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Kitabı oku: «Ein Kampf um Rom», sayfa 62

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SIEBENTES KAPITEL

Cethegus tat einen tiefen Zug aus dem vor ihm stehenden Becher, der in getriebenem Golde einen Turm darstellte.

Er war wesentlich verändert seit jener Nacht zu Rom.

Schärfer waren die Furchen an den Schläfen, noch fester geschlossen der Mund, die Unterlippe herb emporgehoben, seltener spielte jenes ironische Lächeln um die Mundwinkel, das ihn verjüngte und verschönte. Die Augen waren nun gewöhnlich halb geschlossen.

Nur manchmal öffneten sie sich voll, den gefürchteten Blick zu sprühen, der noch grimmiger durchbohrend traf.

Nicht älter, aber eiserner, schärfer, schonungsloser noch schien er geworden.

»Du kennst«, hob er an, »den Lauf der Dinge bis zum Fall von Rom. Ich sah in jener Nacht fallen die Stadt, das Kapitol, mein Haus, meinen Cäsar. Der krachende Sturz dieses Bildes schmerzte brennender als die Pfeile der Goten und selbst der Römer.

Die Sinne schwanden mir vor Schmerz und Zorn, als ich den Mörder meines Cäsar strafen wollte. Ich brach in der Bibliothek an der Statue des Zeus zusammen.

Ich erwachte wieder durch den kühlen Hauch der Nachtluft und des Tiberstromes, der schon einmal, — vor zwanzig Jahren! — den Todwunden neu belebt.«

Eine finstre Wolke zog über die mächtige Stirn.

»Davon ein andermal vielleicht — vielleicht auch nie«, sprach er, eine Frage seines Wirtes abschneidend.

»Diesmal hatten mich gerettet Lucius Licinius — sein Bruder ist für Rom und mich gefallen — und der treue Maure, der wie durch ein Wunder dem schwarzen Wüterich Teja entgangen war. Zur Vordertüre von diesem hinausgeschleudert — in seiner Gier, den Herrn zu erreichen, nahm sich der Barbar nicht die Zeit, den Diener zu morden — eilte er an die Hintertüre. Dort traf er auf Lucius Licinius, der, von mir getrennt durch die Volkshaufen, erst jetzt mein Haus von der Seitengasse her erreichte.

Beide eilten nun durch die geöffneten Türen auf der Spur meines Blutes bis in den Zeussaal mir nach.

Dort fanden sie mich bewußtlos: und hatten gerade noch Zeit, mich in meinem Mantel wie eine leblose Ware zum Fenster hinaus in den Hof hinabzulassen. Syphax war zuerst hinabgesprungen und fing mich im Herabgeiten auf aus den Händen des Tribuns. Dieser sprang nach, und rasch trugen sie mich in meinem Mantel aus der Hintertür des brennenden Hauses hinab an den Fluß.

Dort war es nun ziemlich leer. Denn alle Goten und die gotenfreundlichen Römer waren dem König auf das Kapitol gefolgt, dort den Brand zu löschen. Er hatte ausdrücklich befohlen — ich hoffe zu seinem blutigen Verderben! — alle Nichtkämpfenden zu verschonen und nicht zu behelligen. So ließ man denn auch meine beiden Träger überall durch mit ihrer Last. Man glaubte, sie trügen einen Toten.

Und sie glaubten es selbst eine Zeitlang.

Im Fluß fanden sie einen leeren Fischerkahn voller Netze. Sie legten mich hinein, Syphax warf meinen blutigen Mantel mit dem purpurnen Abzeichen des ‘princeps Senatus’ auf das Ufer, die Feinde zu täuschen, bedeckten mich mit Segeltüchern und Netzen und ruderten den Fluß hinab, durch die noch immer brennenden Nachen hindurch. Hinter diesen erwachte ich: Syphax wusch mir die Stirn mit Tiberwasser.

Mein erster Blick fiel auf das brennende Kapitol.

Sie sagen, mein erster Ruf war: ‘Umkehren! Das Kapitol!’ Und mit Gewalt mußten sie den Fieberwirren halten. Mein erster klarer Gedanke natürlich war: ‘Wiederkehr! Wiedervergelten! Wiedergewinnung Roms!’

Im Hafen Portus trafen wir ein italisches Getreideschiff. Darauf waren sieben Ruderer. Meine Retter hielten an dem Schiff, sich Brot und Wein zu erbitten. Denn beide waren auch verwundet. Da erkannten mich die Ruderer.

