Kitabı oku: «Eugenie Erdözy»
Erdmann Graeser
Eugenie Erdözy
Roman
Saga
Eugenie Erdözy
© 1939 Erdmann Graeser
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592410
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I.
„Von wem sprecht ihr denn überhaupt?“ fragte Premierleutnant Graf Storkow, der eben erst gekommen war.
„Na — von der schönen Jenny!“
Die Unterhaltung der fünf jungen Offiziere — Premierleutnants vom Ersten Garde-Dragoner-Regiment — ging weiter. Sie sassen in der Habelschen Weinstube, waren in Zivil und jetzt schon bei der letzten der fünf Flaschen Champagner angelangt, die einer von ihnen — Otto von Plesser — für eine verlorene Wette zu zahlen hatte.
Ja, — dass sie heute hier einmal schlemmen konnten, verdankten sie im Grunde genommen nur der Tugendhaftigkeit der schönen Operettensängerin Eugenie Erdösy, von der Leutnant von Plesser behauptet hatte, dass sie, ebensogern wie die andern Damen vom Walhalla-Operetten-Theater in der Charlottenstrasse, jede Einladung der Offiziere zum Souper annähme — man brauche ihr nur durch den Logenschliesser die Visitenkarte in die Garderobe zu schicken.
Er hatte die Wette verloren, die „Jenny“ — wie man sie kurz nannte — hatte die Einladung nicht angenommen, obwohl die Visitenkarte an einem wundervollen Rosenstrauss befestigt war.
„Ich wusste es, lieber Plesser, wir hätten die Wette eigentlich gar nicht eingehen sollen“, sagte Leutnant von Strehlen, „ja, du musstest verlieren, denn alle sind bis jetzt ebenso abgeblitzt!“
„Ich nicht!“ sagte Graf Storkow, der jüngste von den fünf Offizieren.
Die andern lachten laut auf: „Willst du etwa behaupten —?“
„Gar nichts will ich behaupten — gar nichts, als dass es mir nicht so ergangen ist!“
„Das heisst dann also?“
„Das heisst nichts anderes, als dass ich’s überhaupt noch nicht probiert habe. Ich kenne ja eure Jenny gar nicht, wundere mich bloss, dass das ganze Regiment in sie verschossen ist — in die Chansonette aus so einem Stullentheater!“
„Man merkt’s, du warst auf Urlaub“, sagte Leutnant v. Plesser. „Stullentheater — früher mal, gewiss! Seitdem der Sohn vom alten Direktor Grosskopf die Sache in die Hand genommen hat, ist das ‚Walhall‘ kein Stullentheater mehr. Im Gegenteil — die alte Bude ist gründlich umgekrempelt — zum Operettentheater geworden! Piko bello, kann ich dir sagen.“
Die andern stimmten zu. „Gastspiele erster Kräfte aus dem Auslande! Zum Beispiel die Jenny stammt aus Ungarn, ist über die Wiener Oper zu uns nach Berlin gekommen!“
„Behauptet sie — und kommt in Wahrheit aus der Ackerstrasse!“
Die andern schwiegen verstimmt. Storkow sah betroffen von einem zum andern, schüttelte den Kopf. Das alte neumärkische Grafengeschlecht, dem er entstammte, und der reiche Vater — ein Oberst a. D. des Ersten Garde-Dragoner-Regiments — hatten ihm von Anfang an eine Vorzugsstellung unter seinen Kameraden verschafft.
„Ich möchte eure Gefühle nicht noch mehr verletzen, wenn ich zu fragen wage: Spricht sie denn deutsch — die schöne Jenny?“
„Ja!“
„Und tritt sie jeden Abend auf?“
„Sie singt doch die Nanon in der Genéeschen Operette — ist dadurch zum Liebling von ganz Berlin geworden!“
„Wann fängt die Vorstellung an?“
„Na — um acht Uhr!“
Storkow zog die Uhr. „Jetzt ist es halb — trinken wir aus, fahren wir hin, ich lade euch ein. Habt ihr Lust? — Gut! Kellner — eine Droschke!“
Die gute Stimmung war sofort wiederhergestellt.
