Kitabı oku: «Flieh zu den Sternen»
Eduard Breimann
Flieh zu den Sternen
Roman
Universal Frame
Alle Rechte vorbehalten
All rights reserved
Copyright © 2010
eBook-Ausgabe Copyright © 2013
Verlag Universal Frame GmbH, Zofingen
ISBN 9783905960082
Inhalt
Eins
Zwei
Drei
Vier
Eins
„Nick! Alte Lebensregel: Wenn du diese Scheißangst hast, dann lauf weg.“
Die Stimme war laut, pochte und klopfte an die Schädeldecke, wiederholte ständig „… dann lauf weg!“. Einen Augenblick lang dachte er, sein Freund stünde neben ihm. Immer wieder beschwor ihn die Stimme und löste doch nichts aus.
Die Beine bewegten sich Schritt für Schritt, führten ihn ohne sein Zutun auf das Tor zu. Die Halle, aus Beton errichtet, sah aus wie ein Bunker; nur das Tor und kleine Fenster, die verschmiert und undurchsichtig im Sonnenlicht lagen, lockerten die Front etwas auf.
Er war noch ein Stück weit weg von dem Bau, schaute auf das Tor und das Dämmerlicht, das dahinter sichtbar wurde, je näher er kam. Er glaubte den Moder zu riechen, der stärker geworden war, seitdem die Arbeiter die Halle verlassen hatten. Schon von weitem sah er die ölig glänzenden Betonplatten, die Schleifspuren, die Bootskiele geritzt hatten, wenn sie von den Slipwagen heruntergezogen wurden.
„Nie mehr! Nie mehr, geh ich da rein – nicht mit diesem Dreckskerl“, hatte er sich vorgenommen und das schwor er nach jedem Mal verzweifelter. Doch dann fühlte er umso schmerzhafter sein Versagen, begriff, dass seine Schwüre nur Luft waren, nichts als ein lauer Wind.
„Eher sterbe ich“, hatte er einmal zu Janosch gesagt. „Das ist kein Scherz.“
„Mach das lieber nicht. Dann fressen dich die Würmer und das macht auch keinen Spaß“, hat Janosch geantwortet und dabei seine langen Haare nach hinten geworfen und gegrinst. „Schlechter als tot sein geht gar nicht. Dann siehste auch nicht mehr so gut aus“.
„Doch, geht wohl! Janosch weiß gar nichts. – Manchmal ist der so kalt, versteht einfach nicht, wie das hier ist“, dachte er. „Ich sehe doch jetzt schon Scheiße aus.“
Er wusste nur zu gut wie er aussah. ‚Dürr’ sagte seine Mutter, ‚Schlackes’ nannten ihn andere Jungen – wenn sie nicht Krüppel sagten. In seinem schmalen Gesicht dominierten die großen wasserblauen Augen; sein aschblondes Haar hing ihm in die Stirn. Für den Friseur gab er nie Geld aus, das machte Janosch kostenlos mit einer Nagelschere. „Bist ein hübscher Junge“, sagte der hinter der Tür immer – und darum fand er sich hässlich.
Er spürte die Sonnenwärme auf dem Kopf und fror doch entsetzlich; Kälteschauer rannen vom Nacken bis zum Gesäß. Noch drei Schritte bis zum Toreingang, bis zum Dämmerlicht, und dann noch einmal gut fünfzig Schritte bis zur Hölle auf Erden.
Er stockte, genau auf der Grenze zwischen Dunkel und Hell, zwischen Leben und Tod, zitterte von der Kopfhaut bis zu den Zehen. Er hasste das alles, diesen Körper, der gegen seinen Willen benutzt wurde.
„Was wäre das schön, wenn man keinen hätte. Keiner könnte dann … Man würde einfach so ein Geist sein. Wofür braucht man den bloß? Für solche Schweine?“
Der Speichel schoss ihm in den Mund. Er bemerkte es nicht, war schon fast körperlos. Als er in die Halle trat, riss er die Augen auf. Er wusste, dass er für Sekunden blind sein würde, schaute hoch zu den Stahlträgern, auf die das Licht aus den hohen Fenstern fiel und an denen Ketten und Drahtseile hingen. Langsam weiteten sich seine Pupillen; schemenhaft sah er die Holzkisten, die leeren Werkbänke, die ringsum an den Wänden standen. Er wusste genau, wie sie aussahen; ihre Arbeitsplatten waren schwarz, verbrannt von Schweißflammen, überall glitzerten Eisenspäne und Riefen zogen sich kreuz und quer über die Platten.