Einer wollte mich gefangen den Goten ausliefern, hoher Belohnung gewiß. — Aber die andern sechs waren alte Schanzarbeiter von mir an dem Grabmal Hadrians, ich hatte sie jahrelang genährt. Sie erschlugen den siebenten, der laut die Goten heranrief, und sie versprachen Lucius, mich zu retten, wenn sie irgend vermochten.

In hohen Getreidehaufen bargen sie mich vor den gotischen Wachtschiffen, welche die Ausfahrt des Hafens hüteten. Lucius und Syphax ruderten mit in Schiffertracht. So entkamen wir. Aber an Bord dieses Schiffes war ich dem Tode nahe durch meine Wunden. Nur des Mauren Pflege und die Seeluft haben mich gerettet. Tagelang, sagen sie, sprach ich nur die Worte: ‘Rom, Kapitol, Cäsar.’

Gelandet auf Sizilien bei Panormos im Schutz der Byzantiner, genas ich rasch. Mein alter Freund Cyprianus, der mich einst zu Ravenna in den Palast Theoderichs eingelassen, da ich Präfekt von Rom werden sollte, empfing mich dort als Hafenarchon. Kaum genesen, ging ich von Sizilien nach Kleinasien oder, wie ihr sagt, Asiana, auf meine Güter — du weißt, ich hatte herrliche Latifundien bei Sardes, Philadelphia und Tralles...« —

»Du hast sie nicht mehr, — die säulenreichen Villen?«

»Ich verkaufte sie alle. Denn ich mußte doch sofort aufs neue Söldner werben, Rom und Italien zu befreien.«

»Tenax propositi!« rief staunend Prokopius. »Du hast die Hoffnung noch nicht aufgegeben?«

»Kann ich mich selbst aufgeben? Mit dem Erlös — er war nicht klein: die Villen an der Küste bei Ephesos und Jassos ließ Furius Ahalla kaufen — ging ich zu meinen alten Gastfreunden im Lande der Isaurier, Armenier und Abasgen. Einen Isaurerfürsten mußte ich totschlagen, weil er nachts mein Zelt überfiel und mein Gold ohne andere Gegenleistung als einen Dolchstoß gewinnen wollte. Darauf warb ich der Söldner eine gute Zahl.

Aber freilich: Narses hat sie teuer gemacht, er verwöhnt sie und verdirbt das Geschäft. Sie sterben nicht mehr so billig wie früher. Er hat viele tapfre Häuptlinge für sich gewonnen.

Ich mußte mich noch nach andern Völkern umtun.

Nun sitzt da unten in Pannonien ein nicht gar volkreicher, aber sehr wilder und tapfrer Germanenstamm, den ich durch deine Schilderungen, o Vortrefflicher, erst recht entdeckt — durch seine blutigen Kriege mit den Gepiden bekannt.«

»Ah«, rief Prokop, »die wilden Langobarden! Gott gnade deinem Italien, wenn die je einen Fuß hineinsetzen. Der Langobarde ist wie der Wolf im Vergleich mit dem Schäferhund, dem Goten, gegen das goldvließige Schaf Italien.«

»Rom soll aber selber wieder die alte Wölfin werden.

Ich würde sie schon wieder hinausschaffen aus meinem Vaterland, die Barbaren des Alboin! Zu diesen Langbärten — denn das soll des Namens Sinn sein — hab’ ich Licinius auf Werbung geschickt. Mich freut es ganz besonders«, schloß er grimmig, »Germanen durch Germanen zu verderben. Rom gewinnt bei jeder Wunde, die sich Langobarde und Gote hauen.«

»Du hast die Weisheit des Tiberius aus deinem Tacitus gelernt. Aber laß den Tacitus stehn — er ist zu herbe. Hier ist ein ausgezeichnetes Getränk: Ammianus Marcellinus! Wirklich ein geistreicher Gesell!«

»Wie wird man dereinst ‘Prokopius’ beim Trinken beurteilen?«

»Bauwerke«, sagte dieser »’muffig’.«

»Perser— und Vandalenkrieg: ‘goldklar’«, sprach Cethegus.

»Gotenkrieg — ‘zu sauer’«, meinte dessen Verfasser, den Mund verziehend.

»Aber Geheimgeschichte«, lächelte Cethegus »’prickelnd — am Schluß der Mahlzeit nur tropfenweise zu schlürfen’.«

»Bah, ein Brechmittel«, sagte Prokop, sich schüttelnd.