„Ja — wie setzen wir uns nun, die Arche hat doch nur für vier Platz?“ fragte Storkow, als sie in die vorgefahrene Droschke steigen wollten.
„Ich setze mich neben den Kutscher — Schwäche aus meiner Jugendzeit“, sagte Hans v. Eschendorff und kletterte schon auf den Bock. Er war den ganzen Abend am stillsten gewesen, stiller noch als sonst, denn ihn drückten „Familiensorgen“, wie Leutnant von Strehlen die Alimentationsverpflichtungen Eschendorffs nannte. Heute hatte er wohl wieder einen Mahnbrief bekommen und wusste, bei dem knappen Wechsel von daheim, nicht, woher er das Geld nehmen sollte, falls ihm der beabsichtigte Pump bei Storkow missglückte.
„Los, Kutscher — nach dem Walhall!“
Es war ein schöner Spätsommerabend und die Strasse Unter den Linden stark belebt von Spaziergängern, die aus dem Tiergarten kamen, aus den Zelten oder dem Krollgarten.
Doch nur einen Augenblick bot sich dieses Bild, denn schon lenkte der Kutscher in die Charlottenstrasse ein, und das Pferd — feuriger als sonst Droschkenpferde zu sein pflegten — setzte sich in Trab und verlor erst seinen Ehrgeiz, als es sich hinter der Zimmerstrasse jenem stillen Teil näherte, der als Encke-Platz durch die Sternwarte die Charlottenstrasse abschloss.
Kurz davor lag das Walhalla-Operettentheater. Der Eingang war hell erleuchtet, die Leute drängten sich an der Kasse.
„Alles ausverkauft!“ sagte der Mann hinter dem Schiebefenster.
Storkow wandte sich um. „Da habt ihr die Bescherung!“
Aber Leutnant v. Plesser sagte: „Lass mich mal ran. Und im Leutnantston fragte er dann: „Die Fremdenloge ist doch noch frei? — Schön, wir nehmen sie — Storkow, bleche!“
Durch den schmalen Seitengang führte der Theaterdiener die Herren nach der Fremdenloge.
Schon stimmte die Kapelle ihre Instrumente, die Ouvertüre konnte jeden Augenblick beginnen. Storkow sah sich verwundert um.
„Donnerwettstein“, sagte er anerkennend, „das Ding hat sich ja mächtig verändert — auch das Publikum sieht besser aus als früher. Aber — Kinder — Vorsicht! Halten wir uns im Hintergrund, dass uns keiner erkennt. Der Deibel kann sein Spiel haben — einer in Zivil ginge hier noch an — aber gleich fünfe auf einen Schlag —“
„Ruhe!“
Die Musik hatte begonnen — es war finster und still im Raum geworden. Als dann aber die Melodie: „Ach, Anna, zu dir ist mein liebster Gang!“ schmeichlerisch erklang, hörte man das Publikum mitsummen — die Bäcker- und Schusterjungen pfiffen ja das Lied in aller Herrgottsfrühe schon auf den Strassen — es gab keinen in Berlin, der es nicht kannte.
Da rollte der Vorhang in die Höhe, die Szenerie zeigte das Wirtshaus „Zum goldenen Lamm“, und Nanon, die schöne Wirtin — Fräulein Eugenie Erdösy — begann auf die Frage der ländlichen Gäste zu singen:
„Was ich mir wünsche, fragt ihr?
Mein freundliches Wirtshaus —
Umrankt ist’s vom Wein —
Die Trauben, sie reifen im Sonnenschein,
Gefüllt ist’s von Gästen im frohen Verein —
Was kann da der Wirtin zu wünschen wohl sein? “
Aber nicht lange, da kam Grignan, der „schlichte Bursche aus dem Volk“, in Wahrheit aber der Marquis Henri d’Aubigné, und als sie sich beide leidenschaftlich küssten, gab Leutnant v. Plesser dem Grafen Storkow einen leichten Rippenstoss und fragte:
„Na, wie ist dir?“
Doch der wehrte unwillig ab, starrte wieder auf die Bühne. Die andern sahen sich bedeutungsvoll an und lächelten.
