Kitabı oku: «Leipzig - wie ich es sah»
Erdmann Graeser
Leipzig
– wie ich es sah
Aufzeichnungen eines Flaneurs
Entdeckt von Wolfgang U. Schütte
Mit einem Vorwort von Joachim Nowotny
Saga
Leipzig – wie ich es sah
© 2005 Erdmann Graeser
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592519
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Vorwort
Ausnahmezustand. Heiter
Da kommt einer im schönen Mai aus Berlin nach Leipzig, um die Reize der Gaststadt im leichten, pointierenden Stil eines wohlwollenden Flaneurs für einen ähnlich gelaunten Leser aufzuschreiben. Beinahe nebenher findet er an den Mauern der Johanniskirche Spuren blutiger Auseinandersetzungen, die nicht älter als zwei Monate sind. Hat er sich doch ausgerechnet im Jahr 1921 aufgemacht, um bis in den Sommer hinein den Ort seiner vergnüglichen Erkundungen zu besuchen. Die mit einem Generalstreik verbundenen sogenannten Märzkämpfe zwischen mitteldeutschen Arbeitern und einer Obrigkeit, die sich der Hilfe schlagender Militärs bedient, sind gerade vorbei. Noch herrscht in Sachsen der Ausnahmezustand. Es gibt Sondergerichte, Verurteilung zu lebenslanger und Festungshaft. Nicht nur die Leipziger und keineswegs allein die Armen haben tagtäglich einen anderen sehr lästigen Gast zu Tisch: Den Hunger. Die Folgen des verlorenen (Ersten) Weltkrieges lasten auf dem Land, einem Ascheberg gleich, aus dem immer wieder die Glut aus aufständischen und konterrevolutionären Nestern schießt. Gerade hat der britische Premier dem Botschafter der Deutschen Regierung ein Ultimatum überreicht, wonach das Reich 132 Milliarden Reichsmark als Reparationsschulden an die Siegermächte zu zahlen hat. Anderenfalls droht die Besetzung des Ruhrgebietes. Im Osten gibt es Kämpfe zwischen Polen und Deutschen um Gebiete Oberschlesiens, die beide beanspruchen. Sogenannte Erfüllungsgehilfen – das sind vor allem Politiker, die sich den überaus harten Bedingungen des Versailler Vertrages beugen wollen – werden nicht nur von erzreaktionärer Seite her übel beschimpft. Einen von ihnen, den Reichsfinanzminister Erzberger, wird man am 8. August heimtückisch ermorden. Die Kohle- und Umsatzsteuer muß erhöht werden, da die Sieger der Bitte der deutschen Regierung um Stundung von Reparationszahlungen nicht nachkommen wollen.
Wie man es auch dreht und wendet: Es ist ein bitterer Frühling, ein harter Sommer, in denen sich Erdmann Graeser aufgemacht hat, Leipzigs Reize zu suchen. Er will sie nicht nur sehen, er will sie anders sehen: In freundlich-friedlicher Absicht, mit der Gemütsverfassung des unbeschwert Reisenden, der die ganz und gar unfreundlichen Zeitläufte weitgehend ignoriert. Kann das gutgehen? Muß sich nicht einer, der solches unternimmt, den Vorwurf gefallen lassen, ihn habe die Verdrängungssucht zu oberflächlicher Betrachtung verdammt? Das hieße freilich zu verdächtigen, was gerade in Notzeiten bitter gebraucht wird: Ein Überlebenswille aus heiterem Geiste. Ich sage hier Geist und nicht Gemüt. Das kippt leicht um zu Mißmut. Graeser verfügt über genügend Witz, um das Kunststück gelingen zu lassen. Wenn er die Vergangenheit bemüht, dann sucht er sie bei den Zeitgenossen früherer Jahrhunderte auf und gewinnt auf diese Art und Weise eine läßliche Zuversicht, wenn nicht gar eine für den Feuilletonisten gefährliche Nähe zur Verklärung. Etwa wenn er das Schillerhaus besucht und nachgerade aus dem Gegensatz zwischen des Dichters betulich-bescheidener Unterkunft und der überaus herzlichen Aufnahme durch den Gönnerkreis die Überzeugung gewinnt, das