»Ich selbst aber«, fuhr Cethegus fort, »eilte hierher in die Höhle eures — soll ich sagen: Löwen?«

»Das wäre zuviel gesagt«, meinte Prokop: »selbst in den Bauwerken soll keine solche Lüge stehn.«

»Nun also: eures Fuchses oder Hamsters. Denn ich bin nicht so kühn wie der große Belisarius, mir einzubilden, mit Söldnerhaufen allein die Goten zu besiegen. Diese Barbaren haben das unverschämte Glück, ein Volk zu sein. Ihr König ist ihres Volkstums lebendiges Symbol. Es ist aber sehr schwer, ein Volk zu besiegen. Auch ein so plumpes, törichtes, dumpfes Volk wie diese Barbaren.« — »Namentlich«, sprach Prokop beipflichtend, »ein Volk zu besiegen — ohne ein Volk.«

»Aber Byzanz ist, wenn kein Volk, ein Staat. Dieser Staat ohne Volk kann das Volk ohne Staat vernichten. Denn das ist ja kein Staat, was diese Goten ihr ‘Reich’ nennen. Es ist nur die seßhaft gewordene Horde. Haben sie nicht unter jenem Witichis drei Heere in Waffen gegeneinander gehabt! Solcher Torheit, Unreife, Barbarei ist auch das Byzanz deiner Geheimgeschichte noch überlegen. Kaiser Justinian hat ja sein Wort verpfändet, Italien zu befreien. Wohlan, er soll gemahnt werden, es zu lösen. Ich will ihn mahnen, so lange, bis er’s tut.«

»Da wirst du lang noch mahnen müssen.«

»So scheint’s. Religion, Ruhm, Gold — nichts scheint ihn mehr zu rühren.

Laß sehn, ob nicht die Furcht ihn rührt.«

»Die Furcht? Vor wem?«

»Vor Cethegus — und vor dem Unbekannten. Ungenanntes Grauen ist stets das stärkste. — Natürlich hoffte ich lebhaft auf die Kaiserin. Wir kannten uns in der Jugendzeit. — Und wir wußten unsre Vorzüge zu schätzen schon damals. — Sie war das schönste Weib, das ich — bis damals — gesehn. Und ich — nun: ich... —«

»War Cethegus«, sagte Prokop.

»Aber bei aller alten Neigung, die sie nicht verleugnete, als ich nun wieder vor sie trat: die Kaiserin war nicht für meinen Krieg. Ich verstehe sie darin nicht recht. Sie hält es plötzlich für christlicher, Kirchen zu bauen als Städte zu verbrennen. — Woher diese Wandlung? Sie ist doch noch zu jung für die allgemeine Wanderung ihresgleichen von — nun, sagen wir, von Kypros nach Golgatha.«

»So weißt du nicht«, fiel Prokop ein, »was außer Justinian und dir — verzeih: Rom geht vor Byzanz: was außer dir und Justinian — das ganze Ostreich weiß?«

Die schöne Kaiserin ist krank, ist innerlich verzehrt von einem furchtbaren Leiden. Du staunst? — Ja, sie erträgt nicht nur, sie verbirgt es auch mit unerreichter Willenskraft vor Justinian. Denn dieser größte und kleinste aller Selbstlinge haßt die Kranken: er kann nichts in seiner Nähe haben, was an Leiden und Sterben mahnt.

So gewaltig ihn die Kaiserin beherrscht, — ich bin gewiß, entdeckte er ihr Leiden, er schickte sie, zärtlich besorgt, zur Heilung in die fernste Stadt der Reiches. Hat er es doch mit Germanus ähnlich gemacht, den er aufrichtig geliebt.

Darum trägt die Kaiserin Höllenqualen mit lächelndem Munde. Furchtbar sollen ihre Nächte sein. Aber bei Tage, in der Nähe des Kaisers, an der Tafel, in der Kirche, bei den Zirkusfesten birgt sie ihre Schmerzen mit übermenschlicher Kraft. Auch ihre Schönheit hat kaum merklich gelitten. Denn unerschöpflich ist das Arsenal ihrer Schönheitskünste. Nur noch zarter ist sie geworden. Aber fast noch gewaltiger an beherrschendem Geist.«

»Ein wunderbares Weib.«

»Ja, und so sehr sie im kleinen ihre Listen und Ränke pflegt: in großen Dingen, in Fragen des Staats läßt sie nie von ihrer Überzeugung.«

»Nie. Oder doch nur schwer. Schon wollte der Kaiser die Friedensvorschläge der Goten annehmen: Cassiodor und — ein andrer sollten siegen über mich. — Theodora sprach nicht für den Krieg — und alles schien für mich verloren.

Da fiel mir noch im letzten Augenblick ein, auf ihre Frömmigkeit zu wirken.

