Kitabı oku: «Tod in Jerusalem», sayfa 3
4.
Ein nobler Mensch zieht andere noble Menschen an
und versteht es, sie an sich zu binden.
Bea, eine dunkelhaarige Schönheit in ihren Dreißigern, hatte ein Orientalistik-Studium absolviert und sprach fließend fünf Sprachen. Sie war einige Monate zuvor – im Jahre 1947 – aus Europa nach Palästina gekommen. Sie lebte in Giw’at Scha’ul und arbeitete in einem Waisenhaus. Dies war jedoch nicht ihre einzige Aufgabe, da sie oft als Übersetzerin für verschiedene ausländische Organisationen, sowohl militärischer als auch politischer Art, die nach Jerusalem kamen, herangezogen wurde.
Giw’at Scha’ul wurde 1906 auf einem Stück Land, das die jüdischen Siedler vom Dorf Deir Yasin abgekauft hatten, gegründet. Die Entwicklung des Ortes begann erst 1912. Bald darauf wurden eine Keksfabrik sowie eine Waffenfabrik für die britische Armee gebaut. Im Jahre 1927 wurde ein Waisenhaus für 500 verlassene Kinder eröffnet. Im Jahre 1940 zählte die Siedlung 1200 Einwohner.
Bea stellte ihre Menschlichkeit, ihren Mut und ihre praktischen Fähigkeiten schnell unter Beweis, indem sie noch unter Kriegsbedingungen alles in ihrer Macht stehende tat, um die Kommunikation zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung aufrechtzuerhalten.
Im Januar des darauffolgenden Jahres stellte Bea eine freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Bewohnern von Giw’at Scha’ul und Deir Yasin her. Mit dem Mukhtar, dem Dorfvorsteher von Deir Yasin, wurde eine Vereinbarung über gegenseitigen Nichtangriff und gegenseitige Hilfeleistung im Falle eines Angriffs auf einen der beiden Orte, egal von welcher Kriegspartei dieser kam, geschlossen. Dadurch konnte das Massaker an den Bewohnern von Deir Yasin zwar nicht verhindert, aber wenigstens zum Teil aufgehalten werden.
Bea nahm Assim als ihr eigenes Kind an. Er war jedoch so traumatisiert, dass er die Schrecken jenes Tages immer wieder durchlebte, und auch Bea litt darunter. Sie versuchte immer wieder, den politischen und spezifischen Kontext des Massakers innerhalb des noch andauernden Krieges zwischen der arabischen und jüdischen Seite zu erklären. Sie erzählte ihm auch vom jüdischen Staat, der vor vielen tausend Jahren auf dortigem Gebiet existiert hatte. Sie erklärte ihm, dass zur selben Zeit wie das Massaker auch ein Kampf um Jerusalem – die Hauptstadt des alten Israel – stattfand und die jüdische Seite in Deir Yasin eine arabische Hochburg vermutet hatte, die die Haganah hätten daran hindern können, die in der Heiligen Stadt eingekesselten Juden mit Lebensmitteln zu versorgen.
Tief in ihrem Inneren wusste Bea jedoch, dass das Massaker und die Brutalität der beiden Terrorgruppen – selbst wenn die Vermutungen über Deir Yasin gestimmt hätten – durch nichts zu rechtfertigen waren. Dies vor allem deshalb, weil die Irgun ein Jahr zuvor, unter dem Vorwand, gegen die Briten zu kämpfen, einen Terroranschlag auf ein Hotel verübt und dabei auch viele Juden getötet hatte. Weltweit hatten damals zahlreiche Intellektuelle, darunter auch Albert Einstein, dieses Verbrechen verurteilt und die Rechtfertigungen dafür als völlig inakzeptabel abgelehnt.
Im Morgengrauen des 22. Juli 1946 stürmten rund zwei Dutzend Terroristen der Irgun-Gruppe, die in arabischer Tracht gekleidet waren, das King David Hotel in Jerusalem und luden 225 Kilogramm Sprengstoff, der in Milchbehältern versteckt war, ab. In dem Hotel befand sich zu dem Zeitpunkt, neben einer großen Anzahl von Touristen, auch der Generalstab der britischen Streitkräfte. Als einer der britischen Offiziere bemerkte, was vor sich ging, kam es zu einem Schusswechsel, doch die Terroristen konnten die Zünder aktivierten und anschließend flüchten. Bei der Explosion wurde ein Teil des Hotels zerstört, und 90 Menschen wurden getötet. Die meisten Opfer waren Briten, aber auch 17 Juden waren darunter.