In der Pause dann sagte Storkow: „Ja — entzückend, namentlich die Augen und die Figur. Aber ich möchte wissen, wie sie ohne Schminke und Kostüm aussieht!“
„Ich auch —“, sagte Leutnant von Brandt.
Alle lachten, aber Storkow fuhr sie ärgerlich an: „Ich meine doch, wie sie in Zivil wirkt.“
„Pscht! Nicht so laut“, warnte v. Eschendorff, „das Publikum wird schon aufmerksam auf uns.“
Ein Weilchen blieben sie auch still, aber da fragte Storkow plötzlich: „Vis-à-vis — in der Loge — ist der Herr dort nicht Direktor Grosskopf?“
„Der mit der weissen Weste?“
„Ja — ist er!“ bestätigte von Plesser.
Das Spiel nahm seinen Fortgang. Doch kurz vor Schluss des zweiten Aktes erhob sich, den Kameraden beruhigend zunickend, Graf Storkow und verliess die Loge.
„Ich hab’ mir’s gedacht“, flüsterte v. Plesser spöttisch. „Na — schadet ihm nichts, wenn er auch mal ganz gehörig abblitzt!“
„Ssssst!“ klang’s aus dem Publikum.
Draussen auf dem Gange entnahm Storkow einem Täschchen seine Visitenkarte, winkte dem Theaterdiener und sagte: „Hier — geben Sie das Herrn Grosskopf — ich lasse um eine kurze Unterredung bitten. Er sitzt in der Loge vis-à-vis — soll ich hier warten oder gleich mitkommen?“
Der Diener hatte sich einen Zwicker aufgesetzt, studierte die Karte und fragte devot: „Wenn ich den Herrn Grafen gleich führen darf ...“
Und auf der anderen Seite angelangt: „Einen Augenblick bitte zu warten, ich bringe sofort Bescheid!“
Damit verschwand er in der Direktionsloge. Gleich darauf erschien Herr Grosskopf selbst. „Ergebenster Diener, Herr Premierleutnant — was verschafft mir die ausserordentliche Ehre — wenn Sie wünschen, gehen wir in mein Büro.“
„Sehr liebenswürdig, Herr Direktor — aber Fräulein Erdösy muss doch jeden Augenblick von der Bühne kommen — ich möchte nicht versäumen, ihr mein Kompliment zu machen. Auch Ihnen, Herr Direktor — das Walhall ist ja kaum wiederzuerkennen — ein Genuss, diese Nanon-Aufführung!“
Der plötzlich einsetzende, aussergewöhnlich langanhaltende Beifallssturm verriet, dass der Vorhang gefallen war.
„Also — Herr Direktor — eine grosse Bitte: Darf ich der Künstlerin nicht meine Bewunderung aussprechen — auch im Namen meiner Kameraden drüben in der Loge?“
Der Direktor wiegte den Kopf hin und her. „Eigentlich nicht, Herr Graf! Na — vielleicht mal eine Ausnahme, und noch dazu in meiner Gegenwart — ich will es jedenfalls versuchen. Aber dann, bitte, wollen wir uns beeilen! Darf ich vorangehen?“
Sie kamen nach der Garderobe — Grosskopf klopfte an. Eine ältliche Person steckte den Kopf durch die Türspalte. „Nanu — wat is denn — ach, der Herr Direktor!“ sagte sie erschrocken.
„Herr Direktor — Sie wünschen?“ kam die Frage aus dem Zimmer, und gleich darauf trat die Künstlerin auf den Gang.
