Kitabı oku: «Das Reisebuch Kanada»
DAS REISEBUCH KANADA
Die schönsten Ziele entdecken Highlights, Nationalparks und Traumrouten
Peter Kränzle Margit Brinke Klaus Viedebantt Christian Heeb

INHALTSVERZEICHNIS
Übersichtskarte
Kanada – »North of the Border«
THE MARITIMES
1St. John’s – Östlichster Hafen Nordamerikas
2Trans-Canada Highway – Von Ozean zu Ozean
3Gander – Tankstopp für die Beatles
4L’Anse aux Meadows – Die Entdeckung Amerikas
AUS »INDIANERHÜGELN« WURDEN WIKINGER-RELIKTE
Die Nordmänner-Siedlung der wahren Amerika-Entdecker
5Saint-Pierre et Miquelon – Der Rest von Nouvelle-France
6Cape Breton Island – Hunderttausend Mal willkommen!
7Louisbourg – Immer Sommer 1744
8Kejimkujik – Steinerne Zeugen indianischer Kultur
DAS LAND MIT DEM AHORNBLATT
Kanadas wunderbare Flora und Fauna
9Halifax – Die vitalste Hauptstadt der Maritimes
10Peggy’s Cove – Fotogenes Fischerdorf an der St. Margaret’s Bay
11Lunenburg – Holzhausjuwel mit Schiffbautradition
12Bay of Fundy – Große Oper für den Atlantik
13Campobello Island – Sommersitz von Präsident Roosevelt
14Village Historique Acadien – »Living History« für die ganze Familie
»LITTLE BROTHER OF WAR«
Vom Stickball zum Nationalsport: Lacrosse
15Fredericton – Beschauliche Kulturmetropole und Universitätsstadt
16Kouchibouguac National Park – Salzwiesen, Dünen und Meeresvögel
17Saint John – Betagte Schönheit an der Bay of Fundy
18Prince Edward Island – Sommerfrische im Osten
QUÉBEC
19Îles de la Madeleine – 200 Kilometer durchs Magdalenen-Archipel
20Gaspésie – Zerklüftete Steilküste und malerische Fischerdörfchen
21St. Lawrence River – Vom Atlantik bis zu den Großen Seen
22Anticosti Island – Naturparadies und Friedhof für Schiffe
23Tadoussac – Die kleine Stadt der großen Wale
AIR CREEBEC GIBT INDIANERN FLÜGEL
Viele Stämme der Ureinwohner in Québec sind wirtschaftlich erfolgreich
24Saguenay – Artenvielfalt inmitten grandioser Landschaft
25Québec City – Ein Hauch Europa in Nordamerika
26King’s Road – Der Königsweg zwischen Québec City und Montréal
27Montréal – Québecs Metropole auf einer Insel des St.-Lorenz-Stroms
28Les Laurentides – Der längste Park Kanadas
DIANA, TITANIC UND EIN HEART OF GOLD
Kanadas Musikszene: ein zuverlässiger Lieferant von Welt-Hits
ONTARIO
29Ottawa – Vom Holzfällernest zur Hauptstadt
30Upper Canada Village – Ein Museumsdorf aus Ex-Osnabruck
31Kingston – Geplatzte Hauptstadtträume am Tor zu den 1000 Inseln
32Thousand Islands – Mit dem Boot von Insel zu Insel
33Algonquin Provincial Park – Unter Bären und Wölfen
34 WANDERN AUF DER SCHWELLE – BRUCE TRAIL
Schlangen, Orchideen und zwei Nationalparks
35Sainte-Marie among the Hurons – Ein gescheiterter Traum
36Toronto – Weltmetropole und schillernde Vielvölkerstadt
»THE COOLEST GAME ON EARTH«
Eishockey, Kanadas Nationalsport
37The Canadian – Eines der schönsten Bahnabenteuer Kanadas
38Niagarafälle und Niagara-on-the-Lake – Spektakuläre Kaskaden
39Wellandkanal – Die Schleusen-Etappe des Sankt-Lorenz-Seewegs
40Pelee Island – Weininsel am angeblich südlichsten Punkt Kanadas
41Manitoulin Island – Die »Insel des Großen Geistes«
42Sudbury – Einst Minenstadt, heute grüne Oase
BIBERSCHWÄNZE – KEIN FALL FÜR TIERSCHÜTZER
Englands und Frankreichs rustikale Küche sind Kanadas kulinarische Paten
43Sault Ste. Marie – Der lange Weg zum Besuchermagneten
44Thunder Bay – Die Stadt des schlafenden Riesen
DIE PRÄRIEPROVINZEN
45Winnipeg – Manitobas Hauptstadt, »One Great City«
46Mennonite Heritage Village – Museum für eine Religionsgemeinschaft
47Thompson – »Hub of the North«
48Churchill – Eine Kleinstadt mit eigener »Eisbären-Polizei«
49Portage la Prairie – Einst Pelzlager, heute Agrarzentrum
50Riding Mountain National Park – Winnipegs Sommerfrische
51 »THE THIN RED LINE«
Auf den Spuren der »Rotröcke« – Red Coat Trail
52Regina – Kanadas »Queen City« und »Heimat« der Mounties
53Moose Jaw – Grüße aus dem Untergrund
54Wanuskewin Heritage – Indianergeschichten am Lagerfeuer
DER ETWAS ANDERE FOOTBALL
Die Unterschiede liegen im Detail – Canadian Football
55Saskatoon – »Saskatchewan’s finest«
56Prince Albert National Park – Berühmt durch »Grey Owl«
57Fort Walsh und Cypress Hills – Endlose Weiten der Prärie
58Grasslands National Park – Mehr Lichtschutz geht nicht
59Batoche National Historic Site – Hauptquartier der Rebellen
ALBERTA
60Writing-On-Stone Provincial Park – »Badlands«
61Drumheller – Im Land der Dinosaurier
62Head-Smashed-In Buffalo Jump – Weltkulturerbe
63 DER WILDE WESTEN LEBT!
Unterwegs auf dem Cowboy Trail in Alberta
64Calgary – Von der Cow Town zur Olympiastadt
HONIG VOM DACH FÜR DIE QUEEN
Die Hotelpaläste der kanadischen Eisenbahn sind Ikonen
65Waterton-Glacier International Peace Park – Friede, grenzüberschreitend
66Banff National Park und Lake Louise – Kanadas erster Nationalpark
67Jasper National Park – Grandiose Landschaft inmitten von Gletschern
68»Rocky Mountaineer« – Mit dem Panoramazug von West nach Ost
69 DER TRANS CANADA TRAIL
Zu Fuß, per Rad oder im Kanu quer durch alle Provinzen
70Edmonton – Die Stadt der Superlative
71 Elk Island National Park
72 Wood Buffalo National Park
BRITISH COLUMBIA
73Hamber Provincial Park – Fantastische, unberührte Natur
74Kootenay National Park – Heiße, heilsame Quellen
75 CROWSNEST HIGHWAY – ÜBER DIE »ROCKIES«
Malerische Route durch die Bergwelt
76Yoho National Park – Gipfeltreffen im kleinsten Park der Rockies
77Okanagan Valley – Populäres Agrar- und Feriengebiet mit Seemonster
KLEE WYCK – »DIE, DIE LACHT«
Emily Carr und die Kunst der Nordwestküsten-Indianer
78Cariboo Mountains – Wildnis pur zum Schutz bedrohter Tiere
79Kelowna – Fotogene Weinstadt am Okanagan Lake
80Alaska Highway – Unterwegs durchs wilde Kanada
81Kamloops – Wo sich die Cowboys zum Feiern treffen
82Williams Lake – Heimliche Hauptstadt des Rodeo
83Whistler – Paradies für Wintersportfreunde
84Vancouver – Pazifikmetropole mit Old-World-Charme
85Victoria, B.C. – Stadt der Gärten
86Vancouver Island – Natur- und Wildnisparadies im Pazifik
87Inside Passage – Eines der besten Reviere, um Orcas zu sehen
88Bella Coola – Wildnistouren und Heli-Skiing
DAS KANU IST EIN TEIL DER NATIONALEN IDENTITÄT
Im Winter setzt Kanada auf seine Snowmobiles
89Haida Gwaii/Queen Charlotte Islands – »Canada’s last Frontier«
90Prince Rupert – Das Schutzgebiet für Grizzlys
91Region Hazelton – Indianerkultur im Freiluftmuseum
DER NORDEN
92Whitehorse – Startpunkt für Touren in die Wildnis
93White Pass & Yukon Railroad – Ins Eldorado der Goldsucher
94Kluane National Park – Heimat des Mount Logan
95Dawson City – Die Goldrausch-Metropole
96Inuvik – 56 Tage Mitternachtssonne am Arktischen Meer
97Nahanni National Park – Wild, spektakulär und geheimnisvoll
98Yellowknife – Glücksrittercamp und zweitkleinste Hauptstadt des Landes
IM SOMMER HEISS, IM WINTER WEISS
Klima und Wetter im Norden Amerikas
99Mackenzie Highway – Straße der Superlative
100Great Bear Lake – Fischen meist nur fürs Foto
101Iqaluit – Tourismus als Wachstumsstrategie
102Resolute – Startpunkt für Reisen an den Nordpol
103Auyuittuq National Park – Eis-Kulisse für Agententhriller
104Nordwestpassage – Durch Eis und Einsamkeit
Straßenkarten
Register
Text-/Bildnachweis
Impressum
Der Herbst ist überall in Kanada eine großartige Jahreszeit, ob in Neufundland oder in den Wäldern von Nova Scotia. Vor den Küsten sind Wale aller Art regelmäßige Besucher. Blick vom CN Tower auf die Millionenstadt Toronto. Eine kanadische Fähre auf dem Lake Ontario (von links nach rechts).
Blick auf Vancouver vom Stanley Park. Meeting of two worlds, eine Plastik in L’Anse aux Meadows. Ste. Cécile in Petite-Rivière-de-l’Île, bekannt für ihr Barockmusikfest im Juli. Heuernte und früher Schnee bei Cowley im Süden Albertas. Ein Blackfeet-Indianer in Tracht beim Pow Wow. Der Montmorency-Fall bei Québec City ist mit 83 Metern Höhe rund 30 Meter höher als die Niagarafälle (von links nach rechts).


Beeindruckender Blick auf Québec samt Château Frontenac

Die berühmten Niagarafälle

Rinderfarm am Bob Creek Wildland Provincial Park

Das Prince of Wales Hotel im Waterton Lakes National Park in Alberta wurde 1927 errichtet.
KANADA – »NORTH OF THE BORDER«
Ein Besuch im zweitgrößten Land der Welt
Kanada – allein der Name des riesigen Landes hat einen magischen Klang. Bei den meisten Menschen ruft er Bilder von der endlosen Weite der Prärie, von schneebedeckten Bergen, dichten Wäldern und glasklaren Seen hervor. Gerade wegen seiner unberührten Natur, seiner Vielgestaltigkeit und Weitläufigkeit ist Kanada das Traumland stressgeplagter Europäer. Doch die Natur ist nur eine Seite Kanadas …

Der Howser Spire (3412 m) ist der höchste Gipfel der Bugaboo Mountains in British Columbia.
Die Nordamerikaner haben vieles gemeinsam – Gastfreundschaft, Toleranz, Sprache und zum Teil auch die Geografie –, und doch sind die Menschen »North of the Border« anders: Die Unterschiede sind tiefgehender als nur die spezifische Aussprache des Englischen und die andere Währung und Maßeinheiten. Sie hängen eng mit der unterschiedlichen Geschichte zusammen. So verspürten die Kanadier nie einen ähnlichen Drang zur Souveränität gegenüber der englischen Krone wie die Amerikaner, die sich gewaltsam vom Mutterland lossagten und zwei Kriege gegen die Krone führten. Die Kanadier wählten einen friedlichen und langwierigen, am Ende aber ebenso effektiven Weg in die Unabhängigkeit.
Angesichts des übermächtigen und selbstbewusst auftretenden südlichen Nachbarn, der regional lebensfeindlichen Geografie und der extremen Klimabedingungen versteht man die spezifischen Charakterzüge der Kanadier besser: ausgeprägtes Kritikbewusstsein einerseits und Selbstzweifel andererseits. So behaupten die Kanadier beispielsweise gern, dass es bei ihnen nur zwei Jahreszeiten gäbe: einen kurzen heißen Sommer und einen endlos langen, kalten und schneereichen Winter.

Die Overlander Falls des Fraser River, British Columbia.

Viele eckige und ein runder Turm: Die Bibliothek beim Parlamentskomplex in der Bundeshauptstadt wirkt wie eine Kathedrale.
»Winter – make the most of it or go crazy!«
Tatsächlich bedeckt zwischen November und März eine dicke Schneeschicht den Großteil des Landes. Ausgespart bleiben nur die Regionen im äußersten Westen um Vancouver Island, wo fast mediterranes Klima herrscht, sowie die maritime Ostküste. Hier finden sich entlang der Meerenge von Northumberland, zwischen New Brunswick und Prince Edward Island, die wärmsten Gewässer nördlich des US-Südstaates Virginia: An der Parlee Beach in Shediac werden im Sommer 23 Grad Wassertemperatur gemessen!
Es soll der legendäre Leif Eriksson, Sohn des »roten Erik«, gewesen sein, der von Grönland erstmals nach »Vinland« gesegelt ist. Bei L’Anse aux Meadows, an der Küste Neufundlands, fand man in der Tat Siedlungsspuren der Wikinger aus der Zeit um 1000. Doch das raue Klima und die unfreundlichen Indianer waren selbst den harten Wikingern zu viel; sie zogen rasch wieder ab, und es sollte mehrere Jahrhunderte dauern, bis wieder Schiffe vor Kanada auftauchten.
Der Bretone Jacques Cartier, der auf mehreren Fahrten zwischen 1534 und 1537 die Atlantikküste erforschte, entdeckte die St.-Lorenz-Bucht und segelte erstmals ins Landesinnere, um das Gebiet für den französischen König in Besitz zu nehmen. Zwischen 1603 und 1615 initiierte dann Samuel de Champlain die Besiedelung des St.-Lorenz-Tals und gründete 1608 Québec City. Von hier aus strömten französische Siedler, Händler und Pelzjäger allmählich auch ins Landesinnere.
Nachdem sich die Briten weiter südlich breitgemacht hatten, waren Konflikte zwischen den beiden Kolonialmächten vorprogrammiert. Nach der Eroberung von Québec City (1759) und Montréal (1760) ergab sich Gouverneur Vaudreuil dem britischen General Jeffrey Amherst. Endgültig besiegelte dann der Frieden von Paris 1763 den Waffenstillstand, und das kanadische Neu-Frankreich wurde britische Kronkolonie.
Kanadas Geburtsstunde
Lange unter Selbstverwaltung und nur locker mit der britischen Krone liiert, ratifizierten die Briten am 1. Juli 1867 den Ist-Zustand: Das Dominion of Canada wurde ein eigenständiger Staat, zunächst bestehend aus den Provinzen Ontario, New Brunswick, Québec und Nova Scotia. 1870 trat Manitoba der Konföderation bei, 1871 folgte British Columbia, 1873 Prince Edward Island, 1905 Alberta und Saskatchewan und 1949 Newfoundland. Schließlich gehören noch drei Territories, nämlich Yukon (1898), Northwest Territories (1870) und Nunavut (1999) zu Kanada. Die letzten verfassungsrechtlichen Bindungen mit dem Mutterland wurden mit dem Canada Act von 1982 gelöscht.
Kanada ist bis heute eine parlamentarische Monarchie, deren politisch-demokratisches System dem britischen entspricht. Eine wichtige Rolle für das Zusammenwachsen der Nation und das Entstehen des modernen Staatswesens spielte einerseits der Bau der ersten Überland-Eisenbahnlinie zwischen 1881 und 1885, andererseits die Gründung der North West Mounted Police am 3. Mai 1873. Die legendären rot berockten »Mounties« sorgten nicht nur für Recht und Ordnung, sondern trugen auch erheblich zur Erschließung der kanadischen Wildnis bei.
Ein Land der Einwanderer
Mit nur etwa vier Einwohnern pro Quadratkilometer gehört Kanada zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Dabei lebt ein Drittel der über 38 Millionen Kanadier in den drei größten Metropolen Toronto, Montréal und Vancouver, ein weiteres Drittel in den anderen Städten. Fast 80 Prozent der Gesamtbevölkerung konzentrieren sich dabei auf den etwa 500 Kilometer breiten Korridor entlang der US-Grenze.
Nach 1867 war der junge Staat froh um jeden, der mithalf, das Land fruchtbar zu machen. Man warb um Neusiedler, und Millionen von Einwanderern suchten bis zur Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen in den 1950er-Jahren ihr Glück in den Weiten Kanadas. Heute können knapp die Hälfte der Kanadier auf britisch-irische und 14 Prozent auf französische Vorfahren verweisen. Mit knapp zehn Prozent bilden die Deutschen die nächstgrößte Gruppe; etwa vier Prozent sind indianischer Herkunft.
Ein Blackfeet-Chief in Alberta.

Frommes Glas: ein Kirchenfenster in der Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit in Québec City.
Vielfalt im zweitgrößten Land der Welt
Der Name Kanada leitet sich von einem Indianerwort ab. In der Sprache der Irokesen bedeutet »kanata« Dorf oder Siedlung. Dieses Kanada ist allerdings ein ganz besonderes »Dorf«, nämlich das nach Russland flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde.
Vom östlichsten Punkt Cape Spear in Neufundland bis zum westlichsten, Mount St. Elias im Yukon Territory an der Grenze zu Alaska, sind es immerhin 5514 Kilometer. Kein Wunder, dass man bei einer Durchquerung des Landes nicht nur sechs Zeit-, sondern auch sechs geografische Zonen passiert: den kanadischen Schild, der mit 4,7 Millionen Quadratkilometern fast die Hälfte Kanadas zwischen Labrador und den Northwest Territories einnimmt, die arktischen Inseln (8 %), das Tiefland zwischen den Großen Seen und dem St.-Lorenz-Strom (1 %), die Bergwelt der Appalachen (3 %), die Prärie (18 %) sowie die Rocky Mountains (16 %).
Angesichts dieser Größe und Vielfalt eine Auswahl zu treffen, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Da wird man das eine vermissen oder sich darüber wundern, warum eine andere Attraktion ins Buch aufgenommen wurde. Ziel der Auswahl war, dass diese zusammengenommen einen Überblick über dieses vielgesichtige und sehenswerte Land geben und dazu anregen, Kanada selbst zu erkunden.

Im Frühtau zu Berge.

Der Leuchtturm auf Cape Spear, Neufundland.
THE MARITIMES
Raue Schönheiten am Atlantik

Der neuere der beiden Leuchttürme auf Cape Spear.

Der Balancing Rock in St. Mary’s Bay auf Long Island in der Bay of Fundy.

Ein »Wachsoldat« mit garantiert nicht funktionsfähigem Vorderlader in der Festung Louisbourg, Nova Scotia.
ÖSTLICHSTER HAFEN NORDAMERIKAS – ST. JOHN’S
Wo die Sonne in Nordamerika an Land geht

Es ist eine ungewöhnliche Provinz, die in St. John’s verwaltet wird: Die etwa 109 000 Quadratkilometer große Insel Neufundland mit 94 Prozent der rund 500 000 Einwohner und Labrador auf dem Festland, fast dreimal so groß, aber von weniger als 30 000 Menschen besiedelt. Die lebendige, musiksprühende Kapitale ist stolz auf ihren Rang als eine der ältesten Städte Nordamerikas.

Kanadas bunter Osten: Häuser in der Altstadt von St. John’s.
Der Pier an der Kleinbrauerei in Quidi Vidi bei St. John’s birgt auch Läden und ein Restaurant.
Good morning America«, summte der Engländer neben uns an der Reling, als unser Kreuzfahrtschiff nach der Atlantik-Überquerung auf die Hafeneinfahrt von St. John’s zusteuerte. Neufundland, das »neu gefundene Land«, heißt die große Insel, die sich vor einer knappen Stunde aus dem Morgendunst herausgeschält hatte. So ähnlich mögen es 1497 auch John Cabot und seine Leute empfunden haben, als sie nach gefährlicher Fahrt ins Unbekannte die »neu gefundene« Insel erreichten. Der Italiener in englischen Diensten war der erste Europäer, der Schriftliches zu dieser Küste hinterließ. »Good morning America« – nirgendwo passt das besser als hier, in der östlichsten Stadt Nordamerikas, wo die ersten Sonnenstrahlen den Halbkontinent erreichen. Aber auch eine perfekte Lage für Kaufleute, Seeleute und Militärs, insbesondere zu Zeiten, da man noch auf Nussschalen mit Segeln die Ozeane befuhr. Dazu ein Hafen, wie ihn Kapitäne lieben: gerade Einfahrt und dahinter eine große, tiefe und perfekt geschützte Bucht. Die Waren für den bald blühenden Hafen lieferte die Natur frei Haus, an Land das Holz der Wälder, auf See die unerschöpflichen Heringsschwärme, die schon im Mittelalter Europa nicht nur zu Fastenzeiten ernährten.
Wieder Wohlstand dank Öl und Gas
Scheinbar unerschöpflich: Im 20. Jahrhundert schafften es neue Fangtechniken und die Gier einheimischer wie fremder Fischer, die Gewässer leer zu fischen. Neufundlands bedeutendstes Gewerbe starb, der vormals reiche Hafen, der noch im Zweiten Weltkrieg Amerikas wichtigster Versorgungshafen für die britischen Alliierten war, verfiel in Bedeutungslosigkeit. Wären nicht die Regierungsjobs gewesen – St. John’s ist die Hauptstadt der Provinz Neufundland und Labrador –, hätte die Stadt einer trüben Zukunft entgegengesehen. Und wieder sorgte dann das Meer für gediegenen Wohlstand, nun mit Öl- und Gasquellen vor Kanadas Ostküste. Unser weißer Dampfer schob sich durch die nur elf Meter breite Hafeneinfahrt, zur Rechten vorbei am Signal Hill, der heute unser erstes Ziel sein sollte. Wie ein Panorama erstreckte sich die Stadt, überragt von den beiden Türmen der Kathedrale von 1855, die dem Stadtpaten Johannes dem Täufer gewidmet ist, und von dem eigenwilligen Neubau »The Rooms« für die Kunstgalerie und das Provinzmuseum. Als unser schwimmendes transatlantisches Heim langsam an die Pier glitt, konnte man in einige der Straßen blicken und erkennen: Wie in anderen nordischen Ländern lieben auch die »Newfies« bonbonbunte Hausfassaden, ihre »Jelly Bean Houses«.