Lied an die Freude kann nur hier und nirgendwo anders zum ersten Mal gejubelt worden sein. So erklärt, glaubt es der Leser gern. Den jungen Goethe sucht Graeser dort auf, wo der seinen Spaß fand: Bei Klärchen Schönkopf und Friederike Oeser, den Töchtern respektabler Leipziger Bürger. Den Dichter Gellert spürt er in der Gruft der Johanniskirche auf, er schenkt ihm die Minuten der Beachtung, die der fast Vergessene neben der letzten Ruhestätte Bachs sonst kaum genießt. Und der durchaus nicht in Ehrfurcht erstarrte Gruftbesucher vergißt keineswegs den Totengräber Müller zu loben, dessen Pingelichkeit beim Begleichen eines Eichensarges auf des Thomaskantors Spur führte. Fast nebenbei erklärt Graeser Leipzig zur Weltstadt, indem er das Blütenfest im Park Meusdorf (wo ist es geblieben?) mit dem Pariser Montmartrefest vergleicht und sich gern einreden läßt, er befände sich mithin auf dem größten Tanzsaal Europas. Bei Felsche probiert er die berühmten Pfannkuchen, im Thüringer Hof sucht er jene Art von unprätentiöser Behaglichkeit, die er offenbar in Berlin nicht finden kann. Beim Wetten während des Pferderennens macht er mit dem Glück des Anfängers einen kleinen Gewinn. So bleibt er inmitten des Trubels bei heiterer Gelassenheit. Freilich lächelt er hie und da über den Leipziger Dialekt, aber es geschieht ohne die Überheblichkeit, mit der man im übrigen Deutschland gewöhnlich das Sächsische quittiert. Vor dem Völkerschlachtdenkmal ergeht es ihm, wie es den meisten noch heute ergeht: Man erschauert angesichts der aufgetürmten Kolossalität, nicht aber im Gedenken an die auf Leipzigs Feldern Gefallenen.
An manches wird der Leser erinnert, was der letzte Krieg im Stadtbild tilgte. Die Johanniskirche, das Bildermuseum am Augustusplatz, die Albertsäle, die Markthalle, beinahe alle typischen Leipziger Höfe. Der Brühl, heute wenig mehr als ein Straßenname, war in den Zwanzigern voller Leben. Graeser weiß es anschaulich zu beschreiben. Und o Wunder, wo einst vor allem die Pelzhändler jüdischen Glaubens für heftige Bewegung sorgten, spricht er von ihnen als Menschen. Von solchen wie du und ich. Das mochte damals noch weniger üblich gewesen sein, als es heute ist.
Soviel noch: Man möge Herausgeber und Verleger dieses Büchleins in die Nähe des Verfassers der Leipziger Ansichten rücken. Auch ihr Ehrgeiz erscheint auf sympathische Art aus einem heiter ironischen Gemüt zu kommen. Wer müht sich sonst, solche Texte aufzufinden und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?
Juli 2005
Joachim Nowotny
Zu dieser Ausgabe
„Von der Voraussetzung ausgehend, daß es für den Einheimischen immer interessant sei, zu erfahren, wie seine Vaterstadt auf den Fremden wirke, der mit seinen Augen Längstgewohntes betrachtet, haben wir den bekannten Berliner Romanschriftsteller Erdmann Graeser gebeten, in einer kurzen Artikelreihe zu berichten, wie er Leipzig sah“, leitete die Redaktion der „Leipziger Allgemeinen Zeitung. Mitteldeutsche Tageszeitung für Handel, Industrie und Landwirtschaft, Früher Stadt- und Dorfanzeiger“ im Jahr 1921 und zwar in der Nummer vom Sonntag, dem 15. Mai – das war immerhin der 71. Jahrgang des Blattes – die Artikelserie ihres Berliner Kollegen ein. Dieser war zu jener Zeit bereits ein außerordentlich bekannter Berliner Romanschriftsteller und so fehlten im Einleitungstext die Hinweise „auf seinen berühmt gewordenen sechsbändigen Roman ‚Lemkes sel. Witwe‘ und auf das tiefgreifende Bekenntnisbuch, den Roman ‚Der Kandidat des Lebens‘ (Verlag Ullstein & Co.)“, nicht.
