Kitabı oku: «Ein Werdender»
Fjodor M Dostojewski
Ein Werdender
Übersezt von Korfiz Holm
Saga
Ein Werdender
Übersezt von Korfiz Holm
Titel der Originalausgabe: Podrostok
Originalsprache: Russischen
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1875, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726981292
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
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Erster Teil
Erstes Kapitel
1
Ich konnte nicht anders, und so setzte ich mich denn hin, um diese Geschichte meiner ersten Schritte auf dem Felde dieses Lebens zu schreiben. Und doch hätte ich es wohl ebensogut lassen können . . . Eins weiß ich ganz genau: in meinem ganzen Leben setze ich mich nicht noch einmal hin und schreibe eine Selbstbiographie, und wenn ich hundert Jahre alt werde. Ein Mensch muß gar zu erbärmlich in sich selbst verliebt sein, um ohne Schamgefühl über sein eigenes Leben zu schreiben. Meine einzige Entschuldigung ist, daß ich beim Schreiben nicht den Zweck verfolge, den sonst alle dabei verfolgen: ich schreibe nicht, um mich von meinen Lesern bewundern zu lassen. Wenn ich mich entschlossen habe, alles Wort für Wort aufzuzeichnen, was mir seit dem verflossenen Jahr begegnet ist, so entspringt das einer inneren Notwendigkeit: so stark und tief haben mich alle diese Ereignisse berührt. Ich werde nur Tatsachen berichten und mir die größte Mühe geben, allen unnützen Ballast zu vermeiden und insbesondere alle literarischen Schönheiten. So ein Schriftsteller schreibt dreißig Jahre lang, und am Ende weiß er gar nicht, warum er alle diese Jahre hindurch geschrieben hat. Ich bin gewiß kein Schriftsteller und möchte gar keiner sein, und ich würde es für eine Geschmacklosigkeit und Erbärmlichkeit halten, das Innerste meiner Seele und eine hübsche Beschreibung meiner Gefühle auf den Literaturmarkt zu werfen. Aber zu meinem Ärger habe ich so ein Vorgefühl, als ob ich kaum ganz um die Schilderung von Gefühlen und um Reflexionen (am Ende sogar recht abgeschmackte Reflexionen) herumkommen werde. So demoralisierend wirkt jede Beschäftigung mit der Literatur auf den Menschen, und mag einer tausendmal nur für sich selbst schreiben. Die Reflexionen können sogar ungeheuer banal ausfallen, denn was einem selbst sehr wertvoll ist, kann gar leicht für jeden Außenstehenden ohne allen Wert sein. Aber genug von alledem. Da hätten wir nun also richtig eine Vorrede; das ist aber auch das erste und letzte von der Sorte. Zur Sache, wenn's auch eine kniffliche Geschichte ist, sich an irgendeine Sache zu machen, – vielleicht, überhaupt etwas zu machen.
2
Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des verflossenen Jahres beginnen, eben dem Tage meiner ersten Begegnung mit . . .
Aber es wäre dumm, so ohne weiteres zu erzählen, wem ich begegnet bin, bevor ein Mensch sonst was von mir weiß. Ich glaube sogar, dieser ganze Ton ist dumm: ich habe mir das Wort gegeben, mir alle literarischen Schönheiten vom Leibe zu halten, und von der ersten Zeile an stecke ich bis über die Ohren in diesen Schönheiten. Und dann, glaube ich, kann man noch nicht so ohne weiteres gleich sachlich und vernünftig schreiben, bloß weil man gern möchte. Schließlich sehe ich jetzt, daß kaum eine andere europäische Sprache schriftlich so schwer zu handhaben ist wie das Russische. Ich habe eben überlesen, was ich geschrieben habe, und muß sagen, ich bin viel klüger als das, was da auf dem Papier steht. Woher kommt es nur, daß die Dinge, die ein begabter Mensch sagt, viel dümmer sind als das, was er in sich zurückbehält? Ich habe das öfters bemerkt, an mir selbst und in der Unterhaltung mit anderen Leuten, dies ganze letzte verhängnisvolle Jahr hindurch, und das hat mich oft genug gepeinigt.
