Kitabı oku: «Tod in Jerusalem», sayfa 2
KAPITEL EINS
DER KAMPF UM DAS LAND
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Der seit einem Jahrhundert andauernde, erbarmungslose Konflikt zwischen den Juden und den Arabern birgt auch einige Widersprüchlichkeiten und völlig naive Situationen, die die berechtigte Frage nach dem Sinn und der Bedeutung dieser Feindseligkeiten nahelegen.
Zu einer solchen Situation kam es eines Tages auf der syrischen Front, während sich die Soldaten beider Kriegsparteien ausruhten. Die Syrer waren auf einer Anhöhe und hatten einen guten Überblick über das, was unten vor sich ging. Die jüdischen Soldaten ruhten sich aus und zogen ihre Schutzwesten und Helme aus, was gegen die Regeln verstieß. Als die Syrer bemerkten, dass sich die Offiziere des Hauptquartiers mit dem Jeep dem jüdischen Posten näherten, warnten sie die jüdischen Soldaten mit lauten Rufen. Einige jüdische Soldaten, die Arabisch sprachen, verstanden die Warnung. Rasch zogen alle ihre kugelsicheren Westen an und setzten die Helme wieder auf, sodass sie ihre Vorgesetzten in vorschriftsmäßiger Montur erwarteten.
1.
Die israelische Regierungschefin Golda Meir wurde bei einer Gelegenheit gefragt, welches Ereignis in ihrem Leben sie entscheidend beeinflusst hatte, Amerika zu verlassen und nach Palästina zu emigrieren. Darauf gab sie eine etwas vage, eher philosophische Antwort: „In meinem inneren Wesen war ich schon immer in Palästina. Ein konkretes Ereignis, das mich dazu bewogen hätte, in mein Vaterland zu reisen, hätte jedes beliebige sein können, denn ich wäre ohnehin früher oder später nach Palästina gekommen. Ich gehöre zu einem Volk, dessen Schicksal vorbestimmt ist. Was immer ich auch tue, wo immer ich mich bewege, bleibe ich immer im Rahmen meines biblischen Erbes.“
Es ist, so scheint es, eine jede Sache bzw. Person einfacher, als das Wesen des jüdischen Volkes zu begreifen, denn alles verkompliziert sich, wenn es sich um die Juden handelt. Selbst harmloseste Ereignisse nehmen alttestamentarische Ausmaße an. Was wären denn die Juden ohne Gott und das Bündnis mit ihm, ohne Adam und Eva, ohne Abraham, die Sintflut, Moses und die zehn Gebote, ohne David und Goliath, Salomo, Simson und Delila, ohne den ersten und den zweiten Tempel, ohne Pogrome, den Holocaust und die fürchterlichen Vorurteile über dieses Volk?
Gänzlich unbegreiflich für Außenstehende ist obendrein der unerschöpfliche Trieb der Juden zur Rückkehr in das von Gott „verheißene Land“.
Im Laufe der Geschichte hatten nämlich Hunderttausende Juden, die in der Welt zerstreut gelebt hatten, manchmal auch völlig ohne Grund und Anlass, ihre Heime, die sie über Jahrhunderte bewohnt hatten, verlassen, um sich an einem einzigen Ort auf der Erde, nämlich im Eretz Israel, niederzulassen.
Der unnachgiebige Wunsch zur Rückkehr ist bei diesem Volk ein Jahrtausendtraum, für dessen Verwirklichung kein Opfer, auch nicht das eigene Leben, zu groß ist. Dieser Traum ist ein Teil der Hoffnung, die mit dem traditionellen Abschiedsgruß „Nächstes Jahr in Jerusalem“ als kollektives Gebet ausgedrückt wird.
Die jüdische Besiedelung dieses Erdteils löste naturgemäß großen Widerstand der lokalen arabischen Bevölkerung aus.
Bea hatte den gleichen Traum wie Golda Meir, und sie verfolgte ihn in ihrem Leben, das sie zum Teil in Palästina verbrachte. Daher scheint es zweckmäßig, hier einen kurzen Rückblick in die Geschichte zu machen, um zu erfahren, wie die biblische Region des alten Israel den Namen Palästina, der über Jahrhunderte erhalten blieb, bekommen hatte.
***
Vor rund zweitausend Jahren versuchte Rabbi Akiba, der größte jüdische Gelehrte seiner Zeit, seinen Freund Simon bar Kochba, Sohn des Sterns, mit all seiner Leidenschaft davon zu überzeugen, dass die Zeit für einen Aufstand gegen die Römer reif war.