Die kurze Artikelreihe mit dem einfachen, aber treffenden Titel „Leipzig – wie ich es sah“ dürfte selbst für den Leipzig-Kenner eine angenehme Überraschung sein. In dieser Edition sind nach über achtzig Jahren erstmals alle Beiträge ungekürzt und unbearbeitet zusammengefaßt.
Bei Felsche
Reisen heißt: Sein Ich an fremden Orten wiederfinden.
Wenn das wahr ist, so fand ich mein Ich in Leipzig zuerst bei Felsche wieder. Ja – das war unbestreitbar Ich, der da mit nimmermüden Händen nach den Pfannkuchen langte, die zu anmutigem Berge gehäuft auf der Metallschale lagen, „Café Français“ stand auf dieser Schale eingraviert – so hatte das Kaffeehaus am Augustusplatz vor dem Kriege geheißen. Jetzt nennt man es einfach „Felsche“, nach dem Namen des Inhabers. – –
Da sitze ich also nun, esse einen Pfannkuchen nach dem anderen (ohne mir nach jedem den Daumen und Finger abzulecken, wie die schönen Mädchen ringsum!) und ich bin so froh bewegt, weil ich mir keinen großen, grünbaumwollenen Regenschirm und keine Sacktasche mit eingesticktem Königspudel für diese Reise gekauft habe, wie ich zuerst gewollt, um für einen ganz echten Sachsen gehalten zu werden. Jetzt erkenne ich ja: Die Sachsen sehen ganz anders aus, als wie ich sie auf der Bühne in Berlin zu bewundern gewohnt bin. Ich begreife: Die Bühnen-Sachsen sind Karikaturen, wie die Bühnen-Engländer mit den großkarierten Anzügen. Die Leipziger aber sind Großstadtmenschen, sind Klein-Pariser (Kollege Goethe hat ganz recht – wie immer!) und in der Mode, der Damenmode, uns weit voraus. Die wadenfreien Röcke der Berlinerinnen kommen mir plötzlich wie Schleppkleider vor, als ich jetzt so manches holde Kind kniekehlenfrei über den Kies des Augustusplatzes schweben sehe. Diese Überlegenheit stimmt mich ein wenig melancholisch – Trost gewährt mir nur die Kopfbedekkung der Droschkenkutscher, die nicht ganz so einheitlich ist, denn vor dem Bahnhof sah ich etliche mit Mützen, andere mit gewölbten Filzhüten, wieder andere mit schwarzlackierten Pappzylindern und schließlich welche mit echten seidenen Klapphüten – diese Droschkenkutscher lassen sich offenbar nicht unter einen Hut bringen.