Am anderen Ende der Halle glimmte eine von Staub und Fliegendreck halbblinde Lampe; ihr Licht fiel auf eine Eisentür und eine zweistufige Treppe. Wenn sie brannte, war Er da, der Stinker. Früher war dahinter das Meisterbüro gewesen. Früher! Jetzt war da das Grauen, das ihm die Albträume brachte. Im Raum hinter dieser Tür war Er.
Wenn diese Lampe brannte, dann wartete Er. Er wusste es; es war so sicher wie die Tatsache, dass ihn seine Mutter niemals Nick, sondern nur Nikolaus nannte, obwohl er den Namen hasste – fast so sehr wie den Stiefvater, die Drecksau, die ihm gerade in den Hintern trat.
„Nein, weniger. So viel wie den kann man gar nichts anderes hassen. Doch, kann man. Diesen da im Meisterbüro, den ja. Den noch viel mehr. Bis zum Himmel und zurück zur Hölle. Ich hasse beide. Ich hasse sie!“
„Dann tu was! Schlag die Drecksau tot, wenn sie besoffen ist. Stich den Stinker ab.“
„Oh, nein! Ich kann das nicht.“
„Mach! Los, Nikolaus Bregulla! Lahmer Krüppel!“
Am Anfang hatte er gedacht, der Mann, den er in Gedanken – und auch gegenüber Janosch -– nur ‚Stinker’ nannte, der würde dort wohnen, hinter dieser Tür. Der Mann hinter der Tür war aber nur da, wenn er in diese ehemalige Bootswerkstatt ging – wenn er hinein gehen musste. Nur dann brannte diese Lampe, nur dann war die Tür nicht verschlossen. Das alles hatten Janosch und er längst festgestellt.
Auf der Rückseite des Gebäudes gab es noch eine Tür; sah genau so aus wie diese. Zu der Tür führte ein Weg aus schwarzer Asche; er zweigte von der Straße ab, die von der Unterwarnow kam und vor dem breiten Werkstatttor endete.
Hinter der Halle war Platz für zwei oder drei Autos. Janosch war sicher, dass der Stinker aus Warnemünde oder aus Rostock kam und genau hier sein Auto abstellte. „Bestimmt eine Edelkarosse, die so leise fährt, dass du sie erst hörst, wenn sie dich schon überrollt hat“, sagte Janosch, der diese Kisten angeblich hasste, aber hin und wieder den Wunsch äußerte, damit mal über den Sachsenring zu brettern, bis der Motor kotzen müsste.
Nick schluckte die Spucke herunter und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. In den Oberschenkeln zuckten die Muskeln, in der Leiste spürte er ein Ziehen, das sich bis zu den Pobacken hinzog und in seinen Ohren rauschte das Blut so laut, dass er das Grunzen des Mannes kaum hörte.
„Mach voran! Wachs nich an, Krüppel.“
„Wenn du diese Scheißangst hast, dann lauf weg!“
„Ja, ja. Aber wohin? Ich kann nur zu den Sternen fliehen, nur zu meinen Freunden.“
„Du sollst nicht weglaufen. Tu was! Wehr dich. Oder willst du uns kaputt machen?“
Die Hitze in seinem Kopf war kaum zu ertragen. Er fühlte sie wie die Sonne, dachte, dass sie sein Gehirn verbrennen würde. Er hatte Angst vor der Hitze, wusste nichts damit anzufangen. Er hasste diese Furcht, diese Scheißangst. Davon kam das doch alles.
„Wenn du diese Scheißangst hast, dann lauf weg. Lauf einfach weg. Auch wenn deine Beine nicht wollen. Lauf! Du bist schnell. Hau einfach ab“, sagte Janosch immer wieder; einen anderen Rat konnte der ihm auch nicht geben.
„Abhauen?“, fragte er sich flüchtig und ging trotzdem weiter, lief nicht weg. Wohin denn auch? Er musste es hinnehmen; abhauen war nicht. Wenn der Alte ihn einmal hatte, gab’s kein Entkommen mehr. Janosch hatte gut reden. Der da hinter ihm, der ihn mit den Fäusten durch die Halle trieb, dabei wie ein Schwein grunzte, der ihn Krüppel nannte und mit dem Knie in den Hintern stieß, der hatte hier und zu Hause das Sagen. Da gab’s nichts dran zu mäkeln. Nichts.
Er ging langsam weiter, tat so, als müsse er Ölflecken und Putzwolle ausweichen. Einfach Zeit gewinnen, obschon es ja nichts brachte.
