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Kitabı oku: «Ein Kampf um Rom», sayfa 48

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SIEBZEHNTES KAPITEL

Hildebad, ungeduldig über das lange Müßigliegen, hatte aus der ihm zu besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in ungestümem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet.

Er hätte unfehlbar noch viel größeren Schaden angerichtet, wenn nicht der rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all seine Feldherrnschaft und all sein Heldentum zugleich entfaltet hätte. Ohne Helm und Harnisch, wie er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eigenen fliehenden Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch äußerste persönliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt verwendet, daß Hildebads Rückzug ernstlich bedroht war und die Goten, um nicht abgeschnitten zu werden, all ihre errungenen Vorteile aufgeben und schleunigst in die Stadt zurückeilen mußten.

Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin, nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig einsog. »Wirklich, Belisarius«, schloß der Präfekt, »Kaiser Justinian kann dir das nicht vergelten.«

»Da sprichst du wahr«, antwortete Belisar stolz: »er vergilt mir nur durch seine Freundschaft. Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht tun, was ich für ihn schon getan habe und noch immer tue. Ich tu’s, weil ich ihn wirklich liebe. Denn er ist ein großer Mann mit allen seinen Schwächen. Wenn er nur eins noch lernte: mir vertraun. Aber getrost: — er wird’s noch lernen.«

Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem kaiserlichen Gesandten überbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz sprang Belisar, aller Müdigkeit vergessend, vom Polster auf, küßte die purpurne Schnüre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das Schreiben mit den Worten: »Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun wird er mir die Leibwächter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich erwarte, und das vorgeschossene Gold.«

Und er begann zu lesen.

Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Züge verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in schwerem Kampf zu heben: die beiden Hände, mit welchen er das Schreiben hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran, aber ehe sie fragen konnte, stieß Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das kaiserliche Schreiben auf die Erde und stürzte außer sich aus dem Gezelt, eilends folgte ihm seine Gattin.

»Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen«, sagte Prokop, den Brief aufhebend. »Laß sehn: wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes«, und er las: »Der Eingang ist Redensart, wie gewöhnlich — aha, jetzt kommt es besser:

‘Wir können gleichwohl nicht verhehlen, daß wir, nach deinen eignen früheren Berühmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese Barbaren erwartet hätten, und glauben auch, daß eine solche bei größerer Anstrengung nicht unmöglich gewesen wäre. Deshalb können wir deinem wiederholt geäußerten Wunsche nicht entsprechen, dir deine übrigen fünftausend Mann Leibwächter, die noch in Persien stehen, sowie die vier Zentenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen.

Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich überflüssigermaßen bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geäußerter Entschluß, du wolltest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpftheit des kaiserlichen Säckels aus eigenen Mitteln zu Ende führen, verdient, daß wir ihn als pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger hinzugefügt, all deine Hab und Gut deines Kaisers Majestät zu Diensten steht und kaiserliche Majestät die erbetene Verwendung deiner Leibwächter und deines Goldes in Italien für überflüssig halten muß, so haben wir, deiner Zustimmung gewiß, anderweitig darüber verfügt und bereits Truppen und Schätze, zur Beendigung des Perserkrieges, deinem Kollegen Narses übergeben.’ — Ha, unerhört!« unterbracht sich Prokop.

Cethegus lächelte: »Das ist Herrendank für Sklavendienst.«

»Auch das Ende scheint hübsch«, fuhr Prokopius fort. — ‘Eine Vermehrung deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar, als man uns wieder täglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.

Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Zepter sei aus dem Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: gefährliche Gedanken und ungeziemende Worte.

Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet.

Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich, daß die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten stehn.’

»Das ist schändlich!« rief Prokop. »Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!« sagte Cethegus. »Das heißt, die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.«

»Recht hast du«, schrie Belisar, der, wieder hereinstürmend, diese Worte noch gehört hatte. »Oh, er verdient Aufruhr und Empörung, der undankbare, boshafte, schändliche Tyrann.«

»Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zugrunde!« beschwor ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war, und suchte seine Hand zu fassen.