Mit diskretem Rattern gleiten die Elektrischen vorüber, zuweilen wird es so still, daß ich – auf der Terrasse – die Finken höre, die in dem frischen Grün der Baumkronen schmettern. Die Riesenfläche des Platzes wird nicht leer, unaufhörlich kommen und gehen, gehen und kommen Menschen über diesen Platz, der wie ein Magnet auf alles wirkt, was Beine und Räder hat, und der einem ehemaligen Exerzierplatz gleicht. Aber ich unterdrücke diese Ansicht, denn mein Reisehandbuch belehrt mich, daß sich mit dem Augustusplatz „in bezug auf Großartigkeit und Schönheit kaum ein Platz in einer anderen Stadt vergleichen lasse.“ – Solche mit Bestimmtheit vorgetragenen Ansichten schüchtern mich immer ein und ich schlage deshalb rasch nach, was über den Mendebrunnen gesagt wird, den ich da rechts sehe und der mit seinen nach allen Richtungen vorgestreckten Haken wie ein riesiger Kleiderständer auf mich wirkt. Und ich erschrecke, bin beschämt, als ich nun lese, wie viele Koryphäen der Kunst sich zusammengefunden haben, um diesen Monumentalbrunnen zustande zu bringen, den Paul Heyse mit einem Sprüchlein geschmückt, das mit den Worten beginnt: „Zum Himmel streben...“
Ach, ich weiß ja noch nicht, daß ich nicht nur in der Stadt der Höflichkeit, sondern auch in der der Superlative bin, in der Stadt mit dem größten Bahnhof der Welt, dem größten Denkmal der Welt, dem größten Tanzsaal der Welt, dem größten Volkspark der Welt und dem größten Vergnügungs-Etablissement der Welt, denn alles dies erfahre ich erst in den nächsten Tagen, als ich schon dicht an dem Mendebrunnen vorbeizugehen wage, ohne Angst, an irgend etwas von ihm hängen zu bleiben, unbesorgt jetzt, daß mir der vorgestreckte Fuß oder ein Arm der Figuren den Hut vom Kopfe schlagen werde – kurz, als ich mich, sozusagen, schon etwas eingewöhnt habe und mein Blick für das Absonderliche bereits abgestumpft ist. Da werde ich schwach und gebe zu, daß auch der Mendebrunnen etwas Schönes sei. Warum auch sich mit diesen liebenswürdig-höflichen Menschen streiten, deren Artigkeit mich überrascht. Das Mädelchen, das ich vorhin auf der Straße um eine Auskunft bat, tat einen Augenaufschlag, wie die Duse und sagte: „Es tut mir herzlich leid, das weiß ich nicht!“ Und die Verkäuferin in dem Ansichtskartengeschäft zwitscherte beim Bezahlen: „Danke recht sehr!“ Der Zigarrenhändler hielt mir den Anzünder bereit und sagte: „Bitte, wenn sich der Herr bedienen wollen!“ Nur einmal bin ich während meines Aufenthaltes in Leipzig angeschrien worden – aber auch nicht von einem Menschen, sondern nur von einer Inschrift, durch die Worte: „Erst Hosen zu!“ Die ich las, gerade als ich irgendwo weggehen wollte...
Wie ich da so sitze und über meine ersten Eindrücke nachdenke, verdrießt es mich plötzlich, daß man mir die Milch gleich in die Tasse gegossen hat. Ich weiß, es geschieht aus Sparsamkeit – aber in meinem Hotel serviert man mir doch den Kaffee so, daß ich nach meinem eigenen Belieben Milch zugießen kann. Und ist nicht etwa für Verschwendung – bewahre! Trotzdem es ein erstklassiges Hotel ist, übt man streng die Tugend der Sparsamkeit, wie die mit Krepp-Papier gedeckten Tische beweisen, mit Krepp-Papier, das bis zum letzten ausgenutzt wird, denn ich finde, diese Tischtücher, zu handlichem Format zerschnitten, nachher an anderem Orte wieder.
Radlerinnen, Autos, Equipagen und Droschken – alles, was da vorüberfährt, bringt dem Fußgänger keine Gefahr, bewegt sich, trotz größter Schnelligkeit so behutsam, als sei ein Menschenleben wirklich noch ein Menschenleben. Und doch hat dieser Wagenverkehr etwa nichts Kleinstädtisches. Der brave Karl von Holtei würde sich wundern, wenn er dieses Rädergewirr beobachten könnte, und sicherlich heute seinen Ausspruch korrigieren, in dem er, trotz aller ekstatischen Bewunderung für diese Stadt, doch von einer „nicht gänzlich abzulegenden Kleinstädterei Leipzigs“ spricht.