„Zeit! Zeit! Vielleicht haut der Stinker ja ab, weil’s ihm zu lange dauert. Vielleicht fällt ein Flugzeug vom Himmel, direkt auf die Halle. Vielleicht geht die Welt unter. Vielleicht … Langsam, Nick!“
Neben der Tür lagen dicke Taue, aufgerollt, verdreht, ordentlich hoch gestapelt, wie Reifen. Da konnte sich ein dürrer Junge, so einer wie er, durchaus drin verstecken, ohne dass auch nur ein Haarbüschel rausschaute. Daran hat er schon mal gedacht. Flüchtig. Nur für alle Fälle. Neben und hinter den Tauen lagen Flaschenzüge und eine Menge von diesen Holzkisten gab‘s, die überall in der Halle herum standen. Niemand holte die ab, interessierte keinen. War ja auch nur Zeug drin, was keiner gebrauchen konnte: nicht mal Janosch. Lange, grob gezimmerte Kasten waren das, deren Inhalt sie untersucht hatten. Absolut nicht, was sie gebrauchen konnten. Das hieß schon was, denn sie konnten eine Menge gebrauchen. Sachen, die andere einfach wegwarfen: Nägel Schrauben oder gebrauchte Putzlappen.
Stattdessen waren da verbeulte Signalhörner, Ketten, Fallenstopper, verrostete Relingbeschläge, eine zerdepperte rote Positionsleuchte – „für Backbord“, hat Janosch gewusst–, abgenutzte Deckbürsten, Holzkeile und Eisenstangen für die Reling.
Auf der vordersten Kiste, direkt neben dem Gang zur Tür, lag ein Stück Tau. Hatte er selber dort abgelegt, quasi als Prüfmerkmal, ob einer dran gewesen war an der Kiste. In der war allerdings was drin, was schon einer gebrauchen konnte, etwas, was da normal nicht rein gehörte. Nur ein Gegenstand. Den hat er beim letzten Mal dort versteckt, als er mit Janosch hier war, um was über den Stinker zu erfahren. Hatte aber nichts gebracht. Rein gar nichts brachte die Suche nach dem Stinker, es war wie verhext.
Sie haben alles untersucht, nur den Raum am Ende der Halle nicht. Da kamen sie einfach nicht rein, der war durch diese Eisentür abgeschlossen – und innen zusätzlich noch mit Sperrbalken verrammelt. Bei der Tür draußen war’s genau so unmöglich.
„Etwas gibt es aber. Jeder Gangster macht Fehler. Nur finden müssten wir das“, hat Janosch behauptet.
„Beim nächsten Mal, also wenn ich davon weiß, dann flitze ich hinter die Werkstatt und versteck mich. Wenn dort eine Luxuskarre steht, schreib ich die Nummer auf. Dann haben wir das Schwein am Wickel. Wir erpressen den. Entweder der zahlt, oder wir zeigen den an. Der legt glatt eine Million hin, sollst sehen.“
Während Janosch sich mit einem Kettenzug durch die Halle schaukelte und „Störtebecker“ schrie, hat er das Springmesser in diese Kiste gesteckt. Leise, sehr leise, hat er es in den Holzboden der Kiste gedrückt – griffbereit. Mit einem Öllappen hat er es zugedeckt, und das Taustück auf die Kiste gelegt. Wofür? Er hatte keine Ahnung – höchstens ein Gefühl. Wie bei den Taurollen. Für alle Fälle eben.
Er schielte zur Kiste, berührte sie leicht mit der Außenseite des Turnschuhs, zwang sich, geradeaus zu schauen, auf den dreckigen Boden. Der Beton glänzte fettig. Ölschlieren färbten den Boden. Er dachte flüchtig an seine Turnschuhe, die nachher wieder diese elenden Flecken haben würden.
Von der Decke hingen Ketten mit Haken. Eine Laufkatze ohne Motor endete direkt vor der Tür. Der Raum roch nach Öl, altem Fett und geschichtetem Dreck. Er saugte den Geruch tief ein; hinter der Tür würde er nicht mehr atmen. Er verharrte vor der Eisentreppe und blickte auf das Metall der Tür, von dem die Farbe abblätterte. Seine Beine zitterten wie verrückt und im Mund war jetzt keine Spucke mehr.
„Mach! Los! Auf wat warteste?“, sagte der Mann hinter ihm und gab ihm einen Stoß zwischen die Schulterblätter.
Er fiel nach vorne, stützte sich auf der Treppenstufe ab und wollte gerne sterben. Jetzt, sofort. Nichts als tot sein konnte er sich wünschen; der einzig denkbare Ausweg aus dieser Scheiße.