Blick vom historischen Signal Hill auf St. John’s, die Provinzhauptstadt von Newfoundland and Labrador.

Fans spielen den altenglischen Militäralltag nach.

Das Heimatmuseum »The Rooms«.
Zwischenstopp im Hotel, den Murray Premises direkt an der Uferstraße, ein historisches Lager- und Verarbeitungsgebäude für Fisch, innen mit allen modernen Segnungen versehen. Zu Fuß stramm bergauf zum Signal Hill, in der gut 100 000 Bürger zählenden Kommune ist fast alles »per pedes« zu erreichen. Hier oben entstehen die besten Fotos von Stadt und Hafen. Die Signalmasten wurden einst nicht nur für militärische Zwecke genutzt, sondern auch, um den Schauerleuten im Hafen kundzutun: ein Kauffahrer in Anfahrt auf die Piers. Der Hügel hat zweimal Geschichte geschrieben: 1762 unterlagen hier in der letzten Schlacht des Siebenjährigen Krieges die Franzosen den Briten. Und im Dezember 1901 empfing Guglielmo Marconi hier die erste drahtlose transatlantische Nachricht, die Morsezeichen waren im englischen Cornwall gesendet worden. Der Cabot Tower entstand erst 1897, er birgt heute im Sommer ein kleines Museum, einen Souvenirkiosk und ein Amateurfunkstudio, in dem Funker aus aller Welt ihre Nachrichten senden können. Freiwillige in historischen Uniformen zeigen dann militärische Riten und feuern um zwölf Uhr die »Noon Day Gun« ab.
Kleines Museum für »Titanic«-SOS
Auf dem Rückweg in die Stadt lohnt sich für »Titanic«-Fans ein Stopp im Johnson Geo Centre in der Signal Hill Road 175. Das interaktive Wissenschaftsmuseum birgt eine »Titanic«-Ausstellung, auch das Provinzmuseum widmet sich dem Untergang des »unsinkbaren« Schiffes im Jahr 1912. Bei dem Unglück fast 600 Kilometer südöstlich der Küste von Neufundland kamen mehr als 1500 Menschen ums Leben. Neufundland hat nur eine geringe Verbindung zu der Katastrophe: In St. John’s liefen auch Rettungsschiffe aus, und am Cape Race, etwa 140 Kilometer südöstlich der Hauptstadt, fing eine Morse-Station der Marconi Company das SOS der »Titanic« auf. Dort befindet sich heute ein kleines Museum.
Blick von der Fort Amherst Road über den St. John’s Harbour.
In St. John’s könnte man heutzutage die »Titanic« retten: Im Schiffssimulator des Marine Institute kann man neben anderem auch die Eisfahrt trainieren. Angesichts der zahllosen kleinen und größeren Eisberge, die an Neufundlands Küste entlanggleiten, eine überaus notwendige Schulung. Das Institut gehört zur Memorial University, mit rund 19 000 Studenten die größte Hochschule in den atlantischen Provinzen. Bei dieser Zahl ist es nicht verwunderlich, dass St. John’s für seine Kneipen-, Club- und Musikkultur bekannt ist. Das Epizentrum der Szene ist die nur zwei Blocks lange George Street, eine Fußgängerzone, die an Wochenendnächten voller Menschen ist.
Westlichste Stadt Irlands
Die welterfahrene britische Reisebuchautorin Jan Morris war sichtlich so beeindruckt, dass sie St. John’s als »unterhaltsamste Stadt in Nordamerika« adelte. Wäre die Waliserin Irin, könnte man dieses Lob eher verstehen: Auffallend sind in der George Street nämlich die Irish Pubs. Kein Zufall, denn die Stadt hat einen hohen Anteil an Bürgern irischer Abstammung. Das ist auch der »New York Times« aufgefallen. Sie hat in St. John’s den »stärksten irischen Akzent westlich von Galway« gehört.
Galways transatlantischer Widerpart, St. John’s, rühmt sich zwar zu Recht als Kanadas östlichste Stadt. Aber der Titel »östlichster Ort« gebührt Cape Spear, 12 Kilometer südöstlich der Stadt. Der Name des Kaps verbirgt einen Mini-Querschnitt durch Neufundlands Geschichte: Portugiesische Kabeljaufischer nannten den Ort Cabo da Esperança, Kap der Hoffnung. In Zeiten von Nouvelle-France, den französischen Kolonien in Amerika, wurde der portugiesische Name übersetzt in Cap d’Espoir, nach dem Sieg der Briten verballhornten sie diesen Namen in Cape Spear.
Auf der Landspitze stehen heute zwei Leuchttürme. Der markante von 1836, für den das Turmwärterhaus rings um das Leuchtfeuer gebaut wurde, zählt zu den Bildikonen Ostkanadas. Das älteste erhaltene Signallicht in Neufundland ist heute ein Museum, die Navigationshilfe für den Hafen von St. John’s hat 1955 ein schlanker Betonturm übernommen. Hier geht der Blick weit hinaus auf den Atlantik. Und wer sich umdreht, hat das zweitgrößte Land der Erde vor sich.
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ERLEBNISSE
ZEITZONEN
Die Insel Newfoundland hat eine eigene Zeitzone, genannt Newfoundland Standard Time (NST). Diese gilt auch in einem Teil von Labrador. Ansonsten liegt Labrador, der Festlandsteil der Provinz, wie die drei anderen atlantischen Provinzen New Brunswick, Nova Scotia und Prince Edward Island in der Zeitzone der Atlantic Standard Time (AST).
GOVERNMENT HOUSE
Die koloniale Residenz von 1831 ist der Sitz des Lieutenant-Governor, des Vertreters der Queen in der Provinz, der heute vornehmlich repräsentative Aufgaben hat. Die schönen Parkanlagen sind meist öffentlich zugänglich. Die einst enormen Baukosten waren ein Skandal, London kürzte dem damaligen Gouverneur, Sir Thomas Cochrane, deswegen das Gehalt.
www.govhouse.nl.ca
TEE IN DER KRYPTA
Die neogotische anglikanische Kathedrale St. John the Baptist, 1843 begonnen und eine Touristenattraktion in der Provinzhauptstadt, richtet seit mehr als 20 Jahren im Juli und August in der Krypta eine Teestube ein. An jeweils vier Tagen in der Woche wird in dem Gewölbe an fein gedeckten Tischen auch Selbstgebackenes serviert.
WEITERE INFORMATIONEN
www.discoversaintjohn.com
In Kelly’s Pub auf der George Street.
VON OZEAN ZU OZEAN – TRANS-CANADA HIGHWAY
8030 eindrucksvolle Kilometer durch alle zehn Provinzen

Der Trans-Canada Highway (TCH) ist eine der wenigen Fernstraßen, die endlos lang erscheinen, aber doch nur ein Land durchmessen. Der Trans-Sibirien Highway und der Highway 1 rings um Australien sind seine Vettern. Jedes Jahr machen sich einige hundert Touristen auf diese Reise, meist mit Wohnmobilen. Ein besonderer, aber auch zeitzehrender Urlaub – und auch deshalb ein recht exklusives Erlebnis.
Die Brücke zu Prince Edward Island verbindet die kleinste Provinz mit dem Rest Kanadas.
Am Yellowhead Highway warnt ein Schild vor kreuzenden Wapiti-Hirschen.
Eine Sport- und Veranstaltungshalle in St. John’s, der Hauptstadt von Neufundland und Labrador, nannte sich bei ihrer Eröffnung 2001 clever »Mile One Stadium«. Seither gilt die Adresse 50 New Gower Street als östlicher Startpunkt des Trans-Canada Highway. Die Namensrechte liegen übrigens bei einer Familienstiftung, aber sollte sie sie der Stadt eines Tages entziehen, wäre diese wohl auch clever und suchte sich einen Platz für den sinnvolleren Namen »Mile zero«, wie es die Kollegen am anderen Ende des Highways in Victoria, British Columbia, getan haben.
Aber was ist schon eine Meile bei einer Gesamtlänge von 4990 Meilen? Pardon, von 8030 Kilometern, schließlich hat Kanada in den 1970er-Jahren eine »Metrification« gestartet. Aber auch die Kilometerzahl ist nicht in Marmor gemeißelt, tritt mit verschiedenen Längenmaßen auf, von den 7821 Kilometern, die Google meldet, bis zu den rund 12 800 Straßenkilometern, die das grüne Schild mit dem weißen Ahornblatt ziert. Zu dieser Ziffer summieren sich diverse Parallelstraßen, so teilt sich hinter Winnipeg in Manitoba die Trasse: Die nördliche Route erreicht den Pazifik in Prince Rupert nahe der Grenze zu Alaska, die südliche in Vancouver.
Die Nationalstraße von West nach Ost
Dafür lässt der TCH die größte Stadt des Landes, Toronto, und die größte Touristenattraktion, die Niagarafälle, links, eigentlich: rechts liegen. So kommen dann Orte wie Petawawa oder Mattawa zu Straßenehren. Nie gehört? Muss auch nicht sein. An Halifax, der Hauptstadt von Nova Scotia, gleitet das transkontinentale Asphaltband ebenfalls ignorant vorbei. Aber sonst reiht die in jeder Richtung mindestens zweispurige Fernstraße fast alles auf, was in den Provinzen einen Namen oder touristischen Rang hat oder ermöglicht zumindest kurze Abstecher dorthin. Neufundland ist eine Insel ohne Brücke zum Festland, folglich mutiert die Ahornblatt-Straße in Port aux Basques zum schwimmenden Highway, bis das Fährschiff der Marine Atlantic 178 Kilometer und sechs bis acht Stunden später in North Sydney, Nova Scotia anlegt. Auch am anderen Ende der Straße sind Autofahrer noch einmal auf Fähren angewiesen, um in British Columbia nach Victoria auf Vancouver Island oder weiter nördlich von Prince Rupert nach Skidegate auf Graham Island im Haida-Gwaii-Archipel zu gelangen. Eine Route getreu dem kanadischen Staatsmotto »A Mari Usque Ad Mare«, was übersetzt aus dem lateinischen Psalm 72,8 bedeutet: »Von Ozean zu Ozean«.
Dazwischen durchläuft das nationale Asphaltband, nun immer zu Lande, nach Nova Scotia die Provinzen New Brunswick nebst der benachbarten Insel Prince Edward Island. Die mit Abstand kleinste Provinz ist erst seit 1997 über die knapp 13 Kilometer lange Confederation Bridge mit dem Festland verbunden. Weiter westlich folgen die beiden Schwergewichte unter den kanadischen Provinzen: Québec und Ontario, ehe es in die Prärieprovinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberta geht. Albertas Westen liegt aber bereits in den Rocky Mountains, die sich in British Columbia fortsetzen und vor der Pazifikküste durch die Kette der Coast Mountains sehr passend ergänzt werden. Die Bergpassagen des Trans-Canada Highway sind die attraktivsten Streckenabschnitte, entsprechend viele Touristen genießen hier zuckelnd die alpinen Panoramen – das natürlich nicht unbedingt zur Freude der Trucker, die ihre Frachtmonster möglichst schnell über die Pässe und durch die Täler treiben wollen.

Unter Wohnmobil-Urlaubern ist der TCH, hier beim Castle Mountain in Alberta, sehr geschätzt.

Biker am Bonavista-Leuchtturm.

Trucks sind ständige Begleiter auf dem TCH.
Der Nationalheld auf dem Highway
Als die Politiker in Ottawa 1949 das Trans-Canada-Highway-Gesetz verabschiedeten und 1950 die Bauarbeiten begannen, spielte der Tourismus noch keine große Rolle. Wichtig war ein sicherer und einigermaßen schneller Transportweg, der auch im Winter passierbar gehalten wurde. Relativ schnell, schon 1962, wurde der Highway offiziell eröffnet. Das war möglich, weil bereits bestehende Straßen genutzt werden konnten und weil die Baumaßnahmen noch liefen. Sie wurden erst 1971 abgeschlossen. Der TCH war von Beginn an als System von Straßen geplant, deshalb trägt er nicht überall die Nummer 1. Hier reihen sich diverse Provinz- und sonstige Nummerierungen aneinander. Teilweise tragen Streckenabschnitte auch Zusatznamen.
Die Hochseefähre zwischen Neufundland und Nova Scotia ist Teil des Highways.
Zwei ehren den bekanntesten Nutzer der Straße – einen Fußgänger. Nein, einen Marathonläufer. Dem sportlichen Terry Fox war als 19-Jährigem wegen Knochenkrebs ein Bein abgenommen worden. Fox beschloss daraufhin, mit seiner Beinprothese den Trans-Canada Highway abzulaufen, um damit Spenden für Krebsopfer zu sammeln. Jeden Tag wollte er bei seinem »Marathon der Hoffnung« 42 Kilometer zurücklegen. Er begann in St. John’s, Neufundland, und hatte anfangs kaum Resonanz. Nachdem aber immer mehr Medien über ihn berichteten, kamen die Menschen an die Strecke, und die Spendeneinnahmen stiegen. Fox wurde ein Nationalheld. Aber am 1. September 1980, nach 143 Tagen und 5373 Kilometern, musste er bei Thunder Bay in Ontario aufgeben. Metastasen seines Krebses hatten die Lunge erreicht. Im Juni 1981 starb er 22-jährig. Ein Denkmal erinnert an der Stelle, an der er seinen Lauf abbrach, an ihn. Dort heißt die Straße auf 83 Kilometern »Terry Fox Courage Highway«. 2014 beschloss die Regierung von Manitoba, auch einem Abschnitt der Straße nach dem in Winnipeg geborenen Mann zu nennen, den »Terry Fox Memorial Highway«. Die Fox-Stiftung arbeitet weiterhin erfolgreich, und alljährlich finden in Kanada und anderen Ländern Gedächtnisläufe zugunsten Krebskranker statt.
Trotz Neil Young & Co noch kein Mythos
Andere prominente Namen, die mit dem TCH verbunden sind, haben ihn – zumindest in Nebensätzen – musikalisch verewigt: die Sänger Neil Young, Manfred Mann und Gene Pitney. Der Südafrikaner Mann und der Amerikaner Pitney nahmen einen Song mit dem Titel »Trans-Canada Highway« auf, Pitney landete damit sogar einen Hit. Young, geboren in Toronto und somit abseits der berühmten Piste, begann seinen Song »Bound for Glory« mit der Zeile »Out on the Trans-Canada Highway«. Literarisch hat diese fast endlose Straße bislang keine tiefen Spuren hinterlassen. Das große kanadische Highway-Epos steht jedenfalls noch aus. Fast jedermann in Kanada kennt zwar den Trans-Canada Highway, aber ein Mythos wie andere große Straßen ist er nicht.
Dennoch die Frage an Dennis, der uns auf der Fährte nach dem innerstädtischen TCH durch sein Vancouver kutschierte: Ist er die kanadische Variante der ungleich bekannteren »Route 66« in den USA? Er winkt ab: »Die Route 66 reicht ja gar nicht von Meer zu Meer. Und außerdem gibt es nur noch ein paar Kilometer von ihr. Sie ist Geschichte. Der Trans-Canada Highway ist die Zukunft!« Es kann doch noch etwas werden mit dem Mythos.
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ERLEBNISSE
IMPORTIERTE ELCHE
Der Stolz von Deer Lake am Trans Canada Highway ist eine überlebensgroße Plastik eines Moose, ein sicherer Selfie-Stopp. Nun mangelt es Kanada nicht an Denkmälern der nordamerikanischen Elche. Aber dieses hier hat einen Grund: Auf Newfoundland gab es die Tiere mit den Schaufelgeweihen nicht – bis 1904 vier Exemplare eingeführt wuden. Jetzt streifen etwa 150 000 Elche über die Insel.
ZWEIMAL NEWFIES
»Newfies« war ein nicht immer freundlicher Spitzname für die Neufundländer. In Kanada kursierten einst dumme Newfie-Jokes, ähnlich den Ostfriesenwitzen in Deutschland. Anderen Newfies war allerseits stets Sympathie sicher – den großen, meist schwarzen Neufundländer-Hunden. Sie gelten als friedfertig, selbst umzingelt von nervigen Kindern.
JAMES COOK WAS HERE
Er blickt oberhalb von Corner Brook weit über Küste und See, seine schmucke Statue hat er verdient: James Cook hat 1767 als Erster Neufundlands Westküste kartografiert. Die »National Historic Site« auf dem Crow Hill zeigt einige dieser Karten. Überdies bietet sich hier ein prächtiger Blick über die Bay of Islands.
WEITERE INFORMATIONEN
http://transcanadahighway.com
Auf Nebenstraßen kann man in Ontario auf Amische und ihre Pferdewagen treffen.
Tankstopp für die Beatles – Gander
»Drehscheibe der Welt«

Wie kamen Fidel Castro und Liz Taylor – nicht zusammen – in eine Kleinstadt in Newfoundland? Wie kam ein nagelneuer Lufthansa-Airbus zu dem Namen Gander? Der Grund für beides ist der 1938 eröffnete Flughafen, der kurz darauf vier Runways intensiv nutzte und damals der größte zivile Airport der Welt war. 2001 machte »Gander International« noch einmal Schlagzeilen in der Luftfahrtgeschichte.

Eines der Denkmäler, die an Ganders Luftfahrt-Historie erinnern.
Als die Arbeiter 1936 auf dem alten Bahngelände von Gander bei St. John’s anrückten, hatten sie einen Auftrag: »Baut den größten Flughafen der Welt!« Hier war nämlich die erste Möglichkeit, jenseits des Atlantiks niederzugehen und die fast leeren Tanks zum Weiterflug aufzufüllen. Die Prognose war richtig, nach 1945 entwickelte sich der transatlantische Luftverkehr trotz der schwachbrüstigen Propellermaschinen gewaltig. Bald wurde Gander »Crossroads of the World« genannt, frei übersetzt »Drehscheibe der Welt«. Der Titel war berechtigt, zumindest für die atlantische Welt. Gander gehörte schnell zu den verkehrsreichsten Flughäfen, wobei dieser Ansturm nur bis in die 1960er-Jahre anhielt. Die kleine Stadt erlebte die Weltstars jener Tage, von Elizabeth Taylor und Frank Sinatra bis zu Jackie Kennedy und Fidel Castro. Auch die Beatles zeigten sich beim Tankstopp in Neufundland. Das schnell wachsende Gander nannte seine Straßen nach berühmten Fliegerinnen und Fliegern.
»Hollywood-Epoche« im Inlandsterminal
Die Glanzzeiten gingen zu Ende, als neue Flugzeuge – vor allem mit dem Beginn des Jet-Zeitalters – immer größere Reichweiten hatten und über Gander hinweg die nordamerikanischen Metropolen direkt erreichen konnten. Gander verstand es aber, mit Reparaturwerften und technischem Service für die Luftfahrt weiterhin wichtig zu bleiben. An die »Hollywood-Epoche«, wie sie ein amerikanischer Fliegerveteran bei einem Nostalgie-Urlaub im Nordosten nannte, erinnern heute die Ausstellung »Atlantic Wings« im Inlandsterminal des Flughafens und vor allem das North Atlantic Aviation Museum am Trans-Canada Highway. Neben einigen Flugzeugen aus den 1930er- bis 1950er-Jahren besitzt die Sammlung auch eine mehr als 80 Jahre alte DC-3, die an der Rückwand des Museums zersägt befestigt wurde: Der hintere Teil ragt in die Halle, die Pilotenkanzel scheint die Wand nach außen durchdrungen zu haben. Von der Innenseite kann man ins Cockpit gelangen und hat von dort aus einen Blick über den Lake Gander, der dem Flughafen einst den Namen gab.
Das Museum widmet sich natürlich auch der größten Katastrophe in der kanadischen Luftfahrt: Kurz vor Weihnachten 1985 war eine aus Köln gekommene DC-8 der Arrow Air beim Start zum Weiterflug abgestürzt und ausgebrannt. Alle acht Piloten und Flugbegleiter sowie alle 256 Passagiere, amerikanische Soldaten, die von einer Friedensmission auf dem Sinai zurückkehrten, kamen dabei zu Tode. Ein Denkmal am Trans-Canada Highway ist den Opfern des Unglücks gewidmet.
Ganders generöse Gastfreundschaft
»Operation Yellow Ribbon« (Aktion Gelbes Band) lief unmittelbar nach den Terrorangriffen des 11. September 2001 an. Da der Luftraum über den USA und die Airports von Toronto, Montréal und Ottawa sofort gesperrt wurden, mussten die bereits anfliegenden Jets auf kanadische Flughäfen umgeleitet werden. Am Atlantik nahmen Halifax in Nova Scotia und Gander die meisten Maschinen auf. In Gander parkten schließlich 38 große Langstreckenjets, und in der 10000-Einwohner-Stadt benötigten rund 6656 Passagiere und Crews eine Unterkunft. Viele fanden sie bei hilfreichen Privatleuten. Gander wurde damals über Nacht weltweit bekannt für seine generöse Gastfreundschaft. Auch andere Orte gewannen in diesen Tagen viel Sympathie, Halifax etwa. Die Lufthansa, die mit sieben Flugzeugen und rund 1500 Passagieren betroffen war, taufte 2002 als Zeichen des Dankes einen Airbus A 340 auf den Doppelnamen Gander/Halifax. Eine Ausnahme, denn LH-Passagierjets wurden und werden ausschließlich nach deutschen Städten und Bundesländern benannt.
Auch für Flugboote war der transatlantische Airport Gander auf Neufundland ein wichtiges Ziel.
Twillingate liegt direkt an der »Iceberg Alley«.
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ERLEBNISSE
DIE HAUPTSTADT DER EISBERGE
Twillingate, 100 Kilometer nördlich von Gander gelegen, rühmt sich als »Iceberg Capital of the World«, sein Leuchtturm am Long Point (1876) gilt als einer der besten Orte in Newfoundland, um die vorbeigleitenden Eisberge zu bestaunen. Es sind zwar nur Reste der weißen Riesen aus Grönland, aber selbst sie erreichen oft Titanic-Format. Ihre Größe erkennt man erst, wenn man mit Ausflugsbooten hinausfährt. Iceberg Season ist im Mai und Juni. An Bord gibt es Drinks auf Eisberg-Eis, das beim Schmelzen knisternd Jahrhunderte alte Gasperlen freisetzt.
www.visittwillingate.com
SPRACHKENNTNISSE FÜR DIE ICEBERG ALLEY
Wenn der Käpt’n über die »Eisbergallee« tuckert und von den Eigenheiten der driftenden weißen Pracht erzählt, benutzt er auch den »Iceberg Lingo«, die Sprache der Einheimischen, bei dem Schulenglisch an seine Grenzen kommt. Beispiele? »Bergy Bit«, ein »bisschen Eisberg«, das groß wie ein Haus sein kann – über Wasser. Ein »Tip« ist das, was aus dem Atlantik ragt. 90 Prozent bleiben unter Wasser. Die Buckelwale – hier gibt es wohl mehr als sonst irgendwo in Nordamerika – tauchen unter den gefrorenen Monstern hinweg.
WEITERE INFORMATIONEN
www.gandercanada.com
DIE ENTDECKUNG AMERIKAS – L’ANSE AUX MEADOWS
Nordmänner waren die ersten Europäer in Amerika

Neufundland ist Weinland. Nein, nicht wegen der »Winery«, die im Inselinneren mehr als 45 Rebsorten getestet hat, und nun mit einigen Sorten die harschen Winterwochen überlebt. Wissenschaftler sind überwiegend der Ansicht, dass die Insel das »Vinland« isländischer Sagas ist und die über tausend Jahre alten Siedlungsrelikte von L’Anse aux Meadows belegten: Die Wikinger waren hier.

