothese behandelt wird. Der Gedanke, dass man mit einer solchen Einstellung auch Schaden anrichten könnte, dass nämlich die Unterschiede wie im Beispiel der Kinderläden nur umso profilierter zu Tage treten könnten, wird offenbar nicht erwogen.
Solange wir indessen nicht genau abgeklärt haben, ob die Geschlechter sich in der Veranlagung unterscheiden und worin diese Unterschiede bestehen, ist es nicht nur naiv, sondern auch der Sache der Frauen abträglich, einfach davon auszugehen, die Geschlechterrollen ließen sich ohne Energieaufwand beliebig »inszenieren«. Was dabei herauskommt, wird im Ergebnis immer auch davon abhängen, wie die Kulturen mit der Veranlagung umgehen.
Wenn wir ernsthaft eine Änderung der bestehenden Verhältnisse anstreben und uns die Gleichberechtigung der Frauen wirklich ein Anliegen ist, werden wir also wohl nicht umhinkönnen, uns auch mit der Frage nach einer möglichen geschlechtstypischen Veranlagung gründlich auseinanderzusetzen. Nur so gehen wir sicher, alle Voraussetzungen ventiliert zu haben, die eine Rolle spielen könnten, wenn man mit Maßnahmen zur Veränderung auch Erfolg haben und nicht gerade das Gegenteil erreichen will. So moralisch wünschenswert das Gleichheitsideal auch ist, man kann nicht einfach dekretieren, die Geschlechter seien gleich und im Übrigen Wissensverzicht praktizieren oder gar erzwingen wollen. Die rigorose Einforderung politischer Korrektheit, in deren Namen eine manchmal schon an Meinungsterror grenzende soziale Kontrolle gerade bei Äußerungen zur Geschlechterproblematik ausgeübt wird, kennzeichnet eine gefährliche Entwicklung, die fatal an Zeiten erinnert, in denen selbstständiges Denken automatisch als Erweis für Verkehr mit dem Teufel erachtet wurde. Machen wir uns also frei von solchen Zwängen und stellen wir uns in aller Offenheit der Frage, ob – über die Trivialitäten der Anatomie hinaus – Mann und Frau von Natur aus anders sein könnten. Je gründlicher wir in das Thema eindringen, umso deutlicher wird sich zeigen, dass die damit verbundenen Ängste weitgehend ungerechtfertigt sind und bei genauer Kenntnis der Zusammenhänge gegenstandslos werden.
3.5 »Natur und Freiheit sind Gegensätze«
Was würde es bedeuten, wenn bei geschlechtstypischem Verhalten und Erleben tatsächlich Anlageunterschiede eine Rolle spielten? Wir werden uns dieser Frage nicht sogleich zuwenden, sondern zunächst die sozialisatorischen und kulturellen Einflussfaktoren betrachten und ausloten, wieweit sich empirisch belegbare Unterschiede durch sie erklären lassen. Einige Worte der Klarstellung sind aber vorab am Platze, damit Leser und Leserinnen sich eine Vorstellung vom Stellenwert machen können, der dem Faktor Biologie in späteren Kapiteln zuzumessen sein wird. In Stichworte gefasst lässt sich der zu entwickelnde Standpunkt wie folgt skizzieren.
Die Relevanz der Veranlagung beschränkt sich nicht darauf, die morphologische Geschlechtlichkeit vorzugeben, die wir dann reflektieren und zum Kristallisationskern erzieherischer Wertmaßstäbe und persönlicher Identitätsbildung machen. Dabei soll keineswegs abgestritten werden, dass diesem Prozess eine wichtige Bedeutung zukommt. Bei Sichtung des vorliegenden Befundmaterials scheint es aber wohl unabweislich, dass sich auch die psychologischen Dispositionen der Geschlechter voneinander unterscheiden, noch bevor wir darüber nachdenken oder an ihnen herumerziehen, dass also Frauen und Männer von vornherein in ihren Interessen und Motiven, im Stil ihrer Emotionalität und – was noch am unwichtigsten ist – auch auf dem Begabungssektor verschieden angelegt sind.
Das bedeutet nun aber nicht, dass wir durch solche Dispositionen in unserem Verhalten determiniert wären. Die Natur legt uns nicht in dem Sinne fest, dass wir uns nur in einer bestimmten Weise und nicht anders verhalten könnten. Wir sind als Menschen prinzipiell frei, unsere Handlungen zu planen und zwischen Alternativen zu entscheiden. Die Wirkung natürlicher Dispositionen ist appellativer Art; sie legen uns bestimmte Verhaltensweisen näher als andere. Bestimmte Tätigkeiten und Aufgabenbereiche kommen einfach den im Durchschnitt vorherrschenden Neigungen, Interessen und Begabungen des einen Geschlechtes mehr entgegen als denen des anderen, verschaffen jenem daher mehr Befriedigung, lassen sich bequemer realisieren und tragen besser zum Gefühl der Erfüllung bei.
Es geht also gar nicht darum, dass das eine Geschlecht nicht Äquivalentes in den Bereichen, die eher dem anderen liegen, vollbringen könnte. Einige Naturtalente für noch so »typisch männliche« oder »weibliche« Kompetenzen gibt es immer auch beim Gegengeschlecht, und auch bei den übrigen ließe sich mit geeigneten Erziehungsmaßnahmen eine Angleichung der Leistungen erreichen; zumindest theoretisch wäre sogar so etwas wie eine Rollenumkehr denkbar. Nur müsste diese eben eigens trainiert werden, man müsste bestimmte Tätigkeiten einüben, sich mehr anstrengen und unter Umständen stets erneut gegen innere Widerstände ankämpfen. Auch wenn die Natur nichts erzwingt, so fordert sie doch ihren Preis.
So wird sich – um ein geschlechtsneutrales Beispiel heranzuziehen – ein Junge von körperlich eher zarter Konstitution schwerer tun, bestimmte Turnübungen perfekt auszuführen, als sein Klassenkamerad mit athletischem Körperbau. Aber bekanntlich kann man durch Krafttraining viel erreichen, nur ist es eben zeitaufwendig und bedarf der besonderen Motivierung. Beide Schüler können also zur gleichen Leistung kommen, nur fällt sie dem einen eher mühelos zu, während der andere sich anstrengen muss. Fest steht allerdings, dass der Turnlehrer bestimmt keinen Erfolg mit dem körperlich schwächeren Jungen hätte, wenn er beide konsequent »gleich behandeln«, beiden also von Anfang an das Gleiche zumuten würde. Er muss seine Förderung vielmehr individuell an die Voraussetzungen seiner einzelnen Schüler anpassen. Dies ist auch schon das Geheimnis, wie man sich generell den Umgang mit unterschiedlichen Veranlagungen zu denken hat: Um das gleiche Verhaltensergebnis zu erreichen, muss man das erzieherische Vorgehen in Anpassung an das jeweilige Entwicklungspotential differenzieren.
Nun kommt noch ein Weiteres hinzu. Geschlechtsrollenerwartungen tendieren wie alle Stereotype dazu, über einen Kamm zu scheren; sie tun so, als seien alle Männer in gleichem Maße anders als alle Frauen. In Wirklichkeit gibt es aber Abstufungen in der Leichtigkeit, mit der das einzelne Individuum ein bestimmtes geschlechtstypisches Verhalten zu verkörpern vermag – bis hin zu einer Minorität, der in der Tat die Rolle des Gegengeschlechts besser liegen würde. Wenn man also Männer und Frauen einzeln befragt, dann nehmen sie Merkmale, die im statistischen Mittel größerer Populationen als geschlechtsdifferenzierend ausgewiesen sind, für sich selbst mit vollem Recht als mehr oder weniger bzw. auch überhaupt nicht zutreffend in Anspruch.
Das simple Schwarz-Weiß-Muster der Geschlechterrollen, dem wir im Alltag immer wieder ausgeliefert sind, ist also wirklich ein primär kultureller Effekt. Nur ist es bei aller Übertreibung nicht ganz willkürlich. Denn die meisten Gesellschaften dürften bevorzugt diejenigen Verhaltensmuster zu Kristallisationskernen ihrer Stereotypbildung machen, die den natürlichen Dispositionen der Mehrzahl ihrer Mitglieder am bequemsten entgegenkommen; das minimiert automatisch den kollektiven Widerstand und garantiert Stabilität. Auf dieser Basis stellt sich dann fast schon spontan eine geschlechtstypische Differenzierung ein, ohne dass der Erziehungsaufwand besonders nachdrücklich in die entsprechende Richtung zu wirken braucht. Die »scharfsinnige und kulturell vielfach bestätigte Wahrheit« der Stereotype, auf die Jeanne Block in ihrem Einwand zu Maccoby und Jacklin aufmerksam macht, beruht wohl letzten Endes darauf, dass die Kultur nachzeichnet und akzentuiert, was die Natur vorgibt.

Abb. 3.2: Gesellschaftliche Transformation einer überlappenden empirischen Verteilung geschlechtstypischer Verhaltensmerkmale (oben); Akzentuierung der gelebten Unterschiede durch normative Dichotomie der Rollen (Mitte); Höherbewertung der männlichen Abwertung der weiblichen Verhaltensmuster (unten)
Abbildung 3.2 drückt das Gemeinte schematisch aus (
Abb. 3.2): Die gesellschaftliche Selbstinterpretation des Menschen ist der Schlichtheit des Gruppendenkens angepasst, drängt daher auf Eindeutigkeit und transformiert ein empirisches »Mehr-oder-Weniger« leicht in ein normatives »Alles-oder-Nichts«. Wo sich also ein Merkmal nur statistisch eher bei Männern oder bei Frauen häuft, wird es rasch zur gesellschaftlich einklagbaren Norm, so dass die Verteilung im Endergebnis viel eindeutiger ausfällt, als der natürlichen Veranlagung entspräche. Wobei gerade der Umstand, dass es eine solche Veranlagung gibt, erst den Stress jener verständlich macht, die von Natur aus am »falschen« Ende ihrer Verteilungskurve siedeln, ein Problem, auf das wir im Zusammenhang mit dem »dritten Geschlecht« noch genauer zu sprechen kommen.
3.6 »Die Biologie bestimmt die Moral«
Damit kommen wir auf ein weiteres Missverständnis zu sprechen, das ebenfalls dazu beiträgt, die biologische Argumentation in Misskredit zu bringen; es betrifft die Beziehung zwischen Biologie und Moral. Traditionelle Kulturen nehmen nicht nur eine Dichotomisierung nach Art der Abbildung vor, sie setzen ihre Mitglieder auch – bald rigoros und autoritär wie im politischen Islam, bald unbewusst ermunternd – dem Zwang aus, ein typisch weibliches oder männliches Verhalten an den Tag zu legen. Um dieser Forderung nun einen Absolutheitsanspruch zu verleihen, beziehen sie sich auf die Veranlagung, versuchen also Moralvorschriften naturgesetzlich zu legitimieren. Etwas, das von der Natur vorgezeichnet ist, also in unserem Fall etwa die von den unterschiedlichen Fortpflanzungsfunktionen der Geschlechter nahegelegte Aufgabenteilung in der Familie, wird als die gottgewollte Bestimmung von Mann und Frau angesehen und zur Grundlage moralischer Wertsetzung gemacht. Eine solche Legitimierung moralischer Normen durch biologische Einsichten ist indessen nicht zulässig und außerdem keineswegs eine logische Konsequenz einer biologischen Betrachtung. Man spricht in diesem Zusammenhang von der »naturalistic fallacy«, also einem naturalistischen Trugschluss, dem manche Morallehren anheimfallen.
Ob und wie sich Moral überhaupt legitimieren lässt, gehört zu den schwierigsten Fragen (Bischof, 2012). Ihre Beantwortung ist nicht Gegenstand dieses Buches, eins aber ist sicher: Naturgegebenheiten können nicht herangezogen werden, um daraus moralische Normen abzuleiten. Was auch immer wir beschließen, für richtig zu halten, es wird darunter immer auch Regeln geben, die sich gegen die Natur richten. So sind wir von Natur aus dazu angelegt, viele Kinder in die Welt zu setzen, und für viele Kulturen ist dies auch heute noch ein hoher moralischer Wert. Der dramatische Bevölkerungszuwachs legt den Weiterdenkenden aber nahe, dass eigentlich genau das Gegenteil, nämlich Geburtenkontrolle, angebracht wäre. Da wir die Umwelt, an die wir natürlicherweise angepasst sind, längst drastisch verändert haben, ist vieles, was unseren natürlichen Neigungen besonders entgegenkommen würde, unserem Wohlbefinden abträglich. Davon abgesehen wäre auch schon im Mittelalter niemand auf die Idee verfallen, den Zölibat für sittenwidrig zu halten, nur weil er dem natürlichen Geschlechtstrieb zuwiderläuft.
3.7 »Die Biologie legitimiert die Abwertung der Frau«
Ebenfalls mit dem Rückbezug auf die Veranlagung gerechtfertigt wird eine weitere, eine der folgenschwersten Maßnahmen der Gesellschaft. Sie betrifft die unterschiedliche Wertung der Geschlechter. Typisch weibliche Eigenschaften und Frauen überhaupt gelten in vielen Kulturen als minderwertig, während Tätigkeiten allein schon dadurch ein höheres Prestige erhalten, dass sie von Männern ausgeübt werden. Das muss nicht so sein, wie der Kulturvergleich zeigt. Aber aus Gründen, die noch genauer erörtert werden, ist die Gefahr, dass es zu einer Abwertung des weiblichen Geschlechts kommt, größer als umgekehrt. Es wird sich zeigen, dass es in der Tat bestimmte Unterschiede in der Veranlagung sind, die eine solche Entwicklung begünstigen, was aber natürlich wiederum nicht heißt, dass sie damit auch unvermeidlich oder gar legitim wäre.
Die Befürchtung, Anlageunterschiede könnten dazu missbraucht werden, eine Diskriminierung von Frauen zu rechtfertigen, kann gar nicht ernst genug genommen werden. Der berechtigte Wunsch, einer solchen Legitimierung den Boden zu entziehen, darf aber nicht so weit gehen, die wissenschaftliche Diskussionen über Anlageunterschiede einzuschränken oder gar zu verbieten, wie das bei Kreisen, die dem Gender Mainstreaming und den Gender Studies nahestehen, die Tendenz ist. Letztlich erweist man Frauen – und im Übrigen auch Jungen und Männern – keinen guten Dienst, wenn man wichtige Einsichten unterbindet und denjenigen, die sich mit den Auswirkungen biologischer Mechanismen befassen, fragwürdige Motive unterstellt. Bischof spricht in diesem Zusammenhang von einem »moralistischen« Trugschluss, in dem er das Pendant zum naturalistischen Trugschluss sieht (Bischof, 2012). Wenn etwas als moralisch nicht wünschenswert deklariert wird, dann besteht die Tendenz, seine Existenz überhaupt zu leugnen, »weil nicht sein kann, was nicht sein darf« (Morgenstern, 1909): Geschlechtsunterschiede gibt es nicht, weil man sie sonst zur Legitimation von Diskriminierung heranziehen könnte.
Es ist ein zentrales Anliegen dieses Buches, die Missverständnisse aufzuklären, die zu der hartnäckigen Fehleinschätzung biologischer Faktoren führen. Nur wenn wir vorbehaltlos auch über die biologischen Aspekte unserer Verhaltensorganisation Rechenschaft ablegen, werden wir eine Chance haben, bestehende Vorurteile abzubauen und den Schwächen beider Geschlechter wirksam gegenzusteuern. Ob daraus dann letztlich eine Angleichung resultieren sollte oder ob nicht vielmehr die Gleichbewertung bei beibehaltenen Unterschieden das Erstrebenswerte wäre, mag zunächst offen bleiben.
Teil I Theorien und ihre Evidenz
Wie im 1. Kapitel erwähnt, fordert Jeanne Block, man müsse immer erst ausloten, ob und wieweit Unterschiede auf die Sozialisation zurückzuführen seien, bevor man biologische Einflussfaktoren in Erwägung ziehen dürfe. Gegen dieses Postulat lässt sich, wie wir festgestellt haben, allerlei einwenden; es beruht auf einer höchst willkürlichen Festsetzung der Nullhypothese. Da es aber nicht viel einbringt, im Vorfeld der Sachfragen über Verfahrensregeln zu streiten, wollen wir auf die Forderung eingehen. Unterziehen wir also zunächst die zugunsten der Sozialisationsannahme anführbare Evidenz einer genaueren Betrachtung.
Es empfiehlt sich, dabei in zwei Schritten vorzugehen. Sozialisationsprozesse, die zu einer stabilen Polarisierung geschlechtstypischer Verhaltensstile führen, liegen nicht so offen zutage, dass sie von vornherein als trivial vorausgesetzt werden könnten. Man kommt also nicht umhin, sie in Form theoretischer Annahmen zu spezifizieren. Als Erstes wäre demnach zu klären, welche theoretischen Standpunkte in diesem Problemkomplex überhaupt vertreten worden sind. In einem zweiten Schritt wollen wir sodann die Befunde überprüfen, die mit den vorgestellten Theorien im Einklang oder auch im Widerspruch stehen. Auf diese Weise erhalten wir eine Anschauungsgrundlage, auf deren Basis wir beurteilen können, wieweit die Annahme soziokultureller Verursachungen ihre Bestätigung findet und wo sie gegebenenfalls an Grenzen stößt.
Die Theorien zur Übernahme der Geschlechterrolle, die in der Fachwelt diskutiert werden und mehr oder weniger auch Akzeptanz gefunden haben, lassen sich an einer Hand abzählen. Es handelt sich im Wesentlichen um die Theorie Freuds, die abgesehen von einigen kritischen Modifikationen auch von seinen Anhängern vertreten wird, ferner um lerntheoretische Erklärungsansätze, die zum einen im Rahmen der Bekräftigungstheorie formuliert wurden, zum anderen in der Theorie des sozialen Lernens die Rolle der Imitation betonen, und schließlich um den kognitivistischen Ansatz von Lawrence Kohlberg mit seiner Fortführung in der Genderschema-Theorie.
4 Freud und die Folgen
4.1 Ödipus- und Kastrationskomplex
Aus historischen Gründen sei die Theorie Sigmund Freuds an erster Stelle behandelt, wobei wir uns darauf beschränken wollen, seine Überlegungen soweit zu skizzieren, wie es erforderlich ist, um seinen Einfluss auf die anderen zu erörternden Ansätze verständlich zu machen. Ein weiterer Grund, warum Freud nicht unerwähnt bleiben darf, ist seine unverkennbar abwertende Haltung dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Diskriminierende Argumente bei den nachfolgenden Generationen haben nicht selten bei ihm ihren Ursprung.
Freud hat sich in erster Linie mit der männlichen Entwicklung befasst, während er sich zur weiblichen wohl nur auf Drängen von Mitarbeiterinnen gegen Ende seines Lebens mehr anekdotisch äußerte. Zwar betont er, dass diese Äußerungen nur vorläufigen Charakter haben; da man aber in seiner Anhängerschaft dazu neigt, seine Worte prinzipiell für verbindlich zu halten, haben diese Bemerkungen gleichwohl ihren – zum Teil eben wenig erfreulichen – Einfluss ausgeübt (Freud, 1925).
Freud misst – bei Jungen und Mädchen gleichermaßen – zwei Ereignissen im Alter zwischen drei und fünf Jahren besondere Bedeutung für die Ausbildung des Geschlechtsrollenverständnisses zu. Einmal handelt es sich darum, dass Kinder die anatomischen Unterschiede entdecken, wobei die Feststellung, dass Mädchen keinen Penis haben, für beide Geschlechter gravierende Folgen haben soll. Den zweiten wichtigen Vorgang in diesem Altersabschnitt sieht Freud darin, dass »die Libido die Genitalregion besetzt«, dass also die Genitalien erstmals zum Zentrum lustvoller Erregung werden.
Bekanntlich nimmt Freud eine allgemeine Triebenergie an, die er »Libido« nennt. Am Beginn des Lebens sei diese zunächst auf den oralen Bereich fixiert, weil Nahrungsaufnahme so ziemlich das Einzige ist, wobei ein Säugling schon eigene Aktivität entwickelt. Darin ist ein elementarer Symmetriebruch grundgelegt: Für Jungen ebenso wie für Mädchen wird die Mutter als Vermittlerin der Nahrung zum ersten Beziehungsobjekt. Es folgt dann die anale Phase, in der die Ausscheidungsorgane in den Fokus des Erlebens rücken, und schließlich die sogenannte phallische oder genitale Phase, in der die Triebenergie erstmals eine sexuelle Orientierung im eigentlichen Sinn erhält. Der gegengeschlechtliche Elternteil erscheint jetzt als begehrenswert. Dadurch gerät nun aber die Beziehung zu den Eltern in eine Krise.