„Sternenfreunde, wo seid ihr. Helft mir!“
„Soll ick dir Beine machen, Krüppel?“
Das Licht der Drahtgitterlampe reichte gerade, um die Tür und die zwei Stufen zu beleuchten. Er wusste, der Raum dahinter war fensterlos, würde noch dunkler sein als die Halle. Seine Hand war gefühllos, als er die Klinke herunter drückte; die Tür schwang lautlos auf. Der Raum war fast völlig dunkel. Die zwei Wandlampen mit roten, sehr dichten Schirmen, drüben an der anderen Wand, konnten die Dunkelheit nicht brechen; sie warfen rötliches Licht auf das Kopfkissen. Das Bett, fast so breit wie der ansonsten leere Raum, war das einzige Möbelstück.
Undeutlich erkannte er den Umriss der anderen Eisentür, direkt neben dem Bett. Diese Tür war abgeschlossen. Beim ersten Mal hat er versucht zu türmen, hat wie irre an der Klinke gerüttelt. Das war, als der Stinker ihn angefasst hat, als er Sachen verlangt hat, die er nicht tun wollte. Er hat es dann doch getan. Aber erst, als er nicht mehr anders konnte, weil er sonst sterben musste. Ihm wurde immer schlecht, richtig übel, so vom Bauch her, wenn er daran dachte.
„Komm her! Du bist spät dran, Kleiner. Hab nicht ewig Zeit.“
„Ich sterbe. Ich kotze. Ich möchte eine kleine Maus sein, eine Schabe, eine Spinne. Weg! Weg!“
„Steche ihm die Finger in die Augen. Mach was!“
„Ich kann nicht.“
Die Stimme von dem Stinker war eigentlich angenehm, nicht laut, hatte Volumen, klang harmonisch. Er hörte sie noch eine ganze Zeit danach und dachte immer, der Mann müsse riesig sein, mit einem Brustkorb, so groß wie ein Fass; nur wegen der Stimme.
Die Luft im Raum war angefüllt mit diesem Geruch; ihm war, als schwimme er darin, als müsse er darin ertrinken. Es war das, was sein Alter, der jetzt draußen vor der Tür stand, ‚Nuttenparfüm’ nannte. Seine Mutter hatte mal so was in der Art drauf gehabt, als sie aus der Stadt kam. Hatte zwar anders gerochen als das hier, aber es hatte ihn genau so benebelt. Dafür hatte sie von ihrem Kerl ordentlich Prügel gekriegt. „Nutte“, hatte der Alte sie genannt und den Geruch deshalb „Nuttenparfüm“ geschimpft.
Ihm war, als könne er ihn anfassen, ihn wegwischen oder wegpusten. Er hüllte ihn ein, drang durch die Nase und in den Rachenraum. Er wusste nicht, dass er diesen Duft in seinem ganzen Leben nicht vergessen würde, wusste nicht, dass die Duftstoffe über Riechepithel, bipolare Rezeptorzellen und Axone in sein Gehirn gelangen und sich dort einlagern würden – für sein ganzes Leben. Er ekelte sich vor dem ‚Gestank’, wie er ihn nur nannte – wie vor dem Mann, der im Dunkeln auf ihn wartete.
Noch nie hat er den gleichen Geruch draußen bemerkt; nicht in ihrer Wohnung und nicht in der Siedlung. Aber er wusste, dass er ihn nie mehr vergessen würde. Nie! Das wusste er so sicher, wie sonst nichts.
„Komm Kleiner, komm. Sei lieb zu mir.“
Er atmete nicht mehr durch die Nase, zog die Luft flach durch den Mund, stakste voran, zögerte, setzte noch einen Schritt vor, wartete. Hinter ihm knallte die Tür zu; der Sperrriegel ratschte über das Blech. Er sah den Stinker nicht, fühlte den Luftzug, als er dicht an seiner linken Seite vorbei ging.
„Gefangen! Keiner da, der mir hilft. Ich bin nicht mehr Nick. Doch! Ich fliehe. Ich geh zu meinen Sternenfreunden, zum Königsstern. Lass den hier machen, was er will. Ich bin nicht mehr hier. Er kann mich nicht festhalten.“
In seinem Kopf tat sich was. Er spürte die heiße Hand, die ihn zog, an seinen Sachen zerrte. Im Kopf tat sich was. Eine Welle, heiß, irre heiß, schoss durch den Schädel.
