Kitabı oku: «Die Jeromin-Kinder - Roman in zwei Bänden»
Ernst Wiechert
Die Jeromin-Kinder - Roman in zwei Bänden
Saga
Die Jeromin-Kinder - Roman in zwei Bänden
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1945, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726927498
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
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Erster Band
I
Die Frauen von Sowirog kehrten in ihr Dorf zurück. Sie hatten zum Wochenmarkt in der Kreisstadt das Wenige getragen, was sie im Haushalt erübrigt hatten: etwas Butter, etwas Sahne, ein paar Pfund Fische aus dem See. Und Gogun, der Fröhliche, der »Kranichräuber«, hatte in einem strohgefüllten Leiterwagen ihre Ferkel hingefahren.
Mit ihm hatten sie auch zurückkehren wollen, denn es war ein zwei Meilen langer Weg. Aber der Fröhliche war schon um die Mittagszeit betrunken gewesen. »Ihr Goldenen«, hatte er gesagt und sie der Reihe nach geküßt. »Noch ein Stündchen, ihr Goldenen. Ein einziges kleines Stündchen!« Und obwohl seine Frau ihn mit einem Stein, den sie in ihr rotes Taschentuch gebunden hatte, in den Rücken geschlagen hatte, »um ihm den Nebel aus dem Kopf zu treiben«, hatte er plötzlich auf beiden Händen vor aller Augen auf dem Marktplatz gestanden, hatte die eisenbeschlagenen Absätze hoch in der Luft zusammengeschlagen und dazu mit einer hellen Stimme sein Lieblingslied gesungen: »Zigánuschka, Zigánuschka, Zigánuschka moija ...«
Da hatten sie sich abgewendet, weil sie den Text des Liedes kannten, und waren noch einmal durch die Straße mit den großen Schaufenstern gegangen. Sie hatten mit müden Augen auf die Schätze geblickt, die dort, unerreichbar für sie, lagen, und nur Gina, die junge Frau des Waldarbeiters Bojar, die ihr erstes Kind erwartete, war plötzlich mit einem zornigen Wort die Steintreppe hinaufgeeilt und nach einer Weile mit einer Kinderklapper wieder zurückgekommen, einem zerbrechlichen, kostbaren Ding, hell wie Elfenbein, mit roten und blauen Blumen, die wie ein wunderbarer Kranz um die Rundung liefen. Trotzig hatte sie das Spielzeug in die Höhe gehalten, so daß die Blumen in der Sonne wie lebendig glühten, indes ihr Kindermund schon wie im Weinen zuckte; aber als die alte höhnische Stimme der Mutter Kroll etwas von einer Krone sagte, die man nächstens den Kätnerkindern auf das Haar setzen werde, hatte sie nur böse aufgelacht und gesagt: »Besser vertan als vertrunken!«
Als sie nach zwei Stunden wieder am Markt angekommen waren, hatte Gogun auf der Deichsel des Wagens gesessen wie auf einem schmalen Sattel, die Peitsche in der Rechten, die Flasche in der linken. »Noch ein halbes Stündchen, ihr Goldenen!« hatte er gebeten. Aber Marthe Jeromin, die wie eine Nonne unter ihnen war in ihrem schwarzen Kleid und dem weißen Kopftuch, hatte sich schroff umgedreht und war die Straße hinuntergegangen, die an der Kaserne vorbei ins offene Land führte. Und da war ihnen nichts übriggeblieben, als ihr zu folgen, wie sie ihr immer folgten, obwohl sie sie nicht liebten und sie immer noch eine Fremde war, aus den litauischen Mooren, wo sie Meineide schworen und farbige Kreuze auf den Kirchhöfen hatten.
Vor der Kaserne hatten sie noch einmal warten müssen, weil das Bataillon von einer Übung zurückkehrte und gerade in das geöffnete Tor bog. Die Klänge der Regimentskapelle erfüllten die schmale Straße mit Hall und Dröhnen, eine betäubende Woge von Silber und Gold, die sich an den Häusern brach und über den Köpfen der Wartenden zusammenschlug. Der Schritt der genagelten Stiefel schlug auf das Pflaster nieder, die Gewehrläufe schimmerten über dem verstaubten Blau der Uniformen, und sie standen und starrten regungslos mit verwirrten Augen auf diese Schlange des Glanzes, die sich prächtig und drohend vor ihnen in das Tor hineinwand, ein Gesicht dem nächsten, ein Glied dem andern gleichend, ja, als seien die Gesichter nur helle, leblose Flecken, die Glieder nur dünne Ringe unter einer bläulichen Haut und das Ganze dem Menschlichen und ihnen Vertrauten schon nicht mehr angehörig, eine drohende Kraft, die sich in eine unbekannte Höhle zurückwand.