„Fräulein Erdösy — gestatten Sie, Herr Premierleutnant Graf Storkow wollte Ihnen — —“
„Gnädiges Fräulein — Sie sehen, ich bin ohne die üblichen Rosen — also ganz spontaner Einfall — nur aufrichtigste Bewunderung Ihres Künstlertums veranlasste mich, den Herrn Direktor zu bitten, Ihnen —“
Er kam nicht weiter, verhaspelte sich, denn der ernste Blick ihrer dunklen, schönen Augen verwirrte ihn. Aber als er nun stockte, reichte sie ihm die Hand und sagte: „Sie beschämen mich! Ich bin dem Herrn Direktor zu grossem Dank verpflichtet, dass er mich an sein Theater nach Berlin engagierte.“
„Ich weiss, welches Glück mir zuteil wird! Meine Kameraden hatten mir schon erzählt, dass Sie unnahbar seien —“
Sie sagte: „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, Herr Premierleutnant, wenn Sie Ihre Kameraden bitten wollten, derartige Einladungen mir nicht mehr zu schicken ...!“
Er verbeugte sich. „Nichts ist mir lieber, gnädiges Fräulein, aber darf ich mir nicht erlauben, ein paar Rosen —“
Jetzt lächelte sie. „Keine Ausnahme!“
„Doch“, sagte er wie ein trotziger Junge, „ich tue es doch — und wenn Sie die Blumen auch unbeachtet verwelken lassen.“
Ein Klingelzeichen — sie wandte sich hastig ab. „Ich muss weg — adieu!“
Einen Augenblick fühlte er ihre Fingerspitzen in seiner Hand, dann war sie in ihrer Garderobe verschwunden.
„Eine Künstlerin“, sagte Herr Grosskopf, „hat eine grosse Zukunft!“
„Ich danke Ihnen, Herr Direktor — aber nun will ich auch rasch hinüber, man wird sich ja wundern, wo ich stecke.“
Als er zurück in die Loge kam, ging gerade der Vorhang wieder auf. Trotzdem kam von Plesser das erwartungsvolle: „Na?“
Storkow schüttelte den Kopf. „Später!“
Und in diesem letzten Akt sang Fräulein Erdösy dann ihr berühmtes Couplet:
„Ich brauche keine Professoren,
Liebe ist uns angeboren.
Ich weiss, was dazu gehört,
Wie man schmachtet und gewährt,
Kokettiert und Grüsse schickt,
Wie man seufzt und Hände drückt
Bei verliebten Neckerei’n.
Doch wozu? ’s muss ja nicht sein!
’s muss ja nicht sein!“
Sie musste eine Pause machen, so stark war der Beifall, doch dann trat Stille ein, und sie sang weiter:
„Weiss auch, wie mit Feuerblicken
Solchen Kopf man kann verrücken,
Weiss, dass, wenn es kommt zum Küssen,
Sich die Lippen spitzen müssen,
Drücke zu die Äugelein,
Wenn es wirklich müsste sein,
Halt auch still dann ohne Schrei’n.
Doch wozu? ’s muss ja nicht sein!
’s muss ja nicht sein!“
Hatte sie diesen Vers nicht nach der Loge der jungen Offiziere hin gesungen?
„Donnerwetter“, flüsterte Plesser, „es muss doch sein!“
Als der Vorhang zum letztenmal gefallen, man draussen auf der Strasse war, sagte Storkow: „Sie lässt euch bitten, sie künftighin mit euren Einladungen zu verschonen — sie ist doch nicht irgendein Ballettmädel!“
„Hoho — hat sie dir das aufgetragen?“
„Ja!“
Die andern lächelten, und Hans v. Eschendorff summte: „Es muss ja nicht sein!“
„Nein — und deshalb bitte ich euch darum, es zu unterlassen, damit sie merkt, dass ich’s auch ausgerichtet habe!“
II.
Man hatte sich getrennt; v. Eschendorff war mit Storkow zusammengeblieben, und dieser wusste, was ihn jetzt erwartete.