„Selbstmitleid hilft dir nicht. Du musst dich wehren. Hättest du bloß das Messer genommen, du Feigling. Ich hätte es ihm schon gesteckt.“
„Nein! Ich kann so was nicht. Nicht so was!“
„Tue’s! Verdammt, wir gehen sonst kaputt! Tue’s!“
„Nein! Nein!“
In seinem Kopf war Streit. Die Gedanken tobten wie wild und bewirkten nichts. Er wusste genau, was er tun musste – was. Er mit ihm tun würde. Er atmete nicht mehr.
Das Tageslicht blendete ihn, die Sonne stand schräg am Himmel; es war wohl schon Nachmittag. Sein Stiefvater stand vor der Hallentür; der Schatten fiel lang in den Eingang. Nick hielt die Rechte auf die Brust gepresst, wo er die schlimmsten Schmerzen hatte; es brannte wie Feuer.
„Brenne, brenne, Satan!“, hatte der Stinker gerufen, als er ihm das Kreuz in die Haut geritzt hatte.
„Oh, mein Gott, wie schön“, hatte der Stinker gestöhnt, als das Blut an seinen Seiten herunter lief.
Mit einem messingfarbenen Kreuz, mit gezacktem Querstück, hatte er ihm das Mal auf die Brust geschnitten und es danach bestimmt zehn Mal geküsst. Er hatte so starke Schmerzen gehabt, dass er vom Königsstern herunter kommen musste. Er hatte geglaubt sterben zu müssen und da wollte er lieber dabei sein, wenn’s soweit war.
„Gib her, Bursche! Wat hatta dir gegeben, der Arsch?“
Er ging steifbeinig durch die Halle auf den Mann zu, hielt ihm die beiden Scheine hin, die an seiner schweißnassen Hand klebten. Der Mann riss das Geld an sich, hielt es vor die Augen. Schwankend stand er da, zwinkerte mit den Augen, die ihm immer wieder wegrutschten.
„Zzz, Zzz. Zwo Fuffzicher! Na also! Hat sich dat doch überlegt, die Sau, wat ick dem angedroht hab. Hätte dem auch wat erzählt, wenn der nich verdoppelt hätte. Kannst dir ’ne Cola holen. Da.“
Der Mann, der sich sein Vater nannte, rülpste und schwankte, hielt ihm ein Geldstück hin; die Hand pendelte, bewegte sich vor seinem Gesicht hin und her, flatterte im gleichen Rhythmus wie der Stiefvater, der Mühe hatte, senkrecht zu stehen. Nick schlug die geballte Faust unter die Hand, blickte dem Geldstück nicht nach, das mit Lichtblitzen in die Luft flog, drehte weg und sprintete los, raus aus der Werkstatt, auf die ‚Tote Straße’. Die wütenden Schreie hinter ihm verhallten.
Die ‚Tote Straße’. So nannten sie das Asphaltstück, die ehemalige Zufahrtsstraße, die jetzt nirgendwo hin führte und die bei der Bootswerkstatt immer schmaler wurde, weil Gras und Unkräuter sich Jahr für Jahr von den Rändern aus vorarbeiteten und den Asphalt zerbröselten.
Er wurde langsamer, als er die ersten Stiche in der Seite spürte. Er konnte gut laufen, war schnell, weil er so oft auf der Flucht war.
„Wie eine Antilope in Afrika. Kennste die? Die sind auch immer auf der Flucht“, hatte Janosch gesagt, als er gesehen hatte, wie er vor der Drecksau weggelaufen war.
Er schaute sich um, glaubte weit genug weg zu sein. Der Dreckskerl war so besoffen, dass er ihn nicht einholen würde. Langsam setzte er sich auf den sonnenwarmen Bordstein und schaute noch einmal sichernd zurück zur Werkstatt. Von der Drecksau war nichts zu sehen. Weit hinten sah er den Ascheweg, der zum Fluss führte.
Von dort hatten sie früher die Boote hochgezogen. Damals brachten die Eigner sie, wenn sie repariert oder auf Hochglanz gebracht werden sollten, mit Trailern oder Slipwagen von der Unterwarnow zur Werkstatt. In Warnemünde, wo sich die ‚feinen Pinkel aus Berlin’ – so nannte Janosch die – ihre Luxusbuden gebaut hatten, gab’s jede Menge von diesen Jachten. Aber irgendwann war es vorbei gewesen. Sehr plötzlich, keiner hatte vorher was geahnt, wurde die Werkstatt geschlossen. Der Besitzer wurde verhaftet – keiner wusste warum – und die Arbeiter trafen sich ab sofort nur noch auf dem Arbeitsamt, das sie heute Agentur nannten, und machten da ihre Frühstückspause mit Broten, Thermoskanne und Bild-Zeitung. Seit der Zeit waren viele Männer aus der Siedlung arbeitslos. Na ja, und darum trafen sie sich in irgendeiner der Kneipen; meistens im ‚Störtebecker’, dieser versifften Kneipe, draußen im „alten Dorf“, da wo man anschreiben lassen konnte.