Ihnen gegenüber, nur durch den schimmernden Zug von ihnen getrennt, hielt der Major und blickte über die Helmspitzen unter sich auf die Gruppe der wartenden Frauen. Er kannte diese demütigen und gebeugten Gestalten aus den Walddörfern in der Runde, die so viele Söhne für des Kaisers Rock geboren, und es befremdete ihn, daß vor ihnen eine dunkle, nonnenhafte Frau stand, hochgewachsen und schmal, mit strengem, abweisendem Gesicht, aus dem die grauen Augen durch ihn hindurch-, ja über ihn hinwegsahen, als stehe er wie ein Zaun in ihrem Wege.
Und noch als er hinter dem Bataillon her sein Pferd in das Tor lenkte, streifte er mit einem Seitenblick das dunkle Gesicht über dem herabgeglittenen weißen Kopftuch, das die Augen nicht nach ihm wandte, sondern geradeaus auf die nun freigewordene Straße blickte, einem Ziele zugewendet, das still und nüchtern in der Ferne der dunklen Wälder liegen mochte.
»Ein schöner Herr ...«, sagte eine ergriffene Stimme hinter ihr. »Fast so wie der Kaiser ...«
»Und beinahe so schön wie dein Gonschor mit den krummen Beinen«, kam die spottende Antwort.
Und dann gingen sie endlich die Straße aus der Stadt hinaus, zwischen Häusern, die immer niedriger und seltener wurden, an der Abdeckerei vorbei, über der eine Wolke bösen Geruches hing, an der Windmühle auf dem Hügel über dem See vorbei, bis das freie Feld weit und grün sie umschloß.
Sie schoben die Kopftücher zurück und atmeten tief. Schön war die Stadt, ein Ort des Glanzes und des Reichtums, der Wunder und Verheißungen. Soldaten marschierten über ihre gepflasterten Straßen, ein Denkmal mit einem eisernen Adler stand hoch und feierlich über dem Markt, hinter spiegelnden Fenstern lagen die Schätze der Welt. Aber die Füße schmerzten in den ungewohnten Schuhen, das Geld verschwand aus dem zugeknöpften Taschentuch, und die Männer betranken sich, sowie man sie aus den Augen verlor.
Leicht ging es sich nun im Staub des Sommerweges, der sich warm zwischen die Zehen legte, gut war der Geruch der jungen Birkenblätter und schön und vertraut der Ruf der Kiebitze, die über ihren Nestern kreisten. Und wußte man auch nie, was einen zu Hause erwartete, eine verlaufene Ziege, ein angebrannter Topf, der Mann, der im Kruge lärmte, oder das Kleinste, das einen Knopf verschluckt hatte: das Haus würde doch dastehen, das gebeugte Dach, die blinden Fenster. Der See würde glänzen, der Birnbaum auf dem steinigen Ackerrain blühen, die Kraniche auf den Moorwiesen rufen. Ohne Glanz war das Leben, mit schmerzendem Rücken ging man durch die Tage, auf der Schwelle saß die Sorge als Gast. Aber doch umschloß ein Zaun das Leben, ein Hund wachte, und Kinder wuchsen aus dem Gröbsten herauf, Blut vom eigenen Blut, die für einen Sarg sorgen würden und für ein Holzkreuz auf dem schmalen Hügel unter den alten Fliederbüschen und dem Holunder, in dem die Drosseln zur Herbstzeit lärmten.
Sie verließen die Chaussee, und die alte Landstraße stieg mit ihnen die Hänge zu den großen Wäldern hinauf. Weiße Frühjahrswolken zogen wie schwere Schiffe über ihnen dahin, und ihr Schatten legte sich kühlend auf ihre heißen Stirnen. Der Löwenzahn blühte, die Erde roch feucht und warm.