Der Fels war schon steinalt, als die Wikinger um 1000 hier eintrafen.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben? Nicht immer, Gospodin Gorbatschow. Christoph Columbus ist das beste Gegenbeispiel. Der Genueser in Diensten der spanischen Krone kam sogar ein halbes Jahrtausend zu spät, und dennoch gilt er weithin als der »Entdecker« Amerikas. Dieser Titel gebührt jedoch nach heutigem Stand der Wissenschaft den Nordmännern, vulgo: Wikingern. Das belegen die Reste einer Siedlung an der Nordspitze von Newfoundland, genannt L’Anse aux Meadows. Um das Jahr 1000 ist sie entstanden, hatte aber, so vermuten die Archäologen, nur wenige Jahre Bestand.
Gründer der wohl ersten europäischen Niederlassung auf amerikanischem Boden könnte der isländische Entdecker Leif Eriksson gewesen sein, wenn man den – im 13. Jahrhundert entstandenen – »Vinland Sagas« über neu entdeckte Gebiete wie Helluland, Markland und Vinland folgt. Leif war ein Sohn von Erik dem Roten, der von Island aus Grönland entdeckte und dort die erste europäische Siedlung anlegte. Wo die drei in den Sagas genannten Regionen lagen, ist bislang nicht genau zu ermitteln. Helluland könnte auf Baffin Island liegen, Markland an der Küste von Labrador und viel spricht aus wissenschaftlicher Sicht dafür, dass Vinland und L’Anse aux Meadows identisch sind.
In einer nachgebauten Hütte arbeitet eine Frau wie einst die Wikingerinnen.
Tyrkir der Deutsche findet die Trauben
Vinland? Wein im Norden von Neufundland? Ja, wilder Wein. Um diese Jahrtausendwende herrschte dort vermutlich ein wärmeres Klima als heute, wie auch der Name Grönland, also Grünland, vermuten lässt. Ein Mann aus Leifs etwa 30-köpfiger Mannschaft, »Tyrkir der Deutsche«, soll die Trauben im Wald entdeckt haben. Als Leifs Expedition nach Grönland zurückkehrte, berichtete sie von dem fruchtbaren Vinland. Die Grönländer kamen dann mit mehreren Schiffen, Männern und einige Frauen zurück. Unklar ist, wann und bei welcher dieser Reisen die Siedlung entstand, die 1978 von der UNESCO zu einer der ersten Weltkulturerbe-Stätten ernannt wurde. Die Nordmänner gaben L’Anse aux Meadows nach wenigen Jahren wieder auf, obwohl das Holz der neufundländischen Wälder in Grönland ein begehrtes Gut war. Die Experten vermuten, die Wikinger gaben auf, weil sie den feindlich gesinnten Skraelingern, den Ureinwohnern, zahlenmäßig deutlich unterlegen waren. Danach geriet der Vorposten in Amerika in Vergessenheit – bis 1960 das norwegische Forscherpaar Anne Stine und Helge Ingstad die Erdhügel entdeckte, und unter ihnen die Reste der Siedlung. Insgesamt standen, wie die erhaltenen Fundamente zeigen, hier elf Gebäude und eine Schmiede. Die staatliche Nationalparkorganisation Parks Canada übernahm die Stätte und die weiteren Ausgrabungen, sie rekonstruierte auch zwei der typischen Langhäuser aus Grassoden. Überdies entstand ein Besucherzentrum. Im Sommer gibt es verschiedene Veranstaltungen, bei denen man die Alltagskultur der Wikinger nacherleben kann.
Übung im Kampfaxtschleudern
Etwa zwei Kilometer entfernt von L’Anse aux Meadows entstand Norstead, der Nachbau eines Handelshafens zu Wikingerzeiten. Hier können die Besucher traditionelle Fertigkeiten der Wikinger vom Kampfaxtschleudern bis zur Töpferei, dem Spinnen von Schafwolle und dem Garnfärben mit selbst gemachten Pflanzenfarben erproben. Wer mag, lässt sich altnordisch die Zukunft weissagen.
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ERLEBNISSE
EIN BABY ALS BOOTSPATE
Im Hafen in Norstead gibt es an Land den Nachbau eines Wikinger-Handelsschiffes namens »Snorri«. Der Namenspate ist Snorri Thorfinnsson, geboren zwischen 1005 und 1013 in Newfoundland – das wohl erste europäische Kind, das in Amerika zur Welt kam. Die Familie kehrte später zurück nach Island, wo Snorri die Christianisierung der Insel betrieb.
BÄREN UND FLEISCHFRESSENDE PFLANZEN
Am Fuß der Halbinsel, auf der L’Anse aux Meadows liegt, breitet sich der Gros Morne National Park aus, ein Weltkulturerbe, das Geologen anzieht. Hier lässt sich die Plattentektonik der Erde gut studieren. Tausende Touristen kommen aber eher wegen der Schönheit des Parks, seiner Bären und fleischfressenden Pflanzen. Ein beliebtes Ziel für Bootstouren sind die, pardon, Pissing Mare Falls – 305 Meter hoch.
UNI-INSTITUT FÜR MEERESFORSCHUNG
Die Bonne Bay Marine Station im Gros Morne National Park, ein Institut der University of Newfoundland, ist teilweise für Touristen geöffnet, etwa die Aquarien mit der subarktischen Fauna und Flora. Die Wissenschaftler führen auch durch ihre Sammlung.
WEITERE INFORMATIONEN
www.pc.gc.ca
Auch Neufundland ist Bärenland.

Die nachgebauten Wikingerhütten in L’Anse aux Meadows geben nach Meinung der Archäologen einen guten Eindruck davon, wie die älteste bekannte europäische Siedlung in Amerika vor rund tausend Jahren aussah.
THEMA
AUS »INDIANERHÜGELN« WURDEN WIKINGER-RELIKTE
Die Nordmänner-Siedlung der wahren Amerika-Entdecker
Eine Landkarte, die das Royal Ontario Museum in Toronto veröffentlicht hat, zeigt die Route, auf der die Wikinger ein halbes Jahrtausend vor Kolumbus das heutige Kanada erkundeten. Demnach segelten die Nordmänner nicht nur, wie mittlerweile bekannt, nach Neufundland, sondern auch weit hoch nach Baffin Island. Auch dort entdeckten Archäologen Objekte, die auf Wikinger-Visiten schließen lassen. Noch fehlt dort die letzte Gewissheit, die Neufundland bietet und die in L’Anse aux Meadows sehr anschaulich aufgearbeitet wurde, denn ein beliebtes Thema sind die Krieger und Händler von jenseits des Atlantiks in Kanada allemal.
Kirche in L’Anse aux Meadows: Die Wikinger waren wohl schon Christen.
So stößt man heute in Kanada hin und wieder auf den hübschen Vornamen Snorri, meist im Umfeld skandinavischer Einwanderer. Und dabei könnte Snorri mit gutem Recht ein »all-american name« sein, denn so hieß höchstwahrscheinlich das erste nicht-indianische Kind, das auf amerikanischem Boden geboren wurde. Der Name bedeutet, passend für einen Wikinger, »Angriff« oder »Kampf«. Snorri war einer nordischen Saga zufolge der Sohn von Gudrun, die mit den Nordmännern um das Jahr 1000 nach L’Anse aux Meadows an der Nordspitze der Insel Neufundland kam: Die »Entdeckung Amerikas« fand also mehr als ein halbes Jahrtausend vor Christoph Kolumbus (um 1461 bis 1515) statt.
Sagas sind keine Wikinger-Folklore
Der norwegische Forscher Helge Ingstad und seine Frau Anne, eine Archäologin, wollten Mitte des 20. Jahrhunderts nicht ausschließen, dass die isländischen Sagas, die über ein fernes neues Land jenseits des Ozeans berichteten, zumindest einen wahren Kern haben. Andere Wissenschaftler jener Tage hielten die Wikinger-Berichte für Folklore, da sich für sie auf nordamerikanischem Boden nie einen Beleg für diese frühen Fahrten nach Amerika hatte finden lassen. Bis zu einem Tag im Sommer 1960, als die Ingstads mit ihrem Schiff in die Bucht von L’Anse aux Meadows einliefen.
Die ersten Baumeister Amerikas: Rekonstruiertes Wikinger-Langhaus in L’Anse aux Meadows
Silhouetten der ankommenden Nordmänner in L‘Anse aux Meadows
Dort konnte ihnen der Fischer George Decker zwar keine Hinweise auf die Wikinger geben, aber er zeigte ihnen am Ortsrand grasüberwachsene »Indianerhügel«. Für das Ehepaar Ingstad bestätigte sich bald die Vermutung, auf das lange gesuchte Bindeglied zwischen der Alten und der Neuen Welt gestoßen zu sein. Sie begannen mit anderen Archäologen ihre Ausgrabungen in Neufundland. Hervor kam eine kleine, tausend Jahre alte Wikingersiedlung, wohl der Geburtsort des kleinen Snorri. Von den Wänden der Hütten aus Erd- und Grasblöcken blieb zwar nichts, aber die Grundrisse waren klar erkennbar. L’Anse aux Meadows gibt heute mit seinen Rekonstruktionen und seinem Besucherzentrum einen guten Eindruck davon, wie die ersten Europäer in Amerika lebten. Das war Grund genug für die UNESCO, den Küstenfleck 1978 zur Welterbestätte zu machen.
»Weinland« war der erste Name für die Neue Welt
Irritationen gab es anfangs noch wegen der Tatsache, dass die Sagas von »Vinland« berichteten. War es damals in der subarktischen Region so warm, dass dort wilder Wein wuchs? Schließlich bezeichneten die Wikinger Grönland ja auch als »grünes Land«. In L’Anse aux Meadows fanden sich verrottete Rebenreste. Offenkundig nutzten die Nordmänner ihre Siedlung als Basis für Fahrten entlang der Küste nach Süden und hatten dort wohl wilde Reben gefunden – Vinland galt als Name für die ganze Region bis hinunter in die heutigen USA, nach New England. Schon um 1075 berichtete der Chronist Adam von Bremen von der Vinland-Entdeckung. Spätere Wikinger-Sagas griffen das Thema auf. Heutzutage leben die Sagas in L’Anse aux Meadows fort, zumindest in der Sommersaison, wenn den Besuchern dort »living history« geboten wird. Dazu kostümieren sich sachkundige Mitarbeiter nach Art der Wikinger, üben altes Handwerk wie das Weben oder Schmieden aus und bieten einigen Gästen auch an, selbst einmal Hand anzulegen. Und abends treffen sich Interessierte in der Küche der rekonstruierten Anlage, um beim Feuer nordische Sagas zu hören. Diese hatten viele Themen, ein spezieller Bereich waren die Island-Sagas, die unter anderem Berichte über die Expeditionen von Island nach Grönland und weiter in den Westen enthielten. Alle Sagas basieren auf mündlicher Überlieferung. Aufgeschrieben wurden sie erst zwei bis drei Jahrhunderte später, womit heutige Forscher manche Unstimmigkeiten in den Texten in altnordischer Sprache erklären.
Kostümierte Museumsleute zeigen, wie man vor tausend Jahren im Langhaus lebte.
DER REST VON NOUVELLE-FRANCE – SAINT-PIERRE ET MIQUELON
Kabeljau und Schmuggelschnaps

»La Grande Nation« ist auf 242 Quadratkilometer geschrumpft, zumindest in Nordamerika. Von der Kolonie Nouvelle-France, die von den Rändern der Arktis bis zum Golf von Mexiko reichte, blieb ein Mini-Archipel an der Mündung des St. Lawrence River mit zwei Hauptinseln, auf denen heute gut 6000 Menschen leben. Ihr Metier, der Kabeljaufang, ist Geschichte. Nun sorgen Touristen für Arbeitsplätze.

Der Hafen von Saint-Pierre ist das Zentrum des europäischen Außenpostens in Kanada.
La tricolore – bleu, blanc, rouge« weht über Saint-Pierre et Miquelon, einem kleinen Stück Frankreich in Nordamerika und somit Euroland, rund 20 Kilometer vor der Küste von Neufundland. »Où la France rencontre l’Amérique« (Wo Frankreich Amerika trifft), lautet der touristische Werbespruch von St. Peter und Michael, wie der französisch-baskische Name des Überseeterritoriums übersetzt lautet. Die Insulaner verheißen die besten Croissants Nordamerikas und überraschen mit vielen Patisserien. Wer indes die Wonnen der »Cuisine française« erwartet, wird wohl oft enttäuscht die Gabel beiseitelegen. Patriotismus und Küchenkunst sind nicht automatisch Zwillinge.
Was macht die windumtosten Inseln attraktiv? Früher waren es die scheinbar unermesslichen Fischbestände der nahen Great Banks. Heute ist es für Touristen das Exotisch-Andere; bezahlt wird mit Euro, die Autos sind von Peugeot & Co, die Kfz-Kennzeichen wie im Mutterland. Und für Paris sind es Prestigefelsen, die der Staatskasse jährlich Millionen Euro wert sind. Landschaftlich und klimatisch sind die Inseln von begrenztem Reiz, schon Captain Cook berichtete vom Nebel der Region – die beste Besuchszeit ist Juli und August.
Von elftausend Jungfrauen zu St. Peter
All das hört sich nicht sehr einladend an. Aber der Eindruck täuscht. Die kleinen Landflecken in der größten Flussmündung der Welt, dem Gulf of Saint Lawrence, haben viel Historie auf dem Buckel: 1520 taufte der bibel- und kalenderfeste Portugiese João Alvarez Faguendes die Inseln auf den Namen Elftausend Jungfrauen (St.-Ursula-Sage), für den Namen Saint-Pierre sorgte 1536 der Franzose Jacques Cartier. Im 18. und 19. Jahrhundert wechselte die Herrschaft mehrmals zwischen Briten und Franzosen, Letztere erhielten die Inseln 1814 im Vertrag von Paris zugesprochen.
Neben der Fischerei war der Schmuggel dank der Lage zwischen Kanada und den USA immer ein geschätzter Nebenerwerb, aber als sich die Amerikaner 1919 ihre Prohibition verordneten, erlebten die transatlantischen Franzosen einen satten Boom. Ein kurzlebiges Glück, denn 1933 hob Präsident Roosevelt das Gesetz wieder auf. Dies stürzte die Inseln in eine tiefe Depression. Heute geleitet eine Touristenführung in Saint-Pierre zu den Stätten der Schmuggler, es gibt sogar ein kleines Schmuggelmuseum.
Auch das Musée Héritage widmet sich den Tagen der »Rum Runners«, während das bekannteste Exponat des Musée de l’Arche die einzige echte Guillotine Nordamerikas ist. Ob es gerade diese war, die 1889 zur einzigen Enthauptung benutzt wurde, ist aber umstritten. Damals wurde ein Mörder hingerichtet, und man schaffte eigens ein Fallbeil aus Haiti herbei. Diese Néel-Affäre war Vorlage für den Spielfilm »Die Witwe von Saint-Pierre«. Sehenswert ist auch die im baskischen Stil erbaute Kathedrale mit einer Empore und Glasfenstern, die ein Geschenk von Charles de Gaulle sind. Der Leuchtturm an der Pointe aux Canons, an der Hafeneinfahrt, ist das Wahrzeichen der Inseln.
Das Ende der Hamburger »Poseidon«
Lohnenswert sind Ausflüge auf die Inseln Miquelon und Île aux Marins. Miquelon ist mit seiner Nachbarinsel Langlade über eine lang gezogene Düne verbunden. Vor der nur im Sommer bewohnten Île aux Marins rosten die Reste der »Transpacific« vor sich hin, eines der rund 6000 Wracks in der Region. Der Fracht- und Passagierdampfer der Hamburger Reederei »Poseidon« lief dort 1971 auf Grund. Das Museum besitzt neben Relikten des Schiffes auch einen alten Schulraum. An der Tafel steht, selbstverständlich in schönster Schreibschrift: »Vive la France!«
Das Wahrzeichen von Saint-Pierre et Miquelon bildet der Leuchtturm am Pointe aux Canons.
Die Inseln sind stets von zahllosen Seevögeln umschwirrt.
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ERLEBNISSE
ZUM MITNEHMEN: DIE »GROSSE HERMINE«
Ein schmuckes Souvenir ist die Inselflagge. Sie zeigt untereinander die baskische, bretonische und normannische Fahne und auf den restlichen drei Vierteln eine Zeichnung der »Grand Hermine«, des Schiffes von Jacques Cartier auf seiner Reise von 1536. Von ihm stammt die älteste schriftliche Erwähnung von Saint-Pierre. Aus dem Baskenland, der Bretagne und der Normandie kamen die ersten Siedler auf der Inselgruppe.
PELOTA
Baskische Fischer kannten Ostkanadas Küste seit 1525, später siedelten viele Basken auf Saint-Pierre und Miquelon. Dort pflegen sie bis heute ihre Baskenmützen und Traditionen, besonders beim alljährlichen sommerlichen Basque Festival. Höhepunkte sind das Ballspiel Pelota und harrijasotzaile, das Steinheben.
BON VOYAGE!
Respekt: 6000 Insulaner mit einer eigenen Fluglinie. Und einem internationalen Flughafen auf Saint-Pierre. Von dort fliegt Air Saint-Pierre ins benachbarte Newfoundland und in die Provinz Québec, aber auch nach Miquelon (15 Minuten). Und selbstverständlich nach Paris. Über Montreal. Von dort übernimmt Air France die Passagiere für den »Rest« der Strecke.
WEITERE INFORMATIONEN
www.st-pierre-et-miquelon.com
HUNDERTTAUSEND MAL WILLKOMMEN! – CAPE BRETON ISLAND
Malerische Insel zwischen Land und Meer

Noch liegt das Salz der Brandung in der Luft, dann taucht die Straße plötzlich in den dichten Wald ein, und man hat das Gefühl, hoch über dem Atlantik zu schweben. Der sogenannte Cabot Trail folgt der zerklüfteten, rauen Küste des wildromantischen Nordteils von Cape Breton Island auf atemberaubende Weise und zählt zu den schönsten Routen in den Maritimes.
Die Cape-Breton-Insel ist wegen ihrer Küstenszenerie beliebt bei Wanderern, doch die meisten kommen mit dem Auto.
Die in den Fels gefräste Straße ist außerhalb der Saison leer.
Ciad mile failte! – Hunderttausend Mal willkommen! Mit diesem gälischen Gruß empfängt man auf Cape Breton Island Besucher. Auch wenn die Insel durch eine Brücke mit dem Festland, der Provinz Nova Scotia, verbunden ist, scheint gerade hier das keltische Erbe besonders lebendig zu sein. Gelegentlich vernimmt man sogar den Klang von Dudelsäcken, und in den kleinen Fischerdörfern gehören zum Trocknen ausgelegte Fischernetze zum Bild. Das Meer war schon immer der alles bestimmende Faktor in Nova Scotia – kein Wunder bei über 7400 Kilometern zerklüfteter, wildromantischer Granitküste!
Die Scenic Route (Hwy. 19) im Norden von Cape Breton Islands erinnert an den legendären Seefahrer John Cabot (1450 bis 1499). Geboren in Italien als Giovanni Caboto war er einer der ersten Europäer, die 1497 auf dem nordamerikanischen Kontinent gelandet waren. In Diensten der britischen Krone erkundete und kartierte er die Küste zwischen dem heutigen Nova Scotia und Neufundland. 1499 machte sich Cabot erneut von Bristol auf den Weg nach Kanada, doch von dieser Reise sollte er nie mehr zurückkehren.
So blieben die hier lebenden Mi’kmaq-Indianer und einige portugiesische Fischer, die zwischen 1522 und 1570 ein Dorf bildeten, lange Zeit unter sich, bis die Franzosen auch hier erste Siedlungen gründeten. 1629 entstand Fort Sainte Anne als erster bedeutender französischer Posten, 1719 wurde die mächtige Fortress of Louisbourg errichtet, die als wichtigster Seehafen und Militärstützpunkt der Franzosen in Nordamerika diente. 1759 von den Briten zerstört, wurde die Festung 1961 als Freiluftmuseum wieder aufgebaut.
Neue Heimat der Schotten
Vielleicht waren es die sanften Hügel im Süden und das karge Hochland im Norden der Insel, das abrupt ins Meer abfällt, was vor allem schottische Siedler anlockte. Schließlich erinnerte diese Landschaft sie an ihre Heimat. Nachdem auch Cape Breton Island 1763 an die Briten fiel, siedelten sich mehr und mehr Schotten und Iren hier an. Sie stellen noch heute die Bevölkerungsmehrheit auf der etwa 1000 Quadratkilometer großen Insel. Der für Besucher interessante Teil liegt im Norden, wo sich auch der Cape Breton Highlands National Park ausbreitet.
Über fast 300 Kilometer schlägt der Cabot Trail einen großen Bogen um den Nordteil von Cape Breton Island. Vom größten Ort Sydney folgt er zunächst im Osten der Atlantikküste, bevor er im Norden den 950 Quadratkilometer großen Highlands National Park passiert. Die Route knickt dann nach Westen um, zum St.-Lorenz-Golf – und auch dieser Küstenabschnitt ist malerisch. Es geht vorbei an kleinen Fischerdörfern wie Chéticamp oder Belle Côte, in denen noch heute Französisch gesprochen wird.
Schließlich führt der Cabot Trail bei Margaree Harbour zurück ins Landesinnere; die Straße folgt dem gleichnamigen Fluss zum Bras d’Or Lake und dem dort liegenden kleinen Ferienort Baddeck.
Besuch bei Mister Bell
Hier lebte zwischen 1893 und 1922 Alexander Graham Bell, der unter anderem am 14. Februar 1876 das Telefon patentieren ließ. Über Bell und seine Erfindungen erfährt man mehr in der hier gelegenen Alexander Graham Bell National Historic Site. In anderen Ortschaften entlang dem Cabot Trail bekommt man Informationen über die ethnische Herkunft der Bewohner. So ist St. Ann’s Heimat des Gaelic College of Celtic Arts and Crafts, der einzigen keltischen Hochschule Nordamerikas. In Chéticamp dagegen lebt bis heute das französische Element in Sprache und Musik weiter, besonders während des Festival de l’Escaouette Ende Juli. Über die Geschichte der Region und ihrer Siedler informiert das North Highlands Community Museum in Cape North, der nördlichsten Gemeinde am Trail.
Auf Anhöhen öffnen sich weite Blicke.