„Wir schreiben das Jahr 132. Es sind bereits 70 Jahre seit dem Aufstand von Schimon bar Giora (dem Starken) vergangen, der gegen den römischen Kaiser Titus Jerusalem verteidigt hat und später in Rom hingerichtet wurde. Die Römer unterdrücken und demütigen uns auf jede nur erdenkliche Art. Die meisten Juden leben weltweit zerstreut, und wir sind nicht mehr viele. Die Römer wollen uns mit ihren Steuern aushungern, sie verspotten unseren Glauben und zerstören unsere Tempel. Du bist ein Zelote, ein Kämpfer, das Volk liebt dich und vertraut dir. Wenn du dich nur dazu entschließt, werden sie zu dir stehen und die Römer und ihren Kaiser Hadrian vertreiben. Wir haben nichts mehr zu verlieren, außer Ketten, welche uns die Römer angelegt haben.“
„In Ordnung, mein Freund, wir werden uns erheben, aber auch du musst dich klar zum Aufstand bekennen.“
„Das ist wohl selbstverständlich.“
Zwei Jahre später, im Jahr 134, spricht Bar Kochba zu Rabbi Akibi: „Wir haben es geschafft. Wir haben die Römer vertrieben. Das Volk ist uns zugeneigt. Wir haben Judäa, Samaria und Galiläa vereint. Israel ist wieder ganz.“
Ein Jahr später, im Jahr 135, spricht der römische General Sextus Iulius Severus zu seinem Kaiser Aelius Hadrianus: „Es hat uns drei Jahre gekostet, doch wir haben den Aufstand der Juden niedergeschlagen. Ich habe Bar Kochba mit meinen Legionen in die Festung Beth-Ter bei Jerusalem getrieben und ihn eingekesselt. Einer seiner Hauptmänner hat ihn verraten und uns einen geheimen Eingang gezeigt. So konnte ich sie mit meinen Männern überraschen, wir sind eingefallen, haben die Bewohner niedergestreckt, die Festung dem Erdboden gleichgemacht und Bar Kochba getötet. Was soll ich als Nächstes tun?“
„Töte alle Juden, die du in der ganzen Provinz finden kannst! Zerstöre all ihre Städte und Dörfer.“
„Das sind doch mehr als eine halbe Million Menschen, fünfzig Städte und an die tausend Dörfer!“
„Lösche sie aus, verwüste ihre Siedlungen! Am Heiligen Berg in Jerusalem reiße ihren Tempel nieder und lasse einen Tempel zu Ehren unserer Götter errichten. Falls welche überleben, verbiete ihnen, die Tora zu studieren und Jerusalem zu betreten. Diese Provinz, die sie Israel nennen, soll von nun an Palästina heißen und ein Teil von Syrien sein. Ich will dafür sorgen, dass das für ewige Zeiten so bleibt!“
Rabbi Akiba, der wie durch ein Wunder vom Massaker verschont geblieben war, studierte trotz des römischen Verbots weiterhin die Tora mit seinen Schützlingen. Als er gefragt wurde, ob er denn keine Angst vor den Römern habe, antwortete Rabbi Akiba: „Ohne die Tora sind wir Juden wie ein Fisch ohne Wasser. Wenn wir also die Tora studieren und dabei riskieren, den Zorn des römischen Kaisers zu erregen, so sind wir immer noch viel besser dran als ohne die Tora, denn das würde unseren sicheren Tod bedeuten.” Rabbi Akiba wurde schließlich verhaftet und auf bestialische Weise getötet – die Römer ließen seinen Körper mit Metallzangen auseinanderreißen. Rabbi Akiba ertrug stoisch die Folter und rief kurz vor dem Tod aus: „Schema Jisrael!“ (Höre Israel). Bis heute gedenken die Juden dieses Martyriums in ihren Gebeten zu den Festen Jom Kippur (Tag der Versöhnung mit Gott) und Tischa beAv (Fasten- und Trauertag in Erinnerung an die Zerstörung des Tempels von Jerusalem).