Sie hatten vier Stunden zu gehen, und einigemal rasteten sie auf einer der Lichtungen, auf der Grabenböschung, wo die Eidechsen über ihre nackten Füße glitten. Sie brachen von den Semmeln ab, die sie in ihren Körben trugen, vorsichtig die Krümel sammelnd, und tranken aus der blauen Blechkanne den kalten Kornkaffee. Sie beredeten die Stadt und das Dorf, den Wald und den See. Sie beredeten den Krugwirt Czwallinna, ob er wohl das Kind seiner Magd umgebracht habe, und den Gemeindevorsteher, ob er zwei oder drei Säcke mit Talern verborgen habe. Sie beredeten den Förster und den Gendarmen, den Fischereiaufseher und den Pfarrer, und nicht zuletzt den allmächtigen Herrn von Balk, dem der See gehörte und die Waldweide, die Torfbrüche und das Schilf, ja, dem sie fast alle gehörten mit Schuld und Zinseslast, Männer und Frauen und Mädchen. Besonders aber die Mädchen. Und der doch nicht der schlechteste Herr war. Nicht schlechter als der Kaiser, der ihre Söhne nahm, oder der Landrat, der ihre Groschen als Steuer nahm, oder der Tod, der sie alle nahm.
Sie beredeten es ohne Bitterkeit. Es war das Unabänderliche, das schon die Nacken ihrer Großväter und Großmütter gebeugt hatte und auch die Nacken ihrer Enkelkinder beugen würde. Aber aus gebeugtem Munde konnte man scherzen, über den schweren gelben Mantel des Herrn von Balk etwa, der ihm bis auf die Füße reichte, oder wie er seine Frau auf dem Mistwagen über die Grenze seiner Äcker fahren ließ, wenn er ihr »Dornenkronengesicht« nicht mehr ansehen konnte, wie er zu sagen pflegte.
Immer blieben die Augen still, auch beim Scherzen, und die Hand der Sorge blieb auf ihren Schultern, und die Falten blieben in ihren strengen Gesichtern. Aber wenn sie aufstanden, die Schuhe in der Hand und den Korb über dem Arm, sahen sie doch aus, als könnten alle Landräte und Gendarmen und Krugwirte der Welt sie nicht bis in die Erde hineinbeugen. Ihre Stirnen konnten den Acker berühren und ihre Knie den Staub der Straße, aber tiefer hinein gehörten nur die Toten, die sich nicht mehr wehren konnten.
Es gab Böse unter ihnen, wie die Mutter Kroll, die auf ihrem Ausgedinge lebte, aber eine Herrin blieb über Sohn und Schwiegertochter, mit harter Hand und hartem Herzen. Es gab Prahlerische und Törinnen, wie die Frau des krummbeinigen Gonschor, und kindlich Träumende und Trotzende wie Gina Bojar. Aber sie lebten doch zu dicht beisammen, als daß sie eine Welt der Täuschung vor einander hätten aufrichten können. Es gab Neid und Feindschaft in dem kleinen Dorf, Streit und Versöhnung; aber es gab keine Geheimnisse. Zu dicht stießen Giebel und Fenster aneinander. In Haß und Liebe waren sie nackend und bloß, und das einzelne Schicksal war auch des Dorfes Schicksal.
Und wie sie nun wieder aufstanden und sich auf den Weg machten, vom Staub umweht und der schon sinkenden Sonne beglänzt, ein müder und gebeugter Zug, auf dessen Schultern alle Tagewerke ihres Lebens zu liegen schienen, sahen sie doch aus wie Schwestern desselben Glaubens und desselben Schicksals, von der gleichen Hand geformt, von dem gleichen Befehl gelenkt.
Auch Marthe Jeromin, so still und abseits sie sich hielt. Vielleicht konnte man gegen einen Mann und seine Kinder leben, wenn es nottat. Aber gegen ein Dorf konnte man nicht leben. Es bestand nicht aus dem ungeschriebenen Gesetz der Lebenden, sondern aus dem Gesetz der Toten. Vieler Toter, die über Jahrhunderte zurück in der sandigen Erde lagen, auf dem Grunde des Sees und in den Mooren an seinem Rande. Deren Gesichter zerfallen waren, aber deren Hände noch immer des Nachts an die niedrigen Türen pochten, wenn jemand aufstehen wollte gegen ihr Gesetz. Die Hütten zerfielen, die Dächer sanken ein, und viele Male waren Krieg und Pest, waren Mord und Brand über sie dahingegangen, so daß nur die verkohlten Schächte der Schornsteine gegen den roten Himmel gestanden hatten. Aber immer war jemand übriggeblieben, der aus seinem Blut aufgestanden war oder aus den Höhlen des Waldes zurückgekrochen kam. Der sich an den glühenden Balken wärmte und von Wurzeln und Rinde seine Nahrung gewann. Und von ihm war die Auferstehung ausgegangen. Auch hatte er das Gesetz bewahrt. Die Kätner fielen, die Kinder, das Vieh. Aber das Dorf fiel nicht. Aus Brache und Ödland wuchs wieder das Korn, die Schwalben kehrten zurück, der Flieder blühte über den zerstreuten Särgen. Stolze Geschlechter sanken dahin und kamen nicht wieder, aber die Armen kamen immer wieder. Sie waren fruchtbar wie die Erde, und ihren Samen trug der Wind, wie er den Samen der Erde über die Öde trug.