In den Zentren lebt schottische Tradition.
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IM ZEICHEN DER KELTEN
Dudelsäcke und Schottenröcke, Highland Games und Fiddler, Square Dance und Bier – während des Celtic Colours International Festival auf Cape Breton Island steht in der ersten Oktoberhälfte alles im Zeichen der Kelten, vor allem ihrer Musik. Es gibt Konzerte, Ausstellungen, Workshops und andere Veranstaltungen auf der ganzen Insel. Besonders beliebt sind die Darbietungen im Colaisde Na Gàidhlig/Gaelic College in St. Ann’s, der 1938 gegründeten Hochschule.
https://celtic-colours.com, https://gaeliccollege.edu
WASSER, NICHTS ALS WASSER
Mitten auf Cape Breton Island breitet sich der Bras d’Or Lake aus. Auf einem Scenic Drive kann man den etwa 80 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten See umrunden – Teile davon stehen als UNESCO-Biosphärenreservat unter Schutz. Zu Pausen laden die malerischen Orte am Ufer, wie Whycocomagh, Malagawatch oder Saint Peters, ein.
https://capebretonisland.com/destination/bras-dor-lakes-scenic-drive/
WEITERE INFORMATIONEN
https://capebretonisland.com
www.cabottrail.travel
IMMER SOMMER 1744 – LOUISBOURG
Kanadas größtes »Museum lebender Geschichte«

Auferstanden aus Ruinen hat sich die Fortress of Louisbourg, französisch: Forteresse de Louisbourg, binnen Kurzem zu einer der populärsten Nationalen Geschichtsstätten Kanadas entwickelt. In der rekonstruierten Garnison und Stadt, die einst den drittgrößten Hafen Nordamerikas besaß, lässt sich der militärische und zivile Alltag vor rund 270 Jahren erleben und teilweise selbst erproben.

Geschichte pur: das Tor zur Festung Louisbourg.
Die Restaurants beachten den Kirchenkalender, deshalb sollten Sie nicht planen, Fleisch zu essen an den Tagen der Abstinenz«, lautet der Hinweis für die Restaurants in der Festung Louisbourg im Norden der Provinz Nova Scotia. Gemeint sind Freitag und Samstag, an denen in Frankreichs katholischen Häusern kein Fleisch auf den Tisch kam. Und ein Living History Museum versucht eben, auch solche Bräuche der Vorväter ernst zu nehmen. Also freitags Fisch und samstags beispielsweise »Veggie Day«. Generell sollen die Speisen einen Eindruck der Kost im frühen 18. Jahrhundert vermitteln. Ein Museum lebendiger Geschichte zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass seine Mitarbeiter – oft Freiwillige – in historischer Kostümierung so tun, als lebten sie in der früheren Epoche, hier der Sommer 1744. Und darüber erteilen sie Auskunft. In Louisbourg treten sie beispielsweise auf als Soldaten, Handwerker, Kaufleute, Straßenhändler oder Musikanten. Sie zeigen, wie man Nägel macht, die Waffen jener Zeit nutzt oder Spitze klöppelt, am offenen Feuer kocht und Ziegen melkt – ferne Welten für Computer-Kids.
Im rekonstruierten Haus des königlichen Ingenieurs Étienne Verrier etwa treffen die Besucher auf einen »Verwandten« des hochrangigen Beamten, der sie über die militärischen Anlagen, aber auch über die Planung der Stadt hinter den Mauern informiert.
Bei besonderen Anlässen flanieren die Mitarbeiter in historischen Trachten durch Louisbourg.
Der grimmige König in Versailles
Louisbourg war vor zweieinhalb Jahrhunderten nicht nur einer der wichtigsten militärischen Posten Frankreichs in der Neuen Welt, sondern auch ein florierender Hafen und Handelsposten. Die Garnison auf der Île Royale, heute Cape Breton Island, entstand von 1720 bis 1740 und wurde aber immer teurer. König Louis XV soll damals überaus grimmig gescherzt haben, dass er angesichts der immensen Baukosten eigentlich die Gebäudespitzen jenseits des Ozeans von Schloss Versailles aus sehen können sollte. Zweimal, 1745 und 1758, belagerten britische Truppen erfolgreich die Festung. Die zweite Einnahme war ein Wendepunkt in der Geschichte Kanadas und ebnete den Briten den Weg zur Belagerung von Québec City sowie eine Schlacht vor den Toren der Stadt. Der Sieg der Briten zwang die Franzosen schließlich dazu, 1763 im Vertrag von Paris zusätzlich alle nordamerikanischen Kolonien außer Saint-Pierre et Miquelon aufzugeben.
Rekonstruktion mit Kohle-Kumpeln
Die Briten zerstörten 1760 Louisbourg, und die Ruinen gerieten in Vergessenheit, obwohl sie schon 1920 den Status einer nationalen historischen Stätte (National Historic Site) erhielten. Dank der rührigen Fortress of Louisbourg Association und Parks Canada begann aber in den 1960er- und 1970er-Jahren mit Arbeitslosen aus dem regionalen Kohlebergbau Kanadas größte historische Rekonstruktion. Für 25 Millionen Dollar wurden neben den Festungsmauern rund 50 historische Bauten rekonstruiert – etwa ein Viertel der einstigen Anlage. Für den nicht rekonstruierten Teil ließ Parks Canada einen »Ruins Walk« anlegen. Zu diesem Rundgang gibt es in Louisbourg einen kleinen Führer, überdies sind bei wichtigen Ruinen Infotafeln aufgestellt. Die Route beginnt nahe dem Museum. Die Festungsanlage bietet auch gute Picknickplätze, beispielsweise am ältesten Leuchtfeuer Kanadas. Die Plätze an der See gewähren teilweise einen Blick auf Seehunde und, mit Glück, auch auf Wale oder in der Marconi-Picknick-Zone einen guten Blick auf den Hafen und die Festung von Louisbourg. An Wochenenden im Hochsommer sind auch die beiden Badestrände gut besucht. Und wer Ende August zum Saint-Louis-Tag kommt, erlebt im Reich der britischen Königin ein Fest für einen französischen König.
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ERLEBNISSE
BEI BELL IN BADDECK
Nahe Louisbourg liegt eine weitere National Historic Site, das Heim des Telefon-Miterfinders Alexander G. Bell. Der Schotte arbeitete in Baddeck, etwa an einem Flugzeug, das vom vereisten See vor seinem Haus startete. Durch seine Bell Telephone Company wurde er reich, blieb aber ein passionierter Erfinder. Als Bell 1922 in Baddeck starb, ruhte in den USA für eine Minute der Telefonverkehr.
ALLE FARBEN, EIN MUSTER: KARO
Klar, Schotten gründeten die Provinz Nova Scotia (lateinisch für Neu-Schottland). Und wo ein Schotte ist, ist auch ein Tartan, einer der typischen Karo-Stoffe aus Farbfäden für jeden »Clan« und jede Region. Der Cape-Breton-Tartan trägt die Farben Grün-Gelb-Grau und Schwarz, Nova Scotias Tartan ist in Blau-Weiß-Grün. Und weil Schotten in ganz Kanada heimisch sind, hat jede Provinz ihren eigenen Tartan.
DIE GRÖSSTE FIDDLE DER WELT
Zum keltischen Erbe der Schotten gehört ihre Musik und die Fiddle, eine Geige für die Folk Music. Die beste Fiddle-Technik werde auf Cape Breton gespielt, heißt es. Das Lob gab der größten Stadt der Insel, Sydney, die Idee, die rund 20 Meter hohe weltgrößte Fiddle zu bauen.
WEITERE INFORMATIONEN
www.fortressoflouisbourg.ca
In einem Salon der Festung demonstriert eine Dame wie einst noble Handarbeit.
STEINERNE ZEUGEN INDIANISCHER KULTUR – KEJIMKUJIK
Nova Scotias Nationalpark »Müder Muskel«

Der Kejimkujik-Nationalpark präsentiert sich als doppelter Doppelpack: Zum einen besteht das Schutzgebiet aus einem Inlandspark und einem Park an der Atlantikküste. Zum anderen ist es der einzige Nationalpark des Landes, der zugleich den Titel eines historischen Reservats trägt. Kejimkujik ist ein Hort der Ruhe, die größte Lärmquelle ist ein durchs Unterholz polternder Moose.
Jeremy’s Bay im Indian Summer.
Die Nova Scotians sagen zwar nur kurz »Keji«, aber meist mit einem schwärmerischen Unterton. In der Liste von Parks Canada steht er mit vollem Namen: Kejimkujik National Park. Als das 381 Quadratkilometer große Schutzgebiet rings um den gleichnamigen See 1974 gegründet wurde, war es das einzige in den Maritimes ohne Zugang zur See. Na klar, so konnte das nicht bleiben: 1988 kam in etwa 100 Kilometern Entfernung ein 22 Quadratkilometer großer Landstreifen am Atlantik hinzu: Kejimkujik Seaside. »Keji« ist aber auch in anderer Hinsicht ungewöhnlich: Es ist der einzige Nationalpark in Kanada, der zugleich den Status einer National Historic Site hat. Dies verdankt der Park den Mi’kmaq, einem Indianerstamm der »First Nations«, der entlang der ostkanadischen Küste heimisch ist. Die Clans im Süden von Nova Scotia nutzten die Gewässer im heutigen Park als Kanu- und Handelsrouten zwischen der Bay of Fundy und der Atlantikküste. Wegen der anstrengenden Passage übersetzt Parks Canada den Mi’kmaq-Namen Kejimkujik auch als »müder Muskel« – es gibt andere Interpretationen. Wichtiger ist, dass die Ahnen der heutigen Indianer entlang der Wasserwege Petroglyphen hinterlassen haben, Steine, die sie mit ihrer Bilderschrift und Szenen aus ihrem Alltag versehen haben. Der Nationalpark veranstaltet spezielle Touren zu diesen steinernen Zeugen, das Visitor Centre ist in Maitland Bridge.
Tagelang kein anderer Wanderer
Der Park ist außerhalb der Maritimes wenig bekannt und international weithin unbekannt, was »Keji«-Fans immer wieder überrascht. Sie preisen den Hauptpark ob seiner ruhigen Wasser- und Waldlandschaft mit ihrem eindrucksvollen alten Baumbestand. Neben einladenden Kanurouten ziehen sich 15 ganzjährig geöffnete Wanderpfade durch das Revier, teils geplant für Tagestouren, teils für längere Touren. In den entlegenen Zonen begegnet man manchmal tagelang keinem anderen Wanderer, Radfahrer oder, im Winter, Skiläufer. Die längste Strecke, der Liberty Lake Trail, misst 56 Kilometer. Manche Campingplätze sind nur zu Fuß oder per Kanu zu erreichen, oder im Winter per Skier oder Schneeschuhen.
Unterwegs hat man gute Chancen, auf Moose, Weißwedelhirsche oder Biber zu treffen. Die Schwarzbären machen sich hingegen rar, meist entdecken Wanderer nur ihre Spuren im Sand oder im feuchten Waldboden. Mit Glück – oder kundigen Führern – sieht man auch eine der schön gezeichneten und ungiftigen Eastern-Ribbon-Schlangen oder die vom Aussterben bedrohten Blanding-Schildkröten, die deshalb von den Rangern besonders gut beobachtet werden. Auch die schönen orange-schwarzen Monarchfalter gelten in Nova Scotia als gefährdet. Deshalb wurden in »Keji« zwei Schmetterlingsgärten angelegt mit Pflanzen, die Monarch & Co. besonders schätzen. Der Park verkauft in seinem Souvenirshop »Monarch Kits« mit geeigneten Setzlingen und Anleitung für Schmetterlingsgärten, alle Käufer werden Mitglied im eigens gegründeten »Butterfly Club«.
Die Parkranger achten auf Orange
Die Küsten-Dependance des Kejimkujik National Park durchziehen zwei Trails, einer ist ein 12 Kilometer langer Rundweg. Hauptattraktion dieses Teils des Nationalparks sind aber die weißen Strände und das türkisfarbene Badewasser. Die Parkranger richten ihre Aufmerksamkeit am Strand aber mehr auf Orange als auf Türkis: Orangefarben sind die Beine des hübschen weiß-schwarzen Piping Plover, der am Strand und bei Ebbe am Meeresboden nach Kleintieren sucht. Der Gelbfuß-Regenpfeifer, wie er in deutschen Biologiebüchern genannt wird, gehört auch zu den gefährdeten Tierarten, die in Keji brüten.

Der Kejimkujik National Park in Nova Scotia ist bei Wochenend-Kanuten beliebt, weil er landschaftlich schöne, aber nicht sehr anstrengende Touren ermöglicht.

Kanadas fliegendes Wahrzeichen, der Common Loon, hier mit Küken.
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ERLEBNISSE
DER RUF DER LOONS
Kanadas populärster Vogel ist der entenartige Loon.
Alle Loon-Arten haben ein schwarz-weißes Gefieder. Die eingangs erwähnte beliebteste Spezies ist jedoch silberfarben – sie ziert die 1-Dollar-Münze des Landes, den Loonie. Aber auch zum Vogel haben viele Kanadier ein sentimentales Verhältnis: »Haunting« nennen Einheimische seinen Schrei, eindringlich, spukvoll. Aber »The Call of the Loon« ist auch ein Symbol für romantische Wildnis.
AUF DER SPUR DER MI’KMAQ-HIEROGLYPHEN
Die Ahnen der heutigen Mi’kmaq haben entlang der Wasserwege im Nationalpark Petroglyphen hinterlassen, Steine, in die sie ihre Bilderschrift einritzten. Der Park veranstaltet Touren zu diesen steinernen Zeugen, sie beginnen meist beim Visitor Centre in Maitland Bridge.
EIN RÄTSELHAFTES SOUVENIR
Die Mi’kmaq-Indianer haben eine Flagge, die andernorts Fahnen-Kenner ratlos lässt: Horizontal gehängt zeigt sie ein rotes Kreuz auf weißem Grund. In den beiden kleinen weißen Quadraten am Fahnenstock befinden sich eine Mondsichel und ein Stern, beide rot. Die Stammesflagge kann auch vertikal gehängt werden.
WEITERE INFORMATIONEN
www.pc.gc.ca,
www.friendsofkeji.ns.ca
THEMA
DAS LAND MIT DEM AHORNBLATT
Kanadas wunderbare Flora und Fauna
Die Nationalflagge hat Stil: drei senkrechte Felder in Rot-Weiß-Rot mit einem roten Ahornblatt im Zentrum. Ein elegantes Symbol für das Land, dessen Bild in der Welt von seiner großen Natur geprägt ist. Zu diesem Bild gehören auch die scheinbar endlosen Wälder, von den tropfenden, moosbewachsenen Bäumen des Regenwaldes im Westen an der Pazifikküste über den kilometerweiten subarktischen Nadelforst im Norden bis zu den Mischwäldern im Osten, die im Herbst, im »Indian Summer«, in Farben zu explodieren scheinen, ehe die Blätter fallen. Hier ist der bekannteste Baum Kanadas, der Maple Tree (Ahorn) besonders weit verbreitet. Maples verfärben im Jahreslauf ihre charakteristischen Blätter besonders kraftvoll und leuchtend von Grün zu Gelb, Orange und Rot in allen Schattierungen. Daraus ist vor allem an der Ostküste eine fünfte Jahreszeit entstanden – eine zusätzliche, millionenwerte Touristensaison. Eine Ahornart, der Sugar Maple, liefert die Säfte, aus denen Ahornzucker und -sirup entstehen. Und natürlich ist es auch ein Zuckerahorn-Blatt auf Kanadas Flagge.
Ahorn-Zucker, ein Erbe der Ureinwohner
Ein Wapiti-Hirsch kreuzt den Trans-Canada-Highway.
»Bears and Berries« (»Bären und Beeren«) ist ein Slogan, der oft und gerne zur Beschreibung Kanadas gebraucht wird – zu Recht, denn an beidem mangelt es nicht nördlich des 49. Breitengrades, und Bären naschen gerne Beeren. Passenderweise gibt es auch eine dazu passende endemische Pflanze, die Echte Bärentraube (Red Bearberry). Sie wächst in arktischen und subarktischen Zonen, insbesondere im hohen Norden von Québec. Die Ureinwohner dieser Zonen hatten schon bemerkt, dass Bären gerade diese kleinen Früchte sehr schätzen.
Ginseng made in Canada
Nordamerika hat auch seine eigenen Ginseng-Pflanzen, deren Wurzeln von den Indianern schon immer als Medizin genutzt wurden, etwa gegen Erkältungskrankheiten. Der wilde Ginseng ist in Kanada und den USA selten geworden und steht unter Schutz. Aber »American Ginseng« kann auch kultiviert werden, und Ontario ist heute der größte Exporteur, Asien ist der Hauptmarkt.
Orcas, auch als Killerwale bekannt, vor der kanadischen Pazifikküste
Vielleicht noch attraktiver als die Flora ist für Touristen die Fauna: Kanada – das Land der Adler und Bären, der Moose und der Moschusochsen, der Wölfe und der Wapiti-Hirsche, der Rentiere (Caribous) und der scheuen Luchse (Canadian Lynx). Alle sind sie stattliche Vertreter der heimischen Tierwelt, doch als es 1975 galt, ein Tier als Nationalsymbol zu adeln, entschied sich Kanada für den bescheidenen Biber. 2002 wurde auch das – zumindest außerhalb seiner Heimat – kaum bekannte »Canadian Horse« zum Nationaltier gekürt. Das Kanadische Pferd, seit dem 17. Jahrhundert aus unzähligen Kreuz- und Querzüchtungen entstanden, gilt wegen der relativ wenigen Exemplare als gefährdete Spezies.
Touristen, die es in Kanadas Natur zieht, sind jedoch eher auf Bären erpicht: Schwarzbären mindestens, besser noch Grizzlys, und in Richtung Nordpol dann natürlich auch Eisbären. Auch Moose, die mächtigen nordamerikanischen Elche (Kanadas größte Landtiere), stehen hoch im Kurs. Und an den Küsten möchte man Wale sehen, am besten Orcas, die schwarz-weißen Killerwale, oder die weißen Belugas und die Narwale, die »Einhörner der Meere«.
Groß und bedroht: der Schreikranich
Schließlich sind da noch die »Big Birds« am Himmel. Der Weißkopfseeadler (Bald Eagle) ist zwar mit bis zu 2,50 Metern Flügelspannweite der Herrscher der Lüfte, aber diese Spezies haben sich die US-amerikanischen Nachbarn schon als Wappentier gesichert. Deutlich größer noch ist der Kanadische Schreikranich (Whooping Crane). Der bis zu 1,50 Meter hohe Vogel ist der größte Nordamerikas – und vom Aussterben bedroht.
Das gilt gewiss nicht für die in Millionen zählende Kanadagans (Canada Goose), die inzwischen in ganz Amerika anzutreffen ist. Die größten Exemplare wiegen mehr als sechs Kilo, sie scheuen den Kontakt mit Menschen nicht und sind oft aggressiv. In Städten und in der Landwirtschaft gelten sie häufig als Pest. Was der Popularität der Modemarke »Canada Goose« keinen Abbruch tut.
Nicht minder typisch kanadisch sind die artenreichen Loons (Seetaucher), deren weithin hörbarer Ruf den meisten Kanadiern wohl ebenso vertraut ist wie das Abbild dieser Vögel auf den goldfarbenen 1-Dollar-Münzen. Kanada zahlt mit »Loonies«.
Bären lieben Bearberries
DIE VITALSTE HAUPTSTADT DER MARITIMES – HALIFAX
Highlanders mit Tartan-Kilt und Dudelsack

Kanadas »größte Stadt östlich von Montréal« hat Bürgern viel Lebensqualität, Besuchern viel Sehenswertes und allen viel lebendige Geschichte zu bieten. Halifax ist stolz auf Englands erste große Festung an der Ostküste; die Stadt erinnert auf ihrem Fairview-Friedhof aber auch an Großbritanniens größte Schiffskatastrophe. Und dann gibt es da noch einen 999-Jahre-Deal mit dem einstigen Mutterland …

Halifax, die Hauptstadt von Nova Scotia, hat eine lange und immer noch lebendige Hafentradition.
Kanadisches Miniquiz: Was ist ein Haligonian? Der Freundeskreis zuckte die Achseln, dann zögerliche Antworten, alle mit Fragezeichen. Ein fliegendes Raubtier aus der Dino-Zeit? Eine Art Hallodri? Die Antwort muss man hier nicht kennen, sie ist selbst in Kanada kein Allgemeingut. Gewiss, in Nova Scotia wissen die Leute, wie sich die Bewohner von Halifax, ihrer Hauptstadt, nennen. Doch je weiter man gen Westen zieht und fragt, desto seltener wird man fündig. Und an der Pazifikküste tendiert die Kenntnis über den Begriff von der Atlantikküste gegen Null. Schließlich wissen die meisten »Haligonians« auch nicht, dass sich die Einwohner von Vancouver »Vancouverites« nennen.
Ansonsten ist in Kanada aber zunehmend mehr die Rede von Halifax, der mit fast 420 000 Bürgern größten Stadt der atlantischen Provinzen: Dort werden vor der Küste immer mehr Erdöl- und Erdgaslager angezapft. Die Region geht nach wirtschaftlich schwierigen Jahren offensichtlich guten Zeiten entgegen, Umweltschützer sehen die Entwicklung allerdings voller Besorgnis. Aber die für Ostkanada hohe – und weiter wachsende – Zahl von 400 000 »Haligonians« bedarf noch einer Erläuterung: Sie gilt für die Halifax Regional Municipality (HRM), in der sich Halifax mit den Nachbarorten und allen Orten in der Halifax-County zusammengeschlossen hat; das sind insgesamt fast 200 Gemeinden. Besondere Bedeutung hat der Zusammenschluss mit der jenseits des Hafens liegenden Stadt Dartmouth, die de facto schon lange mit Halifax verwachsen ist. Mit der größeren Regionalstruktur will man den erwarteten Boom besser steuern.