Bei Söhnen verläuft der Prozess der Geschlechtsrollenübernahme so, dass sie mit dem Übertritt in die phallische Phase anfangen, ihr primäres Bindungsobjekt, die Mutter, auch sexuell zu begehren (Freud, 1900, 1923). Der Vater ist dabei im Weg und wird somit unvermeidlich zum Rivalen. Der kleine Junge beginnt, ihn zu hassen und ihm den Tod zu wünschen. Diese Konstellation bezeichnet Freud als den Ödipuskomplex, nach dem griechischen Sagenhelden, der seinen Vater totschlug und die Mutter heiratete. Während der wirkliche Ödipus Letzteres aber erst tat, nachdem der Vater ausgeschaltet war und noch bevor er von der Verwandtschaft erfuhr, liegen die Verhältnisse beim Fünfjährigen komplizierter. Der mächtige Vater ist immer noch präsent und lässt sich die Unbotmäßigkeit natürlich nicht gefallen. Er droht vielmehr, sich zu rächen und den Sohn zu bestrafen, was diesen in beträchtliche Angst versetzt. Der Junge malt sich nun aus, was der Vater ihm Schlimmes antun könnte. Diese Ängste fallen in den gleichen Zeitraum, in dem er auch den »defekten« Zustand der Genitalien bei Mädchen bemerkt. Sie haben offensichtlich irgendwann einmal ihren Penis verloren. Einen Penis zu haben ist also keine Selbstverständlichkeit, er kann einem abhandenkommen. Was liegt näher, als sich vorzustellen, dass der Vater dem Jungen dieses Lustobjekt nehmen wird, um ihn für sein unbotmäßiges Begehren zu strafen. Der Junge entwickelt in der Folge einen Kastrationskomplex, und dieser hilft ihm dann auch, den Ödipuskomplex zu überwinden. Die Angst vor der Kastration lässt sich nämlich bewältigen, wenn man die auf die Mutter gerichteten Triebwünsche aufgibt und sich mit dem Vater identifiziert, ihn also zum Leitbild macht, seine Forderungen übernimmt und sich selbst bestraft, indem man auf die Mutter verzichtet.
Anna Freud (Freud, 1936) hat diesen Vorgang später unter Verwendung eines ursprünglich auf Ferenczi (Ferenczi, 1929) zurückgehenden Konzepts als Identifizierung mit dem Angreifer präzisiert. Wenn man als kleiner Junge die Aggression selbst gegen sich richtet, die man eigentlich vom Vater befürchten muss, dann braucht dieser gar nicht erst feindselige Affekte zu entwickeln, und seine positive Zuneigung bleibt einem erhalten. Gleichzeitig kommt man, indem man sich mit ihm identifiziert, auf Umwegen doch noch, jetzt aber legitimerweise, in den Besitz der Mutter.
Die Identifikation mit dem Vater hat zwei wesentliche Konsequenzen. Sie führt einerseits dazu, dass sich ein »Über-Ich« ausbildet, das die Aufgabe einer verinnerlichten Strafinstanz übernimmt. Damit ist nach Freud die Basis für moralisches Verhalten gelegt. Zweitens eignet sich der Junge, indem er sich mit dem Vater identifiziert, die männliche Geschlechtsrolle an.
4.2 Elektrakomplex und Gebärneid
Wie sieht es nun mit der entsprechenden Entwicklung bei Mädchen aus? Wie schon erwähnt, hat sich Freud vor diesem Thema immer ein wenig gedrückt. Er äußert sich dazu erstmals 1925 als 68-jähriger Mann in einem Artikel mit dem Titel »Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds« (Freud, 1925). Einmal mag er damit dem Druck seiner Schülerinnen Helene Deutsch und Jeanne Lampl-de Groot nachgegeben haben, von denen die Letztere in Anlehnung an Jung einen »Elektrakomplex« postuliert hatte, wobei sie davon ausging, dass die Entwicklung beim weiblichen Geschlecht symmetrisch zum Ödipuskomplex verlaufe. Hauptsächlich könnte der Anlass aber Freuds schwindende Lebensperspektive gewesen sein, denn er gibt am Anfang des Artikels, vermutlich auch unter dem Eindruck seiner Krebserkrankung, den Hinweis, dass er nicht mehr unbegrenzt Zeit habe und deshalb etwas verlautbaren müsse, das noch nicht vollständig ausgereift sei, sondern lediglich seinen Eindruck aus etwa einem Dutzend Fällen wiedergebe. Mit der Betonung der Vorläufigkeit seiner Aussage, deren Richtigkeit erst noch von seinen Schülern genauer überprüft werden müsse, suchte er wohl die Brisanz des Inhalts etwas abzumildern. 1931 folgte dann ein zweiter Artikel »Über die weibliche Sexualität«, in dem Freud explizit und kritisch auf den »Elektrakomplex« Bezug nimmt (Freud, 1931).
Freud betont, dass die geschlechtliche Entwicklung bei Jungen und Mädchen eben nicht symmetrisch verläuft. Auch das Mädchen ist nach seiner Meinung zunächst oral auf die Mutter fixiert und erlebt daher den Vater als Rivalen. Die weitere Entwicklung verläuft dann aber insofern weniger prägnant, als die Situation des Penisverlusts ja bereits eingetreten ist. So beginnt der Prozess bei den Mädchen nicht mit dem Ödipuskomplex, am Anfang steht vielmehr die Erfahrung der Kastration. Das Mädchen bemerkt, mit den Worten Freuds, »den auffällig sichtbaren groß angelegten Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als das überlegene Gegenstück seines eigenen, kleinen versteckten Organs und ist von da an dem Penisneid verfallen« (Freud, 1925, S. 162). Hiervon kommen Frauen lebenslang nicht mehr los; sie erleben sich als minderwertig gegenüber dem Mann, der seinerseits eine »Abscheu vor dem verstümmelten Geschöpf empfindet oder triumphierende Geringschätzung desselben«. In der Organminderwertigkeit sieht Freud ferner den Grund, dass Frauen zu Eifersucht neigten, und auch die erhöhte weibliche Schamhaftigkeit rühre daher; denn man möchte verbergen, dass etwas nicht vorhanden ist. In diesem Zusammenhang wird dann gleich noch die Vorliebe für das Flechten und Weben erklärt, die ja dem Bedecken dienen. Schließlich resultiert daraus auch die Eitelkeit, denn irgendwann entdeckt das Mädchen, dass es schön ist und muss dies nun kompensatorisch übertreiben.
Wie verarbeitet das Mädchen nun aber die ganze Schande? Es macht die Mutter verantwortlich, die es so schlecht ausgestattet hat, und verachtet sie als ebenfalls minderwertiges, weil penisloses Geschöpf. Konsequenterweise wendet es sich von ihr ab und dem Vater zu, in der Hoffnung, an dessen Organ zu partizipieren oder doch wenigstens ein Kind als Ersatz von ihm zu bekommen. Damit hätten wir ein weibliches Pendant zum Ödipuskomplex. In den Worten Freuds: »Während der Ödipuskomplex des Knaben am Kastrationskomplex zugrunde geht, wird der des Mädchens durch den Kastrationskomplex ermöglicht und eingeleitet« (Freud, 1925, S. 166).
Schuld- und Angstreaktionen sind auch hier die Folge und führen dann schließlich doch zu einer kompensatorischen Identifikation mit der Mutter, die freilich wegen deren schon erwähnter Minderwertigkeit schwächer ausfällt. Immerhin kommt es aber ebenfalls zu einer Übernahme der Geschlechterrolle und auch moralische Wertvorstellungen werden ausgebildet. Allerdings besteht für das Mädchen kein Anlass, den Ödipuskomplex ebenso rigoros zu überwinden wie der Junge; denn es kann ihm ja nichts mehr passieren, den Penis hat es sowieso schon verloren. Das wirkt sich natürlich auf die weibliche Moralentwicklung aus: »Das Über-Ich wird niemals so unerbittlich, so unpersönlich, so unabhängig von seinen affektiven Ursprüngen wie wir es vom Manne fordern«. Hierin liege die Ursache dafür, dass das Weib »weniger Rechtsgefühl« zeige und weniger die »Neigung zur Unterwerfung unter die großen Notwendigkeiten des Lebens«. Freuds Ausführungen laufen letztlich darauf hinaus, dem weiblichen Geschlecht das schwächere moralische Gewissen zu attestieren.
Die psychoanalytische Retourkutsche auf diese defizitorientierte Konzeption der weiblichen Entwicklung ließ nicht lange auf sich warten. So meinte Karen Horney beim männlichen Geschlecht einen Gebärneid – als Pendant zum Penisneid beim weiblichen Geschlecht – entdeckt zu haben. Freuds Theorie sei lediglich Ausdruck seines männlichen Narzissmus, denn in psychotherapeutischen Gesprächen mit Männern gewänne sie »den überraschenden Eindruck von der Intensität dieses Neides auf Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft, sowie auf die Brüste und das Stillen« (Horney, 1926, S. 365). Diese vermeintliche Organminderwertigkeit des Mannes wird nun wiederum dazu herangezogen, allerlei zu erklären: So gründe beispielsweise die Gewichtszunahme der Väter während der Schwangerschaft ihrer Partnerinnen ebenso im Gebärneid wie die Hexenverfolgung im Mittelalter.
4.3 Kritische Anmerkungen
Auf den Punkt gebracht, beruht für Freud die Übernahme der Geschlechtsrolle auf der Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, wobei diese Identifikation dazu dienen soll, dessen Rache dafür, dass man seinen Partner sexuell begehrt, abzuwenden. Der Mechanismus der Identifikation ist insofern für unsere weiteren Überlegungen wichtig, als er erklären würde, wie Kinder dazu kommen, sich auf den gleichgeschlechtlichen Elternteil auszurichten, ihn als Modell für ihr Verhalten zu bevorzugen und sich damit geschlechtsangemessen zu orientieren.
Im Übrigen ist der Erklärungswert der Theorie mit vielen Fragen behaftet, auf die im Folgenden kurz eingegangen wird. So führt Asendorpf gegen Freud an, dass geschlechtstypisches Verhalten, falls es denn allein durch Identifikation mit dem gleichen Elternteil zustande käme, eine viel größere Stilähnlichkeit zwischen Söhnen und Vätern bzw. Töchtern und Müttern erkennen lassen müsste, als sich in der Realität beobachten lasse (Asendorpf, 1996). Auch erklärt Identifikation kaum, wieso Geschlechtsunterschiede bereits lange vor der ödipalen Phase auftreten. Des Weiteren ist einzuwenden, dass es zwar eine Vielzahl von Aufsätzen zum Ödipuskomplex in Fachzeitschriften gibt, diese Aufsätze aber keine kritische Prüfung der Existenz des Ödipuskomplexes darstellen. Sie sind lediglich persönliche Überlegungen oder einzelne Fallstudien zur Ausgestaltung des Komplexes von Patienten, deren Rezeption den Glauben an seine Existenz voraussetzen. Dagegen liefern die nur wenigen kritischen Überprüfungen keine überzeugenden Befunde, die das Auftreten des Ödipus- und des Elektrakomplexes bzw. des Penis- und des Gebärneids im einschlägigen Alter belegen (Goldman & Goldman, 1982, Roos & Greve, 1996, Bischof, 1985). Für manche Kinder ist es zwar beunruhigend, wenn sie die anatomischen Unterschiede entdecken, und sie legen sich hierzu in der Tat eigene Erklärungen zurecht, wie etwa: der Penis der Mädchen sei kleiner, würde noch wachsen, sei abgeschnitten, irgendwie seien Mädchen komisch, nicht richtig, anders. Nun halten Kinder im Vorschulalter aber alle äußeren Merkmale der Erscheinung einer Person für wandelbar und machen dabei, wie unten noch zu zeigen sein wird, auch nicht vor den Geschlechtsattributen halt. Vor diesem Hintergrund bereitet es Mühe, sich vorzustellen, dass die Entdeckung des anatomischen Geschlechtsunterschieds im Normalfall traumatische Auswirkungen haben soll, die dann auch noch geeignet sind, daraus gesetzmäßig die gesamte Geschlechtsrollenübernahme und gar noch die Gewissensbildung abzuleiten.
Freud hat seine Folgerungen über die kindliche Entwicklung weitgehend aus Berichten erwachsener Patienten mit psychischen Problemen rekonstruiert. Nur in einem Fall bestand seine Induktionsbasis in Gesprächen mit einem Vorschulkind, das über seine Ängste berichtete (Freund, 1909). Die empirische Evidenz steht also auf schwachen Beinen. Dieser Mangel wird von psychoanalytischer Seite gern mit dem enormen Verdrängungspotential begründet, das sich daraus ergäbe, dass den gegengeschlechtlichen Elternteil zu begehren so ungeheuer unstatthaft und dieses Begehren bei Erwachsenen daher unbewusst sei. Nun mögen in den Trauminhalten erwachsener Patienten, die aus psychoanalytischer Sicht einer der Königswege zum Unbewussten sind, ja durchaus auch Bilder geschlechtlicher Vereinigung mit – im Übrigen – beiden Elternteilen auftauchen. Aber bedeutet das allein schon, dass sich darin Kindheitswünsche und -ängste widerspiegeln müssen? Könnten Träume dieser Art nicht vielmehr auch eine Möglichkeit darstellen, metaphorisch und symbolisch ganz andere als sexuelle Motivkonflikte zum Ausdruck zu bringen?
4.4 Bindung ist nicht gleich Sexualität
Damit klingt bereits ein viel grundsätzlicherer Einwand an. Er wendet sich gegen eine der wenigen Thesen, an denen Freud bis zum Schluss mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit festgehalten hat und in gleicher Weise ein Großteil von Psychoanalytikern unter seiner Anhängerschaft – die These von der Homogenität der Liebe, konkreter: die Gleichsetzung von Sexualität und Bindung. Jeder, der bereit ist, bei einem so allgemeinbiologischen Sachverhalt wie der Sexualität auch aus der Beobachtung tierischer Lebensformen zu lernen, sieht sich mit dem offensichtlichen Tatbestand konfrontiert, dass die Motivation, sich affektiv an den Sexualpartner zu binden, seine Nähe zu suchen und ihn zu unterstützen, vom Fortpflanzungstrieb unabhängig sein muss. Viele Tiere leben in eheähnlichen Gemeinschaften, die über viele Jahre erhalten bleiben, obwohl die sexuelle Brunftzeit sich nur auf einen kleinen Ausschnitt des Jahres erstreckt (Bischof, 1985; Bischof-Köhler, 2011).
Auch das von Freud in Anspruch genommene Faktum des Inzestwunsches spricht, richtig betrachtet, nicht für, sondern gerade gegen die Homogenität: Wie schon Westermarck (1891) richtig vermutet hat, stellt gerade die frühe Bindung des Kindes an seine Eltern nicht eine Vorbereitung, sondern eine entscheidende Hemmung der Sexualität dar. Am eindrücklichsten belegen dies Beobachtungen in israelischen Kibbuzim. Lange Zeit war es in Kibbuz-Gemeinschaften üblich, Kinder gemeinsam mit Gleichaltrigen in einem »Kinderhaus« aufzuziehen. Die Kinder waren also zwar mehrheitlich nicht verwandt, aber von Geburt an miteinander vertraut. Wie Shepher in einer eingehenden Recherche aufzeigen konnte, genügte diese Vertrautheit, um zu verhindern, dass unter den Betroffenen auch nur eine einzige eheliche Verbindung eingegangen wurde, obwohl niemand auf den Gedanken gekommen wäre, ihnen das auszureden, da sie ja nicht verwandt waren (Shepher, 1983). Die Vertrautheit von früher Kindheit an fungiert unter normalen Entwicklungsbedingungen als sicheres Hemmnis für die erotische Anziehung. Das gilt nicht nur zwischen Geschwistern, sondern auch für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Bei Inzest sowohl zwischen Eltern und Kind als auch zwischen Geschwistern liegen häufig beim Initiator des Inzests Bedingungen vor, die den Aufbau einer Eltern-Kind-Beziehung oder Geschwisterbeziehung erschweren. Zu diesen Bedingungen zählen etwa eigene Vernachlässigungs- und Missbrauchserfahrungen (Griffee et al., 2016; Seto et al., 2015). Besonders offenkundig ist die Auswirkung fehlender – gewöhnlicherweise seit der frühen Kindheit bestehender – enger Vertrautheit bei Inzest, der durch Stiefeltern oder Stiefgeschwister initiiert wird.
4.5 Feministische Alternativen
Der unverblümt diskriminierende Unterton der Theorie Freuds, bei dem sich zu seinen Lebzeiten kaum jemand etwas dachte, hat später zunehmend Anstoß erregt und dazu geführt, dass einige von Freuds Schülern und vor allem Schülerinnen Vorstellungen entwickelten, die explizit frauenfreundlicher ausfielen und dafür im Gegenzug das männliche Geschlecht problematisierten.
Am bekanntesten unter diesen ist Nancy Chodorow geworden (Chodorow, 1978). Für sie stellt sich das Bild etwa wie folgt dar: Auch hier, darin gleicht ihr Ansatz dem Freuds, bildet die Mutter als natürliche Quelle von Nahrung und Geborgenheit das primäre Bindungsobjekt für Kinder beiderlei Geschlechts. Beide unterscheiden sich daher auch zunächst nicht im Stil des Verhaltens und Erlebens – sie suchen gleichermaßen Bindung, Verschmelzung, emotionale Wärme. Alsbald beginnt jedoch die Mutter, den anatomischen Unterschied zwischen Sohn und Tochter zum Angelpunkt diskriminativen Verhaltens zu machen: Sie erlaubt der Tochter, die ihr als Erweiterung ihres eigenen Selbst erscheint, weiterhin an der Mutter-Kind-Symbiose zu partizipieren, während sie den Sohn mehr und mehr als andersartig erlebt und ihn dies auch spüren lässt. Mit dieser Deprivation kann der arme Kerl nur dadurch fertig werden, dass er hart wird, sich fortan seinen Gemütsbedürfnissen verschließt und jede empathische Anwandlung unterdrückt, da ihn diese ja nur wieder dazu verführen würde, sich jene emotionale Verschmelzung zu erhoffen, die ihm von der Mutter verwehrt bleibt.
Die Töchter hingegen haben dieses Problem nicht; sie können im warmen Nährboden emotionaler Geborgenheit reifen und gedeihen. Sie »definieren sich […] nicht im selben Maße wie Jungen durch Verleugnung präödipaler Beziehungsmuster. Regression zu diesen Mustern wird von ihnen demnach nicht als so grundlegende Bedrohung ihres Ichs erlebt« (Chodorow, 1978, S. 167, übersetzt von der Autorin). Zu ihrer Geschlechtsidentität gehören also weder Loslösung noch Individuation, sie haben beide gewissermaßen nicht nötig und ersparen sich damit auch die ständigen Beziehungsprobleme, mit denen Männer ihre aufgezwungene Ich-Abgrenzung bezahlen müssen.
Das könnte so verstanden werden, als seien Männer im Leben zwar unglücklich und psychisch verkrüppelt, aber immerhin wenigstens reif, während Frauen das Los seliger Infantilität in Zweieinigkeit mit der Mutter beschieden wäre. Damit ist Chodorow aber nicht einverstanden. Wenn in unserer Gesellschaft Persönlichkeitsentwicklung mit Ablösung gleichgesetzt werde, so sei dies bereits die Auswirkung der von Männern beanspruchten Richtlinienkompetenz, die einfach einseitig ihren eigenen Lebensstil als verbindlich deklarierten und die weibliche Mentalität daran mäßen. Im Übrigen bleibt der Autorin nicht verborgen, dass Mädchen auch Konflikte mit ihrer Mutter haben und sich vom Vater fasziniert zeigen. Letzteres deutet sie als Reaktion auf den Umstand, dass der Vater sich ihren Kontaktwünschen so oft durch Abwesenheit entziehe. Spannungen mit der Mutter wiederum erklärten sich dadurch, dass dieser in der frühen Kindheit so uneingeschränkte Allmacht zukam.
Verglichen mit dem Ansatz Freuds zeichnet Chodorow sicher ein deutlich anderes Bild der affektdynamischen Prozesse. Davon abgesehen treten aber unverkennbare Gemeinsamkeiten beider Theorien hervor: Beide postulieren eine ursprünglich gleiche Erlebnisweise von Jungen und Mädchen, in beiden Fällen fungiert die Mutter als primärer Bindungspartner, der anatomische Geschlechtsunterschied wird hier wie dort zum Auslöser der Diskrimination, und in beiden Fällen ermöglicht bzw. erzwingt ein Elternteil – bei Freud der Vater, bei Chodorow die Mutter – durch die Art, wie es mit dem Kind interagiert, die geschlechtliche Identifikation (Chodorow, 1978, S. 167).