Während die Kiebitze über den Mooren schrien, dachte Marthe, daß sie sieben Kinder geboren hatte, und eines davon war ein Krüppelkind. Und eines war böse wie ein Wolf und eines finster und stolz. Und keines kam zu ihr, wie der junge Vogel in sein Nest kommt. »Frau Mutter«, hatte der Wolf gestern zu ihr gesagt. »Frau Mutter, dürfen wir auf den Hof gehen und Atem schöpfen?« Sie hatte zugeschlagen, hart und genau, wie immer, wenn der lodernde Zorn ihr in die Augen schoß, aber der Schlag hatte sein Lächeln nicht ausgelöscht, das wie ein Aussatz um seine Mundwinkel saß.
»Frau Mutter«, lachte sie bitter und blickte auf Ginas gesegneten Leib. »Wenn sie jung sind, denken sie, daß eine Klapper eines Kindes Herz gewinnt, aber wenn sie aufhören, jung zu sein, erkennen sie, daß sie nur der Schacht sind, aus dem es aufwärts steigt. Das Fremde, das ganz für sich ist. Von einem fremden Mann und fremden Ahnen. Dann büßen sie die Lust, und manchmal war es nicht einmal die Lust ... getrieben wie die Kreatur und ärmer als sie, denn die Kreatur ist wenigstens ohne Scham ...«
Sie blickte über die Schonungen hin, ob der Rauch des Meilers schon zu sehen wäre, wo ihr Mann die Kohlen für den Herrn von Balk brannte. Das war nun sein Tagwerk. Über den Netzen träumen, die der Großvater instand hielt; oder am Meiler liegen und dem Rauch nachsehen, der weiß oder blau über die Wipfel stieg; oder die Bäume fällen im königlichen Forst. Und einmal hatte sie gedacht, daß er ein Herr sein würde über Menschenherzen, mit seinen stillen Augen und der leisen Gewalt des Wortes, die ihm gegeben war und mit der er sie verzaubert hatte zwischen den dunklen Mooren ihrer Heimat. Aber der Wind unter seinen Flügeln war erstorben, und wie ein kranker Vogel suchte er sein Brot im Gebüsch. Sie hatten keinen Stolz hier und keine Wildheit. Sie waren Kinder des Waldes, und der Wald machte dumpf und still. Er war der große Zauberer, der die Netze auswarf und mit seinen kühlen Händen die Menschenherzen aus den Fäden nahm.
Die Sonne stand schon hinter dem Walde, als sie den Rauch des Dorfes rochen und Kiewitt sahen, der mit seiner alten Kuh den Pflug durch das Ödland zog. Sie hatten seinen Namen im Dorf vergessen und nannten ihn Kiewitt, wegen seiner hellen Stimme und weil er den Kopf zwischen die Schultern duckte, bevor er sprach. Er war derjenige, der die Gemeinschaft des Dorfes verlassen hatte, ein Sektengläubiger und Abseitiger, von dem sie sagten, er sei mit sechzig Jahren mit Moorwasser noch einmal getauft worden. Der Herr von Balk hatte ihm ein Stück Moorland gegeben, wo es an die Heide grenzte, und dort hatte er seine Hütte gebaut und seinen Herd gemauert. Er flocht Körbe und Fischreusen, Netze und Peitschenstiele, und alle Geheimnisse des Waldes waren ihm kund. Er war kein Gerechter, sondern ein Leidender, und man sagte, daß er den Tod sehe, wenn er am Waldrand stehe und über die Rohrdächer des Dorfes blickte.
»Kiewitt, komm mit!« riefen die Kinder, und auch Gina rief es, als die kleine, gebeugte Gestalt in der Furche stand und geduldig wartete, bis die Kuh ihre Füße wieder langsam voreinander setzte.