Ich erfuhr durch sie selbst, daß Justinian die beiden Gesandten zu günstigem Bescheid in den Palast berufen.

Am gleichen Mittag eilte ich zu ihr und sprach: ‘Du bauest den Heiligen neue Kirchen mit allem deinem Golde. Du kannst doch höchstens noch hundert bauen. Und trittst du Italien den Goten ab, so entreißest du für immer mehr als tausend Kirchen Christus, dem Gottessohn, und überweisest sie seinen verhaßten Feinden, den arianischen Ketzern. Glaubst du das wiegen deine hundert Bauten auf?’ Das wirkte. Erschrocken sprang sie von dem Lager auf und rief:

‘Nein, das ist eine Sünde, die ich nicht begehen will!

Sind wir zu schwach, jene Kirchen den Ketzern zu entreißen, wollen wir doch nimmermehr sie ihnen ausdrücklich zuerkennen. Niemals darf der Kaiser ihnen Italien friedlich überlassen! Danke dir, Cethegus: manche gemeinsame Sünde unsrer Jugend werden uns die Heiligen vergeben, weil du mich abgehalten von dieser schwersten Sünde.’

Und sie lud ihren Gemahl zu sich zur Tafel: und unter ihren Blumen, Gebeten und Küssen entbrannte Justinianus aufs neue für die Sache Christi, verwarf die Friedensvorschläge, und der weise Cassiodor zog unverrichteter Dinge ab.

Der Friede ist verhütet. Den Krieg sofort zu erzwingen hab’ ich noch kein Mittel. Aber ich werde es finden. Denn Rom muß frei werden von den Barbaren.«

Und ruhig hielt Cethegus inne, ergriff den Becher und trank: aber in ihm loderte tief verhaltne Leidenschaft.

ACHTES KAPITEL

Prokopius legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »Höre, Cethegus, ich staune. Ich staune, daß in unsrer Zeit des Niedergangs in einer Männerbrust noch solche Kraft wohnt.

Und solches Feuer glüht für ein hohes, uneigennütziges Ziel, wie die Freiheit Roms. Sei dieses Ziel immerhin, wie ich glaube, ein glänzendes Traumbild. Und weil dies Ziel nicht ein selbstisches: — darum verzeihe ich dir die mancherlei krummen, dunkeln Pfade, auf denen du gewandelt bist. Und andre Leute, wie zum Beispiel Belisar und mich, hast wandeln lassen, durch Arglist und Frevel hindurch. Von dem Tage an, da ich dein Ziel als ein selbstisches erkennen müßte — bei aller Bewunderung deines Geistes, deiner Kraft — ich müßte dir die alte Freundschaft kündigen.«

Cethegus aber lachte. »Hör’ ich noch immer aus deinem Mund die halb platonische, halb christliche Ethik, wie in der Schule zu Athen! Alter Zögling du des Kaiserhofes und des Feldlagers? — Hast du noch immer diese Mädchen-Moral?

Selbstisch — Unselbstisch? — Was, wer ist denn unselbstisch? Wer kann es sein? Jeder will in jedem Augenblick, was er wollen muß.

Ob ich der Befreier Roms werden will oder etwa sein Tyrann —: beides ist gleich selbstisch. Denn die Liebe ist die größte, weil die süßeste Selbstsucht.«

»Und Christus? Starb er vielleicht auch aus Selbstsucht?«

»Gewiß: aus einer edeln Schwärmerei! Sein Egoismus galt der Menschheit! Sie hat ihm danach vergolten: gekreuzigt haben sie ihn für seine Liebe. Wie Justinian Belisar, wie Rom Cethegus vergilt. Die Selbstsucht der Schwächlinge ist erbärmlich: die der Starken großartig. Das ist der einzige Unterschied der Menschen.«

»Nein, Freund! Das ist die Sophistik einer starken Leidenschaft. Das Höchste ist: das Gute nur durch gute Mittel anstreben. Zu diesem Höchsten ist Prokop zu klein, die Zeit zu schwach.