„Du weißt doch, dass ich ehrlich mit dir bin. Nicht alle Juden sind gleich“, versuchte Bea zu erklären. „Wir, die in dein Dorf gerannt sind, um die Bewohner vor diesen Verbrechern zu retten, wir sind doch auch Juden, und diese Verbrecher haben das Judentum beschmutzt. Meine Nachbarn und ich haben dabei unser Leben riskiert. Als ich mich vor die Waffen der entfesselten Terroristen geworfen habe, um dich zu beschützen, hätte ich selbst getötet werden können. Andererseits sind auch nicht alle Araber hilflose Opfer. Ein paar Tage nach Deir Yasin, nicht weit davon entfernt, haben arabische Soldaten einen jüdischen Krankenhauskonvoi mit Ärzten und Patienten überfallen und insgesamt 79 Zivilisten, davon 20 Frauen, buchstäblich in diesen Bussen verbrannt. Das ist genauso abscheulich und unmenschlich wie die Tragödie, die du erlebt hast.“
Der zehnjährige Assim war jedoch für keine Erklärungen empfänglich. Erst nach langer Zeit überwog schließlich bei ihm die Neugier, und er fragte Bea, warum in Palästina gerade Krieg war.
„Du musst verstehen, dass sich die arabische Bevölkerung seit Jahrzehnten gegen die Einwanderung von Juden stellt“, sagte sie. „Deswegen haben Saudi-Arabien, Syrien, der Libanon, der Irak, Transjordanien, Jemen und Ägypten vor zwei Jahren die Arabische Liga gegründet und gemeinsam Druck auf Großbritannien ausgeübt, um die Situation in Palästina zu lösen. Weil Großbritannien unter starkem Druck ist und keine Lösung für die Probleme in Palästina hat, während sich die Konflikte verschärfen, übergibt es jetzt die Zuständigkeit an die Vereinten Nationen, um diese Frage zu lösen.“
„Siehst du, du gibst doch selbst zu, dass das hier nicht dein Land ist. Deine Leute sind Besatzer und Ausländer, so wie du, und ihr alle sollt gemeinsam nach Europa zurückkehren.“
„Die meisten Juden, auch ich selbst, haben kein Zuhause mehr und haben niemanden, zu dem wir zurückkehren können, weil die Nazis unter Hitler mehrere Millionen Menschen in den Konzentrationslagern getötet haben.“
„Warum sollen wir aber für Hitlers Verbrechen büßen und dafür mit unserem Land bezahlen?“, rebellierte Assim.
Bea war von Assims Reife und Intelligenz erstaunt und erfreut zugleich. Allerdings wurde ihr bitter klar, dass eine Herzlosigkeit eine weitere hervorbringt und eine Tragödie eine Reihe von weiteren Tragödien auslöst. Diese Logik, die Assim durch die Verbrechen an seiner Familie und seinem Volk aufgezwängt worden war, ließ in seinem Herzen für die kindliche Unschuld und die Menschlichkeit keinen Platz mehr.
„Ich weiß nicht, was ich dir antworten soll. Dir ist persönlich ein schweres Unrecht angetan worden, das dir erlaubt, so zu denken. Aber eines Tages wirst du erwachsen sein, dein Schmerz wird verblassen, und vielleicht wirst du die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten. Vielleicht wirst du auch uns Juden als Menschen sehen können, mit denen du in Frieden und Harmonie zusammenleben kannst. Du bist jung. Die Zeit heilt viele Wunden“, sagte Bea.
„Sieh zum Beispiel“, fügte sie hinzu, „mein Sohn Roman ist in Europa geblieben. Er ist etwas jünger als du und lebt bei seinem Vater. Mein Mann und ich haben uns nicht mehr geliebt und haben uns deshalb getrennt. Ich hatte niemanden mehr, und deshalb bin ich hierher nach Palästina gekommen, wo mein Vater bereits gelebt hatte und gestorben war. Es ist für mich auch nicht einfach, aber die Hoffnung auf einen möglichen Frieden in Palästina gibt mir die Kraft weiterzumachen. Wenn ich diesen Krieg überlebe, werde ich Roman wiedersehen, davon bin ich fest überzeugt. Er liebt mich und wird alles tun, um mich zu finden. Ihr beiden wäret wie Brüder“, schloss sie hoffnungsvoll.