Aber er schüttelte nur stumm den Kopf, deutete mit der Hand auf die gepflügte Erde und beugte sich dann herab, wobei er die rechte Hand an sein Ohr legte, als wolle er die Rufenden ermahnen, auf eine Stimme unter der Erde zu lauschen. Dann zog die Kuh wieder an, und sie sahen, wie die Griffe des Pfluges seine Arme hin und her warfen. So viele Wurzeln und Steine barg der Boden.
Da gingen sie weiter, Gina mit stillem Gesicht, und es war nicht nötig, daß die alte Frau Daida mahnend sagte: »Beuge dich, junge Frau, beuge dich!«
Auf der letzten Höhe sahen sie die dünne Rauchsäule des Meilers, und Marthe nickte ihnen zu, bevor sie zwischen den Wacholderbüschen verschwand. Sie wollte sehen, ob ihr Jüngster wieder am Meiler lag und seine Zeit vertat. Er und Maria hielten zum Vater, stille Kinder, die vor einem harten Wort erschraken. Sein Blut, nicht das ihrige, aber sie wußte nicht, ob sie es anders wünschen sollte.
Der Meiler war eine Laune des Herrn von Balk. Die Kohle ging zu den Schmieden und Bäckern der Umgegend, aber es kam ihm nicht auf die Kohle an. Es kam ihm auf das Geheimnis an, das Ort und Tätigkeit umspann, und daß der stille Mann mit dem alten Namen Jeromin in seinen Diensten stand. Immer wenn er durch das Dorf kam, hielt sein hochrädriger Wagen vor dem Haus mit dem alten Ahorn, und immer verlangte er, Frau Marthe zu sprechen. Aber oft ließ sie sagen, sie habe keine Zeit, und wenn sie Zeit zu haben meinte, sah sie über ihn hinweg, wie sie über den Offizier am Kasernentor hinweggesehen hatte. Es gab Weniges, auf dem sie ihre Augen ruhen ließ.
Doch kam er immer wieder. Unter allen Demütigen, die im Dorfe lebten, wo die Frauen noch seinen Ärmel zu küssen liebten, ragten diese beiden Stolzen auf wie die Pappeln über die Uferweiden: der Großvater Jeromin, der die Netze in seinem See stellte und von dem die Leute sagten, daß er schon Napoleon aus Rußland habe zurückkehren sehen, und Marthe, die Frau seines Sohnes. Für beide war er nichts als ein Bild wie andre Bilder, die im Raum der Welt aufgehängt waren, und beider Augen gingen durch ihn hindurch, als suchten sie die Wand hinter ihm, in die der Nagel seines Lebens eingeschlagen war.
Einmal sah Marthe sich um, ob er nicht zwischen den Büschen stehe wie ein Wolf um die Abenddämmerung. Aber dann ging sie ruhig weiter. Männer waren nicht zu fürchten, solange man sie nicht begehrte. Und sie begehrte nicht mehr.
»Die meisten von uns«, sagte Jakob Jeromin zu seinem Sohn, »bleiben wie Fallholz, das der Sturm und Schnee von den Bäumen brachen. Sie liegen, wo sie gefallen sind, und werden wieder zu Erde. Die Armen haben keine Flügel. Und einige sind wie der Rauch, der aus dem Meiler steigt. Die Menschen sehen ihnen nach, aber der Wind verweht sie. Aber einige sind wie das Holz, das dort unter der Erde glüht. Sie werden Kohle, und sie bewegen die Welt.«
Wunderbar war es, dem Vater zuzuhören. Man verstand nicht immer, was er sagte. Wie Wasser im Fließ glitt es vorbei, dunkel über die Schwärze des Grundes. Aber es rauschte und zog dahin, Schatten und Licht, Raum und Stille. Es war schöner, als was der Pfarrer sagte, und anders, als wenn die Mutter sprach. Nur der Großvater konnte noch so sprechen, aber bei ihm wußte man nicht, ob er nicht im Traume spreche, denn seine Augen waren oft geschlossen, und seine Worte fielen so langsam wie die Nebeltropfen vom Ahorn im Herbst.
Sie lagen auf der Lichtung, den Kopf an die Mooswand der Hütte gelehnt, und sahen zu, wie der Meiler rauchte. Ihre Gesichter waren schwarz unter dem hellen Haar, das des Vaters von der Arbeit und das des kleinen Jons, weil er es heimlich mit den Kohlenresten der alten Meiler eingerieben hatte, um zu sein, wie der Vater war. Er war Jons Ehrenreich getauft, aber des zweiten Namens schämte er sich. Die Mutter mußte wohl nicht klug gewesen sein, als sie ihn sich ausgedacht hatte, und die Leute im Dorf hatten die Köpfe zusammengesteckt. Der Vater hatte geschwiegen, wie er meistens tat, und erst in diesem Frühjahr, als er Jons in der Schule angemeldet und der alte Lehrer Stilling gesagt hatte, daß es ein schöner Name sei, hatte der Vater gemeint, daß es besser sei, die Leute gäben einen solchen Namen beim Begräbnis statt bei der Taufe. »Denn wer weiß von uns«, hatte er hinzugesetzt, »ob er am Ende seines Lebens Ehrenreich heißen wird?«
Ja, das wisse wohl nur der liebe Gott, hatte der Lehrer nachdenklich gesagt.
»Und was ist das, die Welt bewegen, Vater?« fragte Jons.
»In der Schule werden sie dir sagen, daß es die Kaiser und Könige sind, die die Welt bewegen«, erwiderte Jakob. »Aber du mußt das nicht glauben. Sie werfen Steine in das Wasser, aber sie schöpfen es nicht. Sie verbrennen, aber es bleibt nur Asche unter ihren Füßen, nicht Kohle. Christus hat die Welt bewegt und viele nach ihm. Er hat Blinde geheilt und Tote auferweckt. Er hat die Herzen bewegt. Und nur wer die Herzen bewegt, bewegt die Welt.«
»Und der Großvater, hat er die Welt bewegt?«
»Der Großvater hat Speise für die Armen gefangen, ein ganzes Leben lang. Und auch Petrus war nicht mehr als ein Fischer. Und einmal, als ich ein Kind war, ist ein Mensch erschlagen worden in diesem Wald. Ein Förster. Wir haben alle gewußt, wer es getan hat, aber niemand hat es gesehen, und er hat es geleugnet und die Tat gerühmt, denn der Förster war ein strenger Mann gewesen, eine Zuchtrute über den Armen. Aber dann ist der Großvater zu ihm gegangen und hat in sein Herz gesprochen. Man hat den andern schreien und fluchen hören, so daß die Leute auf der Straße gestanden haben, alle vor ihren Türen, wie vor einem Gewitter, das Hagel bringt. Aber dann ist er leise geworden, immer leiser, und zuletzt ist der Großvater mit ihm aus der Tür getreten. Der andre hat wie ein alter Mann ausgesehen, grau und mit blinden Augen, aber der Großvater hat geleuchtet wie Jakob nach dem Kampf mit dem Engel, und er hat den anderen die Straße entlang geführt wie ein Kind, bis zum Hause des Gemeindevorstehers, und die Menschen haben kein Wort gesprochen, wie sie vorübergegangen sind. Und dort hat der andere bekannt, daß er es gewesen ist, und sie haben ihn fortgebracht vor den Richter. Viele Jahre ist er fortgewesen, in einem Haus, wo Eisenstangen vor den Fenstern sind, und dann ist er fortgezogen von hier, und keiner weiß, wohin seine Füße ihn getragen haben ... ein einfacher Mann war der Großvater, geringer als Pfarrer und Richter, nichts als ein Fischer, aber damals hat er die Welt bewegt!«
In seinem dunklen, mageren Gesicht unter dem hellen Haar leuchteten seine Augen, als habe er selbst den Kampf mit dem Engel geführt, und seine grobe, rußige Hand war wie die Hand eines Propheten, als er sie aufhob und sagte: »Auch die Armen können eine Krone tragen, Jons. Vergiß es nicht, wenn du groß bist und deine Hände an ein Werk legst!«
»Und du selbst, Vater?« fragte Jons, blaß vor Erregung.
Aber Jakob lächelte sein stilles, trauriges Lächeln. »Nein, Jons«, sagte er freundlich. »Ich habe nichts bewegt. Nur Worte und Gedanken vielleicht. Ihr seid sieben, und da habe ich keine Zeit gehabt.«
Jons dachte lange nach. »Aber Michael?« fragte er dann. »Wird es nicht vielleicht Michael sein?«
Michael war der älteste seiner vier Brüder, siebzehn Jahre alt, düster und schweigsam wie ein Novemberwald. Der Knecht beim Gemeindevorsteher war und kaum mehr als ein spöttisches Lächeln für den sechsjährigen Jons übrig hatte, aber dem er mit einer zärtlichen, scheuen Liebe ergeben war, wie dem Ritter Roland, dem in der Todesstunde sein Horn zersprang, und von dem Christean, der Bruder mit den Krücken, ihm erzählt hatte.