Das mit der Schließung war aber schon ein Jahr her und er konnte sich nicht mehr so richtig daran erinnern. Nur Janosch, dessen Vater früher auch hier gearbeitet hatte, der wusste es noch genau; er hatte sogar zugesehen, als sie das letzte Boot rausschleppten.
Nick betrachtete seine alten Turnschuhe, rubbelte sie aneinander, versuchte den Schmutz abzureiben. Es gab Jungs in der Siedlung, die mit ihren Tretern angeben konnten, die damit prahlten, dass sie nie was anderes anziehen würden als diese mit den drei Streifen. Deren Eltern verdienten gut, hatten Jobs in Warnemünde, bei der Werft oder in Restaurants, in denen sie von den Touristen dicke Trinkgelder erhielten. Das war eine andere Liga, mit denen konnte er nie reden; die schauten auf seine Füße und wussten Bescheid.
„Mit wem kann ich denn überhaupt reden?“, dachte er. „Nur mit Janosch, sonst mit niemandem. Auch nicht über meine Schuhe, die langsam auseinander fallen und über diese Scheiße sowieso nicht.“
Am Anfang hatte er überlegt, ob es einen geben könnte, den er um Hilfe bitten, der ihn beschützen könnte. Sogar an die Bullen hatte er kurz gedacht; aber nur ganz kurz. Dann war ihm aber klar geworden, was ihm drohte, wenn er es machen würde, wenn er tatsächlich jemandem von diesem „Pädophilen“, wie Janosch den nannte, erzählen würde; etwa dem Handballer vom Jugendamt. Das hatte ihm die Drecksau klar gemacht, hatte es ihm oft genug gesagt.
„Heim kriegste dann. Heim ist zig Mal schlimmer als Knast. Ick kenn dat!“ Der wusste Bescheid.
„Nie! Nie, werde ich einem was davon sagen können. Nie, nie geh ich ins Heim. Dann lieber das. Nein, das auch nicht. Lieber tot. Nur dem Janosch, dem ja, dem musste ich’s so ungefähr sagen. Dem musste ich’s erzählen. Der wusste es doch sowieso, ganz bestimmt wusste der es“, dachte er und war sicher, dass das gut war.
Nicht alles hatte er ihm sagen können, nein, das nicht. Das konnte und wollte er nicht mal denken. Er schämte sich so schon genug. Das legte er in einen Kasten in seinem Kopf, schloss ihn ab und warf den Schlüssel weg, damit er die Bilder nicht im Tagtraum sehen musste. Trotzdem büchsten die in der Nacht aus, krochen aus dem Kasten und überfluteten ihn.
„Stinker!“, hatte Janosch gesagt und auf den Boden gerotzt, als er genug wusste.
Besonders schlimm war das erste Mal gewesen. Da hat er noch nicht geahnt, was man alles mit ihm machen würde. Gut, seinen Stiefvater hat er da auch schon nicht gemocht – aber wegen anderer Sachen – und ihm fast jeden Scheiß zugetraut.
„Wäre ich damals bloß weggerannt“, hat er zum Janosch gesagt und erzählt, wie ihn die Drecksau, also der Stiefvater, zur Bierbude mitgenommen hat.
„Dann wär’s am nächsten oder übernächsten Tag passiert. Vor so was kannste nicht ewig weglaufen“, hat Janosch mit finsterem Blick gesagt. „Das kannste nur mit Gewalt beenden, wenn du weißt, was ich meine. – Aber erzähl mal. Wie hat der das gemacht?“
„Wie schon! Kriegst ’ne Limo. Kannst dir aussuchen, ob gelb oder grün, sagte der im Treppenhaus zu mir.“
Er hatte es kaum glauben können. Noch nie hatte der ihm was spendiert; auch keine Limo. Überhaupt nichts bekam er von dem – außer den Lederriemen. Aber der kaufte tatsächlich eine gelbe Limo.