Aber laß uns wenigstens durch böse Mittel nur dem Guten dienen: nicht dem Bösen, nicht der Selbstsucht. Wehe mir, wenn ich einst an dir irre werden müßte. Ich glaube an den Schwerthelden Belisar, an den Geisteshelden Cethegus. Wehe, wenn mir aus meinem Heros Cethegus einst ein Dämon würde. Ich begreife, daß die Menschen dich scheuen, dich fürchten wie Luzifer, den gefallnen Engel des Morgensterns. ‘Alle seine Feinde erliegen vor ihm’, sagte mir einst Antonina, die dich abergläubisch fürchtet. Und sie hat recht. Gothelindis, Petros, unser pfiffiger Schulkamerad, der jetzt Marmor sägt und Steine klopft bei den Hunnen, Papst Silverius, den der Kaiser immer noch auf Sizilien gefangen hält, wie Scävola und Albinus: — dem hat er seine Seele, d. h. sein Geld genommen.«

»Ich könnte die Beispiele noch mehren«, sagte Cethegus, die Brauen zusammenziehend. »Aber ich will die zürnenden Schatten nicht heraufbeschwören aus ihrer Grabesruhe. Nur den dicken Balbus«, lachte er, »will ich erwähnen. Ich hatte ihm die Ehre zugedacht, wie Gottes Sohn zu sterben.

Aber er hat sich seinem Gott, d. h. seinem Bauch freiwillig geopfert. Von Quintus Piso, den der Barbarenkönig aus der Gefangenschaft ohne Lösegeld entließ, wie Marcus Massurius und Salvius Julianus, erfuhr ich sein Ende.

Er bestach die gotischen Wachen, die das Unmaß des Fressens der Heißhungrigen verhüten sollten, mit seinen letzten Goldstücken, ihn essen zu lassen, solang er wollte. Er aß drei Stunden. In der vierten war er tot. Er starb im Dienst! Aber was hilft all das Verderben meiner kleinen Feinde? Solang in Rom ein Feind triumphierend thront, der wahrlich groß ist« — und er hielt inne, dann fuhr er grimmig fort — »aber nur an sinnlosem, maßlosem Glück.«

»Bist du nicht ungerecht gegen diesen König Totila? Wird nicht dereinst sein Geschichtsschreiber anders... —«

»Ich aber bin nicht dereinst sein Geschichtsschreiber. Ich bin jetzt sein Feind bis zum Tode. Ha, der Tag, da dieses Knaben Herzblut mir von des Speeres Spitze träuft — ich muß ihn noch erleben.

Begreifen kann ich Achilleus, der die Leiche des erschlagnen Hektor dreimal um die Wälle schleift. Seit ich kämpfe um mein Rom, steht immer und immer wieder, und meistens sieghaft, dieser Blondkopf mit dem Mädchenantlitz mir entgegen.

Er hat mir meinen Liebling und mein Rom und zuletzt noch meinen edeln Pluto genommen. Wie Piso erzählt, fanden sie, den Reiter verfolgend, das Roß, wo es Syphax geborgen am Tiber: und der Barbar hat von aller römischen Beute nur das Roß des Präfekten für sich genommen. Schleudre ihn doch, mein Pluto, kopfüber und zerstampfe ihm mit den Hufen das Hirn.«

»Du hassest heiß!«

»Ja, diesen hass’ ich nicht nur aus Vernunft: aus angebornen Feindschaft der Natur. Als ich ihm das Forum romanum räumen mußte, habe ich’s ihm gelobt: er stirbt von meiner Hand.

Aber«, schloß er, sich beruhigend, »wann? wann?

Wann find’ ich das Mittel, diesen trägen Koloß, den man Justinianus, den Kaiser der Romäer nennt, auf das Gotenreich zu stürzen? Wann ruft das Schicksal wieder mit ehernem Tubaton mich auf mein großes Schlachtfeld Italien?«

Da drängte sich eilfertig Syphax durch die Vorhänge des Gemachs. »Herr«, sprach er, sich neigend, »ich heische Botenlohn. Es hat irgendwo gewittert: — es zieht wohl rasch gegen diese Stadt. Es braut und spinnt was in der Luft. Im goldnen Palast ist geschäftige, unheimliche Bewegung. Wachen sind an alle Tore geschickt, eintreffende Boten sogleich in geschlossenen Sänften zum Kaiser zu führen. Die Boten sollen mit niemand sprechen. Und soeben gab in deinem Hause ein goldgleißender Sklave diesen Brief ab — von der Kaiserin.«

Hastig riß Cethegus die Purpurschnüre hinweg von dem Siegel, der Taube — war es die von Kypros oder die vom Pfingstfest? — und las: »An den Jupiter des Kapitols. Verlasse morgen dein Haus nicht, bis ich dich entbiete. Morgen rufen dich dein Schicksal und — Kypris.«

NEUNTES KAPITEL

Am andern Morgen stand Kaiser Justinian in tiefem Nachdenken vor dem hohen, heiligen Goldkreuz in seinem Gemach.