Der Vater legte ihm die schwarze Hand leise auf die Stirn. »Laß es gut sein, Jons«, sagte er. »Ich glaube nicht, daß es Michael sein wird, aber wir wissen es nicht. Jeder von euch kann Ehrenreich heißen, wenn sie Sand auf eure Augen schütten werden.«
Aber Jons wußte, daß es nicht jeder von ihnen sein konnte. Und er wußte auch, weshalb der Vater eben geseufzt hatte. Gotthold würde es nicht sein können. Er quälte die jungen Katzen und warf mit Steinen nach den Hunden, die an der Kette lagen. Und auf den Pfad zu den Booten hatte er Glasscherben gestreut, am Abend, bevor Jons barfuß zum Großvater gelaufen war. Und er war es auch gewesen, der »Frau Mutter« gesagt hatte. Nein, nicht jeder, und es wäre besser gewesen, die Mutter hätte ihm nicht diesen Namen gegeben. Denn vielleicht wartete der Vater am meisten auf ihn. Und er hatte doch eben erst begonnen, zur Schule zu gehen.
Der schwarze Fichtenwald stand hoch und regungslos um die Lichtung, und die dünne Rauchsäule aus dem Meiler stieg so gerade wie ein Stab aus ihr empor. Wenn man die Augen halb schloß, konnte man meinen, daß sie bis zu der weißen Wolke reiche, die langsam über den Himmel schwamm, und wenn man Michael wäre, der die Habichtshorste ausnahm, würde man an diesem Stab vielleicht bis in die Wolke klettern können. Dann würde man das Dorf sehen und den See, das Schloß des Herrn von Balk und die Moore, und vor allem die großen, schwarzen Wälder, in denen der Förster erschlagen worden war, bei dessen Tode der Großvater die Welt bewegt hatte.
Die Kiebitze riefen auf dem Moor, und manchmal ging ein leises, hohes Sausen über den Wald. Dann rieselten die trockenen Fichtennadeln herab, oder ein Zapfen schlug mit dumpfem Laut ins Moos. Aber es war niemand gewesen, nur der Wind, und man brauchte die Augen nicht zu öffnen, auf deren Lidern die warme Sonne lag. Manchmal stand auch der Vater leise auf und schlich sich zum Meiler, wo er niederkauerte und in die unsichtbare Glut zu lauschen schien. Oder er hielt eine Stange in den Händen; und zwischen den leise gehobenen Wimpern sah er schwarz und riesig aus, ein Zauberer des Waldes, der die Bäume kochte, als eine dunkle Speise für alles, was unter den Wurzeln und dem Moose lebte.
Die Mutter aber war in der Stadt und Gotthold auf dem See, und kein Leid konnte geschehen, gar kein Leid. Und es war noch so viel Zeit, bis man die Welt bewegen mußte, so viel Zeit. Länger als bis Weihnachten und bis zum nächsten Geburtstag, und vielleicht erst dann, wenn die vier Reiter erscheinen würden, von denen der Großvater sprach, wenn er am Wasser saß um die Abendzeit und der hohle Wind den Regen anzeigte, den man noch nicht sah.
Jons mußte wohl geschlafen haben, denn als er die Augen öffnete, stand die Sonne schon als ein rotes Feuer hinter dem Wald. Der Vater war nicht zu sehen, aber der Speer war fort, mit dem er die Hechte in den Moorgräben schlug, um die Laichzeit, und auf der Schwelle der Hütte lagen Tafel und Fibel für ihn bereit und das grobe Brot mit der blauen Kanne für die Vespermahlzeit.
Es verlangte ihn sehr, hinzugehen, wo er den Vater wußte, aber er nahm doch die Tafel auf die Knie, den Griffel in die rechte Hand und das Brot in die linke. Niemand brauchte ihn zu seiner Pflicht zu treiben. Auch den Vater trieb niemand, und doch war sein Meiler noch nie erloschen.