„Gestatten?“ fragt der Kellner, und schon nimmt er mir die Kuchenplatte vor der Nase fort, da ich seiner Meinung nach offenbar genug gegessen habe. Ich gebe dem fürsorglichen Manne recht und beschließe, mich satt zu fühlen, zumal – wie ich jetzt beim Bezahlen merke – das Vergnügen – „in dem Gelde läuft!“
Aber am Nachmittag bin ich schon wieder da, jetzt in einem Raum, den ich „Damenzimmer“ taufe, weil die Weiblichkeit überwiegt. Sie sitzt, hofft, wartet – Gott weiß auf was! Zuweilen wird ein Spiegelchen aus dem eleganten Lackledertäschchen oder dem Perlbeutel genommen und die Frisur, das Gesicht, nachprüfend betrachtet. Und immer dieselbe Szene, wenn einer Neuangekommenen die Kuchenplatte zur Auswahl auf das Marmortischchen gesetzt wird: Die sanftesten Mädchenaugen bekommen da plötzlich den Ausdruck gleich dem eines Stoßvogels. Während die eine Hand die Platte langsam dreht, zuckt die halberhobene andere mit den griffbereiten Fingern unschlüssig in der Luft – je nach der Aussicht, die sich bietet, denn einmal angefaßt, kann man den Kuchen doch kaum wieder zurücklegen. Und wenn man dann endlich doch zulangt, scheint man sich allemal vergriffen zu haben – denn während man ißt, haften die Blicke zehrend an einem anderen Kuchen, der noch auf der Platte liegt...
Unter der jungen, eleganten Damenwelt auch viele behäbige Mütterlichkeit mit Töchterlichkeit, die Ansichtskarten schreibt und diese zur Unterschrift am Tische kreisen läßt. Aber das ist keine Eigentümlichkeit der Leipzigerin allein, das tut auch die Berlinerin ebenso gern, wie schon der vor dem Kriege Deutschland bereisende Duret beobachtete und sich darüber wunderte, daß – selbst dem Adressaten ganz Fremde – die Karten dann zur Unterschrift vorgelegt erhalten und muß, gleichsam entschuldigend, notieren: „Unbekannterweise grüßt...“
Ich will mir eine Zigarette anzünden, erfahre aber, daß in diesem Raume nicht geraucht werden darf. So ziehe ich mich in die Vorhalle zurück, in der, trotz aller Korbmöbelbehaglichkeit, die Raucher ein gequetschtes, fast geduldetes Dasein zwischen fortwährend sich öffnenden und schließenden Türen verbringen, wenn sie nicht in das weniger reizvolle Obergeschoß des Kaffeehauses steigen wollen.
Und hier – zwischen all diesen Männern – ein einsames, weibliches Wesen von der melancholischen Schönheit der Bettlerin von Pont des arts. Das süße Gesichtchen unter dem giftgrünen Hütchen wie erstarrt – so sitzt sie da vor ihrer leeren Tasse, aber zuweilen dreht sie das Köpfchen und dann gleitet ihr Blick über all diese Männer, die sie fortwährend verstohlen beobachten. Nicht weit von ihr sitzt ein alter Herr, der mit seinem Bart einem Schiffsreeder (aus der großen Seestadt Leipzig) gleicht, ein sehr sorgfältig angezogener alter Herr, dessen Genickpartie so von Linien durchfurcht ist, daß sie einer Landkarte ähnelt. Hin und wieder kreuzen sich die Blicke der beiden und wenn der alte Herr dann nach der Tasse greift, zittert seine Hand. Das kann nicht von dem Milchkaffee kommen...