***
Bea hielt inne und blickte gedankenverloren in die Ferne, ohne Assim zu beachten. Sie erinnerte sich an das alte Frachtschiff Liberty, das damals im Hafen von Split ankerte. Es war völlig überfüllt mit Juden, die aus verschiedenen Teilen des Balkans angereist waren, um weiter nach Palästina zu fahren. Roman und sein Vater standen am Kai und winkten so lange, bis das Schiff von der Küste abgelegt hatte. Bea wollte nicht weinen, aber die Tränen rollten ihr trotzdem über die Wangen. Vielen anderen Reisenden um sie herum erging es genauso.
Ein britisches Militärschiff fing sie auf dem Weg nach Palästina ab und zwang sie, Kurs auf Zypern zu nehmen. Dort mussten sie ein paar Tage bleiben und die Genehmigung zur Fortsetzung ihrer Reise abwarten. Die Vorräte auf dem Schiff gingen zu Ende, und es gab kein Wasser für die Hygiene. Ständig ankerte ein ziemlich großes britisches Patrouillenboot vor der Liberty und versperrte ihr die Ausfahrt.
Der eigentliche Grund für ihre Anhaltung wurde am Ende jedoch klargestellt. Eines Tages versammelte der Kapitän die Passagiere und teilte ihnen mit, dass sie 2.000 Pfund oder den entsprechenden Betrag in US-Dollar zahlten mussten, wenn sie ihre Reise fortsetzen wollten. Nachdem sie das Geld gesammelt und übergeben hatten, war das britische Patrouillenboot eines Nachts einfach verschwunden, und sie fuhren weiter. In der Nähe von Tel Aviv gingen sie schließlich an Land.
In Palästina wurden die Passagiere von den Vertretern der Jewish Agency empfangen und in jene palästinensischen Dörfer verteilt, die sich unter jüdischer Kontrolle befanden. Bea erhielt aufgrund dessen, dass ihr Vater bis zu seinem Tod in Israel gelebt hatte und sie mehrere Sprachen beherrschte, eine beneidenswerte Stelle als Lehrerin in einem Waisenhaus in Giw’at Scha’ul in der Nähe von Jerusalem. In Jerusalem waren viele internationale Organisationen und Missionen anwesend, sodass Bea bei diversen Sitzungen oft als Übersetzerin herangezogen wurde.
***
Es war eigentlich ein Zufall gewesen, dass Bea damals ausgerechnet mit der Liberty gereist war. Der Kapitän der Liberty war nämlich ein gewisser Yitzhak Aronovicz, der, nur wenige Monate später, wegen der unmenschlichen Vorgehensweise der Briten gegen die jüdischen Einwanderer auf einem von ihm gesteuerten Schiff in der ganzen Welt bekannt werden sollte.
Yitzhak Aronovicz wurde 1923 im polnischen Danzig geboren und kam mit zehn Jahren mit seiner Familie nach Palästina, wo er die Ausbildung zum Seemann absolvierte. Anschließend wurde er Kapitän mehrerer Schiffe, mit denen Juden aus ganz Europa nach Palästina übersetzten.
Eines dieser Schiffe war die Exodus, die am 11. Juli 1947 mit 4515 Holocaust-Überlebenden an Bord im französischen Hafen Sète abgelegt hatte.
Das Schiff wurde jedoch bald vom britischen Kriegsschiff Ajax, das einige Zerstörer im Schlepptau hatte, abgefangen. Die Briten wollten an Bord der Exodus gehen, die Passagiere stellten sich jedoch dagegen und warfen Rauchbomben in Richtung der Zerstörer. Die Briten eröffneten das Feuer, in welchem sie zwei jüdische Passagiere töteten und mehrere schwer verletzten. Auch ein Besatzungsmitglied der Exodus wurde getötet. Die Passagiere, die sich nun ihrem Schicksal ergeben hatten, wurden daraufhin auf die britischen Schiffe verladen und über Frankreich nach Lübeck zurückgeführt. Die leere Exodus wurde gezwungen, in Haifa in Palästina an Land zu gehen. Yitzhak Aronovicz steuerte danach viele weitere Schiffe, mit denen die europäischen Juden nach Palästina reisten.