Nach der blutigen Niederschlagung des jüdischen Aufstandes ging Kaiser Hadrian an seinen persönlichen Plan für den Wiederaufbau Jerusalems heran. Die neuen Stadtbewohner waren Nicht-Juden, und Juden war der Zutritt in die Stadt verwehrt. Am Heiligen Berg, wo ursprünglich der Heilige Tempel Beit Hamikdasch gestanden hatte, wurde ein Tempel mit Statuen Jupiters und Hadrians erbaut. Die Stadt wurde zu Ehren von Aelius Hadrianus und in Anlehnung an das Kapitol in Rom, an dem sich die größte Jupiterstatue befand, in Aelia Capitolina umbenannt. Das alles trug sich im Zeitraum vom Jahr 132 bis zum Jahr 138 unserer Zeitrechnung zu.
2.
Nun werden wir, liebe/r Leser/in, 18 Jahrhunderte überspringen und uns mit der Hauptfigur dieses Romans bekanntmachen, für die die Ankunft in Palästina den Beginn ihres wahren Lebens bedeutete. Jedoch ist, wie es so schön heißt, nichts gratis im Leben. Entscheidet man sich für einen Weg, muss man alle anderen verlassen, auch wenn das eigene Herz dranhängt. Man wechselt in ein unbekanntes Umfeld, trennt sich von seinen Liebsten und Freunden und weiß nicht, wie man in der Fremde aufgenommen wird. Nichtsdestotrotz muss man den Weg, für den man sich entschieden hat, auch weitergehen und die Seelennot und Widrigkeiten auf diesem Weg akzeptieren.
Auch unsere Romanheldin Bea fühlte sich nach ihrer Ankunft in Palästina einsam und brach immer wieder in Tränen aus. Der Krieg, der dort tobte, ließ die Traumata, die sie im besetzten Europa im Zweiten Weltkrieg erlebt hatte, wieder hochkommen. Gleichzeitig versuchte sie den Schmerz über die Trennung von ihrem Kind, das sie irgendwo auf dem Balkan zurücklassen musste, zu unterdrücken. Schließlich wurde sie Herr ihrer selbst und begann die Bibel wieder zu studieren, um den Kern des israelisch-arabischen Konflikts zu verstehen, der sich im Jahre 1947 vor ihren Augen abspielte.
Eine der ersten Erkenntnisse, zu denen Bea gelang, war, dass sowohl die Juden als auch die Araber semitische Völker waren, die beide seit jeher auf gleichem Boden gelebt hatten, was durch das Alte Testament bezeugt wird. Einigen Interpretationen des ersten Buches „Genesis“ zufolge sind Juden und Araber nämlich Geschwistervölker nach Abraham.
In der Heiligen Schrift heißt es, dass Abrahams Frau Sara neunzig Jahre alt war und keine Kinder mehr gebären konnte.
Deshalb erlaubte sie ihrem Mann, mit der Magd Hagar ein Kind zu zeugen. Abraham tat, wie Sara ihm gesagt, und Hagar brachte ein Kind auf die Welt, das den Namen Ismael erhielt.
Doch der jüdische Gott Jahve versprach Sara danach, dass sie einen eigenen Nachkommen haben würde. Eines Tages nahm er sich Saras an, wie er gesagt hatte, und tat Sara so, wie er versprochen hatte. Sara wurde schwanger und gebar dem Abraham einen Sohn zu der Zeit, die Gott angegeben hatte. Abraham nannte seinen Sohn, den ihm Sara gebar, Isaak.
Eines Tages beobachtete Sara, wie der Sohn, den die Ägypterin Hagar Abraham geboren hatte, mit ihrem Sohn Isaak spielte. Da sagte sie zu Abraham: „Vertreibe diese Magd und ihren Sohn! Denn der Sohn dieser Magd soll nicht zusammen mit meinem Sohn Isaak Erbe sein.“
Abraham war darüber sehr unglücklich, denn auch Isaak war sein Sohn.
Gott sprach aber zu Abraham: „Die Sache wegen des Knaben und wegen deiner Magd sei nicht böse in deinen Augen. Hör auf alles, was dir Sara sagt! Denn nach Isaak sollen deine Nachkommen benannt werden. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem großen Volk machen, weil auch er dein Nachkomme ist.“
Diese Bibelgeschichte hatte entscheidenden Einfluss auf Beas weiteren Lebensweg. Von da an war Bea zu einer eifrigen Verfechterin des friedlichen Zusammenlebens zwischen Juden und Arabern auf demselben biblischen Boden geworden. Jedoch stand sie mit dieser Ansicht klarerweise ziemlich allein da. Die Muslime behaupteten nämlich, dass das semitische Volk Israel bzw. das jüdische Volk von Abrahams Sohn Isaak und das arabische Volk von seinem anderen Sohn Ismael abstamme. Die Juden hingegen waren damit nicht einverstanden. Sie behaupteten wiederum, dass das Judentum einige Jahrtausende älter als der Islam sei und dass solche Verweise auf die Bibel nur dazu dienten, den im Vergleich sehr jungen Koran zu bestätigen.