Ich warte auf den Ausgang dieser Tragödie – sehe, wie der alte Herr dem Blumenverkäufer, der von der Straße hereinkommt, ein Sträußchen von Veilchen und Maiglöckchen abkauft, sehe, wie er schon die Hand ausstrecken will, um diese Blumen der jungen Dame hinüberzureichen und – wie ihm im letzten Augenblick der Mut versagt unter all’ der Beobachtung ringsum.
Wieder vergeht eine Viertelstunde, da wendet die melancholische Schönheit noch einmal das Köpfchen, eine unsägliche Verachtung liegt in dem Blick, der uns alle streift, nur als er den alten Herrn trifft, wird er mitleidig. Und jäh steht sie auf und geht davon – wir aber sitzen da und bemühen uns so auszusehen, als wäre nichts gewesen.
15. Mai 1921
Im Thüringer Hof
„Leise regnet’s auf die Stadt...“
Paul Verlaine
Und dieser feine Sprühregen, der die Farben der Stadt auffrischt, daß sie wie gefirnißt glänzen, zwingt mich heute, ein Leben in den Gastwirtschaften zu führen. Vorstellungen erfüllen sich, wohin ich komme. Ich finde jene Räume, die als Stätten behaglicher Gastlichkeit für den Bürgersmann sonst nur in Erzählungen aus treuherziger Zeit geschildert werden. Viele von ihnen äußerlich so unscheinbar, daß ich fast Bedenken trage, einzutreten.
Im engen Gäßchen niedrige, schmale Giebelhäuser – Tore, die in gewölbte, dämmerige Flure führen – da und dort dann ein Türlein mit der Aufschrift „Zur Gaststube“. Ich öffne, und sofort umfängt mich die Stimmung dieser vier Wände. Ein Uhrticken, das alle Hast verscheucht, runde, ungedeckte Tische mit weißen Holzplatten, Rohrstühle rundum – Rohrstühle, auf denen ich wirklich sitzen kann, weil sie die richtige Höhe zum Tische haben, weil ihr Geflecht mich nicht wie einen Ball vom Tambourin in die Höhe schnellen läßt. Für die, die es lieben, hart zu sitzen, braune Holzbänke an der Wandseite, in der Ecke ein Ofen, der mir auf den ersten Blick sagt, daß er an eisigen Wintertagen ein guter Gesell sei. In der Mitte der Tischplatte Salz-, Pfeffer- und Mostrichnapf, wie es sich gehört. Bauchige Bierseidel ohne jene verruchten Deckel, die nur dazu da sind, sich dem Trinkenden an die Backe zu legen. Ein Stapel weißer, sauberer Papp-Untersätze, die, so liebevoll, nur eine „Frau Wirtin“ zusammengestellt haben kann.
Noch sind – der frühen Stunde wegen – die meisten Plätze frei, ich kann mir aussuchen, wo ich sitzen will, wähle den Winkel beim Ofen, lasse mir kommen, was den Gaumen lüstert. Während ich esse, tritt ein älterer Mann herein – einer vom „Mittelstand“. Es ist wohl sein Platz, den ich besetzt habe, und er ist nun einen Augenblick unschlüssig, wo er sich heute niederlassen soll – es fällt ihm schwer, auf die Gemütlichkeit seines gewohnten Eckchens verzichten zu müssen. So kommt er schließlich doch heran, macht mir eine Verbeugung, setzt sich, tastet prüfend, ob Schlips und Dauerkragen ordentlich sitzen, klemmt einen etwas verbogenen Zwicker auf die Nase und studiert die Speisenkarte.