In der Wilhelmstrasse dann, kurz vor dem Belle-Alliance-Platz, nahm Eschendorff entschlossen einen Anlauf: „Von der Fanny habe ich wieder einen Brief bekommen!“
Storkow zog bei der nächsten Laterne seine Brieftasche. „Hier — ein Blauer — mein letzter! Ich bin diesen Monat auch knapp — was du also nicht brauchst, gib mir morgen zurück!“
„Dreissig — vierzig Emm hätten genügt —“
„Ich hab’s nicht kleiner!“
„Ich danke dir — Storkow!“
„Lass doch, ich kann mir ja denken, wie dir zumute ist. Bloss, wie willst du jemals aus der Patsche herauskommen?“
„Ich sehe keinen Ausweg — die Bluthunde haben mir ja schon mit Anzeige beim Oberst gedroht.“
„Und dann?“
„Dann werde ich eben geschasst.“
„Und dann?“
„Wird vielleicht noch alles gut. Zum Offizier muss man geboren sein — ich bin es nicht. Ich hätte Musik studieren sollen, aber ich musste mich fügen. Vielleicht hol’ ich noch nach, was ich verloren habe.“
„Und — entschuldige — wovon willst du leben?“
„Klavieruntericht! Ich heirate die Fanny — dann wird das Kind ehelich — und da sie ebensogut unterrichten kann wie ich, machen wir ein Musikinstitut auf! Je eher der Kladderadatsch kommt, desto besser für mich!“
Sie waren vor Storkows Wohnung am Belle-Alliance-Platz angelangt.
„Also — morgen früh wechsle ich und gebe dir den Rest zurück!“
„Ja doch — gute Nacht, Eschendorff! Vielleicht gibt’s doch noch einen andern Ausweg!“
„Ich will gar keinen — ich liebe das Mädel und das Kind viel zu sehr, und als Offizier hätte ich die Fanny niemals heiraten dürfen!“
„Adieu!“
Storkows Wohnung lag hochparterre. Im Dunkeln tastete er sich hinauf, entflammte dann oben vor der Tür ein Wachsstreichhölzchen, schloss auf. Die Petroleumlampe war schon zum Anzünden bereitgestellt, Glocke und Zylinder lagen daneben auf dem Tischchen im Korridor.
Als sie brannte, trug er sie nach dem grossen Vorderzimmer, das er sich ebenso eingerichtet hatte wie die Stube daheim auf dem väterlichen Gute. Bis zur halben Höhe dunkel getäfelt — auf der hellen Tapete darüber ein paar Jagdgewehre, Geweihe und gerahmte Lithographien von englischen Rennpferden. In der Mitte stand ein schwerer, eichener Tisch. Nebenan war das kleine Schlafzimmer mit dem eisernen Feldbett; an den Wänden hingen Photographien in ovalen schwarzen Rahmen.
Storkow schloss den Schrank auf. Ja — da hing der Dienstanzug für morgen früh, gebürstet und griffbereit — aber wo waren die Stiefel?“
„Na — erst einmal das Räuberzivil herunter und ein bisschen bequem gemacht!“ In Hausschuhen ging er dann durch den Korridor nach der Küche.
Da brannte wirklich noch Licht — ein kleines Lämpchen mit einem gelben Blender. Der Diener sass da, mit dem Kopf an die Wand gelehnt und schlief, den Mund weit offen.
„Friedrich!“
Aber der schlief viel zu fest und ermunterte sich nicht eher, als bis er ihn an der Schulter rüttelte. Da fuhr er jäh in die Höhe, suchte Haltung anzunehmen. „Z’Befehl, Herr Premierleutnant!“
„Scher’ dich in die Falle — wie oft hab’ ich dir schon gesagt, du sollst nicht warten!“
Beinahe wäre Storkow über die Schuhe und Stiefel gestolpert, die in langer Reihe neben dem Stuhl standen.
„Alle gewichst! Etwa die Lackschuhe auch wieder? Ach nee, die hab’ ich ja eingeschlossen, damit das Malheur nicht noch einmal vorkommt. Stell’ genau die Weckeruhr und dann in die Federn — Lampe auspusten!“
Er selber aber war viel zu munter, um ebenfalls zu Bett zu gehen. Eine Zigarre rauchend, sass er am Tisch und blickte auf die beiden Briefe, die dort lagen — sie zu öffnen, hatte er keine Lust. An der Handschrift und den Umschlägen sah er ja, von wem sie kamen — der eine von seinem jüngeren Bruder Fritz, der ihn mit seiner unglücklichen Liebe zu der Gutsnachbarin doch nur langweilte, der andere von Fifi, die ihm sicherlich Vorwürfe machte, dass er sie nicht mehr ausführte.