Überraschung in der Altstadt: ein kleiner Markt in einem Innenhof.
Eine Festung als Gründungszelle
Halifax ist jetzt bereits nach Vancouver die zweitgrößte Küstenstadt Kanadas, 40 Prozent aller Bewohner von Nova Scotia leben in der HRM-Zone. Zugleich will Halifax aber auch seinen in Umfragen stets bestätigten Rang als eine der lebenswertesten Großstädte Kanadas verteidigen. Auch Touristen profitieren von der engeren Zusammenarbeit mit Dartmouth, seinen historischen Häusern und dem mehr als 200 Jahre alten Shubenacadie Canal. Die Hauptattraktionen finden sich aber in der Altstadt von Halifax, zu Füßen eines Hügels mit der berühmten Zitadelle. Die Festung, offiziell Fort George genannt, war quasi die Zelle für die Gründung der Stadt: 1749 traf Gouverneur Edward Cornwallis mit fast 1200 Siedlerfamilien und einem Kriegsschiff ein, um eine Gegenkraft zu den Franzosen und ihrer Festung Louisbourg und den mit ihnen verbündeten Mi’kmaq-Indianern zu bilden. Sofort begann der Bau der Zitadelle, um die Siedlung in den schweren Kämpfen mit den Mi’kmaq zu schützen und die feindlich gesinnten französischen Siedler, die Acadiens, zu kontrollieren. Vier Bollwerke standen insgesamt auf dem Hügel. Sie wurden zwar niemals angegriffen, erfüllten aber ihren Zweck und schützten die Stadt und ihren wichtigen Hafen. Das heutige sternförmig angelegte Fort war das vierte und 1856 vollendete. Heute wird die Anlage nicht mehr vom Militär, sondern von Parks Canada verwaltet.
Die Old Town Clock ist Halifax’ Wahrzeichen.
Die Hafenpromenade von Halifax.
Jeden Mittag Kanonendonner
Im Sommer sind zwar immer noch Militärs auf den Mauern und in der viktorianisch restaurierten Festung aktiv, aber dabei handelt es sich um Akteure, die nur Krieger mimen. Ihre Vorbilder sind die »Kollegen« des 78th Highland Regiment, Schotten, wie es sich für Nova Scotia gehört. Natürlich haben auch die Freizeit-Füsiliere eine Pipe Band, die bisweilen in voller Montur – Gamaschen, Tartan-Kilt, rote Jacke und (unechte) Bärenfell-Mütze – ihre Dudelsäcke und Trommeln erklingen lässt. Auch die dritte Brigade der Royal Artillery ist mit Darstellern vertreten, die unter anderem um 12 Uhr mittags die traditionelle Noon Gun und bei besonderen Anlässen 21 Schuss Salut abfeuern. Kein Wunder, dass die »Citadel« zur meistbesuchten Attraktion in Halifax wurde, zumal am Fuß des Hügels auch das Wahrzeichen von Halifax, das Uhrtürmchen von 1803 liegt. Von der Zitadelle sind es neun Blocks durch die Altstadt, die zu Erkundungen auf eigene Faust einlädt, bis zur Waterfront, wo die ältesten erhaltenen Lagerhäuser Kanadas zu Restaurants, Bars und Boutiquen wurden. Auch nach Sonnenuntergang ist dort viel los bei Drinks und Live Music. Am Wasser liegt, wie es sich gehört, auch das Maritime Museum of the Atlantic. Es spiegelt die einst große Bedeutung, die Halifax in Zeiten der Segelschiffe und anfangs auch der Dampfschiffe hatte. Hier wird auch der größten Katastrophe gedacht, die Kanada je erlebte: Am 6. Dezember 1917 stieß im Hafen ein belgisches Schiff, die »Imo«, mit dem französischen Munitionstransporter »Mont Blanc« zusammen. Die Ladung explodierte und riss mehr als 1600 Menschen in den Tod. Bei der stärksten Explosion vor Zündung der Atombombe in Hiroshima wurden 1600 Häuser zerstört, noch im 100 Kilometer entfernten Truro gingen Fenster zu Bruch.
Oft spielen Studenten in der Zitadelle historische Soldaten.
Fairview Lawn – der »Titanic«-Friedhof
An einer anderen Schiffskatastrophe, dem Untergang der »Titanic«, war Halifax nur indirekt beteiligt, aber das Maritime Museum und das Museum of Natural History haben eine Ausstellung zu der Kollision mit einem Eisberg. Nach dem Unglück liefen vier Schiffe aus in Halifax, um Leichen zu bergen. Sie kehrten mit insgesamt 209 Opfern zurück, 59 konnten zu Angehörigen in den USA gebracht werden. 150 Passagiere wurden auf dem Fairview Lawn Cemetery beigesetzt, für die namenlos Gebliebenen unter ihnen ließ die »Titanic«-Reederei schlichte Granitgrabsteine errichten.
Blühende Zeugen des britischen Erbes sind die beiden bekanntesten Parks der Stadt: Die Public Gardens sind ein formaler viktorianischer Stadtpark. Der ungleich größere Point Pleasant Park ist ein Kuriosum: Er gehört Großbritannien und ist an Halifax nur verpachtet, allerdings für 999 Jahre. Dafür hat die Stadt jährlich einen Shilling, heute etwa 10 Cent, zu entrichten.
Die Fähre hinüber nach Dartmouth, eine 15-Minuten-Fahrt, ist teurer, aber dank schöner Blicke auf die Skyline ihren Preis wert. In der Nachbarstadt steht das älteste Haus der Region, das Quaker House von 1785, ebenso auf dem Besuchszettel wie das Bedford Institute of Oceanography, dann noch ein Bummel am »Shubie«, dem historischen Shubenacadie Canal und ein Foto vom Waterfront Park aus auf die Hochhäuser von Halifax. Dann schippert die Fähre wieder zurück in die Stadt, die Rudyard Kipling als den »Wächter der Ehren des Nordens« rühmte.
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ERLEBNISSE
CUNARD – URBRITISCH UND AUS HALIFAX
Wenn der Cunard-Cruiseliner »Queen Mary 2« in Hamburg einläuft, sind die Hanseaten begeistert. Dabei war es einer der ihren, Reeder Albert Ballin, der die Kreuzfahrt erfand. Doch der Ruhm, die Linienschifffahrt etabliert zu haben, gebührt Samuel Cunard aus Halifax. 1840 sandte er sein erstes Dampfschiff von Liverpool nach Halifax. Halifax ehrte ihn mit einem Denkmal am Hafen und einer Schau im Maritime Museum.
https://maritimemuseum.novascotia.ca
ALLERLEI KUNST AUF DEM PFLASTER
»Busker« sind Straßenmusiker, aber beim »Halifax Busker Festival« erlebt man mehr als Bob-Dylan-Kopien. Das sechstägige Sommerfest bietet alle Arten von Straßenkunst: Feuerschlucker, Comedy, Artistik, Clowns usw.
www.buskers.ca
EIN PARK, WIE IHN QUEEN VICTORIA GELIEBT HÄTTE
Die Halifax Public Gardens sind ein viktorianischer Park von 1867, längst als »National Historic Site« geadelt. Die Blumenbeete machen die 6,5 Hektar große Anlage zum beliebten Ort für Hochzeitsfotos. Das Wahrzeichen ist ein fotogener Musikpavillon, in dem sonntags Bands gratis Konzerte geben.
www.halifaxpublicgardens.ca
WEITERE INFORMATIONEN
https://discoverhalifaxns.com

Der Old Burying Ground mit alten Gräbern.

Ein schöner Morgen in Halifax: In der Stadt funkeln noch die Lichter die Yachten liegen noch vertäut im Hafen. Und selbst auf der Macdonald Bridge ruht der Verkehr.
FOTOGENES FISCHERDORF AN DER ST. MARGARET’S BAY – PEGGY’S COVE
Das Millionendorf: Postkartenschönheit mit deutschen Wurzeln

Berufsfotografen sind von Peggy’s Cove nicht sonderlich angetan. Gewiss, ein hübscher Ort, aber was bringt das, wenn immer Myriaden von Hobbyknipsern durchs Bild rennen? Deswegen sieht man recht viele Aufnahmen des fotogenen Leuchtturms in der über dem Atlantik aufziehenden Morgensonne. Dann sind die Busse noch nicht da. Oder in der Abendsonne. Dann sind sie wieder weg.
Granitküste und anbrandender Nordatlantik bilden ein attraktives Paar.
Gerade mal 650 Einwohner und etwa eine Million Besucher jährlich – das hört sich nach einem Schreckensszenario an. Statistisch empfängt Peggy’s Cove also 2740 Touristen pro Tag. Aber das sagt nichts über die Gästezahlen an einem stürmisch-nasskalten Novembertag oder an einem sonnigen Wochenende während der Sommerferien. An beiden Tagen ist das hübsche Fischerdorf unweit von Halifax keine Empfehlung. Ansonsten aber durchaus, und es ist kein Zufall, dass der Leuchtturm Peggy’s Point zu den meistfotografierten seiner Art in Amerika zählt und zahlreiche Hobbymaler ihre Staffelei in Peggy’s Cove aufbauen.
Der gut 30 Meter hohe weiße Turm mit roter Haube von 1915 steht auf einem der vielen Felsbuckel, die in der Eiszeit von den Gletschern abgeschliffen wurden. Wegen dieser besonderen Landschaft und ihrer schroffen Schönheit (»rugged beauty«) wurde bereits 1962 ein acht Quadratkilometer großes Gelände in und um Peggy’s Cove als Schutzgebiet ausgewiesen, außerdem regelt ein Regierungserlass den Zuzug von neuen Bürgern und alle Neubauten. So soll der Charakter des Fischerdorfs mit seinen einzeln stehenden bunten Häusern auf den maximal 15 Meter hohen Felsbuckeln erhalten bleiben. Je näher sie am Wasser stehen, desto häufiger müssen sie allerdings repariert werden: Bei Sturm reichen die Wogen seit einigen Jahren höher als zuvor, sagen die Einheimischen.
Bis die Busse anrollen, ist Peggy’s Cove ein Fischernest.
30 Meter Relief für die Fischer
In einigen der Häuser gibt es inzwischen Cafés und kleine Geschäfte mit Souvenirs, Schmuck und Kunst aller Art. Das ehemalige Wohnhaus des Malers William E. deGarthe (1907–1983) ist heute ein Museum mit seinen Werken. Seine bekannteste Arbeit findet sich auf seinem Grundstück, ein aus dem dortigen Fels geschlagenes und 30 Meter langes Relief für die Fischer von Peggy’s Cove und ihre Familien, das aber nach zehnjähriger Arbeit unvollendet blieb. Fischer? Gibt es noch Fischer in diesem touristischen Fischerort? Ja, und das nicht zu knapp. Sie haben sich auf den Hummerfang spezialisiert wie seit mehr als 200 Jahren ihre Vorgänger: Peggy’s Cove wurde 1811 von sechs deutschstämmigen Familien gegründet.
Wer war Peggy?
Gab es unter ihnen eine Peggy? Wohl kaum. Die Herkunft des Namens ist unklar, aber es gibt mindestens drei Versionen: Ein Schiff lief beim nahen Halibut Rock auf Grund, dabei kamen alle an Bord um, bis auf eine Frau, die es an Land schaffte und später einen Fischer heiratete. Noch romantischer ist diese Variante: Die Schiffbrüchige war ein kleines Mädchen, das seinen Namen nicht nennen konnte, Besucher aus den USA berichteten 1996, das Kind sei zu ihnen nach North Dakota gekommen und Peggy genannt worden. Weniger gefühlvoll, aber wahrscheinlicher ist diese Erklärung: Die kleine, an der St. Margaret’s Bay gelegene Bucht wurde nach ebendieser benannt – Peggy ist ein Kosename für Margaret.
Peggy’s Cove machte 1998 weltweit traurige Schlagzeilen: Am 2. September stürzte eine dreistrahlige MD-11 der Swissair auf dem Weg von New York nach Genf mit einem Kabelbrand vor Peggy’s Cove in die See. Zwei Denkmäler ehren die 229 Opfer des Unglücks. Kein Denkmal erinnert an jene leichtsinnigen Touristen, die auf den Felsen beim Leuchtturm von plötzlichen Wellen ins Meer gespült wurden. Nur ein patinagrünes Schild warnt: »Savour the sea from a distance« – genieße das Meer mit Abstand. Und zu dem Signalturm sollte man nur bei schönem Wetter gehen. Nur dann ist nämlich auch das »einzige Postamt der Welt in einem Leuchtturm« geöffnet. Kerngeschäft: Porto und Sonderstempel für Postkarten aus dem »Postkartendorf«.
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ERLEBNISSE
HALLO ARKTIS, HALLO KARIBIK
In Peggy’s Cove trifft man bisweilen Meeresbiologen, die sich dem besonderen Tierleben in der St. Margaret’s Bay widmen. Sie erforschen Arten, die eher in der Arktis oder Karibik heimisch sind. Der Grund: Hier treffen der kalte Labradorstrom und der warme Golfstrom zusammen. Das Meer kann deshalb im Sommer bis zu 20 Grad warm werden.
VON LEUCHTTURM ZU LEUCHTTURM
Peggy’s Cove ist der erste Höhepunkt auf der »Lighthouse Route« zwischen Halifax und Yarmouth an der Südspitze von Nova Scotia. Die beliebte Urlaubsstrecke verbindet über 585 Kilometer alle Leuchttürme entlang der Südwestküste von Nova Scotia. Das hübsche Ensemble mit dem schlanken Leuchtturm von Yarmouth ist ein passendes Pendant zu Peggy’s Cove: Beide sind rot-weiß.
PEGGY’S COVE IN FERNOST
Ein Peggy’s-Cove-Fan übertrug nicht nur den Namen, sondern auch die Architektur des kanadischen Fischerdorfs auf die Ferienanlage, die er in Südthailand bauen ließ. So ist das Peggy‘s Cove Resort am Chao Lao Beach nun geprägt von bunten Holzhäusern, die fast originaler wirken als das Original nahe Halifax – inklusive Leuchtturm-Nachbau.
WEITERE INFORMATIONEN
www.peggyscoveregion.com
In der St. Margaret’s Bay kann man sogar auf Schildkröten treffen.
HOLZHAUSJUWEL MIT SCHIFFBAUTRADITION – LUNENBURG
Touristen-Törn auf Nova Scotias maritimer Botschafterin

Schmucke Holzhäuser in mehr oder minder kräftigen Farben sind das Markenzeichen der Kleinstadt, die dank Fischerei und Bootsbau wohlhabend wurde, heute aber vorwiegend vom Tourismus lebt. Dennoch wäre ein neuer Großauftrag über einen historischen Zwei- oder Dreimaster durchaus willkommen. Zumal sich kein neuer Schmuggelboom abzeichnet.

Die bunten Fassaden der Lunenburger Hafenfront sind in Nova Scotia bekannt.
Wollte man Lunenburg eine Farbe zuordnen, so wäre es Rot. Die alten und schönen Holzhäuser, denen es die kleine Hafenstadt verdankt, dass ihr die UNESCO 1995 das begehrte Welterbe-Siegel zusprach, sind zwar in allen Farben der Palette gestrichen. Aber zwei größere Gebäude unmittelbar an der Hafenkante tragen auffälliges Rot, und deshalb wohl ist diese Perspektive das beliebteste Stadtpanorama: der rote Komplex des Fisheries Museum of the Atlantic und, in einem noch intensiveren Rot, die Gebäude der Firma Adams & Knickle (A&K). Die Farbe heißt in Lunenburg nur »A&K Red« – als der Firmensitz bei Renovierungsarbeiten einmal ganz in Pink erschien, gab es heftige Bürgerproteste. Sie legten sich erst, nachdem der Maler glaubhaft versicherte, das Rosa sei nur eine Grundierung.
Adams & Knickle ist eine der Traditionsfirmen im Fischgeschäft, das Lunenburg wohlhabend machte. A&K, das heute mit Jakobsmuscheln handelt, fischte zeitweise mit 70 eigenen Booten, gebaut natürlich auf den Werften in Lunenburg. Die Stadt war berühmt für ihre exzellenten Holzschiffe, die »Bluenose« war das bekannteste Beispiel. Der Schoner erwies sich in Atlantikbrechern nicht nur als stark und tragfähig, sondern auch als schnell, was wichtig war für den Transport der frischen Fische. Die »Bluenose« startete nebenbei auch in Regatten und segelte der US-Konkurrenz oft davon. Ein Nachbau aus Lunenburg, die »Bluenose II«, ist heute als Botschafter Nova Scotias unterwegs: Wenn das Schiff nicht auf See ist, startet es vom Fischereimuseum zu Rundfahrten mit Touristen.
Schiffe für große Filme
Hollywood beauftragte 1960 die Holzboot-Experten mit einem hochseetauglichen Nachbau der »Bounty« (2012 im Sturm gesunken). Seither ist Lunenburg weltweit die erste Adresse für die Rekonstruktion historischer Schiffe. Dort entstand 1970 auch die »HMS Rose«, die als »SMS Surprise« eine Hauptrolle in dem Hollywood-Streifen »Master and Commander« spielte.
Der Atlantik und die Seefahrt sind zur Freude der Touristen, die zu Tausenden anreisen, heute noch allgegenwärtig in der schmucken kleinen Stadt. Dabei wurde sie 1753 gegründet, um in der Region eine Landwirtschaft zu entwickeln. Und dazu holte sich die britische Krone, die via Hannover ja auch deutscher Hochadel war (und ist), Bauern aus Deutschland, vornehmlich aus der Pfalz und aus Württemberg, hinzu kamen Schweizer und Franzosen. In Kanada gilt Lunenburg als »erste deutsche Siedlung« des Landes. Die Einwanderer fanden schnell heraus, dass der Fischfang in ihrer neuen Heimat viel einträglicher war als Ackerbau und Viehzucht. Sie gingen an Bord.
»Lunenburg English« als sprachliches Erbe
Allen neuen Untertanen des englischen Königs George II. war der protestantische Glaube gemein. Deshalb wurden sie auch »Foreign Protestants« genannt. Der Ortsname Lunenburg hat trotz der deutschen Siedler nur indirekt mit der Heidestadt Lüneburg zu tun, er bezieht sich auf den König, der zugleich Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg war und in Herrenhausen geboren wurde. Abgesehen von vielen deutschen Familiennamen ließen die ersten Lunenburger auch ein sprachliches Erbe zurück: »Lunenburg English«. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Dialekt noch auf dem Land rings um Lunenburg gesprochen, mit »d« statt des englischen »th«. Einige deutsche Worte fanden Eingang in die Sprachmixtur, richtig um die Ecke denken muss man bei »Fasnakt«. Gemeint sind damit »raised doughnuts«, also Berliner, Kreppel, Krapfen etc. Die wurden zur Fastnacht gebacken. – Und da klagen wir über »Denglisch« in unserer Muttersprache?

Restaurantzeile in Lunenburgs Altstadt.

Die »Bluenose II«, ein Segelschiffnachbau, fuhr schon um den Globus.
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ERLEBNISSE
VOM BRAVEN FISCHER ZUM SCHNAPSSCHMUGGLER
Als die USA 1919 allen Alkohol verbannten, erblühte der Schnapsschmuggel: Kanada lieferte nach Frankreich, sprich: St. Pierre et Miquelon. Und Lunenburgs Fischer schipperten den Stoff in stille Buchten der nahen US-Küste. Sie wurden über Nacht reiche »Rum Runner«. 1933 war alles vorbei, die Ex-Schmuggler warfen wieder ihre Netze aus.
FLÜSSIGER SPRENGSTOFF AUF DEM »RUM RUNNERS TRAIL«
Einst zuckelte eine Eisenbahn von Halifax nach Lunenburg, von ihr blieb nur der 119 Kilometer lange »Rum Runners Trail«, ein flacher Rad-, Reit- und Wanderweg. Er führt durch Naturparks und Orte, die zur Rast einladen, etwa in Mahone Bay.
LUNENBURGS GEISTER UND GESPENSTER
Hexen, Mörder, Aberglauben – Lunenburg ist ideal für eine »Geister-Wanderung«. Jeder in der kleinen Gruppe trägt eine Laterne mit Kerze furchtlos voraus, zu einstigen Galgenstätten, zum 260 Jahre alten Friedhof voller Gruselgeschichten und zu Mauern, hinter denen Geister hausen. Und nach 75 Minuten wissen alle, warum Lunenburg die »gespenstischste Stadt in Nova Scotia« ist.
WEITERE INFORMATIONEN
www.explorelunenburg.ca
GROßE OPER FÜR DEN ATLANTIK – BAY OF FUNDY
Wo das Wasser zweimal täglich haushoch steigt

In der 200 Kilometer langen Bucht zwischen den Provinzen Nova Scotia und New Brunswick spielt der Atlantik große Oper: Was andernorts eine Katastrophe wäre, nämlich 16 bis 17 Meter Tidenhub, ist hier ein Schauspiel für Touristen aus aller Welt. Aber Nova Scotia präsentiert sich an der Bay auch mit viel Historie und kulinarischen Höhepunkten.

Blaue Stunde in der Delaps Cove in Nova Scotia.
Wer hat den höchsten? Die Rede ist vom Tidenhub. Die Bay of Fundy, heißt es meist. Aber es mangelt nicht an Titelkonkurrenten: der King Sound in Western Australia – doch die Experten down under winken ab: Bei uns sind es im Schnitt »nur« 11,8 Meter. Im Golf von Khambhat an Indiens Westküste, bekannt für Schiffsverschrottungen, klingt das schon anders: 14 bis 24 Meter. Doch nur die 14 Meter gelten als Normaltide, zu wenig für den Titel. Die Severn-Mündung in England reklamiert mit 14,5 Metern nur Rang 2. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut liegt in Burntcoat Head am Nova Scotia-Ufer der Bay of Fundy indes bei 16,3 Metern. Bleibt die Ungava Bay im Norden der Provinz Québec, in der die Flut ähnlich hoch steigt. Liegen die beiden kanadischen Küsten gleichauf? Für solche Fragen, das weiß jeder Stammtisch, wendet man sich an die Experten vom »Guinness Book of World Records«. Und die haben schon 1975 entschieden: Bay of Fundy, Burntcoat Head. Woher die »Verbrannter-Mantel-Klippe« ihren Namen hat, ist unbekannt. Womöglich wählten die ersten Siedler, Acadiens, einen französischen Ortsnamen, der später verhunzt wurde. Bekannt war der Platz durch seinen enormen Tidenhub, aber auch durch seine Leuchtfeuer. Das erste von 1858 unterlag Wellen und Wind, das zweite brannte 1972 nieder, ein Nachbau ziert jetzt einen Park. Nahe dem Leuchtturm stürzte 1931 ein deutsches Postflugzeug ab, beide Piloten kamen ums Leben. Die Lokalzeitung berichtete damals, es habe sich um einen Versuch gehandelt, Post in Rekordzeit von Europa nach New York zu bringen.

Die Fischer sind mit ihrem Langustenfang in der Bay of Fundy recht zufrieden.
Leo Trotzki in Nova Scotia
Burntcoat Head liegt am Minas Basin, einer trichterförmigen Bucht, in der die Bay of Fundy endet und sich bei Flut die hohen Wasserstände aufstauen. An der Spitze des Basins, das hier den Namen Cobequid Bay trägt, liegt die Stadt Truro, in der sich die Bahnlinien und die wichtigsten Fernstraßen von Nova Scotia kreuzen. Westlich des Minas Basin läuft die Bay of Fundy in einem zweiten »Zipfel« aus, der Chignecto Bay. Deren Ende bildete einst eines der Industriezentren von Nova Scotia. Heute ist es ein regionales Zentrum mit Verbindung zur Weltgeschichte: In dem dortigen Kriegsgefangenenlager saß 1917 der russische Revolutionär Leo Trotzki für einen Monat ein. Das östliche Ufer der Chignecto Bay, die auch einen Tidenhub von 15 Metern erlebt, liegt in Nova Scotia.

Der Swallowtail-Leuchtturm auf Grand Manan.

Alte Kanonen am Fort Anne in Annapolis Royal.
Die Bay of Fundy ist 200 Kilometer lang und an der Mündung 100 Kilometer breit. Mehr als 100 Milliarden Liter Wasser strömen bei Ebbe und Flut zweimal täglich in die Bucht und heraus – ein enormes Energiepotenzial. Deshalb sind auch mehrere Tidenkraftwerke geplant, deren Unterwasserturbinen das Wasser in Energie umsetzen sollen. Bei Annapolis Royal arbeitet bereits seit 1984 solch ein Kraftwerk, das erste und bislang einzige seiner Art in Nordamerika. Es produziert jährlich mehr als 30 Millionen Kilowatt – Strom für etwa 4500 Einfamilienhäuser.
Von Port Royal zu Annapolis Royal
Annapolis Royal ist, wiewohl 10 Kilometer landeinwärts in einem fruchtbaren Flusstal gelegen, die bekannteste Stadt auf der Nova-Scotia-Seite der Bay of Fundy. Das verdankt die – nach der britischen Queen Anne – getaufte Stadt vor allem ihrer wechselvollen Geschichte. Gegründet wurde sie 1605 von Franzosen als Port Royal, bereits 1613 wurde sie von Briten eingenommen. Das war der Auftakt zu mehrfachem Herrschaftswechsel, insgesamt wurde Annapolis Royal dreizehnmal attackiert. Aus der Hauptstadt des französischen Akadiens wurde schließlich die Hauptstadt von Nova Scotia und blieb es für fast 150 Jahre, bis zur Gründung von Halifax 1749. Fort Anne wurde 1917 Kanadas erste Nationale Historische Stätte und wird somit von Parks Canada verwaltet.
Seither wird vor allem der Paradeplatz im Inneren der Anlage für vielerlei semi-historische Zwecke genutzt, etwa für die beliebten »Reenactments«, das Nachstellen geschichtlicher Ereignisse in Kostümen jener Zeit. Die nahe Port-Royal National Historic Site ist der Nachbau eines Hauses aus dem 17. Jahrhundert, wie es vielleicht ein französischer Offizier oder ein Kaufmann bewohnt hätte. Beide Stätten bieten einen schönen Blick auf den Annapolis River. Die dritte geschichtsbezogene Attraktion sind die Annapolis Historic Gardens, die rund 400 Jahre Gartenbau in Kanadas Osten präsentieren. In dem Garten wurde auch ein typisches Haus eines Acadian, also eines französischen Siedlers, nachgebaut.
Alma ist berühmt für seine extremen Tiden.
Digby, 1783 von britischen Loyalisten gegründet, war einst ein wichtiger Hafen, was das Admiral Digby Museum belegt. Das bekannteste Schiff des Ortes war die »Dei Gloria«, die 1872 zwischen den Azoren und Portugal auf die ebenfalls aus der Bay of Fundy stammende »Mary Celeste« stieß. Der Zweimaster, eines der berühmtesten Geisterschiffe, trieb ohne Mannschaft im Ozean. Über den Verbleib der Männer, die vermutlich in einem Rettungsboot auf See umgekommen sind, und ihre Motive, das Schiff zu verlassen, gibt es lediglich Vermutungen – bis hin zum Eingreifen Außerirdischer.
Welthauptstadt der Jakobsmuschel
Digbys maritime Bedeutung konzentriert sich heute auf den Anleger, von dem die Personen- und Autofähre regelmäßig nach Saint John auf der gegenüberliegenden Seite der Bay aufbricht, eine etwa dreistündige Überfahrt. Von großer wirtschaftlicher Bedeutung ist auch die Fischereiflotte, die Fischer haben sich auf Jakobsmuscheln spezialisiert. Nahezu alle Restaurants servieren diese Spezialität, und Digby nennt sich stolz »World Capital of Scallops«. Die Bay of Fundy ist aber nicht nur für Kammmuscheln ein geeignetes Revier, sondern auch für die großen Meeressäuger. In Digby werden zwar auch Walbeobachtungstouren angeboten, bessere Chancen bieten aber erfahrungsgemäß die Boote auf dem Digby Neck und seinen Inseln, einem schmal in die Bay reichenden Landstreifen, der sich auf Long Island und Brier Island fortsetzt.
Der zweite wichtige Fährhafen der Region ist Yarmouth, wo in der Sommersaison jeden Morgen die Fähre aus Portland im US-Staat Maine festmacht und zwei Stunden später wieder ablegt zu einer Tagesüberfahrt zum großen Nachbarn. Die Fischereiflotte läuft meist aus zum Hummerfang, nirgendwo in Kanada werden mehr »Lobster« angelandet als hier. Aber die großen Zeiten des Hafens liegen weit zurück: Ende des 19. Jahrhunderts war Yarmouth der Heimathafen der zweitgrößten Handelsflotte Kanadas. An diese Ära erinnern rund 400 »Kapitänsvillen«, die zwischen 1850 und 1900 errichtet wurden und heute den Fundus für eine attraktive Stadtrundfahrt liefern.
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ERLEBNISSE
BECHER HOCH BEIM APFELKROTZEN
Es war eine Überraschung, dass der Leuchtturm am Cape Forchu bei einer Umfrage der kanadischen Stadtplaner als »Canada’s Great Public Space« vorne lag – vor dem Mount Royal in Montréal. Das Leuchtfeuer bei Yarmouth ist eine Betonsäule mit dickem Kopf für die Leuchten, daher der Spitzname »Apfelkrotzen«. 1996 übernahm die Yarmouth Light Society die Anlage und richteten ein kleines Museum mit Café ein, in dem die Köchin täglich »home made« kocht. »Mug up« heißt die schlichte gastliche Stätte.
ERNTE BEI ZEHN GRAD MINUS
Nova Scotia ist stolz auf Kanadas kleinstes und kühlstes Weinbaugebiet. An der Bay of Fundy werden die weißen »Tidal Bay«-Weine (»good for seafood«) nur aus lokaler Traubenernte produziert. Das gilt nicht für eine teure Spezialität, den süßen Eiswein. Er wird geerntet, wenn die Temperatur unter –10 Grad fällt und die Trauben (Sorte Vidal) gefroren sind. Auf den Gütern Benjamin Bridge und Grand Pre Winery können sie verkostet werden.
DIE STERNE ÜBER DER BAY
Der Irving Nature Park in Saint John war der erste für Sternennächte besonders geeignete »Urban Star Park« der kanadischen Royal Astronomical Society. Sie organisiert dort mehrere Beobachtungen im Jahr, etwa am National Astronomy Day im Mai.
Die Brandung in der Bay kann heftig sein.

Die Hopewell Rocks in der Bay of Fundy werden auch Flowerpot Rocks genannt, weil auf einigen Bäume und Pflanzen wachsen. Die von der Erosion geschaffenen Felssäulen fallen mit der Ebbe trocken.
SOMMERSITZ VON PRÄSIDENT ROOSEVELT – CAMPOBELLO ISLAND
Zwei Länder teilen sich eine Insel

»Cottages«, Hütten, nannten reiche Amerikaner im 19. Jahrhundert ihre stattlichen Sommerhäuser. Im amerikanischen Newport waren das Paläste, auf der kanadischen Campobello-Insel gaben sich die Sommerfrischler bescheidener. Aber eine 34-Zimmer-Villa durfte es schon sein.

Der Sommersitz des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt wirkt äußerlich zwar zurückhaltend aber im Inneren ging es recht nobel zu.

Ein Teil des heutigen Mobiliars gehört noch der Familie Roosevelt, das Haus ist heute ein Museum.
Das optische Markenzeichen von Campobello Island ist die Head Harbour Lightstation. Der fotogene Komplex fällt auf dank seines roten Kreuzes. Seit mindestens 1850 trägt der Turm diese an die Flagge Englands erinnernde Bemalung. Er kann besichtigt werden, ist allerdings nur zu Fuß und nur bei Ebbe erreichbar.
Eine »Hütte« mit 34 Zimmern
Berühmt ist die Insel allerdings wegen ihres Roosevelt International Park, der, 1964 gegründet, als Museum und Konferenzzentrum für politische und kulturelle Themen genutzt wird. Die kanadische Insel ist mit dem US-Staat Maine über eine Brücke verbunden, der Park wird gemeinsam von Parks Canada und dem US National Park Service verwaltet. Beide Länder teilen sich die Kosten und stellen das Personal.
Kern der Anlage ist das frühere Ferienhaus von US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Jr., sein »Cottage« mit 34 Räumen. Die Familie Roosevelt besaß schon seit Längerem ein Haus auf der Insel und verbrachte dort seit 1883 die Sommerwochen. Das Haus des Präsidenten ist heute ein Museum, das durch Cottages erweitert wurde und von dem eines auch für Besucher zugänglich ist.
Für Kanadas Geschichte hatte ein anderes Ereignis Bedeutung: 1866 wollten mehrere hundert Fenian Brothers, US-Unterstützer einer irischen Revolution gegen die britischen Besatzer in Irland, die kleine Nobelinsel stürmen, um das damals noch britische Kanada zu treffen. Das misslang zwar, aber daraufhin beschloss New Brunswick, sich dem kanadischen Dominion anzuschließen.
Info: www.visitcampobello.com
»LIVING HISTORY« FÜR DIE GANZE FAMILIE – VILLAGE HISTORIQUE ACADIEN
Kartoffelkloß mit Schwein und braunem Zucker

Wer nach dem Aufwachen aus dem Fenster schaut, blickt in die Alltagswelt der Acadiens – irgendwann zwischen 1770 und 1939. In dem historischen Freizeitpark im Norden von New Brunswick kann man übernachten.

Zu einem historischen Dorf, das den Alltag der Acadier vor zwei Jahrhunderten erlebbar machen will, gehören selbstverständlich auch Pferde.

Schmiedearbeit nach Art der Ahnen fasziniert vor allem männliche Besucher jeden Alters.
Schon mal akadisch gespeist? Das Restaurant »La Table des Ancêtres« im Village Historique Acadien macht’s möglich. Meist steht ein Gericht auf der Karte, das auch vor 200 Jahren in Akadien so oder ähnlich serviert wurde. Zum Beispiel die »Poutine Râpée«, ein Kartoffelkloß. Das Rezept dürfte original sein, was man von den 35 Gebäuden in dem historischen Dorf unweit von Caraquet nicht unbedingt sagen kann: Die meisten Gebäude sind Nachbauten, was dem Gesamteindruck aber nicht schadet. Der Standort in New Brunswick ist gut gewählt: Die Provinz ist die einzige offiziell zweisprachige am Atlantik, was auch sinnvoll ist, da rund 35 Prozent der Einwohner im Alltag Französisch sprechen. Das Freiluftmuseum bei Caraquet bietet mit Wohn- und Warenhäusern, Farmgebäuden, Werkstätten aller Art (einschließlich einer funktionierenden Druckerei), Schule, Kirche und Taverne einen guten Querschnitt durch das Leben der Acadiens. Auch hier sind zeitgerecht gekleidete Helfer zur Stelle, die alles erklären und vorführen. Die historische Tankstelle mag im ersten Moment verwundern, aber die Schau will den Alltag der Acadiens zwischen 1770 und 1939 darstellen.
Das schönste Gebäude des 1977 zur Tourismusförderung errichteten Parks ist der Nachbau des Hôtel Château Albert von 1907, dessen Original 1955 in Caraquet niedergebrannt war. Im »Chateau« kann man übernachten, die Gäste werden am Parkplatz der Anlage mit einem Ford von 1923 abgeholt. Weil alles möglichst »authentisch« sein soll, haben die Zimmer – kostensparend für den Wirt – kein Telefon, kein Radio und kein Fernsehen.
Info: www.villagehistoriqueacadien.com
THEMA
»LITTLE BROTHER OF WAR«
Vom Stickball zum Nationalsport: Lacrosse

Ein moderner Lacrosse-Schläger.
Die Mohawk nannten den Sport »Tewaraathon«, »Little Brother of War«, »Baaga‘adowe« war der Name der Anishinabe für das Spiel, das heute unter dem Namen Lacrosse neben Eishockey als zweiter offizieller kanadischer Nationalsport gilt und sich in weiten Teilen Nordamerikas bei Frauen und Männern großer Beliebtheit erfreut.
Viele indigene Völker des nordamerikanischen Ostens und Südens bezeichnen in ihren Sprachen »Stickball« bis heute schlicht nur als das »Spiel des Schöpfers«. Seit Jahrhunderten praktizieren sie diesen Mannschaftssport, bei dem ein Ball mit Schlägern in ein Tor oder an einen Pfosten geschossen werden muss. Unter dem Einfluss weißer Siedler entwickelte sich daraus das heutige Lacrosse.
Als älteste Sportart Nordamerikas hat »Stickball« eine lange Tradition unter den indianischen Völkern zwischen der Ostküste, den Großen Seen, dem Golf von Mexiko und dem Mississippi. Das seit Jahrhunderten praktizierte Spiel erlebt derzeit ein Revival und wird bewusst nach historischen Vorbildern ausgeübt – und erinnert damit nur entfernt an das moderne Lacrosse. Beispielsweise wird beim Stickball nicht ein Schläger, sondern zwei benutzt.
Aus Stickball wird Lacrosse
Es waren französische Missionare, die dem von den Indianern erfundenen Spiel den Namen »Lacrosse« gaben.

unterscheidet sich deutlich von den bei traditionellen Stickball-Spielen gebräuchlichen »Sticks«.
Doch die Indianer spielten Stickball schon lange, ehe sich die Europäer in Nordamerika breitmachten. Viele Völker benutzten das Spiel sogar, um Streitigkeiten zu schlichten – daher der Name »Little Brother of War«. Schließlich ging es in den Begegnungen auch nicht zimperlich zu.
Weiße Siedler waren von dem Spiel begeistert, und sie entwickelten aus dem eher rauen indianischen Stickball das heutige Lacrosse. Lacrosse mag hierzulande als Randsportart gelten, in Nordamerika hingegen ist die sowohl im Freien wie in Hallen ausgeübte Mannschaftssportart sehr beliebt und wird auch als Profisport ausgetragen.
Während beim Field Lacrosse Kanada und die USA regelmäßig um den Weltmeistertitel antreten, dominieren die Kanadier souverän die Hallenversion, das »Box Lacrosse«. Draußen spielt man auf einem Fußballfeld, drinnen auf einer trockengelegten Eisbahn, die Tore stehen ähnlich wie beim Eishockey nicht am jeweiligen Spielfeld-Ende, sondern davor. Der Ball besteht heute aus Hartgummi und wird mit einem Schläger gefangen, getragen und geworfen. Dieser hat am Schlägerkopf ein Netz, genannt »Pocket«, das Passen, Werfen und Ballkontrolle ermöglicht.
Die »Iroquois Nationals«
Seit einigen Jahren mischen in internationalen Wettbewerben die eigentlichen Erfinder der Sportart ebenfalls erfolgreich mit. Seit 1987 ist die Nationalmannschaft der Irokesen als einzige indigene Nation Vollmitglied eines Weltsportverbandes und nimmt seit 1990 auch an Weltmeisterschaften teil. Seitdem haben die »Iroquois Nationals« 2014 und 2018 bei den Field Lacrosse World Championships hinter Kanada und den USA Platz 3 belegt. Noch besser sind die Auftritte der »Haudenosaunee« – wie sich die »Six Nations of the Iroquois League« (Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga, Seneca und Tuscarora) selbst nennen – im Box Lacrosse: Fünfmal wurden sie nach Kanada schon Vizeweltmeister. Die Erfolge der Iroquois Nationals sind nicht nur für das indianische Selbstbewusstsein wichtig, sondern rücken die Erfinder des Sports endlich auch ins verdiente Rampenlicht. Längst gehören Irokesen zu den besten Lacrosse-Spielern weltweit, beispielsweise sind die Thompson-Brüder, Jeremy, Jerome, Lyle und Miles, Berühmtheiten und gefragte Profispieler.
Die kanadische Lacrosse-Nationalmannschaft dominiert seit Jahrzehnten den Sport.
Auch andernorts entdecken die Indianer »ihren Nationalsport« neu, und es wird vielerorts wieder das traditionelle »Stickball« gespielt. An Wochenenden kann man mit Glück an vielen Orten Kanadas nicht nur Lacrosse-, sondern auch Stickballspielen zusehen – ganz so, wie es der berühmte Maler und Forscher George Catlin im frühen 19. Jahrhundert im Mittleren Westen erlebt, beschrieben und skizziert hat.
Buch-Tipp:
Thomas Vennum Jr., »American Indian Lacrosse. Little Brother of War« (1994)
Film-Tipps:
»The Spirit Game: Pride of a Nation« (2017, Bedeutung des Sports aus Sicht der Iroquois Nationals bei der WM-Vorbereitung)
»Crooked Arrows« von Steve Rash (2012)
»Keepers of the Game« (2016, die Mädchenmannschaft einer Irokesenschule setzt sich sportlich und gesellschaftlich durch)
BESCHAULICHE KULTURMETROPOLE UND UNIVERSITÄTSSTADT – FREDERICTON
Rathaus-Historie: Knast und große Oper

Die Hauptstadt von New Brunswick, Fredericton, profiliert sich mit fotogener Architektur und viel Kultur gegen die Konkurrenz in der eigenen Provinz. Kanadas »Poeten-Ecke« punktet auch mit Filmen, Jazz und der Gemäldesammlung nebst gespendetem Museum des einstigen britischen Politikers und Zeitungsmagnaten Lord Beaverbrook, der in New Brunswick aufgewachsen war.

Aber auch zu anderen Jahreszeiten geht es in der Hauptstadt der Provinz New Brunswick recht entspannt zu.
Bei Quizspielen in kanadischen Pubs ist es eine beliebte Frage: Wie heißt die Hauptstadt der Provinz New Brunswick? Wenn denn überhaupt eine Antwort kommt – »Neu-Braunschweig« rangiert nicht sehr weit oben in der Bekanntheitsskala der Kanadier – so lautet die Antwort oft: Saint John. Es ist die größte Stadt der Provinz, die Hauptstadt Fredericton ist – nach Moncton – nur die Nummer 3 mit rund 57 000 Einwohnern. Größter Arbeitgeber ist wie oft in kleinen Hauptstädten der Staat mit seinen Ministerien und Verwaltungen. Der öffentliche Dienst und eine aufkeimende IT-Branche sorgen dafür, dass die überschaubare Kapitale das höchste Einkommen und die höchsten Bildungsgrade pro Kopf in New Brunswick vorweisen kann.
Dass das kleinere Fredericton bei der Suche nach einer Hauptstadt den Vorzug vor Saint John erhielt, hat historisch-strategische Gründe. Fredericton liegt an der Mündung des Nashwaak River in den Saint John River. Dort legten die französisch sprechenden Akadier ein Fort an. Eine Flut zerstörte das Bollwerk, dennoch ließen sich Akadier 1732 an der Pointe Sainte-Anne genannten Stelle nieder, wo sie 1759 von Briten vertrieben wurden. Denen gelang es aber erst 1783, mit Hilfe von »Loyalisten«, den von der Amerikanischen Revolution vertriebenen königstreuen Briten, in St.-Anne’s-Point eine Siedlung zu begründen. 1784 entstand New Brunswick aus einer Abspaltung von Nova Scotia und brauchte eine Hauptstadt. Der Ort der heiligen Anne, das heutige Fredericton, gewann über Parrtown, das heutige Saint John, weil es tiefer im Land lag als die Hafenstadt Saint John und nicht so leicht angegriffen werden konnte.
Im Sommer sind die Straßencafés von Fredericton gefragte Treffpunkte.
Parlament mit weißem Dachgeschoss
Die Rivalität mit Saint John spiegelt sich auch im Parlamentsbau der Provinz, der 1882 nach einem »schäbig aussehenden« Vorläufer im spätviktorianischen Stil entstand. In ihm sahen die »Frederictonians« ein »passendes großes Symbol« des Selbstvertrauens, während die Leute von der Küste den Bau bemäkelten. Mit seinem weißen Dachgeschoss macht das Legislative Building etwas her, insgesamt ist es aber nicht zu protzig für die kleine Provinz. Häufiger abgebildet wird erstaunlicherweise das etwas ältere, im selben Baustil gehaltene Rathaus, zu dem die Rivalen schwiegen – eine Firma aus Saint John hatte die City Hall gebaut. Sie diente zeitweise auch als Opernhaus, als Polizeiwache und Gefängnis sowie als Markthalle. Kein Wunder, dass der dreistöckige Bau als National Historic Site of Canada gelistet ist – eine von zwölf in dieser Stadt.
Das führende Museum in Fredericton ist die Beaverbrook Art Gallery, deren Sammlung internationale und kanadische Kunst sowie eine Extrakollektion von Gemälden aus New Brunswick einschließlich akadischer und indianischer Maler beherbergt. Ein Schwerpunkt sind allerdings Werke britischer Künstler wie zum Beispiel Turner, Constable und Gainsborough, die Beaverbrook in Großbritannien zu sammeln begann.
Partner des Toronto Film Festivals
Das Museum hat erheblich dazu beigetragen, dass Fredericton für 2009 zur »Kulturhauptstadt Kanadas« gewählt wurde. Aber ebenso hilfreich waren sicher das Harvest Jazz & Blues Festival, zu dem schon Musiker wie Oscar Peterson angereist sind, das Silver Wave Film Festival, das dank einer klugen Partnerschaft mit dem großen Festival in Toronto Filme zeigen kann, die es sonst wohl kaum an den Nashwaak River geschafft hätten. Schließlich genießt die Provinzkapitale den Ruf, Kanadas »Poet’s Corner« zu sein, weil zum einen viele Autoren aus der Stadt stammen und zum anderen viele dorthin gezogen sind, um hier zu arbeiten.
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ERLEBNISSE
POLITIK BEI SAMOSAS UND FIDDLEHEADS
Samstags lassen sich die Politiker auf dem Boyce Farmers Market beim Wahlvolk sehen und verspeisen ein paar Samosas. Die aus Indien stammenden gefüllten und gut gewürzten Teigtaschen hat Fredericton quasi adoptiert. Eine Ostküstenspezialität sind hingegen im Frühjahr die »Fiddleheads«, die noch eingerollten jungen Spitzen einiger Farne.
STATT EISENBAHN EIN FUSSGÄNGER-REKORD
Als die Eisenbahn 1997 Fredericton aus dem Fahrplan strich, schenkte sie (wohl um die hohen Unterhaltskosten zu sparen) ihre Brücke über den Saint John River – neun Bögen mit 581 Meter Gesamtlänge – der Stadt. Die baute sie um für Fußgänger und Radfahrer und schmückt sich seither mit der »längsten Fußgänger-Brücke der Welt«.
FREDERICTONS SOMMER-SOLDATEN
In der Gründungszeit der Canadian Army erhielt Fredericton 1883 eine Infanterieschule, von der das örtliche Militärmuseum erzählt. Noch touristen- und fotofreundlicher sind die Wachwechsel beim Parlament und Rathaus, die Freiwillige im Juli und August täglich in historischen, britisch-roten Uniformen exerzieren.
WEITERE INFORMATIONEN
www.tourismfredericton.ca

Sehr kanadisch: eine Biber-Plastik im historischen Garrison District.
SALZWIESEN, DÜNEN UND MEERESVÖGEL – KOUCHIBOUGUAC NATIONAL PARK
Im Birkenkanu auf den Spuren der Voyageurs

Als habe der Herrgott zeigen wollen, was man aus einer Küste alles machen kann – so variantenreich präsentieren sich Meeressaum und Hinterland an dieser Ecke von New Brunswick. Kein Wunder, dass 1969 ein Nationalpark aus dieser Vielfalt wurde. Bisweilen gegen den Widerstand jener, die schon in der Idylle wohnten. Einer von ihnen soll angeblich immer noch unbehaust im Park leben. Seemannsgarn?
In den warmen Monaten blühen im Kouchibouguac National Park zahlreiche Wildblumen.
So ein Voyageur-Kanu ist schon ein Brocken, recht breit, mit hochgezogenem Bug und Heck, 7 bis 11 Meter lang und mit hohen Seitenwänden, damit die wertvolle Fracht geschützt ist. Die echten Voyageur-Boote hatten einen Rahmen aus Zedernholz und eine Bespannung aus Birkenrinde – quasi vorindustrieller Leichtbau. Beladen waren die Frachtschiffe mit Pelzen, die zu Ballen verschnürt waren. Ladung, die in Europa begehrt war und dem noch jungen Kanada des weißen Mannes Wohlstand brachte. Ohne die Voyageurs und ihre Kähne wäre dies nicht möglich gewesen, führte damals doch kein anderer Weg in die Wildnis als Flüsse und Seen. Und die Stromschnellen? Um die mussten Boot, Ausrüstung und Fracht meist herumgetragen werden. »Portage« hießen die kraftzehrenden Aktionen.
Respekt vor den Voyageurs
Wir mussten nur einmal solche tragenden Rollen übernehmen, mit leerem Boot und geringer Ausrüstung eher Folklore als Strapaze. Überdies gab es immer wieder Pausen, wenn die Ranger von der Historie der Region erzählten, wenn es Tiere zu beobachten gab oder beim Snack auf der Sandbank, quasi als Nachbarn der Robben. Dennoch waren wir nach drei Stunden Paddeln auf den meist stillen Wassern des Kouchibouguac Nationalpark an der Ostküste von New Brunswick ziemlich platt. Und das haben die Voyageurs über Stunden und Tage ausgehalten? Aber die Erfahrung hätten wir nicht missen mögen. Und wenn wir mit unseren Dickschiffen und mehr oder minder gleichmäßigem Schlag an Kanuten in tüddeligen Plastikkajaks vorbeizogen, glänzten wir vor Stolz. Nein, das war kein Schweiß!
Ein forderndes und Wissen förderndes Programm, das Parks Canada neben anderen Aktivitäten anbietet, in dem Nationalpark mit dem Stolpernamen. Er entstammt der Sprache der Mi’kmaq und bedeutet etwa »Fluss der lang gezogenen Tiden«. Der Park am Meer vereint mehrere signifikante Landschaftsformen: von der See aufgespülte Barriereinseln und hinter der Küste im weißen Licht silbrig schimmernde Lagunen. Dünen, auf denen der Wind zwischen den Gräsern immerzu feine Sandkörner vor sich hertreibt, Salzsumpfland und schließlich ausgedehnte Wälder – knapp 240 Quadratkilometer Vielfalt. Ein Boardwalk, ein erhöhter hölzerner Pfad, durchzieht hier amphibisches Terrain, mehrere Wander- und Radwege führen durch den Park. Im Sommer ist Kelly’s Beach eine Attraktion, zumal der lang gezogene Strand auch den Nacktbadern intimen Raum bietet. Kein Wunder, schwärmen doch die Tourismuswerber von New Brunswick, ohne Widerspruch zu ernten, vom wärmsten Salzwasser nördlich des US-Staates Virginia.
Minimale »Lichtverschmutzung«
Der Nationalpark lockt auch mit regem Nachtleben, zumindest in wolkenarmen Nächten. Dann spielt Kouchibouguac seinen Status als »Dark Sky Reserve« aus, als Terrain mit minimaler »Lichtverschmutzung«: Lampen finden sich nur da, wo man sie braucht, und sie leuchten zum Boden hin. So präsentiert sich der Himmel ideal zur Sternenschau, und viele Himmelsbeobachter nehmen die Gelegenheit gerne wahr. Parks Canada hat diesen Park gemeinsam mit der Royal Astronomical Society of Canada entsprechend eingerichtet.
Kouchibouguac ist einer der Gründe, den Acadian Coastal Drive unter die Pneus zu nehmen. Die 150 Kilometer lange Route führt von Moncton nach Miramitchi. Wer die Strecke befährt, wird in Shediac, der »World Capital of Lobster« einen Fotostopp beim fünf Meter hohen »Weltgrößten Hummer« einlegen. Und gegen Ende der Strecke wartet in Saint Louis de Kent ein weiterer Weltrekord: »The World’s largest Acadian Flag«, eine Kreuzung von Frankreichs Trikolore mit dem einsamen Stern in der Texas-Flagge.

Als bukolische Idylle präsentiert sich der wenig bekannte Nationalpark.

Im Winter gebären Robben vor der Küste ihren Nachwuchs.
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ERLEBNISSE
KOUCHIBOUGUAC PRÄSENTIERT HISTORIE UND NATUR
Eine der beiden Ausstellungen im Besucherzentrum des Kouchibouguac-Nationalparks schildert – neben der Geschichte des Parks – die Vertreibung der Acadians aus den Maritimes, den Provinzen an der Ostküste. An gleicher Stelle präsentiert eine Bild-Ton-Schau die Landschaften des Park im Wechsel der Jahreszeiten.
PILGERZIEL SAINT-LOUIS
Das Dorf Saint-Louis-de-Kent beim Eingang des Nationalparks pflegt die Tradition der Acadians. Die französischstämmigen Siedler waren und sind meist katholisch. Deshalb errichtete Saint-Louis, wie es meist verkürzt wird, 1882 eine Kopie der Grotte von Lourdes. Sie ist seither ein Pilgerziel, vor allem zu Mariä Himmelfahrt am 15. August.
VON HARBOUR SEALS UND HARP SEALS
Auf 25 Kilometern reihen sich die Dünen im Kouchibouguac-Nationalpark aneinander, ideal für die Sonnenbäder der Robben. Vor allem Grey Seals (Kegelrobben) und Harbour Seals (Seehunde) lassen sich dort gut beobachten. Wenn im Frühjahr die Robbenjagd wieder Schlagzeilen macht, geht es um Sattelrobben (Harp Seals). Filme über die »Robbenschlächter« ließen den Handel mit Robbenpelzen global zusammenbrechen
WEITERE INFORMATIONEN
www.pc.gc.ca

Die Natur als Künstler: ein Strand im Kouchibouguac-Nationalpark.
BETAGTE SCHÖNHEIT AN DER BAY OF FUNDY – SAINT JOHN
Wo »Blumentöpfe« aus dem Meer wachsen

Kanadas älteste Stadt birgt mit dem New Brunswick Museum auch die älteste öffentliche Sammlung und kommunale Markthalle des Landes. Sie sind, wie auch das restaurierte Theater, heute beliebte Touristenziele. Saint John, Spitzname »Fundy City«, ist aber auch ein guter Ausgangspunkt für Touren durch die Bay of Fundy mit ihrem gleichnamigen Nationalpark und den Hopewell Rocks.

Die Hartland Covered Bridge über den Saint John River gilt als die längste überdachte Brücke der Welt.
Wir kürzen unseren Ortsnamen niemals ab mit ›St.‹«, sagte die freundliche Dame in der Touristen-Information. »Wir schreiben: ›Saint John‹. Immer.« Und warum? Ist New Brunswicks größte Stadt besonders heilig? Unsere Gesprächspartnerin lacht auf: »Gewiss nicht. Aber wir wollen verhindern, dass wir mit St. John’s in Neufundland verwechselt werden. Es passiert dennoch immer wieder.« Dabei trägt die Stadt im zweisprachigen New Brunswick ohnehin einen Doppelnamen: Saint John – Saint-Jean. Verwechslungsgefahr besteht doch. Johannes der Täufer ist unter den Heiligen weltweit einer der gefragtesten Taufpaten. St. John auf den Jungferninseln, Saint-Jean-de-Luz in Frankreich, San Juan in Puerto Rico, San Giovanni Teatino in den italienischen Abruzzen, St. Johann in Österreich und Alt St. Johann in der Schweiz sind nur einige Beispiele aus einer langen Liste. Und das Weindorf Johannisberg im Rheingau dürfte jedem Rieslingfreund bekannt sein.
Erstes Briefmarkenalbum und erste »Miss Canada«
Doch zurück in die Neue Welt und in die Tourist-Info von Saint John, das sich dort als erste Stadt Kanadas rühmt. Richtig, soweit es sich um die formellen Stadtrechte handelt, die der Hafen an der Mündung des gleichnamigen Flusses 1785 erhielt. Dies scheint der Auftakt zu einer Reihe anderer »Firsts« gewesen zu sein, hier eine Auswahl: Nordamerikas erste Quarantänestation für Einwanderer entstand im selben Jahr auf Partridge Island in der Hafenbucht von Saint John, die »Historische Stätte« soll wieder zugänglich gemacht werden. 1830 nahm Kanadas erste lizenzierte Bank in Saint John ihre Geschäfte auf. 1842 folgte das erste öffentliche Museum des Landes, das jetzige New Brunswick Museum. Es wurde gestiftet von Dr. Abraham Gesner, dem Erfinder des Kerosins, ohne das der heutige Weltluftverkehr kaum denkbar wäre. 1853 erfand Robert Reid das Briefmarkenalbum – das Original liegt heute beim Collector’s Club in New York. 1907 begleitete hier erstmals in Nordamerika ein Orchester einen Stummfilm, 1923 stellte die Stadt die erste »Miss Canada«.

»Sculpture Saint John« demonstriert Saint Johns Tradition für öffentliche Skulpturen.

Der City Market von Saint John entstand 1830, das heutige Gebäude ist von 1876.

Die Moose-Skulptur in Saint John von Forest Hart ist eine Gabe der Moosehead Brewery.
Auch der City Market war für Nordamerika eine Neuerung. Schon in der königlichen Gründungsurkunde für Saint John war 1785 ein kommunales Marktrecht enthalten. Die erste Markthalle entstand 1830, sieben Jahre später brannte der Holzbau ab. Seinen Nachfolger, einen Ziegelbau von 1839, ereilte 1841 dasselbe Schicksal. 1876 wurde das heutige Markthaus eröffnet. Da die Stadt seinerzeit zu den atlantischen Schiffbauzentren gehörte, lag es nahe, die Expertise zu nutzen. So kam die Halle zu ihrer hölzernen Dachkonstruktion – ein umgedrehter Schiffsrumpf. Der City Market, der traditionell jeden Morgen und Abend mit einem Glockenschlag beginnt und endet, ist eine der Sehenswürdigkeiten in downtown Saint John – wo das Stadtzentrum allerdings »uptown« genannt wird.
Rückkehr zu Thalias Künsten
Ein Uptown-Schmuckstück ist das 1913 eröffnete Imperial Theater mit seiner auffälligen, über drei Etagen reichenden Bogenfassade und viktorianischem Glanz im Zuschauerraum.1929 mussten die Akteure allerdings dem neuen Star am Unterhaltungshimmel, dem Kintopp, weichen. Das Theater rückte aus dem Fokus des Interesses, bis sich eine Bürgergruppe zusammentat, um das Gebäude wieder Thalias Künsten zuzuführen. Ein Taxifahrer zeichnete den ersten 1-Dollar-Zahlschein, dem noch 999999 folgen sollten. Das gelang und die Renovierung der historischen Bühne begann. 1994 konnte das Haus wiedereröffnet werden, und die einflussreiche Zeitung »Globe and Mail« in Toronto entdeckte das »schönste restaurierte Theater in Kanada«. Seither brummt das Showbusiness offenkundig, die gut 900 Plätze sollen im Schnitt zu 88 Prozent gebucht sein. Das Haus wird viel für Gastspiele genutzt, ist aber auch die Heimstatt der Saint John Theatre Company und der Symphony New Brunswick. Das Imperial gehört selbstverständlich zu den 13 National Historic Sites der Stadt. Weitere baugeschichtliche Monumente sind neben einigen militärischen Installationen unter anderem die Anglikanische Kirche von 1826 als eines der ersten neugotischen Gotteshäuser in Kanada und Kanadas älteste erhaltene Feuerwache, erbaut 1841, in der Freiwillige ihre handbetriebenen Löschwagen und -pumpen aufbewahrten.
Bei Flut wird aus dem Wasserfall des Saint John River ein »umgekehrter Fall«
Die Flut reicht bis neun Meter hoch
Hoch auf der Ausflugsliste stehen die Reversing Falls unweit der Mündung des Saint John River in die Bay of Fundy, kleine Wasserfälle und Stromschnellen, die – zumindest zeitweise – flussauf laufen. Schuld ist auch hier der gewaltige Tidenhub in der Bay – an dieser Engstelle bei durchschnittlich 6,70 Metern und bisweilen bis zu neun Metern: Wenn die Flut einströmt, presst sie den Fluss aufwärts. Von Aussichtsplattformen kann man den Ablauf verfolgen, der allerdings oft weniger dramatisch als erwartet verläuft. Schiffe, die diese Stelle passieren wollen, müssen die »Slack Time« abwarten, die Zeitspanne, in denen sich zuströmendes und abströmendes Wasser gegenseitig neutralisieren.
Die hohen Tiden sind auch die Attraktion des 206 Quadratkilometer großen Fundy National Park bei dem Dorf Alma und die Hopewell Rocks. Auf dem Küstenstreifen des Nationalparks kann man bei Ebbe auf dem Meeresboden spazieren gehen, einige Stunden später steht das Meer an diesen Stellen bis zu zwölf Meter hoch. Am Strand von Alma zieht sich der Ozean bei Ebbe mehr als einen Kilometer weit zurück, Ranger bieten dann Rundgänge an. Parks Canada offeriert in Fundy für alle, die ohne Zelt anreisen wollen, stationäre Unterkünfte, etwa runde hohe Zelte nach Art mongolischer Jurten oder Holzkonstruktionen mit Zeltdächern und -wänden. Der Nationalpark bildet zugleich eine »Dark Sky Preserve« mit minimaler künstlicher Außenbeleuchtung und ist das Herzstück eines größeren Biosphärenreservats der UNESCO.
Den Hopewell Rocks widmete New Brunswick beim Hopewell Cape nahe Moncton einen Provincial Park. Die bei Flut im Wasser stehenden Felsen sind bis zu 20 Meter hoch. Der hohe Tidendruck, aber auch die normale Erosion durch Wind und Regen haben sie aus einem in die See ragenden Felsrücken herausgefräst. Da einige dieser Rocks auf den kleinen Plateaus an der Spitze noch Pflanzen tragen, werden sie auch Flowerpot Rocks genannt. Diese »Blumentöpfe« gehören zu den Bildikonen von New Brunswick. Eine Provinz mit Flower Power.
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ERLEBNISSE
EIN TURM MIT AUSSICHT UND GESCHICHTE
Einer der besten Aussichtspunkte über Saint John und die Bay of Fundy ist der Carleton Martello Tower mit seinem kleinen Museum. Der zwölf Meter hohe Turm sollte mit seinen 2,50 Meter dicken Mauern die Stadt eigentlich im Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 gegen maritime Attacken schützen, wurde aber erst 1815 fertig. Er ist einer der neun noch bestehenden Martellos von insgesamt 16 in Kanada.
KOLLISION DER KONTINENTE
Epizentrum des Tourismus in Saint John sind die Reversing Falls, die »umgekehrten Wasserfälle«. An diesem Engpass hat das Panorama-Restaurant auf seinem Dach einen »Skywalk« errichtet, auf dessen Glasboden man über dem brodelnden Fluss steht. In diesem UNESCO-Geopark stießen vor Urzeiten Felsen aus Afrika und Südamerika zusammen.
TONTRÄGER VON GESTERN UND HEUTE
»Backstreet Records« in der Germain Street 124 ist laut CBC Nationalradio einer der besten Music Shops des Landes, und ein Spezialist für (auch gebrauchte) Schallplatten, CDs und Musikkassetten. Hinter der Kasse stehen die Raritäten. Kanadische Vinylsammler sollen eigens für diese Adresse nach Saint John reisen.
WEITERE INFORMATIONEN
www.discoversaintjohn.com
Der Carleton Martello Tower.
SOMMERFRISCHE IM OSTEN – PRINCE EDWARD ISLAND
Die Geburtsstätte von Kanada