Was er schrieb und las, war nur ein Spiel, denn längst hatte Christean ihn gelehrt, was Herr Stilling ihnen als große Wunder wies. Aber man konnte es so schreiben, daß es von dem nicht zu unterscheiden war, wie es in der Fibel stand, und es war schön, Herrn Stillings große Hand lobend auf seinem Haar zu fühlen. Sie war fast so wie des Vaters Hand. Wie der Mutter Hand auf seinem Haar sich anfühlen mochte, wußte er nicht.
Als er fertig war, ging er um den Meiler herum, eine Stange in der Hand, einen Schilfhalm mit einer ausgehöhlten Eichel wie eine Pfeife im Munde, die Augenbrauen zusammengezogen, die junge Stirn streng gefaltet. Der Herr von Balk sollte wissen, daß an seinem Meiler alles in Ordnung war.
Eine Weile sahen sie ihm beide zu, von verschiedenen Seiten. Der Vater, der gegen die Sonne stand, den Speer über der Schulter, das Netz mit den Hechten in der Hand. Und die Mutter zwischen den Wacholderbüschen, so dunkel und schmal, als sei auch sie dort gewachsen. Jakob lächelte auf seine stille Weise, ohne die Lippen zu bewegen, so wie ganz alte Leute lächeln, wenn sie zusehen, wie das Spiel des Lebens immer mit denselben bunten Reifen beginnt, und er mochte wohl nachgrübeln, ob dieses als das einzige seiner Kinder einmal den Namen Ehrenreich führen würde, den die Hoffart oder ein wilder, schmerzlicher Stolz an seinen unbewußten Anfang gebunden hatte.
Die Mutter, den Korb über dem Arm, das weiße Tuch um den Nacken, mit einer strengen Verlorenheit im Blick, in dem Mißbilligung und widerwillige Rührung sich mischten. Ein spielendes Kind, das ein Großer sein wollte, und ein Großer, der ein Kind war, beide geringen Spielen hingegeben, an Worten sich entzündend, die vor zweitausend Jahren schon gesprochen worden waren, die unendliche Male und von unzähligen Lippen wiederholt worden waren, die man mit dem Tode besiegelt hatte, und die doch den Armen keine Speise und den Reichen kein Gericht gegeben hatten. Nichts, das man greifen konnte und halten, sondern an dem man sich nur berauschen konnte wie an Träumen, um dann mit müden Knien die steinige Straße fortzusetzen.
Nein, auch er würde nicht Ehrenreich heißen. Auch an ihm würde der Name vertan worden sein als an der letzten Hoffnung ihres Leibes, weil fremdes Blut zu dem ihrigen geflossen war, Waldblut und Träumerblut. Ein Pfarrer würde er vielleicht werden, der an den Betten der Sterbenden saß, ein Meister der Worte, der die Kirchen erfüllte, ohne Brot in den Händen, ohne Schwert, ja selbst ohne Pflug und Spaten. Ein Diener würde er sein, aber kein Herr, ein Knecht und ein Hirte, ob auch die Großen der Erde sich flüchtig vor ihm neigen würden.
Und nach diesem wollte sie nicht mehr gebären, außer von einem fremden Manne. Aber sie würde ihn hassen, weil sie seiner bedürfen würde und die Natur dem Weibe versagt hatte, aus seinem eigenen Blute allein das Kind zu formen, das es ersehnte.
»Die Mutter ...«, sagte Jons und nahm die Schilfpfeife aus dem Munde. Aber er lief ihr nicht entgegen und lehnte nur langsam die Stange gegen den Meiler. Auch flog sein Blick schnell in der Runde umher, ob der Vater nicht zu sehen sei.
»Er steht drüben mit dem Netz«, sagte Marthe nicht ohne Spott. »Bald seid ihr wieder zusammen.«
Sie setzte sich müde auf die Schwelle der Hütte, stellte den Korb neben sich und schob achtlos Tafel und Fibel zur Seite.
»Es ist schon alles fertig, was ich auf habe«, sagte Jons schüchtern. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Tafel und nickte. »Der Kaiser trägt eine Krone auf seinem Haupt«, las sie leise. Und nach einer Weile: »Ja, der eine eine Krone und der andere Asche ...« Sie faltete die Hände um die Knie und blickte über Jons hinweg in den Abend. Es roch nach Harz, nach Kien und Rauch, und es war wohl ein schöner Platz für einen, der Frieden geschlossen hatte mit dem Leben. Sie nickte Jakob zu und fuhr fort, über den Meiler hinaus in den dunklen Fichtenwald zu blicken.