»Nein, ich will nicht schweigen«, rief der Zornige, an der offenen Zelttür auf und nieder rennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und viele andere Heerführer mit Staunen lauschend standen. »Alle Welt soll’s hören. Er ist ein undankbarer, heimtückischer Tyrann! Ja, du verdientest, daß ich dich stürzte! Daß ich dir täte nach dem Argwohn deiner falschen Seele, Justinianus!«

Cethegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden: sie hatten offenbar alles vernommen. Jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den Eingang und zog die Vorhänge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Fäuste gegen seine Brust und stammelte: »O Justinianus, hab’ ich das um dich verdient? O zu viel, zu viel!« Und plötzlich brach der gewaltige Mann in einen Strom von hellen Tränen aus. Da wandte sich Cethegus verächtlich ab: »Leb’ wohl«, sagte er leise zu Prokopius, »mich ekelt, wenn Männer heulen.«

ACHTZEHNTES KAPITEL

In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem Zelt und ging, das Lager umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Tor des Honorius. Es war auf der Südseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg führte zum Teil am Meeresstrand entlang.

So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der große Gedanke, der der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschäftigte, so schwer die Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefühlsüberschwenglichen Gemütsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade jetzt auf ihm lastete, — doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur vorübergehend, auf das außergewöhnliche Aussehen der Landschaft, des Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.

Es war Oktober: — aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz geändert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein Gewölk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt plötzlich — es war gegen Sonnenuntergang — bemerkte Cethegus im Osten, über dem Meer, am fernsten Horizont, eine einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen sein mußte.

Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine Strahlen. Kein Lufthauch kräuselte die bleierne Flut des Meeres.

Keine noch so leise Welle spülte an den Strand. In der weitgestreckten Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbäumen. Ja, nicht einmal das Schilf in den Sumpfgräben bebte.

Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drückend über Land und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht, wühlten den Kopf in den Sand. —

Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um sich. »Das ist schwül: wie vor dem ‘Wind des Todes’ in den Wüsten Ägyptens«, sagte er zu sich selber. — »Schwül überall — außen und innen. Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft entladen?«

Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm: »Herr, wär’ ich daheim, ich glaubte heute, der Gifthauch des Wüstengottes sei im Anzug« und er reichte ihm einen Brief.

Es war die Antwort des Frankenkönigs! Hastig riß Cethegus das große, prunkende Siegel auf.

»Wer hat ihn gebracht?«

»Ein Gesandter, der, nachdem er den Präfekten nicht getroffen, sich zu Belisar hatte führen lassen. Er hatte den nächsten Weg — den durchs Lager — verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt.«

Er las begierig: »Theudebald, König der Franken, Cethegus dem Präfekten Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch klügere nicht der Schrift vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgetan. Wir sind nicht übel geneigt, danach zu tun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst. Dies, nicht unsere Wandelung, mögen sie verklagen.

Wen der Himmel verläßt, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren Zentenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein Hindernis.

Wir behalten diese Schätze als Pfand, bis sie uns die Städte in Südgallien abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit gefährlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen würde, sind wir gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken. Nur anstatt für: gegen die Goten.

Aber freilich, auch nicht für den Kaiser Justinianus, der uns fortwährend den Königstitel vorenthält, sich auf seinen Münzen Herrn von Gallien nennt, uns keine Goldmünzen mit eigenem Brustbild prägen lassen will und uns noch andere höchst unerträgliche Kränkungen unserer Ehre angetan. Wir gedenken vielmehr, unsre eigne Macht nach Italien auszudehnen.

Da wir nun wohl wissen, daß des Kaisers ganze Stärke in diesem Lande auf seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine große Zahl alter und neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat — so werden wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen, wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden und uns dafür nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin abtreten lassen werden.

Wir halten für unmöglich, daß ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne. Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheißen wir dir eine Summe von zwölf Zentenaren Goldes und werden, gegen eine Rückzahlung von zwei Zentenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern Antrag Belisar mitzuteilen.«

Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen.