Abeg-we-it, das »Land, eingebettet in die Wogen«, nannten die Mi’kmaq-Indianer Prince Edward Island. PEI, wie die Kanadier ihre kleinste Provinz nennen, schmiegt sich im Südteil des St.-Lorenz-Golfs ganz dicht an die Küstenlinie der zum Greifen nahen Nachbarprovinzen New Brunswick und Nova Scotia. Das Meer hat die Insulaner geprägt, aber sie spielten auch eine Rolle als »Geburtshelfer« Kanadas.
Eine Farm bei Fort Amherst, einer National Historic Site auf PEI.
Ausgerechnet auf Prince Edward Island trafen sich 1864 die politischen Vertreter aus den Maritimes sowie aus Upper and Lower Canada, den heutigen Provinzen Ontario und Québec, um über eine mögliche Konföderation nachzudenken. In jenen Tagen wurde die Basis für das vereinte Kanada gelegt, das 1867 als »Dominion Canada« von Großbritannien offiziell anerkannt wurde. Im Province House von Charlottetown, mitten in der Altstadt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, wird dieses geschichtsträchtige Ereignis heute nicht nur stolz nachgespielt, sondern man zeigt Besuchern gerne auch jenen Tisch, um den damals die Vertreter saßen. Für die Kanadier gilt PEI deshalb als die Geburtsstätte Kanadas.
Doch das kleine Inseljuwel ist auch berühmt für den zartesten Hummer und seine sanften grünen Hügel, die zur roten Felsküste – bewirkt durch eine hohe Eisenoxid-Konzentration – und zu den ungewöhnlichen roten Stränden kontrastieren. Dank des milden Klimas und der langen landwirtschaftlichen Tradition ist PEI auch als »Garden of the Gulf« oder »Million Acre Farm« bekannt. Wobei letztgenannter Spitzname leicht übertrieben ist, zumal heute gerade einmal die Hälfte der nur rund 5700 Quadratkilometer großen Insel noch bewirtschaftet wird.
Kanadas Sommerfrische
Die Einheimischen sprechen humorvoll von »potholes every inch« – Schlaglöcher, nichts als Schlaglöcher – und beziehen sich auf die vielen, meist nicht sehr gut instand gehaltenen Landstraßen. Dabei ist die nach Prince Edward Augustus (1767–1820), dem Vater von Königin Victoria und einstigen Oberbefehlshaber der britischen Truppen in Nordamerika, benannte Insel seit 1997 durch die fast 13 Kilometer lange, elegant geschwungene Confederation Bridge mit dem Festland, New Brunswick, verbunden.
Die 1997 erbaute Brücke über die Northumberland Strait verbindet seither die Insel mit dem Festland (New Brunswick) und war eine Dankesbezeugung Kanadas für die Rolle der Insel bei der Entstehung des Dominion. Seither ist der Zugang erleichtert, doch bereits im späten 19. Jahrhundert hatte sich PEI zum beliebten Ferienort und zur Sommerfrische vermögender britischer Kolonialfamilien entwickelt. Aus dieser Zeit stammt auch der Name, denn seit der Übernahme von den Franzosen ab 1763 hatten die Briten sie zunächst »St. John’s Island« genannt. Da es aber zwei Städte in den Maritimes, auf Neufundland und in New Brunswick, alle mit ähnlichem Namen, gab, sollte der neue für Unverwechselbarkeit sorgen.
Inzwischen sind es nicht mehr ausschließlich die Reichen, sondern auch ganz gewöhnliche Familien aus den Maritimes und aus den beiden Provinzen Ontario und Québec, die sich im Sommer an den Stränden tummeln und die vom Golfstrom verursachten milden Wassertemperaturen von rund 20 Grad genießen. Besonders der Prince Edward Island National Park an der Nordküste lockt mit einem etwa 40 Kilometer langen, weißen Sandstrand, zu dem die roten Sandsteinfelsen malerisch kontrastieren.
Nicht nur Kartoffeln
Nach der 13 Kilometer langen Fahrt über die Confederation Bridge erreicht man auf dem Trans-Canada Highway den Süden der Insel. Hier liegt auch die Provinzhauptstadt Charlottetown. Die Hügellandschaft im Hinterland der Insel und um die kleine Hauptstadt herum ist ein wichtiges Agrarzentrum im Osten Kanadas. Gerade der Kartoffelanbau spielt eine dominante Rolle – neben dem US-Bundesstaat Idaho werden hier die meisten Erdäpfel angebaut. Dazu gehört der Fischfang, der wie der Tourismus ein traditioneller Wirtschaftsfaktor ist. Besonders Hummer, Muscheln und Austern aus den Gewässern um die Insel herum gelten als Spezialitäten, die man bei einem Besuch in einem der Hafenstädtchen unbedingt probieren sollte.
Überall auf der Insel gibt es kleine Häfen mit Fischerbooten.
Victoria’s Crafts at Orient Hotel, Victoria.
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ERLEBNISSE
DIE KANADISCHE PIPPI LANGSTRUMPF
Was Pippi Langstrumpf für Europa ist, sind die Abenteuer von »Anne of Green Gables« der PEI-Autorin Lucy Maud Montgomery (1874–1942) für die Kanadier. Jedes Kind besucht einmal das Green Gables House in der Ortschaft Cavendish, das der Autorin als Vorlage diente.
www.pc.gc.ca/en/lhn-nhs/pe/greengables
ÜBERNACHTEN IM LEUCHTTURM
Zu den ungewöhnlichsten Hotels auf PEI gehört das West Point Lighthouse Inn & Museum. Wo sonst kann man in einem immer noch aktiven und zudem historischen Leuchtturm übernachten? Es gibt ein Zimmer im Turm, eines in den Keeper’s Quarters (heute zugleich Museum) sowie elf weitere in einem eigenen Anbau.
https://westpointlighthouse.ca
BESUCH IM KARTOFFELMUSEUM
Die Bedeutung der Kartoffel für PEI lernt man im Canadian Potato Museum kennen. Natürlich kann man hier auch verschiedene Kartoffelspezialitäten kosten, darunter Poutine, aber auch Potato Fudge.
www.canadianpotatomuseum.info, www.ohfudgepei.com
WEITERE INFORMATIONEN
www.tourismpei.com
QUÉBEC
Französisches Flair und Wale

Sonnenuntergang über dem Hafen des Yachtclubs von Montréal.

Die Fähre von Québec über den St. Lawrence River.

Kunst im Fluss: Le Grand Rassemblement in Sainte Flavie, Gaspé-Halbinsel.
200 KILOMETER DURCHS MAGDALENEN-ARCHIPEL – ÎLES DE LA MADELEINE
Akadisch kochen wie ein Wiesel

Wie verloren wirken die Magdalenen-Inseln im weiten Golf von St. Lorenz, doch sie sind im Osten Kanadas ein etabliertes Ferienziel. Dazu trägt der Ruf bei, auf dem etwa 65 Kilometer lang gestreckten Archipel mehr als 300 Kilometer Sandstrand zu bieten. Als Extra kommt die jahrhundertealte Kultur der Akadier hinzu, einschließlich ihrer französischen Küchenkultur.

Blau-weiß-rotes Ensemble in La Grave auf Havre Aubert.
Anflug auf Les Îles, wie die Insulaner ihre windzerzauste Heimat im Golfe du Saint-Laurent kurz nennen. Aus der Luft sehen die Straßendämme, mit denen die sieben bewohnten Hauptinseln verbunden sind, aus wie Spinnenbeine. Rund 200 Kilometer lang ist diese »Route 199« samt Nebenstrecken, sie ist die Lebensader der Îles de la Madeleine. So lautet der offizielle Name des Archipels – oder, aus Sicht der Englisch sprechenden Minderheit, Magdalen Islands. Die meisten der rund 13 000 »Madelinots« sind Abkömmlinge jener französischen Siedler (Acadiens), die einst von den Briten aus Nova Scotia und anderen Regionen Ost-Kanadas vertrieben worden waren. So sieht man denn auch gelegentlich die blau-weißrote Flagge Akadiens neben der von Québec, der Provinz, zu der die Inseln gehören. Die Provinzen Prince Edward Island und Nova Scotia liegen allerdings viel näher, deshalb gilt auf der Inselgruppe auch die Atlantische Standardzeit, die der Zeitzone in Québec um eine Stunde voraus ist.
Einsamkeit an 300 Kilometer Strand
Früher lebten die Inselbewohner wie die Mehrzahl der Menschen am kanadischen Atlantik von der Fischerei. Aber als das scheinbar unerschöpfliche Meer vor der Haustür leergefischt war, mussten sich die Madelinots einen anderen Erwerb suchen. Sie fanden ihn im Hummerfang und im Tourismus, seither vervierfacht sich jeweils im Sommer die Einwohnerzahl. Wer dann Ruhe oder gar Einsamkeit sucht, findet sie auch angesichts von 300 Kilometern Strand. Und an Nachschub mangelt es nicht. Unablässig arbeiten die atlantischen Wellen an den roten Klippen der Magdalenen, nagen die Höhlen in die Küste, die Kajakfahrer begeistern. Die abgetragenen Gesteinsschichten werden im Meer zerrieben, das Salzwasser trägt dabei die dünne Eisenoxidschicht ab. Dabei verschwindet die rote Farbe, die weißen Sandkörner lagern sich, von der Strömung getragen, am Strand ab. Einen Teil davon trägt der Wind in die Dünen.
Über den Wassersport hinaus haben die Inseln längst eine gute touristische Infrastruktur aufgebaut: Das Herbergsgewerbe hat sich zwischen Hotels und Bed & Breakfast aufgefächert. Für Radler verläuft die »Route verte«, die grüne Strecke, über rund 100 Kilometer entlang der Straße von einem Ende des Archipels zum anderen; Leihräder sind auch vorhanden. Auf die Golfer wartet ein 9-Loch-Platz, und Reiter können zu geführten Ausritten am Strand aufbrechen beziehungsweise altersgerecht über den Ponyhof traben. Für die Zugvögel sind die Inseln im Golf ein idealer Zwischenlandeplatz, für Vogelfotografen ein Urlaubsgrund und für die Madelinots ein Segen. Denn die gefiederten Durchreisenden kommen im Mai und Juni sowie im September und Oktober – also in der buchungsschwächeren Nebensaison.
Heiße Pastete und lokales Bier
Die Restaurants servieren Hummer oder Speisen nach traditionellen akadischen Rezepten, etwa Pot-en-pot, eine heiße Pastete, die mit Fisch und Meeresfrüchten in würziger Soße gefüllt ist. Dazu gibt’s Bier aus den drei lokalen Minibrauereien. Und natürlich sollte man einmal Fricot probieren, das typischste akadische Gericht. Diese einem Eintopf ähnliche Suppe besteht aus Kartoffeln, Zwiebeln, kleinen Klößen und gewürfeltem Fleisch, oft Huhn, Kaninchen oder auch Muscheln. Hinzu kommen Gewürze und oft Gemüse. Im 18. Jahrhundert stand das Wort in Frankreich für ein Festmahl, Akadier nutzen es hingegen generell für »Essen«: Wenn man dort zum »Fricot« eingeladen wird, muss jedoch nicht unbedingt Fricot auf den Tisch kommen. Aber wenn die Gastgeberin zu »Fricot à la belette« bittet, gibt es in jedem Fall Fricot, allerdings ohne das – einst sehr teure – Fleisch. Dann ist die Köchin nämlich schlau wie eine »belette« – wie ein Wiesel.

Der Leuchtturm auf dem Kap du Sud, Île du Havre Aubert.
Der Hummer ist inoffizielles Wappentier der Inseln.
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ERLEBNISSE
KREUZFAHRTEN AUF DER »ACHTEN INSEL«
Die Madelinots gründeten 1944 eine Transport-Kooperative, die CTMA. Aus ihr wurde eine Reederei mit drei Schiffen: eine kleinere Fähre, eine große Fähre für 750 Passagiere und 200 Autos, sowie als Flaggschiff die »CTMA Vacancier«, ein Cruiseliner für regionale Kreuzfahrten mit bis zu 450 Reisenden. Für die Madelinots ist das Schiff die »achte Insel«.
HILFERUF IM PUNCHEON
Früher waren die Inseln im Winter, wenn der St. Lawrence Golf vereiste, oft für Tage isoliert. Als 1910 auch das Kabel zum Festland brach, schrieben die Insulaner einen Notruf, packten ihn in ein »puncheon«, ein Molasse-Fass, und ließen es nach Cape Breton treiben. So kam Hilfe – und kleine »puncheons« sind seither ein beliebtes Souvenir.
WRACKS ALS MATERIAL FÜR DEN HAUSBAU
Unter den 13 000 Französisch parlierenden Madelinots gibt es einige hundert, die Englisch sprechen. Viele sind Nachfahren von Schiffbrüchigen – rund 500 bis 1000 Wracks liegen rund um den zur Provinz Québec gehörenden Archipel auf Grund. Einige der Häuser auf den Inseln wurden aus den Planken von Wracks gezimmert.
WEITERE INFORMATIONEN
www.tourismeilesdelamadeleine.com
ZERKLÜFTETE STEILKÜSTE UND MALERISCHE FISCHERDÖRFCHEN – GASPÉSIE
Ein löcheriger Felsen als wahrhaft große Attraktion

Wenn es gilt, eine Liste mit den schönsten Touren in Kanada aufzustellen, ist eine Rundfahrt über die Gaspé-Halbinsel in der Provinz Québec immer dabei. Hier treffen sich Berge und See mit gleichermaßen großartiger Szenerie. Historie ist ebenfalls reich vertreten, auch wenn der selbst verliehene Titel »Kanadas Geburtsort« es an Respekt vor den Indianern, den Ureinwohnern, mangeln lässt.

Der Pointe à la Renommée-Leuchtturm ist einer der schönsten auf der Gaspé Peninsula.
Spanischen Piraten und einem französischen Liebespaar verdankt die Halbinsel Gaspésie ihr überaus fotogenes Wahrzeichen, den Rocher Percé. Der »durchlöcherte Felsen« ist auch der Höhepunkt einer Rundreise über die Gaspé, wie sie umgangssprachlich heißt, eine der schönsten Touren in der Provinz Québec. Deshalb soll die herzergreifende Geschichte vom Felsen noch warten, bis dieser erreicht ist. Die meisten Gaspé-Besucher fahren von Québec City am Südufer des St. Lawrence River via Rivièredu-Loup nach Rimouski und beginnen dort den etwa 800 Kilometer langen Rundkurs auf der »Route 132«. Rechtsrum? Linksrum? Nach rechts bitte und quer über die Halbinsel, dann rollt man auf deren anderer Seite immer an der See entlang. Aber schon die Fahrt durch das waldreiche und bergige Hinterland ist ein Erlebnis. Die wie ein dicker Daumen in die See ragende Halbinsel misst rund 30 000 Quadratkilometer, etwa so viel wie Belgien. Fast alle Siedlungen liegen an der Küste, eine der bekannteren Ausnahmen, die kleine Stadt Amqui, liegt an der Querspange vom St. Lawrence River zur Baie-des-Chaleurs. Der »Ort des Vergnügens«, so die Bedeutung des Ortsnamens in der Sprache der Mi’kmaq, bietet Touristen wenig, die meisten fahren nach einem Blick auf die überdachte Brücke und den hübschen zweistöckigen Bahnhof von 1903 weiter. Wer bleibt, hat meist die Lachs-Angelgründe im Matapédia Valley zum Ziel.

Die Klippe und die vorgelagerten Felsen bilden die Spitze der Halbinsel.

Le Grand Rassemblement sind 80 Betonskulpturen von Marcel Gagnon, die aus dem Meer zu steigen scheinen.
Jacques Cartier als Tourismusförderer
An der Baie-des-Chaleurs erfährt der Reisende, dass er an einer der »schönsten Buchten der Welt« angelangt ist. Kein Widerspruch, aber der Club war uns zuvor nicht bekannt. Drei Bretonen gründeten ihn 1997, was wohl erklärt, dass Frankreich bislang das Land mit den meisten Mitgliedern ist. Die »Warme Bucht« mit den langen Stränden erhielt ihren tourismusfördernden Namen 1534 von Jacques Cartier, der während einer Juli-Hitzewelle in die 120 Kilometer lange Seitenbucht des St.-Lorenz-Golfes einlief. Er war womöglich nicht der erste Europäer, der hier die Segel einrollte. Einiges spricht dafür, dass bereits 1010 der Wikinger Thorfinn Karlsefni hier mit drei Schiffen eingetroffen war: Die Schilderungen einer isländischen Saga passen gut auf die Verhältnisse in der Bucht. Ihnen folgten Franzosen und Acadiens, Schotten aus den kargen Highlands und vor der heimischen Hungersnot fliehende Iren. Das belegen bei der Weiterfahrt entlang der Küste die munter wechselnden englischen und französischen Ortsnamen. Freunde der Vorzeit können in Nouvelle Altes erkunden: Der Parc National de Miguasha ist zwar klein, aber dennoch ein UNESCO-Weltkulturerbe. Rund 15000 Fossilien aus dem Devon (vor 419 bis 358 Millionen Jahren) wurden dort bislang freigelegt. Ein neues Museum zeigt besondere Funde. Der nächste größere Ort an der »Route 132« ist Bonaventure, 1760 von Acadiens gegründet, die vor britischen Deportationsdrohungen flohen. Ein idealer Ort für das Musée Acadien du Québec in einer Schule für Jungen von 1914. Beliebt ist die Ausstellung »Bonaventure en Miniatures«, die viele historische Bauten der Stadt im Maßstab 1:12 darstellt. Weiter gen Osten auf der Uferstraße. Chandler ist der letzte Festlandshafen auf dem wöchentlichen Törn des Kreuzfahrtschiffes »CTMA Vacancier« zwischen Montréal und den Îles de la Madeleine. Die bereits 1729 gegründete Siedlung wuchs ab 1912, als der amerikanische Unternehmer Percy M. Chandler dort eine Papierfabrik gründete. Mit rund 8000 Bewohnern ist Chandler inzwischen die zweitgrößte Stadt der Gaspésie.
beherbergen die größte Basstölpel-Kolonie des Landes.
Bröckelnder Riese
Bei Chandler beginnt das weite Halbrund um die Gaspé-Halbinsel, auf der die »Route 132« via Percé und Gaspé zurück zum St. Lawrence River führt. Percé ist fraglos das touristische Epizentrum und bietet entsprechend viele gastliche Stätten für Schlummer und Schlemmer. Grund ist der eingangs erwähnte »durchlöcherte Felsen«. Er liegt wie vom Himmel gefallen vor dem Ort, 433 Meter lang, 90 Meter breit und bis zu 88 Meter hoch. Auf einer Zeichnung von 1760 zeigt der Sandsteinklotz zwei Durchgänge, einer brach aber 1845 zusammen. Der erhaltene Durchgang ist etwa 15 Meter hoch. Bei Ebbe kann man hinüberlaufen zum »Rock«, in seiner Nähe ist jedoch Vorsicht geboten, denn der Brocken bröckelt. In 16 000 Jahren, so schätzen Forscher, wird der Rocher Percé zerfallen sein.
Die Klippen von Bonaventure Island in der Gaspésie.
Und wie entstand er? Glaubt man der Legende von Blanche de Beaumont, ist er ein Zeichen großer Tugendhaftigkeit: Blanches Verlobter war von Frankreich auf die Festung Louisbourg kommandiert worden. Blanche, die die Trennung nicht mehr ertragen konnte, reiste ihm nach, um ihn in Neu-Frankreich zu heiraten. Ihr Schiff wurde aber von spanischen Piraten überfallen und deren Anführer wollte die Schöne zwingen, ihn zu heiraten. Sie sprang jedoch bei der Zeremonie über Bord und ertrank. Nebel umhüllte das Schiff, deshalb warfen die Korsaren Anker. Am nächsten Morgen fanden sie sich direkt vor einem mächtigen Felsen wieder, von dem Blanche sie anklagte. Sie versuchten, sich in Sicherheit zu navigieren, aber ihr Schiff zerschellte und alle kamen um. Später entdeckten die Fischer in dem kleinen Ort, dass ihnen über Nacht ein Fels zugewachsen war. Er ist heute gemeinsam mit der benachbarten Insel Bonaventure ein Nationalpark. Auf der Insel befindet sich eine der weltgrößten Brutkolonien für Basstölpel. Mehr als 110000 dieser Northern Gannets versammeln sich dort.
»Gespeg« – das Ende des Landes
Rund 70 Kilometer entfernt liegt nahe der Spitze der Halbinsel die Stadt, die ihr den Namen gab: Gaspé. Ihre gut 15 000 Bürger werben mit dem Slogan »Die Wiege von Französisch-Amerika« – mit gutem Grund, denn 1534 erklärte Jacques Cartier an dieser Stelle das Land zum Besitz der französischen Krone. Rechtlich gehört der benachbarte, 244 Quadratkilometer große Forillon-Nationalpark zum Stadtgebiet, seine in die See hinausragende Spitze markierte für die dortigen Mi’kmaq-Indianer »Gespeg« – das Ende des Landes. Für heutige Touristen ist das Kap ein eindrucksvolles Naturschauspiel, für die Seeleute von einst war es ein gefährliches Revier. Deshalb sichern viele Leuchtfeuer die Route nach Montréal, am Cap-des-Rosiers blinkt der 34 Meter hohe Leuchtturm über die See, der größte seiner Art in Kanada. Sainte-Anne-des-Monts ist rund 200 Kilometer entfernt und gilt als Tor zum Parc National de la Gaspésie mit den Chic-Choc Mountains. 25 Gipfel sind hier mehr als einen Kilometer hoch.
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ERLEBNISSE
AUF DEM APPALACHIAN TRAIL ÜBER DIE GRENZE
Am Cap Gaspé im Forillon-Nationalpark zeigt eine Plakette das Ende des »International Appalachian Trails« (IAT) an, eine Verlängerung des berühmten »Appalachian Trails« (AT) in den USA. Dort verläuft der Fernwanderweg über etwa 3500 Kilometer von Georgia bis Maine. Die Idee zur Verlängerung nach Kanada hinein entstand 1994, allein die Strecke durch Québec ist 650 Kilometer lang.
JACQUES CARTIERS KREUZ
Die Altstadt von Gaspé ist längst moderneren Bauten gewichen. Doch am Ufer wurden im Park »Berceau du Canada« (Wiege Kanadas) einige Häuser nachgebaut. Symbol der Anlage ist ein hohes Steinkreuz, dessen hölzernes Original Jacques Cartier 1524 dort errichten ließ. Im Sommer finden dort viele Veranstaltungen statt.
KÜCHE UND KULTUR DER MICMAC
Die Mi’kmaq-Indianer, vulgo: »Micmac«, haben auf ihrem Gelände bei Gaspé ein traditionelles Dorf und ein Sommerlager nachgebaut. Micmacs führen die Besucher durch die »Site d’interpretation de la culture Micmac de Gespeg«.
www.micmacgespeg.ca
WEITERE INFORMATIONEN
www.tourisme-gaspesie.com

Verkehrszeichen: Achtung, Elchtest nicht zu empfehlen.

Der Rocher-Percé zur »l’heure bleue«, der Blauen Stunde. Hier ist das »Loch« des Felsens gut zu sehen.
VOM ATLANTIK BIS ZU DEN GROßEN SEEN – ST. LAWRENCE RIVER
Mit Hochseeschiffen ins Herz Amerikas

Knapp 1200 Kilometer misst der St. Lawrence River – wenn man ihn erst ab Ausgang der Großen Seen misst. Andere Rechner kommen auf mehr als 3000 Kilometer. Gleichgültig, welchen Maßstab man zugrunde legt: Der Strom hat Kanada seit Ankunft der Europäer historisch, wirtschaftlich, kulturell und touristisch mitgeprägt. Heute ist er selber eine Attraktion für Millionen Besucher.
Ein Frachter bei Deschambault in Québec.
Zentimeterarbeit in den Soo Locks. Die MS Columbus ist mit ihren einklappbaren Brückennocks maßgeschneidert für den St. Lawrence Seaway. Es scheint, als passte nur ein Taschenbuch zwischen Schiff und Schleusenwand. Etwas mehr ist es schon. Unser Kreuzfahrer ist 21,50 Meter breit, alle Schleusen dieser Wasserstraße messen 23,80 Meter. Damals wehte die Flagge von Hapag-Lloyd über der Columbus, inzwischen kreuzt die Columbus unter der Flagge von Plantours und als »MS Hamburg« über die Weltmeere. Und zum Indian Summer mit seinen bunten Wäldern läuft sie auch wieder ein in die Großen Seen. Erneut ist das Einfädeln in die Schleusen eine Attraktion für die maximal 400 Passagiere.
Die »Hamburgerin« ist auf historischer Spur unterwegs. Seit Jacques Cartier 1535 erstmals in den St. Lawrence River einsegelte, hofften kühne Navigatoren und Entdecker, der Strom werde den Europäern einen kürzeren Seeweg nach Indien öffnen als die Fahrt um Afrika herum, was sich bekanntlich nicht erfüllt hat. Aber immerhin sollte die Wasserstraße die Erschließung der kanadischen Wildnis möglich machen – und später einen preisgünstigen Handelsweg ins Herz des Kontinents.
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