„Eine Suppe – Herr Ober!“
Nie habe ich – während er nun ißt – einen Löffel so behutsam hantieren sehen – das Metall fährt lautlos über das Porzellan wie ein Filzpantoffel über das Parkett eines königlichen Schlosses. Ich – der ich eben ein paar untrennbare Hammelrippchen zur besseren Ausnützung mit den Fingern nach dem Munde führen will (in der Hoffnung, daß man dies mein Tun an den Nachbartischen entschuldbar und die Hammel- für Geflügelknochen halten werde!), lasse beschämt die Hand wieder sinken, merke, daß ich mich streng an die Regeln des „Guten Tons“ zu halten habe, wenn ich in der Gesellschaft dieses Mannes mit Ehren bestehen will. Denn er ist so darauf bedacht, mir durch seine Gegenwart nicht lästig zu fallen, daß er ein Quorren seines Bauches durch rasches Handaufdrücken sofort dämpft, daß er, bei einem Hustenanfall, vom Stuhl aufsteht, hinausgeht und erst wieder hereinkommt, als er den Anfall überstanden hat. Und dann bestellt er sich einen Teller Milchreis, verzehrt ihn, ohne die süße Oberschicht zuerst abzuessen, glotzt dabei nicht auf meinen Teller, stellt im Stillen keine bitter-gehässigen Betrachtungen über die Verschiedenheit unseres Mittagessens an. Im Gegenteil, als er jetzt seinen blankpolierten Teller (wie hat er dieses Kunststück fertig bekommen, ohne ihn abzulecken?) beiseite schiebt, leuchtet ein Ausdruck der Zufriedenheit aus seinen Augen. „Mir hat’s geschmeckt – und billig war es auch!“ sagen seine Blicke. Und ganz behutsam wendet er sich dann so, daß man ihm nicht mehr ins Gesicht sehen kann und döst behaglich vor sich hin. – – –
Gastwirtschaften dieser Art, die ihr Gepräge durch die Zeit bekommen haben, deren Wirte nicht der Verführung unterlegen sind, zu „modernisieren“ und dadurch das Wertvollste, die Atmosphäre der Behaglichkeit, zu vertreiben, finde ich fast in jeder Straße der Innenstadt, und die Tausende von fremden Menschen, die Leipzig zu Messezeiten besuchen, sind sicherlich ebenso beglückt wie ich, von diesem Hauch altmodischer Gemütlichkeit umfangen zu werden.
Manche solcher Gastwirtschaften haben besonderes Ansehen bekommen, wie das Haus „Zum Kaffeebaum“, das noch aus dem Jahre 1694 stammt. Über dem Eingang das Steinbild eines kaffeeschlürfenden Muselmannes, ein Geschenk König Augusts (wie man sagt!), der es aus Dankbarkeit anbringen ließ, weil ihm hier eine Tasse Kaffee ganz besonders gut geschmeckt haben soll (woraus man ersehen mag, daß schon damals nicht überall in Leipzig „Bliemchenkaffee“ gekocht wurde.) Auch hier weißgescheuerte Dielen, ungedeckte, runde Tische, von Zeit und Tabaksrauch fast schwarz gewordenes Deckengebälk. An den Wänden Bilder von Schiller, Goethe und Robert Schumann, die mit ihren Freundeskreisen hier einst saßen, wo auch August von Kotzebue, der fleißigste Theaterstückschreiber und Staatsmann, ehemals gewohnt hat. Die Speisen werden vom Flur her aus der Küche hereingetragen, eine noch extra angebrachte niedrige Klapptür soll verhindern, daß beim Öffnen der eigentlichen Tür Zugluft in die Gaststube dringt. Der Pikkolo, der die leeren Suppenteller abträgt, muß – da ihn beim Hereinkommen niemand hinter dieser halbhohen Klapptür erblicken kann – höllisch-scharf aufpassen, daß er nicht durch das Aufstoßen der Klappe samt seinen Suppentellern plötzlich in die Luft geschleudert wird. Es ist, beim Verzehren eines guten Kalbsnierenbratens, ganz unterhaltsam, diesem Kampfe ums Dasein zuzusehen. Abends, nach Theaterschluß, verkehrt hier das beste Publikum – dann sind auch die Räume im oberen Stockwerk geöffnet, die tagsüber hinter bleigefaßten Butzenscheiben im Dämmerlicht liegen.