Kritisch einzuwenden ist auch gegen Chodorow, wie schon gegen Freud, dass die Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil eine größere Ähnlichkeit des Charakters zwischen Müttern und Töchtern einerseits und Vätern und Söhnen andererseits bedingen müsste, für die es keine empirischen Belege gibt. Was die starke Betonung der positiven Beziehung zwischen Mutter und Tochter und den Ausschluss des Sohnes betrifft, so geben hierzu insbesondere Befunde der Bindungstheorie zu denken. Diese unterscheidet – je nach Qualität der Mutter-Kind-Beziehung – »sicher« und »unsicher gebundene« Kinder, wobei die unsichere Bindung dadurch bedingt ist, dass die Mütter Probleme haben, emotionale Nähe zu ihren Kindern herzustellen. Während sicher Gebundene sozial kompetent sind und affektiv einen guten Rapport herstellen können, gelten unsicher Gebundene als emotional eher problemgeladen und neigen dazu, sich zurückzuziehen (Ainsworth et al., 1978; Bretherton, 1985). Wenn Chodorow Recht hätte, dann müssten Jungen in erster Linie in der zweiten Gruppe zu suchen sein. In den zahlreichen Untersuchungen, die in der ganzen Welt zur Bestimmung des Bindungstyps an kleinen Kindern vorgenommen wurden, findet sich aber kein Hinweis für die Überrepräsentation des männlichen Geschlechts bei unsicher Gebundenen (vgl. auch Maccoby, 2000).
5 Dressur und Nachahmung
5.1 Theorie der geschlechtstypischen Verstärkung
Freuds Theorie hat in der Diskussion unseres Themas bis in die Gegenwart hinein Spuren hinterlassen. Offiziell beruft sich heute, außer in orthodox psychoanalytischen Kreisen, freilich kaum mehr jemand ernsthaft auf sie. Heute liefern vor allem vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Popularität der »Gender Studies« vielmehr lerntheoretische Konzeptionen die eindeutig favorisierten Erklärungsansätze für geschlechtstypisches Verhalten. Dabei geht man von der als selbstverständlich betrachteten Voraussetzung aus, dass beide Geschlechter von Natur aus gleich veranlagt sind. Das Auftreten geschlechtstypischen Verhaltens wird ausschließlich soziokulturellen Effekten zugeschrieben, unter deren Einfluss Kinder allmählich in ihre Rolle als Mann oder Frau hineingeformt würden.
Bei den lerntheoretischen Erklärungen lassen sich zwei Stoßrichtungen unterscheiden. Die eine steht in der Tradition des Verstärkungslernens. Geschlechtsunterschiede entstehen ihr zufolge durch Belohnung und Bestrafung. Der zweite Ansatz rückt die Wirkung von Modellen und das Nachahmungslernen in den Vordergrund; man bezeichnet diese Richtung als Theorie des sozialen Lernens.
Für das Verstärkungslernen beruht soziale Rollenübernahme darauf, dass entsprechende Verhaltensweisen andressiert werden. Man nimmt an, dass die Erwartungen, die sich in den Geschlechtsstereotypen einer jeden Kultur niederschlagen, als Leitbild für das Erziehungsverhalten dienen. Die Konditionierung stellt man sich als eine Art »shaping« vor, also ein Vorgehen in kleinsten Schritten. Jede Verhaltensandeutung in Richtung des Leitbilds wird belohnt, während Tendenzen in die gegengeschlechtliche Richtung entweder nicht zur Kenntnis genommen oder bestraft werden.
Da die Überzeugung, Geschlechtsunterschiede seien ausschließlich ein Lernprodukt, in diesem Theorieansatz als Nullhypothese gilt, hält man es nicht für nötig, sich Gedanken darüber zu machen, ob diese Annahme je bewiesen wurde. Häufig begnügt man sich mit dem Hinweis, Jungen und Mädchen würden ja von Geburt an unterschiedlich behandelt, also verstehe es sich von selbst, warum sie verschieden sind. Wir werden diesen Annahmen in den folgenden Abschnitten noch auf den Grund gehen. Dabei wird sich zeigen, dass man bei genauerer Sichtung der empirischen Befundlage keineswegs den Eindruck gewinnt, Lob und Tadel hätten wirklich das Gewicht bei der Geschlechterdifferenzierung, das ihnen unterstellt wird. Bereits Maccoby und Jacklin haben in subtiler Weise die Probleme artikuliert, vor die man gestellt wird, wenn man ausschließlich der Konditionierungshypothese folgt (Maccoby & Jacklin, 1974). Generell monieren sie, dass die Wirksamkeit geschlechtstypischer Verstärkung häufig nur innerhalb eines Geschlechts geprüft wird. Man stellt dabei fest, welche Erziehungspraktiken ein als geschlechtstypisch geltendes Merkmal besonders prägnant hervortreten lassen und generalisiert daraus, dass die entsprechende Praxis überhaupt die Ursache für das Merkmal sei.
Wie problematisch ein solches Vorgehen sein kann, demonstrieren die Autorinnen an folgendem Beispiel: Eine stark strafende Erziehungshaltung begünstigt nachweislich Verhaltensweisen, die dem femininen Stereotyp zugehören, und zwar gleichermaßen bei Jungen wie bei Mädchen. Strafe »verweiblicht« also. Geht man nun davon aus, dass beide Geschlechter von Natur aus gleich sind, dann läge es nahe zu erwarten, dass Mädchen sich deshalb femininer als Jungen verhalten, weil sie von den Eltern häufiger gestraft werden. Tatsächlich war früher aber das genaue Gegenteil der Fall, wobei sich heute die Erziehungspraxis der Eltern wohl eher angeglichen hat (Endendijk, Groeneveld, Bakermans-Kranenburg & Mesman, 2016).
5.2 Erziehungspraxis der Eltern
Im Folgenden wollen wir nun prüfen, wieweit sich die Annahme belegen lässt, dass Eltern, Spielkameraden und sonstige Sozialisationsagenten bei Kindern ausschließlich oder bevorzugt Verhaltensweisen verstärken, die als geschlechtsangemessen gelten. Jungen würden dieser Theorie zufolge in erster Linie für selbstbewusstes, aggressives, leistungs-und wettbewerbsorientiertes Verhalten belohnt, Mädchen dagegen, wenn sie nett, entgegenkommend, fürsorglich und hilfsbereit sind, um nur die gängigsten Stereotype aufzugreifen. Sofern die Kinder ein nicht rollenkonformes Verhalten zeigten, müsste dies Ablehnung, Befremden, vielleicht gar Spott und Strafe hervorrufen.
In einem Übersichtsartikel, der alle erreichbaren Untersuchungen zu geschlechtsdifferenzierenden Erziehungspraktiken in Nordamerika im Zeitraum von 1952 bis 1987 einer Meta-Analyse (siehe Kasten »Meta-Analyse«,
Kap. 1.7) unterzog, fanden sich in den meisten Bereichen, die Gegenstand der Evaluation waren, keine signifikanten Unterschiede in der Behandlung von Jungen und Mädchen, sondern im statistischen Sinn lediglich Tendenzen, die zum Teil in die Richtung des einen, zum Teil aber auch in die des anderen Geschlechts wiesen. So erhalten Jungen etwas mehr Ermutigung auf dem Leistungssektor, werden etwas häufiger eingeschränkt und sind mehr disziplinierenden Maßnahmen, einschließlich körperlicher Strafe, ausgesetzt, während Mädchen etwas öfter warme Zuneigung erfahren und etwas mehr zu Abhängigkeit angeregt werden (Lytton & Romney, 1991). Lediglich bei der Ermutigung zu geschlechtsrollenadäquaten Tätigkeiten, also z. B. zu bestimmten Spielaktivitäten und zum Umgang mit bestimmten Spielsachen, ergab sich ein signifikanter Effekt von mittlerer Stärke (d = 0,43)4. Eltern verstärken eher rollenkonformes als gegengeschlechtliches Verhalten. Außerdem stellte sich heraus, dass entsprechende Anleitungen bei Jungen ein größeres Gewicht haben und dass Väter in ihrem erzieherischen Verhalten etwas stärker als Mütter zwischen Jungen und Mädchen differenzieren. Kein signifikanter Unterschied zeigte sich im elterlichen Verhalten gegenüber Aggression, einem der am eindeutigsten belegten Geschlechtsunterschiede; die Untersuchungen wiesen hier lediglich eine ganz leichte, aber eben wirklich nicht signifikante Tendenz dahingehend auf, dass Aggression bei Mädchen etwas weniger geduldet wird.
Eine neuere Meta-Analyse belegt, dass auch in den letzten Jahrzehnten Eltern eine annähernd gleiche Erziehungspraxis Jungen und Mädchen gegenüber an den Tag legten. Eine Verschiebung gab es lediglich bei der Förderung der Autonomie, wenn man das Untersuchungsjahr berücksichtigt: Wurden in den 70er und 80er Jahren Jungen stärker als Mädchen in dieser Hinsicht gefördert, drehte sich der Effekt in den vergangenen Jahrzehnten zugunsten der Mädchen um (Endendijk et al., 2016).
Lytton und Romney kommen zu dem Schluss, dass die durchgängig favorisierte Annahme, geschlechtstypische Unterschiede seien in erheblichem Maß auf differenzierende Erziehung im Elternhaus zurückzuführen, sicher nicht aufrechterhalten werden kann. Vor allem mahnen sie zur Vorsicht bei der Ursachenanalyse. Wenn geschlechtsadäquate Aktivitäten verstärkt würden, so bedeute dies nicht automatisch, dass diese auch primär dadurch verursacht seien; man könne vielmehr nicht ausschließen, dass die Eltern damit etwas aufgriffen, was den bereits bestehenden Vorlieben der Kinder entspräche. Wie eine Untersuchung von Caldera und Mitarbeitern (Caldera et al., 1989) zeigt, spielten bereits 18-monatige Kinder lieber mit für ihr Geschlecht als typisch geltenden Spielsachen, obwohl sie nicht besonders von den Eltern dazu angehalten wurden, und sogar schon einjährige Jungen machten sich nichts aus Puppen, selbst wenn es der Vater war, der sie ihnen zum Spielen anbot. Auch weitere Studien, die bei Lytton und Romney nicht berücksichtigt wurden, ergeben ein uneindeutiges Bild von der Verstärkungspraxis der Eltern. Selbst wenn sie vornehmlich geschlechtstypisches Spiel verstärken, muss das noch nicht heißen, dass sie nicht auch gegengeschlechtliches Spiel tolerieren und in Einzelfällen sogar begrüßen (Snow et al., 1983).
Einen Einblick in dieses Phänomen gibt eine Untersuchung von Langlois und Downs, bei der in einer Experimentalsituation beobachtetet wurde, wie Eltern sich verhielten, wenn ihre drei- bzw. fünfjährigen Kinder mit als geschlechtsadäquat bzw. nicht -adäquat geltenden Objekten spielten. Jungen und Mädchen erhielten nacheinander Jungenspielzeug (Soldaten, Tankstelle, Cowboyanzug) und Mädchenspielzeug (Puppenhaus, Kochherd mit Töpfen, Sachen zum Verkleiden) (Langlois & Downs, 1980).
Insgesamt lobten die Mütter mehr, während die Väter häufiger tadelten. Mädchen wurden von ihren Müttern insbesondere dann gelobt, wenn sie mit den Mädchenspielsachen spielten, bei der Beschäftigung mit Jungenspielsachen dagegen erhielten sie milden Tadel. Mütter verhielten sich den Mädchen gegenüber also ganz im Sinne der Stereotypeverstärkung. Auch die Jungen wurden von den Müttern mehr gelobt als vom Vater, insgesamt aber doch auch häufiger getadelt als die Mädchen. Entscheidend ist nun aber, wofür sie positiv oder negativ verstärkt wurden. Mütter lobten ihre dreijährigen Jungen nämlich vorzugsweise dann, wenn sie mit den Mädchenspielsachen spielten. Tendenziell war dies auch noch bei den Fünfjährigen der Fall, wenn auch weniger ausgeprägt. Die Beschäftigung mit Jungenspielzeug dagegen veranlasste die Mütter eher zu Tadel oder zu Nicht-Beachtung. Zumindest die Jungen erhielten von ihren Müttern also keine durchgängige geschlechtsrollenkonforme Bekräftigung.
In dieser Hinsicht verhielten sich die Väter eindeutiger, sie verstärkten strikter geschlechtsrollenkonform, wie auch andere Untersuchungen belegen. Sie lobten sowohl Jungen als auch Mädchen für geschlechtsadäquates Spiel und tadelten sie für gegengeschlechtliches, wobei bei Mädchen das Lob, bei Jungen der Tadel überwog. Bei der Gruppe der Fünfjährigen reagierten die Väter bei Söhnen sensibler auf abweichendes Verhalten als bei Töchtern. Fagot fand eine solche Tendenz bereits bei Vätern von 18-monatigen Söhnen (Fagot & Hagan, 1991; s. auch Siegal & Robinson, 1987). Väter befürchten offensichtlich schneller einmal, ein Junge könne verweichlichen, während sie »Wildfangverhalten« bei Mädchen eher zu tolerieren bereit sind. Wenn also überhaupt elterlicherseits Druck auf geschlechtstypisches Verhalten ausgeübt wurde, dann am ehesten noch vom Vater; aber man muss dabei immer im Auge behalten, dass es, wie die Meta-Analyse von Lytton und Romney zeigt, etliche Bereiche gibt, die von geschlechtsrollenkonformer Sozialisation durch die Eltern kaum oder gar nicht betroffen sind.
In einigen Studien wird sogar berichtet, dass die reine Anwesenheit der Mutter das Spielverhalten der Kinder beeinflusst. In einer Studie von Zosuls und Kollegen an 17 bis 21 Monate alten Kindern zeigten die Jungen eine Präferenz für Spielzeuglastwagen, während die Mädchen eine Puppe bevorzugten. Diese Präferenz trat vor allem auf, wenn die Kinder alleine spielten. Waren die Mütter anwesend, dann traten diese Präferenzen weniger deutlich in Erscheinung, was möglicherweise an dem Wunsch der Mütter lag, ihr Kind möge nicht geschlechtsrollenkonform, sondern eher geschlechtsneutral spielen (Zosuls et al., 2009). Zwar konnte dieser Effekt in einer Meta-Analyse zu geschlechtstypischem Spiel bei Kindern nicht bestätigt werden, was jedoch nicht verwundert, denn es wurde hier nicht zwischen der Anwesenheit der Mutter und der Anwesenheit des Studienleiters unterschieden (Todd et al., 2018). Stattdessen zeigte diese Meta-Analyse, dass die Kinder konsistent mehr geschlechtsstereotypes Spiel in einem außerhäuslichen Beobachtungsraum als daheim zeigten. Auch hier ließe sich eine ähnliche Interpretation anwenden, die schon bei der Studie von Zosuls und Kollegen zum Tragen kam: Daheim ist geschlechtsstereotypes Spiel nicht sonderlich erwünscht.
5.3 Erziehungspraxis im Kindergarten
Selbst in eher traditionellen Kindergärten ohne geschlechtsneutrales Erziehungsprogramm ist das Vorgehen von Erziehern keineswegs so konsequent rollenkonform, wie man fordern müsste, wenn die Geschlechtsunterschiede ausschließlich auf Verstärkung beruhen sollten. Ein 1985 erschienener Artikel von Fagot – er trägt den bezeichnenden Titel »Beyond the reinforcement principle: Another step toward understanding sex role development« – kommt zu dem Schluss, dass man nach weiteren Erklärungsansätzen suchen müsse (Fagot, 1985). In dieser und einer vorangehenden Untersuchung (Fagot & Patterson, 1969) haben die Autorinnen sich bemüht, die Verstärkungspraktiken von Erziehern etwas genauer zu beleuchten. In der ersten Untersuchung hatten sie Dreijährige beiderlei Geschlechts ein Jahr lang im Kindergarten beobachtet. Bei der zweiten Untersuchung waren die Kinder erst zwischen 21 bis 25 Monate alt.
Als Erstes fiel auf, dass sich geschlechtstypische Verhaltenspräferenzen bereits in diesen frühen Altersabschnitten manifestierten: Die Jungen rauften lieber, transportierten größere Baumaterialen und bauten mit diesen, die Mädchen bevorzugten Puppen, verkleideten sich gern und malten und bastelten viel. Da solche zum gängigen Stereotyp passenden Vorlieben bei den kleinen Mädchen bereits etwas eindeutiger ausgebildet waren als bei den Jungen, nahmen die Autorinnen zunächst an, Mädchen würden intensiver für geschlechtsadäquates Verhalten belohnt. Es stellte sich dann aber heraus, dass sowohl männliche als auch weibliche Erzieher in der Häufigkeit verstärkender Interventionen keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern machten.
Interessant ist aber, dass auch noch in einer anderen Hinsicht Gleichbehandlung zu konstatieren war, nämlich darin, wofür die Kinder gelobt wurden. Dies war bei beiden Geschlechtern ein eher dem femininen Stereotyp entsprechendes oder allenfalls geschlechtsneutrales Verhalten. Ruhiges Spiel wurde gleichermaßen von männlichen wie weiblichen Erziehern bevorzugt, wohl weil es ihnen das Leben erleichterte, während die als typisch jungenhaft geltenden Verhaltensmerkmale wie Aggressivität, wildes Spiel und Freude am Raufen nicht eigens verstärkt wurden. Das hielt die Jungen aber keineswegs davon ab, Präferenzen gerade für diese Aktivitäten auszubilden. Inzwischen ist es so, dass – wohl auch aus ideologischen Gründen – die Hälfte der Erzieher das jungentypische spielerische Raufen mehrmals die Woche oder gar täglich ausdrücklich unterbindet (Logue & Harvey, 2010).
Kein eindeutiges Bild zeichnet auch eine kürzlich erschienene Studie zur geschlechtsspezifischen Erziehung, die die Reaktionen der Erzieher auf kindliches Spielverhalten untersuchte. Im Zentrum der Beobachtung standen dabei Hilfsangebote oder Anregungen zum weiteren Spiel der Kinder. Dabei gilt allerdings zu berücksichtigen, dass wildes Spiel, Raufen und Aggressivität als jungentypische Aktivitäten und das Spiel mit Puppen als mädchentypische Aktivität gar nicht erst berücksichtigt wurden und diese Studie damit nur bedingt vergleichbar zur Studie von Fagot ist. Als jungentypisch übrig blieben etwa das Spiel mit Bauklötzen, Fahrrädern, Lastwagen, Computern oder Bällen. Mädchentypisch waren den Autoren zufolge die Themenbereiche künstlerische Aktivität, Verkleiden und Küche. Dabei zeigte sich nun, dass das Unterstützungsangebot der Erzieher sehr wohl geschlechtsspezifisch war: Jungen wurden eher bei jungentypischem, Mädchen eher bei mädchentypischem Spiel unterstützt – Ersteres sogar häufiger als Letzeres. Die Autoren schließen mit der Hoffnung, dass sich das Spielverhalten angleichen könne, böten die Erzieher keine geschlechtsspezifische Unterstützung mehr an (Granger et al., 2017). Dabei wird freilich nicht bedacht, dass dieses selektive Unterstützungsangebot auch eine Reaktion der Erzieher auf unterschiedliche Vorlieben der Mädchen und Jungen sein könnte und nicht die Ursache für den Geschlechtsunterschied. Möglicherweise reagierten die Erzieher darauf, dass sich die Kinder besser in das Spiel vertieften, wenn ihren etwas unterschiedlichen Interessen Rechnung getragen wurde, wobei diese Haltung nicht ausschloss, dass sie Mädchen und Jungen mit eher geschlechtsuntypischen Interessen sehr wohl auch unterstützten. Für diese Interpretation spricht auch, dass das geschlechtsspezifische Unterstützungsangebot nicht mit den Geschlechtsstereotypen der Erzieher zusammenhing, die separat in einem Fragebogen erfasst wurden (Granger, 2014).
5.4 Erziehung durch Gleichaltrige
Nun muss man allerdings noch einen anderen wichtigen Umstand berücksichtigen. Fagots Untersuchung ergab, dass Jungen generell weniger auf Erwachsene hörten als Mädchen. Einen wesentlichen Einfluss übten bei ihnen dagegen die gleichgeschlechtlichen Peers – also andere Jungen – aus: Sie verstärkten sich gegenseitig, und dies in der Tat vor allem für geschlechtstypisches Verhalten. Beobachtungen dieser Art sind durch mehrere Studien belegt (z. B. Langlois & Downs, 1980; Martin & Fabes, 2001) und führten zu einer neuen Variante der Sozialisationseuphorie: Vergesst die Erwachsenen, die Kinder erziehen sich gegenseitig (Harris, 1995)!
In Wirklichkeit muss man schon etwas kurzgefasst denken, um sich mit solchen »Lösungen« zufrieden geben zu können. Zwar dürfte außer Frage stehen, dass sich der Gruppendruck bei älteren Kindern auf das Verhalten der Einzelnen geschlechtsprofilierend auswirkt. Was aber die jüngeren Kinder betrifft, so erhebt sich die unbequeme Frage, wie die gleichaltrigen Spielgefährten denn überhaupt zu einer geschlechtstypischen Präferenz in ihrem Verstärkungsverhalten gekommen sind. Man muss sich vor Augen halten, dass die beobachteten Kinder noch nicht einmal zwei Jahre alt waren. Wie wir noch sehen werden, ist dies ein Alter, in dem sie noch Schwierigkeiten haben, das eigene Geschlecht und das der anderen richtig einzuordnen. Die erste Frage ist also schon einmal, wieso ein kleiner Junge überhaupt unter den bevorzugten Einfluss männlicher Peers gerät, und die zweite, woher diese wissen sollen, was sich für einen »richtigen« Jungen gehört.