5.
Wer für den Kampf gegen einen Feind lebt,
der hat einen Grund weiterzuleben.
Assim sah, dass Bea in Gedanken versunken war. Er wollte sie nicht stören und ging hinaus. Das Letzte, was sie gesagt hatte, war ihm völlig unverständlich. Wie konnte eine Mutter ihr Kind verlassen und so weit weg von ihm gehen? Allerdings spürte er eine gewisse Erleichterung, ohne wirklich zu wissen, weswegen. Zu Bea sagte er jedoch kein Wort.
Die Begegnungen mit den jüdischen Kindern im Waisenhaus fielen Assim schwer. Er sprach zwar ein wenig Hebräisch, aber sein arabischer Akzent war offensichtlich. Hinzu kam, dass gerade ein Krieg geführt wurde und im Waisenhaus ständig neue Kinder ankamen, deren Eltern im Krieg getötet oder schwer verletzt wurden. Deswegen verbrachte Assim den größten Teil seines Tages zu Hause und kommunizierte nur das Nötigste. Er vermied es, andere Kinder zu treffen und ging allein durch die Siedlung spazieren, damit er eine mögliche feindliche Haltung der anderen ihm gegenüber gar nicht erst bemerken konnte.
Ein mildernder Umstand war, dass auch viele Kinder der sephardischen Juden, die gerade in großer Zahl aus den arabischen Ländern verbannt wurden, nämlich mehr als 850.000, zu dem Zeitpunkt ins Waisenhaus kamen. Mit seinem dunklen, lockigen Haar und dunkleren Teint ähnelte Assim diesen Kindern und konnte unter ihnen unbemerkt bleiben. Ein einziges Mal war Assim unachtsam und wurde von einem aschkenasischen Kind namens Theodor Polanski angesprochen und beleidigt.
Die meisten jüdischen Einwanderer in Palästina kamen nämlich aus Mitteleuropa, Russland und Polen. Sie wurden aschkenasische Juden genannt und waren die Gründer Israels. Gegenüber den sephardischen Juden, die aus Spanien und Nordafrika stammten, waren die aschkenasischen Juden herablassend und verächtlich, genauso wie gegenüber der arabischen Bevölkerung. Ehen zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden waren damals unvorstellbar.
Polanski hielt Assim, der gerade auf einer Bank saß und Hebräisch lernte, für einen sephardischen Juden und warf ihm daher einige Beleidigungen an den Kopf. Assim schwieg, bis ihm sein Stolz nicht mehr erlaubte, die Beschimpfungen auf sich sitzen zu lassen. Er verstand nicht genau, was Polanski wollte, aber er begriff, dass er ihn für einen „minderwertigen“ Juden hielt. „Ich bin Araber!“, entgegnete er schroff. Polanski war sichtlich erstaunt und wusste nicht, was er sagen sollte. Ausgerechnet in dem Augenblick, als der Konflikt zwischen ihnen beiden unvermeidlich schien, tauchte Bea auf. Sie schickte Assim nach Hause, ermahnte Polanski und sagte ihm, dass Assim tatsächlich ein sephardischer Jude war und nur deshalb so reagiert hatte, weil er sich provoziert gefühlt hatte. Außerdem, so sagte sie, kämpften aschkenasische und sephardische Juden gerade Schulter an Schulter, um zu überleben und schließlich den Staat Israel zu bilden, und es sei völlig verrückt, eigene jüdische Brüder zu beleidigen.
Assim war über diesen Vorfall bald hinweg. Er war ein fleißiger Schüler und verbrachte viel Zeit damit, Hebräisch zu lernen. Dennoch bedrückte ihn die bestehende Situation mit den anderen Kindern. Er hätte sich besser gefühlt, wenn er mit ihnen in ständigem Konflikt gestanden hätte. In seiner Vorstellung versuchte er, sich die jüdischen Kinder als die zukünftigen Mörder seiner arabischen Brüder auszumalen. Das funktionierte aber nicht, und Assim hasste sich dafür, dass er nicht hassen konnte. Durch diese ganze Situation stauten sich Aggressionen in ihm auf, sodass er gegenüber den „jüdischen Besatzern“, wie er sie nannte, eine steigende Intoleranz in sich aufkommen spürte, die keine anderen Emotionen zuließ.
Dennoch konnte Assim sich Beas mütterlicher Zärtlichkeit nicht ganz verschließen und seine Gefühle für sie nicht ganz leugnen. Um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, stellte er ihr ständig viele Fragen. Er bestand darauf, mit Bea im selben Zimmer zu schlafen, und jedes Mal, wenn er von einem Albtraum angsterfüllt hochschreckte, beruhigte er sich sofort, als er ihre Hand an seiner Wange spürte. Sobald er wieder wach war, wollte er auf gar keinen Fall zugeben, wie sehr er auf Bea angewiesen war, und so sagte er manchmal: „Wenn wir euch von hier vertreiben, sorge ich persönlich dafür, dass du bleiben darfst.“
Assim verbrachte bei Bea einige Monate, bis der Waffenstillstand im ersten israelisch-palästinensischen Krieg vereinbart wurde, aber er behauptete ständig, dass er sich seinen Leuten anschließen wollte. Je klarer sich abzeichnete, dass der jüdische Staat aus diesem Krieg als Sieger hervorgehen würde, desto bitterer und rachsüchtiger wurde Assim gegenüber Bea.
Letzten Endes brachte der 1948 der jüdischen Seite auferlegte Krieg die Gründung des hebräischen Staates Israel hervor, während er für die palästinensischen Araber den Beginn der Nakba, der großen Katastrophe, markierte. Diese wird die Vertreibung Hunderttausender arabischer Bewohner Palästinas aus ihren Häusern bezeichnen und dafür sorgen, dass der Wunsch nach der Gründung eines eigenen palästinensischen Staates für eine lange Zeit unerfüllt bleibt.
6.
Die Beobachter einer Katastrophe erwarten zu Unrecht von den Betroffenen, dass diese eine Lehre daraus ziehen. Solange die breiten Massen ein Objekt der Politik bleiben, können sie die Ereignisse nur als Schicksal werten. Die Massen können daher aus einer Katastrophe genauso viel lernen wie eine Laborratte aus einem Versuch.
Assim war sich damals nicht bewusst, dass das wahre Leiden der arabischen Palästinenser gerade erst begonnen hatte.
Mahmoud Abbas, einer der prominentesten palästinensischen Führer, erklärte die damalige Lage mit den folgenden Worten: „Die arabischen Armeen Syriens, Ägyptens, Libanons und Iraks fielen nach der Ausrufung des Staates Israel im Jahr 1948 in Palästina ein, angeblich, um die arabische Bevölkerung vor der zionistischen Tyrannei zu schützen. Doch stattdessen haben sie diese Bevölkerung sich selbst überlassen und zum Teil gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und auszuwandern, sie haben ihnen eine politische und ideologische Blockade auferlegt und sie in einigen arabischen Ländern in Ghettos eingesperrt, die den einstigen jüdischen Ghettos in Europa sehr ähnlich sind.“
Das Massaker in Deir Yasin und seine Botschaft der Einschüchterung trugen sicherlich zur Massenflucht der palästinensischen Araber bei, dieser barbarische Akt war jedoch nicht der entscheidende Faktor in der palästinensischen Tragödie.
Die Nakba nahm nämlich wahrhaftig epische Ausmaße an. Im neu geschaffenen Staat Israel blieb nur ein kleiner Teil, rund 25 %, der palästinensischen Araber. Die restliche Bevölkerung wurde zu palästinensischen Flüchtlingen, die in provisorischen Zeltsiedlungen in den benachbarten arabischen Staaten landeten, wo sie, im übertragenen Sinne, an Obdachlosigkeit starben. Sie wurden nirgendwo gut aufgenommen, und ihr nacktes Überleben wurde von den Vereinten Nationen gesichert. Die konservativen arabischen Regimes manipulierten das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge, die sie für ihre tagespolitischen Zwecke missbrauchten, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von ihrer eigenen Tyrannei abzulenken.
Im Folgenden erzählen drei Muslime, die auf unterschiedliche Weise – durch Herkunft, Schicksal oder Beruf – mit Palästina verbunden sind. Sie sprechen über die Manipulation der palästinensischen Araber und ihre Verfolgung.