Sein Ausdruck war sehr ernst, aber nicht bestürzt und nicht zweifelig. Entschlossene Ruhe lag heute auf seinen Zügen, die, sonst nicht schön oder edel, in diesem Augenblick Geistesschärfe und Überlegenheit verrieten. Er erhob Stirn und Augen fast drohend gegen das Goldkreuz und sprach: »Auf harte Proben, Gott des Kreuzes, stellst du deinen treuen Knecht! Mir ist, Herr Christus, ich hätte Besseres um dich, von dir verdient! Du weißt ja doch, was alles ich getan, zu deines Namens Ehre! Warum triffst du mit deinen Schlägen nicht deine Feinde, die Heiden, die Ketzer? Warum mich? Aber da du’s nun einmal so gewollt, sollst du erfahren: Justinianus kann noch mehr als Kirchen baun und Bilder weihn.«

Und er schritt durch das Gemach: sein Blick fiel auf die Büsten der Kaiser, welche hier an den Wänden auf kleinen Sockeln prangten.

»Großer Constantinus, Gründer dieses Ostreichs, Schirmherr des rechten Glaubens! Bangst du für dein Werk? Bange nicht: getrost! du hast’s gebaut, und Justinianus wird’s erhalten. Ihr andern alle hattet’s leicht, groß sein, Großes schaffen: — Augustus — die Antonine — Trajanus — Hadrianus: — ihr alle wart noch im Anfang oder auf den Höhen. Ich aber soll das Rad aufhalten, das von dem Gipfel niederrollt. Und ich will’s aufhalten. Und ich hab’ es schon aufgehalten. Und hab’ es mühevoll auch wieder ein gut Stück emporgehoben. Ich sehe euch getrost ins Antlitz: ich schäme mich nicht vor euch. Wo ist der wilden, ketzerischen Vandalen Reich? Der Enkel Geiserichs, des gefürchteten Seekönigs, kniete vor mir im Hippodrom. Laß sehen, ob Justinian nicht wie Karthago auch Rom zurückgewinnt. Sie wollen den Frieden ertrotzen, die Barbaren, in Italien: sie sollen ihn finden, den Frieden des Grabes!«

Da meldete der Velarius: »Herr, der Senat ist versammelt im Saale von Jerusalem. Die Kaiserin betritt soeben die Löwentreppe.«

»Gut«, sagte Justinian, »geh. Die Stunde der Prüfung ist gekommen für Theodora. Und für sie alle, die sich meine Räte nennen. Sie sind nie verlegen, wenn es kleine Mittel gilt für kleine Ziele. Wenn sie, behaglich auf den Seidenpolstern sitzend, Verbannung und Konfiskation über ihre Amtsgenossen rechtfertigen sollen, wie scharfsinnig, wie erfinderisch sind sie! Des Reiches und des Kaisers Majestät ist das Alpha und Omega dieser Sklavenlippen. Laß sehen, ob sie auch heute dran gedenken. Nur heute versage mir nicht, du höchste Kunst des Herrschers: undurchschaubare, tief ausholende Verstellung. Heute gilt es, eure Kraft erproben, ihr Staatsmänner von Byzanz. Ich ahne, wie ihr bestehn werdet. Und mich freut’s. Eure Erbärmlichkeit ist die beste Stütze meines Throns. Und die beste Rechtfertigung meines Regiments. Klar soll euch werden in eure erschrockenen Herzen hinein, daß ihr einen Zwingherrn braucht, ihr feigen, ehrlosen, ratlosen Sklaven!« —

Da erschienen die Kämmerer, das Ankleidepersonal.

Justinian vertauschte nun das Morgengewand mit der kaiserlichen Staatstracht. Kniend halfen ihm dabei die Vestiarii.

Er legte die weiße, bis an die Knie reichende Tunika an von weißer Seide, an beiden Seiten mit Gold besetzt und durch einen purpurfarbenen Gürtel gehalten: auch die ganz eng anschließenden Beinkleider waren von Seidenstoff und Purpurfarbe. Über die Schulter warf ihm der Mantelsklave den prachtvollen Kaisermantel von hellerer Purpurfarbe mit breitem Clavus (Saum) von Gold, in welchem rote Kreise und in grüner Seide gestickte symbolische Tiergestalten, zumal Vögel, wechselten; aber die verschwenderisch darübergestreuten Perlen und Edelsteine machten die Zeichnung kaum erkennbar und den ganzen Mantel so schwer, daß die Hilfe der Schleppträger nicht unerwünscht sein mußte.