So waren in der Studie von Langlois und Downs negative Reaktionen, die sich auf das Geschlecht bezogen, unter den Kindern auch eher selten. Wenn solche Reaktionen überhaupt auftraten, dann bei Jungen, die ihren Spielkameraden zu verstehen gaben, dass man nicht mit Mädchen oder Mädchenspielsachen spielt. Kleine Mädchen des gleichen Alters dagegen fanden bei ihren Geschlechtsgenossinnen jede Form von Verhalten akzeptabel, unabhängig davon, ob es geschlechtsadäquat war oder nicht. Im Übrigen wurden die Mädchen als gehorsamer beschrieben, allerdings nur gegenüber den Betreuern; von den Jungen ließen sie sich nichts sagen.
Neuere Studien aus Carol Martins Arbeitsgruppe zur Beeinflussung durch Peers sind von der Anlage her wenig überzeugend. Zwar wurde das geschlechtsstereotype Verhalten der Kinder festgestellt, nicht aber deren Versuche, andere Kinder zu beeinflussen (Xiao et al., 2019). Stattdessen wurden die Kinder einfach nur gefragt, wer von den anderen Kindern ihnen sage, dass sie mit etwas nicht spielen sollten, weil sie ein Junge oder ein Mädchen seien.
Zudem neigten die Autoren zu einer Überinterpretation ihrer Befunde. Es zeigte sich, dass Kinder zu mehr Geschlechtsstereotypen tendierten, je mehr Zeit sie mit Kindern verbrachten, die häufig als Verstärker von Geschlechtsstereotypen nominiert wurden. Nun wäre natürlich auch denkbar, dass sie sich mit diesen Kindern von vornherein besser verstanden und deswegen gern mit ihnen zusammen waren, dass der Verursachungszusammenhang also genau umgekehrt ist.
Geradezu abenteuerlich wirken die praktischen Schlüsse, die aus solchen Ergebnissen gezogen wurden. So sollten Kinder, zumeist Jungen, die in den Augen der Autoren zu viel geschlechtsrollenverstärkendes Verhalten zeigten, besonderen Schulungen zugeführt werden. Darüber hinaus sollten sie in regelmäßigen Abständen ihre Spielpartner wechseln, um einen nicht zu schädlichen Einfluss auf die anderen Kinder zu entfalten, die sonst zu viel Zeit mit ihnen verbrächten.
5.5 Zwischenbilanz
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass geschlechtsdifferenzierendes Erziehungsverhalten nicht nur durch das Geschlecht der Kinder, sondern auch durch das der Sozialisationsagenten beeinflusst wird. Hinzukommt, dass die Verstärkungspraxis auch von der Situation abzuhängen scheint, wie sich daran zeigt, dass Jungen im Kindergarten sogar von männlichen Betreuern für Verhaltensweisen gelobt werden, die eigentlich dem gegengeschlechtlichen Stereotyp zuzurechnen sind.
Bei Jungen zeichnet sich das Bild ab, dass Mütter und Erzieher eher neutrales und mädchenhaftes Verhalten fördern, während Väter eher Nachdruck auf Geschlechtsrollenkonformität legen. Bei Mädchen sind Väter dagegen toleranter gegenüber Abweichungen, und hierin stimmen sie weitgehend mit der Haltung der Mütter und anderer kleiner Mädchen überein. Besonders interessant ist das Verhalten kleiner Jungen: Sie scheinen neben den Vätern noch am ehesten Geschlechtsrollenverstärkung auszuüben – und das, obwohl sie ihrerseits eigentlich widersprüchliche Botschaften erhalten. Da sie im fraglichen Alter auch kaum über explizite Kenntnisse zur Geschlechtlichkeit verfügen, stellt sich die interessante Frage, wie sie so frühzeitig dazu kommen, Maßstäbe für geschlechtsrollenkonformes Verhalten zu entwickeln. Dieses Thema müssen wir allerdings auf ein späteres Kapitel verschieben.
Als Bilanz bleibt, dass der Druck der Erziehungsagenten nicht so eindeutig und nachhaltig auf rollenkonformes Verhalten ausgerichtet ist, wie landläufig angenommen wird. Daran hat sich in den letzten 70 Jahren nichts geändert, auch Eltern in den 1950er Jahren differenzierten nicht ausgeprägter zwischen den Geschlechtern als die »aufgeklärten« jüngeren Generationen (Lytton & Romney, 1991; Endendijk et al., 2016). Obwohl es sicher überspitzt wäre, daraus abzuleiten, dass Verstärkungvöllig ohne Bedeutung sei, kann man doch davor warnen, ihre Wirkung zu überschätzen. Dabei ist vor allem auch zu berücksichtigen, dass eine Reihe von Verhaltensbereichen, wie beispielsweise Besonderheiten des Denkstils, gar nicht das Thema einer geschlechtsdifferenzierenden Sozialisation darstellen, teils weil die Eltern nicht über entsprechende Fähigkeiten für eine spezifische Förderung verfügen, teils weil sie dem keine Bedeutung zumessen.
5.6 Annahmen über die »Natur« der Geschlechter
Wenn nun bei den Erziehungsagenten das Bedürfnis, die Kinder den Geschlechtsstereotypen gemäß zu erziehen, nicht besonders ausgeprägt zu sein scheint, welche anderen Faktoren könnten die Erziehungsleitbilder beeinflussen? Das häufig vorgebrachte Argument, Jungen und Mädchen würden unterschiedlich behandelt, also verstehe sich von selbst, dass die Unterschiede sozialisiert seien, hat Maccoby und Jacklin veranlasst, einmal ganz prinzipiell der Frage nachzugehen, wie geschlechtsdifferenzierende Erziehung überhaupt motiviert sein könnte. Und dabei kommen sie zu dem Schluss, dass die Eltern nicht notwendigerweise von Anlagegleichheit ausgehen müssten, sondern ebenso gut auch eine unterschiedliche Veranlagung annehmen könnten. Diese Möglichkeit veranlasste die Autorinnen zur Formulierung folgender Hypothese (Maccoby & Jacklin, 1974):
Eltern und Erzieher lassen sich von bewussten Annahmen über die »Natur« der Geschlechter leiten.
Was dabei unter der »Natur« oder dem »Wesen« der Geschlechter verstanden wird, dürfte sich weitgehend mit den Stereotypen und den traditionellen Geschlechtsrollenvorstellungen decken. Die »naive« Alltagspsychologie tendiert nämlich eher dazu, Geschlechtsunterschiede als veranlagt denn als soziokulturell bedingt anzusehen. Die Erziehungspraxis wird in diesem Fall also zwar von den gleichen Stereotypen bestimmt, nur wirken diese sich ganz anders aus, als wenn unterstellt wird, die Geschlechter seien von der Veranlagung her gleich.
Eltern und Erzieher, die mit der »Natur« der Geschlechter rechnen, gehen mehr oder weniger explizit davon aus, das Kind neige aufgrund seines Geschlechts zu bestimmten Verhaltensweisen und habe infolgedessen einerseits gewisse Stärken, andererseits aber auch Schwachstellen. So hört man vielfach, Jungen »seien halt« aggressiv und Mädchen ängstlich. Nun wird häufig argumentiert, solche Erwartungen wirkten sich im Sinne einer self-fulfilling prophecy notwendigerweise dahingehend aus, dass entsprechende Eigenschaften auch bekräftigt würden. Dabei übersieht man, dass auch genau das Gegenteil eintreten kann. Je nach Gewicht und Wertung, die Eltern einem durch Veranlagung bedingten Verhalten beimessen, werden sie entweder bemüht sein, es besonders zu unterstützen, oder aber auch, ihm gegenzusteuern. Und schließlich wäre denkbar, dass sie den Dingen einfach ihren Lauf lassen.
In einer kanadischen Untersuchung kamen entsprechende Einstellungen zur Natur der Geschlechter und ihre Konsequenzen für die Erziehungshaltung recht gut zum Ausdruck (Lambert et al., 1971). Die Untersuchung liegt 50 Jahre zurück, dennoch zeichnen sich bereits Tendenzen darin ab, von denen wir annehmen können, dass sie heute noch stärker zum Tragen kommen.
Eltern von sechsjährigen Jungen und Mädchen wurden zunächst befragt, wie sie ihre Kinder einschätzten, welche Eigenschaften sie ihnen zuschrieben. Dann sollten sie angeben, welche Eigenschaften sie für sie wünschten. Die Charakterisierungen entsprachen ganz den gängigen Stereotypen; Buben wurden als rauer im Spiel beschrieben, als lauter, besser in der Lage, sich zu verteidigen, körperlich aktiver, kompetitiver, mehr in Gefahr involviert und mehr an Mechanik interessiert. Außerdem meinten die Eltern von Jungen öfter, diese verdienten eine Strafe. Mädchen wurden als hilfsbereit im Haushalt charakterisiert, als sauber und ordentlich, ruhig und zurückhaltend, einfühlsam, gut erziehbar, weinerlicher, leichter geängstigt und schwatzhaft.
Lässt man nun die Eigenschaften Revue passieren, die sich die Eltern für ihre Kinder wünschten, dann ergab sich für beide Geschlechter weitgehend das gleiche Profil. Dessen Bestandteile rekrutierten sich gleichermaßen aus den positiv bewerteten Merkmalen des männlichen wie des weiblichen Stereotyps. Beide Geschlechter sollten hilfsbereit sein, sauber und ordentlich, selbstständig für sich sorgen können, nicht so leicht ärgerlich werden, sich nicht auf etwas Gefährliches einlassen, Rücksicht auf andere nehmen, sich verteidigen können und kompetitiv sein.
In einer Studie aus dem Jahre 2006 zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Die Eltern stellen sich positiv zu einigen eher männlichen Eigenschaften für ihre Mädchen und manche wünschen sich auch Empathie, Hilfsbereitschaft und Beteiligung an der Hausarbeit bei ihren Jungen, lehnen allerdings feminine Verhaltensweisen bei letzteren mehrheitlich strikt ab, vor allem solche, die auf Homosexualität hinweisen könnten (Kane, 2006). Gemäß den Befunden scheinen die Eltern die Einstellung zu haben, dass sie von einem unterschiedlichen »Ausgangsmaterial« ausgehen, das sie dann aber auf ein gar nicht so unterschiedliches Ziel hin formen wollen. Würde es gelingen, solche Wunschvorstellungen effizient zu realisieren, dann wäre eine Angleichung der Geschlechter durchaus denkbar. Bis zu einem gewissen Grad zeichnet sich eine solche Tendenz (Todd et al., 2018), heute ja auch tatsächlich ab, wenn wir die Gegenwart mit den traditionellen Verhältnissen vergleichen, die noch vor einigen Jahrzehnten vorherrschten. Jungen sind zwar nach wie vor stark geschlechtsstereotyp in der Spielzeugpräferenz orientiert, aber doch eher mal bereit, auch mit Mädchenspielsachen zu spielen.
Wenn es nun aber zutrifft, dass Eltern von der Veranlagung bestimmter Eigenschaften ausgehen, dann ist zu erwarten, dass sie sich weniger Mühe geben, diese auch noch nachdrücklich anzuerziehen. Andererseits liegt es nahe, dass sie positive Eigenschaften, von denen sie annehmen, dass sie nicht in der Natur des Geschlechts liegen, besonders unterstützen. Ferner wäre damit zu rechnen, dass sie weniger erwünschten Anlagen bewusst gegensteuern. So würden die Eltern beispielsweise erhöhte Aggression bei Jungen zwar für geschlechtstypisch halten, ohne aber auf die Idee zu kommen, sie müssten sie ausdrücklich fördern.
5.7 Bezugssysteme
Damit ist bereits eine weitere, ebenfalls von Maccoby erwogene Möglichkeit angesprochen, wie sich explizite Annahmen über das Wesen der Geschlechter im Erziehungsverhalten auswirken könnten. Gehen wir einmal davon aus, Eltern würden immer nur dann erzieherisch tätig, wenn das Verhalten ihres Kindes von der Norm abweicht. Vorausgesetzt wären also ganz bestimmte Erwartungen, wie ein Junge oder ein Mädchen sich verhalten sollte. Benimmt sich das Kind entsprechend, dann wird es weder gelobt noch getadelt. Tritt dagegen unerwartet eine Verhaltensweise auf, die zwar nicht dem Stereotyp entspricht, aber dennoch erwünscht ist, verhält sich ein Junge also etwa hilfsbereit, dann würde Lob gespendet. Handelt es sich indessen um ein gegengeschlechtliches Verhalten von geringer Wertschätzung, reagiert ein Junge also beispielsweise ängstlich, dann würde er getadelt.
Die Realität spricht indessen kaum dafür, dass mit einer solchen elterlichen Erziehungspraxis stereotypgemäßes Verhalten zu sichern wäre. Sie würde die Stereotype nämlich nur dort stützen, wo das Kind von ihnen in negativ bewerteter Richtung abweicht. Positiv bewertete Abweichungen aber würden gerade umgekehrt zu einer Einebnung der Unterschiede führen, denn sie würden nur verstärkt, wenn sie beim Gegengeschlecht auftreten.
Ein ganz anderer Aspekt, der in diesem Zusammenhang auftaucht, betrifft die Frage, was die Sozialisationsagenten eigentlich als die Norm ansehen. Ist diese in Bezug auf beide Geschlechter die gleiche, gibt es also ein einheitliches Bezugssystem, innerhalb dessen eine bestimmte Verhaltensweise bei einem Mädchen genauso wahrgenommen wird wie bei einem Jungen, oder existieren geschlechtsspezifische Bezugssysteme, die Verhalten vom gleichen Ausprägungsgrad unterschiedlich erscheinen lassen, je nachdem bei welchem Geschlecht sie auftreten? Wenn Letzteres der Fall wäre, dann müssten auch die Toleranzschwellen divergieren. Gingen Eltern also beispielsweise von der Erwartung aus, Jungen seien aggressiver als Mädchen, dann wäre eine mögliche Konsequenz, dass sie das gleiche Ausmaß an Aggression bei einem Jungen noch tolerierten, das sie bei einem Mädchen bereits veranlassen würde, die Stirn zu runzeln.
Eine Untersuchung von Meyer und Sobieszek (Meyer & Sobieszek, 1972) ist dieser Frage genauer nachgegangen. Den Probanden wurden Videofilme von zwei geschlechtsneutral gekleideten Kindern gezeigt und die Beobachter sollten das Verhalten der Kinder charakterisieren. Die eine Gruppe der Beurteiler erhielt die Information, das eine Kind sei männlich, das andere weiblich, für die andere Gruppe wurden die Kinder mit dem Gegengeschlecht bezeichnet.
Hätten sich die Beurteiler nach den Geschlechtsstereotypen gerichtet, dann wäre zu erwarten gewesen, dass ein als Mädchen gekennzeichnetes Kind bereitwilliger als ängstlich und kooperativ und seltener als aggressiv und selbstständig eingestuft worden wäre. Umgekehrt sollte bei einem als Junge bezeichneten Kind eher das Urteil aggressiv auftreten. Tatsächlich wurden die Beurteilungen genau im entgegengesetzten Sinn abgegeben. Tobte sich ein als Mädchen bezeichnetes Kind in wildem ungehemmtem Spiel aus, dann galt es als aggressiv. Hielten die Teilnehmer an der Untersuchung das gleiche Kind dagegen für einen Jungen, dann beurteilten sie es als lebhaft, nicht aber als aggressiv. Das Ergebnis spricht also dafür, dass unterschiedliche Bezugssysteme für die Beurteilung von Jungen und Mädchen bestehen und man bei Jungen in Bezug auf Aggression toleranter ist und diese weniger zur Kenntnis nimmt.
Ergebnisse dieser Art mögen zu der Annahme verleiten, Jungen und Mädchen verhielten sich in Wirklichkeit gar nicht unterschiedlich. Dieser Schluss wäre aber kurzsichtig, wie folgende Überlegungen verdeutlichen mögen: Es ist ja nicht von vorneherein ausgeschlossen, dass sich ein Großteil der Jungen in der Realität wirklich wilder und ungehemmter im Spiel gebärdet. Hat man dergleichen erst einmal wiederholt beobachtet, dann bildet sich natürlich berechtigtermaßen die Erwartung aus, dass Jungen wilder und ungehemmter sind. Nehmen wir nun einmal an, man bekommt in einem Versuch der gerade geschilderten Art das Verhalten eines tatsächlichen Jungen als das eines Mädchens vorgespielt. Da es eher unwahrscheinlich ist, dass man ein solches Verhalten vorher häufig bei Mädchen beobachtet hat, wird man also begründetermaßen irritiert sein.
Nun könnte man sich mit der Erklärung zufriedengeben, die Irritation rühre daher, dass das Verhalten nicht ins Rollenklischee passe. Damit kommen wir aber an den kritischen Punkt, an dem wir fragen müssen, ob Rollenklischees eigentlich wirklich nur willkürliche Setzungen sind, die nichts mit der Realität gemein haben, oder ob sie nicht etwas nachzeichnen, das in Wirklichkeit auch beobachtbar ist. Die der Erfahrung des Einzelnen entspringenden Erwartungen müssen ja nicht deshalb unzutreffend sein, weil sie außerdem dem Rollenklischee entsprechen. Wenn jemand gleichwohl darauf beharrt, der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen sei nur eine Angelegenheit der Perspektive, und diese sei gesellschaftlich konstruiert, dann wird man ihnen entgegenhalten müssen, dass sie die Augen möglicherweise ganz fest vor der Realität verschließen, die sich eben nicht beliebig umdeuten lässt.
5.8 Baby-X-Studien
Die gerade aufgeworfene Frage, ob die Geschlechtsunterschiede vielleicht in Wirklichkeit nur auf einer Wahrnehmungstäuschung beruhen, wurde in den 70er Jahren zu einem beliebten Forschungsgegenstand. Man bezeichnet entsprechende Untersuchungen als »Baby-X-Studien«. Die eigentümliche Bezeichnung rührt von dem typischen Design dieser Untersuchungen: Die Teilnehmer wurden, wie in der Studie von Meyer und Sobieszek, mit einem geschlechtsneutral gekleideten, einige Monate alten Jungen oder Mädchen konfrontiert (Seavey et al., 1975; Condry & Condry, 1976). Einem Teil der Stichprobe gab man das richtige Geschlecht des Kindes an, einem anderen Teil das falsche. Die Teilnehmer mussten, wie in der Studie von Meyer und Sobieszek, die Reaktionsweisen des Kindes charakterisieren und erhielten außerdem Spielsachen, die sie beim Spiel mit dem Kind einsetzen sollten.
Ziemlich regelmäßig stellte sich dabei heraus, dass die Erwachsenen ein als geschlechtsangemessen geltendes Spielzeug auswählten, also etwa eine Puppe, wenn sie dachten, es handle sich um ein Mädchen oder ein Auto, wenn sie einen Jungen vor sich glaubten. Das tatsächliche Geschlecht des Kindes spielte bei dieser Wahl keine Rolle. Bei einigen Untersuchungen stuften die Erwachsenen auch das Verhalten stereotypgemäß entsprechend der Geschlechtsbezeichnung ein, und zwar auch dann, wenn das Kind in Wirklichkeit dem anderen Geschlecht angehörte. So bezeichneten sie beispielsweise ein Kind, dass ablehnend auf einen Kastenteufel reagierte, als ängstlich, wenn sie es für ein Mädchen hielten, und als ärgerlich, wenn sie glaubten, es sei ein Junge. Das Ergebnis scheint bei erstem Hinblick der Annahme Vorschub zu leisten, die Wahrnehmung von Geschlechtsunterschieden hätte keine reale Grundlage, sondern sei wirklich nur durch die Erwartungen der Beurteiler bestimmt.
Stern und Karraker (1989) haben in einem Übersichtsartikel 23 Baby-X-Studien einer Gesamt-Evaluation unterzogen. Bei der Auswertung wurden drei Aspekte des Verhaltens der Erwachsenen unterschieden: Zuordnung von Merkmalen (z. B. laut, freundlich, kooperativ), Interaktionsstil und Spielzeugauswahl. In Bezug auf die Zuweisung von Merkmalen ließ sich kein signifikanter Zusammenhang mit dem angegebenen Geschlecht des Kindes feststellen, die Erwachsenen urteilten also nicht durchgängig stereotypengemäß. In einer Studie von Burnham und Harris wurden Jungen zum Beispiel eindeutig als stärker und weniger sensibel eingeschätzt, auch wenn sie den Beurteilern als Mädchen vorgestellt worden waren (Burnham & Harris, 1992). In der Interaktion und in der Spielzeugwahl richteten sich die Erwachsenen dagegen tatsächlich überwiegend nach dem angegebenen Geschlecht und spielten mit Kindern, die sie für Mädchen hielten, fürsorglicher und zugewandter, während als Jungen bezeichnete Kinder mehr körperliche Stimulation erhielten und mehr zu Aktivität ermuntert wurden. Die Erwachsenen zeigten also genau das Verhalten, das dem Stereotyp entsprach.