Alle diese Gaststätten jedoch übertrifft der „Thüringer Hof“, schon 1454 von Dietrich von Buckensdorf, nachmals Bischof von Naumburg, erbaut, laut alter Urkunde „in der Burcgassen an der egken bii dem borne gelegen“. Als ich ihn betrete, spüre ich sofort, daß ich an einer Stätte bin, die schon die alten Sachsen liebten. Tierschädel im Vorflur, Tische, die an der Wand hochgeklappt sind – in früheren Zeiten war es wohl Brauch, schon hier mit einem guten Trunk zu beginnen. Freilich ist alles erneuert, denn „Mutter Grimpe“, deren Reliefbild an einer der Wände hängt, hat das Anwesen, seit Jahrhunderten im Besitz angesehener Geschlechter, seiner geschichtlichen Bedeutung entsprechend, vor etwa fünfzig Jahren auffrischen lassen. In den mit gebräunten Holzschnitzereien überreich geschmückten Räumen, erfüllt von dem angenehmen Geräusch eines lebhaften Betriebes, sitzen abends Familienväter mit der Eheliebsten und den Kindern an ungedeckten Eichentischen, trinken dunkles Bier aus großen Seideln oder schenken sich Rheinwein ein aus Karaffen. Die Männer stopfen sich das Pfeifchen und lesen die Zeitung, die Frauen starren ins Getriebe – alte Junggesellen kommen hinzu und hören dann aufmerksam den Auseinandersetzungen der Familienmitglieder zu, denken sich ihr Teil. Liebespaare, die das Eheglück ersehnen, erkennen, wie in einem Spiegelbild, ihr eigenes Schicksal; Studenten kommen, ganze Trupps älterer Semester, die kurze Pfeife im Mundwinkel, setzen sich in die Ecken, wo auf Holzgetäfel bunte Studentenmützen liegen. Der Bürger spricht Behagliches, wenn Unterhaltungen mit dem Tischnachbar in Gang kommen, wird zuweilen hitzig, wenn Politik und Zeitläufte besprochen werden. Der Schlag einer alten Uhr: Zehn zitternde Töne durchklingen den Raum – da geht der Bürger heim ins Bett. Nur aus einer Ecke noch die laute Stimme eines Bekenners, der durch seine echt menschlichen Geständnisse die übrigen Gäste aufhorchen läßt. Sein Nachbar, ein würdiger Herr mit goldener Brille, hat ihm die Drehung der Erde erklärt, hat – um alles anschaulicher zu machen – zwei Bierfilze zu Hilfe genommen. Aber der andere glaubt nicht an diese Erddrehung. „Herr Oberläh-rer,“ sagt er, „wenn das richtig wär’, sähen Se, Herr Oberläh-rer, dann müßte doch der Moment kommen, wo wir mit dem Kopp nach unten im Weltall hängen – sähen Se, un den Moment begreif’ ich nicht.“
Der Herr Oberlehrer nimmt wieder die beiden Bierfilze und fängt von vorn mit seinen Erklärungen an, spricht von der Anziehungskraft der Erde, und der andere hört aufmerksam zu. Als dann aber der Herr Oberlehrer fertig ist, sagt der andere: „Dann müßt’ ich also mit dem Kopp ins Weltall hängen, und wenn das wäre, dann müßte ich spucken – aber ich spucke nicht! Nee, Herr Oberlährer, sagen Se, was Se wollen – den Moment begreif’ ich nicht – Ihr Beweis ist nicht schlüssig, Herr Oberläh-rer!“
Und so geht es noch ein Weilchen fort, bis der andere bloß noch die Achseln zuckt. Aber schließlich läßt der ungläubige Thomas, in dem Gefühl, den gelehrten Herrn ad absurdum geführt zu haben, ein paar Kognaks kommen. Man trinkt, schüttelt sich die Hände und geht dann auch heim – ins Bettchen.
20. Mai 1921
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