Erste Erzählung: Zlatko Dizdarević, Journalist und Politiker, Bosnien und Herzegowina: Es interessiert niemanden
Das von den jeweiligen Interessen getriebene und betrügerische Spiel, das die wahrhaftig skrupellosen Weltpolitiker mit Palästina und Israel treiben, ist beispiellos. Es begann mit den falschen Versprechen, die die Briten den Arabern über die Gründung eines palästinensischen Staates gemacht hatten, falls sich diese im Ersten Weltkrieg auf die Seite der Briten gegen die türkischen Truppen schlagen. Das taten die palästinensischen Araber auch, aber Palästina wurde dennoch nicht geschaffen. Durch die Aufteilung des gesamten Nahen Ostens, die sie gemeinsam mit den Franzosen abgesprochen hatten, erhielten die Briten nach dem Ersten Weltkrieg das Protektorat über Palästina. Dann kam der Zweite Weltkrieg und der Holocaust, der schlimmste Genozid an einem Volk in der Weltgeschichte. Dann hieß es: „Wir wussten nichts davon.“ Natürlich wussten sie es. Das ist aber eine lange Geschichte. Aus heutiger Sicht scheint es, dass man dem Faschismus viele Dinge sogar nachsehen könnte, wenn es diesen beispiellosen und an Unmenschlichkeit nicht zu übertreffenden Genozid nicht gegeben hätte.
Bereits die Aufteilung Palästinas, das laut Grundbuch ohne jeden Zweifel mehrheitlich in arabischem Eigentum war, in zwei neue Staaten lieferte der Welt einen ziemlich offensichtlichen Grund für schlechtes Gewissen. Israel wurde nämlich eine größere Fläche und fruchtbarer Boden zugesprochen, während die Palästinenser weniger Fläche und ein unfruchtbares Land bekommen sollten. Daraufhin schlossen sich die arabischen Staaten zusammen, um „das Unrecht wiedergutzumachen“. Sie verloren. Das wiederholte sich mehrmals. Schlussendlich haben die arabischen Staaten ihr jeweiliges Gebiet behalten, während Palästina immer kleiner wurde. Heute stehen viele palästinensische Araber Israel näher als dem nicht existierenden palästinensischen Staat. Amos Gilad, Leiter der Abteilung für politische und militärische Beziehungen des israelischen Verteidigungsministeriums und der ehemalige Verbindungsoffizier der israelischen Armee mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak, behauptet öffentlich: „Wir erleben gerade die beste Zeit in den Sicherheits- und diplomatischen Beziehungen mit den arabischen Staaten.“ Kein Wunder, wenn die ranghohen Politiker und Diplomaten dieser arabischen Nationen buchstäblich ein Nickerchen machen, während vorne auf dem Podium irgendeine langweilige Erklärung über den „gerechten palästinensischen Kampf“ vorgelesen wird – wie die Kameras beim hochrangigen Forum der Islamischen Konferenz kürzlich deutlich gezeigt haben.
Zweite Erzählung: Die Vertreibung aus Tiberias
Jedes Mal, wenn sie auf dieser Erhebung standen, erzählte ihnen Amin El Tabari, Omars Vater, von der Verfolgung seiner Familie und aller anderen Palästinenser aus Tiberias im Jahre 1948. Mit seinem alten Finger zog er die Konturen der Stadt in der Luft nach und versuchte dabei, ihnen ihre Straßen, Obstgärten und Olivenhaine malerisch zu beschreiben.
Die Familie El Tabari war bis zu ihrer Vertreibung eine der angesehensten in Tiberias.
„Mein Vater erzählte mir, dass wir zwischen 6.000 und 8.000 Dunam Land hatten. Vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stellte die El Tabari-Familie den Hauptmufti und den Hauptrichter. Meine Familie hat die erste Handelskammer in Tiberias gegründet, und mein Großvater Naif El Tabari war der Scheich von Tiberias“, erklärte Omar.
Die Häuser der Familie El Tabari waren nie verschlossen. Die Türen standen für alle offen, und die Menschen, sowohl Araber als auch Juden, kamen gern vorbei, meist, um sich einen Rat zu holen.
Es war eine Jüdin, die Scheich El Tabari besonders in sein Herz schloss.
„Mein Großvater hatte neun Töchter und wünschte sich sehnlichst einen Sohn. Als er schließlich einen bekam, brachte ihm eine Jüdin diese frohe Botschaft. Er sprach sehr oft von ihr“, sagte Omar.