Es wäre allerdings unzulässig, aus diesem Befund – wie es seitdem vielfach geschieht – abzuleiten, Eltern verhielten sich nur deshalb anders gegenüber Jungen als gegenüber Mädchen, weil sie das Geschlecht ihres Kindes kennen. Zwar trifft es zu, dass sie schon bei der Geburt einen Jungen als größer und stärker einschätzen, ein Mädchen dagegen als kleiner und zarter, obwohl dies nicht der Realität zu entsprechen braucht; sie gehen also unter Umständen tatsächlich mit Vorurteilen an ihre Kinder heran. Deshalb kann man ihnen aber noch nicht unterstellen, sie setzten in ihrem Verhalten wie seelenlose Roboter lediglich das um, was sie für geschlechtsadäquat halten. Die Baby-X-Studien unterscheiden sich nämlich in einer wesentlichen Hinsicht von der tatsächlichen Eltern-Kind-Interaktion: Es handelt sich bei den vorgestellten Babys um fremde Kinder.
Nun wird jeder einigermaßen sensible Erwachsene, der zum ersten Mal mit einem ihm nicht bekannten Kind zu tun hat, unsicher sein, wie er bei diesem »ankommt«, und erst einmal mit einer »Arbeitshypothese« an es herangehen. Dabei ist die Kenntnis des Geschlechts natürlich ein wichtiger Hinweis. In den Baby-X-Studien waren die Interaktionen von kurzer Dauer; die Untersucher kamen nicht auf den Gedanken, dass es interessant sein könnte, wie die Erwachsenen sich nach einer Weile verhielten, nachdem sie erst einmal eine Zeit lang Erfahrungen mit dem Kind gemacht hatten. Es ist kaum vorstellbar, dass sie das stereotypgemäße Verhalten beibehalten hätten, wenn sie damit nicht »gelandet« wären. Wenn man mit einem Kind herumtoben will, weil man es für einen Jungen hält, und es reagiert zögerlich, dann wird man sehr schnell dazu übergehen, sich zurückzunehmen. Diese Möglichkeit wurde aber eben bezeichnenderweise nie untersucht; man war wohl zu sehr davon überzeugt, dass Geschlechtsunterschiede von außen herangetragen würden, um zu erwägen, dass die Kinder selbst die Interaktion mitbestimmen könnten. Konkret sieht es doch wohl so aus, dass Kinder ihrerseits ein Verhaltensangebot machen, auf das der Erwachsene dann einzugehen versucht. Für diese Möglichkeit sensibilisiert, bemerken Susan Golombok und Robyn Fivush:
»In real life situations, where the actual and the labeled gender are the same, differential interactions with male and female babies most likely result from an interaction between adults’ gender stereotypes and real differences between female and male babies.« (Golombok & Fivush, 1994, S. 27; vgl. auch Maccoby, 2000)
5.9 Die Rolle der Nachahmung
Da sich immer deutlicher herausstellte, dass die Entwicklung geschlechtsrollenadäquaten Verhaltens mit Konditionierungsprozessen allein nicht befriedigend erklärt werden konnte, gewann die Nachahmung, auch Lernen am Modell genannt, als Mechanismus der Geschlechtsrollenübernahme zunehmend an Bedeutung.
Mischel (Mischel, 1966) hat sich mit dieser Möglichkeit eingehender befasst, ohne allerdings eine explizite Theorie zu diesem Thema zu formulieren. Er vertritt vielmehr den Standpunkt, die Geschlechtsrollenübernahme unterscheide sich nicht vom Erwerb anderer Verhaltensweisen. Es handle sich um einen üblichen Lernvorgang, bei dem in Konformität mit kulturellen Rollenvorschriften Verhaltensmuster gelernt würden, und zwar einerseits infolge von Lohn und Strafe, andererseits aber auch durch Beobachtung und Nachahmung.
Nun sind mit der Nachahmung aber einige grundsätzliche Probleme verbunden, die gerade auch besonders ins Gewicht fallen, wenn man versucht, sie zur Erklärung der Geschlechtsrollenübernahme heranzuziehen.
Als Erstes ist zu berücksichtigen, dass sich die Fähigkeit zur Nachahmung im ersten Lebensjahr erst langsam entwickelt. Zwar können 6-Monatige schon nachahmen, doch ist diese Fähigkeit nur rudimentär ausgebildet, wie eine Studie von Rachel Barr und ihren Kolleginnen verdeutlicht, in der den Kindern eine dreischrittige Handlung gezeigt wurde. Dabei zog der Studienleiter einer grauen Stofftiermaus einen Fäustling ab, schüttelte ihn dreimal und zog ihn ihr wieder an. Die 6-Monatigen zeigten einzelne Teilschritte zwar häufiger, wenn sie die Handlung zuvor demonstriert bekamen als ihre Altersgenossen in einer Kontrollgruppe, die die Handlung nicht gesehen hatten. In der Regel blieb es aber dabei, dass die Kinder in der Demonstrationsgruppe lediglich den Handschuh abzogen, die Kinder in der Kontrollgruppe nichts dergleichen taten und die beiden anderen Handlungsschritte in keiner Gruppe ausgeführt wurden (Barr et al., 1996).
Nun gibt es tatsächlich schon frühe geschlechtstypische Unterschiede in der Nachahmungsbereitschaft bei Babys. Jungen im ersten Lebensjahr schlagen häufiger als Mädchen auf einen Luftballon, wenn sie zuvor jemanden gesehen haben, der auf einen Luftballon schlägt (Benenson et al., 2011). Jedoch ist dieser Befund nicht geeignet, die Annahme zu unterstützen, Geschlechtsunterschiede seien durch Nachahmung hervorgerufen, denn Jungen im ersten Lebensjahr wissen nicht, was als geschlechtsadäquat angesehen wird. Wenn es um geschlechtstypische Verhaltensbesonderheiten geht, die bereits im ersten Lebensjahr beobachtbar sind (Alexander & Wilcox, 2012), ist Nachahmung ein eher fragliches Erklärungsprinzip.
5.10 Kriterien für die Modellwahl
Ein zweites Problem, das sich bei der Nachahmung stellt, ist die Frage, welche Eigenschaften eine Person eigentlich aufweisen muss, um sich als Modell zu qualifizieren.
In diesem Zusammenhang hat das Konzept der Identifikation auch in die soziale Lerntheorie Eingang gefunden, in der sie mit Imitation gleichgesetzt wird. So spricht Bandura, der Exponent der sozialen Lerntheorie, direkt von »identifikatorischem« Lernen (Bandura, 1977) und eine zentrale Frage ist auch hier, warum man sich jemanden Bestimmtes aussucht, um sich mit ihm zu identifizieren.
In der Theoriebildung zur Modellwahl werden Fürsorglichkeit, Status und Macht als wichtigste Kriterien für die Identifikation benannt. Bei der Festlegung gerade dieser Eigenschaften haben, wie sich zeigen lässt, wiederum psychoanalytische Überlegungen Pate gestanden.
So klingt beim Stichwort Fürsorglichkeit das Konzept der anaklitischen Identifikation an, das von Sears geprägt wurde, einem lerntheoretisch orientierten Forscher, der ursprünglich Anhänger der Psychoanalyse war (Sears et al., 1966). Anaklitisch heißt soviel wie »anlehnend«, »Halt suchend«; die so bezeichnete Identifikation wird als Reaktion darauf verstanden, dass die Mutter sich nicht ununterbrochen um das Kind kümmern kann. Das Kind erlebt die daraus resultierende Unterversorgung an Zuwendung als bedrohlich und fühlt sich verlassen. Indem es sich nun mit der Mutter identifiziert, so meint Sears, imitiert es sie, übernimmt also gleichsam stellvertretend die Pflegerolle an sich selbst. Dadurch kann es den drohenden Verlust besser aushalten. Ob diese Theorie zutrifft, muss offenbleiben, es sei nur angemerkt, dass es wenig funktional wäre, wenn die Mutter auf diese Weise überflüssig würde.
Gemäß der »Status-Neid«-Theorie wird derjenige bevorzugt nachgeahmt, der sich in einer kompetitiven Situation als der Sieger erweist. Die Theorie lässt eine Verwandtschaft mit der psychoanalytischen Konzeption einer » Identifizierung mit dem Angreifer« erkennen, wie sie aus der ödipalen Situation resultieren soll. Wie in Kapitel 4.1 dargestellt, muss das Kind zur Kenntnis nehmen, dass der Vater bei der Konkurrenz um die Mutter als Sieger hervorgeht (
Kap. 4.1). Der psychoanalytischen Theorie folgend übernimmt der Junge die befürchtete Strafe des Vaters in Form eines schlechten Gewissens, und indem er dies tut, identifiziert er sich mit ihm.
Die beobachtete Ausübung von Macht als Motiv der Modellwahl unterscheidet sich nur in einer etwas anderen Akzentgebung von der »Status-Neid«-Theorie. Es geht letztlich bei beiden darum, dass eine Person als Modell attraktiv wird, weil sie erfolgreich über begehrte Ressourcen verfügen kann.
Mit diesen Kriterien stellt sich nun aber für die Geschlechtsrollenübernahme das Problem, wie ein Kind dazukommt, sich ganz speziell für den gleichgeschlechtlichen Elternteil zu entscheiden. Fürsorglichkeit, Status und Macht zeichnen beide Eltern aus, wenn vielleicht auch in etwas unterschiedlicher Akzentuierung. Sie wären somit zwar ideale Vorbilder für ihre Kinder, aber unabhängig von dessen Geschlecht. Die Frage nach der gleichgeschlechtlichen Orientierung bei der Modellwahl bleibt also offen.
Die Lösung, die Mischel vorschlägt, liegt ganz auf einer Argumentationslinie, der die soziale Lerntheorie bevorzugt folgt, wenn sie erklären will, wie es zu einer Modellwahl kommt. Mischel rekurriert nämlich auf geschlechtstypische Verstärkung: das Kind werde eben nur belohnt, wenn es geschlechtsadäquates Verhalten nachahme. Gegen den Einwand, dass eine solche Verstärkung tatsächlich nur selten erfolge, wird vorgebracht, das Kind hätte inzwischen gelernt, sich selbst zu belohnen. Selbstverstärkung ist ein beliebter Ausweg, wenn Lerntheoretiker bezüglich der Belohnung in Erklärungsnotstand geraten, wie Merz bereits kritisch angemerkt hat: Man beobachte, dass nachgeahmt wird, gehe ferner davon aus, dass dies nur aufgrund von Belohnung der Fall sein könne, und sofern sich eine solche nicht nachweisen lasse, verlege man sie ins Innere des Nachahmenden, wo sie sich der Nachweisbarkeit entziehe (Merz, 1979).
Ein anderer, ebenso wenig befriedigender Lösungsvorschlag postuliert, der gleichgeschlechtliche Elternteil sei jeweils in höherem Maße verfügbar. Nun sehen manche Kulturen zwar eine frühe Trennung der Geschlechter vor und leisten da mit der gleichgeschlechtlichen Orientierung Vorschub. In unserem Kulturkreis, in dem Kleinkinder vorwiegend der Mutter oder anderen weiblichen Pflegepersonen anvertraut sind, während Väter eine untergeordnete Rolle in der Betreuung spielen, hat diese Hypothese aber kaum Erklärungswert.
Dieses Problem sah man auch im lerntheoretischen Lager und modifizierte deshalb die Annahme dahingehend, alle Kinder wären unabhängig vom Geschlecht erst einmal eher weiblich identifiziert, Jungen müssten dann um die Schulzeit herum aber durch verstärkte Wirksamkeit männlicher Vorbilder umgepolt werden. Nun spricht aber nichts dafür, dass männliche Bezugspersonen in diesem Altersabschnitt plötzlich ein erhöhtes Interesse und insbesondere die Zeit für eine ausgiebigere Beschäftigung mit kleinen Jungen aufbringen. Die bisher besprochenen Befunde legen auch keineswegs nahe, dass zuerst einmal eine Feminisierung stattfindet. Es sieht vielmehr im Gegenteil so aus, als wären Jungen sogar früher und stärker am eigenen Geschlecht orientiert als Mädchen und das trotz der Tendenz der weiblichen Bezugspersonen sowie des Kindergartenpersonals, bei ihnen vorwiegend neutrales und mädchenhaftes Verhalten zu verstärken.
Als letzte Erklärungsmöglichkeit für die adäquate Modellwahl wird die vom Beobachter wahrgenommene Ähnlichkeit mit dem Modell diskutiert. Das Kind würde bevorzugt diejenigen nachahmen, denen es sich am ähnlichsten fühle, innerhalb der Familie somit den gleichgeschlechtlichen Elternteil. Eine solche Erklärung steht und fällt mit der Frage, ab wann ein Kind überhaupt in der Lage ist, eine solche Ähnlichkeit festzustellen und aufgrund welcher Merkmale. Das Verhalten der Erwachsenen unterscheidet sich ohnehin erheblich von dem der Kinder, ganz unabhängig davon, ob sie dem gleichen oder dem Gegengeschlecht angehören. Ohne Zweifel handelt es sich bei der Feststellung von Ähnlichkeit also um eine anspruchsvolle kognitive Leistung, bei der man als Minimalforderung erwarten würde, dass ein Kind das Geschlecht bei anderen und bei sich selbst richtig zuordnet. Diese Fähigkeit wird uns im nächsten Kapitel eingehend beschäftigen, es sei aber vorweggenommen, dass sie später einsetzt als die zu beobachtenden Verhaltensunterschiede. Allerdings werden wir auch die Möglichkeit zu diskutieren haben, ob sich Ähnlichkeit nicht auf eine viel elementarere Weise feststellen lässt, ohne dass man das Geschlecht des anderen bewusst zu erkennen braucht.
5.11 Befunde zur Nachahmung von geschlechtstypischem Verhalten
Obwohl es keinem einigermaßen aufmerksamen Beobachter entgeht, dass Kinder bereits im Alter von zwei Jahren versuchen so gut wie jede Verhaltensweise von Erwachsenen nachzuahmen, haben Untersuchungen zur Frage, ob und wann gleichgeschlechtliche Modelle bevorzugt werden, im Vorschulalter selten brauchbare Ergebnisse erbracht. Nun ist neben der Frage, wer nachgeahmt wird, ebenso interessant, was nachgeahmt wird. Es wäre ja denkbar, dass gewisse Aktivitäten so attraktiv sind, dass sie imitiert werden, ganz unabhängig davon, wer sie vormacht. Fein und Mitarbeiter stellten fest, dass 20-monatige Mädchen in erster Linie das Spiel mit Mädchenspielsachen imitierten, während Jungen eher typische Jungenspiele nachahmten (Fein et al., 1975). Kein einziger Junge, aber immerhin einige Mädchen waren bereit, sich nach entsprechender Modellvorführung auch auf gegengeschlechtliches Spielzeug einzulassen. Bei der Bewertung dieses Ergebnisses ist zu berücksichtigen, dass die Modelle ausschließlich weiblich waren. Das hat einerseits die Jungen nicht davon abgehalten, nachzuahmen, könnte aber andererseits der Grund dafür sein, dass sie sich, anders als die Mädchen, nicht auf gegengeschlechtliches Spiel einließen.
Ein Nachahmungsexperiment von Patricia Bauer bestätigt den gerade geschilderten Befund weitgehend. Zwanzig zweijährige Jungen und Mädchen bekamen je zwei geschlechtskonforme, zwei abweichende und zwei neutrale Handlungen vorgeführt und wurden aufgefordert, diese nachzuahmen. Bei den typisch weiblichen Handlungen sollte ein Teddybär mit einer Windel gewickelt sowie Frühstück vorbereitet werden. Die »männlichen« Handlungen bestanden im Rasieren eines Teddys und im Bauen eines Hauses. Als geschlechtsneutral galten eine Geburtstagsparty mit Kuchenanschneiden und eine Schatzsuche in einer Truhe mithilfe einer Taschenlampe (Bauer, 1993). Die Handlungen mussten zunächst einmal unmittelbar nach der Modellsituation nachgeahmt werden. Zwei Wochen später erhielten die Kinder noch einmal dasselbe Material. Die Mädchen führten alle Handlungen aus, die in der Modellsituation vorgekommen waren, die Jungen nur die »männlichen« und die neutralen. Das verwundert insofern nicht, als – wie bei dem Experiment von Fein – auch hier das Modell weiblich war. Würde das Geschlecht des Modells allerdings allein den Ausschlag geben, dann hätten die Jungen keine der Handlungen ausführen dürfen. Umso interessanter ist es, dass sie sich auf die jungentypischen und neutralen Handlungen beschränkten und nur die mädchentypischen wegließen. Das Geschlecht des Modells spielte für sie also wohl eine untergeordnete Rolle, während die geschlechtstypischen Präferenzen für bestimmte Aktivitäten eindeutig stärker durchschlugen. In dieses Bild passt, dass Jungen auch schon eher als Mädchen geschlechtstypisches Spielzeug bevorzugen (O’Brien & Huston, 1985).
Bei Schulkindern scheint das Geschlecht des Modells dann aber doch einen stärkeren Einfluss zu haben. So konnte Wolf bei Elfjährigen nachweisen, dass sie gleichgeschlechtliche Kinder nachahmten, auch wenn diese sich mit für ihr Geschlecht unüblichen Spielaktivitäten beschäftigten, Jungen also beispielsweise mit einem Kochherd, Mädchen mit einem Lastwagen spielten. Ließ man die gleichen Aktivitäten dagegen von Erwachsenen vorführen, dann hatten sie keine Modellwirkung (Wolf, 1973/1976). Wie Merz zutreffend bemerkt, verwundert dies nicht: Die Kinder waren in diesem Alter schlau genug, um ein derart kindisches Verhalten bei Erwachsenen nicht ernst zu nehmen und zogen sie deshalb als Vorbild auch gar nicht in Betracht. Erwachsene werden vielmehr von beiden Geschlechtern dann bevorzugt nachgeahmt, wenn ihr Verhalten nicht nur als geschlechts-, sondern auch als altersadäquat erlebt wird (Merz, 1979).
Die geschilderten Experimente haben alle den Schönheitsfehler, dass sie Geschlecht des Modells und geschlechtstypisch präferierte Aktivitäten vermengen, man also nicht klar entscheiden kann, gibt nun das Geschlecht des Modells oder die Art des Modellverhaltens den Ausschlag für die Nachahmung. Durch die folgende Experimentalsituation, die hier exemplarisch für mehrere Studien gleichen Ergebnisses dargestellt werden soll, versuchte man diesen Fehler zu vermeiden: Ein männliches oder weibliches Modell (Kind oder Erwachsener) demonstrierte ein Verhalten, das man als geschlechtsneutral ansehen kann: Es setzte einen roten oder einen schwarzen Hut auf. Vorschulkinder neigten eher dazu, das gleichgeschlechtliche Modellverhalten nachzuahmen, gleich ob es von einem Erwachsenen oder einem Kind durchgeführt wurde (Grace et al., 2008; für ähnliche Befunde s. Shutts et al., 2010). Dieses Wahlkriterium ließ sich allerdings außer Kraft setzen, wenn man das Alter ins Spiel brachte, indem man gleichgeschlechtliche Erwachsenenmodelle mit gegengeschlechtlichen gleichaltrigen Modellen, also Kindern, kontrastierte. Unter diesen Bedingungen hing es davon ab, ob die Probanden zuvor darauf eingestellt wurden, entweder mehr auf das Geschlecht oder mehr auf das Alter zu achten. Im ersteren Fall fiel ihre Wahl im Nachahmungsversuch dann eher auf den gleichgeschlechtlichen Erwachsenen als auf das gegengeschlechtliche Kind, im zweiten Fall zogen sie das Kind als Modell vor, ganz gleich welchem Geschlecht es angehörte – Jungen wählten in diesem Fall sogar das Mädchenmodell! Die Untersucher gehen davon aus, dass im einen Fall die Kategorie »Geschlecht« in den Vordergrund des Wahlverhaltens gerückt war, während im anderen Fall die Kategorisierung in »Kinder« und »Erwachsene« dominierte. Daraus schließen sie optimistisch, man müsste nur sozialisatorisch dafür sorgen, dass die Kategorie »Geschlecht« in den Hintergrund geriete, dann würde man die Kinder schon dazu bringen, sich bei ihrer Nachahmung eher nach anderen – geschlechtsneutralen – Kriterien zu richten. Immerhin zeigt das Ergebnis, dass die vielfach vorgebrachte einfache Gleichung »imitiert wird, was mir am ähnlichsten ist« nicht ohne Weiteres aufgeht, denn Ähnlichkeit ist offensichtlich kein einsinniges Merkmal.
Prinzipiell ist bei der Interpretation von Ergebnissen zur Nachahmung Vorsicht geboten. Kinder können bestrebt sein, sich in einer Versuchssituation in sozial erwünschter Weise zu verhalten. Wenn sie unter solchen Umständen etwas nachahmen, sagt dies nicht unbedingt etwas darüber aus, wie sie sich spontan verhalten hätten. Insbesondere belegen experimentell evozierte Nachahmungen nicht selbstsprechend, dass die gezeigten Verhaltensweisen ursprünglich überhaupt durch Nachahmung erworben wurden. Das ließe sich nur durch Beobachtung unter natürlichen Bedingungen klären. Hierbei wiederum wäre allerdings methodisch sicherzustellen, dass bei der Kopie tatsächlich Nachahmung im Sinne des Neuerwerbs einer Verhaltensweise vorliegt. Wenn kleine Jungen beispielsweise herumtoben und sich ihnen immer mehr Geschlechtsgenossen anschließen, so sieht dies, oberflächlich betrachtet, wie Nachahmung aus. Genau genommen könnte es sich ebenso gut um Gefühlsansteckung handeln, und das ist ein Mechanismus, der Verhaltensweisen aktiviert, die längst zum Repertoire der Ausführenden gehören (detailliert s. Bischof-Köhler, 2011).
Zur Bedeutung der Nachahmung für die Geschlechtsrollenübernahme ist festzuhalten, dass Kinder zwar ohne Zweifel eine Menge durch Beobachtung und Nachahmung lernen (für einen Überblick s. Olsson & Martiny, 2018), dass sie sich dabei aber nicht auf gleichgeschlechtliche Modelle beschränken, sondern ebenso auch Informationen über gegengeschlechtliches Rollenverhalten sammeln. Was sie dann bewegt, bevorzugt geschlechtsadäquates Verhalten zu produzieren, bleibt im Rahmen der Theorie des sozialen Lernens eine offene Frage.
4 Ein positiver Wert bedeutet in diesem Fall rollenkonforme Verstärkung.
6 Kohlbergs Alternative
6.1 Invariante Stufen der Entwicklung
Der unbefriedigende Gesamteindruck, den die lerntheoretisch orientierten Positionen zur Entstehung geschlechtstypischen Verhaltens hinterlassen, hat einem dritten Theorieansatz Aufschwung gegeben, der mit dem Namen von Lawrence Kohlberg verbunden ist. Kohlberg wird eigentlich meist in einem anderen Zusammenhang zitiert; er hat sich eingehend mit der Entwicklung des moralischen Urteils beschäftigt und auf diesem Gebiet hohe Beachtung gefunden. Weniger bekannt ist, dass er auch eine Theorie zur Geschlechtsrollenübernahme formuliert hat, in der er explizit die Rolle des Verstärkungslernens und der Nachahmung relativiert (Kohlberg, 1966). In der konstruktivistischen Tradition Piagets stehend schlägt Kohlberg einen dritten Weg neben Freud und Lerntheorie ein: Er stellt die Eigenaktivität des Kindes beim Entwicklungsprozess in den Vordergrund.
Dementsprechend sieht er die Geschlechtsrollenübernahme in erster Linie als eine kreative Eigenleistung, die er folgendermaßen spezifiziert: Das Kind macht ganz zwanglos Erfahrungen mit dem Phänomen der Geschlechtlichkeit und verarbeitet diese, indem es nach Maßgabe seines jeweiligen kognitiven Entwicklungsstandes Gedanken über seine Beobachtungen anstellt. Dabei bildet es zunächst Vorstellungen über seine eigene Geschlechtszugehörigkeit und die anderer aus und bekommt sodann allmählich ein Bild von den Rollen, Erwartungen und moralischen Wertungen, die mit dem Geschlecht verbunden sind. Diese werden dann schließlich verhaltensbestimmend.
Ausgehend von dieser grundsätzlichen Annahme postuliert Kohlberg eine Abfolge charakteristischer Entwicklungsstufen im Prozess der Geschlechtsrollenübernahme. Diese Stufen folgen nach seiner Ansicht invariant aufeinander und bestimmen jeweils, wie einschlägige Erfahrungen verarbeitet werden.
Als Erstes nimmt das Kind gemäß dieser Theorie das eigene Geschlecht richtig wahr, es wird sich seiner Geschlechtsidentität bewusst. Ein Junge oder ein Mädchen zu sein, wird als Attribut des eigenen Selbst als etwas Wertvolles erfahren. In einem zweiten Entwicklungsschritt stellt das Kind dann fest, dass es Menschen gibt, die zum eigenen, und solche, die zum anderen Geschlecht gehören. Es kann also nun auch das Geschlecht anderer richtig bestimmen.
In der Folge beginnt es zu begreifen, dass bestimmte Verhaltensweisen und Dinge etwas mit der Geschlechtszugehörigkeit zu tun haben und somit eher »männlich« oder »weiblich« sind. So entdeckt das Kind, dass Männer bestimmte Tätigkeiten ausüben und Frauen andere und dass einige Spielaktivitäten und Spielsachen eher mit Jungen und andere eher mit Mädchen verbunden sind. Daraus entwickeln sich erste Stereotypen.
Die positive Bewertung der eigenen Geschlechtszugehörigkeit weitet sich auf die mit dem Geschlecht verbundenen Dinge und Tätigkeiten aus und natürlich auch auf die eigenen Geschlechtsgenossen. Das führt dazu, dass dem eigenen Geschlecht lauter positive Eigenschaften zugeschrieben werden, während das andere Geschlecht eine Abwertung erfährt. Alles, was mit dem eigenen Geschlecht zusammenhängt, wird für das Handeln zunehmend ausschlaggebend. Das Kind wählt also geschlechtsadäquates Spielzeug, bildet eine Präferenz für bestimmte Spiele aus und zieht Kinder seines Geschlechts als Spielpartner vor.
Tab. 6.1: Stufen der Geschlechtsrollenübernahme nach Kohlberg

Stufen der Geschlechtsrollenübernahme nach Kohlberg
Für Kohlberg ist die Entwicklung aber erst dann vollendet, wenn das Kind über Geschlechtskonstanz verfügt, also versteht, dass man das Geschlecht nicht nach Belieben wechseln kann. Jetzt erkennt es, mit welchem Elternteil es das Geschlecht teilt. Hierin sieht Kohlberg die Basis für die Identifikation mit dem Vater beziehungsweise der Mutter. Sie hat zur Folge, dass es vorzugsweise nur noch gleichgeschlechtliche Modelle nachahmt, während es vorher auch gegengeschlechtliche imitierte. Letzteres ist insofern sinnvoll, als auf diese Weise Wissen über gegengeschlechtliche Verhaltensweisen erworben wurde. Aber erst unter dem Eindruck der Geschlechtskonstanz erlebt das Kind das Stereotypenwissen als verbindlich. Es wählt jetzt nur noch Verhaltensweisen aus, die zur eigenen Geschlechtsrolle passen, und unterlässt das gegengeschlechtliche Verhalten als minderwertig, obwohl es über die entsprechenden Verhaltensmuster verfügt und sie auch ausüben könnte.
Soweit zunächst zu Kohlbergs Vorstellungen. Sie sind oben tabellarisch zusammengefasst (
Tab. 6.1). Die entscheidende Frage, die sich als Nächstes stellt, ist nun allerdings, wieweit sich der von ihm postulierte Entwicklungsverlauf empirisch bestätigen lässt. Tatsächlich hat kaum ein anderer Autor soviel empirische Forschungsaktivität angeregt wie Kohlberg. Den diesbezüglichen Befunden wollen wir im Folgenden genauer nachgehen.
6.2 Zum Begriff »Identität«
Gemäß den Stufen, die Kohlberg postuliert, lassen sich verschiedene Entwicklungsbereiche unterscheiden. Ein zentrales Thema, aus dem sich letztlich die gesamte weitere Entwicklung herleitet, ist bei ihm das Verständnis der Geschlechtszugehörigkeit und der Geschlechtsidentität. Das nachfolgende Beispiel möge zur Einstimmung eine Vorstellung davon vermitteln, wie komplex dieses Verständnis ist und welche Schwierigkeiten in seinem Zusammenhang auftreten können.
Ein Vierjähriger war zu einem Faschingsfest eingeladen worden und hatte unbedingt als Tiger verkleidet gehen wollen. Die Mutter hatte ihm ein herrliches Tiger-Gewand genäht: Stolz zog er ab, klingelte an der Haustür des Freundes, wo das Fest stattfand. Die Haushälterin öffnete und begrüßte ihn mit den Worten: »Ja, da kommt ja der Tiger«. Dies hatte den unerwarteten Effekt, dass unser Held laut zu weinen begann, das Kostüm schleunigst auszog und sich lange nicht beruhigen konnte. Der Junge hatte wohl auf einmal geglaubt, tatsächlich ein Tiger zu sein und das wurde ihm dann doch zu viel – diesem Anzug war er buchstäblich »nicht gewachsen«.
Der Held der Geschichte hatte offensichtlich ein Problem mit seiner Identität. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, müssen wir uns etwas genauer mit diesem Begriff auseinandersetzen. Identität ist eine Wahrnehmungskategorie. Sie verbindet Phänomene, die zeitlich aufeinanderfolgen, in einer Weise, dass sie uns als »dasselbe« erscheinen, wir beziehen sie auf einen einzigen Träger. Dabei bedeutet »dasselbe« nicht notwendig »von der Erscheinung gleich«, wie das Märchen vom Frosch anschaulich bekundet, der sich in einen Prinzen verwandelt. Maßgeblich ist, dass beide demselben Schicksal unterworfen sind. Was der eine getan hat, muss der andere verantworten.
Identität hat also eine zeitüberbrückende Charakteristik. Der Zustand, in dem man sich augenblicklich befindet, schließt an die Zustände an, die man vorher einnahm und verweist auf zukünftige Zustände. Ferner ist mit der Identität das Bewusstsein der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit verbunden, und die Geschlechtszugehörigkeit gehört – von wenigen Ausnahmen abgesehen – als unveränderbares Merkmal zu diesem Identitätsbewusstsein.
Die Entwicklung der Geschlechtsidentität basiert auf zwei grundsätzlichen Voraussetzungen. Das Kind muss über ein Ich- Bewusstsein verfügen, damit es überhaupt die eigene Identität wahrnehmen kann, und es muss das Geschlecht richtig zuordnen können.
Um die Mitte des zweiten Lebensjahres reift die Vorstellungstätigkeit. Das Kind vermag nun die Wirklichkeit in der Fantasie nach- und umzubilden und so Probleme zu lösen. Hierzu bedarf es auch einer Repräsentation von sich selbst. Diese realisiert sich in Form eines bewusst reflektierbaren »Ich«. Der früheste Hinweis auf das Ich-Bewusstsein ist die Fähigkeit, das eigene Spiegelbild zu erkennen. Man weist dies dadurch nach, dass man dem Kind unbemerkt einen Farbfleck an der Wange anbringt und es dann in einen Spiegel schauen lässt. Reagiert es gar nicht auf den Fleck oder behandelt es sein Spiegelbild wie ein anderes Kind und versucht den Fleck bei dem »anderen« (also auf dem Spiegel) abzuwischen, dann erkennt es sich noch nicht. Berührt es dagegen den Fleck im eigenen Gesicht, bemüht es sich, ihn zu entfernen oder die Mutter dazu zu veranlassen, dann kann dies als Hinweis gewertet werden, dass es sich selbst erkennt. Es identifiziert die Person, die ihm im Spiegel entgegentritt, als die Außenseite, die zu ihm selbst gehört. Dabei handelt es sich beim Ich-Bewusstsein um einen kognitiven Neuerwerb der etwas qualitativ Neues darstellt und nicht unmittelbar aus der Fähigkeit im ersten Lebensjahr hervorgeht, sich als Initiator von Handlungen zu erkennen (Lewis & Brooks-Gunn, 1979; Amsterdam, 1972; Bischof-Köhler, 1989, 1994, 2011; Klein-Radukic & Zmyj, 2020). Dieses bewusst gewordene Ich stellt nun die Basis für das Identitätserlebnis dar. Das Kind versteht, dass es einen Namen hat, es lernt sich selbst mit »Ich« zu bezeichnen, es erlebt das Ich als Zentrum seines Wollens. Es lernt, dass ihm selbst bestimmte Eigenschaften und Leistungen zugehören und es begreift schließlich, dass es ein Geschlecht hat.
Um das eigene Geschlecht richtig zuzuordnen, muss es aber erst einmal verstanden haben, dass da zwei Alternativen zur Auswahl stehen. Diese Einsicht ist genau besehen eine recht anspruchsvolle kognitive Leistung. Das Kind muss nämlich begreifen, dass es zwei Sorten von Menschen gibt, unabhängig davon, dass diese sich auch sonst noch in vielerlei Hinsicht unterscheiden, also beispielsweise Kinder sind oder Erwachsene, Fremde oder Vertraute, Schornsteinfeger oder Busfahrer. Sodann muss es verstehen, dass es selbst notwendigerweise zu der einen oder der anderen Sorte gehört, aber eben nicht zu beiden gleichzeitig oder zu gar keiner. Auf Besonderheiten der Geschlechtsidentitätsentwicklung bei Kindern, die nicht mit ihrem anatomischen Geschlecht zufrieden sind, werden wir in Kapitel 18 (
Kap. 18) näher eingehen.
6.3 Zuordnung des Geschlechts
Kleinkinder sprechen bereits im ersten Lebensjahr auf Merkmale des Geschlechts an. So reagieren sie schon mit sechs Monaten unterschiedlich auf eine Männer- und eine Frauenstimme (Miller, 1983). Neun- bis Zwölfmonatige unterscheiden die Gesichter von Männern und Frauen auf Fotos (Leinbach & Fagot, 1993). Mit zwölf Monaten gelingt es ihnen auch schon, die visuelle Erscheinung mit der Stimme in Zusammenhang zu bringen. Ein rudimentäres Geschlechtskonzept bildet sich also schon früh aus. Die richtige Benennung lässt aber noch auf sich warten.
Eine der ersten eingehenden Untersuchungen zur Entwicklung der Geschlechtsbenennung wurde von Dannhauer in den 70er Jahren in der damaligen DDR vorgenommen (Dannhauer, 1973). Er legte seinen zwei- bis vierjährigen Versuchspersonen im Einzelversuch eine Jungen- und eine Mädchenpuppe vor, mit der folgenden Aufforderung:
Zeig mir die Puppe, – die so aussieht wie du,
– die nicht so aussieht wie du,
– die wie ein Junge aussieht,
– die wie ein Mädchen aussieht.
– Bist du ein Junge oder ein Mädchen?
In einer amerikanischen Untersuchung ließen Weinraub und Mitarbeiter die Kinder zunächst Fotos von Mädchen, Jungen, Männern und Frauen in eine »Männer/Jungen«- bzw. eine »Frauen/Mädchen«-Schachtel sortieren (Weinraub et al., 1984). Sodann erfragten sie zu jedem Foto das Geschlecht. In vergleichbarer Weise mussten die Kinder das eigene Foto zuordnen.
Beide Untersuchungen ergaben, dass Kinder durchschnittlich mit zweieinhalb Jahren das Geschlecht bei anderen und mit zweieinhalb bis drei Jahren das eigene Geschlecht bestimmen konnten, wobei zu erwähnen ist, dass Mädchen andere Personen früher richtig benannten als Jungen; sich selbst allerdings nicht. Fagot und Leinbach (1993) kommen in einem Übersichtsreferat über die einschlägige Literatur zu dem Schluss, dass Kinder irgendwann zwischen 24 und 40 Monaten sich selbst und andere richtig benennen, wobei Erwachsene an erster Stelle stehen. Die frühere Zuordnung von Erwachsenen hängt wohl damit zusammen, dass geschlechtsunterscheidende Merkmale bei diesen besonders prägnant hervortreten und dass sie zudem in der Welt eines Kindes in diesem Altersabschnitt bedeutsamer sind als Gleichaltrige. Eine neuere Untersuchung setzt die Benennung des Geschlechts bei anderen und zum Teil auch des eigenen schon bei knapp Zweijährigen an. Dabei wird mit der Verwendung von Geschlechtsbezeichnungen wie Junge, Mädchen, Mann, Frau argumentiert, wobei allerdings nicht berichtet wird, wieweit diese Bezeichnungen auch bereits korrekt zugeordnet werden (Zosuls et al., 2009). Der Befund, dass solche Benennungen häufiger bei Kindern auftraten, die auch eher geschlechtstypische Spielzeugpräferenz (Lastwagen, Puppe) zeigten, wird dahingehend interpretiert, sie wüssten eher, was zu ihrem Geschlecht passt. Indessen sagen Korrelationen ja nichts über Verursachungszusammenhänge aus, die Beziehung kann auch umgekehrt sein: Kinder mit stärker ausgeprägten geschlechtstypischen Vorlieben werden sich in diesem Fall eher der Geschlechtsbezeichnung bewusst und tun sich infolgedessen damit leichter.
Generell ist Vorsicht geboten, aus diesen frühen Benennungen allzu viel abzuleiten. Bereits Weinraub hatte bei Zweijährigen, die sich mit dem richtigen Geschlecht bezeichnen, zur Vorsicht gemahnt. Sie waren in ihrer Untersuchung mehrheitlich nicht in der Lage, sich eindeutig auch der richtigen Klasse zuzuordnen, wenn man sie aufforderte, ihr Foto in die Jungen- oder Mädchen-Schachtel zu legen. Es ist also in Einzelfällen mit der Möglichkeit zu rechnen, dass die Kinder zwar schon darauf konditioniert sind, sich richtig zu benennen, ohne damit aber die Einsicht zu verbinden, einer ganzen Klasse von Menschen – und eben nur dieser – anzugehören.
6.4 Geschlechtspermanenz
Mit der richtigen Zuordnung des Geschlechts ist zwar ein erster wichtiger Schritt zum Verständnis der Geschlechtsidentität getan, die Entwicklung ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Noch versteht das Kind nicht, dass die Geschlechtsidentität ein Merkmal ist, das eine zeitüberdauernde Charakteristik hat, sich also durch Permanenz auszeichnet. In der Literatur wird dieser Aspekt des Identitätsverständnisses unter Bezugnahme auf Slaby und Frey auch als Geschlechtsstabilität bezeichnet (Slaby & Frey, 1975).
Folgendes Beispiel von Kohlberg illustriert anschaulich, was darunter zu verstehen ist. Johnny (4;6) und Jimmy (4;0) führen folgenden Dialog:
Johnny: Wenn ich groß bin, werde ich Flugzeugbauer.
Jimmy: Wenn ich groß bin, werde ich eine Mama.
Johnny: Du kannst keine Mama sein, du musst ein Papa werden.
Jimmy: Doch, ich werde eine Mama.
Johnny: Nein, du bist kein Mädchen, du kannst keine Mama sein.
Jimmy: Doch, ich kann!
Im Gegensatz zu Johnny versteht Jimmy noch nicht, dass er immer seinem Geschlecht angehören wird, auch als Erwachsener. Und er begreift, wie einschlägige Befunde zeigen, auch noch nicht, dass er in der Vergangenheit immer schon ein Junge war. In Untersuchungen wird dieses Verständnis üblicherweise geprüft, indem man den Kindern Fragen der folgenden Art stellt:
Wenn du groß bist, wirst du dann eine Mama oder ein Papa?
Könntest du auch (das Gegenteil) ein Papa/eine Mama werden?
Als Baby, warst du da ein Junge/Mädchen?
Nun wissen Dreijährige, wie wir gesehen haben, schon ziemlich genau, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sind. Sie nehmen aber dennoch an, dies für ihr Erwachsensein ändern zu können, wenn sie nur wollen, und nennen häufig auch das andere Geschlecht in Bezug auf ihre Babyvergangenheit.
Um diese Fehlleistung richtig einzuordnen, muss man berücksichtigen, dass sich die Vorstellung von Zeiträumen und zeitlichen Dauern erst zwischen dreieinhalb und vier Jahren entwickelt (Bischof-Köhler, 1998, 2000). Jüngere Kinder leben ohne Zeitbezug in der Gegenwart. Wie sie die Frage verstehen, was sie »als Babys« oder »als Erwachsene« waren oder sein würden, wissen wir nicht; hier und jetzt sind sie eben keines von beiden. Vermutlich spricht die Frage einfach nur jene vage Sphäre der Imagination an, in der auch das kindliche Als-Ob-Spiel zuhause ist. Erst im Laufe des vierten Lebensjahres entsteht die Fähigkeit, sich sich selbst in Situationen vorzustellen, die in der Zukunft oder in der Vergangenheit liegen, also gleichsam in der Fantasie auf Zeitreise zu gehen und die Verbindlichkeit des aktuellen Ichgefühls auf diese Reise mitzunehmen (Bischof-Köhler, 2000). Im Unterschied zu Slaby und Frey die diese Fähigkeit als Stabilität bezeichnen, haben wir sie in unserer eigenen Forschung »Permanenz« genannt.
Tatsächlich entwickeln sich im Vorschulalter bei Kindern einige Fähigkeiten, die alle mit der Vergegenwärtigung von Zeiträumen in Verbindung gebracht werden können. In einer eigenen Studie zu diesem Thema wurden Kinder zwischen 3 und 5 Jahren auf verschiedene Fähigkeiten hin getestet (Zmyj & Bischof-Köhler, 2015). In einer Aufgabe zum Zeitverständnis sollten sie bei drei Sanduhren mit unterschiedlicher Füllhöhe beispielsweise angeben, welche als erstes und welche als letztes fertig sei, nachdem man sie umgedreht hatte. Kinder, die bei dieser Aufgabe gut abschnitten, waren auch häufiger zur Geschlechtspermanenz in der Lage. Eine Interpretation dieses Zusammenhangs besteht darin, dass sowohl das Sanduhrverständnis als auch die Geschlechtspermanenz auf ein und dieselbe Fähigkeit zurückgreift, sich Zeiträume vorstellen zu können.
6.5 Geschlechtskonsistenz
Nun hat das Verständnis der Geschlechtsidentität bei Kindern dieses Alters aber noch eine weitere Dimension. Auch hierauf hat Kohlberg erstmals aufmerksam gemacht; allerdings ordnet er diese Dimension gemeinsam mit der eben beschriebenen Permanenz unter einem einzigen Begriff ein, er spricht von »Geschlechtskonstanz«. Dieser zweite Aspekt hat aber genau genommen mit der Permanenz nichts gemein: Kinder im Vorschulalter gehen von der Annahme aus, das Geschlecht verändern zu können, indem sie die äußere Erscheinung ändern. Es fehlt ihnen also nicht nur am Verständnis für die zeitüberbrückende Charakteristik der Identität, sondern sie machen diese irrtümlicherweise auch an der äußeren Erscheinung fest. Da dieser zweite Aspekt zeitlich nicht mit dem ersten korreliert – Kinder können paradoxerweise schon die Geschlechtspermanenz erreicht haben und dennoch eine Veränderung aufgrund äußerer Merkmale noch für möglich halten – wollen wir diesen Aspekt als Geschlechtskonsistenz bezeichnen. Der Junge, der plötzlich meinte, ein Tiger zu sein, ist ein drastisches Beispiel für einen Mangel an Konsistenz.
Tatsächlich glauben Kinder bis zum Alter von durchschnittlich fünf Jahren, zum Teil aber auch noch ältere, dass ein Junge, um zu einem Mädchen zu werden, nur einen Rock anzuziehen brauche und sich die Haare lang wachsen lassen müsse. Wenn er dann gar noch mit einer Puppe spielt, also eine gegengeschlechtliche Tätigkeit ausübt, dann erscheint ihnen der Wechsel perfekt, und ganz entsprechend nehmen sie an, dass sich auch ein Mädchen durch geeignete Veränderung der äußeren Attribute in einen Jungen verwandeln könnte. Wir haben das anhand zweier Videofilme bei Kindern dieser Altersgruppe genauer belegen können (Zmyj & Bischof-Köhler, 2015). Die Filme zeigten einen Jungen, respektive ein Mädchen, die sich allmählich durch Umkleiden in das andere Geschlecht verwandelten und sich dann auch mit einem, jeweils für dieses Geschlecht typischen Spielzeug (Lastwagen, Puppe) beschäftigten. Jüngere Kinder waren regelmäßig überzeugt, dass die Akteure ihr Geschlecht gewandelt hatten.
Für jüngere Kinder genügt sogar der bloße Wunsch; wenn man nur wollte, könnte man ein Kind des anderen Geschlechts werden. Manchmal behaupten Kinder in diesem Altersabschnitt fest, dem anderen Geschlecht anzugehören, Im Allgemeinen ist dies kein Grund zur Beunruhigung und wird sich nach kurzer Zeit wieder ändern. Die Kinder verstehen in diesem Alter einfach noch nicht, dass die Geschlechtszugehörigkeit ein Merkmal ist, das absolut festliegt und nicht beliebig gewechselt werden kann wie ein Kleidungsstück.
Wenn man nach den Gründen dieses Fehlschlusses sucht, dann stellt sich natürlich zunächst die Frage, an welchen Kriterien die Geschlechtszuweisung überhaupt festgemacht wird. Haartracht und Kleidung spielen dabei eine zentrale Rolle (Golombok & Fivush, 1994), aber wahrscheinlich auch die Bewegungsweise, in der sich die Jungen und Mädchen schon im Kleinkindalter deutlich unterscheiden (
Kap. 8.9), ferner die Stimme und der Körperbau, wobei der Einfluss der zuletzt genannten Merkmale in Tests aber schwer zu erfassen ist.
Nun stellt sich in diesem Zusammenhang natürlich die Überlegung ein, die Unsicherheit der Kinder könnte daher rühren, dass sie die eigentlich wirklich relevanten Kriterien für die Geschlechtszugehörigkeit nicht kennen, nämlich die Genitalien. So meinte etwa Freud, Kinder hätten deshalb Probleme, die Geschlechtlichkeit zu verstehen, weil ihnen die Eltern das entscheidende anatomische Detailwissen vorenthielten. Kohlberg widerspricht dieser Annahme aufgrund eigener Untersuchungen, bei denen er seine Versuchskinder unter anderem gefragt hatte, ob man Jungen und Mädchen unterscheiden könne, wenn sie ausgezogen seien. Bereits in den 1960er Jahren, als er die Befragung vornahm, bekundeten die Kinder durchweg, dass sie den Unterschied der Genitalien kannten. Mittlerweile wird man davon ausgehen können, dass dies die Regel ist.
Sandra Bem postuliert einen förderlichen Einfluss dieses Wissens auf die Ausbildung der Geschlechtskonsistenz. In ihrer Studie wurde die Genitalienkenntnis anhand von Fotos unbekleideter Kinder geprüft, die dann im Test zur Geschlechtskonsistenz in bekleidetem Zustand abgebildet waren. Dreiviertel der Versuchskinder mit Kenntnis der Genitalien erwiesen sich als geschlechtskonsistent. Bei den Unwissenden waren es nur 11 % (Bem, S., 1989). Trautner konnte hingegen einen solchen Zusammenhang nicht finden; zu einem ähnlich negativen Ergebnis kamen wir auch in unseren eigenen Studien (Trautner et al., 2003).
Vor allem ändert dieses Wissen allein nicht notwendig etwas daran, dass manche Kinder einen Geschlechtswechsel nach den oben angeführten Kriterien gleichwohl für möglich halten. So meinte eines unserer fünfeinhalbjährigen Versuchskinder, nachdem es alle denkbaren Änderungen bereits vorgeschlagen hatte, um aus einem Mädchen einen Jungen zu machen, dass dieser jetzt allerdings immer noch ein »Schlitzli« (schweizerdeutsch für weibliche Genitale) hätte. Als der Versuchsleiter nachfragte, was man denn da machen könnte, kam der treuherzige Vorschlag: »s’Schlitzli abschniede und es Pipeli annechläbe« (abschneiden und ankleben). Angesichts solcher Nonchalance muss man doch wirklich ernsthaft in Frage stellen, ob die von Freud postulierten Kastrationsängste bei der kognitiven Verfassung in diesem Entwicklungsabschnitt überhaupt eine ernst zu nehmende Basis haben.
6.6 Wirklichkeit und Schein
Eine ganz andere Frage ist es, ob die fehlende Geschlechtskonsistenz vielleicht ein Scheinproblem darstellt, das in erster Linie methodisch begründet sein könnte. Wenn ein Junge es für möglich hält, durch den Wechsel äußerer Attribute in den Mädchenstatus zu gelangen, woher wissen wir, ob er wirklich glaubt, in das andere Geschlecht übergewechselt zu sein? Es wäre ja auch denkbar, dass er das Ganze so versteht, als sei er nur einmal in die andere Rolle geschlüpft. Erhält der Versuchsleiter auf die Frage »Wenn Otto ein Kleid anzieht und sich die Haare lang wachsen lässt, ist er dann ein Mädchen?« vom Versuchskind eine bejahende Antwort, wie können wir dann eindeutig entscheiden, ob es wirklich annimmt, Otto sei ein Mädchen? Könnte es nicht genauso gut denken, Otto sei so wie ein Mädchen, erscheine wie ein Mädchen, sehe so aus, sei aber natürlich nicht wirklich und wahrhaftig ein Mädchen? Ganz ausschließen ließe sich ein solches Missverständnis doch wohl nicht und wenn man versucht, durch entsprechende Nachfragen der Sache auf den Grund zu gehen (»Ist es jetzt wirklich ein Mädchen?«), erhält man kaum die gewünschte Auskunft, sondern verwirrt allenfalls die Kinder.
Nun wissen wir aus Untersuchungen in ganz anderen Bereichen, dass Kinder bis zum Alter von vier Jahren angesichts bestimmter Wahrnehmungstäuschungen die Unterscheidung von Wirklichkeit und Schein noch nicht treffen können. Einen als Stein angemalten Schwamm etwa halten sie selbst dann noch für einen Stein, wenn sie ihn in die Hand nehmen und merken, dass er viel zu leicht und weich ist. Für sie fällt Erscheinung und Wesen also untrennbar zusammen; sie begreifen noch nicht, dass etwas nur so aussehen kann wie ein Stein, ohne wirklich einer zu sein (Flavell et al., 1983). Erst wenn sie über eine Theory of Mind verfügen, also über mentale Prozesse nachdenken können, ist ihnen auch diese Unterscheidung möglich (Bischof-Köhler, 2011).
Der Entwicklungspsychologe Martin Trautner ist der Frage, wieweit die Unterscheidung von Wirklichkeit und Schein das Verständnis der Geschlechtskonsistenz beeinflusst, genauer nachgegangen (Trautner et al., 2003). Das Ergebnis war eindeutig: Nur Kinder, die Wirklichkeit und Schein unterscheiden konnten, zeigten auch Geschlechtskonsistenz, hielten also eine Veränderung der Form nicht mehr für ausreichend, um das Geschlecht zu wechseln. In einer eigenen Untersuchung konnten wir dieses Ergebnis bestätigen (Bischof-Köhler & Bischof, 1996).
Vor dem Hintergrund dieser Befunde scheint es mehr als fraglich, ob Kinder, die Wirklichkeit und Schein noch nicht unterscheiden können, überhaupt in der Lage wären, bei entsprechender Bekleidung nur vorzugeben, sie seien ein Junge oder ein Mädchen, oder vielleicht auch ein Tiger, sich dabei aber bewusst zu bleiben, dass sie das »nur denken«, dass sie nur so tun »als ob«.
6.7 Invarianz
Tatsächlich hat das Verhaftetsein im Augenscheinlichen bei den Drei- bis Fünfjährigen weiterreichende Implikationen. Es betrifft nämlich die Weise, wie Kinder dieses Alters Identität überhaupt verstehen – oder genauer ausgedrückt – die Invarianz der Identität. Die Kinder begreifen generell noch nicht, dass die Identität eines Dinges erhalten bleiben kann, auch wenn sich seine äußere Erscheinung verändert. Piaget belegte dies experimentell in seinen klassischen Versuchen zur »Konservierung«, wie er die Invarianz auch nannte. Wenn man vor den Augen eines vierjährigen Kindes ein Glas Wasser in eine höheres, aber schmaleres Gefäß umfüllt und fragt, ob es immer noch gleichviel Wasser sei, dann wird man die Antwort erhalten, es sei mehr geworden, denn es sei ja jetzt höher. Das Kind wird sogar noch weiter gehen und behaupten, das sei gar nicht mehr dasselbe Wasser, weil es jetzt ja anders aussähe.
Entsprechendes gilt auch für Personen. Ändern sie ihre äußere Erscheinung, so verlieren sie, wie im Beispiel des kleinen Möchtegern-Tigers, unter Umständen ihre Identität. Dieser Fehlschluss kann bis ins Schulalter andauern. So berichtete einer meiner Studenten, der neben dem Studium eine Schulklasse von Siebenjährigen unterrichtete, folgendes Erlebnis:
Er hatte am sechsten Dezember einen Freund mitgebracht, der für die Klasse den Nikolaus spielen sollte. Der Freund verkleidete sich vor den Augen der Kinder zum Nikolaus, ging dann kurz aus dem Raum und kehrte mit dem für Nikoläuse üblichen Gepolter zurück. Die Kinder waren gebührend beeindruckt, obwohl sie eigentlich wussten, wer unter der Verkleidung steckte. Als der Freund schließlich nach seinem Abgang als Nikolaus wieder in normalem Anzug in die Klasse zurückkam, berichtete ihm ein kleines Mädchen mit strahlenden Augen, aber Bedauern in der Stimme, es sei so schade, dass er nicht da gewesen sei, der Nikolaus hätte sie gerade besucht, es wäre toll gewesen und das hätte er jetzt versäumt.
Wenn Kinder annehmen, durch Änderung der Erscheinung ihr Geschlecht ändern zu können, dann ist dies also nur einer generellen Entwicklungsbesonderheit zuzuschreiben. Kohlberg hat diese Zusammenhänge als Erster experimentell überprüft und bestätigen können. Er stellte den Kindern Fragen von der Art:
»Kann ein Hund eine Katze sein, wenn er will?«– »Ist eine Katze, der man die Schnurrhaare abschneidet, ein Hund?« Die jüngeren Kinder der Stichprobe hielten die entsprechenden Identitätswechsel für möglich. Den gleichen Versuchskindern wurden sodann einige der klassischen Piaget’schen Aufgaben zur »Erhaltung der Identität« vorgelegt. So bog Kohlberg etwa vor den Augen der Kinder ein Stück Draht und fragte sie, ob es noch derselbe Draht sei. Auch dies verneinten die jüngeren Kinder; die Identität war für sie durch die Formänderung verloren gegangen. Die Leistungen in diesen Bereichen korrelierten nun ziemlich eindeutig mit der Konstanz der Geschlechtsidentität (Permanenz und Konsistenz)bei Sechs- bis Siebenjährigen.
Neuere Untersuchungen präzisierten den Zusammenhang dahingehend, dass die Erhaltung der Identität in den übrigen kognitiven Bereichen etwas früher aufzutreten scheint als die Geschlechtskonsistenz, dieser also vorausgeht (Marcus & Overton, 1978).
Wenn die Geschlechtsidentität in den ersten Lebensjahren also noch labil ist, so handelt es sich nicht um eine Abnormität oder um einen Erziehungsfehler der Eltern. Wir haben es vielmehr mit einer Besonderheit der kognitiven Entwicklung zu tun, die darauf beruht, dass die Kinder das eigentliche Kriterium für die Invarianz der Identität noch nicht richtig erfassen. Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten, woran man die Identität eines Objektes festmachen kann, nämlich die Form und die Substanz. Wenn ich aus einem Klumpen Ton einen Teller forme und diesen, bevor er getrocknet ist, in eine Tasse umwandle, dann habe ich die Identität des Tellers durch Veränderung der Form in die einer Tasse übergeführt. Beachte ich dagegen die Stoffgrundlage, dann ist es natürlich derselbe Ton geblieben, an seiner Identität hat sich nichts geändert. Erst Fünfjährige beginnen zu begreifen, dass die Substanz (der Stoff) der eigentliche Träger der Identität ist. Es ist dasselbe Wasser geblieben, auch wenn es in dem neuen Glas anders ausschaut, ebenso wie unser kleiner Tiger immer noch ein kleiner Junge ist, und dies auch bliebe, wenn er sich Mädchenkleider anziehen würde.
6.8 Entwicklungsfolge
Auf der Basis von Kohlbergs Überlegungen sind inzwischen eine Reihe von Untersuchungen durchgeführt worden, die es ermöglichen, die Entwicklungsabfolge der einzelnen Stadien bis zur vollkommenen Geschlechtskonstanz genau zu bestimmen (Slaby & Frey, 1975).
Die folgende Tabelle fasst die Entwicklungsabfolge zusammen, so wie sie von Slaby und Frey eruiert wurde. Gemäß einem Übersichtsreferat von Fagot und Leinbach ist der Altersspielraum, in dem das Geschlecht erstmals richtig benannt werden kann, etwas früher anzusetzen und beginnt schon mit zwei Jahren (Fagot & Leinbach, 1993). Zu den abweichenden Altersangaben in einzelnen Untersuchungen kommt es wahrscheinlich wegen methodischer Besonderheiten und den Maßstäben, die man anlegt, um einem Kind Konstanz zuzuschreiben (Szkrybalo & Ruble, 1999).
Slaby und Frey behaupten, dass die in der Tabelle angegebenen Stufen von allen Kindern in der gleichen Reihenfolge durchlaufen werden. Sie berichten zwar erhebliche Altersvariationen, die nächstfolgende Leistung wird aber immer nur erbracht, wenn die vorhergehende auch tatsächlich gemeistert wurde. In unserer eigenen Untersuchung zeigten einige wenige Kinder die Konsistenz vor der Permanenz, meist traten beide Fähigkeiten gemeinsam auf (Zmyj & Bischof-Köhler, 2015; Bischof-Köhler, 2011). Dabei ergab sich ein interessanter Zusammenhang zur Ausbildung des Zeitverständnisses, das im vierten Lebensjahr mit dem Einsetzen der Theory of Mind korreliert und für die Kinder überhaupt erst den Zeitraum eröffnet, in dem sie sich selbst zu anderen Zeitpunkten, also insbesondere auch als Erwachsene, vorstellen können. In jedem Fall kann man davon ausgehen, dass die
Tab. 6.2: Entwicklungsfolge der Geschlechtskonstanz nach Slaby und Frey (1975)

Stadium der GeschlechtskonstanzLeistungAltersspielraumDurchschnittsalter
Geschlechtskonstanz in erster Linie eine Leistung der generellen kognitiven Entwicklung ist und nicht ein Ergebnis ständigen Verbesserns und Belehrens der Eltern. Wäre nämlich Letzteres der Fall, würden wir – entsprechend der je individuellen Lerngeschichte der Kinder – eine viel lockerere Aufeinanderfolge der Stadien beobachten. Der invariante Entwicklungsverlauf bestätigt also eher Kohlbergs Annahme, dass kognitive Verarbeitungsprozesse kraft einer sachimmanenten Entfaltungslogik aufeinander aufbauen.
Kohlberg und andere Vertreter einer kognitivistischen Entwicklungspsychologie betonen, dass wir es hier nicht etwa mit Reifungsvorgängen im »biologischen« Sinn dieses Wortes zu tun haben. Es handle sich vielmehr um einen »aktiven und selbstregulierten Austauschprozess zwischen Organismus und Umwelt« (Trautner, 1991, S. 196). Diese Abgrenzung beruht jedoch auf einem Unverständnis des biologischen Reifungsbegriffs. Wenn der Organismus schon als Interaktionspartner der Umwelt gegenübergestellt wird, dann kann ja nur sein genetisches Programm gemeint sein. Dass sich dieses nur in regulativer Interaktion mit der Umwelt entfalten kann und dabei Schritte, die strukturell auf anderen aufbauen, nicht vor diesen erfolgen können, ist eine schlichte Trivialität, die für alle Reifungsvorgänge gilt (
Kap. 17.2).
Die Befunde sprechen also letztlich dafür, dass bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität erzieherische Maßnahmen nur insofern erforderlich sind, als sowohl die Familie als auch das übrige soziale Umfeld eine eindeutige Stellung beziehen müssen, um dem Kind dadurch immer wieder zu vermitteln, zu welchem Geschlecht es gehört. So antwortete eines unserer Versuchskinder auf die mehrmals wiederholte und wohl etwas penetrante Frage, warum denn ein Mädchen, das die Kleider gewechselt hatte, nun ein Junge sei, mit der lapidaren Erklärung: »Die anderen wissen es«. Dadurch, dass die anderen das Kind für einen Jungen halten, wird die Verwandlung zur sozialen Realität, und damit hoffte das durch die Fragen bedrängte Kind, den neugierigen Versuchsleiter endlich zufrieden zu stellen.
Im Übrigen genügt die Alltagserfahrung, um im Kind das Verständnis dafür entstehen zu lassen, dass es zwei verschiedene Geschlechter gibt. Dies drückt sich ja nicht nur in der äußeren Erscheinung und im Verhalten aus, sondern in unserem Sprachraum auch in der Art der Benennung, durch die die Menschen eingeteilt werden in »sie« und »er«, in Onkel und Tante, Vater und Mutter, den Otto, die Lisa. So schwierig es erscheinen mag, von diesen unterschiedlichen Benennungen das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit abzuleiten, so wäre es doch falsch, in dieser Komplikation den Grund für das zunächst labile Bewusstsein der Geschlechtsidentität zu sehen. Die Ursache liegt nicht darin, dass relevante Lernvorgänge noch nicht zu einem verlässlichen Abschluss gekommen sind, sondern im generellen Verlauf der kognitiven Entwicklung.
6.9 Geschlechtskonstanz und geschlechtstypisches Verhalten
Kohlberg zufolge wäre geschlechtstypisches Verhalten nun die Folge einer etablierten Geschlechtskonstanz. Dieses Verhalten ergäbe sich aus der Einsicht des Kindes, einem der beiden Geschlechter unwiderruflich anzugehören, diesem Geschlecht positive Eigenschaften zuzuschreiben und dem Wunsch, sich geschlechtsadäquat zu verhalten. Nun blieb es den Lerntheoretikern nicht verborgen, dass sich Geschlechtskonstanz offenbar erst später als geschlechtstypisches Verhalten einstellt. In einigen Bereichen, wie etwa der Spielzeugwahl, waren die frühen Geschlechtsunterschiede bereits damals bekannt (Maccoby & Jacklin, 1974). Die Bewährungsprobe für Kohlbergs Theorie bestand nun in einer Studie von Bussey und Bandura, in der sowohl die Geschlechtskonstanz der Vorschulkinder getestet wurde als auch deren Bereitschaft, gleichgeschlechtliche und gegengeschlechtliche Modelle nachzuahmen. Es stellte sich heraus, dass selbst die Zwei- und Dreijährigen, die noch nicht über Geschlechtskonstanz verfügten, bei der Nachahmung eine Präferenz für das gleichgeschlechtliche Modell besaßen (Bussey & Bandura, 1984). Auch in einer Folgestudie mit drei- bis fünfjährigen Kindern zeigte sich, dass die Kinder altersunabhängig das gleichgeschlechtliche Modell häufiger imitierten als das gegengeschlechtliche (Maccoby, 1990).
Maccoby ließ diese Kritik an Kohlbergs Theorie allerdings nicht gelten. Sie wandte ein, dass die Kinder in Tests zur Geschlechtskonstanz schlechter abschnitten, als es ihrem Wissensstand entspräche. Ihr zufolge könne ein Grund sein, dass die Kinder dem Versuchsleiter die Antwort gäben, von der sie glaubten, sie sei von ihnen erwartet. Selbst jüngere Kinder verfügten demnach über Geschlechtskonstanz, obwohl sie bei der entsprechenden Aufgabe durchfielen. Ein Indiz dafür sah sie im Wissen der Kinder über die zahlreichen Merkmale, die mit den jeweiligen Geschlechtern assoziiert sind. Darüber hinaus besäßen bereits Vierjährige Geschlechtsstereotype. Zusammengenommen verweise dies doch letztlich auf Geschlechtskonstanz bei Vierjährigen, was wiederum die Möglichkeit eröffne, dass auch deren Geschlechtsunterschiede durch die von Kohlberg angenommene geschlechtliche Selbstsozialisation entstanden sein könnten (Haugh et al., 1980). Auch Kohlberg wies übrigens bereits auf die Geschlechtsstereotype hin, er setzte sie aber eben nicht mit Geschlechtskonstanz gleich (
Tab. 6.1). Auch wenn es für Erwachsene schwer vorstellbar ist, müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, dass jüngere Kinder das Geschlecht für veränderbar halten und trotzdem schon über Wissen über die beiden Geschlechter verfügen und Stereotypegebildet haben können. Kohlbergs Annahme, geschlechtstypisches Verhalten entstünde durch das Einsetzen der Geschlechtskonstanz, lässt sich empirisch also zwar nicht halten. Jedoch haben seine damals revolutionären Ideen zu einer regen Forschungsaktivität geführt, mit deren Ergebnissen wir uns in den nächsten Kapiteln näher beschäftigen werden, denn sie erlauben, den Entwicklungsfortgang genauer zu bestimmen.
Tatsächlich überschätzt der Test zur Geschlechtskonstanz den Entwicklungsstand eher, als dass er ihn unterschätzt, denn die Begründungen der jüngeren Kinder, die vereinzelt richtig antworten, können häufig als »pseudokonstant« beschrieben werden (z. B. Emmerich et al., 1977). Beispielsweise verweisen die jüngeren Kinder darauf, dass der Junge, der ein Kleid trägt, immer noch ein Jungengesicht habe, und nicht darauf, dass ein Geschlechtswechsel prinzipiell unmöglich sei. In eigenen Untersuchungen fiel auch auf, dass die jüngeren Vorschulkinder teils mit Unbehagen reagierten, wenn sie gefragt wurden, ob sie selbst das Geschlecht wechseln könnten, wenn sie die Kleidung des anderen Geschlechts anziehen würden. Ein beinahe Vierjähriger kanzelte beispielsweise den Studienleiter mit der Bemerkung ab, dass er schließlich ein Junge und kein Mädchen sein möchte und sich damit doch diese Fragen erübrigt hätten. Ein Wechsel des Geschlechts wurde also durchaus als möglich angesehen, allein die Willenskraft verhinderte vermeintlich Schlimmeres (s. auch Ruble et al., 2007).
7 Stereotype und Geschlechtsrollenverhalten
7.1 Die ersten Geschlechtsstereotypen
Mit der richtigen Benennung des Geschlechts bei sich selbst und anderen ist nach Kohlberg der Grund gelegt, auf dem sich Wissen über Geschlechtlichkeit weiterentwickeln kann. Dieses Wissen kumuliert schließlich in der Ausbildung von Stereotypen, die dann nach seiner Ansicht wiederum die Ursache dafür abgeben, dass Kinder sich die entsprechenden Verhaltensstile aneignen, die sie allerdings – wie er meint – erst mit dem Einsetzen der Geschlechtskonstanz als verbindlich ansehen (Kohlberg, 1966).
Geschlechtsbezogene Eindrücke sammelt das kleine Kind schon, bevor es Jungen und Mädchen, Männer und Frauen richtig zu benennen vermag. Diese sehen verschieden aus, verhalten sich verschieden, haben unterschiedliche Aufgaben und Vorlieben. Babys sind bereits im ersten Lebensjahr differenziert genug, um solche Unterschiede zu spüren. Wie bereits ausgeführt, reagieren sie schon mit sechs Monaten anders auf Männer- als auf Frauenstimmen und können mit einem Jahr die visuelle Erscheinung der richtigen Stimmlage zuordnen. Es erscheint durchaus plausibel, dass solche Feststellungen nicht nur dazu verhelfen, die Geschlechter richtig zu bezeichnen, sondern auch die Grundlage für die Stereotypenbildung abgeben. Hierfür spricht auch, dass nicht, wie Kohlberg annahm, als erstes das eigene Geschlecht benannt wird, sondern das der anderen, und zwar bei Erwachsenen, bei denen ja in der Tat die Rollenunterschiede am prägnantesten hervortreten und die daher auch die beste Anschauungsgrundlage für die Stereotypisierung abgeben.
Wie eine Untersuchung in den USA zeigte, nehmen bereits Kinder, die nicht viel älter als zwei Jahre sind, erste Rollenzuweisungen vor (Kuhn et al., 1978). Die Autoren legten ihrer Befragung Stereotype zugrunde, wie sie sich bei Erwachsenen über Erwachsene und Kinder ausgebildet haben. Den Kindern wurden Bilder von bestimmten Situationen sowie eine dazu passende Aussage präsentiert. Zur Abbildung einer Küchenszene wurde beispielsweise gefragt, welche Puppe wohl sage »Ich helfe gern der Mutter kochen«. Das Kind konnte zwischen einer männlichen und einer weiblichen Puppe wählen und diejenige, die zu der Aussage passte, auf das Bild legen. In Bezug auf Erwachsenentätigkeiten lautete eine Aufgabe etwa: »Welche Puppe sagt eher ›Ich würde gern ein Flugzeug steuern‹«?
Abbildung 7.1 zeigt, was für Ansichten über Mädchen (links) und Jungen (rechts) dabei geäußert wurden, jeweils von Seiten der Mädchen (oben), der Jungen (unten) oder von beiden gemeinsam (Mitte) (
Abb. 7.1).
Etwas weniger reichhaltig waren die Meinungen der Kinder über die zukünftigen Rollen als Erwachsene. Beide Geschlechter fanden, dass man als Mann ein Boss werde und den Rasen mähe. Die Jungen allein meinten, man werde Gouverneur, Doktor oder Pilot. Den Frauen schrieben Jungen und Mädchen gleichermaßen zu, dass sie das Haus sauber machten und dass der Beruf der Krankenschwester und der Lehrerin zu ihnen passe. Mädchen erwähnten hier noch, dass es den Frauen zukomme, die Babys zu versorgen, während Jungen dies in Bezug auf das Kochen erwarteten.
Ein interessantes Teilergebnis betraf schließlich die nicht geschlechtsstereotyp bewerteten Merkmale. Hierzu zählten Ball spielen, sich dreckig machen, Angst haben, der Anführer oder der Erste sein sowie die Eigenschaften stark, höflich, ordentlich, ruhig, schlau. Auch die Bereitschaft, leicht aufzugeben, schrieben die Kinder keinem der Geschlechter zu.

Abb. 7.1: Stereotype Ansichten von Kindern über Kinder und Erwachsene
Interessanterweise gaben die jüngeren Kinder, also die erst Zweijährigen, ausschließlich Stereotype zu Erwachsenentätigkeiten an; Gleichaltrige wurden dagegen erst ab etwa dreieinhalb Jahren durch die Brille des Vorurteils gesehen. Eine Untersuchung von Weinraub und Mitarbeitern bestätigt diesen Befund (Weinraub et al., 1984). Dabei wurden Bilder von geschlechtstypischen Erwachsenenhandlungen (z. B. Briefträger, Automonteur) und Objekten (Kleider, Waschmaschine, Staubsauger, Kochherd etc.) gezeigt sowie von typischen Spielsachen (z. B. Zementmischer, Rennauto, Babypuppe, Puppenwagen, Babyutensilien), die jeweils in entsprechend gekennzeichnete Schachteln geordnet werden mussten. Erwachsenentätigkeiten wurden hier bereits von 26-Monatigen entsprechend den gängigen Stereotypen zugeordnet. Dagegen zeigte sich in Bezug auf Spielsachen erst ab dem Alter von zweieinhalb Jahren – und dort zunächst nur bei einigen wenigen Kindern – eine geschlechtstypische Zuordnung. Erst die Dreijährigen verfügten in der Mehrzahl über die entsprechenden Kenntnisse. Das Ergebnis korrespondiert gut mit dem Befund, dass Kinder das Geschlecht bei Erwachsenen früher richtig bestimmen als bei Gleichaltrigen.
7.2 Abwertung und Aufwertung
Wenn wir nun die Stereotypisierung unter dem Wertaspekt betrachten, so fällt auf, dass Urteile, die nur von einem Geschlecht geäußert werden, eher negative Attribute des anderen und positive des eigenen Geschlechts betreffen. Dagegen beziehen sich Ansichten, die geteilt werden, auf eher wertneutrale Eigenschaften. Es lässt sich also bereits im Alter von drei bis vier Jahren die deutliche Tendenz ausmachen, das eigene Geschlecht auf- und das andere abzuwerten.
Diese Tendenz trat auch in einer wiederum von Dannhauer in der DDR durchgeführten Studie an 450 Kindern im Alter von dreieinhalb bis fünfeinhalb Jahren deutlich zutage (Dannhauer, 1973). Der Autor gab bestimmte Tätigkeiten vor und ließ die Kinder urteilen, ob diese eher vom Vater oder von der Mutter ausgeübt würden. Bereits die Dreieinhalbjährigen gaben hier sehr viele geschlechtsrollenkonforme Urteile ab, und bei den Vierjährigen unterschied sich das Wissen fast nicht mehr von dem der fast Sechsjährigen. Der Vater wurde dabei als jemand charakterisiert, der Zeitung lese, vor dem Fernseher sitze, Bier trinke und Zigaretten rauche, während die Mutter die Hausarbeit erledige, einkaufen gehe, sauber mache, Wäsche wasche und Knöpfe annähe. Man bedenke, dass diese Ansichten von Kindern geäußert wurden, die in einer Gesellschaft aufwuchsen, in der die meisten Frauen berufstätig waren!
In Bezug auf Gleichaltrige stellte Dannhauer folgende Fragen (
Abb. 7.2): »Stell dir vor, die Mutter hätte einen Buben und ein Mädchen, welches Kind ist braver – stärker – hört oft nicht – hilft fleißiger – fährt schneller Roller?«. Die Kinder urteilten wiederum in Übereinstimmung mit den üblichen Geschlechtsstereotypen.
In diesem Zusammenhang zeigte sich ein interessanter Entwicklungstrend, der recht gut zu den Befunden von Kuhn passt (Kuhn et al., 1978). Die jüngeren Kinder betonen dort die Unterschiede, wo das eigene Geschlecht günstig abschneidet. So finden sich die dreijährigen Mädchen »braver« als die Jungen, während letztere bezüglich dieses Merkmals noch nicht erkennen lassen, wohin das Pendel ausschlägt. Sie wiederum beziehen aber, was das Merkmal »stärker« betrifft, bereits eine eindeutige Position.
Diese Verteilung verschiebt sich im Alter dann aber dahingehend, dass die Fünfjährigen ihr Fremd-Stereotyp an das positive Selbst-Stereotyp des anderen Geschlechts etwas angleichen, während sie das negative Fremd-Stereotyp der anderen bis zu einem gewissen Grad übernehmen. So finden fünfjährige Jungen auch, dass Mädchen braver als Jungen sind, wenn natürlich auch nicht in dem Ausmaß, wie Mädchen das von sich selbst behaupten. Und entsprechend akzeptieren die fünfjährigen Mädchen die Stärke der Jungen. Diese wiederum gestehen zu, dass sie weniger gut gehorchen und nicht so fleißig helfen.
Die Entwicklung verläuft also nicht so, dass das eigene Geschlecht stetig höher bewertet und korrespondierend dazu das andere Geschlecht zunehmend abgewertet wird, so dass man sich selbst schließlich nur noch in den rosigsten Farben, das andere Geschlecht aber ausschließlich negativ sieht. Zwar besteht eine Tendenz zu einer sich verschärfenden Polarisierung, aber gleichzeitig gibt es Anzeichen einer realistischeren Einschätzung, die dem Gegengeschlecht auch positive Seiten zugesteht und für sich selbst negative Aspekte akzeptieren kann.

Abb. 7.2: Entwicklung von Geschlechtsstereotypen bei Kindern
Gemäß Kohlberg müsste das Ausmaß der Stereotypisierung mit der Entwicklung der Geschlechtsidentität zusammenhängen; je weiter die letztere fortgeschritten ist, umso detaillierter sollte das Wissen sein. In einigen Arbeiten, wie z. B. der Untersuchung von Kuhn und Mitarbeitern, wurde dies überprüft. Hier nahm die Stereotypisierung nicht nur mit dem Alter zu, sondern war bei jenen Kindern besonders weit fortgeschritten, die auch schon zur Geschlechtskonstanz zutreffende Angaben machten. Ein solcher Zusammenhang konnte aber nicht in allen einschlägigen Studien festgestellt werden. Stereotypen kommen nämlich auch schon bei Kindern vor, die in der Geschlechtskategorisierung noch unsicher sind. Es lässt sich also nicht eindeutig belegen, dass sich das Stereotypenwissen in Abhängigkeit von der Entwicklung der Geschlechtsidentität verbessert. Vor allem ist zu bedenken, dass eine Korrelation durchaus auch auf einen umgekehrten Verursachungszusammenhang hinweisen könnte. Es wäre ja denkbar, dass manche Kinder erst Stereotype ausbilden und gestützt auf dieses Wissen dann auch beginnen, die Geschlechtsbestimmung zu meistern. Generell ist zu Untersuchungen der geschilderten Art kritisch anzumerken, dass sie allesamt die als Geschlechtsstereotypen geltenden Tätigkeiten und Eigenschaften vorgeben, so dass den Kindern dann nur noch die Möglichkeit bleibt, diese zuzuordnen. Dadurch könnte das Bild eingeschränkt werden, das sich ein Kind tatsächlich über das eigene und das Gegengeschlecht macht.
Kohlberg selbst hatte versucht, auch das spontane Wissen von Kindern über Geschlechterrollen zu erfassen, indem er Interviews mit ihnen durchführte (Kohlberg, 1966). Ab dem Alter von 5 Jahren charakterisierten die Kinder Männer als aktiver, stärker, aggressiver und furchtloser, Gefahren ausgesetzt, eher geneigt zu strafen, weniger zärtlich und weniger fürsorglich. Die Rolle der Frauen schilderten sie im häuslichen Bereich und in der Kinderbetreuung, sie galten als zärtlicher und fürsorglicher. Da Kinder in diesem Alter physische Eigenschaften als Indikator für psychische nehmen, halten sie den Stärkeren und Größeren auch für gescheiter und mächtiger. Die eher als klein, zart und schwächer wahrgenommenen Frauen dagegen erscheinen ihnen als hilfloser und dümmer.
7.3 Stereotype sind hartnäckig
Die Evidenz des relativ frühen Stereotypenwissens von Kindern ist recht beeindruckend. Nun könnte man natürlich den Standpunkt vertreten, die Kinder würden in ihren Angaben nur das widerspiegeln, was sie vom Augenschein ihrer realen Erziehungssituation her kennen. Wäre diese anders, so würde auch ihr Bild vom gängigen Klischee abweichen. Diese Erwartung hat sich bisher allerdings nicht erfüllt: Eine den traditionellen Rollenvorstellungen verhaftete Stereotypisierung stellt sich interessanterweise ziemlich unabhängig von der eigenen Familienerfahrung ein. Sie zeigt sich nämlich auch bei Kindern, deren Mutter berufstätig ist, deren Vater im Rahmen eines elterlichen Rollentausches als Hausmann wirkt, und ebenso bei Kindern, die vom Vater nie gestraft werden oder die gar keinen Vater haben. Auch die Schichtzugehörigkeit hat sich als eine Variable ohne nennenswerten Einfluss erwiesen (Baruch & Barnett, 1986). Wie Renate Valtin berichtet, stellen 10-jährige Jungen, wenn befragt, warum sie gerne Jungen sind, auch derzeit noch ihre körperliche Überlegenheit heraus und sind froh, keine Mädchen zu sein, weil die Heulsusen und zu blöd zum Autofahren seien sowie viel redeten und rumzickten. Hingegen geben Mädchen an, gern Mädchen zu sein, weil sie lange Haare hätten, sich schminken und später Kinder kriegen und Babys füttern könnten (Valtin, 2011).
Die Hartnäckigkeit der traditionellen Vorstellungen wird übrigens gerade auch von Eltern beklagt, die ihre Kinder bewusst nicht geschlechtsrollenkonform erziehen wollen. Kinder benutzen offensichtlich neben der eigenen Familie zusätzliche Informationsquellen, etwa den Kindergarten, die Straße, Läden, das Fernsehen und natürlich das Internet, wobei der Einfluss des letzteren zwar sicher beträchtlich ist, dies aber erst seit wenigen Jahren. Besonders interessant ist in dieser Hinsicht eine Studie, bei der Familien mit traditioneller Einstellung mit solchen verglichen wurden, die Gegenkultur und Avantgarde verkörperten (Weisner & Wilson-Mitchell, 1990). Die Kinder der letzteren kannten sich in den Geschlechtsstereotypen genauso gut aus wie die Kinder der traditionellen Familien. Immerhin hatten sie darüber hinaus weitere Kenntnisse über Objekte und Beschäftigungen, die nicht mit der Geschlechtstypisierung zusammenhingen, waren also in ihrer Einstellung nicht ganz so rigide wie ihre traditionell erzogenen Altersgenossen (Blakemore et al., 2009).
Trautner, der in einer Längsschnittuntersuchung die Entwicklung der Stereotypisierung bei deutschen Kindern zwischen dem vierten und zehnten Lebensjahr untersuchte, kommt Anfang der 1990er Jahre zu dem Ergebnis, dass sich an den Inhalten nichts Wesentliches geändert habe (Trautner, 1992; Trautner et al., 2005). Besonders rigide seien die jüngsten Kinder auf die üblichen Vorstellungen fixiert, was wohl damit zusammenhängt, dass sie moralische Regeln für absolut gültig halten. Im Schulalter würden sie dann flexibler. Trautner bringt diesen Befund mit generellen kognitiven Engpässen im Vorschulalter in Verbindung, die sich erst im Schulalter verbessern. Er meint deshalb, bei Vorschulkindern hätte es wenig Sinn, an den Inhalten der Stereotypen etwas ändern zu wollen. Man solle sich besser auf das Schulalter konzentrieren, wenn das Denken generell beweglicher geworden sei. Interessanterweise zeigten Kinder mit besonders rigider Stereotypisierung in jüngerem Alter diese keineswegs auch später, sondern waren zum Teil sogar besonders flexibel in ihren Ansichten. Im Übrigen stellte Trautner fest, dass seine Versuchspersonen Erwachsene ausgeprägter stereotypisierten, und zwar insbesondere das männliche Geschlecht. Letzteres passt gut zu der Beobachtung, dass der Druck, sich geschlechtsrollenkonform zu verhalten, auf Jungen stärker zu lasten scheint. Entsprechend waren die Jungen in Trautners Stichprobe auch eindeutiger geschlechtsrollenorientiert als die Mädchen. Diane Ruble und Kollegen konnten ebenfalls den Anstieg der Rigidität in Sachen Geschlechterrollen bis zum Schuleintrittsalter nachweisen, die anschließend wieder abnahm. Bemerkenswert ist, dass dabei nicht das zunehmende Alter den Ausschlag gab, sondern dass der Anstieg an Geschlechtskonstanz mit dem Rückgang an Rigidität zusammenhing. Je sicherer sich die Kinder bezüglich der Unveränderlichkeit ihres Geschlechts waren, desto weniger rigide waren sie in ihren Vorstellungen, wie ein »richtiger Junge« und ein »richtiges Mädchen« sich zu verhalten haben (Ruble et al., 2007).
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