Wenn ich nun auch mit dem neunzehnten September anfangen will, so muß ich doch wenigstens mit zwei Worten sagen, wer ich bin, woher ich komme und, andeutungsweise wenigstens, wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf aussah. Der Leser wird dann alles besser begreifen und vielleicht sich selbst auch.
3
Ich habe das Gymnasium durchgemacht und stehe heute im einundzwanzigsten Lebensjahr. Ich heiße Dolgorukij, und mein Vater vor dem Gesetz ist der ehemalige Hofknecht der adligen Familie Wersilow, Makar Iwanow Dolgorukij. Auf die Art bin ich durchaus legitim geboren, obschon ich ein im höchsten Grade unehelich geborenes Kind bin, da über meinen Erzeuger nicht der geringste Zweifel herrschen kann. Die Sache war so: vor zweiundzwanzig Jahren kam der Gutsbesitzer Wersilow (das ist nämlich mein Vater) als ein Mann von fünfundzwanzig Jahren einmal auf sein Gut im Gouvernement Tula. Ich vermute, daß er zu der Zeit noch etwas vollkommen Unpersönliches war. Interessant! Dieser Mensch, der von Kind auf so ungeheuer auf mich gewirkt hat, der einen so entscheidenden Einfluß auf meine ganze innere Entwicklung hatte, der vielleicht noch auf lange hinaus meine ganze Zukunft mit seinem Wesen angesteckt hat, dieser Mensch ist auch heute noch in sehr vielen Beziehungen für mich ein vollkommenes Rätsel. Aber darauf komme ich besser weiter unten zurück. Das läßt sich nicht so einfach erklären. Von diesem Manne wird ohnehin mein ganzes Manuskript voll sein.
Er hatte damals, das heißt mit fünfundzwanzig Jahren, gerade seine Frau verloren. Seine Frau war aus einer sehr vornehmen, aber nicht besonders reichen Familie gewesen, eine geborene Fanariotowa, und hatte ihm einen Sohn und eine Tochter hinterlassen. Was ich von dieser Frau weiß, die ihm so früh entrissen wurde, ist sehr unvollständig und verbirgt sich in meinem Material unter allerlei Unklarheit; überhaupt habe ich vielerlei aus Wersilows Privatverhältnissen nicht ergründen können, so stolz, hochnäsig, zugeknöpft und gleichgültig hat er sich mir gegenüber immer gezeigt, obschon er zuzeiten auch wieder von einer geradezu verblüffenden Herablassung sein konnte. Ich weiß aber, um einmal vorzugreifen, daß er in seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und zwar drei sehr große Vermögen, alles in allem vielleicht viermalhunderttausend Rubel, vielleicht auch mehr. Heute hat er selbstverständlich keinen roten Heller.
Er kam also damals auf sein Gut, »warum, das mag der liebe Gott wissen«. So hat er sich selbst wenigstens in der Folge gegen mich darüber geäußert. Seine kleinen Kinder brachte er nicht mit. Sie waren bei Verwandten; so hat er's sein Lebtag mit seinen Kindern gehalten, ehelichen wie unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war sehr zahlreich; zu ihm gehörte auch der Gärtner Makar Iwanow Dolgorukij. Um es gleich zu sagen und ein für allemal: es hat sich wohl selten ein Mensch so wütend über seinen Namen geärgert, wie ich mein ganzes Leben lang. Selbstverständlich war das dumm von mir, aber es war nun mal nicht anders. So oft ich in eine neue Schule eintrat oder einem Menschen in den Weg kam, dem ich Rede und Antwort stehen mußte, mit einem Wort, jeder Schulmeister, Hauslehrer, Gymnasialinspektor, Pfarrer, – jeder beliebige Mensch, der nach meinem Namen fragte und hörte, ich hieße Dolgorukij, hielt es, weiß der Kuckuck warum, für absolut notwendig, weiterzufragen:
»Fürst Dolgorukij?«
Und ich war immer gezwungen, allen diesen müßigen Leuten zu erklären:
»Nein, einfach Dolgorukij.«