Doch bald sollte sich alles ändern.
„Palästina wurde nach und nach von den jüdischen Siedlern beansprucht, die britische Unterstützung genossen. Bevor sie ganz Tiberias eingenommen haben, hatten sie bereits viele Massaker in den umliegenden Dörfern, darunter auch das Massaker von Deir Yasin, verübt. Die Bewohner der Stadt waren verängstigt, insbesondere, da sie wussten, dass die Briten die jüdischen Kämpfer mit Waffen versorgten und die Haganah, die Irgun und andere Gruppen, aus welchen später die Streitkräfte Israels hervorgegangen sind, ausbildeten“, sagte Omar.
Dritte Erzählung: Der palästinensische „Shylock“
„Was mir am wichtigsten ist, ist zu leben“ – oder wie Federico Garcia Lorca bemerkenswerterweise sagte: „Lo que mas me importa es vivir.“ Das ist die Hauptbotschaft der vielfach von Lorca inspirierten poetischen Sammlung „Dichter in Andalusien“ der französisch-amerikanischen Dichterin Nathalie Handal, die sowohl nach ihren Wurzeln als auch in ihrem Herzen eine Palästinenserin ist.
„Ich denke ständig an diesen Satz, er ist wie ein Echo in mir. Das Wichtigste ist zu leben, das spürt man ganz besonders in Palästina und in jedem Land, in dem Konflikte ausgetragen werden, Menschen leiden und verfolgt werden. Wenn man darüber etwas hört, sieht man die Menschen in der Regel nicht als Individuen, man schaut nicht in ihre Gesichter, man kennt ihre Geschichten nicht, Politik ist alles, was man sieht und hört. Wenn man sich nur eine Minute Zeit nimmt, um den Menschen ins Gesicht zu sehen und mit ihnen zu sprechen, merkt man bald, dass jede Mutter das Gleiche für ihr Kind will: einen sicheren Lebensunterhalt, eine Ausbildung und die Chance auf ein besseres Leben. In einer Konfliktregion gibt es kein gutes Leben, das Leben ist dort auf Eis gelegt. Die Menschen kämpfen um die bloße Möglichkeit zu atmen, zu leben, zu lachen“, so Handal. Anschließend zitierte Nathalie Handal eine abgeänderte Version des berühmten Monologs des jüdischen Pfandleihers Shylock aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, um ihre Ansicht zu verdeutlichen, dass die Palästinenser heute genauso stark diskriminiert werden wie einst die Juden:
Wie unterscheiden wir uns in Aussehen
und Substanz?
Hat ein Palästinenser keine Augen, Ohren, Nase,
hat ein Palästinenser keine Hände, Beine, Körper,
essen wir nicht die gleichen Speisen,
werden wir nicht durch dieselben Waffen verwundet?
Sind wir nicht von denselben Krankheiten betroffen?
Werden wir nicht durch dieselben Mittel geheilt?
Werden wir nicht von denselben Wünschen,
Gedanken, Leidenschaften geleitet?
Sündigen wir nicht gegen diejenigen, die uns nahe stehen?
Rächen wir uns nicht manchmal ohne Grund?
Auch wenn wir einander nicht lieben,
wenn wir nur zusammen leben müssen,
wenn wir uns als Menschen betrachten,
sollten wir einander nicht respektieren?
Sollten wir einander denn nicht vergeben?
***
Bea wusste, dass die Geschichte auf der jüdischen Seite auch keine glücklichere war. Die jüdische Nakba hatte bereits viel länger gedauert, sodass Bea das Gefühl hatte, dass das Leiden auch viel größer war.
Seit der Antike war Palästina ein Gebiet religiöser und ethnischer Konflikte. Die ersten Bewohner kamen im dritten Jahrtausend v. Chr. Historiker gehen davon aus, dass die Juden ein Jahrtausend später aus dem Gebiet östlich des Euphrats nach Palästina kamen. Nach ihnen folgten die anderen Eroberer – Assyrer, Babylonier, Makedonier und Römer, die als Besatzer die Juden verfolgten. Im Jahr 70 n. Chr. befahl der römische Kaiser Titus die Zerstörung des zweiten Tempels, des höchsten jüdischen Heiligtums, nachdem der erste Tempel des Königs Salomo von den Babyloniern im Jahr 586 v. Chr. zerstört worden war. Die jüdischen Einwohner wurden grausam verfolgt, deportiert und gezwungen, Palästina zu verlassen. Dennoch machten die Juden stets rund zehn Prozent der Bevölkerung in diesem Gebiet aus.