Jeden Unterarm bedeckten drei breite goldne Armringe. Das Diadem, links und rechts breit vom Kopf abstehend, von massivem schwerem Golde, war von zwei Perlenbogen überwölkt. Den Mantel hielt auf der rechten Schulter eine kostbare Spange mit großen Edelsteinen. In die Hand gab ihm der Zepterverwahrer den über mannslangen goldnen Herrscherstab, der oben die Weltkugel aus einem einzigen Smaragd und darauf das Goldkreuz trug.

Fest ergriff ihn der Kaiser und sprang von der Kline auf.

»Noch die Sandalen, Herr, die Kothurn-Sandalen«, mahnte ein kniender Kämmerer.

»Nein, heute brauch’ ich keine Kothurn«, sprach Justinian und schritt aus dem Gemach.

Über die Löwentreppe, benannt von vierundzwanzig aus Karthago von Belisar eingebrachten hohen Marmorlöwen, welche die zwölf Stufen von beiden Seiten bewachten, stieg der Kaiser in ein tieferes Geschoß und in den großen Beratungssaal des Palastes, den »Saal von Jerusalem«.

Dieser trug seinen Namen von den Porphyrsäulen, Onyxschalen, Goldtischen und zahllosen Goldgeräten, die an den Wänden und auf Halbsäulen angebracht, der Überlieferung nach dereinst den Tempel von Jerusalem geschmückt. Von dort hatte Titus nach der Eroberung der Stadt diese Schätze nach Rom entführt. Aus Rom hatte sie der Meerkönig Geiserich auf seinen vandalischen Drachenschiffen, gleichzeitig mit der Kaiserin Eudoxia, nach seiner Hauptstadt Karthago getragen. Und nun hatte sie Belisar aus Afrika dem Kaiser des Ostreichs zugeführt.

Die Kuppel des Saales war dem Himmelsgewölbe nachgebildet, aus kostbaren blauen Halbedelsteinen zusammengefügt: und außer der Sonne, dem Mond, dem Auge Gottes, dem Lamm, dem Fisch, den Vögeln, der Palme, der Rebe, dem Einhorn und andern christlichen Sinnbildern war der ganze Zodiakus, und waren zahllose Sterne aus massivem Golde in die Mosaikarbeit eingelassen. Die Kosten dieser Kuppel allein schlug man in Byzanz so hoch an als das Gesamterträgnis der Grundsteuer des ganzen Reiches für fünfundvierzig Jahre.

Gegenüber den drei hohen Eingangsbogen, die von Vorhängen geschlossen und außerhalb des Saales — er war der einzige Eingang — von der kaiserlichen Leibwache der »Goldschildner« in dreifacher Kette gehütet waren, erhoben sich in der Tiefe des halbrunden Saales der Thron des Kaisers und, links von diesem, etwas niedrer, der der Kaiserin.

Als Justinian den Saal betrat mit großem Gefolge der Palastdiener, warfen sich alle Versammelten, die höchsten Würdenträger des Reiches, auf das Antlitz zu demütiger Proskynese.

Auch die Kaiserin erhob sich, beugte tief das Haupt und kreuzte die Arme auf der Brust. Ihre Kleidung war der des Gemahls ganz ähnlich: auch ihre weiße Stola überwallte der Purpurmantel, dem jedoch der kaiserliche Clavus fehlte. Auch sie trug ein Zepter, aber nur ein ganz kurzes, aus Elfenbein.

Einen matten, aber verachtungsvollen Blick warf die Herrscherin über die Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe, Patrizier und Senatoren, welche, über dreißig an der Zahl, die im Halbkreis ausgestellten goldnen Stühle mit den Seidenpolstern füllten.

Durch den in der Mitte den Saal teilenden Gang schritt nun Justinianus und bestieg mit raschem, sicherem Schritt seinen Thron, das Zepter schwingend.

Zwölf der ersten Palastbeamten standen auf den Stufen der beiden Throne, weiße Stäbe in den Händen. Trompetenschall gab nun den auf das Antlitz Gesunkenen das Zeichen, sich zu erheben.

»Wir haben auch berufen«, hob der Kaiser an, »heilige Bischöfe und erlauchte Senatoren, in schwerer Sache euren Rat zu hören. Aber warum fehlt unser Magister Militum per Orientem, Narses?«

»Er ist gestern erst aus Persien eingetroffen — er liegt schwer krank zu Bett«, meldete der Proto-Keryx.