„Komm mit nach hinten, hinter die Bude“, hat er zu ihm gesagt, als sie den Kiosk erreichten, wo ein paar dreckige Säufer seinen Stiefvater angrinsten; hinter der Bude war nur Wiese mit wilden Büschen. „Muss nicht jeder sehen, dat ick ne Bierpulle hab. Sonst fangen die an zu betteln, die Arschlöcher.“
Dann, hinter der Rückwand der Bude, als er gerade die Limoflasche in den Mund gesteckt hat, hat er ihn am Kragen gepackt und quer durchs Gebüsch, den ganzen Weg zur alten Bootswerkstatt, vor sich her geschoben; in der einen Hand seinen Nacken, in der anderen ein Handy.
„Meine Limo! Die war noch halbvoll“, hat er gerufen, als die ihm aus den Händen gerutscht und ins Gras gefallen ist.
„Halt dat Maul, Krüppel“, hat sein Stiefvater nur gesagt und eine Nummer ins Handy getippt.
„Bin bald da! Bring aber dat Moos mit. Allet klar!“, hat er ins Handy gequatscht
„Mann! Was hab ich denn gemacht?“, hat er den Stiefvater mit schlechtem Gewissen gefragt, weil er eben immer etwas gemacht hat.
Aber der hat nur gesagt: „Halt die Klappe, Krüppel. Wirst schon sehen. Is allet okayKriegst auch wat dafür. Flenn gefälligst nich. Siehs nich gut aus, wenn de verheult bis, verstehste? Dat mag der nich.“
Nein, das hat er nicht verstanden, überhaupt nichts hat er begriffen. Wen störte es, wenn er verheult war? Deshalb war die Angst in seinem Bauch immer höher gestiegen, bis in seinen Hals hinein. Fast hätte er sich in die Hose gemacht vor Unsicherheit und Furcht. Verdammt, was war das damals für ein Gefühl gewesen. Ein Scheißgefühl eben.
Irgendeinem musste er es danach einfach sagen. Sonst hätte es ihn zerrissen. Also hat er es Janosch erzählt; aber auch nur, weil der das Mal gesehen hat. Janosch sah und verstand alles; fast alles. Er war seit einiger Zeit sein Freund; sein einziger Freund auf dieser Welt. Wenn der nicht gewesen wäre, dann … Obwohl der Janosch manchmal zu ihm Sachen sagte wie ‚Looser’. Das sagte er aber nie um ihn zu ärgern. Das nicht.
„Kleiner, du bist ein Looser“, sagte er zum Beispiel, wenn ihn die von der Gang bei ihrem Völkerballspiel wieder mal als Ball benutzt hatten und ihm alle Rippen weh taten. Dann setzte er nach: „Wenn dir keiner hilft, dann bleibst du einer.“ Trotzdem mochte er Janosch.
Der Pfiff wollte gar nicht aufhören; er glaubte sogar das Quietschen der Bremsen zu hören. Weit hinten, da wo der bleigraue Himmel aufhörte, da war die Bahnlinie, auf der die S-Bahn fuhr. Das Motorgeräusch übertönte das Quietschen der Bremsen, wurde lauter und entfernte sich dann. Er hob den Kopf und schaute zurück, dahin, wo sich die Gebäude der Bootswerkstatt befanden. Er konnte sie von seiner Position aus nicht sehen, sie wurden von Gebüsch und Kiefern verdeckt. Ein weißer Sportwagen fuhr über den Ascheweg in Richtung Unterwarnow. Normalerweise hätte der über die ‚Tote Straße’, also an ihm vorbei, fahren müssen, wenn er nach Neu-Schwatoo wollte. So kam er jedenfalls nicht dorthin, höchstens nach Warnemünde.
„Das ist der Stinker. Das ist der! Jetzt müsste Janosch da im Gebüsch stecken und sich die Nummer von dem merken. Scheiße!“, dachte er und sagte laut „Du beschissener Stinker!“ Besser wurde ihm dabei nicht.
So oft hatten sie schon überlegt, wer das sein könnte, der Kindern missbrauchte und auch das Geld hatte, um die Drecksau zu bezahlen, die ihm die Jungen brachte. Wer hatte schon so viel Geld hier in der Siedlung? Kaum einer. Wenn, dann würde der das höchstens für Schnaps ausgeben – „oder für Addidasschuhe“, hatte er zu Janosch gesagt. Höchstens!
„Mann! Du musst den doch erkennen. So oft haste den schon gesehen, oder nicht? Wie sieht der aus?“, hat Janosch ihn gefragt.
„Fett. – Nein, mehr weiß ich nicht; mehr will ich nicht wissen. Irgendwie riesig und fett ist der.“
Janosch hat ihn ausgefragt, förmlich ausgequetscht, um etwas zu finden, bei dem sie anpacken konnten. Aber er wusste es nicht, wollte es nicht wissen.