Eine Klette —, dachte er, dass das Mädel nicht begreifen will, wie lange die Geschichte schon aus ist. Ein Wort seines Bruders fiel ihm ein: „Du gehst aus allen Affären heil heraus — dich macht keine unglücklich, nur du machst alle unglücklich — wehe dem armen Mädel, das sich mit dir einlässt!“
Weil er nie geliebt hatte wie der Bruder Fritz, der stets an einen „Bund fürs Leben“ dachte. So spöttisch er eine solche völlige Hingabe beurteilte — heute, zum erstenmal in seinem Leben, hatte er empfunden, dass auch er dazu fähig sei. Vorhin, im Theater, als ihm „die Jenny“ die Hand gereicht.
Ja — solch ein Mädchen — eine wirkliche Künstlerin, nicht eine Ballettratte wie die Fifi.
Unwillkürlich hatte er nun doch nach dem Briefe gegrissen — aber plötzlich richtete er sich hoch auf, las noch einmal die Stelle:
„— — — so lebe wohl für immer — Du hast keine Schuld und brauchst Dir keine Vorwürfe zu machen, wenn Du es hörst. Ich konnte es nicht länger ertragen, es ist das Beste für mich.
Deine bis in den Tod getreue Fifi.“
Was war da geschehen — sollte das Mädel wirklich eine Dummheit gemacht haben? Ach, sicherlich nur eine Weiberlist, um ihn wieder anzulocken. Aber wenn da doch etwas passiert wäre? Nun, jetzt in der Nacht war nichts zu erfahren. Und — zu ändern wäre ja auch nichts gewesen. Was hatte denn aber dieses Mädchen eigentlich gedacht? Nie hatte er ihm etwas versprochen, ihm nie Zweifel darüber gelassen, dass es sich nur um ein Techtelmechtel gehandelt, wie Fifi schon vor ihm so viele gehabt.
Nein — er wurde nicht ruhiger. Und plötzlich nahm er die Schreibmappe vor, beschrieb einen Umschlag mit der Adresse: „Fräulein Elfriede Barnick, Berlin N, Kesselstrasse Z.“ Und auf eine Visitenkarte: „Ich bitte Dich um eine Aussprache, gib Nachricht, wann und wo wir uns treffen können. Gruss Achim.“
Er kuvertierte, klebte die Marke auf und ging dann so, wie er war, auf die Strasse und warf den Brief in den Kasten.
Wieder in seinem Zimmer angelangt, spürte er jetzt die Erschlaffung — also ins Bett.
*
Premierleutnant Graf Achim Storkow hatte das Glück gehabt, dass er vor einem halben Jahr zur Kriegsakademie berufen worden war. Jeden Morgen in der neunten Stunde strebte er daher nach dem grossen Bau in der Dorotheenstrasse — aber dann, wenn nach vier Stunden die Vorlesungen zu Ende, gehörten Nachmittag und Abend ihm.
Als er heute — zwei Tage nach dem Besuch im Walhall — heimkam, fand er auf dem Tisch seinen Brief „An Fräulein Elfriede Barnick“; auf der Rückseite der Vermerk der Post: „Zurück an den Absender. Adressatin verstorben.“
„Friedrich!“
Und als der Diener kam: „Sofort eine Droschke — nein, für mich kein Essen — ich muss weg!“
Wenige Minuten später fuhr die Droschke vor, Friedrich sprang vom Bock, kam herauf.
„Wer auch kommt, wird abgewiesen — verstanden! Kerl, du heulst wohl gar?“
„Das arme Fräulein — war immer so lustig — und so jung und schön!“
„Raus!“
Fehlte noch gerade, dass er mit dem Diener einen Trauerchor bildete. Mit Unabänderlichem musste man sich abzufinden wissen. Als er dann in der offenen Droschke — es war ein schöner, sonniger Tag — am buntgefärbten Tiergarten vorüberfuhr und die Erinnerung kam, wie oft er hier mit Fifi entlanggegangen war, wenn er sie heimgebracht, legte sich doch etwas Schweres auf sein Herz. Und wieder kamen ihm die Worte seines Bruders in den Sinn, dass er die Mädchen unglücklich mache.
Ehe der Kutscher in die Kesselstrasse einbog, liess Storkow halten, zahlte und ging den Rest zu Fuss. Er blickte hinauf nach den Fenstern von Fifis Stube — sie waren weit geöffnet. Und dann stieg er die drei Treppen hinauf. Fifis Visitenkarte war nicht mehr an der Tür über dem ovalen Porzellanschild der Vermieterin: „Wwe. Anna Speer.“
Die Klingel war immer noch nicht repariert, er konnte den Draht an dem Messinggriff ein ganzes Stück herausziehen. Auf sein Klopfen wurde dann geöffnet.
„Jott, Sie!“ Die alte Frau war unwillkürlich vor ihm zurückgewichen. „Ja, denn kommen Sie man rin, Herr Iraf!“
Sie liess ihn in ihre Stube, wo es behaglich nach Kaffee roch und ein Kanarienvogel zwitscherte.
„Kommen Sie, setzen Sie sich hier mit ans Fenster — wo sie immer gesessen hat, wenn sie mir von Ihnen erzählte.“
„Ich wollte wissen, wann die Beerdigung ist?“
„Ach Jott, schon vorbei! Wenn ich nich jleich nach’s Schauhaus jejangen wäre, hätten sie ihr vielleicht nach die Anatomie jebracht. Sie haben ihr doch bei die Zelten aus det Wasser jezogen, und ’n Schutzmann kam mir Bescheid sagen. Aber ich möchte das alles ja nich mehr erzählen, ich darf nich dran denken, denn ich seh’ ihr ja immer noch in dem Ilaskasten liegen — wie Schneewittchen sah sie aus — so blass und so schön.“
„Wo ist das Grab?“
„Auf dem Charitéfriedhof in der Müllerstrasse an die Ecke Seestrasse. Kränze braucht sie nicht mehr, die von’s Ballett haben so ville jebracht, dass man von die eklige Erde nischt mehr sieht.“
„Liegt die Stelle sehr abseits?“
„Nee, nee, wat denken Sie, Herr Jraf! An die Mauer hab’ ich ihr nicht einscharren lassen. Wenn man reinkommt von die Müllerstrasse den langen Jang und dann links ab und da denn jrade an die Ecke!“
Storkow stand auf — trotz der Artigkeit der Alten fühlte er doch den Widerwillen gegen seine Person. „Sie haben viele Auslagen gehabt, darf ich Ihnen —“
„I bewahre! Fifi hatte ja ihr Jeld janz genau für alles einjeteilt, auch den Haus- und den Entreeschlüssel hierjelassen — nich einen Pfennig hab’ ich zulegen brauchen!“
„Soviel ich weiss, hatte sie keine Anverwandte in Berlin?“
„Nee — keine Menschenseele! Und damit Sie sich wejen Ihre Photographie und die Briefe keine Jedanken machen — das Bild hat sie aus dem Rahmen jenommen und mit das übrige im Ofen verbrannt!“
„Seien Sie doch nicht so feindlich gegen mich, Frau Speer. Ich war doch schon über ein Vierteljahr mit ihr auseinander und glaubte, dass sie mich längst vergessen hätte!“
„Das hat sie eben nich! Jeden Tag hat sie auf einen Brief von dem Herrn Jrafen gelauert, an ihre freie Abende hat sie hier jesessen und jedacht, es würde kloppen, aber Sie sind nich jekommen. Und wie sehr hat sie Ihnen jebettelt, ich hab’ doch mal so’n anjefangenen Brief jelesen! Sehen Sie, Herr Jraf, so spielt man nich mit Mädchenherzen —“
„Na, ich danke Ihnen für die Auskunft, und nun will ich mal sehen, wie ich nach dem Friedhof komme. Das ist doch hinterm Wedding?“
„Noch ein langes Ende — nehmen Sie sich man ’ne Droschke, die Pferdebahn nach Tegel kommt nur alle halbe Stunde!“ — — —
Im Dämmerlicht des Abends stand er dann an dem Grabe, legte den unterwegs gekauften Rosenstrauss zu den Kränzen — und ging nachher zu Fuss heim, denn er wollte müde werden, um nicht mehr denken zu müssen.