»Unser Quästor sacri palatii Tribonianus?«

»Ist noch nicht zurück von deiner Sendung nach Berytus um die Codices.«

»Warum fehlt Belisarius, unser Magister Militum per Orientem extra Ordinem?«

»Er wohnt nicht in Byzanz, sondern drüben in Asien, in Sycae, im roten Hause.«

»Er hält sich sehr abseits im roten Hause. Das mißfällt uns. Was entzieht er sich unserem Blick?«

»Er war dort nicht zu finden.«

»Auch nicht im Hause seines Freigelassenen Photius, im Muschelhaus?«

»Er war auf die Jagd geritten, die persischen Jagd-Leoparden zu erproben«, sagte Leo, der comes spathariorum.

»Er ist nie da, wenn man ihn braucht. Und immer, wenn man ihn nicht braucht. Ich bin nicht zufrieden mit Belisarius. — — Vernehmt nun, was geschehen, was uns in den letzten Tagen durch viele Briefe zuging: zuletzt sollt ihr auch mündlichen Bericht der Boten hören. —

Ihr wißt: wir haben den Krieg in Italien einschlafen lassen, weil wir andre Aufgaben hatten für unsre Feldherrn. Ihr wißt: der Barbarenkönig bat um Frieden, um Überlassung Italiens. Wir wiesen das damals ab, gelegene Zeit erwartend.

Antwort hat der Gote nicht in Worten, in sehr verwegnen Taten gegeben. Ihr wißt noch nicht davon: — niemand in Byzanz — wir behielten die Nachricht für uns, sie unmöglich, oder doch übertrieben erachtend. Aber wahr ist alles, was gemeldet ward: vernehmt, und dann erteilet Rat.

Eine Flotte und ein Heer hatte der Barbarenkönig nach Dalmatien geschickt in aller Heimlichkeit und Eile. Die Flotte lief in den Hafen von Muicurum bei Salona, und das gelandete Heer nahm die feste Stadt mit Sturm. Ebenso überraschte die Flotte die Seestadt Laureata.

Claudianus, unser Befehlshaber zu Salona, schickte zahlreiche und stark bemannte Dromonen, den Goten die Stadt wieder zu entreißen. Aber in einer großen Seeschlacht schlug ein Gotenherzog — Guntharis — diese unsere Flotte dermaßen, daß er alle Dromonen ohne Ausnahme eroberte und siegreich in den Hafen von Laureata einführte.

Eine zweite Flotte von vierhundert großen Schiffen rüstete der König bei Centumcellä aus. Sie war meistenteils gebildet aus unsern Dromonen, die, vom Orient aus nach Sizilien für Belisar gesendet, in Unkenntnis, daß die italischen Häfen wieder in der Hand der Goten, mit aller Bemannung und Ladung waren weggenommen worden von einem Gotengrafen — Grippa. Das Ziel auch dieser neu geschaffenen Flotte war unbekannt.

Plötzlich erschien der Barbarenkönig selbst mit dieser Flotte vor Regium, der festen Hafenstadt an der äußersten Südspitze Bruttiens, die wir gleich bei der ersten Landung gewonnen und seither nicht wieder verloren hatten. Nach tapferm Widerstand ergaben sich die Heruler und Massageten unserer Besatzung.

Der Tyrann Totila aber wandte sich nun rasch nach Sizilien, diese früheste Eroberung Belisars uns wieder zu entreißen. Er schlug den Römer Comes Dommentiolus, der ihm ins offene Feld entgegentrat, und gewann rasch das ganze Eiland. Nur Messana, Panormos und Syracusä schützten noch ihre festen Mauern. Eine Flotte, die wir zum Schutze, zur Wiedergewinnung von Sizilien aussandten, zerstreute der Sturm. Eine zweite blies der Nordwest in den Peloponnes zurück.

Gleichzeitig segelte eine dritte Trierenflotte dieses unerschöpflichen Königs unter einem Grafen Haduswinth gegen Corsica und Sardinia. Die erstere Insel fiel alsbald den Goten zu, nachdem die kaiserliche Besatzung ihrer Hauptstadt Aleria in offener Schlacht geschlagen war. Der reiche Corse Furius Ahalla, dem der größte Teil des Eilands gehörte, war zwar fern in Indien. Aber seine Institoren und Colonen waren angewiesen, im Fall einer Landung der Goten diesen keinen Widerstand, sondern beste Förderung zu leisten.

Von Corsica wandten sich die Barbaren nach der Insel Sardinia. Hier schlugen sie bei Karalis die Truppen, die unser Magister Militum von Afrika zur Beschützung der Insel herübergeschickt. Und sie nahmen diese Stadt, wie Sulci, Castra Trajani und Turres in Besitz.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
1270 s. 1 illüstrasyon
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