Dieses »einfach« fing schließlich an, mich verrückt zu machen. Ich möchte es hier als ein Phänomen konstatieren, daß ich mich an keine einzige Ausnahme erinnern kann: aber auch jeder stellte die Frage. Und die meisten konnten augenscheinlich doch nicht das geringste Interesse daran haben; und ich weiß wahrhaftig nicht, was zum Teufel überhaupt jemand für ein Interesse daran haben kann. Aber alle fragten sie danach, vom ersten bis zum letzten. Und wenn der Frager vernommen hatte, ich hieße einfach Dolgorukij, maß er mich für gewöhnlich mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick, der deutlich zeigte, daß er selbst nicht begriff, warum er gefragt hatte, und entfernte sich. Meine Schulkameraden hatten die beleidigendste Art, mich danach zu fragen. Na, wie sind Schuljungen überhaupt gegen einen Neuling! Der verlegene und schüchterne Neuling ist am ersten Tag in der Schule (mag es sein, was für eine es will) das allgemeine Opfer: er wird kommandiert, er wird gefrozzelt, er wird wie ein Lakai behandelt. Irgend so ein gesunder, gemästeter Bengel pflanzt sich auf einmal, so recht zum Trotz, vor seinem Opfer auf und mustert es eine Zeitlang mit einem langen, strengen, hochmütigen Blick. Der Neuling steht ihm schweigend gegenüber, zieht ihm ein Gesicht, wenn er keine Memme ist, und harrt der Dinge, die da kommen sollen.
»Wie heißt du?«
»Dolgorukij.«
»Fürst Dolgorukij?«
»Nein, einfach Dolgorukij.«
»So, so, einfach! Schafskopf.«
Und er hat ja ganz recht: es kann gar nichts Dümmeres geben als Dolgorukij zu heißen, wenn man nicht Fürst ist. Diese Dummheit hängt mir ohne mein Verschulden an. Späterhin, als ich schon sehr böse darüber wurde, antwortete ich auf die Frage: »Bist du Fürst?« immer: »Nein, mein Vater ist Hofknecht und war früher Leibeigener.«
Und später, als meine Wut schon den höchsten Grad erreicht hatte, antwortete ich eines schönen Tages auf die Frage: »Bist du Fürst?« ganz brutal:
»Nein, ich heiße einfach Dolgorukij und bin der uneheliche Sohn meines Gutsherrn Wersilow.«
Das hatte ich mir schon in der sechsten Gymnasialklasse ausgedacht, und wenn ich auch sehr bald zu der festen Überzeugung gelangte, daß das dumm war, so konnte ich diese Dummheit doch nicht so schnell lassen. Ich weiß noch, daß einer von meinen Lehrern – es war übrigens der einzige – von mir sagte, ich wäre »erfüllt von den Rächerideen des dritten Standes«. Im allgemeinen wurden solche brüsken Äußerungen von mir mit einer gewissen Nachdenklichkeit aufgenommen, in der für mich etwas Beleidigendes lag. Endlich, eines schönen Tages, sagte mir ein Schulkamerad, der ein sehr heller Bursche war und mit dem ich mich höchstens einmal im Jahr unterhielt, sehr ernsthaft, aber doch ohne mich so recht anzusehen:
»Dieses Gefühl macht Ihnen natürlich alle Ehre, und es kann gar kein Zweifel bestehen, daß Sie das Recht haben, stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle würde ich es doch nicht so kolossal feiern, daß Sie unehelich geboren sind . . . Sie tun ja gerade, als wäre das ein besonderes Fest!«
Seit diesem Gespräch habe ich nicht mehr damit geprahlt, daß ich ein uneheliches Kind bin.
Ich muß noch einmal sagen, es ist sehr schwer, russisch zu schreiben: jetzt habe ich drei Seiten gebraucht, um zu erzählen, wie ich mich mein Leben lang über meinen Namen geärgert habe, und der Leser wird daraus sicher schon den Schluß gezogen haben, das ärgere mich deshalb, weil ich kein Fürst bin, sondern ein einfacher Dolgorukij. Aber mich hierüber noch einmal des näheren auszulassen und diesen Verdacht zu entkräften, das wäre unter meiner Würde.
4
Also, unter jenem Hofgesinde, das sehr zahlreich war, befand sich außer Makar Iwanow auch ein Mädchen, und dieses Mädchen war achtzehn, als der fünfzigjährige Makar Dolgorukij auf einmal die Absicht äußerte, es zu heiraten. Wie man weiß, wurden Ehen unter dem Hofgesinde zur Zeit der Leibeigenschaft nur mit Genehmigung, zuweilen auch direkt auf Anordnung der Herrschaft geschlossen. Zu dem Gut gehörte damals eine Tante; das heißt, es war keine Tante von mir, sondern selbst eine Gutsbesitzerin; ich weiß nicht, warum, aber sie wurde nicht nur von mir, sondern von aller Welt ihr Leben lang Tante genannt, auch von der Familie Wersilow, mit der sie wohl auch tatsächlich durch einen Scheffel Erbsen verwandt war. Sie hieß Tatjana Pawlowna Prutkowa. Damals besaß sie noch in demselben Gouvernement und demselben Kreis ein Gut, das fünfunddreißig Seelen zählte. Sie verwaltete nicht gerade Wersilows Gut (fünfhundert Seelen), aber sie sah als Nachbarin ein bißchen nach dem Rechten, und wie man mir gesagt hat, soll das die Tätigkeit eines gelernten Verwalters vollkommen aufgewogen haben. Im übrigen kommt es mir gar nicht darauf an, ob sie was von der Landwirtschaft verstand oder nicht: ich will nur noch sagen, ohne ihr im geringsten schmeicheln zu wollen, daß Tatjana Pawlowna ein edler und, was noch mehr heißen will, ein origineller Mensch war.
Also, diese Frau legte den Heiratsplänen des finsteren Makar Dolgorukij (er soll damals finster gewesen sein) nicht nur nichts in den Weg, nein, im Gegenteil, sie förderte sie noch nach Kräften. Sophia Andrejewna (so hieß jenes achtzehnjährige Mädchen), das heißt meine Mutter, war schon seit einigen Jahren Doppelwaise; ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofknecht gewesen war und vor Makar Dolgorukij eine unbegrenzte Hochachtung gehegt hatte und ihm auch, ich weiß nicht aus welchem Grunde, besonders zu Dank verpflichtet gewesen sein muß, hatte vor sechs Jahren, als er im Sterben lag, auf seinem Totenbette, man behauptet sogar, nur eine Viertelstunde vor seinem letzten Atemzug, so daß man es zur Not auch für einen Akt der Unzurechnungsfähigkeit hätte erklären können, wenn er nicht als Leibeigener überhaupt schon rechtsunfähig gewesen wäre – er hatte also vor versammeltem Hofgesinde und im Beisein des Geistlichen laut und deutlich seinen letzten Willen kundgemacht, indem er, auf seine Tochter deutend, zu Makar Dolgorukij sagte:
»Ziehe sie auf und nimm sie dann zur Frau.«
Das hatten alle gehört. Was nun Makar Iwanow angeht, so weiß ich nicht, in welchem Sinne er später geheiratet hat, ob mit großer Freude oder nur, um eine Pflicht zu erfüllen. Am wahrscheinlichsten scheint es mir, daß er dabei den Schein des vollkommensten Gleichmutes gewahrt hat. Er war ein Mensch, der es schon damals verstand, »sich ins Licht zu setzen«. Nicht etwa, daß er belesen gewesen wäre oder eine Art Schriftgelehrter (obschon er die ganze kirchliche Liturgie und insbesondere viele Heiligenlegenden auswendig wußte, aber die hatte er mehr vom Hören behalten), nicht etwa, als ob er eine Art von bäuerlichem Räsoneur gewesen wäre, er war ganz einfach ein hartnäckiger Charakter, der darin oft sogar die Grenze des Hasardierers streifte; er redete mit der Absicht, Eindruck zu machen, er war unbarmherzig absprechend und führte infolgedessen selbstverständlich »ein vorbildliches Leben«, – wie er sich selbst merkwürdig genug ausdrückte, – so ein Mensch also war er damals. Natürlich gewann er sich auf diese Weise die allgemeine Achtung, aber leiden konnte ihn keiner, wie ich höre. Anders wurde die Sache später, als er den Hofdienst verließ; da sprach man von ihm nur noch als von einem Heiligen, der viel erduldet hätte. Das weiß ich als Tatsache.
Was nun meine Mutter betrifft, so hatte sie Tatjana Pawlowna bis zu ihrem achtzehnten Jahre bei sich behalten, trotzdem der Verwalter darauf drang, sie nach Moskau in die Lehre zu schicken, und hatte ihr eine gewisse Erziehung angedeihen lassen. Das heißt, sie hatte Nähen gelernt und Zuschneiden und sich fräuleinhaft benehmen und sogar ein klein bißchen Lesen. Richtig schreiben konnte meine Mutter nie. In ihren Augen war diese Ehe mit Makar Iwanow eine längst abgemachte Sache, und als es dazu kam, fand sie das alles ausgezeichnet und wünschte sich nichts Besseres; vor den Altar trat sie mit der Miene einer so vollkommenen Ruhe, daß sogar Tatjana Pawlowna damals äußerte, sie hätte Fischblut in den Adern. Alle diese Nachrichten über den Charakter meiner Mutter zu der Zeit habe ich eben von Tatjana Pawlowna. Wersilow kam genau ein halbes Jahr nach dieser Hochzeit auf sein Gut.
5
Ich möchte nur sagen, daß ich nie erfahren oder auch nur mit einiger Sicherheit erraten konnte, wie die Sache zwischen ihm und meiner Mutter eigentlich anfing. Ich will sehr gern glauben, was er selbst mir vor einem Jahr versichert hat, mit einem gewissen Erröten, obschon er von allen diesen Dingen mit großer Ungezwungenheit und sozusagen »als Mann von Geist« sprach, nämlich, daß es da nicht das geringste gegeben hätte, das einem Roman ähnlich sähe, und daß alles »so von selbst« gekommen wäre. Ich glaube ihm das gerne, und dies russische »so von selbst« ist reizend; aber doch habe ich immer den Wunsch gehabt, herauszubringen, wie es eigentlich zwischen ihnen hat anfangen können. Ich für meine Person habe alle solche Unflätigkeiten mein Leben lang gehaßt und werde sie immer hassen. Natürlich treibt mich dabei nicht nur eine lüsterne Neugier. Ich möchte hier bemerken, daß ich meine Mutter bis zum vorigen Jahre überhaupt kaum gekannt habe; von klein auf bin ich immer bei fremden Leuten gewesen, weil das Wersilow so besser paßte – darauf komme ich übrigens später zurück – und deshalb kann ich mir gar keine Vorstellung davon machen, wie meine Mutter damals ausgesehen haben mag. Wenn sie gar nicht so besonders hübsch war, was konnte sie dann Verführerisches für einen Menschen haben wie den Wersilow von damals? Diese Frage ist mir deshalb von Wichtigkeit, weil sie diesen Menschen von einer äußerst interessanten Seite zeichnet. Deswegen stelle ich diese Frage, und nicht aus verwerflicher Neugier. Er selbst, dieser finstere und verschlossene Mensch, hat mir einmal mit der liebenswürdigen Treuherzigkeit, die er manchmal, weiß der Kuckuck woher nimmt (es ist, als zöge er sie plötzlich aus der Tasche) – er hat mir, als er sah, daß er nicht darum herumkam, gesagt, er wäre damals ein ganz »dummer junger Hund« gewesen, nicht gerade sentimental, aber »so«, er hätte damals gerade »Anton Goremyka« und »Polinka Sachs« gelesen, zwei Literaturerzeugnisse, die einen unbegrenzten zivilisatorischen Einfluß auf die heranwachsende junge Welt in Rußland von damals geübt haben. Er sagte mir noch, unter dem Eindruck von »Anton Goremyka« wäre er wohl damals auch aufs Land gezogen, – und das sagte er außerordentlich ernsthaft. Auf welche Art kann dieser »dumme junge Hund« mit meiner Mutter angebändelt haben? Ich stelle mir natürlich vor, wenn ich auch nur einen einzigen Leser hätte, so würde er wahrscheinlich furchtbar über mich lachen, weil ich so ein komischer Halbwüchsling bin, der sich seine dumme Unschuld bewahrt hat und mit müßigem Eifer über Dinge urteilt und philosophiert, von denen er gar keinen Begriff hat. Ja, das ist ganz richtig, ich habe noch keinen Begriff davon, obschon ich das nicht bekenne, um mich dessen zu rühmen, denn ich weiß, wie dumm es ist, wenn ein langer Latsch von zwanzig Jahren so unerfahren ist; ich will dem betreffenden Herrn nur sagen, daß er selbst keinen Begriff davon hat, und das will ich ihm beweisen. Es ist freilich wahr, ich weiß von den Frauen gar nichts und will nichts von ihnen wissen, denn ich werde mein ganzes Leben auf sie spucken, das habe ich mir versprochen. Aber ich weiß doch eines ganz genau: nämlich, daß manche Frau einen gleich auf den ersten Blick verführt, durch ihre Schönheit, oder was es sonst sein mag; an einer andern muß man ein halbes Jahr herumkauen, bevor man entdeckt, was an ihr ist.
Und um eine solche zu durchschauen und sich in sie zu verlieben, genügt es nicht, daß man sie anschaut und zu allem bereit ist, sondern man muß außerdem noch mit irgend etwas begabt sein. Davon bin ich fest überzeugt, und mag ich tausendmal nichts davon verstehen; und wenn das Gegenteil wahr wäre, so müßte man alle Frauen auf einmal auf die Stufe gewöhnlicher Haustiere hinuntersetzen und sie nur als solche halten; vielleicht möchten viele das sehr gern.
Ich weiß aus verschiedenen Quellen genau, daß meine Mutter nicht hübsch war, obschon ich ihr Bild aus der Zeit, das irgendwo existieren soll, nie gesehen habe. Sich auf den ersten Blick in sie zu verlieben war also nicht möglich. Einfach so zu einem »kleinen Amüsement« hätte Wersilow sich eine andere aussuchen können, und es war sogar eine da, die nicht einmal verheiratet war, das Stubenmädchen, Anfisa Konstantinowna Saposhkowa. Und er war mit dem »Anton Goremyka« in der Tasche angekommen, da mußte es ihm vor seinem eigenen Gewissen doch höchst verwerflich erscheinen, auf Grund seines Herrenrechtes die Heiligkeit einer Ehe zu zerstören, und mochte es auch nur die Ehe eines seiner Hofknechte sein. Denn ich wiederhole, er hat über diesen »Anton Goremyka« erst vor ein paar Monaten, also zwanzig Jahre nachher, noch mit dem größten Ernst gesprochen. Und diesem Anton hatte man doch nur sein Pferd gestohlen, und hier handelte es sich um eine Frau! Also geschah etwas ganz Besonderes, infolge dessen Fräulein Saposhkowa die Partie verlor (nach meinem Geschmack gewann sie sie allerdings). Ich setzte ihm mit allen diesen Fragen im vergangenen Jahr noch ein paarmal zu, wenn man mal mit ihm reden konnte (immer kann man nämlich nicht mit ihm reden), und bemerkte, daß er trotz all seiner weltmännischen Routine und trotzdem die Sache schon zwanzig Jahre zurücklag, ganz sonderbar in Verlegenheit geriet und mir auswich. Aber ich ließ nicht locker. Ich erinnere mich, wie er eines schönen Tages mit der Miene weltmännischen Ekels, die er sich manchmal mir gegenüber erlaubte, ganz merkwürdige Dinge hervorstotterte: meine Mutter wäre eins von den schutzlosen Wesen gewesen, in die man sich nicht, wie man so sagt, verliebt – ganz im Gegenteil, das durchaus nicht –, aber sie tun einem auf einmal so leid, wohl weil sie so sanft und schüchtern sind, weswegen auch sonst? »Man weiß selbst nicht warum, aber sie tun einem leid, und das gibt einen lange währenden Eindruck; sie tun einem leid und ziehen einen dadurch an . . . Kurz und gut, lieber Junge, und da kann es passieren, daß man nie wieder loskommt.« Das hat er mir also gesagt, und wenn die Sache wirklich so war, muß ich annehmen, daß er zu der Zeit durchaus nicht der »dumme junge Hund« gewesen sein kann, wie ihn sein eigenes Zeugnis schildert.
Übrigens versicherte er mir dann gleich, meine Mutter hätte sich aus »Untertänigkeit« in ihn verliebt. Warum er wohl nicht gleich die Leibeigenschaft dafür verantwortlich machte? Das ist eine Lüge um des Schicksals willen, eine Lüge gegen Gewissen, Ehre und Anstand.
Das alles sage ich natürlich, um gewissermaßen meiner Mutter eine Art von Lob zu singen, aber dabei habe ich schon früher bemerkt, daß ich von ihr, wie sie damals war, nicht das geringste weiß. Und abgesehen davon, ich kenne die Enge des Milieus und die Anschauungen ganz genau, in denen sie von klein auf verknöchert war und auch später ihr ganzes Leben lang geblieben ist. Nichtsdestoweniger fand das Malheur statt. Ich muß mich übrigens korrigieren: ich bin in die Wolken hinaufgeflogen und habe dabei eine Tatsache vergessen, die ich, ganz im Gegenteil, vor allem anderen hätte anführen müssen, nämlich: es hat zwischen ihnen beiden überhaupt mit dem Malheur angefangen. (Ich hoffe, der Leser wird ohne weiteres verstehen, was ich damit sagen will.) Mit einem Wort, die Sache hat richtig junkermäßig angefangen, wenn das Fräulein Saposhkowa dabei auch übergangen wurde. Aber ich muß hier gleich in Parenthese bemerken, daß ich mir damit durchaus nicht widerspreche. Denn, ach du lieber Gott, worüber hätte in damaligen Zeiten ein Mensch, wie Wersilow, mit einer Frau, wie meine Mutter, reden können, und wäre ihre Liebe noch so gewaltig gewesen? Zuchtlose Leute haben mir gesagt, daß viele Männer sehr oft, wenn sie zu einem Weibe kommen, mit ihr anfangen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Natürlich ist das mehr als ungeheuerlich und ekelhaft. Aber trotz alledem, ich glaube, selbst wenn Wersilow gewollt hätte, er konnte auf gar keine andere Weise mit meiner Mutter anfangen. Oder hätte er ihr vielleicht Vorträge über »Polinka Sachs« halten sollen? Und davon ganz abgesehen, es ging ihnen auch wirklich nicht im geringsten um die russische Literatur; ganz im Gegenteil, er selbst hat mir gesagt (als er wieder mal seinen offenherzigen Moment hatte), sie hätten sich in allen Winkeln versteckt, einander auf den Treppen erwartet, wären mit roten Köpfen wie Gummibälle auseinandergeprallt, wenn jemand dazugekommen wäre, und der »Tyrann von einem Junker« hätte also vor dem niedrigsten Dienstboten gezittert, trotz aller Herrenrechte und aller Leibeigenschaft. Aber mag er nun nach Junkerart angefangen haben, es ging so weiter, und auch wieder nicht so; Tatsache ist, daß sich da nichts erklären läßt. Je mehr man es versucht, desto dunkler wird es einem. Schon allein die Dimensionen, zu denen sich ihre Liebe entwickelte, geben einem ein Rätsel auf, denn das erste bei solchen Leuten wie Wersilow ist doch, daß sie die Frau sofort fallen lassen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Hier kam es indessen ganz anders. Daß er sehr bald seinen Fehltritt mit irgendeiner niedlichen leichten Fliege unter seinem Gesinde haben mußte (aber meine Mutter war keine leichte Fliege) war nichts Unnatürliches bei so einem zuchtlosen »jungen Hund« (und zuchtlos waren diese Junker alle, bis zum letzten – mochten sie nun fortschrittlich oder reaktionär sein). Aber hier war es nicht nur natürlich, sondern direkt unausbleiblich, wenn man seine romantische Situation als junger Witwer und den Umstand in Betracht zieht, daß er sonst nichts zu tun hatte. Aber eine Liebe fürs ganze Leben – das ist etwas viel. Ich möchte mich nicht dafür verbürgen, daß er sie geliebt hat, aber er hat sie sein Leben lang mit sich geschleppt, das ist die Wahrheit.