***
Für Bea war jedoch eins offensichtlich, nämlich dass – abseits jeglicher theoretischer Diskussionen über die Herkunft dieser beiden Völker – die Juden und die Araber im Moment einen blutigen Kampf um Land führten. Beide Völker beanspruchten dasselbe Land, und der Krieg kostete viele Menschenleben. Aus den Kriegswirren, die sie umgaben, versetzte sich Bea in Gedanken in die biblische Geschichte über einen Gott, der, über jeden Zweifel erhaben, seinem auserwählten jüdischen Volk erlaubt, dieses Gebiet zu erobern und zu besiedeln.
… !!! aus einer Vorfassung wieder kopiert:
Das Land Kanaan (Palästina), das sich zwischen dem Mittelmeer und dem Fluss Jordan erstreckte, war zu jener Zeit von kleinen Stämmen bewohnt, denen der jeweilige Anführer oder König vorstand. Als die Söhne Israels, angeführt von Josua und gesteuert durch den Willen Gottes, am Jordan ankamen, waren die Bewohner Kanaans für einen Kampf nicht gerüstet.
Unweit des Jordan lag die befestigte Stadt Jericho, die Stämme Israels unter Belagerung stellten. Nach sieben Tagen brachen die Stadtmauern zusammen, und die Angreifer stürmten die Stadt. Überall in Kanaan verbreitete sich die Nachricht von einer großen Armee, die in das Land vordrang, um es zu besetzen und seine Einwohner zu verbannen. Die kleineren Stämme gerieten in Panik und ließen die Israelis in ihre Städte und Dörfer. Einige Stämme, die Widerstand leisteten, wurden von den Eroberern teilweise verbannt und teilweise unterworfen.
Nach einer Reihe von Kriegen siedelten sich die jüdischen Stämme im Land Kanaan an, welches sodann zum Land Israel („Eretz Israel“) wurde.
Nach Josuas Tod griffen die zahlenmäßig weit überlegenen Nachbarvölker Israel an, damit die ursprünglichen Bewohner Kanaans ihr Land wieder zurückbekommen würden. In diesen Augenblicken der Gefahr vereinten sich die jüdischen Stämme zu einer einheitlichen Armee, die gegen die weitaus stärkeren Angreifer kämpfte und sie vollständig besiegte. Eretz Israel war gerettet.
Und dann tauchten die Kindheitserinnerungen auf.
Die Familie Aschkenazi lebte in einem ebenerdigen Einfamilienhaus, das von einem weitläufigen Garten umgeben war. Es war ein sonniger Tag. Bea und ihre beiden jüngeren Schwestern, Sarah und Esther, spielten draußen vor dem Haus. Sie wollten das Märchen von der jüdischen Besiedelung des Landes Kanaan, aus welchem Israel entstehen sollte, nachspielen, denn das pflegte ihnen ihre Mutter oft vorzulesen.
„Ich bin Josua!“, rief Bea begeistert. „Er wird sein Volk anführen und das gelobte Land erobern. Du, Sarah, bist der Gott, und sagst dann zu mir: ‚Du hast meine Erlaubnis, das Land Kanaan zu erobern‘. Und du, Esther, bist die Königin der Völker, die wir unterwerfen werden. So, lasst uns beginnen!“
„Warum musst du immer die Wichtigste sein?“, fragte Esther.
„Weil ich die Älteste bin! Außerdem sagen immer alle, dass ich die Klügste bin. Ich werde eines Tages nach Palästina gehen, dort die Juden anführen und einen jüdischen Staat gründen.“
Sarah, die den Spielbeginn nicht erwarten konnte, unterbrach die beiden: „Josua, ich bin dein Gott! Geh in das gelobte Land, erobere es und nimm den Anführer gefangen!“, sagte sie stolz.
„Ich bin eine Königin, und ich werde mich nicht ergeben!“, erwiderte Esther trotzig.
„Ich bin Josua“, sagte Bea, „du musst dich ergeben! So steht es in der Bibel. Du bist in Jericho. Ich werde siebenmal in das Horn blasen, und die Mauern werden einstürzen, und du wirst dich ergeben!“
Dann legte sie ihre Hände an den Mund und tat so, als würde sie in ein Horn blasen. Esther zeigte sich von diesem Auftritt jedoch wenig beeindruckt. Im Gegenteil, sie ging völlig in ihrer Rolle als Königin auf. Ihre Wangen erröteten, ihre Stimme bebte vor Aufregung, als sie erwiderte: „Du kannst blasen, so viel du willst! Meine Mauern sind fest, und du wirst Jericho nicht einnehmen. Und wenn, dann werde ich dich so lange angreifen, bis du aus Kanaan verschwindest.“
Bea wusste, dass sie selbst keinesfalls nachgeben würde. „Deine Mauern sind eingestürzt, und die Bibel ist Gesetz!“, rief sie und ging auf Esther zu, schnappte sie an den Haaren und begann, daran zu ziehen. „Eretz Israel ist geboren, und du bist keine Königin mehr!“, schrie sie.
Esther fing zu weinen an. Ihre Mutter, die den Streit gehört hatte, kam aus dem Haus gelaufen und glättete die Wogen.
Bea musste schmunzeln, während sie in Erinnerungen an den Streit im Garten schwelgte. Ein Gefühl der Beklemmung erfasste sie gleichzeitig, denn Sarah und Esther waren in einem KZ in Europa ums Leben gekommen. Als sie wieder in der Realität ankam, fiel ihr sofort eine Ähnlichkeit zwischen dem biblischen Mythos von der Eroberung des gelobten Landes und der Gewalt, die sich gerade vor ihren Augen abspielte, auf:
Nach einer langen Zeit der Wanderung und Verfolgung kommt das jüdische Volk, damals wie heute, in Palästina an.
Die biblischen jüdischen Stämme sind die heutigen aschkenasischen und sephardischen Juden sowie Juden, die aus einigen arabischen Ländern vertrieben wurden.
Der moderne Gott – Großbritannien – verleiht dem jüdischen Volk das Recht, sich im „gelobten Land“ anzusiedeln.
Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der lokalen Bevölkerung. Die Nachbarländer greifen ein. Die jüdische Seite gewinnt schließlich – wenn auch unter größter Anstrengung – und kann auf diese Weise Eretz Israel verteidigen, erweitern und noch stärker machen.
Doch egal wie sehr Bea sich auch auf die biblischen Themen konzentrierte, ihre Gedanken waren woanders. „Was macht mein Kleiner gerade?“, fragte sie sich immer wieder. „Leidet er sehr ohne mich? Kann sein Vater mich ersetzen?“
Letztendlich sagte sie sich, dass es keinen Sinn machte, darüber nachzudenken. Roman würde früher oder später zu ihr kommen, das spürte sie tief in ihrem Herzen. Sie sollte nur lernen zu warten, und er würde sicher kommen.
Und was die Bibel betrifft, die für einen großen Teil der Menschheit ein Hoffnungsträger ist, so erzählt diese nicht nur über das Gute, sondern auch über das Böse, wie Hass, Verrat, Gewalt und andauernde Kriege. Sie zeigt, dass es keine „ehrenhaften“ Kriege gibt und dass Krieg und Verbrechen untrennbar miteinander verbunden sind, weil im Krieg die Erreichung des eigenen Ziels oberste Priorität hat. Die Geschichte im Nachhinein zu ändern, ist ein Leichtes, denn sie wird ohnehin von den Siegern geschrieben.
Für Bea, die die Schrecken des Zweiten Weltkrieges auf ihrer eigenen Haut erlebt hatte, war klar, dass in jedem Krieg, seien es kleinere oder größere Konflikte, die Kriegseliten ihre „tollwütigen Hunde“ von der Leine lassen, damit diese unschuldige Menschen ohne jeglichen Grund töten, verbannen und terrorisieren. Denn sie wusste, dass solche Gräueltaten entweder von verurteilten Verbrechern, paramilitärischen Einheiten oder Fanatikern, die im Namen der Nation oder des Glaubens vor allem Zivilisten rücksichtslos töten, verübt werden. Nachdem diese Verbrecher ihre „Arbeit“ erledigen, distanzieren sich die Kriegseliten von ihnen. Meistens beseitigen sie diese selbst, damit sie keine unangenehmen Dinge bezeugen können, oder sie behaupten, dass die Handlungen dieser Fanatiker mit der Religion oder der Nation, in deren Namen sie begangen wurden, nichts zu tun hätten.
Beas Schützling Assim, ein palästinensischer Araber, wird Opfer eines Verbrechens der jüdischen paramilitärischen Einheiten. Die offiziellen militärischen und politischen Eliten distanzieren sich allerdings von diesem Verbrechen und verurteilen es sogar.
Bea weiß, dass die Wahrheit über die mögliche Beteiligung der offiziellen Stellen an dem genannten Verbrechen und ihre Verbindungen zu den paramilitärischen Formationen niemals ans Tageslicht kommen werden. Nichtsdestotrotz trägt dieses Verbrechen – zwar nicht signifikant, aber dennoch – zum Sieg Israels bei, was bei Bea ein moralisches Dilemma auslöst.
3.
Unergründlich – und oft ungerecht – sind die Wege des Herrn. Seine Lehren erklären nie wirklich, warum vollkommen Unschuldige leiden, insbesondere Kinder und ältere Menschen, die niemandem etwas zuleide tun und zu schwach sind, um sich selbst zu wehren. Warum kommen diejenigen zu Schaden, deren Herzen rein sind und die bewusst gegen alle Formen des Bösen kämpfen? Weil sie eine bessere Welt schaffen wollen? Es ist nun mal so, dass diese Menschen viel mehr leiden als jene, die böse und derb sind.
Sowohl Christen als auch Muslime zucken bei diesen Fragen mit den Schultern und meinen: „Das ist sein Wille.“ Alles in allem ist das Leiden der Unschuldigen, das er aus irgendwelchen mysteriösen Gründen zulässt oder duldet, äußerst deprimierend, sinnlos und unmenschlich.
Bilder des Grauens spielten sich vor Assims Augen ab. Ganze Familien, Frauen, unter welchen eine Schwangere war, Kinder, ältere Menschen sowie erwachsene Männer wurden durch das feindliche Feuer niedergestreckt. Assims gesamte Familie wurde in einem einzigen Angriff niedergemetzelt. Als sein Vater ihm kurz vor seinem Tod zurief, er solle in die Scheune laufen und sich dort verstecken, sammelte Assim all seine Kraft und folgte den Worten seines Vaters. In der Scheune angelangt, suchte er sich schnell ein Versteck und bewegte sich nicht mehr. Sein Freund Mohammed versteckte sich unter dem Bett im Haus, von wo er die Todesschreie seiner Mutter so lange mithören musste, bis sie schließlich, mit ihrem dreijährigen Kind in den Armen, starb. Ein junges Ehepaar wurde aus dem Haus geschleppt und zusammen mit etwa dreißig Nachbarn erschossen. Überall hallten die Schreie der Opfer. Gleichzeitig wurden Hühner, Gold, Zucker und praktisch alles, was einen Wert hatte, geplündert. Irgendwann öffnete einer der Mörder das Scheunentor und näherte sich Assims Versteck mit einem Messer in der Hand. Assim glaubte sich schon tot, als sein Schutzengel vor dem Angreifer erschien, und alles löste sich in Luft auf.
Assim wachte schweißgebadet auf. Er hatte immer denselben Albtraum, der einmal blutige Realität gewesen war. Er wurde 1938 in Deir Yasin geboren, einem kleinen arabischen Dorf in Palästina, dessen Bewohner hauptsächlich in einem Steinbruch zum Tagewerk gingen, Marmor verkauften und als Steinmetze arbeiteten. Sie pflegten freundschaftliche Beziehungen und hatten einen Nichtangriffspakt mit den jüdischen Bauern aus dem nahegelegenen, kaum einen Kilometer entfernten Kibbuz Giw’at Scha’ul, der an Westjerusalem angrenzte.
Während des Massakers in Deir Yasin am 8. April 1948 eilten die Bewohner von Giw’at Scha’ul ihren Nachbarn zu Hilfe. Sie stellten sich vor die Schergen der jüdischen Terrororganisationen Irgun und Lechi, die nicht unter der Kontrolle der regulären – jedoch von den Briten nicht anerkannten – Armee Haganah standen, und beendeten so das Massaker. In der Terroraktion wurden 120 arabische Dorfbewohner getötet. Die Haganah verurteilte diesen Akt und sorgte später in einer physischen Auseinandersetzung für die Auflösung der beiden Terrorgruppen, deren Kämpfer schließlich unter die Kontrolle der Haganah gestellt wurden.
Es geschah, als das Schiff „Altalena“ mit einer Gruppe neuer Einwanderer und einer Ladung leichter Waffen an Bord sich dem Hafen von Tel Aviv näherte. Mitglieder der Miliz Irgun brachen ihr zuvor gegebenes Versprechen, dem Befehl der regulären Armee Folge zu leisten, und lehnten es ab, die Waffen abzugeben. In dem darauffolgenden Konflikt zwischen den Irgun-Terroristen unter dem Kommando von Menachem Begin, der später Premierminister Israels werden und den Nobelpreis für Frieden erhalten sollte, und den Mitgliedern der Haganah wurden vierzig Irgun-Soldaten getötet. Infolge dieser Ereignisse wurde die Irgun-Miliz aufgelöst.
In unserer Geschichte wird Assim von seinem „Schutzengel“, Bea Aschkenazi, gerettet und zu ihr nach Hause gebracht.
***
Palästina wurde zur Zeit des Verbrechens in Deir Yasin von einer Welle bewaffneter Konflikte erfasst. Bea hielt folgende Ereignisse in ihrem Tagebuch, das sie bis zur Gründung des Staates Israel täglich führte, fest:
Einen Tag nach der Verabschiedung der UN-Resolution zur Teilung Palästinas vom 29. November 1947 ist es zu drei Terrorangriffen gekommen, bei denen sieben jüdische Zivilisten von arabischen Terroristen ermordet wurden: in einem Bus von Netanya nach Jerusalem wurden fünf jüdische Passagiere getötet. Nur eine halbe Stunde später wurde ein weiterer Bus angegriffen, ein Passagier wurde getötet. Noch am selben Tag wurde ein junger Mann in Jaffa erschossen.
Das Arabische Höhere Komitee hat zu einem dreitägigen Streik in Jerusalem aufgerufen, Massendemonstrationen angekündigt und Großbritannien aufgefordert, Palästina an die arabische Verwaltung zu übergeben. Die „Times“ berichtet, dass in den Unruhen bis zum 11. Dezember 1947 etwa 130 Menschen getötet wurden, darunter 70 jüdische und 50 arabische Bewohner sowie drei britische Soldaten. Gleichzeitig haben die jüdischen Terrororganisationen Irgun und Lechi ihre Angriffe auf britische Soldaten verstärkt. Die gerade angekommenen arabischen Einheiten haben ihrerseits damit begonnen, die palästinensischen Araber für größere Guerilla-Angriffe auf jüdische Ziele zu organisieren.
Am 22. Februar 1948 ließ der Großmufti Haji Amin al-Husseini, ein Nazi-Kollaborateur, von seinen Anhängern drei Autobomben legen, die in den Straßen von Jerusalem detoniert sind. Bei dem Anschlag wurden mehrere Dutzend Menschen getötet und viele verwundet.
Obwohl sie aufgrund ihrer Zahl als Invasionstruppen kaum von Bedeutung sind, schließen sich allmählich immer mehr arabische Soldaten gegen die Juden zusammen. Die größte Fraktion ist die freiwillige arabische Befreiungsarmee. Die Araber haben die Straße zwischen Tel Aviv und Jerusalem komplett abgeschnitten und Jerusalem belagert, in dem rund 100.000 Juden ohne Lebensmittel und Wasser eingekesselt waren. Im ganzen Land wurden weitere isolierte Kibbuze und jüdische Siedlungen belagert.
Die jüdische Armee Haganah hat nicht aufgegeben und die Zufahrtsstraße zur Stadt mehrmals vorübergehend geöffnet.
Am 8. April hat in Deir Yasin ein fürchterliches Massaker stattgefunden.
Am 13. April 1948 haben die arabischen Truppen einen Versorgungskonvoi auf dem Weg zum Hadassah-Krankenhaus angegriffen und 77 Ärzte, Krankenschwestern und jüdische Zivilisten getötet.
Alles in allem gab es von Anfang Dezember 1947 bis Ende März 1948 rund 2000 Tote und 4000 Verletzte.
In den Verhandlungen zwischen der jüdischen Seite und dem jordanischen König Abdullah am 10. Mai wollten beide Parteien die Gründung eines palästinensischen Staates verhindern. Nach Jordaniens Plänen sollten die arabischen Teile des Territoriums an Jordanien angeschlossen werden und die Juden nur eine Autonomie erhalten, was die jüdische Seite abgelehnt hat. Dennoch haben die jordanischen Streitkräfte während des Krieges die jüdischen Gebiete in Palästina, bis auf eine einzige Ausnahme, nicht angegriffen. Am 13. Mai hat die Arabische Liga zugestimmt, ihre Truppen nach Palästina zu schicken, sobald das britische Mandat zu Ende geht.
Die arabischen Länder entsandten zwar tatsächlich ihre Truppen nach Israel, aber ihre Armeen waren unmotiviert und verloren den Krieg, obwohl sie den jüdischen Kräften zahlenmäßig weit überlegen waren.
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Die Legende besagt, dass Jahve über den Konflikt in Palästina besorgt war. Er wandte sich an den weisen König Salomo, der – vereinfacht gesagt – eine Art Justizminister im Himmel war.
„Was soll ich tun?“, fragte Jahve. „Das jüdische Volk hat zwar einen Vorrang für mich, aber das arabische Volk ist auch mein, semitisches, Volk. Die beiden Völker kämpfen um das gleiche Land. Dabei gibt es nur einige Hunderttausend Juden, die von einigen Dutzend Millionen Arabern umgeben sind. Auch wenn ich der weitaus schwächeren Seite und meinem auserwählten Volk helfen sollte, möchte ich der anderen Seite gegenüber nicht ungerecht sein.“
„Erinnerst du dich“, fragte Salomo daraufhin, „wie ich den Streit zwischen den beiden Frauen entschieden habe, die um ein und dasselbe Kind gestritten hatten? Jede von ihnen behauptete, das Kind sei ihres.“
„Nein, daran kann ich mich nicht erinnern.“
„In Ordnung, ich werde dir die Geschichte erzählen. Die beiden Frauen kamen also zu mir mit einem neugeborenen Kind in den Armen, und jede von ihnen behauptete, dass es ihr eigenes Kind sei.“
„Und, was hast du getan?“
„Die Lösung lag auf der Hand. Ich befahl meinem Diener, er solle das Kind mit seinem Schwert in zwei Hälften schneiden. Auf diese Weise würde jede Frau eine Hälfte des Kindes bekommen.“
„Das ist doch unmenschlich!“, fiel Jahve Salomo ins Wort. „Wie konntest du dir nur so etwas Ungeheuerliches ausdenken?“
„Lass mich zuerst ausreden, bevor du urteilst“, entgegnete Salomo.
„Der Diener zog, wie befohlen, sein Schwert und beugte sich über das Kind. Ich habe ihm vorher ein Zeichen gegeben, dass er das Kind nicht einmal berühren sollte, und das hatte er verstanden. Als das Schwert über dem Kind hing, warf sich eine der beiden Frauen auf das Kind, um es mit ihrem eigenen Körper zu beschützen. Auf diese Weise zeigte sie, dass sie die wahre Mutter des Kindes war.“
„Was für eine großartige Idee! Ich wäre nie auf eine solche Lösung gekommen. Aber was hat das mit dem jüdisch-palästinensischen Konflikt zu tun?“, fragte Jahve.
„Siehst du denn nicht, was dort wirklich passiert? Die Soldaten aus den arabischen Ländern sind angeblich gekommen, um ihren arabischen Brüdern zu helfen, aber stattdessen nutzen sie jede Gelegenheit, um zu stehlen und zu plündern. Sie sind nicht vereint, sie ziehen sich vor dem weitaus schwächeren Feind zurück. Die einheimische arabische Bevölkerung kämpft im Grunde gar nicht, sondern flieht oder wird vertrieben. Die wahre Mutter dieses Kindes – des Staates Israel – ist eindeutig die jüdische Bevölkerung, die bereit ist, für ihr Land zu sterben.“
„Das ist eine sehr spannende ethno-psychologische Sicht dieses Konflikts. Aber wie kann ich dem jüdischen Volk in dieser Situation helfen?“
„Ich würde dir raten, zuerst einen Waffenstillstand, wenigstens für zwei Wochen, mit Hilfe der Vereinten Nationen zu erwirken. Bis dahin werden die jüdischen Kämpfer eine ganze Menge Waffen aus dem Ausland erhalten haben. Sie werden eine Straße nach Jerusalem bauen, um ihre Kämpfer in der Stadt mit Nahrung zu versorgen. Dadurch gewinnen sie auch eine kurze Kampfruhe, um sich zu erholen. Danach werden sie zumindest eine geringe Chance haben, als Sieger aus diesem Krieg hervorzugehen.“
Und Jahve tat, wie Salomo ihm geraten, und rettete einmal mehr sein Volk vor dem Untergang.