„Ein dicker Kerl eben. Klamotten hab ich auch keine bei dem gesehen; der war ja nackt. – Halt! Da ist was! Stinken tut der! Nach etwas, von dem dir schlecht wird. Sauschlecht. Machen doch sonst nur Weiber, oder? Bin jedenfalls froh, dass ich seine Fratze nicht sehen musste. Träum sonst noch von dem.“
„Stinken tut der?“, fragte Janosch mit rollenden Augen. „Ist mehr als nichts. Wer weiß. Jedenfalls nennen wir das Schwein jetzt ‚Stinker’. Einen Namen muss alles haben, über das man reden will. Ich sage dann: ‚He, Nick. Den Stinker kriegen wir auch noch. Okay?“
„Okay“, hat er geantwortet und wenn er danach an diesen Mann dachte, war das Wort ‚Stinker’ in seinem Kopf.
„Hör zu, Kleiner“, hat Janosch beim letzten Mal gesagt. „Hör genau zu. Sei nicht sauer, verstehst du? Ich bin eben so was wie dein großer Bruder. So einer muss manchmal Sachen sagen, die sich nicht so gut anhören. Okay? Pass also auf und sei nicht sauer. – Du bist mein Freund. Okay? Du bist erst dreizehn und ich schon Fünfzehn. Dein Stiefvater ist ein Dreckskerl, der unter die Erde gehört. Okay? Der Typ, der das mit dir macht, dieser Stinker – wer immer das ist –, gehört da auch hin, aber vorher aufgehängt. Okay? Du bist schwach wie ein Mädchen, ohne Muckis und so, und deine Hand … Okay? Gut! Du bist nicht beleidigt? – Also: Wenn das aufhören soll, wenn du das hinter dich bringen willst – du willst doch? Dann brauchst du einen, der dir hilft, der die Scheiße irgendwie beendet. Okay? Ich bin der! Dann musst du aber auch das tun, was ich dir sage. Okay?“
„Mann, Janosch. So viele Sachen auf einmal. Ich hab nur ‚okay’ verstanden.“
„Macht nichts. Hauptsache, du bist mein Freund und machst, was ich dir sage. Okay?“
Mit dem linken Arm wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und legte den Kopf auf die Knie. Die Wunde auf der Brust brannte. Er wusste, dass er alles falsch machte, anders ging’s gar nicht. Janosch hatte schon Recht, wenn er ihm sagte, er müsse was dagegen tun, von alleine käme so was nie in Ordnung. Auch der ‚Andere’, der da in seinem Kopf ständig dieses Schuldgefühl machte, der sagte ihm das auch oft. Ja, er war ein Versager und an dem, was der Stinker mit ihm machte, daran war er auch Schuld, wenigstens teilweise. Anders ging’s gar nicht.
Nach jedem Mal dachte er daran, dass er wieder versagt hatte – und dann war er sicher, dass er die Schuld an dieser Sache hatte. Warum war er denn derjenige und nicht ein anderer Junge? Das kam doch nicht von alleine. Andere Jungs gab’s doch genug in der Siedlung. Solche, die keine Krüppel waren. Solche, denen es vielleicht weniger oder nichts ausmachen würde. Etwa der Dirk oder ein anderer aus der Bad Place Gang. Die heiße Welle schoss vom Hals her in den Kopf, drückte alle Gedanken an die Seite.
„Du hättest es auch tun können. Es wäre die Lösung gewesen. Du bist ein feiger Arsch, bist du. Du verrätst uns.“
„Nein! Dieses verfluchte Messer. Dafür hab ich’s nicht geklaut. Nicht für so was! Warum denke ich‚ uns’?“
Es war wirklich nicht sein Messer. Es stammte von diesem Dirk, der zur Bad Place Gang gehörte. Wahrscheinlich war er sogar ihr Boss. Aber das wusste Nick nicht genau. Die Jungs taten geheimnisvoll und wenn einer zuviel fragte, konnte er was auf die Nase kriegen – oder wurde beim Völkerball als Ball benutzt.
Dieser Dirk hatte damals angegeben wie ein Sack Seife, wie zehn Sack. Keiner sei so treffsicher beim Messerwurf wie er, hat er so laut getönt, dass er es auf der anderen Straßenseite, hinter dem Haltestellenunterstand, hören konnte.
Dieses Messer sei das Beste von der Welt; unter Einsatz des Lebens geklaut, im Waffengeschäft ‚Bresser’ in Warnemünde, hat er erzählt und sich dabei grinsend, Beifall heischend, bei seinen Gangmitgliedern umgeschaut.