Ich habe eine ganze Menge Fragen gestellt, aber es gibt da eine, und das ist die allerwichtigste, die ich nicht direkt an meine Mutter zu richten wagte, ob ich ihr gleich im letzten Jahre so nahegetreten bin und außerdem wahrhaftig nie sehr viel Umschweife mit ihr gemacht habe, weil ich, als der ungeschliffene und undankbare junge Hund, der ich war, meinte, sie und mein Vater wären mir gegenüber schuldig. Und diese Frage lautet: wie konnte sie, eben sie, die schon seit einem halben Jahr verheiratet war und noch dazu erdrückt von ihren Begriffen über die Heiligkeit der Ehe, erdrückt wie eine schwache Fliege, sie, die vor ihrem Makar Iwanowitsch nicht weniger Respekt hegte als vor irgendeiner Gottheit, wie konnte sie, kaum daß es vierzehn Tage brauchte, in eine solche Sünde geraten? Denn meine Mutter war doch kein verdorbenes Geschöpf. Ganz im Gegenteil, ich will gleich hier vorgreifend sagen, daß man sich die Existenz einer reineren Seele, auch ihr ganzes späteres Leben lang, überhaupt nicht vorstellen kann. Erklären läßt sich das höchstens damit, daß sie es ohne Bewußtsein getan hat, also nicht in dem Sinne, wie es heutzutage die Verteidiger von ihren Mördern und Dieben behaupten, aber unter jenem starken Eindruck, der, wenn sein Opfer einen gewissen Grad von Naivität besitzt, eine fatalistische und tragische Gewalt üben kann. Wer weiß, vielleicht war sie zum Sterben verliebt in . . . den Schnitt seiner Kleider, seine Pariser Haartracht, seine Aussprache des Französischen, ja, gerade des Französischen, von dem sie keinen Ton verstand; verliebt in das Lied, das er am Klavier sang, verliebt in ein gewisses, nie gesehenes oder gehörtes Etwas (und er war ein sehr hübscher Mensch). Und so liebte sie ihn denn wohl gleich alles in allem, bis zum Vergehen, ihn ganz und gar, mit seiner eleganten Kleidung und seinen Liedern. Ich habe gehört, so wäre es solchen Hofmädchen zur Zeit der Leibeigenschaft öfters gegangen, und gerade den alleranständigsten. Das kann ich verstehen, und ein schlechter Kerl ist, wer dies einzig und allein mit Herrenrecht, Leibeigenschaft und »Untertänigkeit« erklären will! Und auf diese Art also konnte wohl dieser junge Mensch genug direkte und lockende Gewalt in sich haben, um ein Wesen an sich zu reißen, das bis dahin rein gewesen war, und, was die Hauptsache ist, ein Wesen von so ganz anderer Art als er selbst, aus einer gänzlich anderen Welt und auf anderem Boden erwachsen, so konnte er sie an sich und in das sichere, augenfällige Verderben reißen. Denn daß es das Verderben war – das hat, hoffe ich, meine Mutter ihr Leben lang begriffen; nur als sie sich hineinstürzte, hat sie vielleicht an das Verderben überhaupt nicht gedacht; aber so geht es immer bei diesen »schutzlosen Wesen«: sie wissen, es geht ins Verderben, aber sie stürzen sich doch hinein.
Und als der Fehltritt geschehen war, da packte sie beide sogleich die Reue. Er hat mir in geistreicher Weise erzählt, daß er an Makar Iwanowitschs Halse geweint hat, den er extra zu diesem Zweck in sein Kabinett hatte rufen lassen. Und sie – sie lag zur selben Zeit ohnmächtig in ihrem kleinen Dienerschaftszimmer . . .