Die Stadt Jerusalem wurde von 920 v. Chr. bis zum Ende des ersten arabisch-israelischen Krieges im Jahr 1948 fünfzehn Mal belagert. Sie blieb, mit Ausnahme einer kurzen Zeit während der Kreuzzüge, vom siebten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zur Einführung des britischen Mandats im Jahr 1922 in muslimischer Hand. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde Westjerusalem von den jüdischen Truppen besetzt und im Jahr 1950 zur Hauptstadt Israels erklärt. Auch der östliche Teil der Stadt wurde 1967 von den jüdischen Truppen erobert.
Während der langen arabischen und osmanischen Herrschaft lebten die beiden Gemeinschaften – die palästinensischen Araber und die Juden – in unauffälliger Harmonie zusammen. Diese Tatsache verlieh Bea die Kraft, in ihrer Überzeugung, dass ein gemeinsamer Staat beider Völker möglich war, auszuharren. Die jüdischen Gemeinschaften hatten nämlich in allen islamischen Staaten bis hin zum 20. Jahrhundert im Grunde ohne größere Schwierigkeiten gelebt. Der Antisemitismus war eine Eigenart des christlichen Abendlandes, in deren Folge der Zionismus entstand. Daraufhin begannen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa unterschiedliche zionistische Schriften mehrerer Autoren zu kursieren, wobei das im Jahr 1896 von Theodor Herzl veröffentlichte Buch „Der Judenstaat“ von besonderer Bedeutung war.
Bea hielt den Zionismus für eine humane Idee, in der es darum ging, einem semitischen Volk die Rückkehr in seine Urheimat zu ermöglichen. Sie übernahm Herzls Grundgedanken, dass der Zionismus als eine nationale und nicht als eine religiöse Bewegung zu definieren sei, dieser Gedanke war letztendlich entscheidend für die erneute Gründung des Staates Israel. Interessanterweise schrieb Herzl, dass er die Anregung für den Kampf zur Gründung eines jüdischen Staates in Palästina ausgerechnet von den Serben erhielt, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als erstes Volk am Balkan einen Teil des Osmanischen Reiches abtrennten und ihren eigenen Staat wiederherstellten.
Die Umsetzung der zionistischen Vorstellung wurde durch die geschichtlichen Ereignisse vorangetrieben. Im Zarentum Russland begann 1881 eine neue Welle der Judenpogrome in der Ukraine. Flucht war die einzige Rettung für die Juden. Eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge zog in Richtung der Balkanhalbinsel, eine andere entschloss sich, in die biblische Heimat zu ziehen, wo es bereits eine sporadische, altansässige jüdische Gemeinschaft gab. Diese Flüchtlingswelle markierte den Beginn der Aliyah, der jüdischen Einwanderung nach Palästina.
Beas Vater, David Aschkenazi, war einer dieser jüdischen Einwanderer. Er flüchtete zunächst nach Rumänien, wo er in Bukarest seine Liebe Rachele Cohen heiratete. Sein Bruder Isaak wanderte mit seiner Familie direkt nach Palästina aus und ließ sich in der Nähe von Jaffa nieder, wo er entfernte Verwandte fand. Kurz darauf wurde er als Mitglied einer illegalen jüdischen Organisation in einer Auseinandersetzung mit der osmanischen Polizei getötet.
Auf die erste Aliyah folgten zahlreiche weitere Einwanderungswellen, die durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorübergehend unterbrochen wurden. Bea ging im Rahmen der dritten Aliyah nach Palästina.
Obwohl die jüdische Einwanderung nach Palästina bis dahin mäßig gewesen war, löste die erste Aliyah eine heftige Reaktion der lokalen arabischen Bevölkerung aus. Die osmanische Regierung versuchte, die jüdische Einwanderung durch Dekrete zu begrenzen. Palästinensische Araber ließen sich von der Idee mitreißen, dass die jüdische Einwanderung mit Waffen und Boykott gestoppt werden könnte. Auseinandersetzungen und Massendemonstrationen begannen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