Jetzt fuhr er auf. »Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: — in dieser Stimmung: er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend Frankenkriegern! Er darf nicht leben.« —

Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er plötzlich stehen: »Tor, der ich war!« lächelte er kalt. »Heißblütig noch immer? Er ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das wäre, wie wenn der Mond sich gegen die Erde empören wollte, als ob der zahme Haushund plötzlich zum grimmigen Wolfe würde. Er nimmt nicht an! Aber nun laß sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein, Frankenkönig«, und er lächelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief, »solang Cethegus lebt, — nicht einen Fußbreit von Italiens Boden.«

Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern. Und einen dritten —: nun blieb er stehen — und über die mächtige Stirn zuckt’ es hin: »Ich hab’ es!« frohlockte er. »Auf, Syphax«, rief er, »geh und rufe mir Prokop.« —

Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur Erde gefallenen Brief des Merowingen. »Nein«, lächelte er triumphierend, ihn aufhebend, »nein, Frankenkönig, nicht so viel Raum, als dieser Brief bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde.«

Bald erschien Prokop. Die beiden Männer pflogen über Nacht ernste, schwere Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und weigerte sich lange, darauf einzugehen.

Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand, noch eh’ er ausgesprochen, mit siegender Überredung nieder und ließ nicht eher ab, seine unzerreißbaren und dichten Fäden um den Widerstrebenden zu ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. —

Die Sterne erblichen, und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. »Cethegus«, sagte er aufstehend, »ich bewundere dich.

Wär’ ich nicht Belisars — ich möchte dein Geschichtsschreiber sein.«

»Interessanter wäre es«, sagte der Präfekt ruhig, »aber schwerer.«

»Doch graut mir vor der ätzenden Schärfe deines Geistes. Sie ist ein Zeichen der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige Giftblume auf einem Sumpfe. Wenn ich denke, wie du den Gotenkönig durch sein eigen Weib zugrunde gerichtet... —«

»Ich mußte dir das jetzt sagen. Leider hab’ ich in letzter Zeit wenig von meiner schönen Verbündeten gehört.«

»Deine Verbündete! Deine Mittel sind...« — »Immer zweckmäßig.«

»Aber nicht immer...! — Gleichviel, ich gehe mit dir: — noch eine Strecke Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fort haben will, sobald als möglich. Er soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich gehe nicht weiter mit dir als bis... —«

»Zu deinem Ziel, das versteht sich.«

»Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie langweilt sich hier aufs tödlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz nicht nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten zu verderben.«

»Eine gute schlechte Frau.«

»Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empörung Belisars für möglich halten ?«

»König Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne einen viel schärferen Kopf, der’s doch einen Augenblick für möglich hielt. Und du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: — er greift nach jedem Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: — versichre dich nur Antoninens.« —

»Das laß meine Sorge sein. Bis Mittag hoff’ ich als Gesandter in Ravenna einzuziehn.«

»Wohl: — dann vergiß mir nicht, die schöne Königin zu sprechen.«

NEUNZEHNTES KAPITEL

Und mittags ritt Prokop in Ravenna ein.

Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe des Frankenkönigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an Witichis. Diesen letzten hatte Prokop geschrieben, und Cethegus hatte ihn diktiert.

Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den König der Goten und seine Königin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des Königs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck unausgesetzten Unglücks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verdüstern. Die Ermordung seines einzigen Kindes, das herzzerfleischende Losreißen von seinem Weibe hatten ihn schwer erschüttert: — aber er hatte es getragen für den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnäckig ausgeblieben.

Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat seiner Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glück gelächelt.

Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rückzug geendet. Neue Unglücksschläge, Nachrichten, die betäubend wie Keulenschläge auf den Helm in dichter Folge sich drängten, mehrten seine Niedergeschlagenheit und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit.

Fast ganz Italien, außerhalb Ravennas, schien Tag für Tag verlorenzugehen. Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet, unter Mundila, dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da aus fast ganz Ligurien. Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der Bischof dieser Stadt, selbst; von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum, Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien geführt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert, ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Ämilia durch Johannes den Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wiederzunehmen, scheiterten.

Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Königs weiches Gemüt.

Denn inzwischen wütete der Hunger in den weiten Landschaften Ämilia, Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Männer, Rinder und Rosse.

Die Leute flüchteten in die Berge und Wälder, buken Brot aus Eicheln und verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus der mangelnden und ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fünfzigtausend Menschen, noch mehr jenseits des Ionischen Meerbusens in Dalmatien, dem Hunger und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch Lebenden dem Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die glühenden Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide brannten. Die Aasvögel verschmähten die Leichen dieser Pestopfer: aber von Menschen ward das Menschenfleisch gierig gegessen. Mütter töteten und verzehrten ihre neugeborenen Kinder. In einem Gehöft bei Ariminum waren nur noch zwei römische Weiber übrig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwürgen vermochten, tötete die werwölfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der früheren Opfer ans Licht.

Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung. Die letzteren, die große Summen für das zugesagte Hilfsheer empfangen hatten, verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestüm zur Eile, zur Erfüllung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten des Königs wurden zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei Antwort kam von diesen Höfen. Der Langobardenkönig Audoin aber ließ sagen, er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin. Dieser jedoch sei mit großem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen.

Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: — er sei mit Narses eng befreundet. Dann werde er das Land ansehn und seinem Vater und Volke raten, welche Beschlüsse sie über dies Land Italia fassen sollten.

Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor die Mauern geführt hatte und während der Einschließung befehligte. Aber es zerriß dem König das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Mühe und verwundet sich durch die Reihen beider einschließenden Heere in das drei Tagreisen entfernte Ravenna schlich) der heldenmütige Graf Wisand, der Bandalarius, die folgenden Worte sandte: »Als du mir Auximum anvertrautest, sagtest du: ich sollte damit die Schlüssel Ravennas, ja des Gotenreichs hüten. Ich sollte männlich widerstehen, dann würdest du bald mit all deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben männlich widerstanden Belisar und dem Hunger. Wo bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht gesprochen und mit unsrer Feste jene Schlüssel in der Feinde Hände fallen. Deshalb komm und hilf: — mehr um des Reichs als unsrer willen.«

Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner Soldat der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete — mit Blut war der kurze Brief geschrieben —: »Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das aus den Steinen wächst. Länger als fünf Tage können wir uns nicht mehr halten.« Der Bote fiel auf der Rückkehr mit der Antwort des Königs in die Hand der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den Wällen von Auximum lebendig verbrannten.

Ach, und der König konnte nicht helfen.

Noch immer widerstand das Häuflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar durch Zerstörung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten Brunnen, der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von Menschen und Tieren und Kalklösungen vergiftete. Sturmangriffe schlug Wisand immer noch blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwächters entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode.

Endlich fiel zuerst Cäsena, die letzte gotische Stadt in der Ämilia, und dann Fäsulä, das Cyprianus und Justinus belagerten. »Mein Fäsulä!« rief der König, als er es erfuhr: — denn er war Graf dieser Stadt gewesen, und dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. »Die Hunnen hausen wohl an meinem zerstörten Herd!«

Als aber die gefangene Besatzung von Fäsulä den Belagerten in Auximum in Ketten vor Augen geführt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da nötigten den Bandalarius seine verhungerten Scharen zur Übergabe.

Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus.

Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien geführt. Ja, so tief gesunken war Mut und Volksgefühl der endlich Bezwungenen, daß sie unter Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen unter Belisars Fahnen.

Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen Belagerer dieser Feste zurückgeführt in das Lager vor Ravenna, wo er Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm.

Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkönigs hafte, auf dem so schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Mißlingens keiner Schwäche, keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des Himmels erblicken konnte, so kam er immer wieder auf den quälenden Gedanken, es sei um seiner unvergebenen Sündenschuld willen, daß Gott die Goten züchtige: eine Vorstellung, welche die Anschauungen des die Zeit beherrschenden alten Testaments ihm nicht minder nahelegten als viele Züge der alten germanischen Königssage.

Diese Gedanken verfolgten unablässig den tüchtigen Mann und nagten Tag und Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstquälerischen Grübeln jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden könne. Längst hätte er die Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit hätte erscheinen müssen. So war ihm auch dieser Ausweg — der nächste und liebste — aus seinen quälenden Gedanken verschlossen. Gebeugt saß jetzt oft der sonst so stattliche Mann, blickte lange starr und schweigend vor sich hin, nur manchmal das Haupt schüttelnd oder tief aufseufzend.

Der tägliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und hilflosen Erduldens eines niederdrückenden Geschickes blieb, wie wir gesehen, nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich darin nicht getäuscht zu haben, daß seit geraumer Zeit sein Auge milder als sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so drängte sie teils uneingestandene Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden Herzen, teils Reue und Mitleid mächtiger als je zu dem leidenden König.

Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit vereint. Die Bevölkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen angefangen, während die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und aus Calabrien und Sizilien reiche Vorräte bezogen, Mangel zu leiden. Nur die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen. Des Königs mildes Herz nahm keinen Anstand, aus dem Überfluß seiner Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zum Eintreffen der Franken auszureichen versprachen, auch an die Armen der Stadt wohltätige Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen Tausendschaften versorgt hatte: auch hoffte er auf eine große Menge von Getreideschiffen, welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem Flusse zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten.

Um aber jeden Mißbrauch und alles Übermaß bei jenen Spenden fernzuhalten, überwachte der König selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris gestellt und ihm geholfen, die Körbe mit Brot verteilen. Es war ein schöner Anblick, wie das Paar, er zur Rechten, die Königin zur Linken, vor der Kirchenpforte stand und über die Stufen hinab dem segenrufenden Volk die Spende reichte.

Während sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der drängenden, flutenden Volksmasse — denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengeströmt — auf der untersten Stufe der Basilika seitwärts ein Weib in schlichtem, braunem, halb über den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib drängte nicht mit den andern die Stufen hinan, um auch Brot für sich zu fordern: sondern lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen hohen Sarkophag gestützt, hinter der Ecksäule der Basilika und blickte scharf und unverwandt auf die Königin.

Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen sich stießen und drängten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot, hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemüht häufte sie mit mildem Blick und mit den beiden weißen Händen tätig das duftende Gebäck. —

Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Königs, das, sanft und freundlich gerührt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. — Heiß schoß ihr das Blut in die Wangen, und sie zuckte leise und senkte die langen schönen Wimpern.

Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war dies verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer.

Sie hatte, während sie den Korb füllte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit einem Büffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim Arme gefaßt und mit sanfter Gewalt hinweggeführt hatte. »Komm«, hatte er gesagt, »hier ist kein guter Ort für dich.« Und wie im wachen Traum hatte das Weib geantwortet: »Bei Gott, sie ist wunderschön.«

»Ich danke dir, Mataswintha!« sprach der König freundlich, als die für heute bestimmten Spenden verteilt waren.

Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Königin in ihr gesehen und angesprochen. Wie beglückte sie das Wort aus seinem Munde und wie schwer lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewußten Seele! Offenbar hatte sie sich zum Teil seine wärmere Stimmung durch ihr werktätiges Mitleid mit den Armen erworben. »Oh, er ist gut«, sagte sie, halb weinend vor Erregung, »ich will auch gut sein.«

Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken Flügels des Palastes trat — Witichis bewohnte den rechten , eilte ihr Aspa geschäftig entgegen. »Ein Gesandter aus dem Lager«, flüsterte sie der Herrin eifrig zu. »Er bringt geheime Botschaft vom Präfekten einen Brief, von Syphax’ Hand, in unsrer Sprache — er harrt auf Antwort...« —

»Laß«, rief Mataswintha, die Stirne furchend, »ich will nichts hören, nichts lesen. Aber wer sind diese?«

Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemächer führte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke, Goten und Italier durcheinander, in Lumpen gehüllt — eine Gruppe des Elends.

»Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu verscheuchen.« — »Man soll sie nicht verscheuchen!« sprach Mataswintha, nähertretend.

»Brot, Königin! Brot, Tochter der Amalungen!« riefen mehrere Stimmen ihr entgegen. »Gib ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir trägst, und hole... —« — »Brot! Brot! Königin, nicht Gold! Um Gold ist kein Brot mehr zu haben in der Stadt.«

»Vor des Königs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon her, warum wart ihr nicht dort?«

»Ach, Königin, wir können nicht durchdringen«, jammerte eine hagere Frau. »Ich bin alt, und meine Tochter hier ist krank, und jener Greis dort ist blind. Die Gesunden, die Jungen stoßen uns zurück. Drei Tage haben wir’s umsonst versucht: wir dringen nicht durch.« — »Nein, wir hungern«, grollte der Alte. »O Theoderich, mein Herr und König, wo bist du? Unter deinem Zepter hatten wir vollauf. — Da kamen die Armen und Siechen nicht zu kurz. Aber dieser Unglückskönig... —«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
1270 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain