Kitabı oku: «Ein Werdender»

Yazı tipi:

Fjodor M Dostojewski

Ein Werdender

Übersezt von Korfiz Holm

Saga

Ein Werdender

Übersezt von Korfiz Holm

Titel der Originalausgabe: Podrostok

Originalsprache: Russischen

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1875, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726981292

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Erster Teil

Erstes Kapitel
1

Ich konnte nicht anders, und so setzte ich mich denn hin, um diese Geschichte meiner ersten Schritte auf dem Felde dieses Lebens zu schreiben. Und doch hätte ich es wohl ebensogut lassen können . . . Eins weiß ich ganz genau: in meinem ganzen Leben setze ich mich nicht noch einmal hin und schreibe eine Selbstbiographie, und wenn ich hundert Jahre alt werde. Ein Mensch muß gar zu erbärmlich in sich selbst verliebt sein, um ohne Schamgefühl über sein eigenes Leben zu schreiben. Meine einzige Entschuldigung ist, daß ich beim Schreiben nicht den Zweck verfolge, den sonst alle dabei verfolgen: ich schreibe nicht, um mich von meinen Lesern bewundern zu lassen. Wenn ich mich entschlossen habe, alles Wort für Wort aufzuzeichnen, was mir seit dem verflossenen Jahr begegnet ist, so entspringt das einer inneren Notwendigkeit: so stark und tief haben mich alle diese Ereignisse berührt. Ich werde nur Tatsachen berichten und mir die größte Mühe geben, allen unnützen Ballast zu vermeiden und insbesondere alle literarischen Schönheiten. So ein Schriftsteller schreibt dreißig Jahre lang, und am Ende weiß er gar nicht, warum er alle diese Jahre hindurch geschrieben hat. Ich bin gewiß kein Schriftsteller und möchte gar keiner sein, und ich würde es für eine Geschmacklosigkeit und Erbärmlichkeit halten, das Innerste meiner Seele und eine hübsche Beschreibung meiner Gefühle auf den Literaturmarkt zu werfen. Aber zu meinem Ärger habe ich so ein Vorgefühl, als ob ich kaum ganz um die Schilderung von Gefühlen und um Reflexionen (am Ende sogar recht abgeschmackte Reflexionen) herumkommen werde. So demoralisierend wirkt jede Beschäftigung mit der Literatur auf den Menschen, und mag einer tausendmal nur für sich selbst schreiben. Die Reflexionen können sogar ungeheuer banal ausfallen, denn was einem selbst sehr wertvoll ist, kann gar leicht für jeden Außenstehenden ohne allen Wert sein. Aber genug von alledem. Da hätten wir nun also richtig eine Vorrede; das ist aber auch das erste und letzte von der Sorte. Zur Sache, wenn's auch eine kniffliche Geschichte ist, sich an irgendeine Sache zu machen, – vielleicht, überhaupt etwas zu machen.

2

Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des verflossenen Jahres beginnen, eben dem Tage meiner ersten Begegnung mit . . .

Aber es wäre dumm, so ohne weiteres zu erzählen, wem ich begegnet bin, bevor ein Mensch sonst was von mir weiß. Ich glaube sogar, dieser ganze Ton ist dumm: ich habe mir das Wort gegeben, mir alle literarischen Schönheiten vom Leibe zu halten, und von der ersten Zeile an stecke ich bis über die Ohren in diesen Schönheiten. Und dann, glaube ich, kann man noch nicht so ohne weiteres gleich sachlich und vernünftig schreiben, bloß weil man gern möchte. Schließlich sehe ich jetzt, daß kaum eine andere europäische Sprache schriftlich so schwer zu handhaben ist wie das Russische. Ich habe eben überlesen, was ich geschrieben habe, und muß sagen, ich bin viel klüger als das, was da auf dem Papier steht. Woher kommt es nur, daß die Dinge, die ein begabter Mensch sagt, viel dümmer sind als das, was er in sich zurückbehält? Ich habe das öfters bemerkt, an mir selbst und in der Unterhaltung mit anderen Leuten, dies ganze letzte verhängnisvolle Jahr hindurch, und das hat mich oft genug gepeinigt.

Wenn ich nun auch mit dem neunzehnten September anfangen will, so muß ich doch wenigstens mit zwei Worten sagen, wer ich bin, woher ich komme und, andeutungsweise wenigstens, wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf aussah. Der Leser wird dann alles besser begreifen und vielleicht sich selbst auch.

3

Ich habe das Gymnasium durchgemacht und stehe heute im einundzwanzigsten Lebensjahr. Ich heiße Dolgorukij, und mein Vater vor dem Gesetz ist der ehemalige Hofknecht der adligen Familie Wersilow, Makar Iwanow Dolgorukij. Auf die Art bin ich durchaus legitim geboren, obschon ich ein im höchsten Grade unehelich geborenes Kind bin, da über meinen Erzeuger nicht der geringste Zweifel herrschen kann. Die Sache war so: vor zweiundzwanzig Jahren kam der Gutsbesitzer Wersilow (das ist nämlich mein Vater) als ein Mann von fünfundzwanzig Jahren einmal auf sein Gut im Gouvernement Tula. Ich vermute, daß er zu der Zeit noch etwas vollkommen Unpersönliches war. Interessant! Dieser Mensch, der von Kind auf so ungeheuer auf mich gewirkt hat, der einen so entscheidenden Einfluß auf meine ganze innere Entwicklung hatte, der vielleicht noch auf lange hinaus meine ganze Zukunft mit seinem Wesen angesteckt hat, dieser Mensch ist auch heute noch in sehr vielen Beziehungen für mich ein vollkommenes Rätsel. Aber darauf komme ich besser weiter unten zurück. Das läßt sich nicht so einfach erklären. Von diesem Manne wird ohnehin mein ganzes Manuskript voll sein.

Er hatte damals, das heißt mit fünfundzwanzig Jahren, gerade seine Frau verloren. Seine Frau war aus einer sehr vornehmen, aber nicht besonders reichen Familie gewesen, eine geborene Fanariotowa, und hatte ihm einen Sohn und eine Tochter hinterlassen. Was ich von dieser Frau weiß, die ihm so früh entrissen wurde, ist sehr unvollständig und verbirgt sich in meinem Material unter allerlei Unklarheit; überhaupt habe ich vielerlei aus Wersilows Privatverhältnissen nicht ergründen können, so stolz, hochnäsig, zugeknöpft und gleichgültig hat er sich mir gegenüber immer gezeigt, obschon er zuzeiten auch wieder von einer geradezu verblüffenden Herablassung sein konnte. Ich weiß aber, um einmal vorzugreifen, daß er in seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und zwar drei sehr große Vermögen, alles in allem vielleicht viermalhunderttausend Rubel, vielleicht auch mehr. Heute hat er selbstverständlich keinen roten Heller.

Er kam also damals auf sein Gut, »warum, das mag der liebe Gott wissen«. So hat er sich selbst wenigstens in der Folge gegen mich darüber geäußert. Seine kleinen Kinder brachte er nicht mit. Sie waren bei Verwandten; so hat er's sein Lebtag mit seinen Kindern gehalten, ehelichen wie unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war sehr zahlreich; zu ihm gehörte auch der Gärtner Makar Iwanow Dolgorukij. Um es gleich zu sagen und ein für allemal: es hat sich wohl selten ein Mensch so wütend über seinen Namen geärgert, wie ich mein ganzes Leben lang. Selbstverständlich war das dumm von mir, aber es war nun mal nicht anders. So oft ich in eine neue Schule eintrat oder einem Menschen in den Weg kam, dem ich Rede und Antwort stehen mußte, mit einem Wort, jeder Schulmeister, Hauslehrer, Gymnasialinspektor, Pfarrer, – jeder beliebige Mensch, der nach meinem Namen fragte und hörte, ich hieße Dolgorukij, hielt es, weiß der Kuckuck warum, für absolut notwendig, weiterzufragen:

»Fürst Dolgorukij?«

Und ich war immer gezwungen, allen diesen müßigen Leuten zu erklären:

»Nein, einfach Dolgorukij.«

Dieses »einfach« fing schließlich an, mich verrückt zu machen. Ich möchte es hier als ein Phänomen konstatieren, daß ich mich an keine einzige Ausnahme erinnern kann: aber auch jeder stellte die Frage. Und die meisten konnten augenscheinlich doch nicht das geringste Interesse daran haben; und ich weiß wahrhaftig nicht, was zum Teufel überhaupt jemand für ein Interesse daran haben kann. Aber alle fragten sie danach, vom ersten bis zum letzten. Und wenn der Frager vernommen hatte, ich hieße einfach Dolgorukij, maß er mich für gewöhnlich mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick, der deutlich zeigte, daß er selbst nicht begriff, warum er gefragt hatte, und entfernte sich. Meine Schulkameraden hatten die beleidigendste Art, mich danach zu fragen. Na, wie sind Schuljungen überhaupt gegen einen Neuling! Der verlegene und schüchterne Neuling ist am ersten Tag in der Schule (mag es sein, was für eine es will) das allgemeine Opfer: er wird kommandiert, er wird gefrozzelt, er wird wie ein Lakai behandelt. Irgend so ein gesunder, gemästeter Bengel pflanzt sich auf einmal, so recht zum Trotz, vor seinem Opfer auf und mustert es eine Zeitlang mit einem langen, strengen, hochmütigen Blick. Der Neuling steht ihm schweigend gegenüber, zieht ihm ein Gesicht, wenn er keine Memme ist, und harrt der Dinge, die da kommen sollen.

»Wie heißt du?«

»Dolgorukij.«

»Fürst Dolgorukij?«

»Nein, einfach Dolgorukij.«

»So, so, einfach! Schafskopf.«

Und er hat ja ganz recht: es kann gar nichts Dümmeres geben als Dolgorukij zu heißen, wenn man nicht Fürst ist. Diese Dummheit hängt mir ohne mein Verschulden an. Späterhin, als ich schon sehr böse darüber wurde, antwortete ich auf die Frage: »Bist du Fürst?« immer: »Nein, mein Vater ist Hofknecht und war früher Leibeigener.«

Und später, als meine Wut schon den höchsten Grad erreicht hatte, antwortete ich eines schönen Tages auf die Frage: »Bist du Fürst?« ganz brutal:

»Nein, ich heiße einfach Dolgorukij und bin der uneheliche Sohn meines Gutsherrn Wersilow.«

Das hatte ich mir schon in der sechsten Gymnasialklasse ausgedacht, und wenn ich auch sehr bald zu der festen Überzeugung gelangte, daß das dumm war, so konnte ich diese Dummheit doch nicht so schnell lassen. Ich weiß noch, daß einer von meinen Lehrern – es war übrigens der einzige – von mir sagte, ich wäre »erfüllt von den Rächerideen des dritten Standes«. Im allgemeinen wurden solche brüsken Äußerungen von mir mit einer gewissen Nachdenklichkeit aufgenommen, in der für mich etwas Beleidigendes lag. Endlich, eines schönen Tages, sagte mir ein Schulkamerad, der ein sehr heller Bursche war und mit dem ich mich höchstens einmal im Jahr unterhielt, sehr ernsthaft, aber doch ohne mich so recht anzusehen:

»Dieses Gefühl macht Ihnen natürlich alle Ehre, und es kann gar kein Zweifel bestehen, daß Sie das Recht haben, stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle würde ich es doch nicht so kolossal feiern, daß Sie unehelich geboren sind . . . Sie tun ja gerade, als wäre das ein besonderes Fest!«

Seit diesem Gespräch habe ich nicht mehr damit geprahlt, daß ich ein uneheliches Kind bin.

Ich muß noch einmal sagen, es ist sehr schwer, russisch zu schreiben: jetzt habe ich drei Seiten gebraucht, um zu erzählen, wie ich mich mein Leben lang über meinen Namen geärgert habe, und der Leser wird daraus sicher schon den Schluß gezogen haben, das ärgere mich deshalb, weil ich kein Fürst bin, sondern ein einfacher Dolgorukij. Aber mich hierüber noch einmal des näheren auszulassen und diesen Verdacht zu entkräften, das wäre unter meiner Würde.

4

Also, unter jenem Hofgesinde, das sehr zahlreich war, befand sich außer Makar Iwanow auch ein Mädchen, und dieses Mädchen war achtzehn, als der fünfzigjährige Makar Dolgorukij auf einmal die Absicht äußerte, es zu heiraten. Wie man weiß, wurden Ehen unter dem Hofgesinde zur Zeit der Leibeigenschaft nur mit Genehmigung, zuweilen auch direkt auf Anordnung der Herrschaft geschlossen. Zu dem Gut gehörte damals eine Tante; das heißt, es war keine Tante von mir, sondern selbst eine Gutsbesitzerin; ich weiß nicht, warum, aber sie wurde nicht nur von mir, sondern von aller Welt ihr Leben lang Tante genannt, auch von der Familie Wersilow, mit der sie wohl auch tatsächlich durch einen Scheffel Erbsen verwandt war. Sie hieß Tatjana Pawlowna Prutkowa. Damals besaß sie noch in demselben Gouvernement und demselben Kreis ein Gut, das fünfunddreißig Seelen zählte. Sie verwaltete nicht gerade Wersilows Gut (fünfhundert Seelen), aber sie sah als Nachbarin ein bißchen nach dem Rechten, und wie man mir gesagt hat, soll das die Tätigkeit eines gelernten Verwalters vollkommen aufgewogen haben. Im übrigen kommt es mir gar nicht darauf an, ob sie was von der Landwirtschaft verstand oder nicht: ich will nur noch sagen, ohne ihr im geringsten schmeicheln zu wollen, daß Tatjana Pawlowna ein edler und, was noch mehr heißen will, ein origineller Mensch war.

Also, diese Frau legte den Heiratsplänen des finsteren Makar Dolgorukij (er soll damals finster gewesen sein) nicht nur nichts in den Weg, nein, im Gegenteil, sie förderte sie noch nach Kräften. Sophia Andrejewna (so hieß jenes achtzehnjährige Mädchen), das heißt meine Mutter, war schon seit einigen Jahren Doppelwaise; ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofknecht gewesen war und vor Makar Dolgorukij eine unbegrenzte Hochachtung gehegt hatte und ihm auch, ich weiß nicht aus welchem Grunde, besonders zu Dank verpflichtet gewesen sein muß, hatte vor sechs Jahren, als er im Sterben lag, auf seinem Totenbette, man behauptet sogar, nur eine Viertelstunde vor seinem letzten Atemzug, so daß man es zur Not auch für einen Akt der Unzurechnungsfähigkeit hätte erklären können, wenn er nicht als Leibeigener überhaupt schon rechtsunfähig gewesen wäre – er hatte also vor versammeltem Hofgesinde und im Beisein des Geistlichen laut und deutlich seinen letzten Willen kundgemacht, indem er, auf seine Tochter deutend, zu Makar Dolgorukij sagte:

»Ziehe sie auf und nimm sie dann zur Frau.«

Das hatten alle gehört. Was nun Makar Iwanow angeht, so weiß ich nicht, in welchem Sinne er später geheiratet hat, ob mit großer Freude oder nur, um eine Pflicht zu erfüllen. Am wahrscheinlichsten scheint es mir, daß er dabei den Schein des vollkommensten Gleichmutes gewahrt hat. Er war ein Mensch, der es schon damals verstand, »sich ins Licht zu setzen«. Nicht etwa, daß er belesen gewesen wäre oder eine Art Schriftgelehrter (obschon er die ganze kirchliche Liturgie und insbesondere viele Heiligenlegenden auswendig wußte, aber die hatte er mehr vom Hören behalten), nicht etwa, als ob er eine Art von bäuerlichem Räsoneur gewesen wäre, er war ganz einfach ein hartnäckiger Charakter, der darin oft sogar die Grenze des Hasardierers streifte; er redete mit der Absicht, Eindruck zu machen, er war unbarmherzig absprechend und führte infolgedessen selbstverständlich »ein vorbildliches Leben«, – wie er sich selbst merkwürdig genug ausdrückte, – so ein Mensch also war er damals. Natürlich gewann er sich auf diese Weise die allgemeine Achtung, aber leiden konnte ihn keiner, wie ich höre. Anders wurde die Sache später, als er den Hofdienst verließ; da sprach man von ihm nur noch als von einem Heiligen, der viel erduldet hätte. Das weiß ich als Tatsache.

Was nun meine Mutter betrifft, so hatte sie Tatjana Pawlowna bis zu ihrem achtzehnten Jahre bei sich behalten, trotzdem der Verwalter darauf drang, sie nach Moskau in die Lehre zu schicken, und hatte ihr eine gewisse Erziehung angedeihen lassen. Das heißt, sie hatte Nähen gelernt und Zuschneiden und sich fräuleinhaft benehmen und sogar ein klein bißchen Lesen. Richtig schreiben konnte meine Mutter nie. In ihren Augen war diese Ehe mit Makar Iwanow eine längst abgemachte Sache, und als es dazu kam, fand sie das alles ausgezeichnet und wünschte sich nichts Besseres; vor den Altar trat sie mit der Miene einer so vollkommenen Ruhe, daß sogar Tatjana Pawlowna damals äußerte, sie hätte Fischblut in den Adern. Alle diese Nachrichten über den Charakter meiner Mutter zu der Zeit habe ich eben von Tatjana Pawlowna. Wersilow kam genau ein halbes Jahr nach dieser Hochzeit auf sein Gut.

5

Ich möchte nur sagen, daß ich nie erfahren oder auch nur mit einiger Sicherheit erraten konnte, wie die Sache zwischen ihm und meiner Mutter eigentlich anfing. Ich will sehr gern glauben, was er selbst mir vor einem Jahr versichert hat, mit einem gewissen Erröten, obschon er von allen diesen Dingen mit großer Ungezwungenheit und sozusagen »als Mann von Geist« sprach, nämlich, daß es da nicht das geringste gegeben hätte, das einem Roman ähnlich sähe, und daß alles »so von selbst« gekommen wäre. Ich glaube ihm das gerne, und dies russische »so von selbst« ist reizend; aber doch habe ich immer den Wunsch gehabt, herauszubringen, wie es eigentlich zwischen ihnen hat anfangen können. Ich für meine Person habe alle solche Unflätigkeiten mein Leben lang gehaßt und werde sie immer hassen. Natürlich treibt mich dabei nicht nur eine lüsterne Neugier. Ich möchte hier bemerken, daß ich meine Mutter bis zum vorigen Jahre überhaupt kaum gekannt habe; von klein auf bin ich immer bei fremden Leuten gewesen, weil das Wersilow so besser paßte – darauf komme ich übrigens später zurück – und deshalb kann ich mir gar keine Vorstellung davon machen, wie meine Mutter damals ausgesehen haben mag. Wenn sie gar nicht so besonders hübsch war, was konnte sie dann Verführerisches für einen Menschen haben wie den Wersilow von damals? Diese Frage ist mir deshalb von Wichtigkeit, weil sie diesen Menschen von einer äußerst interessanten Seite zeichnet. Deswegen stelle ich diese Frage, und nicht aus verwerflicher Neugier. Er selbst, dieser finstere und verschlossene Mensch, hat mir einmal mit der liebenswürdigen Treuherzigkeit, die er manchmal, weiß der Kuckuck woher nimmt (es ist, als zöge er sie plötzlich aus der Tasche) – er hat mir, als er sah, daß er nicht darum herumkam, gesagt, er wäre damals ein ganz »dummer junger Hund« gewesen, nicht gerade sentimental, aber »so«, er hätte damals gerade »Anton Goremyka« und »Polinka Sachs« gelesen, zwei Literaturerzeugnisse, die einen unbegrenzten zivilisatorischen Einfluß auf die heranwachsende junge Welt in Rußland von damals geübt haben. Er sagte mir noch, unter dem Eindruck von »Anton Goremyka« wäre er wohl damals auch aufs Land gezogen, – und das sagte er außerordentlich ernsthaft. Auf welche Art kann dieser »dumme junge Hund« mit meiner Mutter angebändelt haben? Ich stelle mir natürlich vor, wenn ich auch nur einen einzigen Leser hätte, so würde er wahrscheinlich furchtbar über mich lachen, weil ich so ein komischer Halbwüchsling bin, der sich seine dumme Unschuld bewahrt hat und mit müßigem Eifer über Dinge urteilt und philosophiert, von denen er gar keinen Begriff hat. Ja, das ist ganz richtig, ich habe noch keinen Begriff davon, obschon ich das nicht bekenne, um mich dessen zu rühmen, denn ich weiß, wie dumm es ist, wenn ein langer Latsch von zwanzig Jahren so unerfahren ist; ich will dem betreffenden Herrn nur sagen, daß er selbst keinen Begriff davon hat, und das will ich ihm beweisen. Es ist freilich wahr, ich weiß von den Frauen gar nichts und will nichts von ihnen wissen, denn ich werde mein ganzes Leben auf sie spucken, das habe ich mir versprochen. Aber ich weiß doch eines ganz genau: nämlich, daß manche Frau einen gleich auf den ersten Blick verführt, durch ihre Schönheit, oder was es sonst sein mag; an einer andern muß man ein halbes Jahr herumkauen, bevor man entdeckt, was an ihr ist.

Und um eine solche zu durchschauen und sich in sie zu verlieben, genügt es nicht, daß man sie anschaut und zu allem bereit ist, sondern man muß außerdem noch mit irgend etwas begabt sein. Davon bin ich fest überzeugt, und mag ich tausendmal nichts davon verstehen; und wenn das Gegenteil wahr wäre, so müßte man alle Frauen auf einmal auf die Stufe gewöhnlicher Haustiere hinuntersetzen und sie nur als solche halten; vielleicht möchten viele das sehr gern.

Ich weiß aus verschiedenen Quellen genau, daß meine Mutter nicht hübsch war, obschon ich ihr Bild aus der Zeit, das irgendwo existieren soll, nie gesehen habe. Sich auf den ersten Blick in sie zu verlieben war also nicht möglich. Einfach so zu einem »kleinen Amüsement« hätte Wersilow sich eine andere aussuchen können, und es war sogar eine da, die nicht einmal verheiratet war, das Stubenmädchen, Anfisa Konstantinowna Saposhkowa. Und er war mit dem »Anton Goremyka« in der Tasche angekommen, da mußte es ihm vor seinem eigenen Gewissen doch höchst verwerflich erscheinen, auf Grund seines Herrenrechtes die Heiligkeit einer Ehe zu zerstören, und mochte es auch nur die Ehe eines seiner Hofknechte sein. Denn ich wiederhole, er hat über diesen »Anton Goremyka« erst vor ein paar Monaten, also zwanzig Jahre nachher, noch mit dem größten Ernst gesprochen. Und diesem Anton hatte man doch nur sein Pferd gestohlen, und hier handelte es sich um eine Frau! Also geschah etwas ganz Besonderes, infolge dessen Fräulein Saposhkowa die Partie verlor (nach meinem Geschmack gewann sie sie allerdings). Ich setzte ihm mit allen diesen Fragen im vergangenen Jahr noch ein paarmal zu, wenn man mal mit ihm reden konnte (immer kann man nämlich nicht mit ihm reden), und bemerkte, daß er trotz all seiner weltmännischen Routine und trotzdem die Sache schon zwanzig Jahre zurücklag, ganz sonderbar in Verlegenheit geriet und mir auswich. Aber ich ließ nicht locker. Ich erinnere mich, wie er eines schönen Tages mit der Miene weltmännischen Ekels, die er sich manchmal mir gegenüber erlaubte, ganz merkwürdige Dinge hervorstotterte: meine Mutter wäre eins von den schutzlosen Wesen gewesen, in die man sich nicht, wie man so sagt, verliebt – ganz im Gegenteil, das durchaus nicht –, aber sie tun einem auf einmal so leid, wohl weil sie so sanft und schüchtern sind, weswegen auch sonst? »Man weiß selbst nicht warum, aber sie tun einem leid, und das gibt einen lange währenden Eindruck; sie tun einem leid und ziehen einen dadurch an . . . Kurz und gut, lieber Junge, und da kann es passieren, daß man nie wieder loskommt.« Das hat er mir also gesagt, und wenn die Sache wirklich so war, muß ich annehmen, daß er zu der Zeit durchaus nicht der »dumme junge Hund« gewesen sein kann, wie ihn sein eigenes Zeugnis schildert.

Übrigens versicherte er mir dann gleich, meine Mutter hätte sich aus »Untertänigkeit« in ihn verliebt. Warum er wohl nicht gleich die Leibeigenschaft dafür verantwortlich machte? Das ist eine Lüge um des Schicksals willen, eine Lüge gegen Gewissen, Ehre und Anstand.

Das alles sage ich natürlich, um gewissermaßen meiner Mutter eine Art von Lob zu singen, aber dabei habe ich schon früher bemerkt, daß ich von ihr, wie sie damals war, nicht das geringste weiß. Und abgesehen davon, ich kenne die Enge des Milieus und die Anschauungen ganz genau, in denen sie von klein auf verknöchert war und auch später ihr ganzes Leben lang geblieben ist. Nichtsdestoweniger fand das Malheur statt. Ich muß mich übrigens korrigieren: ich bin in die Wolken hinaufgeflogen und habe dabei eine Tatsache vergessen, die ich, ganz im Gegenteil, vor allem anderen hätte anführen müssen, nämlich: es hat zwischen ihnen beiden überhaupt mit dem Malheur angefangen. (Ich hoffe, der Leser wird ohne weiteres verstehen, was ich damit sagen will.) Mit einem Wort, die Sache hat richtig junkermäßig angefangen, wenn das Fräulein Saposhkowa dabei auch übergangen wurde. Aber ich muß hier gleich in Parenthese bemerken, daß ich mir damit durchaus nicht widerspreche. Denn, ach du lieber Gott, worüber hätte in damaligen Zeiten ein Mensch, wie Wersilow, mit einer Frau, wie meine Mutter, reden können, und wäre ihre Liebe noch so gewaltig gewesen? Zuchtlose Leute haben mir gesagt, daß viele Männer sehr oft, wenn sie zu einem Weibe kommen, mit ihr anfangen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Natürlich ist das mehr als ungeheuerlich und ekelhaft. Aber trotz alledem, ich glaube, selbst wenn Wersilow gewollt hätte, er konnte auf gar keine andere Weise mit meiner Mutter anfangen. Oder hätte er ihr vielleicht Vorträge über »Polinka Sachs« halten sollen? Und davon ganz abgesehen, es ging ihnen auch wirklich nicht im geringsten um die russische Literatur; ganz im Gegenteil, er selbst hat mir gesagt (als er wieder mal seinen offenherzigen Moment hatte), sie hätten sich in allen Winkeln versteckt, einander auf den Treppen erwartet, wären mit roten Köpfen wie Gummibälle auseinandergeprallt, wenn jemand dazugekommen wäre, und der »Tyrann von einem Junker« hätte also vor dem niedrigsten Dienstboten gezittert, trotz aller Herrenrechte und aller Leibeigenschaft. Aber mag er nun nach Junkerart angefangen haben, es ging so weiter, und auch wieder nicht so; Tatsache ist, daß sich da nichts erklären läßt. Je mehr man es versucht, desto dunkler wird es einem. Schon allein die Dimensionen, zu denen sich ihre Liebe entwickelte, geben einem ein Rätsel auf, denn das erste bei solchen Leuten wie Wersilow ist doch, daß sie die Frau sofort fallen lassen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Hier kam es indessen ganz anders. Daß er sehr bald seinen Fehltritt mit irgendeiner niedlichen leichten Fliege unter seinem Gesinde haben mußte (aber meine Mutter war keine leichte Fliege) war nichts Unnatürliches bei so einem zuchtlosen »jungen Hund« (und zuchtlos waren diese Junker alle, bis zum letzten – mochten sie nun fortschrittlich oder reaktionär sein). Aber hier war es nicht nur natürlich, sondern direkt unausbleiblich, wenn man seine romantische Situation als junger Witwer und den Umstand in Betracht zieht, daß er sonst nichts zu tun hatte. Aber eine Liebe fürs ganze Leben – das ist etwas viel. Ich möchte mich nicht dafür verbürgen, daß er sie geliebt hat, aber er hat sie sein Leben lang mit sich geschleppt, das ist die Wahrheit.

Ich habe eine ganze Menge Fragen gestellt, aber es gibt da eine, und das ist die allerwichtigste, die ich nicht direkt an meine Mutter zu richten wagte, ob ich ihr gleich im letzten Jahre so nahegetreten bin und außerdem wahrhaftig nie sehr viel Umschweife mit ihr gemacht habe, weil ich, als der ungeschliffene und undankbare junge Hund, der ich war, meinte, sie und mein Vater wären mir gegenüber schuldig. Und diese Frage lautet: wie konnte sie, eben sie, die schon seit einem halben Jahr verheiratet war und noch dazu erdrückt von ihren Begriffen über die Heiligkeit der Ehe, erdrückt wie eine schwache Fliege, sie, die vor ihrem Makar Iwanowitsch nicht weniger Respekt hegte als vor irgendeiner Gottheit, wie konnte sie, kaum daß es vierzehn Tage brauchte, in eine solche Sünde geraten? Denn meine Mutter war doch kein verdorbenes Geschöpf. Ganz im Gegenteil, ich will gleich hier vorgreifend sagen, daß man sich die Existenz einer reineren Seele, auch ihr ganzes späteres Leben lang, überhaupt nicht vorstellen kann. Erklären läßt sich das höchstens damit, daß sie es ohne Bewußtsein getan hat, also nicht in dem Sinne, wie es heutzutage die Verteidiger von ihren Mördern und Dieben behaupten, aber unter jenem starken Eindruck, der, wenn sein Opfer einen gewissen Grad von Naivität besitzt, eine fatalistische und tragische Gewalt üben kann. Wer weiß, vielleicht war sie zum Sterben verliebt in . . . den Schnitt seiner Kleider, seine Pariser Haartracht, seine Aussprache des Französischen, ja, gerade des Französischen, von dem sie keinen Ton verstand; verliebt in das Lied, das er am Klavier sang, verliebt in ein gewisses, nie gesehenes oder gehörtes Etwas (und er war ein sehr hübscher Mensch). Und so liebte sie ihn denn wohl gleich alles in allem, bis zum Vergehen, ihn ganz und gar, mit seiner eleganten Kleidung und seinen Liedern. Ich habe gehört, so wäre es solchen Hofmädchen zur Zeit der Leibeigenschaft öfters gegangen, und gerade den alleranständigsten. Das kann ich verstehen, und ein schlechter Kerl ist, wer dies einzig und allein mit Herrenrecht, Leibeigenschaft und »Untertänigkeit« erklären will! Und auf diese Art also konnte wohl dieser junge Mensch genug direkte und lockende Gewalt in sich haben, um ein Wesen an sich zu reißen, das bis dahin rein gewesen war, und, was die Hauptsache ist, ein Wesen von so ganz anderer Art als er selbst, aus einer gänzlich anderen Welt und auf anderem Boden erwachsen, so konnte er sie an sich und in das sichere, augenfällige Verderben reißen. Denn daß es das Verderben war – das hat, hoffe ich, meine Mutter ihr Leben lang begriffen; nur als sie sich hineinstürzte, hat sie vielleicht an das Verderben überhaupt nicht gedacht; aber so geht es immer bei diesen »schutzlosen Wesen«: sie wissen, es geht ins Verderben, aber sie stürzen sich doch hinein.

Und als der Fehltritt geschehen war, da packte sie beide sogleich die Reue. Er hat mir in geistreicher Weise erzählt, daß er an Makar Iwanowitschs Halse geweint hat, den er extra zu diesem Zweck in sein Kabinett hatte rufen lassen. Und sie – sie lag zur selben Zeit ohnmächtig in ihrem kleinen Dienerschaftszimmer . . .

6

Aber genug jetzt von diesen Fragen und allen skandalösen Details. Wersilow kaufte meine Mutter von Makar Iwanow los, reiste bald ab und begann sie von nun ab, wie ich schon früher gesagt habe, fast überall hin mitzunehmen, wohin er ging, ausgenommen einzelne Fälle, wenn er für längere Zeit verreiste; dann überließ er sie meistens der Obhut der Tante, d. h. Tatjana Pawlowna Prutkowa, die dann immer von irgendwoher auftauchte. Sie lebten in Moskau, sie lebten in verschiedenen anderen Städten und Dörfern, teilweise sogar im Auslande, und zuletzt in Petersburg. Auf das alles komme ich später zurück, oder vielleicht lohnt es auch nicht der Mühe. Ich will hier nur das eine sagen: ein Jahr nach der Trennung von Makar Iwanowitsch erblickte ich das Licht der Welt, dann wieder nach einem Jahr meine Schwester, und dann, erst zehn oder elf Jahre später, ein kränklicher Knabe, mein jüngster Bruder, der nach ein paar Monaten starb. Nach der schweren Geburt dieses Kindes war es mit der Schönheit meiner Mutter zu Ende, wenigstens ist mir das erzählt worden: sie begann schnell zu altern und hinfällig zu werden.

Aber die Beziehungen zu Makar Iwanowitsch blieben immer bestehen. Wo die Wersilows auch weilen mochten, ob sie ein paar Jahre hindurch an einem Ort lebten oder auf Reisen waren, Makar Iwanowitsch hielt »die Familie« über seine Person auf dem laufenden. Es bildeten sich so ganz merkwürdige Beziehungen, die teilweise etwas Feierliches und fast Ernsthaftes hatten. Unter Leuten aus höherem Stande hätten solche Beziehungen unbedingt einen Stich ins Komische bekommen müssen, das weiß ich wohl; aber hier war nichts Derartiges der Fall. Die Briefe kamen zweimal im Jahr, nicht mehr und nicht weniger, und sie glichen sich untereinander ganz außerordentlich. Ich habe sie zu Gesicht bekommen; etwas Persönliches war in ihnen kaum zu finden; ganz im Gegenteil, sie bewegten sich soviel wie möglich in Berichten über die allgemeinsten Ereignisse und die allgemeinsten Gefühle, wenn man das von Gefühlen sagen kann: Nachrichten über den Stand seiner Gesundheit vor allen Dingen, dann Erkundigungen nach unserem Befinden, schließlich gute Wünsche, feierliche Empfehlungen und Segenssprüche – das war alles. Und eben diese Allgemeinheit und Unpersönlichkeit sind es, glaube ich, in denen diese Kreise den geziemenden Ton und die feineren Umgangsformen begründet glauben. »Unserer liebwerten und ehrengeachteten Ehefrau Sophia Andrejewna sende ich unsere untertänigste Empfehlung . . .« »Unseren lieben Kinderchen sende ich unseren Segen, der in Ewigkeit unverbrüchlich sein möge.« Die Kinderchen wurden alle mit Namen aufgezählt, wie sie nacheinander kamen, und darunter auch ich. Hierbei möchte ich bemerken, daß Makar Iwanowitsch gescheit und taktvoll genug war, in seinen Briefen von »Sr. Hochgeboren, dem hochzuverehrenden Herrn Andrej Petrowitsch« nie als von seinem »Wohltäter« zu sprechen, ob er ihm auch in jedem Briefe ohne Ausnahme seine alleruntertänigste Empfehlung schickte und sich seiner Gnade und ihn dem Schutze des Höchsten empfahl. Meine Mutter antwortete Makar Iwanowitsch auf seine Briefe immer bald und genau im selben Stil. Wersilow beteiligte sich an der Korrespondenz natürlich nicht. Makar Iwanowitsch schrieb uns aus den verschiedensten Gegenden Rußlands, aus allerlei Städten, und oft aus Klöstern, in denen er häufig längere Zeit lebte. Er war ein sogenannter Pilger geworden. Niemals bat er um irgend etwas; dafür kam er alle drei Jahre einmal zu Besuch nach Hause und stieg einfach bei meiner Mutter ab, die immer ihre eigene Wohnung hatte, die von Wersilows Wohnung getrennt war. Hiervon werde ich später noch sprechen müssen, jetzt will ich nur bemerken, daß Makar Iwanowitsch sich nicht im Wohnzimmer auf dem Kanapee herumrekelte, sondern bescheiden mit irgendeinem Winkelchen hinter einem Vorhang vorliebnahm. Er blieb nie lange, fünf Tage, höchstens eine Woche.

Ich vergaß zu sagen, daß er seinen Familiennamen Dolgorukij ungeheuer liebte und eine große Verehrung für ihn hegte. Natürlich ist das eine ganz lachhafte Albernheit. Am albernsten ist, daß sein Name ihm eben deshalb so gut gefiel, weil es auch fürstliche Dolgorukijs gibt. Eine merkwürdige Auffassung, direkt die verkehrte Welt!

Wenn ich gesagt habe, daß die ganze Familie immer beisammen blieb, so muß man mich selbstverständlich dabei ausnehmen. Ich war wie ausgestoßen und fast von meiner Geburt an bei fremden Leuten untergebracht. Aber da war gar keine besondere Absicht irgendeiner Art dabei, sondern das kam so ganz einfach, weiß Gott, warum. Als sie mich geboren hatte, war meine Mutter noch jung und hübsch, und er hatte sie, denk' ich, nötig, und der Schreihals von einem Kind war natürlich eine ewige Störung, besonders auf Reisen. Und so ist es gekommen, daß ich meine Mutter bis zu meinem zwanzigsten Jahre fast überhaupt nicht gesehen habe, höchstens zwei- oder dreimal flüchtig. Das lag aber nicht an den Gefühlen meiner Mutter, sondern an Wersilows hochnasiger Art.

7

Jetzt zu etwas ganz anderem.

Einen Monat vorher, das heißt, einen Monat vor dem neunzehnten September – ich war damals noch in Moskau – hatte ich mich entschlossen, mich von ihnen allen loszusagen und mich endgültig und ganz »meiner Idee zu ergeben«. Ich sage das so: »mich meiner Idee zu ergeben«, weil dieser Ausdruck meinen Hauptgedanken fast erschöpfend wiedergibt – die Sache, für die ich auf Erden lebe. Was für eine »Idee« das ist, davon wird weiterhin noch mehr als genug die Rede sein. In der Abgeschiedenheit meines träumerischen, langjährigen Lebens in Moskau wurde diese Idee schon in der sechsten Gymnasialklasse in mir geboren, und seit der Zeit hat sie mich vielleicht nicht einen einzigen Augenblick verlassen. Sie hat mein ganzes Leben verschlungen. Auch bevor sie mir kam, habe ich in Träumen gelebt, gelebt von meiner frühesten Kindheit in einem Königreich von Träumen einer gewissen Färbung, aber mit dem Auftreten dieser Hauptidee, die alles in mir verschlang, wurden meine Träume fest und gossen sich mit einem Ruck in eine bestimmte Form; sie waren töricht gewesen, jetzt wurden sie vernünftig. Das Gymnasium hatte meine Träume nicht gestört; es störte auch meine Idee nicht. Ich muß aber hier noch bemerken, daß ich das letzte Jahr ein schlechter Schüler war und mein Abiturium mit Ach und Krach machte, während ich bis zur siebenten Gymnasialklasse immer unter den ersten gewesen war. Und das war eine Folge der Idee, die Folge eines vielleicht unrichtigen Schlusses, den ich aus ihr zog. Auf diese Weise schadete also nicht das Gymnasium der Idee, sondern die Idee dem Gymnasium; und auch der Universität hat sie geschadet. Als ich das Gymnasium absolviert hatte, beschloß ich nicht nur sogleich mit allem zu brechen, sondern, wenn es sein mußte, sogar mit der ganzen Welt, trotzdem ich damals alles in allem erst zwanzig war. Ich schrieb, was ich zu schreiben hatte, und durch Vermittlung der Person, die es sein mußte, nach Petersburg, man sollte mich endgültig in Ruhe lassen, mir kein Geld mehr für meinen Unterhalt schicken und mich, wenn möglich, ganz und gar vergessen (das heißt, vorausgesetzt, daß man sich meiner überhaupt noch bis zu einem gewissen Grade erinnerte), und schließlich fügte ich hinzu, – daß ich die Universität »um keinen Preis« beziehen würde. Vor meinen Augen stand ein unausweichliches Dilemma: entweder auf Universität und Weiterbildung verzichten oder die schleunigste Umsetzung meiner »Idee« in die Tat noch um vier Jahre verschieben; ich stellte mich, ohne zu wanken, auf die Seite meiner Idee, weil ich mit mathematischer Sicherheit überzeugt von ihr war. Wersilow, mein Vater, den ich in meinem ganzen Leben überhaupt nur ein einziges Mal sehr flüchtig gesehen hatte, als ich erst zehn Jahre alt war (und der es verstanden hatte, mich bei dieser ganz flüchtigen Begegnung gleichsam vor den Kopf zu stoßen), – Wersilow also antwortete mir auf meinen Brief, den ich übrigens nicht einmal direkt an ihn gerichtet hatte, in einem eigenhändigen Schreiben, das mich nach Petersburg berief und mir eine private Anstellung versprach. Diese Aufforderung eines Menschen, der so trocken und stolz war und gegen mich so hochnäsig und nichtachtend, der mich bis dahin, nachdem er mich gezeugt und unter die Menschen hinausgestoßen, nicht nur überhaupt nicht gekannt, sondern darüber auch nie etwas wie Reue empfunden hatte (wer weiß denn, ob er nicht vielleicht überhaupt von meiner Existenz nur einen sehr dunkeln und ungenauen Begriff hatte, denn es stellte sich nachher heraus, daß das Geld für meinen Unterhalt in Moskau nicht von ihm, sondern von anderen Leuten gekommen war), die Aufforderung dieses Menschen, wollte ich sagen, der sich so auf einmal an mich erinnerte und mich eines eigenhändigen Briefes würdigte, – diese Aufforderung schmeichelte mir und entschied mein Schicksal. Sonderbarerweise gefiel mir an seinem Brief (eine dürftige Seite kleinen Formates) besonders das eine, daß er von der Universität mit keinem Worte sprach, mich nicht bat, meinen Entschluß zu ändern, mir keine Vorwürfe machte, weil ich nicht studieren wollte, – mit einem Wort, er machte keinerlei väterliche Fisematenten von der Art, wie sie sonst bei solchen Gelegenheiten in der Mode sind; und doch war das eigentlich schlecht von seiner Seite, in dem Sinne, daß es um so schlagender seine Wurstigkeit mir gegenüber bewies. Ich entschloß mich um so leichter, hinzufahren, als das meinem Haupttraume durchaus keine Hindernisse in den Weg legte. Ich kann ja sehen, was daraus wird, überlegte ich, jedenfalls tue ich mich mit ihnen ja nur für eine Zeit zusammen, für ganz kurze Zeit vielleicht. Aber sobald ich sehe, daß dieser Schritt, wenn er auch nur bedingt und klein ist, mich dennoch von der Hauptsache ablenkt, dann breche ich sofort mit ihnen, werfe alles hin und verkrieche mich in meine Schale. Ja, eben in meine Schale! Ich verstecke mich in ihr wie eine Schildkröte. Dieser Vergleich gefiel mir sehr. Ich werde ja nicht allein sein, so überlegte ich weiter, während ich alle diese letzten Tage in Moskau wie benebelt umherging, nie wieder werde ich allein sein, wie die vielen entsetzlichen Jahre hindurch, die hinter mir liegen: mit mir sein wird meine Idee, der ich nie untreu werden kann, selbst dann nicht, wenn mir alle die Menschen dort gefallen, wenn sie mich glücklich machen und ich zehn Jahre mit ihnen zusammen lebe! Dies war also mein Eindruck, und ich will es gleich sagen, hierin eben liegt die Zwiespältigkeit in meinen Plänen und Zielen, die schon in Moskau feststanden und die mich in Petersburg nicht einen Augenblick verlassen hat (denn ich weiß wirklich nicht, ob es für mich einen einzigen Tag in Petersburg gegeben hat, den ich nicht im voraus als meinen endgültigen Termin aufgestellt hätte, um mit ihnen zu brechen und fortzugehen) – diese Zwiespältigkeit, wollte ich sagen, war auch, glaube ich, eine der Hauptursachen, daß ich in dem Jahr so viele Unvorsichtigkeiten beging, so viele häßliche und sogar niedrige Sachen, und selbstverständlich so viele Dummheiten.

Natürlich, auf einmal tauchte da vor mir ein Vater auf, den ich früher nie besessen hatte. Dieser Gedanke machte mich trunken, bei den Reisevorbereitungen in Moskau und im Eisenbahnwagen. Daß es mein Vater war, – das bedeutete noch nicht so viel, und von familiären Zärtlichkeiten war ich kein Freund; aber dieser Mensch hatte mich nicht kennen wollen und mich gedemütigt, während ich alle diese Jahre hindurch ohne Unterlaß von ihm geträumt hatte. Jeder meiner Träume, von Kind auf, hatte sich auf ihn bezogen, bei ihm geweilt, war in seinem Endresultat auf ihn hinausgelaufen. Ich weiß nicht, liebte ich ihn, oder haßte ich ihn, aber er hatte meine ganze Zukunft mit sich erfüllt, alle meine Berechnungen für mein Leben, – und das war ganz von selbst gekommen, es war mit dem Wachstum Hand in Hand gegangen.

Zu meinem Entschluß, Moskau zu verlassen, trug außerdem noch ein sehr mächtiger Umstand bei, ein verführerischer Gedanke, unter dem schon lange vorher, drei Monate vor meiner Abreise (also als von Petersburg noch gar keine Rede war), mein Herz sich gehoben und lebhafter geschlagen hatte. Es zog mich auch deshalb auf diesen unbekannten Ozean hinaus, weil ich sogleich als Herrscher und Herr sogar über fremde Schicksale auftreten konnte, und wessen Schicksale noch dazu! Aber es waren großmütige und keine despotischen Gefühle, die in mir kochten, – das will ich nur gleich sagen, damit man keine falschen Schlüsse aus meinen Worten zieht. Und zudem konnte Wersilow sich denken (wenn er mich überhaupt eines Gedankens würdigen sollte), hier käme ein kleiner Junge angereist, bloß so ein Gymnasialabiturient, so ein Halbwüchsling, der sich über die ganze Welt wundern würde. Und ich kannte derweil schon alle seine tiefsten Geheimnisse und besaß ein überaus wichtiges Dokument, für das er (heute weiß ich das ganz gewiß), mehrere Jahre seines Lebens gegeben hätte, hätte ich ihm damals dies Geheimnis entdeckt. Übrigens sehe ich jetzt, daß ich hier Rätsel aufgebe. Ohne Tatsachen lassen sich Gefühle nicht beschreiben. Und außerdem wird von dem allen an seinem Platze übergenug die Rede sein, darum habe ich auch zur Feder gegriffen. Aber so zu schreiben, das ist wie ein Fiebertraum oder eine Wolke.

Um endlich definitiv zu jenem neunzehnten September zu kommen, will ich jetzt kurz und sozusagen im Fluge erwähnen, daß ich sie alle, also Wersilow, meine Mutter und meine Schwester (letztere erblickte ich zum ersten Male in meinem Leben) in den bedrängtesten Verhältnissen antraf, fast bettelarm, oder doch direkt vor der Bettelarmut. Davon hatte ich schon in Moskau gehört, aber ich hatte doch nicht das vorausgesetzt, was ich hier fand. Ich hatte mich seit meiner frühesten Kindheit gewöhnt, mir diesen Menschen, diesen meinen zukünftigen Vater, beinahe in einem gewissen Glanz gehüllt zu sehen, und hatte ihn mir nie anders als überall auf dem ersten Platze vorstellen können. Wersilow hatte niemals mit meiner Mutter in einer Wohnung gelebt, sondern ihr immer eine eigene gemietet: natürlich hatte er das aus Gründen der schäbigsten Konvention seiner Kreise getan. Aber hier wohnten sie jetzt alle zusammen, in einem hölzernen Hintergebäude in einem kleinen, nicht sehr feinen Gäßchen. Alle ihre Sachen waren schon versetzt, so daß ich meiner Mutter sogar unter der Bedingung, daß Wersilow nichts davon erführe, meine heimlichen sechzig Rubel gab. Heimlich nenne ich sie, weil ich sie aus meinem Taschengeld – ich bekam fünf Rubel im Monat – während zweier Jahre zusammengespart hatte. Dieses Sparsystem hatte mit dem ersten Tage meiner »Idee« begonnen, und deshalb durfte Wersilow kein Wort von diesem Geld erfahren. Davor zitterte ich.

Diese Hilfe war nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Meine Mutter arbeitete, meine Schwester nähte, gleichfalls für Geld; Wersilow tat nichts, war verstimmt und launisch und setzte sein früheres Leben fort, das ziemlich reich an recht kostspieligen Gewohnheiten war. Er knurrte und räsonierte fürchterlich, besonders bei Tisch, und sein ganzes Benehmen war vollkommen despotisch. Aber meine Mutter, meine Schwester, Tatjana Pawlowna und die gesamte Familie des seligen Herrn Andronikow (eines Bureauchefs, der drei Monate zuvor gestorben war, und der neben seinen Amtsgeschäften auch Wersilows Angelegenheiten verwaltet hatte), also auch diese Familie, die aus einer Unzahl von Frauenzimmern bestand, sie alle umweihräucherten Wersilow wie einen Fetisch. Ich konnte den Grund dafür nicht einsehen. Ich möchte bemerken, daß er vor neun Jahren viel imponierender gewesen war. Ich sagte schon, daß er in meinen Träumen in einem gewissen Glanz zurückgeblieben war, und deshalb begriff ich nicht, wie dieser Mensch in den lumpigen neun Jahren, die seitdem verflossen waren, so alt und verbraucht hatte werden können: und mir wurde vom ersten Augenblick traurig zumute, es tat mir leid, es genierte mich gleichsam. Sein Anblick war mir einer der schwersten ersten Eindrücke nach meiner Ankunft. Übrigens war er durchaus noch kein alter Mann, erst fünfundvierzig; und als ich ihn näher ansah, fand ich an seiner Schönheit etwas, das noch mehr frappierte, als das, was in meinem Gedächtnis haften geblieben war. Weniger von dem damaligen Glanz, weniger äußerliche Vorzüge, weniger Imposantheit sogar, aber das Leben hatte gewissermaßen etwas in dies Gesicht geschrieben, was viel interessanter war, als alles Frühere.

Und dabei bildete die Bettelarmut nur den zehnten oder zwanzigsten Teil von allem Unangenehmen, das ihm widerfahren war, und ich wußte das nur zu gut. Außer der Armut gab es da etwas, was viel ernster war, – gar nicht davon zu reden, daß seine ganze Hoffnung darauf stand, einen Erbschaftsprozeß zu gewinnen, der schon seit einem Jahre zwischen Wersilow und den Fürsten Sokolskij schwebte, und Wersilow konnte also in allernächster Zeit ein Gut zufallen, das sechzigtausend Rubel, vielleicht auch einige tausend Rubel mehr wert war. Ich habe weiter oben schon gesagt, daß Wersilow in seinem Leben drei Erbschaften durchgebracht hatte, und hier riß ihn also wieder eine Erbschaft heraus. Die Sache entschied sich in allernächster Zeit beim Gericht. In der Hoffnung war ich auch nach Petersburg gerufen worden. Aber es blieb nun einmal die Wahrheit, auf die Hoffnung gab kein Mensch Geld her, leihen konnte er sich nirgend etwas, und so ging es ihnen schlecht.

Aber Wersilow suchte auch niemanden auf, trotzdem er oft den ganzen Tag fort war. Er war schon seit gut einem Jahr aus der Gesellschaft ausgestoßen. Diese Geschichte war für mich, trotz aller meiner Bemühungen, in der Hauptsache unaufgeklärt geblieben, obgleich ich schon einen Monat in Petersburg lebte. War Wersilow schuldig oder unschuldig – das war es, was für mich von Wichtigkeit war, das war der Grund, weshalb ich gekommen war! Alle hatten sich von ihm zurückgezogen, unter anderen auch alle einflußreichen, vornehmen Leute, mit denen in Beziehung zu treten und zu bleiben er sein Leben lang besonders gut verstanden hatte. Und das war geschehen infolge eines Gerüchtes von einer ganz niedrigen und – was in den Augen der »Welt« das allerschlimmste ist – skandalösen Sache, die er vor einem Jahr angeblich in Deutschland sich hätte zuschulden kommen lassen. Es wurde sogar von einer Ohrfeige gesprochen, die er damals gar zu öffentlich bekommen hatte, und zwar eben von einem der Fürsten Sokolskij, ohne darauf mit einer Forderung zu antworten. Sogar seine Kinder (die ehelichen), sein Sohn und seine Tochter, hatten sich von ihm losgesagt und lebten für sich. Um die Wahrheit zu sagen, sein Sohn und seine Tochter waren in den höchsten Kreisen zu Hause, durch die Fanariotows und den alten Fürsten Sokolskij (Wersilows ehemaligen Freund). Übrigens, ich habe ihn diesen ganzen Monat beobachtet, und ich sah einen hochmütigen Menschen, den nicht die Gesellschaft aus ihrem Kreise ausgestoßen hatte, sondern der eher selbst die Gesellschaft fortgejagt hatte, – einen so unbeirrten und freien Eindruck machte er. Aber hatte er das Recht, sich so zu benehmen – das war es, was mich beschäftigte und erregte! Ich mußte unbedingt in der kürzesten Frist die ganze Wahrheit erfahren, denn ich war gekommen, – um diesen Menschen zu richten. Meine Kräfte verbarg ich fürs erste noch vor ihm, aber ich mußte ihn entweder anerkennen, oder ihn ganz von mir zurückstoßen. Aber das letztere wäre mir so schwer gewesen, und ich litt darunter. Ich will endlich ein ganzes Bekenntnis ablegen: dieser Mensch war mir teuer!

Und unterdessen hauste ich mit ihnen in derselben Wohnung, arbeitete und hielt mich kaum von Grobheiten zurück. Ganz konnte ich sie mir in der Tat nicht verbeißen. Ich lebte schon einen Monat bei ihnen und kam täglich mehr zu der Überzeugung, daß ich es um keinen Preis über mich vermögen würde, mich an ihn zu wenden, um die letzten Aufklärungen zu erhalten. Dieser hochmütige Mensch stand als ein Rätsel vor mir, das mich bis in meine Tiefe beleidigte. Er war sogar freundlich zu mir und spaßte mit mir, aber ich hätte mir lieber noch Zank und Streit gewünscht, als solche Späße. Meine Unterhaltungen mit ihm trugen immer den Stempel einer gewissen Zweideutigkeit, oder, kurz gesprochen, von seiner Seite lag immer eine gewisse Verulkung darin. Er hatte mich gleich zu Anfang, als ich von Moskau angekommen war, nicht ernsthaft empfangen. Ich konnte nicht begreifen, weshalb er das tat. Es ist ja richtig, er erreichte damit, daß er für mich undurchdringlich blieb; aber ich selbst hätte mich nicht soweit erniedrigt, ihn zu bitten, ernsthaft mit mir zu verkehren. Ferner hatte er gewisse merkwürdige und unbesiegbare Manieren, mit denen ich nichts anzufangen wußte. Um es kürzer zu sagen, er behandelte mich wie einen ganz grünen Halbwüchsling, – was ich kaum zu ertragen vermochte, trotzdem ich vorausgewußt hatte, daß es so kommen würde. Infolgedessen hörte ich selbst auf, ernst zu sprechen, und wartete nur; ich hörte sogar fast überhaupt zu sprechen auf. Ich wartete auf einen Menschen, nach dessen Ankunft in Petersburg ich die Wahrheit endgültig erfahren konnte; hierauf ruhte meine letzte Hoffnung. Für jeden Fall bereitete ich mich auf den definitiven Bruch vor und traf schon im voraus alle Maßregeln. Um meine Mutter war es mir leid, aber – »er oder ich« – diese Frage wollte ich ihr und meiner Schwester stellen. Sogar den Tag hatte ich schon bestimmt; und unterdessen versah ich meine Stellung.

Zweites Kapitel
1

An diesem neunzehnten sollte ich auch mein erstes Gehalt für den ersten Monat in meiner Petersburger »privaten« Anstellung bekommen. Wegen dieser Anstellung war ich überhaupt nicht gefragt worden, sondern ich wurde einfach hingeschickt, ich glaube, gleich am Tage meiner Ankunft. Das war sehr wenig manierlich, und ich war beinahe verpflichtet, zu protestieren. Es erwies sich, daß es sich um eine Anstellung im Hause des alten Fürsten Sokolskij handelte. Aber wenn ich damals protestiert hätte, – so hätte es den sofortigen Bruch mit ihnen bedeutet; das schreckte mich zwar nicht sonderlich, wäre aber eine Schädigung meiner wesentlichen Ziele gewesen, und deshalb nahm ich die Stelle an, bis auf weiteres, schweigend und hinter diesem Schweigen meine Würde verschanzend. Ich will gleich von Anfang an erklären, daß dieser Fürst Sokolskij, ein reicher Mann und Geheimrat, in gar keinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Moskauer Fürsten Sokolskij stand (kleinen armen Teufeln schon seit mehreren Generationen), gegen die Wersilow seinen Prozeß angestrengt hatte. Sie waren nur Namensvettern. Nichtsdestoweniger interessierte sich der alte Fürst sehr für sie und hatte einen von diesen Fürsten besonders in sein Herz geschlossen, sozusagen, den ältesten ihres Geschlechtes,– einen jungen Offizier. Wersilow hatte vor noch gar nicht langer Zeit einen ungeheuren Einfluß auf die Angelegenheiten dieses alten Herrn gehabt und war sein Freund gewesen, ein sonderbarer Freund, denn ich merkte, daß dieser arme Fürst sich schrecklich vor jenem fürchtete, und nicht nur zu der Zeit, wo ich in seinen Dienst trat, sondern es muß während der ganzen Zeit ihrer Freundschaft so gewesen sein. Übrigens hatten sie sich schon lange nicht mehr gesehen; die ehrlose Handlung, deren Wersilow bezichtigt wurde, ging nämlich gerade die Familie des Fürsten an; aber Tatjana Pawlowna mengte sich in die Sache, und durch ihre Vermittlung wurde ich bei dem alten Herrn untergebracht, der einen »jungen Mann« in seinem Arbeitszimmer um sich zu haben wünschte. Hierbei erwies es sich, daß er auch den dringenden Wunsch hegte, Wersilow gefällig zu sein, sozusagen, ihm gegenüber den ersten Schritt zu tun, und Wersilow gestattete es ihm. Diese Sache arrangierte der alte Fürst in Abwesenheit seiner Tochter, der Witwe eines Generals, die ihm diesen Schritt wahrscheinlich nicht erlaubt hätte. Hiervon später, aber ich bemerke gleich, daß diese Sonderbarkeit in den Beziehungen zu Wersilow mich überraschte, und zwar in einer für diesen günstigen Richtung. Ich kombinierte so: wenn das Haupt der beleidigten Familie immer noch Achtung für Wersilow hegt, so muß all das Gerede von seiner Schlechtigkeit doch wohl absurd oder zum wenigsten zweideutig und übertrieben sein. Teilweise war es auch dieser Umstand, der mich veranlaßte, nicht gegen den Antritt dieser Stellung zu protestieren: durch meinen Antritt hoffte ich eben, mir über dies alles Klarheit zu verschaffen.

Jene Tatjana Pawlowna spielte zu der Zeit, als ich sie in Petersburg antraf, eine eigentümliche Rolle. Ich hatte sie fast gänzlich vergessen und natürlich erst gar nicht erwartet, daß sie eine so bedeutende Stellung einnehmen könnte. Sie war mir vorher drei-, viermal während meines Moskauer Aufenthaltes in den Weg gekommen, und dann war sie immer Gott weiß woher aufgetaucht, Gott weiß in wessen Auftrag, sobald es galt, mich irgendwo zu installieren, – als ich in die Pension Touchard kam, und nachher, dritthalb Jahre später, als ich ins Gymnasium eintrat und mein Zimmer in der Wohnung des unvergeßlichen Nikolaj Semionowitsch bezog. Wenn sie kam, verbrachte sie den ganzen Tag mit mir, revidierte meine Wäsche und Kleider, fuhr mit mir in der Stadt herum, kaufte die Sachen, die ich brauchte, kurzum, sie sorgte für meine ganze Habe, bis zum letzten Kästchen und zum Federmesser, dabei keifte sie die ganze Zeit mit mir, schalt mich, machte mir Vorwürfe, examinierte mich, stellte mir gewisse phantastische Knaben als Muster auf, die sie angeblich in ihrer Bekanntschaft und Verwandtschaft hatte und die alle viel braver waren, als ich, und, um die Wahrheit zu gestehen, sie kniff mich dabei in einem fort und puffte mich tüchtig, oft genug sogar, und so kräftig, daß es schon ziemlich weh tat. Wenn sie mich installiert und an einem Platze eingerichtet hatte, dann verschwand sie auf einige Jahre spurlos aus meinem Gesichtskreise. Und jetzt also, als ich gerade angekommen war, erschien sie wieder, um mich zu installieren. Sie war eine dürre, kleine Person mit einem scharfen Vogelnäschen und scharfen Vogeläuglein. Wersilow diente sie wie eine Sklavin und erwies ihm eine Ehrerbietung, als wäre er der Papst, aber aus innerster, vollster Überzeugung. Bald aber bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß sie bei allen Leuten und überall großen Respekt genoß und, was die Hauptsache war – bei allen und überall bekannt war. Der alte Fürst Sokolskij begegnete ihr mit einer ganz ausnehmenden Hochachtung; seine Familie ebenfalls; Wersilows hochmütige Kinder ebenfalls; und die Fanariotows ebenfalls, – und dabei lebte sie von allerhand Näharbeit, von Spitzenwäsche, von Stickereien, die sie für Magazine anfertigte. Ich geriet mit ihr beim ersten Worte in Streit, sie begann sofort wie früher, vor sechs Jahren, gegen mich zu belfern; und von Stund an setzten sich unsere Streitereien fort, Tag für Tag: aber das hinderte nicht, daß wir uns zuweilen miteinander unterhielten, und ich muß gestehen, gegen Ende des Monats fing sie mir zu gefallen an; ich glaube, weil sie ein so unabhängiger Charakter war. Übrigens habe ich ihr das nicht mitgeteilt.

Ich begriff sofort, daß ich den Posten bei dem kranken alten Herrn nur deshalb bekommen sollte, um ihn etwas »aufzumuntern«, und daß darin mein ganzer Dienst bestand. Selbstverständlich ging das gegen meine Würde, und ich traf sofort meine Maßregeln in dem Sinne; aber in kurzem übte dieser alte Sonderling einen ganz unerwarteten Eindruck auf mich aus, es war fast wie eine Art Mitleid, und zu Ende des Monats fühlte ich mich in seltsamer Weise zu ihm hingezogen, wenigstens hatte ich die Absicht fahren lassen, ihn vor den Kopf zu stoßen. Er war übrigens noch nicht über sechzig. Es war da eine ganze Geschichte passiert. Anderthalb Jahre vorher hatte er ganz plötzlich einen Anfall bekommen; er war irgendwohin gereist, und unterwegs war eine Geistesstörung bei ihm aufgetreten, so daß eine Art Skandal entstand, über den in Petersburg viel geklatscht wurde. Wie es in solchen Fällen gang und gäbe ist, wurde er sofort ins Ausland gebracht, aber nach etwa fünf Monaten kam er wieder, und zwar vollkommen gesund, wenn er auch seinen Abschied genommen hatte. Wersilow versicherte mir sehr ernstlich (und auffallend erregt), daß von einer Geistesstörung bei ihm absolut keine Rede gewesen wäre, es hätte sich nur um etwas wie einen Nervenzufall gehandelt. Diese Erregtheit Wersilows nahm ich ungesäumt zur Kenntnis. Im übrigen, muß ich sagen, teilte ich selbst seine Ansicht beinahe. Der alte Herr zeigte sich höchstens manchmal ein bißchen gar zu leichtfertig, in einem gewissen Mißverhältnis zu seinen Jahren, was früher nicht der Fall gewesen sein soll, wie ich hörte. Man hat mir erzählt, er wäre früher in irgendeiner Behörde eine Art von Rat gewesen und hätte sich einmal sogar bei einem ihm erteilten Auftrag ganz besonders ausgezeichnet. Ich kannte ihn nun einen ganzen Monat, aber ich kann nicht sagen, daß ich bei ihm irgendeine besondere Eignung zum Rat hätte entdecken können. Man sagte ihm nach (ich habe freilich nichts davon bemerken können), daß sich seit seinem Anfall bei ihm eine ganz besondere Manie entwickelt hätte, sich möglichst bald zu verheiraten, und daß er dieser Idee in den anderthalb Jahren des öfteren näher getreten wäre. Davon wußte man wohl in der Gesellschaft, und die es anging, interessierten sich dafür. Aber da eine solche Absicht den Interessen einiger Personen aus der Umgebung des Fürsten gar zu sehr gegen den Strich ging, wurde der alte Herr von allen Seiten überwacht. Seine eigene Familie war klein; er war schon seit zwanzig Jahren Witwer und hatte nur eine einzige Tochter, eben die Generalswitwe, die jetzt täglich aus Moskau zurückerwartet wurde, eine junge Frau, vor deren Charakter er zweifellos Angst hatte. Aber er hatte einen Haufen der verschiedensten entfernten Verwandten, meist von der Seite seiner verstorbenen Frau her, die alle beinahe Bettler waren, außerdem gab es da eine Menge von Pflegesöhnen und Pflegetöchtern, die alle seine Wohltaten genossen und hofften, in seinem Testament bedacht zu werden, und deshalb alle die Generalin bei der Überwachung des alten Herrn unterstützten. Außerdem hatte er, schon von jung auf, eine Schrulle, von der ich nur nicht weiß, ob ich sie lächerlich finden soll oder nicht: er verheiratete arme Mädchen. Das betrieb er jetzt schon fünfundzwanzig Jahre hintereinander. Er verheiratete arme Verwandte, Stieftöchter von Vettern seiner Frau, seine Patentöchter, ja sogar die Tochter seines Hausmeisters. Zuerst nahm er sie als kleine Mädchen in sein Haus, dann erzog er sie mit Gouvernanten und Französinnen, dann schickte er sie in die besten Lehranstalten, und schließlich verheiratete er sie und gab ihnen eine Mitgift. Und das alles drängte sich beständig um ihn; seine Pflegetöchter bekamen in der Ehe natürlich wieder Töchter; alle diese Mädchen spitzten sich darauf, auch seine Pflegetöchter zu werden: er mußte in einem fort den Taufpaten machen, das alles kam, um ihm zum Namenstag zu gratulieren, und alles das machte ihm das größte Vergnügen.

Als ich in seine Dienste trat, merkte ich gleich, daß sich im Kopfe des alten Herrn eine schwere Überzeugung festgenistet hatte – und es war unmöglich, das nicht zu bemerken –, die Überzeugung, daß er in der Gesellschaft von jedermann auf eine ganz besondere Weise angesehen würde, daß alle Welt sich gegen ihn anders benähme, als früher, als er noch gesund war; dieser Eindruck ließ ihn selbst in den lustigsten Gesellschaften nicht los. Der alte Herr wurde argwöhnisch und begann in aller Augen ein besonderes Etwas zu lesen. Der Gedanke, daß er immer noch für gestört gehalten würde, peinigte ihn sichtlich; auch mich beobachtete er oft voll Mißtrauen. Und wenn er von irgend jemand erfahren hätte, der dieses Gerücht verbreite und bestätige, ich glaube, dieser überaus harmlose Mensch wäre der Feind des Betreffenden für ewig geworden. Und diesen Umstand bitte ich wohl anzumerken. Ich füge hinzu, daß dies auch vom ersten Tage an der entscheidende Grund war, der mich veranlaßte, ihn nicht vor den Kopf zu stoßen; ich war im Gegenteil froh, wenn ich hier und da Gelegenheit fand, ihn aufzuheitern oder zu zerstreuen; ich glaube nicht, daß dies Geständnis einen Schatten auf meine Würde werfen kann.

Der größte Teil seines Geldes steckte in industriellen Unternehmungen. Er war, und zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen Aktiengesellschaft geworden, übrigens eines sehr soliden Unternehmens. Die Geschäfte führten freilich andere Leute, aber er interessierte sich auch sehr für sie, besuchte die Aktionärversammlungen, wurde in den Ausschuß gewählt, saß im Aufsichtsrat, hielt lange Reden, diskutierte, spektakelte, und das alles augenscheinlich mit großer Freude daran. Reden zu halten machte ihm einen großen Spaß: da konnten doch wenigstens alle Leute sehen, wie gescheit er war. Und überhaupt liebte er es, selbst im intimsten Privatleben seine Unterhaltung mit tiefen Bemerkungen und allerlei Bonmots aufzuputzen, und das verstehe ich nur zu gut. In seinem Hause, unten, war eine Art Privatbureau eingerichtet, und ein Beamter saß darin, führte seine Angelegenheiten, Rechnungen und Bücher und verwaltete gleichzeitig das Haus. Dieser Beamte, der nebenbei noch eine staatliche Anstellung hatte, hätte für sich allein vollkommen ausgereicht; aber auf besonderen Wunsch des Fürsten selbst wurde ich dazugenommen, angeblich als Hilfskraft für den Beamten; aber ich kam gleich in das Privatkabinett und hatte häufig nicht einmal zum Schein eine Arbeit vor mir, keine Papiere, keine Bücher.

Ich schreibe das jetzt wie einer, der mit dem allen seit langem abgeschlossen hat, und in vielen Beziehungen sogar wie ein ganz objektiver Beobachter; aber wie soll ich meinen damaligen Kummer beschreiben (gerade jetzt steht er wieder so recht lebendig vor mir), den Kummer, der mein ganzes Herz in Beschlag genommen hatte, und was die Hauptsache ist – meine damalige Aufregung, die mich so unruhig und fieberig gemacht hatte, daß ich sogar die Nächte nicht schlief – vor Ungeduld, vor all den Rätseln, die ich mir selbst aufgegeben hatte.

2

Geld zu verlangen, und mag es selbst ein Gehalt sein, ist eine sehr widerwärtige Sache, wenn man irgendwo in den tiefsten Winkeln seines Gewissens das Gefühl hegt, daß man es eigentlich nicht recht verdient hat. Aber ich hatte am Abend vorher meine Mutter mit meiner Schwester flüstern hören, ganz leise, daß Wersilow nichts davon merkte (»Andrej Petrowitsch könnte es peinlich sein«). Sie wollte ein Heiligenbild ins Pfandhaus tragen, von dem sie sich aus irgendeinem Grunde ganz besonders schwer trennte. Ich war mit einem Monatsgehalt von fünfzig Rubel angestellt, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich sie bekommen würde; als man mich hingebracht hatte, war davon überhaupt nicht gesprochen worden. Vor drei Tagen hatte ich unten den Beamten getroffen und mich bei ihm erkundigt, bei wem ich hier mein Gehalt zu erheben hätte. Er hatte mich mit einem verwunderten Lächeln angesehen (er konnte mich nicht leiden).

»Ach, Sie bekommen Gehalt?«

Ich dachte mir, er würde auf meine Antwort weiter fragen:

»Und wofür, wenn man fragen darf?«

Aber er entgegnete mir ganz trocken, er »wüßte von nichts«, und beugte sich wieder über sein liniiertes Buch, in das er von verschiedenen Blättern Rechnungen übertrug.

Übrigens war es ihm nicht unbekannt, daß ich doch immerhin einiges getan hatte. Vor vierzehn Tagen hatte ich ganze vier Tage über einer Arbeit gesessen, die ich von ihm selbst bekommen hatte: es handelte sich um die Abschrift eines Konzeptes, kam aber beinahe auf eine Umarbeitung heraus. Es war ein ganzer Haufen »Gedanken« des Fürsten, die er demnächst seinem Aktionärkomitee unterbreiten wollte. Das mußte zu einem ganzen zusammengearbeitet und dem Stil mußte nachgeholfen werden. Ich habe nachher einen ganzen Tag mit dem Fürsten über diesem Schriftstück gesessen, und er zankte sich dabei äußerst leidenschaftlich mit mir, war aber schließlich im ganzen doch zufrieden mit meiner Arbeit; nur weiß ich nicht, ob er das Schriftstück eingereicht hat oder nicht. Von zwei, drei Briefen, gleichfalls in Geschäftssachen, die ich in seinem Auftrag geschrieben hatte, will ich gar nicht reden.

Um mein Gehalt zu bitten war mir auch deswegen peinlich, weil ich schon die Absicht gefaßt hatte, meine Stellung aufzugeben, denn ich hatte das Vorgefühl, daß ich bald genötigt sein würde, infolge zwingender Umstände von hier fortzugehen. Als ich an diesem Morgen aufwachte und mich zu Hause oben in meinem Kämmerchen anzog, fühlte ich, wie mir das Herz klopfte, und ob ich mich auch sehr zusammennahm, empfand ich doch, als ich das Haus des Fürsten betrat, wieder die gleiche Erregung: heute früh mußte der Mensch hier erscheinen, die Frau, von deren Ankunft ich die Aufklärung über alles erwartete, was mich quälte!

Und dieser Mensch war eben die Tochter des Fürsten, die Generalin Achmakowa, jene junge Witwe, von der ich schon gesprochen habe, und die in bitterster Feindschaft mit Wersilow lebte. Endlich habe ich diesen Namen hergeschrieben! Was sie selbst betrifft, so hatte ich sie natürlich nie gesehen, ja, ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob ich es überhaupt tun würde; aber ich hatte die Idee (und vielleicht war sie sehr begründet), daß sich mit ihrer Ankunft das Dunkel lichten würde, das in meinen Augen Wersilow umgab. Ich konnte meiner Unruhe nicht Herr werden: es war mir furchtbar ärgerlich, daß ich vom ersten Schritt an so kleinmütig und linkisch war; ich war furchtbar gespannt, und, was die Hauptsache war, furchtbar angewidert – das waren drei ganz verschiedene Gefühle. Ich weiß diesen ganzen Tag auswendig!

Mein Fürst ahnte noch nichts von der voraussichtlichen Ankunft seiner Tochter und erwartete ihre Heimkehr aus Moskau frühestens in acht Tagen. Ich hatte es tags vorher ganz zufällig erfahren: Tatjana Pawlowna, der die Generalin einen Brief geschrieben, hatte meiner Mutter gegenüber etwas davon fallen lassen. Wenn sie auch ganz leise flüsterten und sich in sehr allgemeinen Ausdrücken bewegten, ich erriet, um was es sich handelte. Selbstverständlich habe ich nicht etwa gehorcht: ich mußte einfach aufhorchen, als ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Ankunft dieser Frau plötzlich in solche Erregung geriet. Wersilow war nicht zu Hause.

Dem alten Herrn wollte ich nichts davon sagen, denn es wäre mir wirklich unmöglich gewesen, während dieser ganzen Zeit nicht zu bemerken, was für eine Angst er vor ihrer Rückkunft hatte. Er hatte sogar vor drei Tagen, freilich in schüchternen und bloß andeutenden Worten, etwas davon fallen lassen, daß er sich in meinem Interesse vor ihrer Ankunft fürchte, das heißt, daß er meinetwegen Scherereien haben würde. Übrigens muß ich hier beifügen, daß er trotz alledem in Familienangelegenheiten seine Unabhängigkeit und Oberherrschaft zu wahren wußte, besonders was die Verfügung über seine Gelder betraf. Mein erstes Urteil über ihn war, er wäre ein vollkommenes – altes Weib; aber ich war bald genötigt, mein Urteil dahin umzumodeln, daß er vielleicht allerdings ein altes Weib wäre, aber daß sich zuweilen bei ihm ein Rest von zähem Eigensinn zeigte, wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab Augenblicke, wo man mit seinem Charakter – der anscheinend so ängstlich und nachgiebig war – fast überhaupt nichts anfangen konnte. Wersilow hat mir das in der Folge des Ausführlicheren auseinander gesetzt. Ich denke heute mit Interesse daran zurück, daß wir beide, der alte Herr und ich, fast nie von der Generalin gesprochen haben, das heißt, wir vermieden es sozusagen, von ihr zu sprechen, besonders ich ging dem aus dem Wege, und er für sein Teil vermied es, von Wersilow zu sprechen; ich war überzeugt, er würde mir nicht antworten, wenn ich eine von den heiklen Fragen an ihn richten würde, die mich so sehr interessierten.

Wenn einer wissen will, wovon wir beide diesen ganzen Monat miteinander geredet haben, so muß ich ihm antworten: von allem möglichen, aber stets von recht sonderbaren Sachen. Mich zog die Geradheit sehr an, mit der er sich mir gegenüber gab. Oft betrachtete ich diesen Menschen mit der höchsten Verwunderung und fragte mich: In welcher Welt hat er eigentlich früher gelebt? Wenn man den ins Gymnasium steckte, meinetwegen sogar in die vierte Lateinklasse, – er würde einen famosen Mitschüler abgeben. Auch über sein Gesicht war ich häufig im höchsten Grade erstaunt: es war scheinbar äußerst ernsthaft (und beinahe hübsch), hager; er hatte dichtes graues Lockenhaar, große Augen; er war überhaupt sehr schlank und hochgewachsen; aber sein Gesicht hatte die unangenehme, fast unschickliche Eigentümlichkeit, seinen Ausdruck manchmal erstaunlich rasch zu verwandeln. Eben war es noch außergewöhnlich ernst gewesen, auf einmal schaute es übertrieben spaßhaft und leichtfertig drein. Wer das zum erstenmal sah, wurde höchst verblüfft, sogar erschreckt davon. Ich habe hierüber mit Wersilow gesprochen, der mit Interesse zuhörte; er hatte wohl nicht erwartet, daß ich imstande wäre, solche Beobachtungen zu machen, nebenbei bemerkte er, diese Erscheinung wäre beim Fürsten erst nach seiner Krankheit aufgetreten, und angeblich erst in allerletzter Zeit.

Vorwiegend drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände, – um Gott und sein Dasein, das heißt um seine Existenz oder Nichtexistenz – und um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und sehr gefühlvoll. In seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild mit einem ewigen Lämpchen davor. Aber auf einmal konnte es ihn fassen, – und er fing plötzlich an der Existenz Gottes zu zweifeln an und sagte erstaunliche Dinge und forderte mich sichtlich zu einer Entgegnung auf. Im allgemeinen gesprochen, war mir diese Idee ziemlich gleichgültig, aber doch gerieten wir sehr in Hitze, und zwar höchst aufrichtig. Überhaupt gedenke ich dieser Gespräche noch heute mit großem Vergnügen. Aber das liebste war ihm doch, von den Frauen zu plaudern; da ich keine Liebhaberei für Unterhaltungen über dies Thema habe, konnte ich ihm hier kein guter Partner sein, und das machte ihn zuzeiten geradezu traurig.

Und gerade an jenem Morgen fing er wieder sofort von solchen Geschichten an, sobald ich eingetreten war. Ich fand ihn in seiner spaßigen Laune, während ich ihn am Abend vorher in der allertraurigsten Stimmung verlassen hatte. Und derweil mußte ich heute die Sache mit dem Geld unbedingt zu einem Ende bringen – bevor gewisse Leute ankamen. Ich stellte mir vor, daß wir heute sicherlich unterbrochen werden würden (nicht umsonst klopfte mein Herz so) – und dann würde ich mich vielleicht nicht entschließen können, vom Geld anzufangen. Aber da ich das Gespräch nicht gleich auf das Geld zu lenken vermochte, war ich natürlich wütend über meine Dummheit und erwiderte in meinem Ärger auf eine allzu leichtfertige und spaßhafte Frage von ihm damit, daß ich eine ganze Breitseite meiner Anschauungen über die Frauen gegen ihn losließ, und zwar mit der größten Hitze. Aber die Folge davon war, daß ich ihn nur noch mehr für mich einnahm.

3

». . . Ich kann die Frauenzimmer erstens nicht leiden, weil sie sich rüpelhaft benehmen, zweitens, weil sie ungeschickt und minderwertig, drittens, weil sie unselbständig sind, viertens, weil sie in unanständigen Kleidern herumlaufen!« schloß ich ziemlich unlogisch meine lange Tirade.

»Nicht so streng, teuerster Freund, Schonung!« schrie er äußerst belustigt, was mich noch wütender machte.

Ich bin nur in Kleinigkeiten nachgiebig und kleinlich, in Hauptsachen weiche ich keinen Schritt zurück. Aber in Kleinigkeiten, in allem, was gesellschaftliche Manieren sind, kann man mit mir Gott weiß was anfangen, und diesen Zug an mir habe ich schon oft verflucht. Aus einer gewissen faulen Gutmütigkeit heraus bin ich schon oft genug bereit gewesen, irgendeinem feinen Gecken zuzustimmen, einzig und allein, weil ich durch seine Höflichkeit bestochen wurde, oder einen Krakeel mit irgendeinem Hansnarren anzufangen, was das Unverzeihlichste ist. Das kommt alles von einem Mangel an Weitläufigkeit und davon, daß ich im Winkel aufgewachsen bin, ich sehe das ein, aber morgen ist es wieder dieselbe Geschichte. Deshalb hat man mich manchmal schon beinahe für einen Sechzehnjährigen gehalten. Aber statt mir Weltläufigkeit zu erwerben, ziehe ich es auch heute vor, mich noch tiefer in meinem Winkel zu verschanzen, wenn auch in der misanthropischsten Manier: Und mag ich auch linkisch sein, aber – verzeiht mir! Ich sage das sehr ernsthaft und ein für allemal. Übrigens bezieht sich das durchaus nicht auf den Fürsten und nicht einmal auf unser damaliges Gespräch.

»Ich sage das absolut nicht, um Sie zu belustigen,« schrie ich ihn beinah an, »ich spreche einfach meine Überzeugung aus.«

»Aber wieso sind die Frauen rüpelhaft und unanständig angezogen? Das ist mir neu.«

»Rüpelhaft? Gehen Sie einmal ins Theater, auf die Promenade. Jeder Mann weiß, wo rechts ist, man begegnet sich und geht aneinander vorbei, er rechts und ich rechts. So ein Frauenzimmer, das heißt eine Dame – ich spreche von den Damen – prescht geradeswegs auf Sie los, sie bemerkt Sie einfach nicht, als wären Sie sowieso unbedingt verpflichtet, beiseite zu springen und ihr den Weg zu räumen. Ich bin bereit, ihr Platz zu machen, weil es das schwächere Geschlecht ist, aber was hat sie für ein Recht darauf, warum ist sie so fest überzeugt, daß ich dazu verpflichtet bin, – das ist das Beleidigende dabei! Ich spucke immer aus, wenn ich ihnen begegne. Und dabei schreien sie, sie würden unterdrückt und fordern gleiche Rechte; was sind das für gleiche Rechte, wenn so eine mich stößt und mir Sand in den Mund schmeißt!«

»Sand?«

»Jawohl; weil sie unanständig angezogen sind – das kann nur ein ganz verdorbener Lebemann nicht bemerken. Vor Gericht wird bei verschlossenen Türen verhandelt, wenn es sich um unanständige Sachen dreht; warum erlaubt man so was auf der Straße, wo noch viel mehr Leute dabei sind? Sie legen sich hinterwärts allerlei Falbelkram unter, damit man sieht, daß sie schicke Damen sind; ganz öffentlich! Das muß ich doch sehen, und jeder junge Mann sieht es, und jedes Kind, jeder werdende Knabe sieht es auch; das ist gemein. Mögen sich alte Lebegreise daran aufregen und mit heraushängender Zunge hinterherlaufen, aber es gibt noch eine reine Jugend, und die muß gehütet werden. Da bleibt einem nichts übrig, als auszuspucken. Da geht so eine den Boulevard entlang, und hinter sich her schleift sie eine Schleppe von anderthalb Faden Länge und wirbelt den Staub auf; wie soll man hinter ihr gehen: man muß laufen und sie überholen oder sich seitwärts fort machen, sonst schmeißt sie einem nicht nur in die Nase, sondern auch in den Mund gleich fünf Pfund Sand. Und außerdem, diese Seide, sie schleppt sie drei Werst weit über die Steine, nur weil das einmal Mode ist, und ihr Mann verdient in seinem Bureau fünfhundert Rubel im Jahr; daher kommen die vielen Bestechungen! Ich spucke jedesmal aus, ich spucke aus und schimpfe ganz laut.«

Ich schreibe diese Worte zwar etwas ins Spaßhafte übertrieben hin und in der Art, wie ich sie damals gesagt habe, aber diese Anschauungen hege ich heute noch.

»Und ist dir das gut bekommen!« fragte der Fürst neugierig.

»Ich spucke aus und mache mich fort. So eine merkt das natürlich, sie zeigt es aber mit keiner Miene, sondern prescht majestätisch weiter, ohne den Kopf zu wenden. Ernstlichen Krakeel habe ich im ganzen nur einmal mit zwei solchen Frauenzimmern gehabt, beide mit langen Schwänzen, auf dem Boulevard, – selbstverständlich habe ich kein schlechtes Wort gebraucht, ich hab nur gesagt, daß die Schwänze eine Unverschämtheit wären.«

»Mit den Worten hast du das gesagt?«

»Natürlich. Erstens sind sie ein Hohn auf die sozialen Verhältnisse, zweitens machen sie Staub, und der Boulevard ist für alle da; ich gehe hier, und der, und jener, Hans, Peter, ganz Wurst. Das habe ich alles gesagt. Und ich kann den weiblichen Gang nicht ausstehen, von hinten gesehen; das habe ich auch gesagt, aber verblümt.«

»Lieber Freund, da kannst du aber in eine ganz ernste Geschichte hinein geraten: sie hätten dich einfach vor den Friedensrichter zitieren können.«

»Gar nichts konnten sie. Sie hatten gar keinen Grund zur Klage, wenn da ein Mensch hinter ihnen geht und mit sich selbst spricht. Jedermann hat das Recht, seine Meinung in den Wind zu sprechen. Ich sprach ganz allgemein, ich habe mich nicht an sie gewandt. Sie haben selbst angefangen, sie haben viel toller geschimpft als ich: ich wäre ein Gelbschnabel, man müßte mir mal ein paar Tage nichts zu essen geben, ein Nihilist wäre ich, und sie würden einen Schutzmann rufen, und ich hätte deshalb mit ihnen angefangen, weil sie allein wären und schwache Frauen, und wenn ein Mann bei ihnen wäre, würde ich sofort den Schwanz zwischen die Beine kneifen. Ich erwiderte ihnen kaltblütig, sie möchten es unterlassen, mit mir zu krakeelen, und ich würde aufs andere Trottoir hinübergehen. Und um ihnen zu beweisen, daß ich keine Angst vor ihren Männern hätte und eine Forderung annehmen würde, wollte ich ihnen in zwanzig Schritt Abstand bis an ihre Wohnung folgen, und dort würde ich vor dem Hause stehen bleiben und auf ihre Männer warten. Und das habe ich dann auch getan.«

»Wahrhaftig?«

»Es war ja natürlich eine Dummheit, aber ich war einmal gereizt. Sie schleppten mich zirka drei Werst hinter sich her, durch den Sonnenbrand, bis dort, wo die Institute sind, und dort traten sie in ein hölzernes einstöckiges Haus ein, – ich muß zugeben, daß es ganz anständig aussah, – durch die Fenster sah ich drinnen eine Menge Blumen, zwei Kanarienvögel, drei Hunde und viele eingerahmte Stiche. Ich stand mitten auf der Straße vor dem Hause, vielleicht eine halbe Stunde. Sie schauten ungefähr dreimal verstohlen heraus, und dann ließen sie alle Vorhänge herunter. Schließlich kam aus dem Seitenpförtchen irgendein ältlicher Beamter heraus; anscheinend hatte er geschlafen und war extra geweckt worden, nicht gerade, daß er einen Schlafrock angehabt hätte, aber er war sehr »für zu Hause« angezogen; er blieb an dem Pförtchen stehen, legte die Hände auf den Rücken und begann mich zu fixieren, und ich wieder ihn. Und dann wendet er die Augen ab, dann schaut er wieder her und fängt an mir zuzulächeln. Ich drehte ihm den Rücken und ging.«

»Teurer Freund, das könnte von Schiller sein! Ich hab' mich schon immer gewundert: du hast rote Backen, dein Gesicht sprüht vor Gesundheit, und dabei – dieser, kann man doch sagen, Widerwille gegen die Frauen! Wie ist es denn möglich, daß die Frau auf einen Menschen in deinen Jahren nicht einen gewissen Eindruck macht? Was mich betrifft, mon cher, so war ich erst elf, als mein Hofmeister es schon tadelnd anmerkte, daß ich die Statuen im Sommergarten gar zu ausführlich in Augenschein nahm.«

»Sie möchten furchtbar gern, daß ich mich hier an irgendeine Josephine heranmache und Ihnen dann Bericht davon erstatte. Sie bemühen sich vergeblich: ich selbst habe schon mit dreizehn Jahren ein nacktes Weib gesehen, splitternackt; seit damals habe ich einen Ekel davor.«

»Im Ernst? Aber, cher enfant, von einer hübschen, frischen Frau geht ein Duft aus, wie von einem Apfel, wie kann einen das ekeln!«

»In meiner früheren Pension, bei Touchard, bevor ich ins Gymnasium kam, hatte ich einen Kameraden, Lambert. Er prügelte mich in einem fort, weil er um mehr als drei Jahre älter war, und ich machte seinen Diener und zog ihm die Stiefel aus. Als seine Konfirmation war, kam Abbé Rigaud zu ihm, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und sie warfen sich in Tränen einander um den Hals, und der Abbé Rigaud drückte ihn unter allerlei verzücktem Getue krampfhaft an seine Brust. Und ich weinte auch und beneidete ihn sehr. Als sein Vater starb, ging er ab, und ich sah ihn zwei Jahre lang nicht, und nach zwei Jahren traf ich ihn auf der Straße. Er sagte, er würde zu mir kommen. Ich war schon auf dem Gymnasium und wohnte bei Nikolaj Semionowitsch. Er kam eines Morgens, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich sollte mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, er hatte mich doch immer nötig gehabt, nicht nur der Stiefel wegen; er schüttete mir immer sein Herz aus. Heute erzählte er mir, er hätte das Geld aus der Schatulle seiner Mutter genommen, mit Hilfe eines Nachschlüssels, denn das Geld von seinem Vater her gehörte alles ihm, sie sollte es nicht riskieren, es ihm vorzuenthalten, – und gestern abend wäre der Abbé Rigaud gekommen, um ihm Vorhaltungen zu machen – er wäre gekommen und hätte sich vor ihm aufgepflanzt und zu schluchzen angefangen und ihm mit zum Himmel erhobenen Händen die Schrecken der Hölle geschildert, »aber ich habe mein Messer herausgezogen und ihm gesagt, ich würde es ihm hereinrennen« (er sagte: hecheinchennen). Wir fuhren nach dem Kusnezkij-Most. Unterwegs teilte er mir mit, seine Mutter hätte ein Verhältnis mit dem Abbé Rigaud, und er hätte das wohl bemerkt, und er spuckte auf alles, und was sie von der heiligen Kommunion sagten, das wäre alles Blech. Er sagte noch allerlei, und ich fürchtete mich. Auf dem Kusnezkij-Most kaufte er eine doppelläufige Flinte, eine Jagdtasche, fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt. Wir fuhren dann vor die Stadt hinaus, um zu schießen, und unterwegs kam uns ein Vogelsteller mit seinen Käfigen entgegen; Lambert kaufte ihm einen Kanarienvogel ab. In einem Wäldchen ließ er ihn frei, weil so ein Vogel direkt aus dem Käfig nicht weit fortfliegen kann und fing auf ihn zu schießen an, traf aber nicht. Er schoß zum erstenmal in seinem Leben, aber die Flinte hatte er sich schon lange kaufen wollen, schon, als er noch bei Touchard war, und wir hatten schon lange von der Flinte geträumt. Er war wie berauscht. Seine Haare waren furchtbar schwarz, sein Gesicht weiß und rot, wie eine Maske, seine Nase lang, mit einem Höcker, richtig französisch, die Zähne weiß, die Augen schwarz. Er band den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Zweig und gab jetzt auf nur eine Spanne Entfernung zwei Schüsse gegen ihn ab, und er zerstob zu hundert Federchen. Dann kehrten wir um, fuhren in ein Gasthaus, nahmen uns ein Zimmer und fingen zu essen und Champagner zu trinken an; dann kam eine Dame . . . Ich war sehr erstaunt, weiß ich noch, wie elegant sie gekleidet war, sie trug ein grünes Seidenkleid. Da habe ich dann auch alles gesehen, wovon ich Ihnen sprach . . . Und dann, als wir wieder zu trinken anfingen, begann er sie aufzuziehen und zu schimpfen; sie saß ohne Kleid da; er hatte ihr das Kleid weggenommen, und als sie anfing wieder zu schimpfen und um das Kleid zu bitten, schlug er sie aus voller Kraft mit der Peitsche über die nackten Schultern. Ich sprang auf, packte ihn bei den Haaren, und so geschickt, daß ich ihn mit einem Ruck zu Boden warf. Er ergriff eine Gabel und stach mich in den Schenkel. Und da stürzten auf meinen Schrei Leute herein, und es glückte mir, zu entkommen. Seit damals ist es mir ekelhaft, an nackte Weiber zu denken; und sie können sich drauf verlassen, sie war hübsch.«

Während ich so erzählte, hatte sich der leichtfertige Ausdruck des Fürsten allmählich in einen tief traurigen verwandelt.

»Mon pauvre enfant! Ich war schon immer der Überzeugung, daß deine Kindheit sehr viel traurige Tage gekannt hat!«

»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, bitte.«

»Aber du warst allein, das hast du mir selbst gesagt, und wenn auch dieser Lambert da war; und du hast das so beschrieben: dieser Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen und Umarmungen, und dann, ein lumpiges Jahr nachher, diese Geschichte von seiner Mutter und dem Abbé . . . Oh, mon cher, diese Frage der Kinder ist zu unserer Zeit einfach fürchterlich: so lange diese Goldköpfchen mit ihren Locken und ihrer Unschuld, in der ersten Kindheit, um dich herflattern und dich mit hellem Lachen und hellen Augen anschauen, – dann ist dir, als wären es Engel Gottes oder reizende Vöglein; aber nachher . . . aber nachher ist es manchmal so, daß es besser wäre, sie würden überhaupt nicht groß!«

»Wie weichlich Sie sind, Fürst! Und als ob Sie selbst Kinder hätten. Sie haben ja doch keine Kinder und werden nie welche haben.«

»Tiens!« Sein Gesicht wechselte plötzlich wieder den Ausdruck. »Da fällt mir gerade Alexandra Petrowna ein, – da war vorgestern, hehehe! – Alexandra Petrowna Sinizkaja, weißt du, – ich glaube, du mußt sie vor vielleicht drei Wochen hier gesehen haben, – also stell' dir vor, vorgestern sag' ich ihr so im Spaß, wenn ich jetzt heiraten würde, könnte ich wenigstens darüber beruhigt sein, daß ich keine Kinder bekäme, – und auf einmal sagte sie zu mir, und noch so recht boshaft: ›Ganz im Gegenteil, Sie bekommen welche: Leute wie Sie bekommen sicher welche, sogar schon im ersten Jahr, das werden Sie sehen.‹ Hehe! Und alle haben sie, weiß der Kuckuck warum, die Idee, daß ich auf einmal heiraten werde, aber wenn das auch recht boshaft gesagt war, du mußt mir zugeben, es war geistreich.«

»Witzig, ja, aber beleidigend.«

»Nun, cher enfant, man braucht sich wirklich nicht über alles und jedes gleich beleidigt zu fühlen. Ich schätze nichts höher, als den Witz, der sichtlich von Tag zu Tag mehr aus der Welt verschwindet, aber was Alexandra Petrowna so sagt – kann man das irgendwie schwer nehmen?«

»Was, was haben Sie gesagt?« fiel ich ein: »nicht der erste beste kann einen . . . So ist es! Nicht jeder ist es wert, daß man ihn überhaupt beachtet – das ist eine ausgezeichnete Regel! Das ist gerade, was ich brauche. Das schreib' ich mir auf. Ach, Fürst, oft sagen Sie so famose Sachen!«

Er strahlte nur so.

»N'est-ce pas? Cher enfant, der wahre Geist verschwindet, je länger, je mehr. Eh, mais . . . C'est moi qui connaît les femmes! Glaub' mir, das Leben jeder Frau, mag sie verkünden, was sie will, ist ein ewiges Suchen, wie sie sich einem unterwerfen kann . . . sozusagen, ein Durst nach Unterwürfigkeit. Und merk' dir das wohl – da gibt's keine Ausnahme.«

»Sehr richtig, ausgezeichnet!« rief ich entzückt. Zu einer anderen Zeit wären wir sofort in stundenlange philosophische Erörterungen über dies Thema geraten, aber auf einmal gab es mir eine Art von Stich, und ich wurde feuerrot im Gesicht. Mir fiel ein, daß ich mich durch Lobsprüche für sein Bonmot bei ihm ja wegen des Geldes einschmeichelte, und daß er das nachher sicher meinen würde, wenn ich ihn darum bäte. Ich erwähne dies nicht ohne Absicht.

»Fürst, ich bitte Sie ergebenst, mir sofort die fünfzig Rubel zu bezahlen, die Sie mir für diesen Monat schulden«, fuhr ich heraus, in einem Ton, der so gereizt war, daß man ihn hätte grob nennen können.

Ich weiß noch (weil ich diesen ganzen Morgen bis zur kleinsten Kleinigkeit auswendig weiß), daß sich hierauf zwischen uns eine in ihrer realen Wahrheit recht häßliche Szene entspann. Er verstand mich zuerst überhaupt nicht, sah mich lange an und begriff nicht, von was für Geld ich eigentlich spräche. Natürlich hatte er ja nicht gedacht, ich bekäme Gehalt – wofür auch? Es ist allerdings wahr, er begann nachher zu versichern, er hätte es nur vergessen, und als er den Zusammenhang verstanden hatte, holte er schleunigst fünfzig Rubel hervor, aber er überhaspelte sich dabei und wurde sogar rot. Ich sah, wie die Sache stand, ich sprang auf und erklärte schneidend, jetzt könnte ich das Geld nicht mehr nehmen, man hätte mir augenscheinlich etwas von einem Gehalt erzählt, aus Versehen oder in betrügerischer Absicht, um mich zu bewegen, die Stellung anzunehmen, und ich sehe jetzt vollkommen ein, daß gar keine Veranlassung zu einer Bezahlung vorläge, weil ich nicht die geringste Arbeit geleistet hätte. Der Fürst erschrak und begann zu beteuern, ich hätte furchtbar viel geleistet, ich würde ihm noch viel mehr Dienste leisten, und fünfzig Rubel wären so lächerlich wenig, daß er mich im Gegenteil noch aufbessern wollte, denn er wäre dazu verpflichtet, und er selbst hätte das alles mit Tatjana Pawlowna so ausgemacht, aber »die ganze Sache unverzeihlicherweise wieder vergessen«. Ich brauste auf und erklärte endgültig, es würde eine Niedrigkeit von mir sein, ein Gehalt dafür zu nehmen, daß ich allerlei Skandalgeschichten erzählte, wie ich zwei Schleppen bis zu den Instituten nachgelaufen wäre, und ich wäre nicht als Lustigmacher bei ihm engagiert, sondern um etwas zu tun, und wenn er nichts für mich zu tun hätte, müßten wir eben ein Ende machen. Ich hatte mir nicht vorstellen können, daß ein Mensch so erschrecken könnte, wie er, als ich das sagte. Selbstverständlich war das Ende vom Lied, daß ich meinen Widerspruch aufgab und er mir die fünfzig Rubel aufdrängte; bis heute denke ich nur mit Erröten daran, daß ich sie annahm! In der Welt endet alles immer mit einer Gemeinheit, und das Schlimmste ist, daß er es damals fertig brachte, mir beinahe zu beweisen, ich hätte dies Geld unstreitig verdient, und ich besaß die Dummheit, es ihm zu glauben, und zudem war es mir gewissermaßen wirklich unmöglich, es nicht zu nehmen.

»Cher, cher enfant!« rief er und umarmte und küßte mich (ich muß gestehen, ich selbst fing, weiß der Teufel warum, zu heulen an, nahm mich aber gleich wieder zusammen, und auch jetzt noch, da ich dies schreibe, steigt mir das Blut in die Wangen). – »Lieber Freund,« rief er »du bist mir wie ein lieber Angehöriger geworden; in diesem einen Monat bist du mir geradezu ans Herz gewachsen! In der ›Gesellschaft‹ ist alles ›Gesellschaft‹ und nichts weiter. Katerina Nikolajewna (seine Tochter) ist eine glänzende Frau, und ich bin stolz auf sie, aber, mein Lieber, oft, sehr, sehr oft, kränkt sie mich auch . . . Na, und diese Mädel (elles sont charmantes) und ihre Mütter, die zum Namenstag herkommen, – na, die bringen eben nur ihren Canevas her, selbst wissen sie nichts zu sagen. Ich habe zirka sechzig Kissen mit ihrem Canevas darauf, und ewig Hunde und Hirsche. Ich hab' sie sehr gern, aber mit dir verkehre ich, wie mit einem nahen Angehörigen, – und nicht wie mit einem Sohn, sondern wie mit einem Bruder und besonders gern hab' ich es, wenn du mit mir diskutierst: du bist literarisch gebildet, du hast viel gelesen, du verstehst es, dich zu begeistern . . .«

»Ich habe nichts gelesen und bin durchaus nicht literarisch gebildet. Ich hab' nur gelesen, was mir gerade vorkam, und die letzten zwei Jahre hab' ich überhaupt nichts gelesen und will auch nichts mehr lesen.«

»Warum denn nicht?«

»Ich habe andere Ziele.«

»Cher . . . es wäre schade, wenn du dir am Ende deines Lebens sagen müßtest, wie ich: Je sais tout, mais je ne sais rien de bon. Ich weiß durchaus nicht, wozu ich auf Erden gelebt habe! Aber . . . ich bin dir so zu Dank verpflichtet . . . ich hab' sogar die Idee gehabt . . .«

Er brach plötzlich ganz sonderbar ab, sank in sich zusammen und fiel in Nachsinnen. Nach jeder Erregung (und Erregungen konnten ihm ganz momentan kommen, Gott weiß woher) verlor er in der Regel für einige Zeit den gesunden Zusammenhang im Denken und die Herrschaft über sich selbst; übrigens hatte er sich bald wieder in der Hand, so daß es weiter nichts machte. Wir saßen so vielleicht eine Minute. Seine sehr volle Unterlippe hing kraftlos herab . . . am meisten hatte es mich gewundert, daß er auf einmal von seiner Tochter gesprochen hatte, und dazu mit einer solchen Offenherzigkeit. Ich schrieb es natürlich seiner Zerstreutheit zu.

»Cher enfant, du bist mir doch nicht böse, weil ich ›du‹ zu dir sage, nicht wahr?« riß es sich plötzlich aus ihm los.

»Nicht im geringsten. Ich gestehe, anfangs, die ersten Male, war ich etwas gekränkt und wollte zu Ihnen auch ›du‹ sagen, aber ich sah ein, daß das dumm wäre, denn Sie duzen mich ja nicht, um mich zu beleidigen.«

Er hörte schon nicht mehr zu und hatte seine Frage vergessen.

»Nun, was macht denn dein Vater?« sagte er auf einmal und erhob seinen sinnenden Blick zu mir.

Ich erzitterte nur so. Erstens bezeichnete er Wersilow als meinen Vater, – was er sich mir gegenüber noch nie erlaubt hatte, und zweitens fing er von Wersilow zu sprechen an, was noch nie passiert war.

»Er sitzt ohne Geld da und fängt Grillen«, antwortete ich kurz, dabei brannte ich aber selbst vor Neugierde.

»Ja, das Geld! Heute wird ihre Sache vor dem Bezirksgericht entschieden, und ich erwarte Fürst Seriosha; was er wohl für eine Nachricht bringen wird? Er hat mir versprochen, direkt vom Gericht zu mir zu kommen. Da hängt nun ihr ganzes Schicksal dran; es sind sechzig- oder achtzigtausend Rubel. Selbstverständlich habe ich auch Andrej Petrowitsch (das heißt, Wersilow) immer alles Gute gewünscht, und er wird ja wohl auch gewinnen, und die Fürsten haben das Nachsehen. Gesetz ist Gesetz.«

»Heute auf dem Gericht?« rief ich erstaunt.

Der Gedanke, daß Wersilow es selbst hier nicht für nötig gehalten hatte, mir etwas zu sagen, setzte mich äußerst in Erstaunen. »Also hat er es auch wohl der Mutter nicht gesagt, und vielleicht keinem Menschen?« malte ich mir sofort aus. »Was für ein Charakter!«

»Aber ist denn Fürst Sokolskij in Petersburg?« Dieser zweite Gedanke durchzuckte mich plötzlich.

»Seit gestern. Direkt aus Berlin, extra wegen heute.«

Auch das war eine für mich sehr wichtige Nachricht. »Und er kommt heute hierher, dieser Mensch, der ihn geohrfeigt hat!«

»Na, sag' mal,« sagte der Fürst mit plötzlich verwandeltem Ausdruck, »spielt er noch immer den Propheten Gottes, wie damals, und, und . . . du erlaubst schon, ist er noch immer hinter den Mädeln her, den Mädeln, die noch nicht flügge sind? He, he! da wird auch jetzt wieder eine äußerst lustige Anekdote kolportiert . . . Hehe!«

»Prophet? Wer? Wer ist hinter den Mädeln her?«

»Andrej Petrowitsch! Wirst du's mir glauben? Damals hat er uns allen zugesetzt: was wir essen, woran wir denken! – Das heißt, beinahe so. Er machte uns Vorwürfe und predigte uns Buße: ›Wenn du religiös bist, warum gehst du nicht ins Kloster?‹ Er verlangte das beinah von einem. Mais quelle idée! Und mag es auch richtig sein, es ist doch wohl etwas gar zu streng? Und gerade mir drohte er mit Vorliebe mit dem Jüngsten Gericht, mir am allermeisten.«

»Ich habe nichts dergleichen bemerkt, und ich bin doch schon einen Monat mit ihm zusammen«, erwiderte ich, während ich voll Ungeduld horchte. – Ich ärgerte mich fürchterlich, daß er sich nicht zusammennahm und so ohne Faden daherredete.

»Jetzt sagt er das bloß nicht, aber du kannst mir glauben, so war es. Er ist unstreitig ein sehr gescheiter Mensch, und sehr unterrichtet; aber ist dieser Verstand so recht in Ordnung? Das kam alles, nachdem er die drei Jahre im Ausland gewesen war. Ich muß gestehen, er hat mich sehr erschüttert . . . und alle Welt hat er erschüttert . . . Cher enfant, j'aime le bon Dieu . . . Ich bin gläubig, gläubig, so gut ich kann, – aber damals kam ich tatsächlich ganz aus dem Häuschen. Es mag ja sein, daß meine Art etwas leichtfertig war, aber das hab' ich absichtlich getan, im Ärger, – und zudem war das Wesen meiner Entgegnung ebenso ernsthaft, wie es vom Beginn der Welt gewesen ist: ›Wenn es ein höheres Wesen gibt,‹ sag' ich zu ihm, ›wenn es eins gibt, und es existiert persönlich, und nicht in Gestalt eines Geistes, der über die ganze Schöpfung gegossen ist, wie eine Flüssigkeit etwa (weil dies noch schwerer zu begreifen ist), – wo wohnt Er denn?‹ Lieber Freund, c'était bête, zweifellos, aber schließlich laufen doch alle Entgegnungen in der Sache hierauf heraus. Un domicile – das ist eine wichtige Sache. Er wurde furchtbar böse. Er ist da unten auch zum Katholizismus übergetreten.«

»Von dieser Geschichte habe ich auch schon gehört. Ich bin überzeugt, das ist alles Blödsinn.«

»Ich versichere es dir bei allem, was mir heilig ist. Schau ihn nur richtig an . . . Übrigens sagst du ja, er hätte sich geändert. Na, damals hat er uns alle gepeinigt! Glaube mir, er benahm sich, als ob er ein Heiliger wäre und seine Knochen Reliquien. Er verlangte von uns Rechenschaft über unsern Lebenswandel, ich schwör' es dir! Reliquien! En voilà une autre! Ja, wenn's ein Mönch oder ein Einsiedler gewesen wäre, – aber da läuft einer im Frack herum . . . und auf einmal will er aus Reliquien zusammengesetzt sein! Eine sonderbare Idee für einen Mann von Welt, und, ich muß gestehen, ein sonderbarer Geschmack. Ich will gar nichts dagegen sagen, das sind alles heilige Sachen, und schließlich kann alles vorkommen . . . Außerdem ist das alles de l'inconnu, aber für einen Mann von Welt ist es geradezu unpassend. Wenn mir so etwas passierte, oder wenn man mir das vorschlüge, ich würde mich einfach weigern. Also, ich speise heute im Klub, und auf einmal bin ich – eine Reliquie? Ich mach' mich ja lächerlich! Das hab' ich ihm damals alles auseinandergesetzt . . . Er trug sogar Büßerketten auf dem Leibe.«

Ich wurde vor Zorn feuerrot im Gesicht.

»Haben Sie die selbst gesehen?«

»Ich selbst nicht, aber . . .«

»So kann ich Ihnen nur sagen, daß das alles Lügen sind, ein Gewebe von widerwärtigen Ränken und Verleumdungen seiner Feinde, das heißt, eines Feindes, des unmenschlichen Hauptfeindes, denn er hat nur einen Feind: und das ist Ihre Tochter.«

Jetzt war die Reihe aufzubrausen am Fürsten.

»Mon cher, ich bitte dich, und zwar aufs dringlichste, in Zukunft mir gegenüber nie wieder den Namen meiner Tochter in Verbindung mit dieser ekelhaften Geschichte in den Mund zu nehmen.«

Ich sprang auf. Er war außer sich; sein Kinn zitterte.

»Cette histoire infâme! . . .« fing er wieder an, »ich habe sie nicht geglaubt, ich hab' sie nicht glauben wollen, aber . . . man sagt mir: glaub' es, glaub' es, ich . . .«

Da kam auf einmal der Diener und meldete Besuch; ich setzte mich wieder.

4

Zwei Damen traten ein, beides junge Mädchen, die eine war eine Stieftochter eines Vetters der verstorbenen Frau des Fürsten, oder so was Ähnliches, eine seiner Pflegetöchter, der er ihre Mitgift schon herausbezahlt hatte und die (ich bemerke das für späterhin) auch selbst nicht mittellos war; die zweite war Anna Andrejewna Wersilowa, Wersilows Tochter, drei Jahre älter als ich; sie lebte mit ihrem Bruder bei der Fanariotowa, und ich hatte sie bisher in meinem Leben nur ein einziges Mal gesehen, ganz flüchtig auf der Straße, obschon ich mit ihrem Bruder, allerdings auch ganz flüchtig, schon in Moskau eine Affäre gehabt hatte (es ist sehr möglich, daß ich späterhin etwas von dieser Affäre erwähne, wenn ich Raum dafür habe, denn eigentlich ist es der Mühe nicht wert). Diese Anna Andrejewna war in ihren Kinderjahren eine besondere Favoritin des Fürsten gewesen (Wersilows Bekanntschaft mit dem Fürsten datierte schon ungeheuer weit zurück). Ich war noch so verwirrt von dem, was soeben geschehen war, daß ich bei ihrem Eintritt nicht einmal aufstand, obgleich der Fürst sich erhob und ihnen entgegenging; nachher dachte ich mir, jetzt wäre es schon genierlich, aufzustehen, und blieb sitzen. Der Hauptgrund war, daß ich mich so vor den Kopf gestoßen fühlte, weil der Fürst mich vor drei Minuten so angeschrien hatte, und noch nicht wußte, ob ich fortgehen sollte oder nicht. Aber der alte Herr hatte schon alles absolut vergessen, wie es so seine Mode war, und hatte sich ganz freudig belebt, als er die beiden jungen Mädchen sah. Er hatte sogar, mit schnell verwandeltem Ausdruck und einem gewissen geheimen Blinzeln, Zeit gefunden, mir direkt vor ihrem Eintritt hastig zuzuwispern:

»Schau dir die Olympia an, schau sie dir ganz genau an, ganz genau . . . ich erzähl' dir nachher, warum . . .«

Ich sah sie mir recht genau an und fand nichts Besonderes: es war ein junges Mädchen von mittlerer Größe, dicklich und mit außerordentlich roten Backen. Ihr Gesicht war übrigens ziemlich angenehm, von der Sorte, wie sie den Materialisten gefällt. Es lag vielleicht ein Zug von Güte darin, aber dies mit einer gewissen Einschränkung. Durch besondere Intelligenz glänzte es nicht, aber nur, wenn man das Wort im höheren Sinn anwendet, denn die Schlauheit las man ihr in den Augen. Sie war höchstens neunzehn. Mit einem Wort, nichts irgendwie Bemerkenswertes. Bei uns im Gymnasium hätte man sein Urteil dahin zusammengefaßt: ein gutes Kissen. (Wenn ich so sehr in die Details eingehe, so geschieht das nur, weil ich das für später nötig habe.)

Übrigens möchte ich bemerken: alles, was ich bis jetzt mit scheinbar überflüssiger Ausführlichkeit erzählt habe, – das alles führt aufs Zukünftige und wird sich dort als notwendig erweisen. An seiner Stelle komme ich auf alles zurück; vermeiden konnte ich es nicht; wem es langweilig erscheint, den bitte ich, es nicht zu lesen.

Ein ganz anderes Wesen war Wersilows Tochter. Sie war groß, sogar ein bißchen hager; das Gesicht länglich und auffallend blaß, ihr Haar schwarz und üppig; große, dunkle Augen, ein tiefer Blick; schmale purpurrote Lippen, ein frischer Mund. Sie war die erste Frau, die mir durch ihren Gang keinen Ekel eingeflößt; übrigens war sie schlank und mager. Ihr Gesichtsausdruck war nicht besonders gutmütig, dafür aber selbstbewußt; sie war zweiundzwanzig. Fast keine Spur von äußerer Ähnlichkeit in den Zügen mit Wersilow, dabei aber, ganz wunderlich, eine außerordentliche Ähnlichkeit im Ausdruck ihres Gesichtes. Ich weiß nicht, ob sie hübsch ist; das ist Geschmackssache. Sie waren beide sehr bescheiden gekleidet, so daß es sich nicht verlohnt, näheres darüber zu sagen. Ich erwartete sofort durch irgendeinen Blick oder eine Geste von Fräulein Wersilowa beleidigt zu werden und bereitete mich darauf vor; hatte mich doch ihr Bruder in Moskau gleich bei unserer ersten Berührung in diesem Leben beleidigt. Von Angesicht konnte sie mich nicht kennen, aber sie hatte natürlich gehört, daß ich täglich zum Fürsten käme. Alles, was der Fürst unternahm und tat, erweckte in diesem ganzen Haufen von Verwandten und »Aspirantinnen« Interesse und wurde als ein Ereignis angesehen, – um so mehr natürlich die plötzliche große Zuneigung des Fürsten zu mir. Ich wußte zuverlässig, daß der Fürst sich sehr für Anna Andrejewnas Zukunft interessierte und einen Bräutigam für sie suchte. Aber es war schwerer für das Fräulein Wersilowa einen Bräutigam zu finden, als für die Damen, die auf Canevas stickten.

Und siehe da, es kam ganz anders, als ich erwartet hatte. Fräulein Wersilowa schüttelte dem Fürsten die Hand und wechselte ein paar lustige weltläufige Phrasen mit ihm, dann schaute sie äußerst neugierig auf mich, und als sie sah, daß ich sie auch anschaute, grüßte sie mich plötzlich mit einem Lächeln. Es ist ja richtig, sie war gerade gekommen und begrüßte mich als neuer Ankömmling, aber ihr Lächeln war so liebenswürdig, daß man merken konnte, sie hatte sich das schon vorher vorgenommen. Und ich weiß noch, ich hatte ein sehr angenehmes Gefühl dabei.

»Und das . . . und das ist mein lieber junger Freund Arkadij Andrejewitsch Dol . . .« stammelte der Fürst, der bemerkt hatte, daß sie mich begrüßte, daß ich aber noch immer saß, – aber auf einmal brach er ab: vielleicht machte ihn der Gedanke verwirrt, daß er mich mit ihr bekannt machen sollte (denn in Wirklichkeit waren wir ja Bruder und Schwester). Das »Kissen« begrüßte mich gleichfalls; ich aber brauste plötzlich höchst albernerweise auf und fuhr von meinem Stuhl empor: ein Anfall von künstlich gesteigertem, gänzlich sinnlosem Stolz; alles nur aus Eitelkeit.

»Entschuldigen Sie, Fürst, ich . . . ich heiße nicht Arkadij Andrejewitsch, sondern Arkadij Makarowitsch«, fiel ich ihm schneidend ins Wort, ohne daran zu denken, daß ich doch die Begrüßung der Damen erwidern mußte. Wenn doch der Teufel diese peinliche Minute geholt hätte!

»Mais . . . tiens!« rief der Fürst und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

»Wo haben Sie Ihre Ausbildung genossen?« erscholl vor mir die dümmliche und gedehnte Frage des Kissens, das direkt auf mich zugetreten war.

»In Moskau, auf dem Gymnasium.«

»Ach ja! Ich hab' schon davon gehört. Und ist es da nett?«

»Sehr nett.«

Ich stand noch immer und sprach wie ein Soldat, der eine Meldung macht.

Die Fragen dieses jungen Mädchens waren zweifellos nicht sehr geistvoll, aber immerhin mühte sie sich doch, meinen dummen Ausbruch zu vertuschen, und dem Fürsten in seiner Verlegenheit zu helfen, der übrigens derweil schon mit lustigem Lächeln zuhörte, wie ihm Fräulein Wersilowa irgend etwas Lustiges ins Ohr wisperte, – es bezog sich augenscheinlich nicht auf mich. Aber es war die Frage: warum wirft sich dieses junge Mädchen, das ich gar nicht kenne, dazu auf, meinen dummen Ausbruch zu vertuschen? Und zugleich konnte ich mir gar nicht vorstellen, daß sie sich so ganz ohne Grund an mich gewandt hätte: da steckte irgendeine Absicht dahinter. Sie schaute mich gar zu neugierig an, ganz, als wünschte sie, ich möchte sie auch möglichst viel bemerken. Das alles habe ich mir dann später kombiniert und – mich nicht getäuscht.

»Was, also heute?« rief der Fürst plötzlich und sprang auf.

»Haben Sie denn das nicht gewußt?« sagte Fräulein Wersilowa erstaunt. »Olympia, der Fürst wußte gar nicht, daß Katerina Nikolajewna heute ankommen wollte. Wir wollten sie ja besuchen, wir dachten, sie wäre schon mit dem Frühzug gekommen und längst zu Hause. Gerade eben haben wir sie unten an der Treppe getroffen: sie kam direkt von der Bahn und sagte, wir sollten nur zu Ihnen hinaufgehen, sie käme auch gleich . . . Da ist sie ja schon!«

Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und – jene Frau trat ein.

Ich kannte ihr Gesicht schon, von dem wundervollen Porträt, das im Kabinett des Fürsten hing. Jetzt war ich nur drei Minuten mit ihr im Kabinett zusammen und wandte auch nicht eine Sekunde die Augen von ihrem Gesicht. Aber wenn ich das Porträt nicht gekannt hätte, und man hätte mich nach diesen drei Minuten gefragt: »Wie sieht sie aus?« – ich wäre nicht imstande gewesen, eine Antwort zu geben, so umwölkt hatte sich alles in mir. Ich erinnere mich nach diesen drei Minuten nur einer wirklich schönen Frau, die der Fürst küßte, während er ein Kreuz über sie schlug, und die mich auf einmal mit einem schnellen Blick zu fixieren begann, – fast im gleichen Moment als sie eingetreten war. Ich hörte deutlich, wie der Fürst, indem er ganz offen mit der Hand auf mich deutete, irgend etwas von dem neuen Sekretär murmelte und meinen Namen nannte, dabei schlug er eine Art von kleiner Lache auf. Sie rümpfte in ganz besonderer Art die Nase, musterte mich mit einem bösen Blick und lächelte so dreist, daß ich unwillkürlich einen plötzlichen Schritt machte, auf den Fürsten zutrat und zu stammeln anfing, ohne ein Wort zu Ende zu bringen; dabei zitterte ich schrecklich und klapperte, glaub' ich, mit den Zähnen.

»Jetzt will ich . . . ich habe zu tun . . . Ich gehe.«

Und ich drehte mich um und ging. Keiner sagte ein Wort zu mir, nicht einmal der Fürst; alle schauten mich nur an. Später hat mir der Fürst gesagt, ich wäre so bleich geworden, daß er einfach »Angst gekriegt« hätte.

Das war nun allerdings ganz überflüssig!

Drittes Kapitel
1

Es war wirklich ganz überflüssig: denn eine höhere Erwägung verschlang alle Kleinigkeiten, und ein mächtiges Gefühl entschädigte mich für alles andere. Ich verließ das Zimmer in einer Art von Verzückung. Als ich auf die Straße trat, hätte ich am liebsten laut zu singen angefangen. Und der Morgen war herrlich, recht wie zu meiner Stimmung gemacht, Sonne, viele Menschen, Lärm, Bewegung, Fröhlichkeit, Gedränge. – Ja, hatte mich denn diese Frau nicht beleidigt? Von wem hätte ich mir solch einen Blick und so ein dreistes Lächeln gefallen lassen, ohne sofort zu protestieren, und wäre es auch auf die dümmste Weise gewesen, – das ist ja ganz egal? Ich bitte zu beachten, daß sie schon mit der Absicht gekommen war, mich, den sie noch nie gesehen hatte, möglichst schnell zu beleidigen: in ihren Augen war ich nur der »heimliche Abgesandte Wersilows«, und sie war damals wie noch lange nachher überzeugt davon, daß Wersilow ihr ganzes Schicksal in Händen hielte und ein Mittel hätte, sie sofort zu ruinieren, sobald er nur wollte, durch ein Dokument; wenigstens vermutete sie das. Hier galt es einen Zweikampf auf Leben und Tod. Und siehe da – ich war nicht beleidigt! Die Beleidigung war geschehen, ich hatte sie aber nicht empfunden! Im Gegenteil! Ich war sogar froh; ich war hergekommen, um sie zu hassen, jetzt fühlte ich sogar, daß ich sie zu lieben anfing. »Ich weiß nicht, ob eine Spinne die Fliege hassen kann, auf die sie zielt, und die sie zu fangen sucht? Liebe kleine Fliege! Ich glaube, man liebt sein Opfer: wenigstens kann man es lieben. Ich wenigstens liebe meinen Feind: ich freue mich zum Beispiel sehr, daß sie so schön ist. Ich freue mich riesig, daß Sie so hochnäsig und majestätisch sind, gnädige Frau: wenn Sie friedfertiger wären, hätte ich nicht solchen Genuß davon. Sie haben mich angespuckt, aber ich triumphiere; und wenn Sie mir tatsächlich, mit wirklichem Speichel, ins Gesicht gespuckt hätten, so wäre ich sicherlich auch nicht wütend geworden; denn Sie sind – mein Opfer, meins, und nicht seins. Wie wohlig ist dieser Gedanke! Nein, geheimes Machtbewußtsein ist unendlich viel reizvoller, als offene Herrschaft! Wenn ich ein Krösus mit hundert Millionen wäre, ich glaube, ich würde meinen höchsten Genuß darin finden, in recht schäbigen Kleidern herumzulaufen und mich für einen ganz armen und elenden Menschen halten zu lassen, dem man beinahe ein Almosen geben möchte, mich puffen und verachten zu lassen: ich hätte an dem Bewußtsein ganz allein genug.«

So ungefähr könnte ich meine damaligen Gedanken in Worte kleiden, und meine Freude, und viel von dem, was ich fühlte. Ich möchte nur noch erwähnen, daß das hier, in den Worten, die ich soeben geschrieben habe, leichtfertiger herausgekommen ist: in Wahrheit war ich tiefer und keuscher. Mag sein, daß ich auch jetzt vor mir selber keuscher bin, als es in meinen Worten und Taten an den Tag tritt; Gott gebe es!

Vielleicht war es gar nicht gut, daß ich mich zum Schreiben hingesetzt habe: in mir bleibt unermeßlich viel mehr zurück, als in meinen Worten herauskommt. Dein Gedanke, und mag er auch töricht sein, ist immer tiefer, solange er in deinem Innern bleibt, und wird lächerlicher und ehrloser, sobald du ihn in Worte faßt. Wersilow hat mir gesagt, daß das genaue Gegenteil nur bei schlechten Menschen stattfindet. Die lügen nur, sie haben es leicht; ich aber mühe mich, die ganze Wahrheit niederzuschreiben – das ist furchtbar schwer!

2

An diesem neunzehnten September unternahm ich noch einen »Schritt«.

Zum erstenmal, seit ich hier war, hatte ich Geld in der Tasche, denn meine während zweier Jahre zusammengesparten sechzig Rubel hatte ich meiner Mutter gegeben, wie ich früher schon erwähnt; aber schon vor einigen Tagen hatte ich beschlossen, an dem Tage, da ich mein Gehalt empfinge, eine »Probe« zu machen, von der ich schon lange träumte. Tags zuvor hatte ich mir schon eine Adresse aus der Zeitung ausgeschnitten – die »Bekanntmachung des Gerichtsvollziehers beim St. Petersburger Bezirksgericht« usw. usw., daß, am 19. September a. c. mittags zwölf Uhr, im Kasaner Viertel, in dem und dem Bezirk usw. usw., im Hause Nummer so und so, die Versteigerung der beweglichen Habe der Frau Lebrecht stattfinde, und daß »das Verzeichnis und die Schätzungsziffern der unter den Hammer kommenden Gegenstände, sowie diese selbst am Versteigerungstage eingesehen werden könnten« usw. usw.

Es war kurz nach zwei. Ich eilte zu Fuß nach der bezeichneten Gegend. Seit drei Jahren schon benutze ich nie eine Droschke, – ich habe mir das Wort darauf gegeben (sonst hätte ich mir jene sechzig Rubel nicht ersparen können). Ich war noch nie zu einer Auktion gegangen, ich hatte mir das noch nicht erlaubt; und wenn der »Schritt«, den ich heute tun wollte, auch nur ein Versuch sein sollte, so hatte ich mich doch seit langem entschlossen, ihn erst dann zu machen, wenn ich mit dem Gymnasium fertig wäre, wenn ich mit allem gebrochen und mich in meiner Schale verschanzt hätte und vollkommen frei wäre. Es ist ja richtig, ich war noch nicht im entferntesten in meiner »Schale«, und ich war bei weitem noch nicht frei, aber ich hatte ja beschlossen, den Schritt nur zu tun, um einmal eine Probe zu machen, – nur so, um einmal zu sehen, wie es war, fast nur, um gleichsam davon zu träumen, und nachher wollte ich, vielleicht auf lange, nichts dergleichen mehr unternehmen, bis die Zeit gekommen wäre, wo es ernsthaft anfinge. Für jedermann war dies nur eine kleine dumme Auktion, für mich aber der erste Balken von dem Schiffe, auf dem Kolumbus ausfuhr, um Amerika zu entdecken. Das etwa waren die Gefühle, die ich damals hatte.

Als ich angelangt war, ging ich in die Tiefe des Hofes vor dem Hause, das in der Bekanntmachung bezeichnet war, und betrat die Wohnung der Frau Lebrecht. Die Wohnung bestand aus einem Entree und vier kleinen und niedrigen Zimmern. Im ersten Zimmer standen viele Leute, es können leicht dreißig gewesen sein; davon bot etwa die Hälfte mit, die andern waren, soviel ich nach ihrem Aussehen beurteilen konnte, nur neugierige Zuschauer, oder Liebhaber, oder Beauftragte der Lebrecht; es waren da Trödler und Juden, die sich auf die Goldsachen spitzten, und auch einige Leute aus der »saubergekleideten« Bevölkerungsklasse. Sogar die Gesichter einiger von diesen Herrschaften haben sich meinem Gedächtnis eingeprägt. In dem Zimmer zur Rechten, dessen Flügeltür offenstand, war direkt an die Tür ein Tisch geschoben, so daß man in dies Zimmer nicht hineinkonnte: dort befanden sich die vorher näher beschriebenen, »zum Verkauf gestellten« Sachen. Links lag ein anderes Zimmer, aber die Tür war geschlossen, öffnete sich aber jeden Augenblick ein klein wenig, und man sah, daß jemand herausschaute – wahrscheinlich eins von den zahlreichen Familienmitgliedern der Frau Lebrecht, der die ganze Geschichte natürlich äußerst peinlich war. Hinter dem Tisch an der Tür, das Gesicht zum Publikum gewandt, saß der Herr Gerichtsvollzieher und versteigerte die Sachen. Als ich kam, war die Versteigerung schon zur Hälfte vorbei – ich drängte mich gleich bis an den Tisch durch. Es waren gerade ein paar Bronzeleuchter an der Reihe. Ich schaute mich um.

Ich schaute mich um und fing gleich an zu überlegen, was ich hier kaufen könnte? Und was ich wohl jetzt mit ein paar Bronzeleuchtern anfangen würde, und ob ich mein Ziel erreichen würde, und ob man es wohl so machen müßte, und ob meine Spekulation wohl glücken würde? Und ob meine Spekulation nicht kindisch wäre? Das alles überlegte ich mir und wartete. Es war das Gefühl, wie's einer vor dem Spieltisch in dem Augenblick hat, wo er seine Karte noch nicht gesetzt hat; aber er ist gekommen, um zusetzen: »Wenn ich mag, setz' ich, wenn ich mag, geh' ich, – es ist mein freier Wille.« Das Herz pocht einem dann noch nicht, aber sein Schlag stockt ein klein wenig, und es zittert, – ein Gefühl, das schon seinen Reiz hat. Aber sehr bald fängt die Unentschlossenheit an, einem unbehaglich zu werden, man wird gleichsam blind: man streckt die Hand aus, ergreift eine Karte, aber ganz mechanisch, als führte einem ein anderer die Hand; endlich hat man sich entschlossen und setzt, – dann ist das Gefühl auf einmal ganz verändert, ein ungeheures Gefühl. Ich spreche hier nicht von Auktionen im allgemeinen, ich spreche nur von mir selber: wer sonst könnte denn auf einer Auktion Herzklopfen bekommen?

Es waren da Leute, die sich erhitzten, Leute, die schwiegen und warteten, Leute, die etwas erstanden und es nachher bereuten. Ich muß sogar sagen, ich hatte nicht das geringste Mitgefühl mit einem Herrn, der aus Versehen, weil er sich verhört hatte, eine Sahnenkanne aus Alfenide für eine silberne kaufte und statt zwei Rubel fünf bezahlen mußte, es machte mir im Gegenteil Spaß. Der Gerichtsvollzieher wechselte mit den Sachen ab: nach den Leuchtern kamen ein Paar Ohrringe an die Reihe, nach den Ohrringen ein gesticktes Saffiankissen, danach eine Schatulle, – wahrscheinlich, um etwas Abwechslung hineinzubringen, oder auf Wünsche hin, die von einzelnen Bietern geäußert worden waren. Ich stand so etwa zehn Minuten da, dachte erst an das Kissen, dann an die Schatulle, aber im entscheidenden Moment schnappte ich jedesmal ab: diese Gegenstände schienen mir gänzlich unmöglich. Endlich hatte der Gerichtsvollzieher ein Album in der Hand.

»Ein Stammbuch, Einband aus rotem Saffian, gebraucht, mit Aquarell- und Tuschzeichnungen, in einem geschnitzten Elfenbeinfutteral mit silbernen Beschlägen – zwei Rubel!«

Ich trat näher heran: das Ding sah ja fein aus, aber die Elfenbeinschnitzerei war an einer Stelle beschädigt. Ich war der einzige, der es besah, alles schwieg; ich hatte keine Konkurrenten. Ich hätte die Schließen öffnen und das Stammbuch aus dem Futteral nehmen können, um den Gegenstand genau zu besichtigen, aber ich übte dieses Recht nicht aus, ich machte nur eine gleichgültige Handbewegung, aber meine Hand zitterte dabei: »das ist ja ganz gleich.«

»Zwei Rubel fünf Kopeken«, sagte ich, ich glaube, mit klappernden Zähnen.

Es wurde mir zugeschlagen. Ich holte sofort mein Geld heraus, zahlte, nahm das Album und zog mich in eine Ecke des Zimmers zurück; dort nahm ich es aus dem Futteral und begann es fieberhaft und flüchtig zu durchblättern: wenn man vom Futteral absah, war es der größte Schund von der Welt, – ein Büchlein im Format eines kleinen Bogens Briefpapier, nur dünn, mit verschlissenem Goldschnitt, – genau der Typus, wie er in früheren Zeiten bei den jungen Mädchen üblich war, die gerade das Institut verlassen hatten. Bildchen in Tusche und bunten Farben, ein Tempel auf einem kleinen Berg, Amoretten, ein Teich, auf dem Schwäne schwammen, und Vers:

»Lebt wohl auf lange, meine Lieben,

Ich muß nun in die Ferne gehn,

Ein einziger Trost ist mir geblieben,

Das kleine Wort: auf Wiedersehn!«

(Ich weiß nicht, warum das so in meinem Gedächtnis haften geblieben ist.) Ich kam zu dem Schlusse, daß ich »hereingefallen« wäre; wenn es etwas gab, das kein Mensch brauchen konnte, war es dies Ding.

»Macht nichts,« dachte ich kurz entschlossen, »auf die erste Karte muß man unbedingt verlieren; das ist sogar eine gute Vorbedeutung.«

Ich war entschieden vergnügt.

»Ach, ich bin zu spät gekommen; Sie haben es? Sie haben es gekauft?« klang plötzlich neben mir die Stimme eines Herrn in blauem Paletot, der stattlich aussah und gut gekleidet war. Er war zu spät gekommen.

»Ich bin zu spät gekommen. Ach, wie schade! Für wieviel?«

»Zwei Rubel fünf Kopeken.«

»Ach, wie schade! Würden Sie es mir nicht abtreten?«

»Kommen Sie mit«, flüsterte ich ihm zu, und mein Herzschlag stockte.

Wir gingen auf die Treppe hinaus.

»Ich gebe es Ihnen für zehn Rubel«, sagte ich und fühlte, wie es mir kalt im Rücken wurde.

»Zehn Rubel! Lieber Gott, was denken Sie!«

»Wenn Sie nicht wollen –«

Er verschlang mich förmlich mit den Augen: ich war gut gekleidet: ich sah nicht entfernt einem Juden oder einem Trödler ähnlich.

»Um Gottes willen, das ist aber doch nur ein schäbiges altes Album, wer kann das brauchen? Das Futteral ist doch, bei Licht besehen, nichts wert, Sie glauben doch nicht, daß Sie einen Käufer dafür finden?«

»Sie wollen es ja kaufen.«

»Ja, aber doch aus einem ganz besonderen Grund, ich habe erst gestern davon erfahren: es gibt doch sonst niemanden, der es kaufen würde! Was denken Sie denn?«

»Ich hätte eigentlich fünfundzwanzig Rubel verlangen sollen, aber da ich dabei immerhin riskierte, Sie könnten von dem Handel zurücktreten, so habe ich der Sicherheit halber nur zehn verlangt. Ich lasse keine Kopeke herunter.«

Ich drehte mich um und ging.

»Ich geb' Ihnen vier Rubel,« mit diesen Worten holte er mich schon auf dem Hofe ein, »also, fünf.«

Ich sagte nichts und ging weiter.

»Na, dann also!« Er zog zehn Rubel aus der Tasche, ich gab ihm das Album.

»Aber Sie werden mir zugeben, daß das nicht ehrlich ist! Zwei Rubel und zehn – nicht wahr?«

»Wieso nicht ehrlich? Das ist eben der Markt!«

»Was heißt Markt?« (Er wurde wütend.)

»Wo eine Nachfrage ist, da ist auch ein Markt; – wenn Sie nicht gekommen wären, ich hätte nicht einmal vierzig Kopeken dafür gekriegt.

Ich hätte beinah laut herausgelacht und war doch ganz ernst, aber innerlich lachte ich, – nicht, daß ich vor Entzücken gelacht hätte, ich weiß selbst nicht weshalb, ich kam dabei etwas außer Atem.

»Hören Sie,« fuhr es mir unaufhaltsam heraus, aber ich sprach in freundschaftlichem Ton und hatte ihn dabei furchtbar lieb: »hören Sie mal: der verstorbene James Rothschild, der Pariser, wissen Sie, der tausendsiebenhundert Millionen Franken hinterlassen hat (er nickte mit dem Kopf), also dieser Rothschild erfuhr, er war damals noch jung, zufällig ein paar Stunden früher als alle anderen von der Ermordung des Herzogs von Berry; er machte gewissen Leuten Mitteilung davon und verdiente durch diesen einen Schlag in einem Augenblick ein paar Millionen – so machen es solche Leute!«

»Sie sind wohl der Rothschild, was?« schrie er mich unwillig an, als hielte er mich für einen Narren.

Ich entfernte mich schnell. Der eine Schritt – und ich hatte sieben Rubel fünfundneunzig verdient! Dieser Schritt war ganz sinnlos gewesen, das reinste Kinderspiel, das geb' ich gern zu, aber ganz einerlei, er war doch mit meinem Gedanken zusammengefallen und mußte mich ungeheuer tief erregen . . . Es hat übrigens keinen Zweck, Gefühle schildern zu wollen. Der Zehnrubelschein steckte in meiner Westentasche, ich steckte zwei Finger hinein, um ihn zu fühlen – und so ging ich weiter, ohne die Hand herauszuziehen. Als ich etwa hundert Schritte auf der Straße gegangen war, zog ich den Schein heraus, um ihn anzusehen, ich sah ihn an und wollte ihn küssen. Vor die Tür eines Hauses rasselte auf einmal eine Equipage: der Portier öffnete die Tür, und aus dem Hause trat eine Dame, um in den Wagen zu steigen, sie war hochgewachsen, jung, hübsch, reich, in Seide und Samt, mit einer zwei Ellen langen Schleppe. Plötzlich glitt ihr ein hübsches, kleines Portefeuille aus der Hand und fiel auf die Erde; sie stieg ein; der Diener bückte sich, um das kleine Ding aufzuheben, aber ich sprang schnell hinzu, hob es auf und überreichte es der Dame, dabei zog ich meinen Hut. (Einen Zylinderhut, ich war gut gekleidet, wie ein feiner junger Mann!) Die Dame sagte gehalten, aber mit dem freundlichsten Lächeln: »Merci, m'sieu.« Die Equipage rasselte davon. Ich küßte meinen Zehnrubelschein.

3

Ich mußte an jenem Tage auch noch Jefim Sweriow aufsuchen, einen früheren Schulkameraden von mir, der seinerzeit das Gymnasium verlassen und nach Petersburg gegangen war, um dort eine höhere Fachschule zu besuchen. Ihn persönlich näher zu beschreiben, ist der Mühe nicht wert, und eigentlich freundschaftlich hatte ich mich nie mit ihm gestanden; aber in Petersburg hatte ich ihn aufgesucht; er konnte mir (infolge verschiedener Umstände, die auch nicht erwähnenswert sind) die Adresse eines gewissen Herrn Kraft mitteilen, sobald dieser aus Wilna zurückgekehrt sein würde, und dies war ein Mensch, den ich sehr nötig hatte. Und jetzt erwartete Sweriow ihn heute oder morgen zurück, das hatte er mich vor zwei Tagen wissen lassen. Mein Weg führte mich nach der Petersburger Seite, aber ich fühlte keine Müdigkeit.

Sweriow (er zählte auch neunzehn Jahre) traf ich im Hofe des Hauses seiner Tante, bei der er zur Zeit wohnte. Er hatte gerade Mittag gegessen und ging auf Stelzen im Hof herum. Er sagte mir gleich, daß Kraft schon gestern angekommen und in seiner früheren Wohnung abgestiegen sei, ganz in der Nähe, auch auf der Petersburger Seite, und daß er auch den Wunsch hegte, mich möglichst bald zu sehen, da er mir eine dringliche und wichtige Mitteilung zu machen hätte.

»Er muß wieder irgendwohin reisen«, fügte Jefim hinzu.

Da es, wie die Umstände lagen, für mich von der allerhöchsten Wichtigkeit war, Kraft zu treffen, so bat ich Jefim, mich sofort in seine Wohnung zu führen, die übrigens nur zwei Schritte von dort in irgendeiner Seitenstraße lag. Aber Sweriow erklärte mir, er hätte Kraft schon vor einer Stunde getroffen und dieser wäre zu Dergatschow gegangen.

»Gehen wir also zu Dergatschow, was sträubst du dich immer; hast du Angst?«

Es war richtig, Kraft konnte am Ende lange bei Dergatschow sitzen bleiben und wo sollte ich dann auf ihn warten? Ich hatte keine Angst zu Dergatschow zu gehen, aber ich hatte keine Lust, obgleich es schon das dritte Mal war, daß mich Jefim hinschleppen wollte. Und dies »hast du Angst?« brachte er noch dazu immer mit einem Lächeln vor, das wenig Schmeichelhaftes für mich hatte. Von Feigheit war da gar keine Rede, das möchte ich gleich sagen, und wenn ich mich fürchtete, war es aus einem ganz anderen Grunde. Diesmal entschloß ich mich, hinzugehen; es war auch nur ein Weg von zwei Schritten. Unterwegs fragte ich Jefim, ob er noch immer die Absicht hätte, nach Amerika auszuwandern.

»Vielleicht warte ich auch noch«, erwiderte er mit einem leichten Auflachen.

Ich liebte ihn nicht besonders, ich liebte ihn sogar überhaupt nicht. Er war sehr weißblond und hatte ein volles, gar zu weißes Gesicht, unästhetisch weiß sogar, bis zur Kindlichkeit; von Wuchs war er sogar größer als ich, aber man konnte ihn kaum für älter als siebzehn halten. Mit ihm ein Gespräch zu führen war unmöglich.

»Was ist denn da los? Am Ende immer ein Haufen Leute?« erkundigte ich mich genau.

»Warum hast du denn immer Angst?« grinste er wieder.

»Scher dich zum Teufel«, sagte ich wütend.

»Absolut kein Haufen Leute. Es kommen nur Bekannte hin, lauter Gesinnungsgenossen, sei ganz ruhig.«

»Das kümmert mich den Teufel, ob es Gesinnungsgenossen sind oder nicht! Ich komme doch nicht als Gesinnungsgenosse hin? Woher wissen diese Leute, daß sie mir vertrauen können?«

»Ich bringe dich mit, und das genügt. Sie haben auch schon von dir gehört. Kraft kann ja auch Auskunft über dich geben.«

»Sag mal, wird Wasin da sein?«

»Ich weiß nicht.«

»Wenn er da ist, so stoß mich beim Eintreten an, und zeig' mir Wasin; verstehst du, gleich beim Eintreten.«

Von Wasin hatte ich schon ziemlich viel gehört und ich interessierte mich schon lange für ihn.

Dergatschow wohnte in einem kleinen Hintergebäude, auf dem Hofe hinter einem Holzhause, das einer Kaufmannsfrau gehörte, aber dafür hatte er das Häuschen für sich allein. Es enthielt im ganzen drei reinliche Zimmer. An sämtlichen vier Fenstern waren die Vorhänge heruntergelassen. Er war Techniker und hatte eine Anstellung in Petersburg; ich hatte beiläufig gehört, ihm wäre eine sehr günstige Privatstellung in der Provinz angeboten, er wolle demnächst dahin übersiedeln.

Kaum waren wir in das winzige Vorzimmer getreten, da hörten wir schon Stimmen: es schien heftig gestritten zu werden, und jemand schrie: »Quae medicamenta non sanant – ferrum sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat!«

Ich war tatsächlich etwas unruhig. Es ist ja klar, ich war an Gesellschaft nicht gewöhnt, nicht einmal an irgendeine beliebige. Auf dem Gymnasium hatte ich mit den Kameraden auf du und du gestanden, aber so eigentlich ein Kamerad war mir keiner gewesen; ich hatte mir meinen Winkel geschaffen und lebte in diesem Winkel. Aber das war es nicht, was mich verwirrt machte. Für jeden Fall hatte ich mir das Wort gegeben, mich auf keine Diskussionen einzulassen und nur das Allernotwendigste zu sprechen, so daß niemand daraus Schlüsse auf mich ziehen konnte; die Hauptsache war – keine Diskussionen!

In dem Zimmer, das wirklich gar zu klein war, waren sieben Leute und wenn man die Damen mitrechnet, zehn. Dergatschow war fünfundzwanzig Jahre alt und er war verheiratet. Seine Frau hatte eine Schwester und noch eine Verwandte; die beiden lebten auch bei Dergatschow. Das Zimmer war ziemlich gleichgültig möbliert, übrigens ausreichend, und es war sogar alles recht sauber. An der Wand hing ein Porträt in Lithographie, es sah aber recht billig aus, und in der Ecke ein Heiligenbild ohne Fassung, aber eine ewige Lampe brannte davor. Dergatschow kam mir entgegen, drückte mir die Hand und bat mich, Platz zu nehmen.

»Setzen Sie sich, hier sind wir ganz unter uns.«

»Ja, bitte schön, –« fügte sogleich eine recht nett aussehende junge Frau hinzu, die sehr bescheiden gekleidet war, dann verbeugte sie sich flüchtig vor mir und ging hinaus. Das war seine Frau. Sie sah so aus, als ob sie mit diskutiert hätte, jetzt ging sie, ihr Kind zu stillen. Aber es blieben noch zwei Damen im Zimmer: – die eine war sehr klein von Wuchs, etwa zwanzig Jahre alt, trug ein schwarzes Kleid und gehörte auch durchaus nicht zu den Häßlichen, und die andere zählte wohl dreißig, sie war dürr und hatte stechende Augen. Beide saßen sie da und spitzten die Ohren, beteiligten sich aber nicht am Gespräch.

Die Herren standen alle, es saßen, außer mir, nur Kraft und Wasin; Jefim zeigte sie mir gleich, denn auch Kraft sah ich zum erstenmal im Leben. Ich stand auf und ging, mich ihnen vorzustellen. Krafts Gesicht werde ich niemals vergessen: es war durchaus nicht von besonderer Schönheit, aber es lag so ungeheuer viel Arglosigkeit und Feinfühligkeit darin, obgleich das Bewußtsein des eigenen Wertes sich auch deutlich genug abspiegelte. Er war sechsundzwanzig, ziemlich mager, übermittelgroß, blond, das Gesicht ernst, aber weich; etwas Stilles war über den ganzen Menschen ausgegossen. Aber trotzdem, wenn man mich gefragt hätte, ob ich mein, ich kann wohl sagen, ziemlich triviales Gesicht gegen seins vertauschen wollte, das mir so anziehend erschien, ich hätte nein gesagt. Es lag etwas in seinem Gesicht, was ich mir in meins nicht hineingewünscht hätte, etwas schon gar zu ruhiges im moralischen Sinne, eine gewisse Art von heimlichem, unbewußtem Hochmut. Übrigens, genau genommen, konnte ich damals wahrscheinlich noch nicht so urteilen; es kommt mir nur jetzt so vor, als ob ich damals so geurteilt hätte, jetzt, da ich weiß, was ich weiß.

»Ich freue mich sehr, daß Sie gekommen sind,« sagte Kraft, »ich habe einen Brief, der Sie angeht. Wir bleiben noch ein bißchen hier, dann kommen Sie mit in meine Wohnung.«

Dergatschow war von mittlerer Größe, breitschulterig, kräftig und trug einen großen dunkeln Bart; aus seinem Blick sprach eine spähende Behutsamkeit, und aus seinem ganzen Wesen eine starke Zurückhaltung, eine gewisse unverbrüchliche Vorsicht; wenn er auch wenig mitredete, so leitete er die Unterhaltung doch sichtlich. Wasins Gesicht machte keinen so sehr großen Eindruck auf mich, obgleich ich schon viel von seiner kolossalen Klugheit gehört hatte: er war blond, hatte große hellgraue Augen, sein Gesicht war sehr offen, aber zugleich lag eine gewisse übertriebene Festigkeit darin; man konnte gleich darauf schließen, daß man hier einem wenig mitteilsamen Menschen gegenüber stände, aber seine Augen schauten klug, klüger, als die Dergatschows, tiefer, – die klügsten Augen im Zimmer; übrigens ist es wohl möglich, daß ich jetzt alles übertreibe. Was die übrigen betrifft, so erinnere ich mich überhaupt nur noch an zwei Gesichter unter allen diesen jungen Leuten: es war ein hochgewachsener, brünetter Mensch da mit schwarzem Backenbart, der viel sprach, er konnte siebenundzwanzig sein und war wohl Lehrer oder so was, und dann ein junger Bursche in meinem Alter, in russischer Tracht, – mit faltigem Gesicht, schweigsam, mehr zuhörend. Ich erfuhr nachher, daß er von bäuerlicher Abkunft war.

»Nein, so darf man das nicht formulieren«, begann der Lehrer mit dem schwarzen Backenbart, der sich mehr als alle anderen ereiferte, und offenbar knüpfte er damit dort an, wo unser Eintritt die Debatte unterbrochen hatte: »Von mathematischen Beweisen will ich gar nichts sagen, das ist doch eine Idee, die ich gerne auch ohne mathematische Beweise glauben will, aber . . .«

»Wart' mal, Tichomirow,« unterbrach ihn Dergatschow mit lauter Stimme, »die neuen Gäste verstehen ja kein Wort davon. Sehn Sie,« wandte er sich auf einmal direkt an mich ganz allein (und ich muß bekennen, wenn er mich als Neuling examinieren und mich zum Sprechen bringen wollte, so war das sehr geschickt von ihm angefangen; ich empfand das sogleich und war auf meiner Hut): »sehn Sie also, das hier ist also Herr Kraft, den wir alle sehr gut kennen, was seinen Charakter und die Solidität seiner Überzeugungen betrifft. Er ist infolge einer ganz gewöhnlichen Tatsache zu einem höchst ungewöhnlichen Schluß gelangt, durch den er unser aller größtes Erstaunen erregt hat. Sein Schluß lautete, das russische Volk wäre ein Volk zweiten Ranges . . .«

»Dritten Ranges«, schrie jemand dazwischen.

». . . zweiten Ranges, und seine ihm von der Vorsehung zugewiesene Aufgabe sei es, als Material für einen edleren Volksstamm zu dienen, nicht aber, eine selbständige Rolle in den Geschicken der Menschheit zu spielen. Aus der Voraussetzung dieses, vielleicht auch richtigen, Schlusses hat Herr Kraft die weitere Folgerung gezogen, daß diese Idee jeden ferneren Tatendrang von uns Russen paralysieren müsse, es müßten, sozusagen, alle die Hände in den Schoß legen und . . .«

»Erlaub' mal, Dergatschow, das darf man nicht so formulieren«, fiel ihm Tichomirow wieder ungeduldig ins Wort (und Dergatschow schwieg und ließ ihn reden). »Wenn man betrachtet, daß Kraft ernsthafte Studien gemacht und seine Schlüsse, die er als mathematisch anerkennt, auf physiologischer Grundlage erreicht hat, und daß er mit seiner Theorie (die ich mit der größten Ruhe a priori als bewiesen angenommen hätte) vielleicht zwei Jahre totgeschlagen hat, wenn man das betrachtet, was für einen Eindruck diese Sache auf Kraft macht und wie ernst er sie nimmt, so muß man sie als ein Phänomen ansehen. Aus allem diesen ergibt sich eine Frage, die Kraft nicht verstehen kann, und das ist ja eben, worauf es ankommt, nämlich, daß Kraft das nicht versteht, weil dies eben das Phänomen ist. Man muß entscheiden, ob dieses Phänomen, als einzig in seiner Art, vor das Forum des Psychiaters gehört, oder ob das eine Eigenschaft ist, die normalerweise auch bei anderen vorkommen kann; das ist eben das Interessante daran im Hinblick auf die allgemeine Sache. Was Kraft über Rußland sagt, glaub' ich ihm gern, ich möchte meinetwegen sogar sagen, ich freue mich darüber; wenn sich alle diese Idee zu eigen machten, so würde sie vielen die Fesseln von den Händen nehmen und sie von den patriotischen Vorurteilen befreien . . .«

»Ich habe nicht aus Patriotismus gesprochen«, sagte Kraft mit einer gewissen Anstrengung. Alle diese Debatten schienen ihm unangenehm zu sein.

»Patriotismus oder nicht, das kann man ruhig beiseite lassen«, sagte Wasin, der bisher das strikteste Schweigen gewahrt hatte.

»Aber inwiefern kann denn Krafts Schluß den Eifer für die Sache der Menschheit lähmen?« schrie der Lehrer (er war der einzige, der schrie, alle andern sprachen leise). »Mag also Rußland zur Zweitklassigkeit verurteilt sein; kann man denn nur arbeiten, wenn es für Rußland ganz allein geschieht? Und außerdem, wie kann Kraft ein Patriot sein, wenn er nicht einmal mehr an Rußland glaubt?«

»Dafür ist er eben ein Deutscher«, ertönte wieder die Stimme von vorhin.

»Ich bin Russe«, sagte Kraft.

»Das ist eine Frage, die durchaus in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Sache steht«, bemerkte Dergatschow, gegen den Zwischenrufer gewandt.

»Treten Sie aus der Enge Ihrer Idee heraus«, eiferte Tichomirow, der für alle Unterbrechungen taub war. »Wenn Rußland nur das Material für edlere Volksstämme ist, ja, warum soll es eigentlich nicht als solches Material dienen? Das ist immerhin noch eine recht ansehnliche Aufgabe. Warum soll man sich nicht bei dieser Idee beruhigen, da sie einem seine Grenzen weiter zieht. Die Menschheit steht am Vorabend ihrer Wiedergeburt, und diese hat schon begonnen. Die Aufgabe leugnen, die vor uns liegt, kann nur ein Blinder. Laßt Rußland fahren, wenn ihr den Glauben daran verloren habt, und arbeitet für das zukünftige Volk, – das zukünftige, das heute noch keiner kennt, das sich aber aus der ganzen Menschheit bilden wird, ohne Unterschied der Stämme. So oder so wäre Rußland doch einmal gestorben; kein Volk, und wäre es das begabteste, lebt länger als anderthalb, wenn's hoch kommt zwei Jahrtausende; ist es da nicht ganz gleich, ob's zweitausend Jahre sind, oder zweihundert? Die Römer haben nicht einmal fünfzehnhundert Jahre gelebt, richtig gelebt, und haben sich auch in Material verwandelt. Sie sind schon lange dahin, aber sie haben eine Idee hinterlassen, und die ist als Element des Künftigen in die Geschicke der Menschheit übergegangen. Wie kann ein Mensch nur sagen, es hätte keinen Zweck, etwas zu tun? Ich kann mir überhaupt keine Situation vorstellen, in der es keinen Zweck hätte, etwas zu tun! Handelt für die Menschheit, und über alles andere macht euch keine Sorgen. Zu tun gibt es so viel, daß unsere Lebensdauer nicht ausreicht, wenn man sich nur ordentlich umschaut.«

»Man muß nach dem Gesetz der Natur und der Wahrheit leben«, sagte hinter der Tür Frau Dergatschowa. Die Tür war ein ganz klein bißchen geöffnet, und man konnte sie draußen stehen sehen, das Kind an der Brust, die Brust zugedeckt und mit leidenschaftlichem Interesse lauschend.

Kraft hörte das mit einem leichten Lächeln an und sagte endlich mit einem etwas gequälten Ausdruck, übrigens aber im Ton starker Aufrichtigkeit:

»Ich begreife nicht, wie einer, der unter dem Einfluß irgendeines herrschenden Gedankens steht, dem sein Verstand und sein Gefühl sich völlig unterwerfen, wie so einer noch für irgend etwas leben könnte, was außerhalb dieses Gedankens liegt.«

»Aber wenn man Ihnen logisch, mathematisch nachweist, daß Ihr Schluß falsch ist, daß dieser Gedanke falsch ist, daß Sie nicht das geringste Recht haben, sich von der nützlichen Arbeit der Allgemeinheit auszuschließen, aus keinem anderen Grund, als weil Rußland von der Vorsehung bestimmt ist, zweitklassig zu bleiben, wenn man Ihnen nachweist, daß sich da vor Ihnen an Stelle des engen Horizontes die Unendlichkeit auftut, daß an Stelle der engen Idee des Patriotismus . . .«

»Ach!« sagte Kraft und wehrte leise mit der Hand ab, »ich habe Ihnen doch gesagt, daß der Patriotismus hiermit gar nichts zu schaffen hat.«

»Hier liegt augenscheinlich ein Mißverständnis vor«, mischte sich auf einmal Wasin ein. »Der Fehler liegt darin, daß Krafts Schluß nicht nur ein logischer ist, sondern sozusagen ein Schluß, der sich in ein Gefühl verwandelt hat. Nicht alle Naturen sind gleichgeartet; bei vielen Menschen verwandelt sich manchmal ein logischer Schluß in das allerstärkste Gefühl, das den ganzen Menschen ergreift und sehr schwer auszutreiben oder zu verwandeln ist. Um einen solchen Menschen zu heilen, muß man in solchen Fällen dieses Gefühl ändern, und das kann man nur, indem man es durch ein anderes gleich starkes ersetzt. Das ist stets schwer und in vielen Fällen unmöglich.«

»Falsch!« schrie der Streithammel wieder los, »der logische Schluß zerstreut die Vorurteile schon ganz von selbst. Eine vernünftige Überzeugung gebiert auch ein Gefühl. Der Gedanke geht aus dem Gefühl hervor und formuliert für sein Teil wieder ein neues Gefühl, wenn er im Menschen herrschend wird!«

»Die Menschen sind sehr verschieden: einer ändert seine Gefühle leicht, der andere schwer«, entgegnete Wasin. Es sah so aus, als hätte er genug von dem Streit; ich aber war begeistert von seiner Idee.

»So ist das, wie Sie gesagt haben!« wendete ich mich plötzlich an ihn. Das Eis war gebrochen, und ich fing auf einmal an zu sprechen. »Ganz richtig, man muß an die Stelle des einen Gefühls ein anderes setzen, um es zu überwinden. In Moskau lebte, das ist jetzt vier Jahre her, ein General . . . Sehn Sie, meine Herrschaften, ich hab' ihn nicht gekannt, aber . . . Vielleicht konnte er einem im Grunde persönlich auch keinen besonderen Respekt einflößen . . . Und außerdem könnte einem die Tatsache an sich unverständig scheinen, aber . . . Übrigens, sehn Sie, ihm starb ein Kind, das heißt, eigentlich zwei kleine Mädchen, beide kurz nacheinander, am Scharlach . . . Na, und er war mit einem Schlage so zerschmettert, er grämte sich so, daß man ihn nicht ansehen konnte, wenn er so daherkam – und das Ende war, daß er starb, kaum ein halbes Jahr darauf. Er starb daran, das ist eine Tatsache! Wodurch also, nehmen wir mal an, hätte man ihn aufrichten können? Antwort: Durch ein ebenso starkes Gefühl! Man hätte die zwei kleinen Mädchen aus dem Grabe holen und ihm wiedergeben müssen – das ist die Sache, das heißt, so was Ähnliches. Er ist also daran gestorben. Und da hätte man ihm viele wunderschöne Schlüsse vorlegen können; man hätte ihm erzählen können: alles Leben ist gebrechlich, wir alle sind sterblich, man hätte ihm im Kalender eine Statistik darüber zeigen können, wieviel Kinder am Scharlach sterben . . . Es war ein General außer Diensten . . .«

Ich stockte, außer Atem, und schaute mich um.

»Das hat doch gar nichts damit zu tun«, sagte jemand.

»Die Tatsache, die Sie angeführt haben, deckt sich zwar nicht mit dem vorliegenden Fall, aber sie hat doch Ähnlichkeit mit ihm und kann ihn erläutern«, wendete sich Wasin zu mir.

4

Hier muß ich bekennen, warum mich Wasins Argument von der »zum Gefühl gewordenen Idee« so begeisterte, aber zugleich muß ich etwas gestehen, dessen ich mich höllisch zu schämen habe. Jawohl, ich hatte Angst gehabt, zu Dergatschow zu gehen, aber nicht aus der Ursache, die Jefim voraussetzte. Ich hatte Angst, weil ich mich schon in Moskau vor solchen Leuten gefürchtet hatte. Ich wußte, daß sie (das heißt, alle Leute von dieser Art, mögen sie auch sonst noch so verschieden untereinander sein, – das ist ganz egal) – daß sie alle Dialektiker sind und daß sie also am Ende »meine Idee« würden zertrümmern können. Ich hegte das festeste Zutrauen zu mir selbst, daß ich ihnen meine Idee nicht ausliefern und mitteilen würde; aber sie (das heißt wieder, alle Leute von dieser Art) könnten mir am Ende aus sich selbst heraus irgend etwas sagen, was mir meine Idee verleiden könnte, selbst wenn ich auch nicht ein Wort von ihr fallen ließe. Ich kannte im Hinblick auf »meine Idee« noch viele ungelöste Fragen, aber ich wollte nicht, daß sie irgend jemand anders löste als ich selbst. In den zwei letzten Jahren hatte ich sogar aufgehört, Bücher zu lesen, aus Furcht, auf irgendeine Stelle zu stoßen, die der »Idee« schaden und mich wankend machen könnte. Und auf einmal kommt Wasin und löst das Exempel und beruhigt mich im höchsten Sinne. In der Tat, wovor hatte ich mich gefürchtet, und was konnten sie mir tun, soviel Dialektik sie auch auftischten? Ich war vielleicht auch der einzige von allen Anwesenden, der verstand, was Wasin da von der »zum Gefühl gewordenen Idee« gesagt hatte. Es ist nicht genug, daß man eine schöne Idee widerlegt, man muß einen Ersatz für sie schaffen durch eine gleich starke schöne Idee; bietet man mir das nicht, so will ich, da ich mich um keinen Preis von meinem Gefühl trennen möchte, jede Widerlegung in meinem Herzen widerlegen, und mag es mit Gewalt sein, und mögen sie sagen, was sie wollen. Und was könnten sie mir denn als Ersatz geben? Und deshalb hätte ich tapferer sein sollen, ich wäre verpflichtet gewesen, mannhafter zu sein. Und während ich von Wasins Worten begeistert war, fühlte ich zugleich Scham und fühlte mich wie ein unwürdiges kleines Kind.

Es kam noch die Scham über was anderes dazu. Der an sich nicht tadelnswerte Wunsch, wegen meines Verstandes gelobt zu werden, hatte mich veranlaßt, das Eis zwischen mir und ihnen zu brechen und mich in die Diskussion zu mischen, aber zugleich erwachte der Wunsch in mir, mich ihnen »an den Hals zu werfen«. Diesen Wunsch, mich den Leuten an den Hals zu werfen, damit sie mich für einen famosen Menschen hielten und mich umarmten oder so was (kurz und gut, diese Schweinerei), halte ich für die scheußlichste unter allen meinen Eigenschaften, deren ich mich zu schämen habe, und ich hatte schon seit langem den Verdacht gehabt, daß so was in mir lebte. Und das kam wohl von dem Winkel, in dem ich mich so viele Jahre gehalten habe, obgleich mir das nicht leid tut. Ich wußte, daß ich den Leuten gegenüber finsterer sein müßte. Mich tröstete nach jeder solchen Blamage nur das eine, daß meine »Idee« trotz allem noch bei mir war, tief geheim wie zuvor, und daß ich sie den andern nicht ausgeliefert hatte. Mit stockendem Herzschlag malte ich mir manchmal aus, wie es sein würde, wenn ich meine Idee irgend jemand gegenüber ausgesprochen hätte, daß ich dann nichts mehr für mich haben, daß ich ebenso sein würde wie alle anderen, und daß ich dann vielleicht überhaupt die Idee fahren lassen müßte; und deshalb hütete und bewachte ich sie und zitterte davor, ins Schwatzen zu kommen. Und nun, bei Dergatschow, beinahe im Augenblick der ersten Berührung mit diesen Menschen, konnte ich mich nicht halten: ich habe natürlich nichts verraten, aber ich habe ganz unerlaubt geschwatzt; ich mußte mich vor mir selbst schämen. Eine häßliche Erinnerung. Nein, ich kann nicht mit den Menschen leben; das denke ich noch heute; ich sage das für vierzig Jahre im voraus. Meine Idee ist mein Winkel.

5

Kaum hatte Wasin mich gelobt, da überfiel mich auf einmal ein unwiderstehlicher Drang, zu sprechen.

»Nach meiner Ansicht hat jeder Mensch das Recht, seine Gefühle zu haben . . . wenn sie seiner Überzeugung entsprechen . . . ohne daß jemand ihm Vorwürfe deswegen machen dürfte«, wendete ich mich an Wasin. Wenn ich auch fließend sprach, es war doch, als ob ich nicht selbst spräche, sondern ganz, als ob sich in meinem Munde eine fremde Zunge bewegte.

»Wirklich?« unterbrach mich in ironisch gedehntem Tonfall dieselbe Stimme, die Dergatschow ins Wort gefallen war und Kraft zugerufen hatte, er wäre ein Deutscher. Ich betrachtete diesen Menschen als eine Null und wandte mich an den Lehrer, als ob der Zwischenruf von dem gekommen wäre:

»Meine Überzeugung ist, daß ich nicht wagen darf, irgend jemand zu richten«, sagte ich zitternd und wußte schon, daß jetzt kein Halten mehr war.

»Warum denn so geheimnisvoll?« erklang wieder die Stimme der Null.

»Jeder hat seine Idee.« Ich sah so recht zum Trotz den Lehrer an, der für sein Teil schwieg und mich lächelnd musterte.

»Und Ihre?« schrie die Null.

»Daran hätte ich zu lange zu erzählen . . . Aber ein Teil meiner Idee ist, daß man mich in Ruhe lassen soll. Solange ich zwei Rubel habe, will ich mein freier Herr und von niemand abhängig sein (regen Sie sich nicht auf, ich weiß, was man darauf entgegnen kann) und will nichts tun, – nicht einmal für jene große künftige Menschheit, für die zu arbeiten Sie Herrn Kraft aufgefordert haben. Die persönliche Freiheit, das heißt, meine eigene steht für mich in erster Reihe und weiter will ich von gar nichts wissen.«

Mein Fehler war, daß ich in Hitze geriet.

»Also Sie predigen die Ruhe einer satten Kuh?«

»Meinetwegen. Der Vergleich hat nichts Beleidigendes, ich bin niemand was schuldig, ich zahle der Allgemeinheit Geld in der Form von Steuern dafür, daß sie mich vor Beraubung, Überfällen, Mordanfällen beschützt, aber weiter soll kein Mensch etwas von mir fordern. Mag ja sein, daß ich persönlich auch andere Ideen habe und der Menschheit dienen möchte und das auch wirklich tun werde und vielleicht zehnmal soviel, als alle Propheten zusammengenommen; aber ich verbitte mir ganz energisch, daß jemand das von mir fordert, mich dazu zwingen will, so wie Sie Herrn Kraft: ich habe die vollkommene Freiheit, auch nicht einen Finger zu rühren, wenn ich nicht will. Aber herumzulaufen und sich allen vor lauter allgemeiner Menschenliebe an den Hals zu werfen und heiße Rührungstränen zu vergießen, – das ist nur eine dumme Mode. Ja, warum muß ich denn unbedingt meinen Nächsten lieben oder Ihre künftige Menschheit, die ich nie sehen werde, die von mir nicht das geringste wissen wird, und die an ihrem Teil verfaulen wird, ohne eine Spur und eine Erinnerung zu hinterlassen (die Zeit spielt dabei gar keine Rolle)? Denn wird die Erde für ihr Teil sich nicht einst in einen gefrorenen Stein verwandeln und im luftleeren Raum unter der unendlichen Menge der anderen gefrorenen Steine dahinfliegen? Und kann man sich etwas Sinnloseres überhaupt vorstellen? Da haben Sie ihre Gelehrsamkeit! Sagen Sie mir doch: weshalb muß ich um jeden Preis edel sein, zumal nichts länger dauert als eine Minute?«

»Bumm – bumm!« schrie die bekannte Stimme. Ich hatte das alles nervös und zornig hervorgestoßen, alle Bande hatte ich zerrissen. Ich wußte, daß ich in einen Graben fallen würde, aber ich hastete vorwärts, weil ich mich vor Entgegnungen fürchtete. Ich fühlte nur zu gut, daß ich das alles wie durch ein Sieb ausschüttete, ohne Zusammenhang und aus dem Hundertsten ins Tausendste kommend, aber ich hastete vorwärts, um sie zu überzeugen und von vornherein zu besiegen. Das war so ungeheuer wichtig für mich! Drei Jahre hatte ich mich darauf vorbereitet! Aber es war bemerkenswert, sie waren auf einmal alle verstummt, sie sagten kein Wort, und alle hörten mir zu. Ich fuhr fort, mich an den Lehrer zu wenden.

»Jawohl. Ein ungeheuer kluger Mensch hat unter anderem gesagt, es gäbe nichts Schwierigeres, als die Frage zu beantworten: ›Warum soll man unbedingt edel sein?‹ Sehn Sie, es gibt drei Sorten von Schuften in der Welt: die naiven Schufte, das heißt die, die überzeugt sind, ihre Schuftigkeit wäre der höchste Edelmut, die schamhaften Schufte, das heißt die, die sich ihrer Schuftigkeit schämen, aber doch unwandelbar entschlossen sind, ihr treu zu bleiben, und schließlich die Schufte an sich, die Schufte von echtem Schrot und Korn. Erlauben Sie, bitte: ich hatte einen Schulkameraden, namens Lambert, der sagte mir schon mit sechzehn Jahren, wenn er mal reich sein würde, so würde es sein höchster Genuß sein, Hunde mit Brot und Fleisch zu füttern, während die Kinder der Armen Hungers stürben, und wenn sie nichts hätten, um ihre Zimmer zu heizen, würde er einen ganzen Holzhof kaufen, ihn auf freiem Felde aufstapeln und das Feld heizen, den Armen aber würde er kein Scheit geben. Das waren seine Gefühle. Sagen Sie mal, was sollte ich diesem echten Schuft auf die Frage antworten, weshalb er durchaus edel sein müßte? Und besonders in unserer heutigen Zeit, die Sie so schön hergerichtet haben, – denn schlimmer, als es heute ist, ist es nie gewesen. In unserer heutigen Gesellschaft ist durchaus nicht alles klar, meine Herrschaften. Sehn Sie, Sie leugnen Gott, Sie leugnen den schönen Tatendrang. Kann mich eine taube, blinde, stumpfe Kraft der Trägheit zwingen, so zu handeln, wenn eine andere Handlungsweise vorteilhafter für mich ist? Sie sagen, ein vernünftiges Verhalten, das der Menschheit Nutzen bringe, sei auch mein eigener Vorteil; aber was, wenn ich nun alle diese Vernünftigkeit Unvernunft nenne, alle diese Kasernenideale, diese Gemeinsamkeitsträume? Den Teufel scheren sie mich, den Teufel schert mich die Zukunft, wenn ich nur einmal auf dieser Welt lebe! Gestatten Sie mir, selbst am besten zu wissen, was mein Vorteil ist: das ist vergnüglicher. Was kümmert es mich, was nach tausend Jahren mit dieser Ihrer Menschheit los sein wird, wenn ich für meine Taten, nach Ihrem Kodex, weder Liebe ernte noch ein künftiges Leben noch auch Anerkennung? O nein, wenn das so ist, so werde ich in aller Ruhe so unbescheiden sein, für mich selbst zu leben, und mögen drüber alle zum Teufel gehen!«

»Ein entzückender Wunsch!«

»Übrigens bin ich durchaus bereit, mit dabei zu sein.«

»Noch besser!« (Immer wieder dieselbe Stimme.)

Die andern blieben immer noch stumm, alle schauten mich an und musterten mich genau; jedoch es begann von verschiedenen Seiten des Zimmers her ein Kichern zu mir zu dringen, leise noch, aber sie kicherten mir alle direkt ins Gesicht. Nur Wasin und Kraft kicherten nicht. Der Mensch mit dem schwarzen Backenbart lächelte auch; er sah mich so recht frech an und horchte.

»Meine Herren,« sagte ich, am ganzen Körper zitternd, »meine Idee sage ich ihnen um keinen Preis, sondern ich frage Sie, ganz im Gegenteil, von Ihrem Gesichtspunkte aus, – glauben Sie nur nicht, ich fragte von meinem eigenen aus, denn ich liebe die Menschheit vielleicht tausendmal mehr, als Sie alle zusammengenommen! Sagen Sie doch – und Sie sind jetzt unbedingt verpflichtet, mir zu antworten, Sie sind dazu verpflichtet, weil Sie lachen –, sagen Sie doch: wodurch wollen Sie mich verlocken, mich Ihnen anzuschließen? Sagen Sie doch, wodurch Sie mir beweisen wollen, daß es in Ihrer Idealwelt besser sein wird? Was wird in Ihrer Kaserne mit dem Protest meiner Persönlichkeit geschehen. Meine Herren, ich hatte schon lange gewünscht, mal mit Ihnen zusammen zu kommen! Sie werden die Kaserne haben, gemeinsame Wohnungen, stricte nécessaire, Atheismus und gemeinsame Frauen ohne Kinder, das ist Ihr Finale, ich weiß es ja doch. Und für dies alles, für dies Quentchen mittelmäßigen Vorteils, das mir Ihre Vernünftigkeit garantieren will, dafür daß Sie mir satt zu essen und ein geheiztes Zimmer geben, soll ich Sie mit dem Preis meiner Persönlichkeit bezahlen! Erlauben Sie mal ein Beispiel: man nimmt mir meine Frau weg; wollen Sie mir dann auch meine Persönlichkeit nehmen, damit ich meinem Gegner nicht den Schädel einschlage? Sie werden sagen, unter solchen Bedingungen würde ich schon von selbst klüger werden; aber was wird die Frau zu einem so vernünftigen Manne sagen, wenn sie nur ein klein wenig Selbstachtung hat? Das ist ja doch unnatürlich; Sie sollten sich schämen!«

»Was die Frauen betrifft, sind Sie wohl Spezialist?« erklang schadenfroh die Stimme der Null.

Einen Augenblick hatte ich Lust, mich auf den Kerl zu stürzen und ihn mit meinen Fäusten durchzuwalken. Er war klein, rothaarig und sommersprossig . . . ach, übrigens der Teufel hole sein Äußeres!

»Sie können sich beruhigen, ich habe noch kein Weib gekannt«, sagte ich abschneidend und wendete mich zum erstenmal an ihn selbst.

»Ein kostbares Bekenntnis, nur hätte es der Damen wegen etwas verblümter sein dürfen!«

Aber alles geriet auf einmal in Bewegung, alle suchten sie ihre Hüte und begannen aufzubrechen, – selbstverständlich nicht meinetwegen, sondern weil ihre Zeit gekommen war; aber dies schweigsame Verhalten mir gegenüber fiel mir sehr schwer und beschämend auf die Seele. Ich erhob mich auch.

»Gestatten Sie mir, Sie nach Ihrem Namen zu fragen: Sie haben mich die ganze Zeit so angeschaut?« Mit diesen Worten trat plötzlich der Lehrer zu mir. Er lächelte dabei ganz infam.

»Dolgorukij.«

»Fürst Dolgorukij?«

»Nein, einfach Dolgorukij, ich bin der Sohn des ehemaligen Leibeigenen Makar Dolgorukij und das uneheliche Kind meines früheren Herrn, des Herrn Wersilow. – Haben Sie keine Angst, meine Herren: ich sage das absolut nicht, um Sie zu veranlassen, mir dafür um den Hals zu fallen und mit mir vor lauter Rührung zu heulen wie junge Kälber!«

Eine laute und sehr wenig förmliche Lachsalve knatterte los, so daß das schlafende Kind im Nebenzimmer erwachte und zu quäken anfing. Ich zitterte vor Wut. Dann drückten sie alle Dergatschow die Hand und gingen, ohne mir die geringste Beachtung zu schenken.

»Kommen Sie«, sagte Kraft und stieß mich an.

Ich trat auf Dergatschow zu und drückte ihm aus allen Kräften die Hand und schüttelte sie ein paarmal, gleichfalls aus aller Kraft.

»Entschuldigen Sie bitte, daß Kudriumow (so hieß der Rote) Sie in einem fort beleidigt hat«, sagte Dergatschow zu mir.

Ich folgte Kraft hinaus. Ich fühlte mich nicht im geringsten beschämt.

6

Selbstverständlich, zwischen dem Menschen, der ich damals war und dem, der ich heute bin, ist ein gewaltiger Unterschied.

Wie ich also, »ohne mich im geringsten beschämt zu fühlen«, hinausging, holte ich noch auf der Treppe Wasin ein – Kraft ließ ich ruhig vorausgehen, wie einen Menschen, der für mich nur in zweiter Linie Interesse hat –, ich holte also Wasin ein und fragte ihn mit der unbefangensten Miene, als ob gar nichts passiert wäre:

»Ich glaube, Sie kennen meinen Vater, das heißt, ich meine Wersilow?«

»Eigentlich bekannt bin ich nicht mit ihm,« antwortete mir Wasin ohne Zögern (und ohne eine Spur von jener beleidigenden, besonders verfeinerten Höflichkeit, die taktvolle Leute anzunehmen pflegen, wenn sie mit jemand sprechen, der sich grade blamiert hat), »aber ich kenne ihn flüchtig: ich habe ihn gelegentlich getroffen und habe ihn sprechen hören.«

»Wenn Sie ihn sprechen gehört haben, dann kennen Sie ihn natürlich, weil Sie eben Sie sind! Was denken Sie von ihm? Entschuldigen Sie die plötzliche Frage, aber ich muß es wissen. Gerade, wie Sie darüber denken, gerade Ihre Meinung ist mir unentbehrlich.«

»Sie fragen viel auf einmal. Ich bin der Ansicht, daß er ein Mensch ist, der fähig ist, ungeheure Forderungen an sich zu stellen und sie vielleicht auch zu erfüllen, – nur mag er keinem Rechenschaft geben.«

»Das ist wahr, das ist sehr wahr, er ist ein sehr stolzer Mensch. Aber ist er ein reiner Mensch? Sagen Sie doch, wie denken Sie über seinen Katholizismus? Übrigens, ich habe gar nicht daran gedacht, Sie wissen am Ende überhaupt nicht, daß er . . .«

Wenn ich nicht so erregt gewesen wäre, hätte ich ihn wohl nicht mit solchen Fragen bombardiert, es war doch schließlich ein Mensch, mit dem ich noch nie gesprochen hatte, nur gehört hatte ich von ihm. Ich wunderte mich, daß Wasin die Verrücktheit meines Gebahrens überhaupt nicht zu bemerken schien.

»Ich habe davon gehört, aber ich weiß nicht, wieviel Wahres daran ist«, antwortete er ruhig und in demselben Ton wie zuvor.

»Kein Wort! Das dichtet man ihm an! Denken Sie denn wirklich, daß er an Gott glauben könnte?«

»Er ist ein sehr stolzer Mensch, wie Sie eben selbst bemerkt haben, und viele von diesen sehr stolzen Menschen lieben es, an Gott zu glauben, besonders die, die eine gewisse Verachtung für die Menschen besitzen. Viele starke Menschen haben, glaube ich, ein gewisses natürliches Bedürfnis, jemand oder etwas zu finden, vor dem sie sich beugen können. Für einen starken Menschen ist es oft schwer, seine Stärke zu ertragen.«

»Hören Sie, das ist sicher höchst wahr!« rief ich wieder, »aber ich verstehe nur nicht . . .«

»Die Ursache ist ganz klar: sie suchen sich Gott aus, weil Sie sich nicht vor Menschen beugen wollen; – natürlich haben sie selbst keine Ahnung davon, wie sich das alles in ihnen bildet; sich vor Gott zu beugen, das ist nicht so demütigend. Aus ihrem Kreise rekrutieren sich die feurigsten Gläubigen, – richtiger gesagt, die, die den feurigsten Wunsch hegen, zu glauben; aber ihren Wunsch halten sie schön für den richtigen Glauben. Und zu guter Letzt werden sie gar oft zu Enttäuschten. Was ich von Herrn Wersilow denke? Ich glaube, er besitzt ungewöhnlich aufrichtige Züge in seinem Charakter. Und überhaupt, er hat mich interessiert.«

»Herr Wasin!« rief ich, »Sie machen mir so eine Freude! Ich staune nicht über Ihren Geist, sondern ich staune, daß Sie, ein Mensch, der so rein ist und so hoch über mir steht, – daß Sie hier mit mir gehen und so einfach und freundlich mit mir sprechen, als ob gar nichts geschehen wäre!«

Wasin lächelte.

»Ihr Lob ist doch wohl etwas übertrieben; geschehen ist dort doch weiter nichts, als daß Sie eine etwas zu große Vorliebe für abstrakte Gespräche haben. Sie haben wahrscheinlich vor dem heutigen Tage sehr lange geschwiegen.«

»Ich habe drei Jahre geschwiegen, ich habe mich drei Jahre auf den Moment vorbereitet, wo ich sprechen wollte . . . Als Dummkopf konnte ich Ihnen natürlich nicht erscheinen, weil Sie selbst ungeheuer klug sind, mag ich mich auch so dumm aufgeführt haben wie nur möglich. Aber vielleicht haben Sie mich für einen Schuft gehalten!«

»Schuft?«

»Ja, natürlich! Sagen Sie, verachten Sie mich nicht im stillen, weil ich gesagt habe, daß ich ein unehelicher Sohn von Wersilow bin . . . und weil ich mich gerühmt habe, ich wäre der Sohn eines Leibeigenen?«

»Sie quälen sich selber zu viel. Wenn Sie finden, daß das nicht richtig war, so sagen Sie sich eben: ich tu es das nächste Mal nicht wieder: Sie haben noch fünfzig Jahre vor sich.«

»Oh, ich weiß, daß ich den Leuten gegenüber sehr schweigsam sein muß. Das niedrigste von allen Lastern ist: sich den Leuten an den Hals zu werfen; das habe ich denen da drinnen vorhin erst gesagt, und jetzt werfe ich mich Ihnen an den Hals! Aber da ist doch ein Unterschied, nicht wahr? Und wenn Sie diesen Unterschied verständen, wenn Sie imstande wären, ihn zu verstehen, ich würde diese Minute segnen.«

Wasin lächelte wieder.

»Kommen Sie zu mir, wenn Sie Lust haben«, sagte er. »Ich habe jetzt eine Arbeit vor und bin sehr beschäftigt, aber Sie würden mir eine Freude damit machen.«

»Ich hatte bisher geglaubt, nach Ihrem Gesicht, Sie wären härter als nötig und wenig umgänglich.«

»Das stimmt vielleicht. Ich habe voriges Jahr in Luga Ihre Schwester Lisaweta Makarowna kennengelernt . . . Kraft ist stehengeblieben und scheint auf Sie zu warten; er muß hier abbiegen.«

Ich drückte Wasin kräftig die Hand und lief Kraft nach, der die ganze Zeit, wo ich mich mit Wasin unterhalten hatte, vor uns hergegangen war. Schweigend gingen wir bis zu seiner Wohnung; ich konnte und wollte noch nicht mit ihm sprechen. Und in Krafts Charakter bildete einen der ausgeprägtesten Züge die Feinfühligkeit.

Viertes Kapitel
1

Kraft hatte früher irgendwo eine Anstellung gehabt und war gleichzeitig dem verstorbenen Herrn Andronikow (gegen Gehalt) bei der Führung einiger Privatgeschäfte behilflich gewesen, womit dieser sich immer neben seiner Amtstätigkeit noch befaßt hatte. Wichtig für mich war besonders, daß Kraft, infolge seiner nahen Beziehungen zu Andronikow, vermutlich viel von den Dingen wissen mußte, die mich so interessierten. Und Maria Iwanowna, die Frau von Nikolaj Semionowitsch, bei dem ich so lange gelebt hatte, als ich noch aufs Gymnasium ging – und die leibliche Nichte, die Andronikows Pflegetochter und Liebling war –, diese Maria Iwanowna also hatte mir gesagt, Kraft hätte sogar »den Auftrag«, mir etwas zu übergeben.

Er lebte in einer kleinen Wohnung von zwei Zimmern, vollkommen für sich allein, und jetzt, wo er eben von der Reise zurückgekehrt war, sogar ohne jede Bedienung. Der Koffer war wohl ausgepackt aber nicht weggeräumt; die Sachen trieben sich auf den Stühlen, dem Tisch, vor dem Diwan herum; da lag ein Reisesack, ein Necessaire, ein Revolver und alles mögliche. Als wir eintraten, war Kraft tief in Gedanken versunken, als hätte er mich ganz vergessen; er hatte es vielleicht nicht einmal bemerkt, daß ich mit ihm unterwegs gar nicht gesprochen hatte. Er fing gleich nach irgend etwas zu suchen an, aber als er zufällig am Spiegel vorbeikam, blieb er davor stehen und betrachtete eine gute Minute lang aufmerksam sein Gesicht. Ich bemerkte diese Sonderbarkeit wohl (und später habe ich mich ihrer nur zu gut erinnert), aber ich war verstimmt und sehr verwirrt. Ich hatte nicht die Kraft, mich zu konzentrieren. Einen Augenblick lang hatte ich auf einmal Lust, kurz entschlossen fortzugehen und mich damit von dieser ganzen Geschichte ein für allemal los zu sagen. Ja, und was war diese ganze Geschichte im Grunde? War das nicht nur eine Sorge, die ich ganz überflüssigerweise auf mich genommen hatte? Und ich war verzweifelt, daß ich hier eine Menge Energie verschwendete und wofür? Vielleicht für Kleinigkeiten, die das nicht wert waren, aus lauter Sentimentalität, während ich doch eine eigene Aufgabe vor mir sah, die meine ganze Energie erforderte. Und zu alledem war mir meine Unfähigkeit zu einer ernsten Tat deutlich in die Augen gesprungen, durch das, was bei Dergatschow geschehen war.

»Sagen Sie mal, Kraft, werden Sie künftig noch zu diesen Leuten hingehen?« fragte ich ihn plötzlich. Er wendete sich langsam zu mir, als verstünde er mich nicht recht. Ich setzte mich auf einen Stuhl.

»Verzeihen Sie ihnen!« sagte Kraft auf einmal.

Ich hielt das natürlich für Spott; aber als ich ihn jetzt gründlich musterte, entdeckte ich in seinem Gesicht eine so seltsame und sogar erstaunliche Treuherzigkeit, daß ich selbst ganz erstaunt darüber war, wie er mich so ernsthaft hatte bitten können, ihnen zu »verzeihen«. Er schob einen Stuhl heran und setzte sich neben mich.

»Ich weiß selbst sehr gut, daß ich vielleicht nur ein Ragout aus allen Eitelkeiten bin und weiter nichts,« begann ich, »aber um Verzeihung bitte ich nicht.«

»Dazu liegt für Sie auch gar kein Grund vor«, sagte er leise und ernsthaft. Er sprach die ganze Zeit leise und sehr langsam.

»Und mag ich vor mir selber schuldig sein . . . Ich liebe es, vor mir selber schuldig zu sein . . . Verzeihen Sie, Kraft, daß ich bei Ihnen Redensarten mache. Sagen Sie, gehören Sie denn wirklich auch zu diesem Kreise? Das war es, was ich Sie fragen wollte.«

»Die sind nicht dümmer als andere und nicht klüger; sie sind geistesgestörte Menschen, wie alle.«

»Sind denn alle gestört?« wendete ich mich mit unwillkürlicher Neugier zu ihm.

»Die etwas höherstehenden Menschen heutzutage sind alle gestört. Lustig und stark lebt nur die Mittelmäßigkeit und die Unbegabtheit dahin . . . Übrigens, was verlohnt es, davon zu sprechen!«

Beim Reden schaute er so sonderbar in die leere Luft hinaus, er begann einzelne Sätze und brach wieder ab. Besonders überraschte mich die Mutlosigkeit in seiner Stimme.

»Rechnen Sie denn auch Wasin dazu? Wasin hat Geist, Wasin hat . . . eine moralische Idee!« rief ich.

»Moralische Ideen gibt es heutzutage überhaupt nicht; auf einmal zeigte es sich, das es keine mehr gab und, was die Hauptsache ist, es sieht so aus, als ob es niemals welche gegeben hätte.«

»Auch früher nicht?«

»Lassen wir das lieber«, sagte er, sichtlich ermüdet.

Mich ergriff sein bitterer Ernst. Ich schämte mich meines Egoismus, ich begann, auf seinen Ton einzugehen.

»Die Gegenwart,« fing er selbst wieder an, nachdem er zwei Minuten schweigsam auf einen Punkt in der Luft gestarrt hatte, »die Gegenwart ist die Zeit der goldenen Mittelmäßigkeit und der Ohnmacht, sie gefällt sich in Unbildung, Faulheit, Unfähigkeit zur wahren Tat, sie verlangt gleich alles fertig vor sich zu sehen. Kein Mensch mag gründlich nachdenken; wie selten findet man einen, der sich in ernstem Streben eine Idee aufgerichtet hat.«

Er brach wieder ab und schwieg eine kurze Weile; ich lauschte, was er weiter sagen würde.

»Heutzutage roden sie die Wälder in Rußland aus, erschöpfen den Boden, verwandeln das Land in eine Steppe und bereiten es für die Kalmücken vor. Und da soll einmal ein Mensch mit einer Hoffnung kommen und einen Baum pflanzen – dann lachen ihn alle aus: ›Glaubst du denn, du erlebst die Zeit, wenn er groß ist?‹ Und auf der anderen Seite reden die Leute, die Sehnsucht nach dem Guten haben, davon, was nach tausend Jahren sein wird. Eine mutige Idee gibt es überhaupt nicht mehr. Alle leben sie wie auf der Poststation und als müßten sie morgen hinaus aus Rußland, alle denken sie: wenn's nur noch für mich reicht . . .«

»Entschuldigen Sie, Kraft, Sie sagten doch: ›diese Leute machen sich Sorgen darüber, was in tausend Jahren sein wird‹. Schön, aber Ihre Verzweiflung . . . an Rußlands Schicksal . . . ist das – ist das nicht eine Sorge von ähnlicher Art?«

»Das . . . das ist die aktuellste Frage, die es überhaupt gibt!« stieß er gereizt hervor und sprang auf.

»Ach ja! Ich habe ja ganz vergessen!« sagte er plötzlich mit einer ganz anderen Stimme und sah mich zweifelnd an, »ich habe Sie ja wegen einer ganz besonderen Angelegenheit hergebeten, und derweil . . . entschuldigen Sie, bitte.«

Es war, als wäre er plötzlich aus einer Art von Traum erwacht, und er war ziemlich verwirrt; er holte einen Brief aus einer Mappe, die auf dem Tisch lag und gab ihn mir.

»Das sollte ich Ihnen übergeben. Es ist ein Dokument, das von einer gewissen Wichtigkeit ist«, begann er äußerst geschäftsmäßig und ganz bei der Sache. Noch lange nachher hat es mich in der Erinnerung in Erstaunen versetzt, was er für eine Fähigkeit besaß, sich (und in Stunden, die für ihn so schwer waren!) so voll teilnehmenden Eifers mit einer fremden Sache zu befassen, sie so ruhig und energisch auseinanderzusetzen.

»Es ist ein Brief von eben jenem Herrn Stolbejew, nach dessen Tode, infolge seines Testamentes, der Prozeß zwischen Wersilow und den Fürsten Sokolskij entstanden ist. Die Sache schwebt jetzt beim Gericht und wird wahrscheinlich zu Wersilows Gunsten entschieden werden; das Gesetz ist auf seiner Seite. In diesem Briefe, einem Privatbrief, der vor etwa zwei Jahren geschrieben ist, interpretiert der Erblasser aber seinen wirklichen Willen, oder richtiger gesagt, seinen Wunsch, und zwar eher zugunsten der Fürsten als im Sinne Wersilows. Wenigstens erfahren die Punkte, auf die die Fürsten Sokolskij sich bei der Anfechtung des Testamentes stützen, durch diesen Brief eine starke Bekräftigung. Wersilows Gegner würden viel darum geben, wenn sie dies Dokument hätten, das übrigens eine entscheidende juristische Bedeutung nicht besitzt. Alexej Nikanorowitsch (Andronikow), der sich mit Wersilows Angelegenheiten befaßte, hatte diesen Brief in Aufbewahrung und übergab ihn mir kurz vor seinem Tode; ich sollte ihn ›an mich nehmen‹, – vielleicht ahnte er seinen Tod voraus und fürchtete für seine Papiere. Ich möchte mir über Alexej Nikanorowitschs Absichten in bezug auf diese Angelegenheit kein Urteil erlauben, und ich muß gestehen, ich befand mich nach seinem Tode in einer gewissen drückenden Unentschlossenheit, was ich mit diesem Dokument anfangen sollte, besonders da die Entscheidung der betreffenden Sache vor Gericht so nahe bevorstand. Aber Maria Iwanowna, der Alexej Nikanorowitsch, glaube ich, bei seinen Lebzeiten sehr viel Vertrauen geschenkt hat, hat mich aus diesem schwierigen Dilemma befreit: sie hat mir vor drei Wochen geschrieben, ich sollte das Dokument eben Ihnen übergeben und das würde auch, wahrscheinlich (das ist ihr Ausdruck), Andronikows Absichten entsprechen. Und da haben Sie also das Dokument, und ich bin sehr froh, daß ich es Ihnen endlich übergeben kann.«

»Hören Sie mal,« sagte ich bestürzt durch diese unerwartete Neuigkeit, »was soll ich jetzt mit diesem Briefe machen? Wie soll ich handeln?«

»Das hängt doch ganz von Ihrem freien Willen ab.«

»Das ist nicht möglich, ich bin entsetzlich unfrei, das müssen Sie zugeben! Wersilow hat so auf diese Erbschaft gewartet . . . Sie wissen ja doch, er ist ohne diese Hilfe ruiniert, – und auf einmal existiert da so ein Dokument!«

»Es existiert doch nur hier, in diesem Zimmer.«

»Ist das wirklich so?« fragte ich und musterte ihn aufmerksam.

»Wenn Sie in diesem Falle nicht selbst finden, was Sie zu tun haben, wie sollte ich Ihnen denn raten können?«

»Aber dem Fürsten Sokolskij kann ich den Brief auch nicht übergeben: ich vernichte alle Hoffnungen Wersilows damit, und außerdem stehe ich ihm gegenüber als Verräter da. Auf der anderen Seite, wenn ich ihn Wersilow gebe, bringe ich unschuldige Menschen an den Bettelstab und Wersilow bringe ich trotz alledem in eine Lage, aus der es keinen Ausweg gibt: er muß auf die Erbschaft verzichten, oder er muß zum Dieb werden.«

»Sie übertreiben die Bedeutung der Sache ein wenig.«

»Sagen Sie mir nur eins: hat dieses Dokument einen entscheidenden, endgültigen Charakter?«

»Nein, den hat es nicht. Ich bin kein sehr großer Jurist. Der Anwalt der Gegenpartei würde selbstverständlich wissen, auf welche Weise er sich dieses Dokumentes zu bedienen hätte und würde alle Vorteile aus ihm ziehen, die möglich wären; aber Alexej Nikanorowitsch war offenbar der Ansicht, daß die Produzierung dieses Briefes keine große juristische Bedeutung haben würde, und daß Wersilow seinen Prozeß trotzdem würde gewinnen können. Eher stellt also dieses Dokument wohl, sozusagen, eine Gewissenssache dar . . .«

»Ja, und das ist eben das allerwichtigste daran,« fiel ich ihm ins Wort, »und gerade deshalb kommt Wersilow in eine Lage, aus der es keinen Ausweg gibt.«

»Aber er kann das Dokument ja vernichten und dann ist er doch, ganz im Gegenteil, vor jeder Gefahr gesichert.«

»Haben Sie besondere Gründe, das von ihm zu erwarten, Kraft? Das ist es eben, was ich wissen will: gerade deshalb bin ich ja hier bei Ihnen!«

»Ich glaube, an seiner Stelle würde jeder so handeln.«

»Und würden Sie selbst so handeln?«

»Ich habe keine Erbschaft zu erwarten und deshalb weiß ich nicht, was ich täte.«

»Also, gut«, sagte ich und steckte den Brief in die Tasche. »Für den Augenblick mag diese Sache erledigt sein. Und jetzt hören Sie noch eins, Kraft. Maria Iwanowna, die mir im übrigen vieles mitgeteilt hat, das können Sie mir glauben, hat mir gesagt, von Ihnen und nur von Ihnen, könnte ich die Wahrheit darüber erfahren, was damals, vor anderthalb Jahren, in Ems passiert ist, zwischen Wersilow und den Achmakows. Ich habe auf Sie gewartet, wie auf die Sonne, die mir alles erhellen würde. Sie kennen meine Lage nicht, Kraft. Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die ganze Wahrheit. Es handelt sich für mich darum, was er für ein Mensch ist, und jetzt – jetzt habe ich es nötiger, das zu wissen, als je!«

»Ich wundere mich, daß Maria Iwanowna es Ihnen nicht selbst erzählt hat; sie konnte doch alles von dem verstorbenen Andronikow erfahren, und hat es natürlich auch gehört und weiß vielleicht mehr als ich.«

»Andronikow hat sich selbst in dieser Sache nicht zurechtgefunden, das sagte mir eben Maria Iwanowna. Es ist, als ob kein Mensch diese Sache entwirren könnte. Da kann sich der Teufel die Zähne dran ausbeißen! Und ich weiß ja, daß Sie damals in Ems waren . . .«

»Ich bin nicht bei allem dabei gewesen, aber was ich weiß, will ich Ihnen meinetwegen gern erzählen; nur weiß ich nicht, ob Sie das zufriedenstellen wird.«

2

Ich will nicht wörtlich wiederholen, was er mir erzählt hat, ich will nur in kurzen Worten das Wesentliche geben.

Vor anderthalb Jahren stand Wersilow, der die Familie Achmakow durch den alten Fürsten Sokolskij kennengelernt hatte, in sehr engen Freundschaftsbeziehungen zu dieser Familie (sie waren damals im Ausland, in Ems). Besonders hatte er einen starken Eindruck auf Herrn Achmakow gemacht, der General und noch kein alter Mann war, der aber die ganze große Mitgift seiner Frau, Katerina Nikolajewna, in den drei Jahren ihrer Ehe am Kartentisch verspielt hatte und schon einmal durch einen Schlaganfall für sein zügelloses Leben hatte büßen müssen. Davon hatte er sich im Ausland erholt und kuriert, und in Ems lebte er wegen seiner Tochter aus erster Ehe. Das war ein kränkliches junges Mädchen von siebzehn Jahren, brustleidend, wie man sagt, außerordentlich schön und dabei von äußerst phantastischer Gemütsart. Eine Mitgift besaß sie nicht; man hoffte in der Hinsicht, wie das so üblich war, auf den alten Fürsten. Katerina Nikolajewna soll eine gute Stiefmutter gewesen sein. Aber das junge Mädchen fühlte sich ganz besonders zu Wersilow hingezogen. Er predigte damals »irgend so einen verzückten Kram«, wie Kraft sich ausdrückte, eine Art von neuem Leben, und »war im höchsten Grade religiös aufgelegt«, wie das Andronikow sonderbar genug und vielleicht etwas spöttisch bezeichnet haben soll. Merkwürdig aber war, daß sie alle ihn bald nicht mehr leiden konnten. Der General hatte sogar Angst vor ihm; Kraft bezweifelte durchaus nicht die Wahrheit des Gerüchtes, daß Wersilow es verstanden hätte, dem kranken Manne die Idee beizubringen, Katerina Nikolajewna sehe den jungen Fürsten Sokolskij (der damals gerade Ems verlassen hatte und nach Paris gegangen war) durchaus nicht mit gleichgültigen Augen an. Er hätte das nicht direkt getan, sondern »nach seiner Mode«, mit allerlei Andeutungen, Anspielungen und Winkelzügen, »und darin ist er ja ein Meister«, sagte Kraft. Überhaupt muß ich sagen, daß Kraft ihn mehr für einen Schuft und einen geborenen Intriganten hielt und halten wollte, als für einen Menschen, der von etwas Höherem durchdrungen oder überhaupt auch nur originell wäre. Ich hatte auch schon vorher von anderer Seite gehört, daß Wersilow anfangs einen großen Einfluß auf Katerina Nikolajewna gehabt hat, daß es aber mit der Zeit bis zum gänzlichen Bruch zwischen ihnen gekommen ist. Eine Entwirrung aller Fäden dieses verwickelten Spieles konnte Kraft mir nicht geben, aber daß sie zuerst miteinander befreundet waren und sich nachher gegenseitig direkt gehaßt haben, das haben mir meine sämtlichen Zeugen einstimmig bestätigt. Und dann geschah etwas Merkwürdiges: Katerina Nikolajewnas kränkliche Stieftochter hatte sich augenscheinlich in Wersilow verliebt, oder sie war gleichsam von irgend etwas an ihm hypnotisiert, oder sie war von seinen schönen Worten so begeistert, oder – wer kann das schließlich wissen; jedenfalls ist es allgemein bekannt, daß Wersilow eine Zeitlang fast seine ganzen Tage in der Gesellschaft dieses jungen Mädchens verbrachte. Das Ende vom Liede war, daß das Mädchen eines schönen Tages ihrem Vater erklärte, sie wollte Wersilow heiraten. Daß dieses tatsächlich geschehen ist, haben mir alle bekräftigt, Kraft und Andronikow und Maria Iwanowna und sogar Tatjana Pawlowna hat sich mir gegenüber einmal in diesem Sinne verplappert. Und ebenso waren sich alle darin einig, daß Wersilow nicht nur den Wunsch gehabt hätte, das Mädchen zu heiraten, sondern auch sehr energisch an dieser Absicht festgehalten hatte, und daß das Einverständnis dieser beiden so ungleichartigen Menschen, des alten Mannes und des jungen Mädchens, gegenseitig gewesen sei. Aber ihren Vater erschreckte dieser Gedanke; er hatte im selben Maße, in dem er Katerina Pawlowna, die er früher sehr geliebt hatte, ferner getreten war, angefangen, seine Tochter förmlich zu vergöttern, besonders seit seinem Schlaganfall. Aber als die erbittertste Gegnerin der Möglichkeit einer solchen Ehe zeigte sich Katerina Nikolajewna. Es gab eine Menge heimlicher, äußerst unangenehmer Familienkonflikte, Zank, Verdrießlichkeit, mit einem Wort, allerlei widrige Geschichten. Der Vater begann schließlich nachzugeben, als er die Hartnäckigkeit seiner verliebten und von Wersilow »fanatisierten« Tochter erkannte, wie Kraft das bezeichnete. Aber Katerina Nikolajewna blieb mit unerbittlichem Haß bei ihrem Widerstand. Und an diesem Punkte beginnt der Wirrwarr, in dem kein Mensch sich zurechtfindet. Ich will übrigens hersetzen, was Kraft sich auf Grund der ihm bekannten Tatsachen zusammenkombiniert hat, es bleibt aber immer nur eine Kombination.

Wersilow soll es verstanden haben, der jungen Dame auf seine Art, fein und ohne direkte, widerlegbare Behauptungen, die Meinung beizubringen, daß Katerina Nikolajewna deshalb gegen diese Heirat wäre, weil sie sich selbst in ihn verliebt hätte, sie quälte ihn schon seit langem mit ihrer Eifersucht, verfolgte ihn und intrigierte gegen ihn, sie hätte sich ihm auch erklärt, und jetzt hätte sie Lust, ihn in Stücke zu reißen, weil er eine andere liebte; mit einem Wort, so was Ähnliches. Das Häßlichste dabei ist, daß er auch dem Vater des Mädchens, dem Manne der »ungetreuen« Frau, gegenüber derartige »Anspielungen« gemacht und ihm erklärt haben soll, die Sache mit dem jungen Fürsten Sokolskij hätte nur die Ablenkung seines Verdachtes zum Ziel gehabt. Natürlich ging jetzt in der Familie die ganze Hölle los. Nach einer Variante hätte Katerina Nikolajewna ihre Stieftochter über die Maßen geliebt und wäre jetzt verzweifelt gewesen, weil sie bei ihr so verleumdet worden sei, von ihren Beziehungen zu ihrem kranken Manne schon ganz zu schweigen. Daneben besteht noch eine andere Variante, die Kraft zu meinem Leidwesen für die richtige hielt und – die ich selbst für richtig hielt (von allen diesen Sachen hatte ich schon früher gehört). Es wurde behauptet (Andronikow soll es von Katerina Nikolajewna selbst gehört haben), Wersilow hätte vielmehr zuerst, das heißt, bevor sich das junge Mädchen in ihn verliebt hatte, Katerina Nikolajewna eine Liebeserklärung gemacht; und sie, die früher seine Freundin gewesen wäre, eine Zeitlang sogar eine exaltierte Freundin, aber ihm nie geglaubt und ihm immer widersprochen hätte, sie hätte auf Wersilows Antrag mit großer Gehässigkeit und giftigem Hohn geantwortet. Sie hätte ihm in aller Form die Tür gewiesen, weil er ihr den direkten Vorschlag gemacht hätte, seine Frau zu werden, im Hinblick auf den vermutlich bald zu erwartenden zweiten Schlaganfall ihres Mannes. So mußte denn Katerina Nikolajewna einen ganz besonderen Haß gegen Wersilow empfinden, als sie nachher sah, daß er sich so offen um die Hand ihrer Stieftochter bewarb. Maria Iwanowna, die mir das alles in Moskau mitgeteilt hat, glaubte sowohl an die eine als auch an die andere Variante, das heißt, sie glaubte alles zusammen: sie versicherte mir, daß das alles sich ganz gut miteinander in Einklang bringen ließe, sie sprach von la haine dans l'amour, vom Stolz gekränkter Liebe bei beiden Teilen usw. usw., kurz und gut, sie machte daraus eine Art von spitzfindiger Romanverwicklung, eine Sache, die jeder ernsthafte und gesund denkende Mensch von sich weisen muß. Aber Maria Iwanowna hat sich eben den Kopf von Kind auf mit Romanen vollgepfropft und liest das Zeug Tag und Nacht, trotzdem sie ein Mensch von so herrlichem Charakter ist. Wenn man die Summe aus dem allen zog, so ergab sich, daß Wersilow ganz augenscheinlich gemein gehandelt hatte, Lügen und Intrigen, etwas Schwarzes und Häßliches, um so mehr, als die Sache tatsächlich ein tragisches Ende nahm: das arme, verliebte junge Mädchen vergiftete sich, hieß es, mit Phosphorstreichhölzern; übrigens weiß ich auch heute noch nicht, ob dieses letzte Gerücht auf Wahrheit beruht; jedenfalls hat man sich alle Mühe gegeben, die Sache zu vertuschen. Das Mädchen war etwa zwei Wochen lang krank und starb dann. Die Sache mit den Streichhölzern ist auf diese Weise zweifelhaft geblieben, aber Kraft war auch davon überzeugt. Nachher starb, nicht lange darauf, auch der Vater des jungen Mädchens, wie man behauptet, aus Kummer, das soll auch die Ursache seines zweiten Schlaganfalls gewesen sein. Dies geschah übrigens erst drei Monate nachher. Aber nach der Beerdigung des jungen Mädchens gab der junge Fürst Sokolskij, der wieder von Paris nach Ems zurückgekehrt war, Wersilow ganz öffentlich im Kurgarten eine Ohrfeige, und dieser forderte ihn daraufhin nicht; er erschien vielmehr am nächsten Tage wieder auf der Promenade, als ob nicht das geringste geschehen wäre. Und da sagten sich alle von ihm los, auch in Petersburg. Wersilow hatte wohl noch einigen Verkehr, aber in einem ganz anderen Kreise. Alle seine Bekannten aus der Gesellschaft verurteilten ihn, obwohl eigentlich die wenigsten eine Ahnung von allen Einzelheiten hatten; man hatte nur von dem romanhaften Tode des jungen Mädchens und von der Ohrfeige gehört. Eine soweit als möglich vollständige Kunde von den Dingen besaßen nur zwei, drei Menschen; am meisten wußte der verstorbene Andronikow, der schon lange in geschäftlichen Beziehungen zu den Achmakows gestanden hatte und insbesondere zu Katerina Nikolajewna, in einer ganz bestimmten Angelegenheit. Aber er hütete diese Geheimnisse sogar gegenüber seiner Familie, nur Kraft und Maria Iwanowna hat er einiges davon mitgeteilt, und das auch nur, weil es nicht gut anders ging.

»Die Hauptsache«, sagte Kraft endlich, »ist nun ein gewisses Dokument, vor dem Frau Achmakowa eine ungeheure Angst hat.«

Darüber teilte er mir dann weiter folgendes mit:

Als der alte Fürst, ihr Vater, sich im Auslande schon von seinem Anfall wieder erholte, hatte Katerina Nikolajewna die Unvorsichtigkeit begangen, unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit einen äußerst kompromittierenden Brief an Andronikow zu schreiben, zu dem sie das vollste Vertrauen hatte. Damals, während seiner Genesung, soll sich beim Fürsten tatsächlich eine starke Sucht gezeigt haben, zu verschwenden und sein Geld beinahe zum Fenster hinauszuwerfen: im Auslande begann er ganz überflüssige, aber sehr teuere Sachen zu kaufen, Bilder, Vasen, – Schenkungen und Stiftungen zu Gott weiß was für Zwecken zu machen, haufenweise, zum Teil sogar zum Besten dortiger Anstalten; irgendeinem russischen Verschwender aus den ersten Gesellschaftskreisen hätte er beinahe für eine ungeheure Summe ein gänzlich heruntergewirtschaftetes Gut abgekauft; und schließlich hatte er auch wohl wirklich angefangen, an eine neue Heirat zu denken. Und im Hinblick auf diese Dinge hatte also Katerina Nikolajewna, die ihrem Vater während seiner Krankheit nicht von der Seite gewichen war, Andronikow, als Juristen und »alten Freund«, brieflich gefragt, ob es nach den Gesetzen nicht möglich sein würde, den Fürsten unter Kuratel zu stellen oder ihm die Rechtsfähigkeit zu entziehen; und wenn das ginge, wie man das am besten machte, ohne daß ein Skandal daraus entstünde; es sollte ihr doch keiner einen Vorwurf machen können, auch sollten die Gefühle ihres Vaters dabei geschont werden. Andronikow soll ihr damals zur Vernunft geredet und ihr sehr abgeraten haben; und nachher, als der Fürst wieder gänzlich hergestellt war, war es natürlich unmöglich geworden, auf diese Idee zurückzukommen; aber den Brief hatte Andronikow behalten. Und nun stirbt Andronikow; Katerina Nikolajewna fiel sofort wieder dieser Brief ein: wenn er unter den Papieren des Verstorbenen zum Vorschein käme und dem alten Fürsten in die Hände fiele, so würde dieser sich sicher für ewig von ihr lossagen, sie enterben und ihr bei Lebzeiten nicht einen Heller geben. Der Gedanke, daß seine leibliche Tochter an seinem Verstand zweifelte und ihn sogar für irrsinnig erklären lassen wollte, mußte dieses Lamm in ein reißendes Tier verwandeln. Und sie war Witwe und durch die Spielleidenschaft ihres Mannes gänzlich mittellos zurückgeblieben und konnte auf niemand als auf ihren Vater rechnen: sie hoffte fest, von ihm eine neue Mitgift zu erhalten, die ebenso hoch wäre wie die erste.

Kraft wußte über das Schicksal dieses Briefes sehr wenig, aber er sagte mir, Andronikow hätte »wichtige Papiere niemals vernichtet« und wäre außerdem ein Mann mit einem weiten Horizont, aber auch »mit einem weiten Gewissen« gewesen. (Ich muß sogar sagen, ich wunderte mich über die Selbständigkeit und Objektivität dieses Urteils bei Kraft, der für Andronikow soviel Liebe und Achtung gehegt hatte.) Aber Kraft war innerlich davon überzeugt, daß das kompromittierende Dokument, infolge von Wersilows nahen Beziehungen zu Andronikows Witwe und seinen Töchtern, wahrscheinlich in Wersilows Hände gekommen sein müßte; es war bekannt, daß sie ihm auf Anordnung des Verstorbenen sofort alle Papiere übergeben hatten, die dieser hinterlassen hatte. Kraft wußte auch, daß Katerina Nikolajewna davon unterrichtet wäre, daß der Brief sich in Wersilows Händen befinde und deshalb große Angst hätte, weil sie meinte, Wersilow würde mit dem Briefe sehr bald zum alten Fürsten gehen. Sie hätte nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande auch schon Nachforschungen nach dem Briefe in Petersburg angestellt, sie wäre bei Frau Andronikowa und ihren Töchtern gewesen und suchte noch immer weiter, da ihr trotz allem noch eine Hoffnung geblieben wäre, daß Wersilow den Brief vielleicht doch nicht hätte, und schließlich wäre sie auch nur dieser Sache wegen nach Moskau gefahren und hätte dort Maria Iwanowna flehentlich gebeten, in den Papieren nachzuforschen, die sie in Verwahrung hatte. Von Maria Iwanownas Existenz und ihren Beziehungen zu dem verstorbenen Andronikow hätte sie erst kürzlich erfahren, als sie schon wieder in Petersburg gewesen sei.

»Sie glauben also, sie hat bei Maria Iwanowna nichts gefunden?« fragte ich und hatte meine Gedanken dabei.

»Wenn Maria Iwanowna nicht mal Ihnen was davon gesagt hat, dann hat sie vielleicht überhaupt nichts.«

»Sie nehmen also an, das Dokument befinde sich bei Wersilow?«

»Das ist wohl das Wahrscheinlichste. Übrigens, ich weiß es ja nicht, unmöglich ist gar nichts«, sagte er, sichtlich abgespannt.

Ich fragte ihn nicht weiter aus. Wozu auch? Alles Wichtige war für mich aufgehellt, trotz dieses unwürdigen Wirrwarrs; alles, was ich befürchtet hatte, war mir bestätigt worden.

»Das ist alles wie Traum und Fieberwahn«, sagte ich voll tiefer Traurigkeit und griff nach meinem Hute.

»Dieser Mensch ist Ihnen sehr teuer?« fragte mich Kraft, mit einer sichtlichen und großen Teilnahme, die ich in jener Minute von seinem Gesicht las.

»Ich habe schon so ein Vorgefühl gehabt,« sagte ich, »daß ich selbst von Ihnen nicht das Ganze erfahren würde. Meine letzte Hoffnung ruht auf der Achmakowa. Auf sie habe ich auch gehofft. Vielleicht gehe ich zu ihr, vielleicht auch nicht.«

Kraft musterte mich mit einigem Zweifel im Blick.

»Leben Sie wohl, Kraft! Weshalb laufen Sie Leuten nach, die nichts von Ihnen wissen wollen? Wäre es nicht, besser, mit allem zu brechen – was?«

»Und nachher wohin?« fragte er mit einer gewissen Rauheit und schaute zu Boden.

»Zu sich selber, zu sich selber! Mit allem brechen und zu sich selber kommen!«

»Nach Amerika?«

»Nach Amerika! Zu sich selber, zu sich selber ganz allein! Sehn Sie, darin besteht meine ›Idee‹, Kraft!« sagte ich begeistert.

Er sah mich mit einer Art von Neugier an.

»Und kennen Sie diesen Ort: ›zu sich selber‹?«

»Ja. Auf Wiedersehn, Kraft; ich danke Ihnen und bedaure, daß ich Sie belästigt habe! Ich an Ihrer Stelle würde, wenn ich selber so ein Rußland im Kopfe hätte – ich würde alle zum Teufel schicken: packt euch, intrigiert nur weiter, beißt euch miteinander herum – was schert das mich.«

»Bleiben Sie noch etwas«, sagte er auf einmal, als wir schon an der Tür waren.

Ich war ein bißchen verwundert, ich kehrte um und setzte mich wieder. Kraft setzte sich mir gegenüber. Wir tauschten eine Art von Lächeln – ich sehe das alles noch, als wäre es heute gewesen. Ich weiß noch sehr genau, daß ich ihn in gewisser Weise bewunderte.

»Es gefällt mir so gut an Ihnen, Kraft, daß Sie so ein liebenswürdiger Mensch sind«, sagte ich auf einmal.

»So?«

»Namentlich, weil ich selbst es so selten verstehe liebenswürdig zu sein, wenn ich es auch verstehen möchte . . . Ach was, vielleicht ist es auch besser, wenn die Menschen einen vor den Kopf stoßen: wenigstens befreien sie einen damit von dem Unglück, sie lieben zu müssen.«

»Welche Stunde des Tages lieben Sie am meisten?« fragte er, er hatte sichtlich gar nicht gehört, was ich gesagt hatte.

»Welche Stunde? Ich weiß nicht. Den Sonnenuntergang liebe ich nicht.«

»So?« sagte er mit einem ganz besonderen Interesse und verfiel gleich wieder in Gedanken.

»Sie wollen wieder verreisen?«

»Ja . . . ich verreise.«

»Bald?«

»Ja.«

»Brauchen Sie denn wirklich zu einer Reise nach Wilna einen Revolver?« fragte ich, ganz ohne den geringsten Hintergedanken und sogar überhaupt, ohne irgend etwas dabei zu denken. Ich fragte nur so, weil der Revolver blitzte, und ich nicht recht wußte, wovon ich reden sollte.

Er wendete sich um und sah den Revolver mit einem langen, festen Blick an.

»Nein, das tu ich nur so, aus Gewohnheit.«

»Wenn ich einen Revolver besäße, ich würde ihn irgendwo unter Schloß und Riegel bringen. Wissen Sie, so ein Ding hat, bei Gott, etwas Verführerisches! Ich glaube vielleicht gar nicht an Selbstmordepidemien, aber wenn man so ein Ding immer vor Augen hat – wahrhaftig, es gibt Minuten, wo es einen verführen könnte.«

»Sprechen Sie nicht davon«, sagte er und stand plötzlich auf.

»Ich spreche nicht von mir,« sagte ich, mich gleichfalls erhebend, »ich würde so etwas nie tun. Geben Sie mir meinetwegen drei Menschenleben, – auch das würde mir noch nicht genug sein.«

»Leben Sie lange«, riß es sich gleichsam aus ihm los.

Er lächelte zerstreut und ging, seltsam, einfach ins Vorzimmer, mich damit gewissermaßen hinauskomplimentierend, natürlich ohne Bewußtsein von dem, was er tat.

»Ich wünsche Ihnen Gelingen in jeder Hinsicht, Kraft«, sagte ich, als ich schon auf der Treppe war.

»Hoffentlich«, erwiderte er mit Festigkeit.

»Auf Wiedersehen!«

»Hoffentlich auch das.«

Ich denke noch an den letzten Blick, mit dem er mich ansah.

3

So, das war also der Mensch, um den so viele Jahre mein Herz geklopft hatte! Und was hatte ich denn eigentlich von Kraft erwartet, welche neuen Aufklärungen?

Als ich von Kraft kam, verspürte ich ein starkes Hungergefühl; es wurde schon Abend und ich hatte noch nicht zu Mittag gegessen. Ich ging, gleich dort auf der Petersburger Seite, auf dem großen Prospekt, in ein kleines Wirtshaus, mit der Absicht, zwanzig oder höchstens fünfundzwanzig Kopeken auszugeben – mehr hätte ich mir damals um keinen Preis erlaubt. Ich bestellte mir eine Suppe, und dann, weiß ich noch, als ich sie gegessen hatte, setzte ich mich ans Fenster und sah hinaus; in der Stube waren viel Leute, es roch nach verbranntem Fett, Wirtshausservietten und Tabakrauch. Es war eklig. Zu meinen Häupten klopfte eine stimmlose Nachtigall mit dem Schnabel auf den Boden ihres Käfigs, verdrossen und traurig. Im benachbarten Billardzimmer wurde gelärmt, aber ich saß und dachte tief nach. Die Stunde des Sonnenunterganges (weshalb hatte Kraft sich nur gewundert, daß ich diese Tageszeit nicht liebe?) rief in mir gewisse neue und unerwartete Empfindungen hervor, die durchaus nicht hergehörten. Vor mir schimmerte die ganze Zeit der stille Blick meiner Mutter, ihre lieben Augen, die mich jetzt schon einen ganzen Monat so schüchtern ansahen. In der letzten Zeit war ich zu Hause sehr grob und unliebenswürdig gewesen, besonders gegen sie; ich wollte eigentlich gegen Wersilow grob sein, traute mich aber nach meiner elenden Manier nicht, und so quälte ich denn sie. Ich hatte sie sogar ganz verängstigt; sie sah mich oft mit einem so furchtsam flehenden Blick an, wenn Wersilow ins Zimmer trat, weil sie irgendeinen Ausbruch von mir befürchtete . . . Sehr wunderlich war es, daß es mir hier, im Wirtshaus, zum erstenmal zum Bewußtsein kam, daß Wersilow »du« zu mir sagte, während sie mich »Sie« nannte. Gewundert hatte ich mich schon früher darüber und nicht in einer Art, die für sie schmeichelhaft gewesen wäre, aber jetzt kam es mir so ganz besonders zu Bewußtsein – und allerhand seltsame Gedanken flossen, einer nach dem andern, durch meinen Kopf. Ich blieb lange auf dem Platze sitzen, bis die Dämmerung tief hereingebrochen war. Auch an meine Schwester dachte ich . . .

Eine schicksalschwangere Minute für mich. Mochte kommen, was da wollte, ich mußte einen Entschluß fassen! Ich war doch nicht unfähig, einen Entschluß zu fassen? Was war denn so Schweres daran, mit allem zu brechen, wenn man hier noch dazu selber nichts von mir wissen wollte? Meine Mutter und meine Schwester? Aber sie wollte ich ja doch auf keinen Fall verlassen, – wie sich die Sache auch wenden mochte.

Die Wahrheit ist: das Auftreten dieses Menschen in meinem Leben, das heißt, sein damaliges Auftreten für einen Augenblick nur, in meiner ersten Kindheit, war der fatale Punkt, an dem mein Bewußtsein anfing. Wäre er mir damals nicht in den Weg getreten, – mein Verstand, mein Gedankenvorrat, mein Schicksal wären heute anders, abgesehen nur von meinem mir vom Geschick vorausbestimmten Charakter, dem ich wohl auch dann nicht entronnen wäre.

Und nun zeigte es sich, daß dieser Mensch nur ein Traum von mir war, ein Traum aus meinen Kinderjahren. Also ich hatte ihn mir nur so ausgedacht, in Wirklichkeit aber fand ich einen ganz anderen Menschen, der von der Höhe meines Phantasiebildes so tief hinabgestürzt war. Einen reinen Menschen hatte ich gesucht, nicht diesen Menschen. Und weshalb hatte ich mich so in ihn verliebt, einmal für ewig, in jener kurzen Minute, als ich ihn damals sah, da ich noch ein kleines Kind war? Dies »für ewig« mußte weggewischt werden, Ich werde vielleicht einmal, wenn ich Platz dafür finde, jene erste Begegnung mit ihm erzählen: es ist nichts als eine alberne kleine Anekdote, die nicht das geringste beweist. Aber ich baute eine ganze Pyramide darauf auf. Ich begann an dieser Pyramide schon unter der kleinen Decke meines Kinderbettchens zu bauen, wenn ich vor dem Einschlafen dalag und weinen konnte und träumen – wovon? – ich weiß es selbst nicht. Davon, daß ich verlassen war? Davon, daß ich gequält wurde? Aber gequält worden bin ich nur wenig, im ganzen nur zwei Jahre lang, in der Pension Touchard, in die er mich damals brachte, um dann für immer abzureisen. Späterhin hat mich niemand mehr gequält; im Gegenteil, ich selber sah stolz auf meine Mitschüler hinunter. Und ich kann solche sich selbst bejammernden Waisenkinder nicht ausstehen! Ich weiß mir kein ekelhafteres Schauspiel, als wenn solche Waisen, solche unehelichen Kinder, alle diese Verstoßenen und überhaupt dieser ganze Dreck, mit dem ich auch nicht das geringste Mitgefühl habe – wenn die auf einmal feierlich vor dem Publikum aufmarschieren und kläglich, aber erbaulich losheulen: »Seht her, wie man an uns gehandelt hat!« Prügeln könnte ich diese Waisen! Und keiner von diesem trüben Gesindel begreift, daß es zehnmal anständiger ist, zu schweigen, nicht zu heulen und die Sache einer Klage überhaupt nicht für wert zu halten. Das sind meine Gedanken hierüber!

Aber nicht das war das Lächerliche, daß ich früher »unter der Bettdecke« so von ihm geträumt hatte, sondern meine Reise hierher um seinetwillen, wieder um dieses erdachten Menschen willen; und über dieser Reise hatte ich beinahe mein Hauptziel vergessen. Ich war hergekommen, um ihm zu helfen die Verleumdung zu vernichten, seine Feinde zu zerschmettern. Jenes Dokument, von dem Kraft gesprochen hatte, der Brief dieser Frau an Andronikow, vor dem sie solche Angst hatte, der ihr Glück zerstören und sie an den Bettelstab bringen konnte und den sie in Wersilows Händen vermutete, – dieser Brief war nicht in Wersilows Händen, sondern steckte eingenäht in meiner Brusttasche. Ich hatte ihn selbst eingenäht, und bis jetzt wußte noch kein Mensch auf der Welt davon. Daß die romanhaft veranlagte Maria Iwanowna, die das Dokument »in Aufbewahrung« hatte, es für nötig gehalten hatte, den Brief gerade mir, und keinem andern, zu übergeben, das ist Sache ihrer Ansicht und ihres freien Willens, und ich bin nicht verpflichtet, es zu erklären; vielleicht erzähle ich es übrigens noch einmal, wenn sich gerade eine Gelegenheit bietet. Aber wie ich nun auf einmal diese ganz unerwartete Waffe in der Hand hielt, wie hätte mich der Wunsch nicht verlocken sollen, so in Petersburg aufzutreten? Natürlich hatte ich beschlossen, diesem Menschen nicht anders zu helfen, als ganz im geheimen, ohne hervorzutreten oder mich zu ereifern, ohne von ihm Lobsprüche oder Umarmungen zu erwarten. Und niemals, niemals würde ich es mit meiner Würde für vereinbar halten, ihm irgendeinen Vorwurf zu machen! War er denn auch nur im geringsten schuld daran, daß ich mich in ihn verliebt und mir aus ihm ein phantastisches Idealbild geschaffen hatte? Und vielleicht liebte ich ihn überhaupt gar nicht einmal! Sein origineller Verstand, sein interessanter Charakter, alle seine Intrigen und Abenteuer und der Umstand, daß meine Mutter bei ihm wohnte – das alles, schien mir, hätte mich jetzt nicht mehr aufhalten können; es war auch damit schön genug, daß meine phantastische Puppe zerbrochen war und ich ihn vielleicht nicht mehr würde lieben können. Also, was hielt mich denn auf, woran hing ich fest? Das war die Frage. Und als Endergebnis kam heraus, daß nur ich hier der Dumme war und niemand anders.

Aber wie ich von den anderen Ehrlichkeit verlange, will ich selbst auch ehrlich sein: ich muß bekennen, daß das Dokument, das ich in der Tasche eingenäht trug, in mir nicht nur den brennenden Wunsch erregt hatte, Wersilow zu Hilfe zu eilen. Heute ist mir das nur zu klar, und auch damals errötete ich vor dem Gedanken. Ich sah eine Frau vor Augen, ein stolzes Geschöpf aus der höchsten Gesellschaft, dem ich Aug' in Auge gegenübertreten würde; sie würde mich verachten, mich verlachen wie eine kleine Maus, ohne den Schimmer eines Verdachtes zu haben, ich könnte der Herr über ihr Schicksal sein. Dieser Gedanke hatte mich schon in Moskau trunken gemacht, besonders aber im Eisenbahnwagen, als ich nach Petersburg fuhr; ich habe das schon weiter oben gestanden. Ja, ich haßte diese Frau, aber ich liebte sie auch schon als mein Opfer, und dies war die reine Wahrheit, dies alles war wirklich. Aber war dies denn nicht schon so kindisch, wie ich es selbst von einem Menschen wie ich bin nicht hätte erwarten sollen? Ich beschreibe meine damaligen Gefühle, das heißt, was mir damals durch den Kopf ging, als ich in jenem Wirtshaus unter der Nachtigall saß, und als ich den Entschluß faßte, noch am gleichen Abend für immer mit ihnen zu brechen. Der Gedanke an meine heutige Begegnung mit dieser Frau übergoß auf einmal mein Gesicht mit der Farbe der Scham. Eine schmähliche Begegnung! Ein schmählicher und dummer Eindruck, und – was die Hauptsache war – er bewies mir stärker als sonst etwas meine Unfähigkeit zu einer ernsten Aufgabe! Es bewies nur das eine – so dachte ich damals – daß ich nicht die Kraft hätte, den dümmsten Verlockungen zu widerstehen, während ich doch eben erst selber zu Kraft gesagt hatte, ich kenne »meine Stelle« im Leben, ich hätte meine Aufgabe und würde, wenn man mir drei Menschenleben gäbe, auch daran noch nicht genug haben. Voll Stolz hatte ich das gesagt. Daß ich meine Idee hatte fahren und mich in Wersilows Angelegenheiten hineinziehen lassen, dafür konnte man schließlich vielleicht noch eine Entschuldigung finden; aber daß ich wie ein erstaunter Hase im Zickzack hin und her sprang und mich in jeden Schund hineinziehen ließ, daran war natürlich nichts schuld als meine Dummheit. Welcher Satan hatte mich geritten, zu Dergatschow zu gehen und dort mit meinen Dummheiten herauszuplatzen, während ich doch bei mir längst wußte, daß ich nichts Kluges und Vernünftiges zutage bringen würde und daß es das vorteilhafteste für mich wäre, zu schweigen? Und irgend so ein Wasin redet mir zur Vernunft und sagt mir, »ich hätte noch fünfzig Jahre vor mir, es läge durchaus kein Grund vor, mir graue Haare darüber wachsen zu lassen.« Gewiß ist diese Antwort vorzüglich, das gebe ich zu, und sie macht seiner unbestreitbaren Klugheit Ehre; sie ist schon deshalb vorzüglich, weil sie höchst einfach ist und das Einfachste begreift man immer erst zuletzt, wenn man schon alles durchprobiert hat, was komplizierter oder dümmer ist; aber ich wußte diese Antwort schon selber, bevor Wasin sie mir gesagt hatte; ich hatte diesen Gedanken seit reichlich drei Jahren vorausgefühlt; ganz abgesehen davon, daß in ihm teilweise »meine Idee« begründet ist. – Das waren so meine Gedanken damals im Wirtshaus.

Ich fühlte mich angeekelt, als ich, müde vom Gehen und von meinen Gedanken, so gegen acht Uhr abends nach Hause aufbrach. Es war schon ganz dunkel, und das Wetter war umgeschlagen; es war trocken, aber ein unangenehmer Petersburger Wind hatte sich erhoben, blies mir schneidend und scharf in den Rücken und wirbelte ringsum Staub und Sand auf. Wie viele verdrossene Gesichter unter den geringen Leuten, die von der Arbeit und den Geschäften in ihre Winkel heimeilten! Jeder trug seine eigene verdrossene Sorge im Gesicht, und es war vielleicht nicht ein einziger allgemeiner, alleinender Gedanke in dieser Menge. Kraft hatte recht: jeder war und dachte nur für sich. Ein kleiner Knabe begegnete mir, so klein, daß es sonderbar anmutete, ihn um diese Stunde allein auf der Straße zu sehen; er hatte sich wahrscheinlich verlaufen; eine Frau blieb eine Minute lang stehen und hörte zu, was er sagte, aber sie verstand nichts, zuckte die Achseln und ließ ihn allein in der Dunkelheit stehen. Ich wollte zu ihm treten, aber ich weiß nicht warum, er bekam auf einmal Angst vor mir und lief weiter. Als ich vor unserem Hause stand, war ich entschlossen, Wasin niemals zu besuchen. Als ich die Treppe hinaufstieg, fühlte ich den brennenden Wunsch, die Meinen allein zu Hause zu treffen, ohne Wersilow, damit ich, bevor er käme, Zeit fände, meiner Mutter ein gutes Wort zu sagen, oder auch meiner Schwester, der ich den ganzen Monat lang kaum ein einziges besonderes Wort gesagt hatte. Und so traf es sich auch, er war nicht zu Hause . . .

4

Übrigens, bevor ich in meinen »Memoiren« diese »neue Person« auf die Bühne bringe (das heißt, ich spreche von Wersilow), will ich in Kürze seine »Dienstliste« hersetzen, die übrigens nichts zu bedeuten hat. Ich tue das, damit dem Leser alles verständlicher wird, und weil ich nicht absehe, wo ich diese »Liste« im weiteren Fluß meiner Erzählung würde anbringen können.

Er hatte studiert, war dann aber in ein Garde-Kavallerieregiment eingetreten. Er hatte die Fanariotowa geheiratet und seinen Abschied genommen. Er war ins Ausland gegangen und wieder zurückgekommen und lebte in Moskau allerlei geselligen Vergnügungen. Nach dem Tode seiner Frau ging er aufs Land; in die Zeit fällt die Episode mit meiner Mutter. Nachher lebte er lange irgendwo in Südrußland. Während des Krimkrieges trat er wieder in das Heer ein, kam aber überhaupt nicht in die Krim und nahm am ganzen Krieg keinen tätigen Anteil. Als der Krieg zu Ende war, nahm er wieder seinen Abschied, ging ins Ausland und nahm meine Mutter mit, die er übrigens in Königsberg sitzenließ. Die Ärmste hat mir manchmal mit einem gewissen Grausen und kopfschüttelnd davon erzählt, wie sie dort ein volles halbes Jahr gelebt hat, mutterseelenallein mit ihrer kleinen Tochter, ohne die Sprache zu kennen, wie im Urwalde, und zu guter Letzt auch ohne Geld. Dann war Tatjana Pawlowna gekommen und hatte sie nach Rußland zurückgeholt, irgendwohin ins Gouvernement Nishnij-Nowgorod. Späterhin wurde Wersilow dann Oberfriedensrichter und soll sein Amt ausgezeichnet ausgefüllt haben; aber bald gab er es wieder auf und begann sich in Petersburg mit dem Eintreiben von allerlei privaten Forderungen zu beschäftigen. Andronikow hat seine Fähigkeiten immer hoch eingeschätzt und großen Respekt vor ihm gehabt und nur gesagt, er verstünde seinen Charakter nicht. Nachher gab Wersilow auch das auf und reiste wieder ins Ausland, und diesmal für längere Zeit, gleich auf ein paar Jahre. Und dann begannen seine ganz besonders intimen Beziehungen zum alten Fürsten Sokolskij. Während dieser ganzen Zeit änderten sich seine Geldverhältnisse zwei-, dreimal: bald kam er beinah an den Bettelstab, bald wurde er auf einmal wieder reich und war wieder oben.

Übrigens habe ich mich entschlossen, jetzt, wo ich in, meinen Aufzeichnungen eben bis zu diesem Punkte gekommen bin, »meine Idee« auseinanderzusetzen. Ich will sie in Worte fassen, zum erstenmal seit ihrer Entstehung. Ich entschließe mich sozusagen, sie dem Leser mitzuteilen, und wieder nur deshalb, damit meine weiteren Darlegungen klar werden. Und nicht nur der Leser, nein, auch ich selbst, der Verfasser, beginne mich in der Schwierigkeit zu verheddern, die es macht, meine Schritte zu erklären, ohne vorher erklärt zu haben, was mich zu ihnen gebracht hat. Mit diesem »Trick des Verschweigens« bin ich, infolge meiner Unerfahrenheit, schon wieder einer jener literarischen »Schönheiten« der Romanciers verfallen, über die ich weiter oben selbst gespottet habe. Jetzt, wo ich die Tür zu meinem Petersburger Roman mit allen seinen schimpflichen Abenteuern öffnen will, erscheint mir diese Vorrede unumgänglich nötig. Aber nicht die »literarischen Schönheiten« allein haben mich verführt, hierüber bisher zu schweigen, sondern auch das Wesen der Sache, das heißt, die Schwierigkeit der Sache; sogar heute noch, wo schon alles Vergangene vergangen ist, fühle ich, wie unendlich schwer es ist, diesen »Gedanken« zu erklären. Außerdem kann es wohl nicht zweifelhaft sein, daß ich ihn unbedingt in seiner damaligen Gestalt erklären muß, das heißt, wie er sich damals geformt hatte und von mir gedacht wurde, und nicht, wie er heute besteht, und das ist eine neue Schwierigkeit. Manche Dinge zu erklären, ist fast unmöglich. Gerade die allereinfachsten, allerklarsten Ideen, gerade die versteht man am schwersten. Wenn Kolumbus vor der Entdeckung von Amerika seine Idee anderen Leuten mitgeteilt hätte, ich bin überzeugt, sie hätten ihn furchtbar lange gar nicht verstanden. Und sie haben ihn ja auch nicht verstanden. Wenn ich das sage, denke ich nicht entfernt daran, mich mit Kolumbus zu vergleichen, und wenn jemand das aus meinen Worten schließen sollte, so kann ich ihm nur sagen, er solle sich lieber schämen und weiter gar nichts.

Fünftes Kapitel
1

Meine Idee ist – ein Rothschild zu werden! Ich fordere den Leser auf, ruhig und ernst zu bleiben.

Ich wiederhole es, meine Idee ist, ein Rothschild zu werden, ebenso reich zu werden wie Rothschild; nicht einfach reich, sondern gerade wie Rothschild. Weswegen, wozu, was ich damit eigentlich für Ziele verfolge – davon wird später die Rede sein. Zunächst will ich beweisen, daß die Erreichung meines Zieles mit mathematischer Sicherheit garantiert ist.

Es ist eine sehr einfache Sache, ihr ganzes Geheimnis liegt in diesen zwei Worten: Hartnäckigkeit und Ausdauer.

»Da erfahren wir nichts Neues,« wird man mir sagen, »jeder Familienvater in Deutschland predigt das seinen Kindern, aber dabei ist Ihr Rothschild (das heißt, der verstorbene James Rothschild, der Pariser, von dem ich spreche) der einzige in seiner Art geblieben, und die Familienväter zählen nach Millionen.«

Auf so einen Einwurf würde ich antworten:

»Sie behaupten, das wäre nichts Neues, das wüßten Sie schon lange, aber dabei wissen Sie gar nichts. Es ist ja richtig, in einem Punkt haben Sie recht; wenn ich gesagt habe, diese Sache wäre ›sehr einfach‹, so habe ich vergessen, hinzuzufügen, daß sie zu gleicher Zeit furchtbar schwer ist. Alle Religionen und Sittenlehren in der Welt laufen auf den einen Satz hinaus: ›Du sollst die Tugend lieben und das Laster meiden.‹ Was könnte anscheinend einfacher sein? Aber tun Sie doch eine tugendhafte Tat oder meiden Sie doch auch nur ein einziges von Ihren Lastern, versuchen Sie es mal – nun, und –? Und genau so ist es hiermit.«

Das ist der Grund, warum die unzähligen Familienväter im Laufe unzähliger Jahrhunderte diese beiden wunderbaren Wörter immer wiederholen konnten, in denen das ganze Geheimnis beschlossen liegt, und daß Rothschild dennoch der einzige in seiner Art blieb; Also: das ist durchaus nicht dasselbe, und die Familienväter predigen durchaus nicht meinen Gedanken.

Von Hartnäckigkeit und Ausdauer haben auch sie zweifellos gehört; aber zur Erreichung meines Zieles können Hartnäckigkeit und Ausdauer im Sinne der Familienväter nicht dienen.

Schon der eine Ausdruck »Familienväter« – ich spreche nicht von den deutschen allein – der Umstand, daß so ein Mensch Familie hat, daß er lebt, wie alle leben, daß er Ausgaben hat wie alle, Pflichten wie alle andern – schon das bedeutet für ihn, daß er kein Rothschild werden kann, sondern immer ein begrenzter, mittelmäßiger Mensch bleiben muß. Ich verstehe es nur zu gut, daß einer, der ein Rothschild wird oder auch nur einer werden will, aber nicht im Sinne der Familienväter, sondern ernsthaft – daß so einer schon mit diesem Entschluß ganz von selbst aus der Gesellschaft austritt.

Vor ein paar Jahren stand in den Zeitungen, auf einem Wolgadampfer wäre ein Bettler gestorben, der in Lumpen einhergegangen war und um Almosen gebeten hatte; jedermann dort kannte ihn. Nach seinem Tode fand man gegen dreitausend Rubel in Banknoten in seinen Bettelrock eingenäht. Und kürzlich habe ich wieder von einem Bettler gelesen, der von adliger Abkunft war, in den Wirtshäusern herumlief und um Almosen bat. Er wurde verhaftet, und es fanden sich bei ihm gegen fünftausend Rubel. Daraus ergeben sich ganz von selbst zwei Schlüsse: erstens, daß die Hartnäckigkeit im Sparen, wenn man auch nur Kopeke auf Kopeke legt, ganz kolossale Resultate erzielt (die Zeit hat hierbei gar nichts zu bedeuten), und zweitens, daß die primitivste, ungeklügeltste Form des Geldsammelns, wenn man sie nur mit Ausdauer und ohne jede Unterbrechung betreibt, mit mathematischer Sicherheit zum Erfolg führen muß.

Und dabei gibt es vielleicht reichlich viele achtbare, kluge und sparsame Leute, die (soviel sie sich darum plagen mögen) weder drei noch fünf Tausende haben, und die sie doch überaus gern haben möchten. Woher kommt das? Die Antwort ist klar: weil nicht ein einziger von ihnen, so gern er es auch wollte, so viel Willen besitzt, um zum Beispiel, wenn er es sich auf keine andere Weise verdienen kann, selbst zum Bettler zu werden, weil keiner von ihnen, selbst wenn er Bettler geworden ist, hartnäckig genug ist, um die ersten Kopeken, die er bekommt, nicht gleich für ein überflüssiges Stück Brot für sich oder seine Familie auszugeben. Und bei dieser Methode, Geld zu verdienen, das heißt, beim Betteln, darf man, wenn man soviel Geld zusammenhäufen will, nur von Brot und Salz leben und nach weiter gar nichts Verlangen tragen; wenigstens fasse ich das so auf. So haben es auch sicherlich die oben erwähnten Bettler gemacht, das heißt, sie haben nur trockenes Brot gegessen und fast ausschließlich unter freiem Himmel gelebt. Zweifellos haben sie nicht die Absicht gehabt, Rothschilds zu werden; es waren bloß Harpagons oder Pliuschkins in ihrer reinsten Erscheinungsform, weiter nichts; aber auch beim bewußten Geldzusammenraffen in einer ganz anderen Form, mit dem Ziele, ein Rothschild zu werden, braucht man nicht weniger Energie und Willenskraft als diese beiden Bettler. Ein Familienvater bringt diese Kraft nicht auf. Die Kräfte auf der Welt sind verschieden geartet, besonders die Kraft des Wollens und Strebens hat sehr mannigfache Abstufungen. Es gibt eine Temperatur, bei der das Wasser zu sieden anfängt, es gibt auch eine Temperatur, bei der das Eisen in Rotglut gerät.

Das ist ebenso schwer, wie ins Kloster zu gehen, so schwer wie die Selbstüberwindung asketischer Mönchsorden. Hier geht es ums Gefühl, nicht um die Idee. Und warum? Wozu? Ist das denn moralisch, und ist es nicht ganz ungeheuerlich, sein Leben lang in groben Gewändern zu gehen und nichts als Schwarzbrot zu essen, wenn man so einen Haufen Geld bei sich trägt? Von diesen Fragen später, jetzt will ich nur klarmachen, daß es möglich ist, mein Ziel zu erreichen.

Als ich mir »meine Idee« ausgedacht hatte (und in der Rotglut besteht sie eben), begann ich mich zu prüfen, ob ich fähig wäre zu Kloster und Askese. Zu diesem Zwecke genoß ich den ganzen ersten Monat hindurch nur Brot und Wasser. Ich brauchte nicht mehr als zweieinhalb Pfund Schwarzbrot für den Tag. Um das durchführen zu können, mußte ich Nikolaj Semionowitsch betrügen, der sehr klug war, und Maria Iwanowna, die mir wohlwollte. Ich bestand darauf, daß mir das Essen in mein Zimmer gebracht wurde, zu ihrer Betrübnis und zur zweifelnden Verwunderung des sehr korrekten Nikolaj Semionowitsch; dort schaffte ich das Essen einfach beiseite: die Suppe goß ich zum Fenster hinaus, in die Nesseln oder sonstwohin, das Fleisch warf ich entweder durchs Fenster dem Hunde zu, oder ich wickelte es in ein Stück Papier, steckte es in die Tasche und brachte es nachher fort, und so mit allem übrigen. Da mir zum Mittagessen natürlich viel weniger als zweieinhalb Pfund Brot heraufgeschickt wurde, so kaufte ich mir heimlich für mein eigenes Geld welches dazu. Das hielt ich einen Monat aus und verdarb mir nur vielleicht ein bißchen meinen Magen dabei; im nächsten Monat fügte ich die Suppe zum Brot, und morgens und abends je ein Glas Tee – und ich kann versichern, so habe ich ein ganzes Jahr gelebt, vollkommen gesund und zufrieden und moralisch in einem Taumel und einer fortwährenden heimlichen Ekstase. Nicht nur, daß es mir um die Speisen nicht leid tat, nein, ich war geradezu in einer Verzückung. Als das Jahr zu Ende war und ich mich überzeugt hatte, daß ich jedes beliebige Fasten ertragen konnte, begann ich wieder zu essen wie sie und ging zu Mittag zu ihnen hinunter. Aber mit dieser Probe war ich noch nicht zufrieden und machte noch eine zweite. Als Taschengeld, für meine kleinen Ausgaben, bekam ich außer dem Geld für meinen Unterhalt, das direkt an Nikolaj Semionowitsch gezahlt wurde, monatlich fünf Rubel. Ich beschloß, nur die Hälfte dieses Geldes auszugeben. Das war eine sehr schwere Prüfung, aber nach zwei Jahren, als ich in Petersburg ankam, befanden sich in meiner Tasche, außer anderem Geld, siebzig Rubel, die ich mir nur auf diese Art erspart hatte. Das Resultat dieser beiden Versuche war für mich einfach gewaltig: ich hatte jetzt die sichere Gewißheit, daß ich genug Willenskraft besaß, um mein Ziel zu erreichen, und darin, ich wiederhole, liegt meine ganze Idee begründet – alles andere sind jämmerliche Kleinigkeiten.

2

Aber betrachten wir auch die Kleinigkeiten.

Ich habe meine beiden Versuche beschrieben; in Petersburg machte ich, wie schon bekannt, einen dritten – ich ging auf eine Auktion und verdiente mit einem Schlage sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken. Natürlich, das war kein wirklicher Versuch, sondern nur eine Spielerei, ein kleines Amüsement; ich hatte Lust, eine Minute aus der Zukunft vorwegzunehmen und zu erproben, wie ich dann umhergehen und handeln würde. Überhaupt hatte ich den wirklichen Beginn meines Werkes von allem Anfang an, schon in Moskau, bis dahin verschoben, wo ich gänzlich frei sein würde; ich wußte gut genug, daß ich wenigstens zum Beispiel erst mit dem Gymnasium fertig sein müßte. (Die Universität hatte ich, wie schon bekannt, geopfert.) Unstreitig, ich reiste in einem geheimen Zorn nach Petersburg; ich hatte eben das Gymnasium absolviert und war zum erstenmal frei geworden, und da auf einmal sah ich, daß Wersilows Angelegenheiten mich für unbestimmte Zeit vom Beginn meines Werkes abzogen! Aber wenn ich auch zornig war, so kam ich doch ohne die geringste Unruhe meines Zieles wegen hin.

Es ist ja richtig, die praktische Kenntnis fehlte mir; aber ich hatte alles drei Jahre lang ununterbrochen überdacht und konnte keinen Zweifel haben. Ich hatte es mir tausendmal vorgestellt, wie ich anfangen würde: ich würde auf einmal, wie vom Himmel gefallen, in einer von unsern beiden Hauptstädten auftreten (ich hatte mir für den Anfang unsere Hauptstädte ausgesucht und in erster Linie Petersburg, dem ich nach einiger Überlegung den Vorzug gegeben hatte), und so würde ich denn dastehen, wie vom Himmel gefallen, aber vollkommen frei, von niemand abhängig, gesund und mit einem heimlichen Schatz von hundert Rubel in der Tasche als erstes Anlagekapital. Ohne diese hundert Rubel wollte ich nicht anfangen, weil ich sonst auch schon die erste Periode des Erfolges gar zu weit hinausschieben müßte. Außer den hundert Rubeln brachte ich, wie schon bekannt, Mut, Hartnäckigkeit, Ausdauer, die vollste Einsamkeit und das tiefste Geheimnis mit. Die Einsamkeit war die Hauptsache; ich habe bis zur letzten Minute keinerlei Beziehungen zu anderen Menschen oder Verbindungen mit ihnen leiden können; im allgemeinen gesprochen, ich hatte beschlossen, mit der Ausführung meiner Idee unbedingt ganz allein anzufangen, das ist mein sine qua. Die Menschen bedrücken mich, und wenn ich innerlich unruhig wäre, müßte diese Unruhe meinem Ziele schädlich sein. Und es ist mir bis heute, mein Leben lang, immer so gegangen; wenn ich davon träumte, wie ich mit den Leuten umgehen würde, so dachte ich mir immer sehr kluge Dinge aus; aber sobald es in Wirklichkeit dazu kam, benahm ich mich in der dümmsten Weise. Ich bekenne das mit Unwillen und aufrichtig; ich habe mich mit Worten immer selbst ausgegeben, und darum beschloß ich, dem Umgang mit Menschen zu entsagen. Ich gewinne dadurch Unabhängigkeit, Seelenruhe, Klarheit in der Verfolgung meines Zieles.

Ungeachtet der entsetzlichen Petersburger Preise hatte ich ein für allemal beschlossen, nicht mehr als fünfzehn Kopeken täglich für Essen auszugeben und wußte, daß ich mein Wort halten würde. Diese Frage wegen des Essens hatte ich mir lange und umständlich überlegt; so hatte ich zum Beispiel beschlossen, hier und da einmal zwei Tage nacheinander nichts als Brot und Salz zu essen, aber mit dem Vorbehalt, am dritten Tage wieder ausgeben zu dürfen, was ich mir in den beiden anderen erspart hatte; ich meinte, das würde besser für meine Gesundheit sein als die ewig gleiche Fastenkost auf Grundlage des Minimums von fünfzehn Kopeken. Außerdem brauchte ich, um leben zu können, einen Winkel, buchstäblich einen Winkel, nur damit ich mich nachts ausschlafen konnte und hier und da einmal bei ganz entsetzlichem Wetter auch tags eine Unterkunft hätte. Leben wollte ich auf der Straße und war im Notfall auch bereit, in den Asylen für Obdachlose zu übernachten, wo man außer seinem Lager ein Stück Brot und ein Glas Tee bekommt. Oh, ich würde es nur zu gut verstehen, mein Geld zu verstecken, damit es mir in meinem Winkel oder in den Asylen nicht gestohlen würde, ja, nicht einmal eine Ahnung sollte man davon haben, dafür verbürge ich mich! Auf der Straße habe ich einmal gehört, wie einer lustig sagte: »Mir soll man was stehlen? Ich hab' nur Angst, daß ich nicht am Ende einem andern was stehle.« Natürlich eigne ich mir für mich aus diesem Satze nur die Vorsichtigkeit und Listigkeit an; zu stehlen beabsichtige ich nicht. Mehr noch, ich hatte noch in Moskau, vielleicht am ersten Tage meiner »Idee«, fest beschlossen, nicht einmal Geld auf Pfänder und gegen Prozente zu verleihen; dazu sind die Juden da und solche Russen, die weder Verstand noch Charakter haben. Pfänder und Prozente – das ist nur was für ordinäre Menschen.

Was die Kleidung betraf, so hatte ich beschlossen, immer zwei Anzüge zu haben: einen für alle Tage und einen guten. Wenn ich sie mir einmal angeschafft hätte, so würde ich sie lange tragen, davon war ich überzeugt; ich habe mich zweieinhalb Jahre extra im Hinblick hierauf geübt, meine Kleider lange zu tragen, und ich habe sogar das Geheimnis entdeckt: damit Kleider immer neu bleiben und sich nicht abtragen, muß man sie so oft wie möglich bürsten, fünf-, sechsmal am Tage. Vor der Bürste fürchtet das Tuch sich nicht, ich spreche aus Erfahrung, sondern es fürchtet sich vor Staub und Schmutz. Staub besteht eben ganz einfach aus Steinen, wenn man ihn unter dem Mikroskop ansieht, und eine Bürste mag noch so hart sein, sie besteht doch im Grunde beinah aus einer Art Wolle. In gleicher Weise hatte ich mich geübt, meine Stiefel sehr zu schonen: das Geheimnis besteht darin, daß man den Fuß behutsam mit der ganzen Sohle auf einmal auf den Boden setzt und sein Körpergewicht dabei so schnell wie möglich auf die betreffende Seite legt. Lernen kann man das in vierzehn Tagen, nachher tut man es schon ganz unwillkürlich. Auf diese Weise halten die Stiefel, durchschnittlich gerechnet, um ein Drittel der Zeit länger. Das ist eine Erfahrung zweier Jahre.

Und dann mußte also meine eigene Tätigkeit beginnen.

Ich ging von der Vorstellung aus: ich habe hundert Rubel. In Petersburg gibt es so viel Auktionen, Ausverkäufe, Trödelläden und bedürftige Menschen, daß es ganz unmöglich ist, eine Sache, die man für soundso viel gekauft hat, nicht etwas teuerer verkaufen zu können. Für das Album habe ich einen Gewinn von sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken auf ein Anlagekapital von zwei Rubel und fünf Kopeken erzielt. Diesen ungeheuren Gewinn habe ich ohne das geringste Risiko erzielt: ich sah es dem Käufer an den Augen an, daß er nicht zurücktreten würde. Selbstverständlich verstehe ich nur zu gut, daß das nur ein Zufall war; aber solche Zufälle suche ich ja eben, deswegen habe ich ja beschlossen, auf der Straße zu leben. Nun, und mögen solche Zufälle auch sehr selten sein; ganz gleich, meine erste Regel wird sein: niemals etwas zu riskieren, und meine zweite: unbedingt jeden Tag wenigstens ein bißchen mehr als das Minimum zu verdienen, das ich für meinen Unterhalt ausgeben muß, so daß mein Kapital ununterbrochen wächst.

Man wird mir sagen: »das sind alles nur Träume, du kennst die Straße nicht und wirst beim ersten Schritt schon übervorteilt werden.« Aber ich besitze Willen und Charakter, und die Wissenschaft der Straße ist eine Wissenschaft wie jede andere, sie muß sich einem ergeben, wenn man sie mit Ausdauer und Aufmerksamkeit betreibt und Fähigkeiten mitbringt. Im Gymnasium war ich bis zur obersten Klasse immer unter den ersten, ich war ein ausgezeichneter Mathematiker. Wie kann man denn die Erfahrung und die Wissenschaft der Straße so götzendienerisch überschätzen, daß man mir den sicheren Mißerfolg prophezeit? So was sagen immer nur die Leute, die noch nie einen Versuch in irgendeiner Richtung gemacht haben, die keine Art von Leben angefangen, sondern immer nur im Fertigen vegetiert haben. »Einer hat sich die Nase gebrochen, also muß sie sich jeder andere unbedingt auch brechen!« Nein, ich breche mir meine nicht. Ich habe Charakter, und wenn ich gut aufpasse, lerne ich schon noch alles. Kann man sich denn überhaupt vorstellen, daß einer mit der ausdauerndsten Hartnäckigkeit, mit dem ausdauerndsten Scharfblick, mit der ausdauerndsten Überlegung und Berechnung, mit der größten ununterbrochenen Tätigkeit und Lauferei – daß es einer durch das alles nicht herausbringen sollte, wie man es machen muß, um täglich zwanzig Kopeken zu verdienen? Die Hauptsache ist, ich bin entschlossen, meinen Gewinn nie gewaltsam auf ein Maximum treiben zu wollen, nein, ich will immer ruhig bleiben. Nachher, später, wenn ich erst das erste Tausend habe und das zweite, dann werde ich natürlich ganz von selbst aufhören, den Vermittler und den Käufer und Wiederverkäufer auf der Straße zu spielen. Natürlich weiß ich noch zu wenig von Börse, Aktien, Bankiergeschäften und alledem. Aber dafür weiß ich so gut, wie ich fünf Finger an der Hand habe, daß ich alle diese Börsen- und Bankiergeschäfte zu ihrer Zeit so gut verstehen werde, wie kein anderer, und daß diese Wissenschaft mir sehr leicht fallen wird, einfach weil mich meine Sache dahin führen wird. Ist denn dazu wirklich so viel Verstand nötig? Was kann einem da alle salomonische Weisheit nützen: Charakter muß einer haben; Kenntnisse, Gewandtheit, Wissen kommen ganz von selbst. Man darf nur nicht aufhören zu »wollen«.

Die Hauptsache ist: nichts riskieren. Und das versteht nur einer, der Charakter hat. Erst kürzlich kam mir hier, in Petersburg, eine Subskriptionsliste auf Eisenbahnaktien in die Hand; die Leute, die damals subskribieren konnten, haben viel daran verdient. Eine Zeitlang stiegen die Aktien rapid! Und jetzt setzen wir einmal den Fall, irgend jemand, dem es nicht gelungen ist, zu subskribieren, und der sehr gern welche haben möchte, sieht solche Aktien in meinen Händen und schlägt mir vor, er will sie mir abkaufen und mir dafür eine Prämie von soundso viel Prozenten zahlen. Ich würde sie ihm unbedingt sofort verkaufen. Selbstverständlich würde man über mich lachen: »wenn du noch gewartet hättest, so hättest du vielleicht den zehnfachen Betrag verdient.« – Sehr richtig, aber meine Prämie ist schon deshalb sicherer, weil ich sie in der Tasche habe, während die Ihre noch in der Luft herumfliegt. – Man wird mir sagen, auf diese Weise verdiente man nicht viel; – pardon, das ist ja gerade der Fehler, der Fehler aller unserer großen Spekulanten. Die Wahrheit lautet: Ausdauer und Hartnäckigkeit im Verdienen und vor allem im Behalten bedeutet unendlich viel mehr als momentane Coups, mögen sie auch hundert und aberhundert Prozente einbringen.

Kurz vor der französischen Revolution trat in Paris ein gewisser Law auf und heckte ein im Prinzip geniales Projekt aus (das nachher bei der Ausführung jämmerlich verkrachte). Ganz Paris war in Aufregung; Laws Aktien gingen wie warme Semmeln ab, man riß sich um sie. In dem Hause, wo die Subskriptionsliste aufgelegt war, strömte das Geld von ganz Paris zusammen, wie aus einem Sack; aber endlich reichte auch das Haus nicht mehr: das Publikum drängte sich auf der Straße – alle Berufe, Stände, Lebensalter: Bourgeois, Edelleute und ihre Kinder, Gräfinnen, Marquisen, öffentliche Frauenzimmer – alles keilte sich zu einem erregten, halbverrückten Klumpen zusammen, es war, als wären sie alle von tollen Hunden gebissen; Rang, Vorurteile, Rassenunterschiede, Stolz, sogar die Ehre und der gute Name – alles wurde in einen Dreck gestampft; alles wurde geopfert (sogar von Frauen), um nur ein paar Aktien zu bekommen. Die Subskription wurde schließlich auf der Straße fortgesetzt, aber man hatte keine Unterlage zum schreiben. Da schlug man einem Buckligen vor, seinen Buckel für eine Zeitlang als Tisch herzuleihen. Der Bucklige willigte ein – man kann sich vorstellen, wie viel er sich dafür zahlen ließ. Kurze Zeit darauf (sehr kurze Zeit sogar) machten alle Bankerott, alles verkrachte, die ganze Idee ging zum Teufel und die Aktien hatten nicht mehr den geringsten Wert. Wer hatte dabei gewonnen? Nur der Bucklige, eben weil er keine Aktien genommen hatte, sondern bare Louisdors. Nun, ich bin eben jener Bucklige! Ich habe genug Kraft gehabt, zu fasten und mir Kopeke für Kopeke zweiundsiebzig Rubel zu ersparen; es wird auch dazu reichen, daß ich im Wirbelwind des Erwerbsfiebers, der alle ergriffen hat, auf meinen Füßen stehen bleibe und den sicheren Verdienst dem großen vorziehe. Ich bin nur in Kleinigkeiten kleinlich, in großen Sachen – nie. Zur Geduld in kleinen Dingen hat es mir oft an Charakter gemangelt; selbst nachdem meine »Idee« schon geboren war, aber für große Dinge werde ich immer genug Charakter haben. Wenn meine Mutter mir damals morgens, bevor ich zum alten Fürsten ging, kaltgewordenen Kaffee vorsetzte, wurde ich wütend und sagte ihr Grobheiten, und dabei war ich derselbe Mensch, der einen ganzen Monat nur von Brot und Wasser gelebt hatte.

Mit einem Wort, es wäre unnatürlich, wenn ich nicht Geld verdienen sollte, wenn ich nicht lernen sollte, wie man das macht. Und unnatürlich wäre es auch, ich wiederhole es, unnatürlich, wenn einer nicht Millionär werden sollte, der ununterbrochen und gleichmäßig Geld aufhäuft, der ununterbrochen Acht gibt und die Nüchternheit seines Denkens bewahrt, der ewig enthaltsam, ökonomisch und von einer Energie ist, die alles überflügelt. Wodurch hat sich jener Bettler sein Geld erworben, als durch den Fanatismus seines Charakters und seiner Hartnäckigkeit? Bin ich vielleicht schlechter, als dieser Bettler? »Und schließlich, mag ich auch gar nichts erreichen, mag meine Berechnung falsch sein, mag ich verspielen und zugrunde gehen, ganz einerlei – ich gehe meinen Weg. Ich gehe ihn, weil ich nun einmal will.« Das habe ich schon gesagt, als ich noch in Moskau war.

Man wird einwenden, hier wäre überhaupt gar keine Idee vorhanden, und ebenso nichts Neues. Ich aber sage, und jetzt zum letztenmal: es liegt eine sehr große Idee und unendlich viel Neues darin.

Oh, ich habe schon so ein Vorgefühl gehabt, wie trivial alle Einwände sein würden, und wie trivial ich selbst, wenn ich meine »Idee« erläuterte. Ja, und was habe ich ausgesprochen? Nicht den hundertsten Teil habe ich ausgesprochen, ich fühle, daß es kleinlich, plump, oberflächlich und sogar jugendlicher herausgekommen ist, als es für meine Jahre paßt.

3

Es bleiben noch die Antworten auf die Fragen »Warum?« und »Weshalb?« und »Ist das moralisch oder nicht?« übrig, – ich habe eine Antwort darauf versprochen.

Es tut mir leid, daß ich den Leser mit einem Streich enttäuschen muß, es tut mir leid und freut mich. Möge man doch wissen, daß wirklich keine Spur von einem Gefühl der »Rache« mit meiner Idee etwas zu tun hat, nichts Byronisches, – keine Flüche, keine Waisenklagen, keine Bankerttränen, nichts, gar nichts. Kurz und gut, die romantisch veranlagte Dame, der meine Memoiren in die Hände fallen könnten, würde sogleich die Nase hängen lassen. Das ganze Ziel meiner »Idee« ist – die Einsamkeit.

»Aber Einsamkeit kann man auch erlangen, ohne sich darum zu reißen, ein Rothschild zu werden. Was hat Rothschild damit zu tun?«

»Das hat er damit zu tun, daß ich außer der Einsamkeit auch Macht haben will.«

Ich will ein kurzes Vorwort machen: der Leser wird sich vielleicht über die Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses entsetzen und sich naiv fragen: warum errötet der Verfasser hierbei nicht? Meine Antwort ist: ich schreibe nicht, um gedruckt zu werden; und einen Leser werde ich vielleicht erst in zehn Jahren haben, wenn alles bis zu einem Grade klar geworden, vorübergegangen und erwiesen ist, daß zu einem Erröten nicht mehr die geringste Veranlassung sein wird. Und wenn ich mich daher manchmal in meinen Memoiren an einen Leser wende, so ist das nur eine Manier. Mein Leser ist nur eine gedachte Person.

Nein, nicht meine uneheliche Geburt, mit der ich bei Touchard so viel aufgezogen wurde; nicht meine traurigen Kinderjahre, kein Rächersinn und kein berechtigtes Protestgefühl haben den Keim zu meiner »Idee« gelegt; schuld daran ist ganz allein mein Charakter. – Mit zwölf Jahren, glaube ich, das heißt also, fast mit demselben Moment, wo das richtige Bewußtsein in mir erwachte, fing ich an, die Menschen nicht mehr leiden zu können. Es war eigentlich nicht, daß ich sie nicht hätte leiden können, aber sie fielen mir gewissermaßen schwer. Es ist mir selbst manchmal furchtbar traurig gewesen, in meinen reinsten Minuten, daß ich mich auch gegenüber den mir am nächsten stehenden Leuten nie habe ganz aussprechen können; das heißt, ich könnte es wohl, aber ich will nicht, ich halte mich zurück und weiß selbst nicht, warum; es hat mich oft betrübt, daß ich so mißtrauisch, verdrießlich und unumgänglich bin. Und so habe ich auch seit lange noch einen Zug an mir entdeckt: ich klage zu häufig an, ich bin zu sehr geneigt, andere Leute zu beschuldigen; aber wenn ich dieser Neigung nachgebe, folgt gleich darauf sehr oft ein anderer Gedanke, der für mich etwas erdrückend Schweres hat, und der lautet: »Bin ich nicht am Ende selber der Schuldige, und nicht sie?« Und wie oft habe ich mich grundlos beschuldigt! Um nicht genötigt zu sein, solche Fragen zu entscheiden, habe ich natürlich die Einsamkeit gesucht. Und zu alledem habe ich nichts in der Gesellschaft der Menschen gefunden, so sehr ich mich gemüht habe, und ich habe mich bemüht; wenigstens alle meine Altersgenossen, alle meine Kameraden haben sich, vom ersten bis zum letzten, niedriger erwiesen, als meine Gedanken waren; ich weiß keine einzige Ausnahme.

Jawohl, ich bin finster, ich verstecke mich ununterbrochen. Ich fühle oft den Wunsch, aus der Gesellschaft auszutreten. Ich werde den Menschen vielleicht Gutes tun, aber häufig erblicke ich nicht die geringste Ursache, ihnen Gutes zu tun. Und überhaupt sind die Menschen nicht so wundervoll, daß es sich verlohnte, sich um sie Sorgen zu machen. Warum treten sie nicht gerade und offen an mich heran, und warum bin ich unbedingt verpflichtet, selbst und als erster zu ihnen zu kommen. Das war es, wonach ich mich gefragt habe. Ich bin ein dankbares Geschöpf und habe das schon durch ein ganzes Hundert Dummheiten bewiesen. Ich möchte dem Offenen momentan mit Offenheit erwidern und gleich anfangen, ihn zu lieben. Und das habe ich auch getan; aber alle haben sie mich sofort übers Ohr gehauen und sich mit spöttischem Lächeln vor mir versteckt. Der offenste von allen war Lambert, der mich in meinen Kinderjahren so viel geprügelt hat: aber auch der war nur ein offener Schuft und Bandit; und auch diese Offenheit entsprang nur aus seiner Dummheit. Das waren so meine Gedanken, als ich nach Petersburg kam.

Als ich damals von Dergatschow kam (wohin es mich weiß Gott warum gezogen hatte), ging ich auf Wasin los und sang dem, in einem Anfall von Begeisterung, sein Lob. Und was folgte dann? Noch am selben Abend fühlte ich schon, daß ich ihn jetzt viel weniger gern hatte. Warum? Eben darum, weil ich sein Lob gesungen und mich selbst dadurch vor ihm heruntergesetzt hatte. Und dabei schien mir doch, es müßte gerade das Umgekehrte der Fall sein: ein Mensch, der so gerecht und so großdenkend ist, daß er einem andern gibt, was ihm gebührt, auch wenn er sich selbst dabei etwas vergibt, so ein Mensch steht doch an wirklicher Würde beinahe höher, als sonst irgend jemand. Und doch – ich begriff das sehr wohl; aber trotzdem hatte ich Wasin jetzt weniger gern, sogar sehr viel weniger. Ich habe absichtlich ein Beispiel gewählt, das dem Leser schon bekannt war. Sogar an Kraft dachte ich mit einem bitteren und säuerlichen Gefühl zurück, weil er mich so einfach selbst hinausgeleitet hatte, und das dauerte bis zum nächsten Tage an, bis mir alles, was Kraft anging, ganz klar geworden war und ich ihm nicht mehr zürnen konnte. Wenn mich, auch noch in den untersten Gymnasialklassen, irgendein Mitschüler in einem Unterrichtsgegenstand überflügelte oder mich in witzigen Antworten übertraf, so hörte ich sofort auf, mich mit ihm abzugeben und mit ihm zu sprechen. Nicht, daß ich ihn gehaßt oder ihm Mißerfolge gewünscht hätte; ich wandte mich nur einfach von ihm ab, weil das eben in meinem Charakter lag.

Ja, ich habe mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und Einsamkeit. Meine Träume waren davon sogar schon in einem Alter erfüllt, wo mir ganz bestimmt jedermann ins Gesicht gelacht hätte, der erfahren hätte, was in meinem Kopfe vorging. Deswegen habe ich die Heimlichkeit so lieb gewonnen. Ja, ich träumte mit meiner ganzen Kraft und so viel, daß mir keine Zeit blieb, mich mit anderen Menschen zu unterhalten; daraus schloß man, ich wäre menschenscheu, und aus meiner Zerstreutheit wurden viel häßlichere Schlüsse gezogen, aber meine roten Backen bewiesen das Gegenteil.

Besonders glücklich war ich, wenn ich im Bette lag, die Decke über mich gezogen hatte und ganz allein, in vollster Einsamkeit, ohne Menschen um mich zu sehen und ohne einen menschlichen Laut zu hören, das Leben nach meinen Träumen umzuschaffen begann. Glühendste Träumerei geleitete mich, bis zur Entdeckung meiner »Idee«, wo alle Träume, die dumm gewesen waren, auf einmal verständig wurden und aus der träumerischen Form des Romans in die kritisch denkende Form der Wirklichkeit übergingen.

Alles ergoß sich dem einen Ziel entgegen. Meine Gedanken waren übrigens auch früher nicht gar so dumm gewesen, trotz ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit und Zahl. Aber ich hatte immer Lieblingsgedanken unter ihnen gehabt . . . Übrigens ist hier nicht der Ort sie aufzuzählen.

Macht! Ich bin fest davon überzeugt, daß es sehr vielen Menschen sehr lächerlich erscheinen würde, wenn sie erführen, daß so ein »Dreck« wie ich nach Macht ringt. Aber ich kann ihnen etwas sagen, was sie noch mehr wundern wird: vielleicht schon in meinen allerersten Träumen, das heißt, fast von meiner frühesten Kindheit an, habe ich mir mich selbst nicht anders vorstellen können, als auf dem ersten Platze, überall und in allen Lebenslagen. Hier will ich ein seltsames Bekenntnis anschließen: vielleicht ist das auch noch heute der Fall. Ich bemerke dazu, daß ich nicht um Verzeihung zu bitten gedenke.

Und darin liegt auch meine »Idee«, darin liegt ihre Stärke, daß das Geld der einzige Weg ist, der sogar eine Null auf den ersten Platz führen kann. Ich bin ja vielleicht keine Null, aber ich weiß zum Beispiel aus dem Spiegel, daß mein Äußeres mir hinderlich ist, weil ich ein ordinäres Gesicht habe. Aber bin ich erst mal so reich wie Rothschild, – wer wird dann mit meinem Gesichte rechten, und werden dann nicht Tausende von Frauen, wenn ich nur pfeife, mir mit aller ihrer Schönheit an den Hals fliegen? Ich bin sogar überzeugt, daß sie mich selbst, und ganz aufrichtig, schließlich für einen schönen Mann halten würden. Ich bin vielleicht auch klug. Aber mag ich auch eine Stirn von sieben Spannen haben, sicherlich findet sich ein anderer, der eine Stirn von acht Spannen hat – und dann bin ich geliefert. Aber wenn ich ein Rothschild bin, – kann dieser kluge Kopf von acht Spannen irgend etwas neben mir bedeuten? Gar nicht zu Worte kommen lassen wird man ihn neben mir! Ich bin vielleicht geistreich; aber nehmen wir an, es stellt sich ein Talleyrand, ein Piron neben mich – und ich bin verdunkelt; aber sobald ich ein Rothschild bin – wo bleibt da ein Piron, und vielleicht auch ein Talleyrand? Das Geld ist natürlich eine despotische Macht, aber zu gleicher Zeit ist es der größte Gleichmacher, und darin liegt seine hauptsächlichste Kraft. Das Geld macht alle Ungleichheiten gleich. Zu diesen Schlüssen bin ich noch in Moskau gekommen.

Man wird in diesem Gedanken natürlich nichts als Unverschämtheit, Sucht nach Gewalt, Sucht der Nichtigkeit sehen, über die Talente zu triumphieren. Zugegeben, dieser Gedanke sei frech (und eben darum süß). Meinethalben! Man denkt, ich hätte mir damals Macht gewünscht, um andere zu erdrücken, um mich zu rächen? Das ist es eben, daß so unbedingt die ordinäre Gewöhnlichkeit handeln würde. Nein, mehr noch! Ich bin überzeugt, daß tausende von Talenten und klugen Köpfen, die sich so erhaben dünken, es nicht ertragen würden, wenn ihnen auf einmal die Rothschildschen Millionen in den Schoß fielen, und handeln würden wie die niedrigste ordinärste Gewöhnlichkeit und die anderen mehr als irgend jemand erdrücken. Meine Idee ist eine ganz andere. Ich habe keine Angst vor dem Geld; es wird mich nicht erdrücken, und mich auch nicht zwingen, andere zu erdrücken.

Ich habe das Geld nicht nötig, oder, besser gesagt, ich habe nicht das Geld nötig, auch nicht einmal die Macht; ich habe nur nötig, was man durch die Macht erlangt und was man ohne Macht auf keine Art erlangen kann: und das ist das einsame und ruhige Kraftbewußtsein! Das ist die erschöpfendste Umschreibung der Freiheit, um die die ganze Welt sich plagt! Freiheit! Endlich steht es hier auf dem Papier, das große Wort . . . Ja, das einsame Kraftbewußtsein – das ist verlockend und herrlich. Habe ich Kraft, so bin ich ruhig. Jupiter hat den Donnerkeil in seiner Hand, und er ist ruhig! Hört man ihn etwa oft donnern? Ein Narr könnte meinen, er schliefe. Aber man setze einmal irgendeinen Literaten an Jupiters Stelle, oder ein dummes Bauernweib – es wird donnern und donnern ohne Ende.

Wenn ich erst die Macht hätte – so überlegte ich – würde ich ihrer gar nicht mehr bedürfen; ich kann versichern, daß ich selbst, aus eigenem freien Willen, überall den letzten Platz einnehmen würde. Wenn ich ein Rothschild wäre, ich ginge in einem schäbigen Paletot und mit einem Regenschirme herum. Was machte es mir, wenn ich auf der Straße angerannt würde, wenn ich eilig durch den Straßenschmutz springen müßte, um nicht von Droschken überfahren zu werden? Das Bewußtsein, daß ich das wäre, ich, der Rothschild, würde mir in solchen Momenten sogar großes Vergnügen machen. Ich weiß, daß ich das beste Essen haben kann und den ersten Koch in der ganzen Welt, und ich habe genug daran, daß ich es weiß. Ich würde ein Stück Brot mit Schinken essen und mich an meinem Bewußtsein sättigen. Ich bin sogar heute noch derselben Ansicht.

Ich werde mich nicht an die Aristokratie herandrängen, sondern sie wird sich zu mir drängen, ich werde den Weibern nicht nachlaufen, sondern sie werden zu mir strömen, wie Wasser, und mir alles anbieten, was eine Frau anzubieten hat. Die »schlechten« werden des Geldes wegen kommen und die klugen wird die Neugier herführen, einen so sonderbaren, stolzen, verschlossenen Menschen zu ergründen, der alles mit solcher Gleichgültigkeit betrachtet. Ich werde zu den einen freundlich sein und zu den andern auch, und vielleicht werde ich ihnen Geld geben, ich selbst aber werde nichts von ihnen annehmen. Neugier gebiert Leidenschaft, vielleicht werde ich auch Leidenschaft entzünden. Aber ich kann versichern, sie werden nichts von mir mitnehmen, höchstens Geschenke. Und ich werde dadurch nur doppelt interessant für sie werden

. . . Denn am Bewußtsein

Find' ich Genügen.

Sonderbar ist es, daß ich mir dies Bild (das übrigens richtig ist), schon mit siebzehn Jahren wollüstig verlockend ausgemalt habe.

Bedrücken und quälen will ich niemand und werde ich niemand; aber ich würde wissen, daß keiner mich hindern könnte, wenn ich den und den Menschen, irgendeinen Feind von mir, ruinieren wollte, im Gegenteil, alle würden mir Beihilfe leisten, und an dem Bewußtsein hätte ich wieder genug. Ich würde mich sogar an niemand rächen. Ich habe mich immer darüber gewundert, daß James Rothschild darauf eingegangen ist, Baron zu werden! Warum, wozu, wenn er auch soviel größer war, als sonst irgend jemand auf Erden? Mag mich doch irgend so ein großschnauziger General auf einer Poststation beleidigen, wo wir beide auf frische Pferde warten; wenn er wüßte, wer ich bin, liefe er hinaus und spannte mir meine Pferde eigenhändig ein und spränge herzu, um mir in meinen bescheidenen Lastwagen zu helfen! Ich habe einmal gelesen, ein ausländischer Baron oder Graf hätte in einer Wiener Eisenbahn einem dortigen Bankier vor allen Leuten seine Pantoffeln angezogen; und der Mann war so ordinär, sich das gefallen zu lassen. – Oh, mag doch, mag diese schreckliche Schönheit (jawohl: schrecklich, es gibt solche Schönheiten!) – diese Tochter einer üppigen und vornehmen Aristokratin, wenn sie zufällig mit mir auf einem Dampfschiff zusammentrifft, mag sie mich nur scheel ansehen und die Nase rümpfen und sich von oben herab verwundern, wie dieser bescheidene, häßliche Mensch mit dem Buch oder der Zeitung in der Hand es wagen konnte, hierher auf den ersten Platz zu geraten, direkt neben sie. Wenn sie nur wüßte, wer neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren – sie wird es erfahren und sich selbst neben mich setzen, demütig, schüchtern, freundlich, sie wird meinen Blick suchen, sie wird froh sein über ein Lächeln von mir . . . Ich setze diese jugendlichen Phantasiebildchen absichtlich hierher, um meinen Gedanken klarer auszudrücken; aber diese Bilder sind blaß und vielleicht auch trivial. Nur die Wirklichkeit kann alles rechtfertigen.

Man wird mir einwenden, eine solche Lebensweise wäre dumm; warum soll man sich kein Palais bauen, kein Haus machen, keine Gesellschaften geben, keinen Einfluß ausüben, nicht heiraten? Aber was würde dann aus dem Rothschild werden? Er würde werden wie alle. Der ganze Reiz der »Idee« würde schwinden, ihre ganze moralische Kraft. Ich habe, als Kind noch, den Monolog aus dem »Geizigen Ritter« von Puschkin auswendig gelernt; etwas höheres, was die Idee angeht, als das, hat Puschkin weder vorher noch nachher hervorgebracht! Und dieselben Gedanken sind heute noch die meinen.

»Aber Ihr Ideal ist doch gar zu niedrig«, wird man verachtungsvoll zu mir sagen. »Geld, Reichtum! Kommt es nicht auf den Nutzen für die Allgemeinheit an, auf humane Taten?«

Ja, woher weiß denn jemand, wie ich meinen Reichtum anwenden würde? Was ist daran unmoralisch und niedrig, daß diese Millionen aus einer Menge von jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen in die Hände eines nüchternen und energischen Asketen zusammenströmen, der sich scharf die Welt ansieht? Überhaupt, alle diese Zukunftsträume, alle diese Prophezeiungen – das alles klingt heute wie ein Roman, und es kann wohl sein, daß ich sie für nichts und wieder nichts niederschreibe; mag sein, daß es besser unter meinem Schädeldach geblieben wäre; ich weiß auch, daß vielleicht niemand diese Zeilen lesen wird; aber wenn sie jemand läse, würde er mir dann wohl glauben, daß ich die Rothschildschen Millionen am Ende wirklich nicht ertragen könnte? Nicht etwa weil sie mich erdrücken würden, sondern in einem ganz anderen Sinne, im entgegengesetzten Sinne. In meinen Zukunftsträumen habe ich schon mehr als einmal jenen Moment vorweggenommen, wo mein »Bewußtsein« gar zu befriedigt sein wird, und wo mir die Macht als etwas gar zu Kleines erscheinen wird. Dann werde ich – nicht aus Langerweile oder aus zielloser Blasiertheit, sondern weil ich ohne Unterlaß nach dem Großen streben werde – dann werde ich alle meine Millionen den Leuten geben; mag dann die Allgemeinheit über meinen ganzen Reichtum verfügen, und ich – ich will wieder in der großen Nichtigkeit verschwinden! Mag sein, daß ich mich sogar in jenen Bettler verwandle, der auf dem Dampfschiffe gestorben ist, nur mit dem Unterschied, daß man in meinem Kittel nichts eingenäht finden wird. Das Bewußtsein ganz allein, daß ich Millionen in diesen Händen gehalten habe und sie in den Dreck geworfen habe, würde mich in meiner Einöde nähren. Ich bin auch heute noch bereit, genau so zu denken. Jawohl, meine »Idee« – ist meine Festung, in der ich mich immer und in jedem Fall vor jedermann bergen kann, und mag ich der Bettler werden, der auf dem Dampfschiff gestorben ist. Das ist mein Gedicht! Und so sage ich denn, daß ich eben meinen lasterhaften Willen ganz brauche, – nur, um mir selbst zu beweisen, daß ich Kraft genug habe, um ihm zu entsagen.

Man wird mir ohne Zweifel einwerfen, das wäre dann schon weiter nichts als poetische Träumerei, und ich würde die Millionen nie aus den Händen lassen, wenn ich sie einmal hätte und würde mich nicht in jenen Bettler aus Saratow verwandeln. Mag sein, daß ich sie nicht aus den Händen lassen würde; ich habe nur das Ideal meines Gedankens aufgezeichnet. Aber ich will, und jetzt im vollsten Ernste, nur noch das eine sagen: wenn ich in der Aufhäufung von Reichtümern bis zu der Ziffer gelangte, die Rothschild erreicht hat, so könnte es in Wirklichkeit damit enden, daß ich mein Geld der Allgemeinheit hingäbe. (Übrigens vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer wäre es schwer, das zu tun.) Und ich würde nicht etwa die Hälfte hergeben, weil dabei nichts als eine Niedrigkeit herauskäme: ich würde nur um die Hälfte ärmer werden und weiter nichts; nein, eben alles müßte ich fortgeben, alles bis zur letzten Kopeke, denn wenn ich dann ein Bettler wäre, würde ich mit einem Schlage doppelt so reich sein, wie Rothschild! Wenn man das nicht begreift, ist es nicht meine Schuld; auf Erklärungen lasse ich mich nicht ein.

»Das ist ja Fakirtum, das ist die Poesie der Nichtigkeit und Kraftlosigkeit!« werden die Leute sagen, »das ist der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.« Jawohl, ich gebe zu, es mag zum Teil der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit sein, aber schwerlich die Kraftlosigkeit. Mir machte es eine furchtbare Freude, mir eben ein talentloses und mittelmäßiges Wesen vorzustellen, das der Welt gegenüberstände und lächelnd zu ihr sagte: ihr seid Galilei und Copernicus, Karl der Große und Napoleon, Puschkin und Shakespeare, ihr seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, und hier stehe ich – die Unbegabtheit und der Vertreter der unehelichen Geburt – und dennoch bin ich höher als ihr, weil ihr euch dem selbst unterworfen habt. Ich muß bekennen, ich habe diese Phantasie so weit ausgedehnt, daß ich sogar die Bildung verwarf. Mich dünkte, es müßte noch schöner sein, wenn der betreffende Mensch von direkt schmutziger Unbildung wäre. Dieser schon etwas übertriebene Gedanke hatte damals sogar Einfluß auf meine Leistungen in der siebenten Gymnasialklasse; ich hörte eben aus Fanatismus auf zu lernen: der Mangel an Bildung wäre als eine neue Schönheit zu meinem Ideal hinzugekommen. Heute habe ich meine Meinung über diesen Punkt geändert: die Bildung ist kein Hindernis.

Ja, meine Herrschaften, ist denn ein unabhängiger Gedanke, und sei er noch so klein, etwas so Schwieriges für Sie? Gesegnet ist, wer ein Schönheitsideal besitzt, selbst wenn es irrtümlich ist! Aber ich glaube an mein Ideal. Ich habe es nur nicht richtig dargelegt, zu unverständlich, zu buchstäblich. Nach zehn Jahren würde ich es natürlich besser darlegen. Aber dies will ich mir zur Erinnerung aufbewahren.

4

Ich habe nun alles über meine »Idee« gesagt. Wenn ich sie schlecht und oberflächlich geschildert habe, so ist das meine Schuld, nicht die Schuld der »Idee«. Ich habe es schon im voraus gesagt, daß die einfachsten Ideen am allerschwersten zu verstehen sind; jetzt füge ich noch hinzu, daß sie auch am schwersten zu, erläutern sind, um so mehr, als ich meine »Idee« noch in ihrer vormaligen Gestalt erläutert habe. Es gibt auch ein umgekehrtes Gesetz für die Ideen: die niederen, schnellen Ideen werden ungewöhnlich schnell verstanden und sicherlich gleich vom großen Haufen, sicherlich gleich von der ganzen Gasse; nicht genug damit: sie werden für die höchsten und genialsten gehalten, – aber nur für den Tag ihres ersten Auftretens. Was billig ist, hält nicht lange. Wenn man etwas schnell versteht, so ist das ein Zeichen, daß das Verstandene nichts taugt. Bismarcks Idee war für den Augenblick genial, – und Bismarck selbst war ein Genie; aber eben diese Schnelligkeit ist verdächtig: ich möchte Bismarck in zehn Jahren wiedersehen, dann wird sich zeigen, was von seiner Idee übrig ist und vielleicht von dem Herrn Kanzler selbst. Diese durchaus nicht zur Sache gehörige Bemerkung setze ich natürlich nicht hierher, um einen Vergleich zu machen, sondern ebenfalls nur zur Erinnerung für mich. (Anmerkung für den gar zu naiven Leser).

Und jetzt will ich zwei Anekdoten erzählen, um damit endgültig das letzte über meine »Idee« zu sagen, so daß sie in Zukunft den Fluß der Erzählung auf keine Weise mehr stören kann.

Einmal im Sommer, im Juli, zwei Monate vor meiner Abreise nach Petersburg, als ich schon ganz frei war, hatte mich Maria Iwanowna gebeten, nach dem Vorort Troizkij-Posad zu fahren, zu einer alten Jungfer, die da wohnte, um ihr einen Auftrag auszurichten, – übrigens eine ganz uninteressante Sache, die eine eingehende Erwähnung nicht wert ist. Auf der Rückfahrt, die am gleichen Tage erfolgte, bemerkte ich im Waggon einen ziemlich häßlichen jungen Menschen, der nicht schlecht, aber sehr unsauber gekleidet war; er sah finnig aus und war gewissermaßen schmutzigbrünett. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er ohne Ausnahme auf jeder einzelnen Station ausstieg und einen Schnaps trank. Als die Reise sich ihrem Ende näherte, hatte sich um ihn ein fideler Kreis gebildet, so eine recht minderwertige Gesellschaft. Besonders entzückt war ein gleichfalls angetrunkener Kaufmann von der Fähigkeit dieses jungen Menschen, ununterbrochen zu trinken und doch nüchtern zu bleiben. Sehr befriedigt war außerdem ein junger Bursche, der scheußlich dumm war und scheußlich viel redete, deutsche Kleidung trug und einen äußerst übeln Geruch an sich hatte, – ein Lakai, wie ich später erfuhr; dieser Mensch hatte sich mit dem trinkfesten jungen Mann sogar angefreundet und zog ihn, sobald der Zug wieder einmal hielt, von seinem Sitze und sagte: »Wieder ein Grund, einen Schnaps zu trinken«, – und dann gingen sie zärtlich umschlungen hinaus. Der trinkfeste junge Mann sprach fast kein Wort, aber es sammelten sich immer mehr Leute um ihn, die sich mit ihm unterhielten; er horchte nur auf alles, was gesagt wurde, lächelte ununterbrochen mit einem speicheligen Kichern und brachte von Zeit zu Zeit, aber immer ganz überraschend, einen merkwürdigen Laut hervor, der etwa wie »Tür–lür–lü!« klang, und dabei legte er einen Finger mit einer äußerst karikaturenhaft wirkenden Geste an seine Nase. Dies machte dem Kaufmann und dem Lakaien und allen anderen ungeheures Vergnügen, und sie lachten ungeheuer laut und ausgelassen darüber. Unbegreiflich, worüber die Leute manchmal lachen! Auch ich trat zu der Gruppe und ich weiß nicht, warum auch mir der junge Mann gewissermaßen gefiel; vielleicht weil er die allgemein angenommenen und offiziell gewordenen Anstandsformen gar so grell verletzte, kurz und gut, ich durchschaute es nicht, daß er ein Narr war; jedenfalls kam ich mit ihm gleich auf du und du, und als wir aus dem Waggon stiegen, sagte er mir, er würde am Abend, um neun Uhr, auf den Twerskoj-Boulevard kommen. Er entpuppte sich als ein ehemaliger Student. Ich kam hin, und man höre, was für einen netten Scherz er mich lehrte: wir gingen zu zweit über alle Boulevards, und wenn wir zu späterer Stunde irgendeine anständige Frauensperson gehen sahen, und es waren sonst keine Leute in der Nähe, so machten wir uns sofort an sie heran. Ohne ein Wort mit ihr zu sprechen, gingen wir neben ihr her, er auf der einen, ich auf der anderen Seite, und begannen mit der gelassensten Miene, als bemerkten wir sie gar nicht, eine möglichst unanständige Unterhaltung. Wir nannten die Dinge mit ihren deutlichsten Namen, mit ruhiger Miene, als gehörte es sich so und brachten bei der Erklärung von allerlei Ekelhaftigkeiten und Schweinereien solche Finessen an, wie sie die schmutzigste Phantasie des schmutzigsten Lüstlings sich nicht besser hätte ausdenken können. (Ich hatte mir alle diese Kenntnisse natürlich in der Schule erworben, sogar noch vor meiner Gymnasialzeit, doch kannte ich nur die Worte, nicht die Sache.) Die betreffende Frau erschrak dann immer sehr und hastete eilig vorwärts, aber wir verdoppelten die Zahl unserer Schritte gleichfalls und machten ruhig weiter. Unser Opfer konnte natürlich nichts tun, schreien konnte sie nicht: es waren keine Zeugen da, und es war doch auch einigermaßen genierlich, sich über so was zu beschweren. Mit diesen Amüsements verbrachten wir etwa acht Tage; ich begreife nicht, wie mir das Spaß machen konnte, es machte mir auch keinen Spaß, ich tat nur so. Mir erschien das anfangs originell, weil es gewissermaßen aus dem üblichen, offiziellen Einerlei herausfiel; und außerdem konnte ich die Frauenzimmer nicht ausstehen. Ich erzählte einmal meinem Studenten, daß Jean-Jacques Rousseau in seinen Bekenntnissen erzählt, er habe als junger Mann gerne Körperteile, die man für gewöhnlich bedeckt läßt, entblößt und sie aus einer Ecke vorübergehenden Frauen gezeigt. Der Student antwortete mir mit seinem: »Tür-lür-lü«. Ich merkte, daß er schrecklich unwissend war und sich für erstaunlich wenig in der Welt interessierte. Keinerlei latente Idee, wie ich sie in ihm zu finden gehofft hatte. Statt Originalität fand ich nur die erdrückendste Eintönigkeit. Ich konnte ihn immer weniger leiden. Schließlich nahm das alles ein ganz unerwartetes Ende: wir machten uns eines Abends, als es schon völlig dunkel war, an ein junges Mädchen heran, das schnell und ängstlich den Boulevard entlang ging; sie war noch sehr jung, vielleicht erst sechzehn oder noch jünger, sehr sauber und bescheiden gekleidet, lebte vielleicht von ihrer Arbeit und ging jetzt aus dem Geschäft nach Hause, zu ihrer alten Mutter, einer Witwe mit vielen Kindern; übrigens hat es gar keinen Sinn, sentimental zu werden. Das Mädchen hörte uns eine Weile an und hastete vorwärts, den Kopf gebeugt und in den Schleier gehüllt, furchtsam und zitternd, aber auf einmal blieb sie stehen, schlug den Schleier von ihrem, soviel ich mich erinnere, sehr hübschen, aber mageren Gesicht zurück und schrie uns mit blitzenden Augen an:

»Oh, ihr gemeinen Schufte!«

Es kann sein, daß sie im Begriff war, im selben Augenblick in Tränen auszubrechen, aber es geschah etwas anderes: sie holte aus und versetzte dem Studenten mit ihrer kleinen, mageren Hand eine Ohrfeige, so kräftig, wie vielleicht noch keine gesessen hat. Es klatschte nur so! Er schimpfte los und stürzte sich auf sie, aber ich hielt ihn zurück, und das Mädchen gewann Zeit, zu entkommen. Wir blieben zurück und gerieten sofort in Streit: ich sprach mir alles vom Herzen herunter, was sich die ganze Zeit in mir gegen ihn angesammelt hatte: ich sagte ihm, er wäre nur eine ganz traurige Unbegabtheit und Gewöhnlichkeit und hätte nie den leisesten Schimmer von einer Idee besessen. Er schimpfte mich . . . (ich hatte ihm einmal Erklärungen über meine illegitime Geburt gegeben), dann spuckten wir voreinander aus, und seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen. An dem Abend war ich sehr ärgerlich, am nächsten Tage nicht mehr so sehr, am dritten hatte ich die Sache gänzlich vergessen. Und – wird man's glauben? – wenn mir dieses junge Mädchen nachher auch manchmal wieder ins Gedächtnis kam, so geschah es doch nur ganz zufällig und flüchtig. Erst als ich schon in Petersburg war, zwei Wochen nach meiner Ankunft, fiel mir plötzlich wieder jene Szene ein, – sie fiel mir ein, und ich schämte mich ihrer auf einmal so, daß mir buchstäblich Tränen der Scham die Wangen hinunterliefen. Ich quälte mich den ganzen Abend damit, die ganze Nacht, manchmal quält es mich noch heute. Ich konnte anfangs nicht begreifen, wie es mir möglich gewesen war, so tief und so erbärmlich zu sinken und, was die Hauptsache war, diese Begebenheit so ganz zu vergessen, mich ihrer nicht einmal zu schämen oder Reue darüber zu empfinden. Erst jetzt bin ich darauf gekommen, woran das lag: die »Idee« war schuld gewesen. Um es kürzer zu sagen, ich ziehe geradezu den Schluß: ein Mensch, der etwas Unbewegliches, Immerwährendes, Starkes im Kopf hat, das ihn ausschließlich beschäftigt, – ein solcher Mensch entfernt sich eben dadurch gleichsam von der ganzen Welt und geht in die Einöde, und alles, was geschieht, huscht nur flüchtig an ihm vorbei, schattenhaft, hinter der Hauptsache. Sogar die Aufnahme der Eindrücke ist anormal. Und außerdem, die Hauptsache ist, daß man immer eine Ausrede hat. Wie hatte ich meine Mutter in der Zeit gequält, wie häßlich hatte ich meine Schwester links liegenlassen: »Ho, ich habe eine ›Idee‹, und das ist ja alles nur Quark«, – so ungefähr sprach ich zu mir selber. Ich selbst wurde beleidigt und das tief genug, – und ich ging beleidigt davon und sagte dann auf einmal zu mir: »Ho, ich bin niedrig, aber ich habe immerhin meine ›Idee‹, und sie wissen nichts davon.« Die »Idee« tröstete mich in meiner Schande und Nichtigkeit; aber auch alle meine Schlechtigkeiten versteckten sich gleichsam hinter der Idee; sie erleichterte mir sozusagen alles, umnebelte aber auch alles vor meinen Augen; aber eine unklare Auffassung von Ereignissen und Dingen kann natürlich auch der Idee selbst Schaden tun, von allem anderen ganz zu schweigen.

Nun die andere Geschichte.

Maria Iwanowna feierte am ersten April des vorigen Jahres ihren Namenstag. Am Abend waren einige Gäste da, sehr wenige übrigens. Auf einmal kommt Agrafena, die Magd, außer Atem hereingestürzt und erzählt, auf dem Treppenabsatz vor der Küchentür läge ein ausgesetztes Kind und winsele, und sie wisse nicht, was sie machen solle. Diese Nachricht ließ alle auffahren, alle gingen hinaus und erblickten da einen Spankorb, und in dem Korbe ein drei oder vier Wochen altes, winselndes kleines Mädchen. Ich hob den Korb auf, trug ihn in die Küche und entdeckte gleich einen zusammengefalteten Zettel: »Liebe Wohltäter, erweist eure wohlwollende Hilfe dem rechtgläubig getauften Mädchen Arina, und wir werden mit ihr immerdar unsere Tränen zum Throne des Höchsten emporsenden, und wir wünschen euch Glück zum Namenstage. Leute, die ihr nicht kennt.« Und da betrübte mich Nikolaj Semionowitsch, vor dem ich so eine Hochachtung hege, sehr: er setzte eine äußerst ernsthafte Miene auf und erklärte, das kleine Mädchen müßte sofort in das Findelhaus geschickt werden. Ich wurde sehr traurig. Sie lebten sehr ökonomisch, hatten aber keine Kinder, und Nikolaj Semionowitsch war immer sehr froh darüber. Ich nahm die kleine Arina behutsam aus dem Korbe und hob sie an ihren Schulterchen hoch; aus dem Korbe kam der gewisse säuerliche und scharfe Geruch, wie ihn lange nicht gebadete Säuglinge ausströmen. Ich stritt mich erst eine Zeitlang mit Nikolaj Semionowitsch herum, dann erklärte ich ihm auf einmal, ich würde das Kind auf meine Kosten aufziehen lassen. Er begann eine Entgegnung, trotz aller seiner Weichheit, mit einer gewissen Strenge, und wenn er auch mit einem Scherze schloß, ließ er doch die erzieherische Absicht seiner Worte in voller Kraft bestehen. Jedoch es geschah, wie ich wollte: auf demselben Hofe, aber in einem anderen Hause, lebte ein sehr armer Tischler, ein Mann bei Jahren, der dem Trunke ergeben war; und seine Frau, ein noch ziemlich junges, sehr gesundes Weib, hatte gerade einen Säugling verloren, der, was die Hauptsache war, ihr einziges Kind gewesen, das sie erst nach achtjähriger unfruchtbarer Ehe bekommen hatte, das gleichfalls ein Mädchen gewesen war und, ein seltsames und glückliches Zusammentreffen, auch Arina geheißen hatte. Ich sage, ein glückliches Zusammentreffen, denn als wir noch so in der Küche stritten, kam dies Weib, das von der Sache gehört hatte, angelaufen, um das Kind zu sehen, und als sie hörte, daß es Arina hieße, – wurde sie weich. Die Milch war ihr noch nicht vergangen, sie knöpfte ihre Jacke auf und legte das Kind an die Brust. Ich redete zu und bat sie, sie möchte es zu sich nehmen, ich würde monatlich dafür zahlen. Sie hatte Angst, daß ihr Mann es am Ende nicht erlauben würde, nahm es aber für die Nacht mit. Am nächsten Morgen gab ihr Mann für acht Rubel monatlich seine Zustimmung, und ich zahlte ihm den Betrag für den ersten Monat gleich im voraus; er vertrank das Geld sofort. Nikolaj Semionowitsch, der immer noch sonderbar dazu lächelte, willigte ein, sich für mich dem Tischler gegenüber zu verbürgen, daß ich das Geld, acht Rubel monatlich, regelmäßig zahlen würde. Ich wollte Nikolaj Semionowitsch als Sicherheit meine sechzig Rubel geben, aber er nahm sie nicht; übrigens wußte er, daß ich Geld hatte und vertraute mir. Durch diese taktvolle Handlungsweise seinerseits wurde unser momentaner Zwist beigelegt. Maria Iwanowna sagte nichts, wunderte sich aber, daß ich solche Sorge auf mich nahm. Ich mußte den großen Takt dieser Menschen ganz besonders hochschätzen lernen, denn sie erlaubten sich beide auch nicht den kleinsten Scherz über mich, sondern begannen die Sache genau so ernst zu behandeln, wie es sich auch gehörte. Ich lief täglich dreimal zu Darja Rodiwonowna hinüber, und nach drei Tagen schenkte ich ihr persönlich, heimlich, so daß es ihr Mann nicht erfuhr, noch drei Rubel. Für weitere drei Rubel kaufte ich eine kleine Bettdecke und Windeln. Aber nach zehn Tagen erkrankte Rinotschka plötzlich. Ich holte sofort den Doktor, er verschrieb etwas, wir plagten uns die ganze Nacht und quälten das kleine Ding mit seiner greulichen Medizin, und am nächsten Tage erklärte er, es wäre schon zu spät, und auf meine Bitten – es waren übrigens, glaube ich, Vorwürfe – antwortete er mit edler Ergebenheit: »Ich bin nicht der liebe Gott.« Die Zunge, die Lippen und die ganze Mundhöhle des kleinen Mädchens überzogen sich mit einer Art von dünnem, weißem Ausschlag, und gegen Abend starb es, die großen, schwarzen Augen auf mich geheftet, als verstünde es schon alles. Ich begreife nicht, warum ich nicht auf die Idee gekommen bin, sie, die kleine Leiche, photographieren zu lassen. Aber – wird man's glauben? – ich weinte an jenem Abend nicht nur, sondern heulte einfach, was ich mir früher niemals gestattet hatte, und Maria Iwanowna mußte mich trösten, – und wieder geschah alles ohne jeden Spott, weder von ihrer noch von seiner Seite. Der Tischler machte dann einen kleinen Sarg; Maria Iwanowna schmückte ihn mit einer Rüsche und legte ein nettes kleines Kissen hinein, und ich kaufte Blumen und streute sie über das Kindchen: so trug man denn meine arme kleine Verblichene davon, die ich – wird man's glauben? – bis zum heutigen Tage nicht vergessen kann. Kurze Zeit nachher aber gab mir dieses fast plötzliche Ereignis sogar sehr ernstlich zu denken. Freilich, Rinotschka war mir nicht sehr teuer gekommen, – alles in allem, mit dem Sarg, mit der Beerdigung, mit dem Doktor, mit den Blumen und mit der Zahlung an Darja Rodiwonowna – dreißig Rubel. Diese Summe holte ich bei der Abreise nach Petersburg durch Ersparungen von den vierzig Rubeln, die mir Wersilow für die Reise geschickt hatte, und durch den Verkauf einiger Kleinigkeiten aus meinem Besitze wieder ein, so daß mein ganzes »Kapital« unangetastet blieb. Aber, so dachte ich mir, wenn ich solche Seitensprünge mache, so werde ich nicht weit kommen. Aus der Geschichte mit dem Studenten ging hervor, daß so eine »Idee« einen so weit bringen konnte, daß man sich über seine Eindrücke nicht mehr klar wurde, und daß sie einen von der fortlaufenden Tätigkeit abziehen konnte. Aus der Geschichte mit Rinotschka ging das Gegenteil hervor: daß keine »Idee« Kraft genug hat, einen (wenigstens mich) so ganz gefangenzunehmen, daß man nicht plötzlich gezwungen sein könnte, vor irgendeiner erdrückenden Tatsache haltzumachen und ihr auf einmal alles zu opfern, was man in jahrelangen Mühen schon für die Idee getan und erreicht hat. Und diese Schlüsse waren nichtsdestoweniger beide richtig.

Sechstes Kapitel
1

Meine Hoffnungen erfüllten sich nicht ganz: ich traf sie nicht allein; Wersilow war freilich nicht da, aber bei meiner Mutter saß Tatjana Pawlowna – immerhin ein fremder Mensch. Die Hälfte meiner edelmütigen Stimmung verflog mit einem Ruck. Merkwürdig, wie schnell es bei mir in solchen Fällen geht und wie wetterwendisch ich bin; ein Sandkorn oder ein Haar genügt, und das Gute ist fort, und das Böse ist an seine Stelle getreten. Meine schlechten Eindrücke weichen, zu meinem Bedauern, nicht so schnell, obschon ich durchaus nicht nachtragend bin. Als ich eintrat, hatte ich den blitzartigen Eindruck, daß meine Mutter im selben Moment ihre Unterhaltung mit Tatjana Pawlowna, die augenscheinlich recht lebhaft gewesen war, abgebrochen hatte. Meine Schwester war erst eine Minute vor mir von ihrer Arbeit heimgekommen und war noch in ihrem Kämmerchen.

Unsere Wohnung bestand aus drei Zimmern. Das Zimmer, in dem wir gewöhnlich alle saßen, das Wohnzimmer, lag in der Mitte und war ziemlich groß und sah beinahe anständig aus. Es befanden sich darin immerhin ein paar weiche rote Diwans, die übrigens sehr verschlissen aussahen (Wersilow duldete keine Überzüge), einige Teppiche, ein paar Tische und überflüssige Tischchen. Dann lag zur Rechten Wersilows Zimmer, ein enges, schmales, einfenstriges Gelaß; darin stand ein elender Schreibtisch, auf dem sich einige unbenutzte Bücher und in Vergessenheit geratene Schriftstücke herumtrieben, und vor dem Tisch ein nicht minder elender Polstersessel, an dem eine Feder zerbrochen war, die in einem spitzen Winkel herausstand, und über die Wersilow oftmals ächzte und schimpfte. In demselben Kabinett wurde ihm auch auf einem weichen und ebenfalls abgenützten Diwan sein Nachtlager hergerichtet; er haßte sein Kabinett und tat, glaube ich, nichts darin, sondern zog es vor, ganze Stunden lang müßig im Wohnzimmer zu sitzen. Linker Hand von dem Wohnzimmer lag wieder ein Zimmer: dort schliefen meine Mutter und meine Schwester. Das Wohnzimmer betrat man von einem Korridor aus, an dessen Ende eine Tür in die Küche führte; dort hauste die Köchin Lukeria, und wenn sie kochte, erfüllte sie die ganze Wohnung unbarmherzig mit einem Qualm von verbranntem Fett. Es gab Minuten, wo Wersilow sein Leben und sein Schicksal mit lauter Stimme verfluchte, und in dieser einen Beziehung fühlte ich durchaus mit ihm; ich hasse diese Gerüche gleichfalls, obwohl sie zu mir gar nicht hinaufdrangen, denn ich wohnte oben unter dem Dache, in einem Stübchen, zu dem ich auf einer riesig steilen, schmalen, knarrenden Treppe hinaufstieg. Zu erwähnen war da nur ein halbrundes Fenster, die schrecklich niedrige Decke, ein mit Wachstuch überzogener Diwan, auf den mir Lukeria für die Nacht ein Laken breitete und ein Kissen legte, an sonstigen Möbeln waren nur noch zwei Stück da: ein höchst primitiver Tisch aus rohen Brettern und ein durchgesessener Rohrstuhl.

Übrigens hatten wir trotz alledem noch einige Überbleibsel ehemaligen Komforts; so stand zum Beispiel im Wohnzimmer eine sehr hübsche Porzellanlampe, an der Wand hing ein vorzüglicher Stich nach der Dresdener Madonna, und ihr gegenüber, an der anderen Wand, eine teure Photographie der Bronzetüren des Doms von Florenz in riesigem Format. In demselben Zimmer hing in der Ecke ein großer Heiligenschrein mit alten Familienheiligenbildern, unter denen eins (das Bild »Allerheiligen«) eine große silbervergoldete Einfassung hatte – es war das, das sie versetzen wollten – und ein anderes (das Bild der Mutter Gottes) zeigte eine Samteinfassung mit Perlen bestickt. Vor den Heiligenbildern hing ein Lämpchen, das an jedem Feiertag angezündet wurde. Wersilow waren die Heiligenbilder, bezüglich ihrer inneren Bedeutung, offenbar sehr gleichgültig, nur manchmal kniff er die Augen, sichtlich an sich haltend, vor dem Lichte des Lämpchens zusammen, das von der vergoldeten Einfassung reflektiert wurde und klagte leichthin darüber, daß das schlecht für seine Augen wäre, verwehrte es aber meiner Mutter dennoch nicht, es anzuzünden.

Ich trat für gewöhnlich schweigend und verdrossen ein, wenn ich nach Hause kam, schaute in eine Ecke und grüßte manchmal beim Eintreten überhaupt nicht. Ich war sonst immer früher heimgekommen als heute, und das Mittagessen wurde mir dann nach oben gebracht. Als ich heute eintrat, sagte ich auf einmal: »Guten Abend, Mama«, was ich früher niemals getan hatte; aber dennoch konnte ich mich aus Verlegenheit auch heute nicht überwinden, sie dabei anzusehen, und setzte mich auf einen Stuhl am entgegengesetzten Ende des Zimmers. Ich war sehr ermüdet, aber daran dachte ich nicht.

»Kommt dieser Flegel noch immer so lümmelhaft zu Ihnen herein wie früher?« zeterte Tatjana Pawlowna gegen mich los; Schimpfworte hatte sie sich auch früher schon erlaubt: das war zwischen ihr und mir gewissermaßen zur Gewohnheit geworden.

»Guten Abend«, antwortete meine Mutter in einem Tone, als wäre sie ganz fassungslos darüber, daß ich sie begrüßt hatte.

»Das Essen ist längst fertig,« fuhr sie fort und war ganz verwirrt, »die Suppe wird wohl kalt geworden sein, aber ich will gleich die Koteletts . . .« Sie wollte hastig aufstehen und in die Küche gehen, und vielleicht zum erstenmal in diesem ganzen Monat überkam es mich plötzlich wie Scham, daß sie gar so hurtig aufsprang, um mich zu bedienen; bis dahin hatte ich das doch selbst von ihr verlangt.

»Danke schön, Mama, ich hab' schon gegessen. Wenn ich nicht störe, möchte ich mich hier ein bißchen verschnaufen.«

»Oh . . . Natürlich! . . . Warum denn nicht . . .? Bleiben Sie nur sitzen . . .«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mama, ich werde keinen Krakeel mehr mit Andrej Petrowitsch anfangen«, fiel ich ihr plötzlich ins Wort . . .

»Ach, du lieber Herrgott, wie edel von ihm!« schrie Tatjana Pawlowna. »Aber liebste Sonja – sagst du denn wirklich noch immer Sie zu ihm? Was ist er denn für ein großer Herr, daß man ihm solche Ehrungen erweisen muß, und noch dazu seine leibliche Mutter! Es ist doch lächerlich, du bist ja ganz verlegen vor lauter Respekt vor ihm; das ist ja ein Spott und eine Schande!«

»Mama, es wäre mir selbst sehr angenehm, wenn Sie mich duzen wollten.«

»Oh . . . Ja, schön, ja, das will ich auch,« verhaspelte sich meine Mutter: »ich – ich hab' es ja vorher nicht . . . aber jetzt werde ich es mir schon merken.«

Sie war über und über rot geworden. Ihr Gesicht hatte entschieden etwas außergewöhnlich Anziehendes . . . Ihr Gesicht hatte einen treuherzig-naiven, aber durchaus nicht einfältigen Ausdruck, es war etwas blaß und blutleer. Ihre Wangen waren sehr mager, sogar eingefallen, und über ihre Stirne begannen sich schon zahlreiche Runzeln zu ziehen, aber um die Augen hatte sie noch keine, und die ziemlich großen Augen leuchteten immer in einem stillen, ruhigen Licht, das mich vom ersten Tage an zu ihr hingezogen hatte. Ich hatte es auch gern, daß in ihrem Gesicht nichts Betrübtes und Gedrücktes lag; ganz im Gegenteil, ihr Ausdruck wäre sogar heiter gewesen, wenn sie sich nicht so oft aufgeregt hätte, manchmal ohne jede Veranlassung; sie erschrak oft und fuhr wegen nichts und wieder nichts von ihrem Sitz auf, oder sie horchte ängstlich, wenn ein neues Gesprächsthema aufgenommen wurde, bis sie sich überzeugt hatte, daß alles gut blieb wie zuvor. Es ist alles gut – hieß bei ihr eben, daß alles »beim Alten« blieb. Wenn nur keine Veränderung eintrat, wenn nur nichts Neues geschah, und mochte es auch ein glückliches Ereignis sein! . . . Man hätte denken können, sie wäre als Kind einmal eingeschreckt worden. Außer ihren Augen gefiel mir auch noch das Oval ihres länglichen Gesichtes, und ich glaube, wenn ihre Backenknochen nur um eine Idee schmäler gewesen wären, hätte man sie, nicht etwa nur in ihrer Jugend, sondern auch heute noch hübsch finden können. Sie war jetzt erst neununddreißig, aber in ihren dunkelblonden Haaren schimmerten schon viele weiße Fäden.

Tatjana Pawlowna sah sie mit ausgesprochenem Unwillen an.

»So ein Grünling! Und so vor ihm zu zittern! Du bist einfach lächerlich, Sophia; direkt ärgern kann mich so was, weißt du!«

»Ach, Tatjana Pawlowna, warum sind Sie denn jetzt so zu ihm! Ach so, Sie machen am Ende nur Spaß, wie?« fügte meine Mutter hinzu, als sie auf Tatjana Pawlownas Gesicht etwas wie Lächeln bemerkte. Tatjana Pawlownas Geschimpfe konnte man allerdings manchmal nicht gut ernst nehmen, aber sie lächelte jetzt (wenn sie überhaupt lächelte) natürlich nur über meine Mutter, denn sie liebte ihre Güte sehr und hatte zweifellos schon bemerkt, wie glücklich sie in diesem Augenblick über meine Nachgiebigkeit war.

»Man kann natürlich nicht umhin zu bemerken, daß Sie über einen herfallen, Tatjana Pawlowna, und noch dazu heute, wo ich beim Hereinkommen ›Guten Abend, Mama‹, gesagt habe, was ich sonst nie getan habe«, hielt ich endlich für nötig, ihr zu entgegnen.

»Man stelle sich das vor,« sprudelte sie sofort los, »er hält das für wunder was für eine Tat! Man soll wohl vor dir auf die Knie fallen, weil du einmal in deinem Leben höflich gewesen bist? Und das ist mir auch so eine Höflichkeit! Warum stierst du in die Ecke, wenn du hereinkommst? Als ob ich nicht wüßte, wie du sie anbrummst und anknurrst! Und mir hättest du ruhig auch Guten Tag sagen können, ich habe deine Windeln getrocknet und bin deine Patin.«

Ich würdigte sie natürlich keiner Antwort. Im selben Augenblick kam gerade meine Schwester herein und ich wandte mich schleunigst an sie:

»Lisa, ich habe heute Wasin gesehen, und er hat mich nach dir gefragt. Kennt ihr euch?«

»Ja, von Luga her, im vorigen Jahr«, erwiderte sie ganz schlicht, setzte sich neben mich und sah mich freundlich an. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte geglaubt, sie würde nur so auffahren, wenn ich von Wasin spräche. Meine Schwester war blond, hellblond, in der Haarfarbe weder nach dem Vater noch nach der Mutter; aber die Augen und das Oval des Gesichtes hatte sie fast ganz von der Mutter. Eine sehr gerade, kleine regelmäßige Nase; übrigens noch eine Besonderheit – viele kleine Sommersprossen im Gesicht, was bei meiner Mutter durchaus nicht der Fall war. Von Wersilow hatte sie sehr wenig, höchstens die Feinheit des Knochenbaues, den kleinen Wuchs und ein pompöses Etwas im Gang. Mit mir nicht die geringste Ähnlichkeit, wir waren zwei entgegengesetzte Pole.

»Ich hab' den drei Monate lang gekannt«, fügte Lisa hinzu.

»Den hast du gekannt, Lisa? Es heißt ›ihn‹, und nicht ›den‹. Verzeih, liebe Schwester, daß ich dich verbessere, aber ich bin sehr betrübt, daß deine Erziehung gänzlich vernachlässigt zu sein scheint.«

»Diese Bemerkung in Gegenwart deiner Mutter ist eine Gemeinheit von dir«, fuhr Tatjana Pawlowna los, »und du lügst, sie ist gar nicht vernachlässigt worden.«

»Ich sage gar nichts gegen Mama«, fiel ich ihr scharf ins Wort. »Sie müssen wissen, Mama, daß ich Lisa anschaue wie Ihr zweites Ich; Sie haben aus ihr denselben Schatz an Güte und Charakter gemacht, der Sie wahrscheinlich selbst waren, und heute noch sind, und ewig sein werden . . . Ich spreche nur von der äußeren Politur, von allen den gesellschaftlichen Dummheiten, die übrigens unentbehrlich sind. Ich bin nur darüber unwillig, daß Wersilow dich wahrscheinlich überhaupt nicht verbessern würde, wenn er hörte, daß du ›den‹ statt ›ihn‹ sagtest, – so hochnäsig und gleichgültig ist er gegen uns. Das ist's, was mich in Wut bringt.«

»Er selbst ist wie ein junger Bär, aber andern Leuten will er Politur beibringen. Erlauben Sie sich nicht noch einmal, hoher Herr, in Gegenwart Ihrer Mutter ›Wersilow‹ zu sagen, und ebensowenig in meiner Gegenwart, – ich dulde es nicht!« rief Tatjana Pawlowna mit funkelnden Augen.

»Mama, ich habe heute mein Gehalt bekommen, fünfzig Rubel, nehmen Sie es bitte! Hier!«

Ich ging zu ihr und gab ihr das Geld; sie war gleich wieder in größter Aufregung.

»Ach, ich weiß nicht, wie ich das annehmen soll!« stieß sie hervor und hatte förmlich Angst, das Geld zu berühren. Ich verstand sie nicht.

»Aber um Himmels willen, Mama, wenn ihr beide mich in der Familie als Sohn und Bruder anseht, so . . .!«

»Ach, ich habe dir gegenüber ein so schlechtes Gewissen, ich möchte dir etwas gestehen, aber ich hab' wirklich so eine Angst vor dir . . .«

Sie sagte das mit einem schüchternen, stammelnden Lächeln; ich verstand sie wieder nicht und fiel ihr ins Wort:

»Übrigens, Mama, wissen Sie, daß heute der Prozeß zwischen Andrej Petrowitsch und den Sokolskijs vor Gericht entschieden worden ist?«

»Ach ja, ich weiß!« schrie sie auf und schlug vor Schreck beide Handflächen vor ihrer Brust zusammen (ihre gewöhnliche Geste).

»Heute?« rief Tatjana Pawlowna und zitterte nur so, »aber das ist doch ganz unmöglich, das hätte er doch gesagt. Dir hat er's doch gesagt?« wandte sie sich zu meiner Mutter.

»Ach, nein, daß es heute wäre, hat er nicht gesagt. Ja, und ich habe schon die ganze Woche so eine Angst. Wenn wir nur verlieren würden, ich wollte dem Himmel danken; wenn es nur vorbei wäre, und alles wieder beim Alten!«

»So hat er's also nicht mal Ihnen gesagt, Mama!« rief ich. »Was ist das für ein Mensch! Da sieht man es gleich wieder, wie gleichgültig und hochnäsig er ist. Was habe ich eben erst gesagt?«

»Es ist entschieden? Und wie? Wie hat das Gericht entschieden? Und wer hat es denn dir gesagt?« fiel Tatjana Pawlowna über mich her, »so rede doch!«

»Da kommt er ja selbst! Vielleicht erzählt er es Ihnen«, verkündete ich, als ich gerade seinen Schritt auf dem Gange vernahm, und setzte mich schleunigst neben Lisa.

»Lieber Bruder, schone die Mutter um Gottes willen, sei geduldig gegen Andrej Petrowitsch«, flüsterte mir meine Schwester ins Ohr.

»Gewiß, gewiß, ich bin schon mit dem festen Entschluß nach Hause gekommen«, entgegnete ich und drückte ihr die Hand.

Lisa warf mir einen höchst mißtrauischen Blick zu, und sie sollte damit recht behalten.

2

Er trat ein, sehr zufrieden mit sich, so zufrieden, daß er es nicht einmal nötig fand, seine Stimmung irgendwie zu verhehlen. Er hatte es sich in der letzten Zeit überhaupt angewöhnt, sich uns gegenüber sehr offen und ohne jede Umstände zu geben, und nicht nur in bezug auf seine schlechten, sondern auch in bezug auf seine lächerlichen Eigenschaften, was doch sonst wirklich jedermann ängstlich vermeidet; und dabei war er sich ganz klar bewußt, daß wir das alles bis zum kleinsten Zuge verstehen mußten. Im Laufe des letzten Jahres war er, wie Tatjana Pawlowna mir einmal sagte, hinsichtlich seiner Kleidung sehr zurückgekommen: er war zwar anständig angezogen, aber seine Anzüge waren alt und durchaus nicht elegant. Ich weiß, daß er es fertig brachte, seine Wäsche zwei Tage lang zu tragen, worüber meine Mutter geradezu traurig war; sie hielten das für ein Opfer, und die ganze Schar der ihm ergebenen Frauenzimmer sah eine große Tat darin. Er trug immer weiche, breitkrämpige schwarze Hüte; als er in der Tür seinen Hut abnahm, sprang ein ganzer Busch dichten, aber stark angegrauten Haares auf seinem Kopf nur so empor. Ich liebte es, sein Haar zu beobachten, wenn er den Hut abnahm.

»Guten Abend; alle da; sogar er ist dabei? Ich habe seine Stimme schon vom Flur gehört; gewiß auf mich geschimpft, denk' ich mir?«

Es war bei ihm immer ein Zeichen von guter Laune, wenn er mit mir seine Witzchen machte. Ich antwortete selbstverständlich nicht, Lukerja trat ein, brachte ein großes Paket mit allerlei Einkäufen und legte es auf den Tisch.

»Sieg, Tatjana Pawlowna! Der Prozeß ist gewonnen, und Revision einlegen werden die Fürsten wohl kaum. Ich habe gewonnen! Ich hab' auch gleich jemand gefunden, der mir tausend Rubel geliehen hat. Sophia, leg' die Arbeit weg, verdirb dir die Augen nicht. Lisa, du kommst wohl von der Arbeit?«

»Ja, Papa«, erwiderte Lisa mit freundlicher Miene; sie nannte ihn Vater; ich tat das um keinen Preis der Welt.

»Müde?«

»O ja.«

»Laß doch die Arbeit, geh morgen nicht wieder hin, und gib es ganz auf.«

»Ach Papa, es ist mir aber lieber.«

»Wenn ich dich bitte . . .! Ich kann es absolut nicht leiden, wenn Frauen arbeiten, Tatjana Pawlowna.«

»Wie soll man denn ohne Arbeit leben? Und gerade die Frauen sollen nicht arbeiten? . . .«

»Ich weiß schon, ich weiß schon, das ist ja alles sehr schön und richtig, und ich bin im voraus ganz einverstanden; aber – ich spreche in erster Linie von Handarbeiten. Denken Sie sich, das ist bei mir wohl einer von meinen krankhaften, richtiger gesagt, anormalen Kindheitseindrücken. In meinen dunkeln Erinnerungen aus meinem fünften und sechsten Jahr sehe ich am häufigsten – natürlich mit Widerwillen – eine Versammlung von klugen, strengen, unfreundlichen Frauen um einen runden Tisch herum, auf dem Scheren, Stoffe, Schnitte und Modenbilder liegen. Und alle reden sie und machen sie, und schütteln gewichtig und langsam die Köpfe, und messen, und überlegen, und schneiden zu. Alle diese freundlichen Gesichter, die mich so gern sehen, sind auf einmal unnahbar; wenn ich nur ein bißchen lustig bin, werde ich sofort vor die Türe gesetzt. Sogar meine arme alte Wärterin, die mich an der Hand hält, antwortet nicht auf mein Schreien und Zupfen, sie schaut und horcht, als sänge da ein Paradiesvogel. So ist mir diese Strenge und Gewichtigkeit kluger Frauen, bevor sie mit dem Zuschneiden anfangen, bis heute eine förmlich qualvolle Vorstellung geblieben. Tatjana Pawlowna, Sie schneiden furchtbar gerne zu, – so aristokratisch das aber auch sein mag, ich habe die Frauen am liebsten, die überhaupt nicht arbeiten. Fühl' du dich nur nicht getroffen dadurch, Sophia! . . . Ach, wozu auch! Die Frau ist auch ohne das eine große Macht. Das weißt du übrigens auch selbst, Sonja. Wie denken Sie darüber, Arkadij Makarowitsch, Sie wollen mir wahrscheinlich widersprechen?«

»Nein, durchaus nicht,« erwiderte ich, »besonders gut finde ich Ihre Behauptung, daß die Frau eine große Macht sei. Freilich verstehe ich nicht ganz, warum Sie das mit der Arbeit in Verbindung bringen? Daß man aber nicht umhin kann, zu arbeiten, wenn man kein Geld hat – das wissen Sie ja selbst.«

»Aber jetzt genug davon,« wendete er sich an meine Mutter, die nur so strahlte (als er sich zu mir wendete, hatte sie geradezu gebebt), »mach es wenigstens so, daß ich keine Handarbeiten zu sehen kriege, die erste Zeit wenigstens, tu's mir zuliebe. Arkadij, du bist ja ein moderner junger Mann, und als solcher vermutlich ein bißchen sozialistisch angehaucht; na also, lieber Freund, willst du mir glauben, daß die Leute aus dem ewig schuftenden einfachen Volk es sind, die den Müßiggang am allermeisten lieben?«

»Die Erholung vielleicht, aber nicht den Müßiggang.«

»Nein, eben den Müßiggang, das absolute Nichtstun; darin liegt ihr Ideal! Ich habe einen Menschen gekannt, der sich ewig placken mußte, freilich gehörte er nicht zum einfachen Volk; er war ein ziemlich hochentwickelter Mensch und verstand es, vom Einzelnen auf das Allgemeine zu schließen. Er träumte sein Leben lang, vielleicht jeden Tag, schmatzend und gerührt vom vollkommensten Müßiggang, er führte sozusagen sein Ideal bis zum Absoluten fort – unendliche Unabhängigkeit, ewige Freiheit, zu träumen und müßig die Welt zu betrachten. So ging es fort, bis er unter der Arbeit gänzlich zusammenbrach; gutzumachen war da nichts mehr; er starb im Krankenhaus. Ich bin manchmal ganz ernsthaft zu dem Schluß gekommen, daß das Gerede von dem Genuß der Arbeit von den Leuten aufgebracht worden sein muß, die selber nichts tun, natürlich von den tugendhaften unter ihnen. Das ist so eine von den ›Genfer Ideen‹ aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vorgestern habe ich eine Anzeige aus der Zeitung ausgeschnitten, da ist sie (er zog ein Stückchen Papier aus der Westentasche), – das ist auch so etwas zum Kapitel der unzähligen Studenten, die in den klassischen Sprachen und der Mathematik bewandert und bereit sind, nach auswärts zu gehen, oder in einer Dachstube zu unterrichten, und überhaupt zu allem. Also hören Sie: ›Lehrerin bereitet für alle Lehranstalten vor (merken Sie auf, für alle) und gibt Unterricht in Arithmetik‹, – bloß eine Zeile, aber die ist auch klassisch! Sie bereitet für alle Unterrichtsanstalten vor – also ist die Arithmetik doch wohl selbstverständlich einbegriffen? Nein, die Arithmetik erwähnt sie besonders. Das . . . das ist schon der nackte Hunger, das ist schon die letzte Stufe der Not. Das Rührende daran ist eben diese Unkenntnis: es ist ja ganz klar, sie hat sich niemals zur Lehrerin ausgebildet, und sie ist wohl kaum imstande, einem auch nur das geringste beizubringen. Aber sie denkt sich: immer zu, und schleppt ihren letzten Rubel in die Expedition und läßt drucken, sie bereite für alle Lehranstalten vor und gebe außer dem allen noch Unterricht in der Arithmetik. Per tutto mundo e in altri siti.«

»Ach, Andrej Petrowitsch, könnte man ihr denn nicht helfen! Wo wohnt sie?« rief Tatjana Pawlowna.

»Ach, von der Sorte gibt's so viele!« Er steckte die Adresse wieder in die Tasche. »Ich hab' euch was mitgebracht, in dem Paket, – für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana Pawlowna; Sophia und ich lieben keine Süßigkeiten. Vielleicht aber du, junger Mann. Ich hab' es selbst alles eingekauft, bei Jelisejew und bei Balle. Wir haben lange genug ›am Hungertuche genagt‹, wie Lukeria sagt. (NB. Keiner von uns allen hatte je am Hungertuch genagt.) Hier sind Trauben, Konfekt, Duchessebirnen und Erdbeerkuchen, und einen famosen Likör hab' ich auch mitgebracht, und Nüsse auch. Merkwürdig, wie gern ich heute noch Nüsse esse, Tatjana Pawlowna, ganz wie als Kind, und gerade die ganz ordinären. Lisa ist darin meine Tochter; sie knackt auch gern Nüsse wie ein Eichhörnchen. Es gibt aber wirklich nichts Famoseres, Tatjana Pawlowna, als die Erinnerungen, die manchmal in mir auftauchen, wie ich im Wald im Busch saß und mir selber Nüsse pflückte . . . Die Tage sind schon beinahe herbstlich, aber klar, manchmal ist es schon recht frisch, man versteckt sich im Dickicht, schweift durch den Wald, es riecht nach Blättern . . . Ich sehe einen mitfühlenden Zug in Ihrem Gesicht, Arkadij Makarowitsch?«

»Meine ersten Kinderjahre habe ich auch auf dem Lande verlebt.«

»So? Ich denke doch, du warst in Moskau . . . wenn ich mich nicht irre.«

»Er lebte bei den Andronikows in Moskau, als Sie damals hinkamen; aber vorher war er bei Ihrer seligen Tante, Warwara Stepanowna, auf dem Lande«, fiel Tatjana Pawlowna ein.

»Sophia, da ist das Geld, schließ es ein. In den nächsten Tagen bekomm' ich fünftausend. Es ist mir schon versprochen.«

»Also haben die Fürsten gar keine Aussichten mehr?« fragte Tatjana Pawlowna.

»Nicht die geringste, Tatjana Pawlowna.«

»Ich habe immer mit Ihnen gefühlt, Andrej Petrowitsch, und mit allen Ihren Angehörigen und bin eine Freundin Ihres Hauses, aber wenn mir die Fürsten auch ganz fremd sind, lieber Gott, sie tun mir doch leid. Seien Sie mir darum nicht böse, Andrej Petrowitsch.«

»Ich beabsichtige nicht, mit ihnen zu teilen, Tatjana Pawlowna.«

»Natürlich, Sie kennen meine Gedanken, Andrej Petrowitsch, sie hätten sich verglichen, wenn Sie ihnen das bei Beginn des Prozesses vorgeschlagen hätten, mit ihnen zu teilen; jetzt ist es natürlich zu spät. Im übrigen erlaube ich mir kein Urteil . . . Ich meinte nur, weil der Verstorbene sie doch wahrscheinlich nicht in seinem Testament übergangen hätte.«

»Er hätte sie nicht nur nicht übergangen, sondern ihnen wahrscheinlich alles vermacht; übergangen hätte er wahrscheinlich mich ganz allein, wenn er die Sache noch hätte machen und ein Testament in aller Form hätte aufsetzen können; aber so wie es ist, ist das Gesetz auf meiner Seite – und fertig! Teilen kann ich nicht und will ich nicht, Tatjana Pawlowna, und Schluß damit.«

Er stieß dies sogar mit einer gewissen Wut hervor, was er sich selten erlaubte. Tatjana Pawlowna verstummte. Meine Mutter schlug betrübt die Augen nieder; Wersilow wußte, daß sie Tatjana Pawlownas Ansicht billigte.

»Das ist die Emser Ohrfeige!« dachte ich so bei mir. Das Dokument, das ich von Kraft erhalten hatte und in der Tasche trug, würde ein trauriges Schicksal haben, wenn es ihm in die Hände fiele. Ich empfand auf einmal wieder, daß ich das alles auf dem Halse hatte; dieser Gedanke, in Verbindung mit allem andern, wirkte natürlich erregend auf mich.

»Arkadij, es wäre mir lieb, wenn du dich besser kleidetest, lieber Freund; du bist ja nicht schlecht angezogen, aber für die Zukunft könnte ich dir einen sehr guten Schneider empfehlen. Ein Franzose, sehr reell, der auch Geschmack hat.«

»Ich möchte Sie ersuchen, mir nie wieder derartige Vorschläge zu machen«, knurrte ich, auf einmal böse.

»Wieso?«

»Ich finde selbstverständlich nichts Demütigendes dabei, aber wir sind durchaus nicht in einem solchen Einvernehmen, sondern ganz im Gegenteil, wir sind sehr verschiedener Ansicht. So zum Beispiel werde ich schon von morgen ab nicht mehr zum alten Fürsten gehen, weil der nicht die geringste Arbeit für mich hat!«

»Ja, darin, daß du hingehst und bei ihm bist – darin liegt doch deine Arbeit.«

»Diese Auffassung hat für mich etwas Demütigendes.«

»Das begreife ich nicht: und übrigens, wenn du gar so heikel bist, brauchst du ja kein Gehalt von ihm anzunehmen, du kannst ja so hingehen. Ich sag' dir, du kränkst ihn furchtbar; er hat schon eine starke Neigung zu dir gefaßt, glaub' es mir . . . Übrigens, wie du willst . . .«

Die Sache war ihm sichtlich unangenehm.

»Sie sagen: nimm kein Geld an, und dabei habe ich dank Ihrer Freundlichkeit heute schon einen schlechten Streich gemacht. Sie haben mir vorher nichts gesagt, und ich habe heute von ihm das Gehalt für den verflossenen Monat verlangt.«

»So hast du also schon darüber verfügt; und ich muß gestehen, ich habe nicht gedacht, daß du es tun würdest; was seid ihr jungen Leute heutzutage doch geschäftsklug! Es gibt keine Jugend mehr, Tatjana Pawlowna.«

Er giftete sich furchtbar; und ich war auch sehr böse.

»Ich mußte mich ja eben auch mit Ihnen auseinandersetzen . . . dazu haben Sie mich gezwungen, – ich weiß jetzt nicht, wovon ich existieren soll.«

»Hör' mal, Sophia, gib Arkadij doch gleich seine sechzig Rubel wieder; und du, lieber Freund, nimm mir diese schnelle Abrechnung nicht übel. Ich seh' es dir am Gesicht an, du hast irgendeinen Plan im Kopf, und brauchst . . . ein Anlagekapital . . . oder so was . . .«

»Ich weiß nicht, was auf meinem Gesicht zu lesen ist, aber ich hätte es von Mama wahrhaftig nicht erwartet, daß sie Ihnen von diesem Geld erzählen würde, wo ich sie doch so gebeten habe«, sagte ich und sah meine Mutter mit funkelnden Augen an. Ich kann gar nicht beschreiben, wie verletzt ich mich fühlte.

»Arkascha, lieber Junge, verzeih mir um Gottes willen, ich konnte gar nicht anders, ich mußte . . .«

»Lieber Freund, bilde dir nur nicht ein, sie hätte mir deine Geheimnisse erzählt,« wendete er sich an mich, »und dann ist es auch nur in der besten Absicht geschehen – einfach die Freude der Mutter, mit dem guten Herzen ihres Sohnes renommieren zu können. Aber glaub' es mir ruhig, ich hätte auch so erraten, daß du ein Kapitalist bist. Alle deine Geheimnisse stehen auf deinem ehrlichen Gesicht geschrieben. Er hat ›seine Idee‹, Tatjana Pawlowna, ich hab's Ihnen ja gesagt.«

»Lassen wir mein ehrliches Gesicht aus dem Spiel;« knurrte ich weiter, »ich weiß, daß Sie einen häufig durch und durch schauen können, obwohl Sie manchmal nicht weiter sehen, als ein Hühnerschnabel reicht, – und ich habe mich schon öfters gewundert über Ihren durchdringenden Blick. Also ja, ich habe ›meine Idee‹. Daß Sie diesen Ausdruck gebraucht haben, ist natürlich nur eine Zufälligkeit, aber ich habe durchaus keine Angst, es einzugestehen: ich habe eine ›Idee‹. Ich habe durchaus keine Angst und schäme mich dessen nicht.«

»Nein, nur nicht schämen, das ist das Wichtigste.«

»Aber trotz alledem werde ich sie Ihnen nie mitteilen.«

»Das heißt, mich der Ehre einer Mitteilung nicht würdig halten. Ist auch ganz überflüssig, ich kenne das Wesentliche deiner Idee auch so; auf jeden Fall ist es so ein:

›Ich will in Wüsten fliehn . . .‹

Tatjana Pawlowna! Ich denke mir – er will . . . ein Rothschild werden, oder so was, und sich in seine einsame Größe zurückziehen. Selbstverständlich wird er uns und Ihnen großmütig eine Pension aussetzen, mir wird er übrigens vielleicht auch keine aussetzen, – aber mag dem sein, wie es will, wir haben ihn eben nur so gesehen. Er ist uns aufgegangen wie der junge Mond – kaum ist er da, so geht er schon wieder unter.«

Ich bebte innerlich. Selbstverständlich war das alles Zufall: er wußte gar nichts und hatte von ganz etwas anderem geredet, wenn er auch Rothschild erwähnt hatte; aber wie konnte er meine Gefühle so genau definieren: meinen Plan, mit ihnen zu brechen und fortzugehen? Er erriet alles im voraus und wollte die Tragik der Tatsache von vornherein mit seinem Zynismus beschmutzen. Daß er sich schrecklich giftete, daran war kein Zweifel möglich.

»Mama! verzeihen Sie, daß ich so aufgefahren bin, zumal man vor Andrej Petrowitsch ja sowieso nichts verbergen kann«, lachte ich heuchlerisch auf und bemühte mich wenigstens für den Augenblick, alles in einen Scherz zu verkehren.

»Das beste, lieber Freund, ist, daß du eben gelacht hast. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr dadurch jeder Mensch gewinnt, schon rein äußerlich. Ich spreche im vollsten Ernst. Tatjana Pawlowna, er sieht doch immer so aus, als hätte er etwas so Wichtiges im Kopf, daß er selbst dadurch förmlich geniert ist.«

»Ich möchte sie ernstlich bitten, etwas taktvoller zu sein, Andrej Petrowitsch.«

»Du hast sehr recht, lieber Freund; aber es muß einmal ausgesprochen werden, ein für allemal, damit es erledigt und abgetan ist. Du bist aus Moskau zu uns gekommen, um dich sofort auf die Hinterbeine zu setzen, – das ist es, was wir bis jetzt von dem Zwecke deines Hierseins wissen. Daß du gekommen bist, um uns durch irgend etwas in Staunen zu versetzen, – das erwähnte ich selbstverständlich gar nicht erst. Ferner sitzest du einen ganzen Monat bei uns und knurrst uns an, und dabei bist du doch sichtlich ein gescheiter Mensch und könntest als solcher wissen, daß man sich durch solch ein Geknurre an den Leuten nicht für ihre Nichtigkeit rächen kann. Du versteckst dich immer, während dein ehrliches Gesicht und deine roten Wangen klar dafür zeugen, daß du jedermann mit der vollkommensten Unschuld in die Augen sehen könntest. Er ist ein Hypochonder, Tatjana Pawlowna; wenn ich nur verstehen könnte, warum sie heutzutage alle Hypochonder sind!«

»Sie haben ja nicht einmal gewußt, wo ich meine ersten Jahre verbracht habe, – wie sollten Sie wissen, wodurch ein Mensch zum Hypochonder wird?«

»Aha, so läuft der Hase: du bist gekränkt, weil ich vergessen konnte, wo du damals gewohnt hast!«

»Nicht im geringsten, schieben Sie mir keine Dummheiten unter. Mama, Andrej Petrowitsch hat mich eben belobt, weil ich gelacht habe; also, lachen wir doch – was soll man so dasitzen! Wenn Sie Lust haben, erzähle ich ein paar Anekdoten aus meinem Leben? Um so mehr, als Andrej Petrowitsch nicht das geringste von meinen Erlebnissen weiß.«

Es kochte in mir. Ich wußte, daß wir nie wieder so wie heute zusammensitzen würden, und daß ich dies Haus nie wieder betreten würde, wenn ich es das nächste Mal verlassen hätte, – und so konnte ich mich denn, am Vorabend aller dieser Ereignisse, nicht halten. Er selbst hatte mich herausgefordert, mit solch einem Finale zu schließen.

»Das ist natürlich sehr nett, wenn es nur wirklich lustig wird,« bemerkte er und musterte mich mit einem durchdringenden Blick, »du bist dort, wo du deine Kindheit verbracht hast, ein bißchen klobig geworden, teurer Freund, übrigens bist du aber immerhin doch noch recht manierlich. Er ist sehr nett heute, Tatjana Pawlowna, und es ist schön von Ihnen, daß Sie dies Paket endlich aufgemacht haben.«

Aber Tatjana Pawlowna runzelte ihre Brauen, sie wendete sich nicht einmal nach ihm um, packte weiter aus und verteilte die Süßigkeiten auf herbeigeholte Teller. Auch meine Mutter saß in bangen Zweifeln da, denn sie verstand und ahnte, daß die Sache zwischen uns kein gutes Ende nehmen würde. Meine Schwester stieß mich noch einmal an.

3

»Ich will euch allen nur erzählen,« begann ich, scheinbar höchst ungezwungen, »wie ein Vater seinem lieben Sohn zum erstenmal begegnete; passiert ist das eben da, ›wo du deine Kindheit verbracht hast‹ . . .«

»Lieber Freund, wird das aber . . . nicht langweilig? Du weißt ja: tous les genres . . .«

»Machen Sie kein so finsteres Gesicht, Andrej Petrowitsch, ich will gar nicht auf das hinaus, was Sie glauben. Ich will nur, daß alle lachen.«

»Möge Gott dich hören, lieber Freund. Ich weiß ja, du liebst uns alle und . . . und du wirst uns den Abend nicht verderben wollen«, brachte er in einem gemachten, nachlässigen Ton hervor.

»Das haben Sie wohl auch in meinem Gesicht gelesen, daß ich Sie liebe?«

»Ja, zum Teil hab' ich's auch in deinem Gesicht gelesen.«

»Na ja, und ich habe es längst in Tatjana Pawlownas Gesicht gelesen, daß sie in mich verliebt ist. Schaun Sie mich doch nicht an, wie 'n wildes Tier, Tatjana Pawlowna, lachen Sie lieber! Lachen Sie lieber!«

Sie wendete sich auf einmal schnell nach mir um und sah mich eindringlich an, vielleicht eine halbe Minute lang:

»Sieh dich vor!« drohte sie mir mit dem Finger, aber so ernst, daß sich das gar nicht mehr auf meinen dummen Spaß beziehen konnte, sondern eine Warnung vor etwas anderem sein mußte: »Willst du wirklich schon anfangen?«

»Andrej Petrowitsch, so wissen Sie es wirklich nicht mehr, wie wir uns zum erstenmal im Leben begegnet sind?«

»Ich hab' es, weiß Gott, vergessen, lieber Freund, und bitte dich von Herzen, es mir zu verzeihen. Ich weiß nur, daß das schon sehr lange her sein muß, und daß, daß . . . ja, wo war's doch gleich?«

»Mama, und erinnern Sie sich nicht, wie Sie einmal auf dem Lande bei mir waren, ich kann damals sechs oder sieben Jahre gewesen sein, und was mir das wichtigste ist, sind Sie dort auf dem Lande wirklich einmal bei mir gewesen, oder schwebt mir das nur so wie in einem Traum vor, daß ich Sie dort das erstemal gesehen hätte? Das hab' ich Sie schon längst fragen wollen, aber ich hab's immer wieder verschoben: jetzt ist die Zeit gekommen.«

»Gewiß, Arkaschenka, gewiß! Jawohl, ich bin dreimal dort bei Warwara Stepanowna zu Besuch gewesen; als ich das erstemal da war, warst du höchstens ein Jahr alt, beim zweitenmal vier, und beim letztenmal warst du schon sechs.«

»Na also, und danach wollte ich Sie schon den ganzen Monat fragen.«

Meine Mutter wurde ordentlich rot, so schnell strömten die Erinnerungen auf sie ein, und sie fragte mich warm:

»Arkaschenka, kannst du dich denn wirklich noch auf mich in der Zeit besinnen?«

»Ich besinne mich auf nichts und weiß nichts, mir ist nur ein Etwas aus Ihrem Gesicht mein Lebtag in meinem Herzen zurückgeblieben, und dann ist mir das Bewußtsein geblieben, daß Sie meine Mutter waren. Ich sehe jenes ganze Gut jetzt wie im Traume vor mir, ich hatte sogar meine Pflegemutter vergessen. Von jener Warwara Stepanowna war mir nur deswegen ein Schimmer von Erinnerung geblieben, weil sie immer an Zahnschmerzen litt und die Wangen verbunden hatte. Ich weiß noch, daß ums Haus herum riesige Bäume standen, Linden glaub' ich, und dann schien manchmal die Sonne so stark durch die offenen Fenster, und dann war da ein Lattenzaun, an dem Blumen blühten, ein schmaler Weg . . . und Sie, Mama, seh' ich nur in einem Moment klar vor mir, als ich dort in der Kirche das Abendmahl bekam, und Sie hoben mich auf, damit ich das Sakrament empfangen und den Kelch küssen konnte, – das war im Sommer, und eine Taube flog oben quer durch die Kuppel, zu einem Fenster herein, zum andern hinaus . . .«

»Herrgott! Ja, so war das auch alles,« rief meine Mutter und schlug die Hände zusammen, »auch die Taube seh' ich noch wie heute. Direkt vor dem Kelch fuhrst du auf und schriest: ›eine Taube, eine Taube!‹«

»Ihr Gesicht, oder irgend etwas in ihm, der Ausdruck, ist in meinem Gedächtnis so fest haftengeblieben, daß ich Sie fünf Jahre später in Moskau sofort erkannte, obgleich mir damals kein Mensch sagte, daß Sie meine Mutter wären. Aber als ich Andrej Petrowitsch zum erstenmal sah, das war damals, als ich von den Andronikows fortgenommen wurde; bei denen hatte ich bis dahin still und vergnügt fünf Jahre hintereinander dahingelebt. Ich erinnere mich noch bis in die kleinsten Einzelheiten an ihre Dienstwohnung und alle diese Damen und Fräulein, die jetzt hier alle so alt geworden sind, und an das volle Haus, und an Andronikow selbst, wie er allen Proviant fürs Haus, Geflügel, Zander und Spanferkel, selbst in allerlei Paketchen aus der Stadt mitbrachte, und bei Tische tat er, statt seiner Frau, die sich immer sehr vornehm hatte, die Suppe auf, und der ganze Tisch lachte immer darüber, und er war der erste dabei. Und die Damen dort lehrten mich Französisch, aber das liebste waren mir Krylows Fabeln, ich konnte eine Menge von ihnen auswendig und deklamierte Andronikow jeden Tag eine Fabel vor. Ich ging einfach in sein kleines Kabinett, ob er nun zu tun hatte oder nicht. Na, und so einer Fabel verdanke ich auch meine Bekanntschaft mit Ihnen, Andrej Petrowitsch. Ich sehe, es dämmert Ihnen was.«

»Ja, mir schwant so was, lieber Freund, da hast mir damals irgendwas aufgesagt . . . eine Fabel, oder etwas aus Gribojedows Komödie ›Verstand bringt Leiden‹, glaub' ich? Was du übrigens für ein Gedächtnis hast!«

»Gedächtnis! Das fehlte noch! An dies eine habe ich ja mein Leben lang ganz allein gedacht.«

»Schön, schön, lieber Freund, du machst mich ja ordentlich munter.«

Er lächelte sogar, und sogleich lächelten auch meine Mutter und meine Schwester. Das Vertrauen kehrte zurück; aber Tatjana Pawlowna, die die Teller mit Süßigkeiten auf den Tisch gestellt und sich in eine Ecke gesetzt hatte, sah mich weiterhin mit bösem Blick scharf an.

»Das war so«, fuhr ich fort. »Eines schönen Morgens erschien auf einmal bei uns die Freundin meiner Kindheit, Tatjana Pawlowna, die in meinem Leben immer plötzlich, wie im Theater, aufgetaucht ist, ich wurde in einen Wagen gesetzt und in ein herrschaftliches Haus gebracht, in eine luxuriöse Wohnung. Sie waren damals bei Frau Fanariotowa abgestiegen, Andrej Petrowitsch, in ihrem leerstehenden Hause, das sie früher einmal von Ihnen gekauft hatte; sie selbst war damals im Auslande. Ich hatte bisher immer Blusen getragen; jetzt wurde mir auf einmal ein hübsches blaues Jackett und sehr feine Wäsche angezogen. Tatjana Pawlowna pusselte den ganzen Tag an mir herum und kaufte eine Menge Sachen für mich; ich ging unermüdlich durch alle die leeren Zimmer und bewunderte mich in allen Spiegeln. Und auf die Art geriet ich am nächsten Morgen, so um neun, auf meiner Wanderung durch die Wohnung ganz unvermutet auch in Ihr Kabinett. Ich hatte Sie schon am Tage vorher gesehen, als ich grade angekommen war, aber nur ganz flüchtig auf der Treppe. Sie kamen die Treppe herunter, um sich in den Wagen zu setzen und auszufahren; Sie waren damals ganz allein nach Moskau gekommen, nach einer langen Abwesenheit, und nur für kurze Zeit, so daß sich alles um Sie riß und Sie fast überhaupt nicht zu Hause waren. Als Sie Tatjana Pawlowna und mich erblickten, ließen Sie nur ein gedehntes: ›Ah!‹ hören und blieben nicht einmal stehen.«

»Er erzählt das mit viel Liebe«, bemerkte Wersilow, zu Tatjana Pawlowna gewendet; die aber drehte den Kopf zur Seite und antwortete nicht.

»Ich sehe Sie noch, blühend und hübsch, wie Sie damals waren, als wäre es heute gewesen. Sie sind in diesen neun Jahren erstaunlich alt und verbraucht geworden; entschuldigen Sie, bitte, daß ich so aufrichtig bin; übrigens waren Sie auch damals schon siebenunddreißig, aber ich konnte mich gar nicht satt sehen an Ihnen, was hatten Sie für wundervolle Haare, fast kohlschwarz, mit einem blanken Glanz darauf, ohne eine Spur des Ergrauens; ein Schnurrbart und ein Backenbart, die reine Juwelierarbeit, – ich weiß es nicht anders auszudrücken: das Gesicht von einer matten Blässe, nicht kränklich-blaß wie jetzt, sondern wie es jetzt Ihre Tochter Anna Andrejewna hat, die ich neulich kennenzulernen die Ehre hatte; feurige und dunkle Augen und blitzende Zähne, besonders wenn Sie lachten. Sie lachten eben grade, wie Sie mich so musterten, als ich zu Ihnen hereinkam; ich konnte damals noch nicht so viel Unterschiede machen, und Ihr Lächeln heiterte mir das Herz auf. Sie trugen an dem Morgen einen dunkelblauen Samtkittel mit einer gestickten solferinofarbenen Schärpe über einem kostbaren Hemd mit Alençonspitzen; Sie standen vor dem Spiegel und studierten den letzten Monolog Tschazkijs und insbesondere seinen letzten Ruf:

Den Wagen, meinen Wagen!«

»Ach Gott ja,« rief Wersilow, »er hat wahrhaftig recht. Ich hatte es damals, obschon ich nur für kurze Zeit in Moskau war, übernommen, den Tschazkij in einer Liebhabervorstellung bei Alexandra Petrowna Witowtowa zu spielen, weil Shilejko krank geworden war!«

»Hatten Sie das wirklich vergessen?« lachte Tatjana Pawlowna.

»Er hat mich wieder daran erinnert! Offengestanden, die paar Tage damals in Moskau sind vielleicht die schönste Zeit in meinem Leben gewesen! Wir alle waren damals noch so jung . . . und warteten alle mit solch einer Glut . . . Ganz unerwartet traf ich damals in Moskau soviel . . . Aber erzähl' nur weiter, lieber Freund. Diesmal hast du sehr wohl daran getan, daß du so ausführlich warst . . .«

»Ich stand da, schaute Ihnen zu und rief auf einmal: ›Ausgezeichnet, der richtige Tschazkij!‹ – Sie drehten sich mit einem Ruck nach mir um und fragten: ›Ja, was weißt du denn schon von Tschazkij?‹ – und dann setzten Sie sich auf den Diwan und machten sich in vorzüglichster Stimmung an Ihren Kaffee, – Sie sahen einfach zum Küssen aus. Und dann erzählte ich Ihnen, daß bei den Andronikows alle sehr viel lasen, daß die Damen viele Verse auswendig wüßten, daß sie ganze Szenen aus ›Verstand bringt Leiden‹ zusammen aufführten, daß wir in der verflossenen Woche alle zusammen abends laut die ›Memoiren eines Jägers‹ gelesen hätten, daß ich Krylows Fabeln am meisten liebte und sie auswendig wisse. Und Sie sagten, ich sollte Ihnen etwas aus dem Kopf hersagen, und ich deklamierte ›Die wählerische Braut‹:

Ein junges Mädchen träumt sich einmal einen Mann.«

»Ja, ja, ja, jetzt weiß ich wieder alles,« rief Wersilow, »aber, lieber Freund, ich sehe auch dich noch ganz deutlich vor mir: du warst damals so ein netter Junge, ein sehr manierlicher flotter Junge sogar, und ich kann dir mein heiliges Ehrenwort geben, du hast dich in diesen neun Jahren auch nicht grade zum Vorteil verändert.«

Jetzt fingen aber alle, selbst Tatjana Pawlowna, an zu lachen. Es war ja klar, daß Andrej Petrowitsch sich einen kleinen Scherz erlaubte und mir mit gleicher Münze für meine boshafte Bemerkung zurückzahlte, daß er so alt geworden sei. Alle wurden ganz lustig; und es war ja auch sehr hübsch gesagt.

»Je weiter ich deklamierte, desto freundlicher lächelten Sie, aber ich war noch nicht bis zur Mitte gekommen, da sagten Sie, ich sollte ein bißchen warten, klingelten und befahlen dem eintretenden Diener, Tatjana Pawlowna herzubitten. Die kam auch sofort angelaufen und sah so vergnügt aus, daß ich, der sie am Tage vorher gesehen hatte, sie fast nicht wiedererkannte. In Tatjana Pawlownas Gegenwart fing ich ›Die wählerische Braut‹ noch einmal an und führte meinen Vortrag glänzend zu Ende. Selbst Tatjana Pawlowna lächelte, und Sie, Andrej Petrowitsch, riefen sogar: bravo! und bemerkten begeistert, es wäre ja weiter nichts Erstaunliches gewesen, wenn ein gescheiter Junge in meinen Jahren die Fabel von der Grille und der Ameise gut vorgetragen hätte. Aber mit dieser Fabel wäre es doch ganz was anderes:

›Ein junges Mädchen träumt sich einmal einen Mann,

Da ist nichts Böses dran.‹

›Hören Sie nur, wie er das sagt:

Da ist nichts Böses dran!‹

– Kurz und gut, Sie waren entzückt. Und dann fingen Sie auf einmal mit Tatjana Pawlowna an französisch zu sprechen, sie wurde mit einem Ruck verdrießlich und widersprach Ihnen, ja, sie erhitzte sich sogar sehr dabei. Aber da es ganz unmöglich ist, Andrej Petrowitsch zu widersprechen, wenn er sich einmal was in den Kopf gesetzt hat, so führte mich Tatjana Pawlowna schleunigst in ihr Zimmer hinüber: Gesicht und Hände wurden mir frisch gewaschen, ich bekam frische Wäsche an, wurde pomadisiert, und sogar Locken wurden mir eingelegt. Und dann gegen Abend zog sich Tatjana Pawlowna selbst ziemlich elegant an, so elegant, wie ich's bei ihr nie erwartet hätte, und nahm mich in einem Wagen mit. Ich kam zum erstenmal in meinem Leben in ein Theater, es war das Liebhabertheater bei Frau Witowtowa; Lichter, Kronleuchter, Damen, Militärs, Generale, junge Mädchen, der Vorhang, die Stuhlreihen, – nichts der Art hatte ich bisher gesehen. Tatjana Pawlowna suchte sich ein äußerst bescheidenes Plätzchen in einer der hintersten Reihen und setzte mich neben sich. Es waren natürlich auch Kinder da und Kinder wie ich, aber ich achtete überhaupt auf gar nichts, sondern wartete nur mit angehaltenem Atem auf den Beginn der Vorstellung. Als Sie auftraten, Andrej Petrowitsch, war ich begeistert, begeistert bis zu Tränen, – warum, weshalb, weiß ich selber nicht. Warum diese Tränen der Begeisterung? – Das war es, was mir so fremdartig erschien, wenn ich in diesen neun Jahren daran zurückdachte! Mit angehaltenem Atem folgte ich dem Gang der Handlung; ich verstand davon natürlich nur, daß sie ihn betrogen hatte, daß dumme und unwürdige Leute sich über ihn lustig machten, die nicht wert waren, ihm die Schuhriemen zu lösen. Als er auf dem Balle deklamierte, begriff ich, daß er erniedrigt und beleidigt war, daß er allen diesen traurigen Leuten Vorwürfe machte, daß er groß war – groß! Natürlich förderte auch die Vorbereitung bei den Andronikows mein Verständnis, aber – auch Ihr Spiel, Andrej Petrowitsch! Ich sah zum erstenmal ein Theater! Bei der Schlußszene aber, als Tschazkij rief:

›Den Wagen, meinen Wagen!‹

(und Sie brachten das erstaunlich heraus), da sprang ich von meinem Stuhl auf und klatschte, zugleich mit dem ganzen Saal, der vom Applaus widerhallte, und schrie aus aller Kraft meiner Lungen: bravo! Und ich weiß noch, wie heute, daß ich im selben Moment etwas wie einen Stecknadelstich in ›der Fortsetzung meines Rückens‹ verspürte, es war Tatjana Pawlowna, die mich wütend kniff, aber ich achtete nicht darauf! Selbstverständlich brachte mich Tatjana Pawlowna, als das Stück aus war, sofort nach Hause: ›Zum Tanz kannst du ja doch nicht dableiben, und ich hab' weiter nichts davon, als daß ich nun auch nach Hause muß!‹ zischten Sie mich während der Heimfahrt die ganze Zeit an, Tatjana Pawlowna. Ich lag die ganze Nacht wie im Fieber, und am nächsten Tage, um zehn Uhr, stand ich schon vor Ihrem Kabinett, aber die Türe war verschlossen; es waren Leute bei Ihnen, und Sie verhandelten mit ihnen über Geschäfte; dann fuhren Sie gleich für den ganzen Tag aus, bis in die tiefe Nacht – so bekam ich Sie denn nicht zu Gesicht! Was ich Ihnen sagen wollte – hab' ich jetzt natürlich vergessen und wußte es wohl auch damals nicht, aber ich hatte den glühenden Wunsch, Sie möglichst bald zu sehen. Aber den Tag darauf geruhten Sie schon um acht Uhr nach Serpuchow hinauszufahren. Sie hatten damals gerade Ihr Gut im Gouvernement Tula verkauft, um sich mit Ihren Gläubigern auseinanderzusetzen, aber immerhin hatten sie noch ein ganz appetitliches Sümmchen in der Hand, deswegen beehrten Sie damals auch Moskau mit Ihrem Besuch, das Sie vorher hatten meiden müssen, aus Furcht vor Ihren Gläubigern; und nur dieser Grobian in Serpuchow wollte sich als einziger von Ihren Gläubigern nicht mit der Hälfte der Summe, die Sie ihm schuldeten, abfinden lassen. Tatjana Pawlowna antwortete nicht einmal auf meine Fragen, ›das geht dich gar nichts an, übermorgen bringe ich dich in die Pension; mach' dich bereit, nimm deine Hefte, bring' deine Bücher in Ordnung, du könntest jetzt auch wirklich bald lernen deinen Koffer selber zu packen, bild' du dir nur nicht ein, daß du den Kavalier mit den gepflegten Händen spielen mußt, hoher Herr‹, und so und so, und dies und das, Sie haben mich in diesen drei Tagen schon recht freundlich auf den Trab gebracht, Tatjana Pawlowna! Und das Ende war, daß ich in die Pension zu Touchard kam, Andrej Petrowitsch, verliebt in Sie und unschuldig wie ich war. Und mag das alles auch als ganz dummer Zufall erscheinen, das heißt, meine Begegnung damals mit Ihnen, aber glauben Sie mir, ich wollte nachher, ein halbes Jahr später, von Touchard aus zu Ihnen entfliehen!«

»Das hast du sehr schön erzählt und mir alles so lebendig ins Gedächtnis zurückgerufen,« sagte Wersilow langsam, jede Silbe betonend, »aber was mir an deiner Erzählung besonders auffällt ist der Reichtum an allerlei merkwürdigen Einzelheiten, über meine Schulden zum Beispiel. Ich will gar nicht davon reden, daß das Eingehen auf diese Einzelheiten ein wenig taktlos ist, aber ich begreife nicht, woher du sie eigentlich hast?«

»Die Einzelheiten? Woher ich die habe? Ich wiederhole Ihnen, ich habe diese ganzen neun Jahre nichts weiter getan als Einzelheiten über Sie gesammelt.«

»Ein seltsames Geständnis und ein seltsamer Zeitvertreib!«

Er wendete sich um, nahm in seinem Sessel eine halb liegende Stellung an und gähnte sogar flüchtig, – ob mit Absicht oder nicht, das weiß ich nicht.

»Soll ich weiter erzählen, wie ich von Touchard zu Ihnen fliehen wollte?«

»Verbieten Sie's ihm, Andrej Petrowitsch, nehmen Sie ihn am Kragen und werfen Sie ihn hinaus«, grollte Tatjana Pawlowna.

»Es geht nicht, Tatjana Pawlowna,« antwortete Wersilow eindringlich, »Arkadij hat sich offenbar etwas vorgenommen! und so muß man ihn also unbedingt aussprechen lassen. Mag er doch! Er wird es erzählen, und dann ist er's los, Und für ihn ist es eben die Hauptsache, daß er's los wird! Fang deine neue Geschichte nur an, lieber Freund; das heißt, neu, das ist nur so ein Ausdruck von mir; sei unbesorgt, ich kenne ihr Ende.«

4

»Die Geschichte von meiner Flucht, das heißt, meinem Fluchtversuch, ist sehr einfach. Tatjana Pawlowna, wissen Sie noch, zwei Wochen nach meinem Eintritt schrieb Touchard einen Brief an Sie, – nicht? Aber mir hat Maria Iwanowna diesen Brief nachher gezeigt, er hatte sich auch in den Papieren des verstorbenen Andronikow gefunden. Touchard war es plötzlich aufgestoßen, daß er zu wenig Geld verlangt hätte, und er erklärte Ihnen in einem Briefe mit ›Würde‹, in seinem Institut würden Fürsten- und Senatorensöhne erzogen, und er fände, es ließe sich mit dem Rufe seines Instituts nicht vereinigen, einen Zögling von derartiger Abkunft darin zu haben, wenn man ihm dafür keine Zulage gäbe.«

»Mon cher, du dürftest . . .«

»Oh, unbesorgt, unbesorgt,« fiel ich Wersilow ins Wort, »ich will nur etwas von Touchard erzählen. Sie antworteten ihm schon von auswärts, Tatjana Pawlowna, nach vierzehn Tagen, und schlugen sein Ansuchen rundweg ab. Ich weiß noch, wie er mit ganz rotem Kopf in unser Klassenzimmer kam. Es war ein kleiner und sehr untersetzter Franzose, etwa fünfundvierzig Jahre alt, und tatsächlich aus Paris, wo er wohl Schuster gewesen war, aber er lebte schon seit unvordenklichen Zeiten in Moskau, wo er eine Staatsanstellung als französischer Lehrer hatte, er hatte sogar Titel und Würden, worauf er sehr stolz war, – ein ungeheuer ungebildeter Mensch. Wir waren sechs Zöglinge; wirklich war ein Neffe eines Moskauer Senators darunter, und wir lebten bei ihm alle wie in der Familie, mehr unter der Aufsicht seiner Frau, einer sehr manierlichen Dame, der Tochter eines russischen Beamten. Ich hatte mich in diesen zwei Wochen vor meinen Kameraden sehr wichtig gemacht, mit meinem blauen Jackett und meinem Papa Andrej Petrowitsch renommiert, und ihre Fragen, warum ich Dolgorukij hieße und nicht Wersilow, hatten mich durchaus nicht beunruhigt, eben weil ich selbst nicht wußte, warum.«

»Andrej Petrowitsch!« schrie Tatjana Pawlowna fast drohend. Meine Mutter dagegen hing an meinem Munde und wünschte sichtlich, daß ich weitererzählte.

»Ce Touchard . . . richtig, ich erinnere mich jetzt, er war so ein kleiner, zappeliger Kerl,« – sagte Wersilow gedehnt, »aber er wurde mir damals von bester Seite empfohlen . . .«

»Ce Touchard trat mit einem Briefe in der Hand ein, kam an unseren großen Eichentisch, an dem wir alle irgend etwas ochsten, packte mich kräftig an der Schulter, riß mich von meinem Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine Hefte zu nehmen.

›Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!‹ Mit diesen Worten deutete er nach einem winzigen Zimmerchen links vom Vorzimmer, in dem sich nur ein einfacher Tisch, ein Rohrstuhl und ein Wachstuchdiwan befanden, – genau so, wie jetzt da oben in meinem Kämmerchen. Ich ging erstaunt und ganz eingeschüchtert hinüber: ich war noch nie so grob angefaßt worden. Nach einer halben Stunde, als Touchard das Klassenzimmer verlassen hatte, begann ich zu meinen Kameraden hinüberzuschauen und mit ihnen zu lachen, sie lachten natürlich über mich, aber ich hatte keine Ahnung davon und dachte, wir lachten alle, weil wir lustig seien. Da kam auf einmal Touchard hereingestürzt, faßte mich beim Wickel und schleppte mich fort.

›Erlaub' dir nicht, zu anständigen Kindern hineinzugehen, du bist von schlechter Abkunft und nicht besser, als ein Bedienter.‹

Und er schlug mich auf meine volle, rote Backe, daß es ordentlich wehtat. Das gefiel ihm gleich sehr und er schlug mich zum zweiten- und zum drittenmal. Ich heulte los, ich war furchtbar verwundert. Eine ganze Stunde lang saß ich, die Hände vor dem Gesicht, und weinte und weinte. Es war etwas geschehen, was ich absolut nicht verstehen konnte. Ich begreife nicht, wie ein durchaus nicht bösartiger Mensch, wie Touchard, ein Ausländer, der sich noch dazu so über die Befreiung der russischen Bauern gefreut hatte, – wie so ein Mensch einen dummen kleinen Jungen wie mich schlagen könnte. Übrigens war ich nur erstaunt und nicht beleidigt; ich verstand noch nicht beleidigt zu sein. Ich dachte, ich müßte irgendeinen dummen Streich gemacht haben, wenn ich wieder brav sein würde, so würde mir schon verziehen werden und wir würden wieder alle zusammen lustig sein und auf den Hof gehen, um zu spielen und ein Leben führen, so nett wie möglich.«

»Lieber Freund, wenn ich davon nur etwas geahnt hätte . . .« sagte Wersilow gedehnt, mit dem lässigen Lächeln eines ermüdeten Menschen, »dieser Halunke von Touchard! Übrigens gebe ich die Hoffnung immer noch nicht auf, daß du alle deine Kraft zusammennimmst und uns das alles endlich verzeihst, und daß wir dann wieder ein Leben führen, so nett wie möglich.«

Er gähnte unverhohlen.

»Ich mache Ihnen ja gar keine Vorwürfe, durchaus nicht, und Sie können mir's glauben, ich klage auch Touchard nicht an!« schrie ich, ein wenig aus der Fassung gebracht. »Also, so geprügelt hat er mich etwa zwei Monate lang. Ich weiß noch, ich wollte ihn immer durch irgend etwas entwaffnen, ich stürzte mich auf ihn, um ihm die Hände zu küssen, und küßte sie auch, und weinte und weinte immer. Meine Mitschüler lachten mich aus und verachteten mich, weil Touchard mich zuweilen wie einen Dienstboten behandelte, so befahl er mir, ihm seine Kleider zu bringen, wenn er sich anzog. Dabei kam mir meine Bedientennatur instinktiv zugute: ich bemühte mich aus allen Kräften, mich dienstfertig zu erweisen, und war nicht im geringsten beleidigt, weil ich noch nichts von alledem verstand, und ich wundere mich bis zum heutigen Tage darüber, daß ich damals noch so dumm war und nicht begriff, daß ich etwas ganz anderes war, als alle anderen. Allerdings, meine Mitschüler haben mir auch damals schon vieles klargemacht, es war eine gute Schule. Schließlich kam es dahin, daß Touchard mich lieber von hinten mit dem Knie stieß, statt mir ins Gesicht zu schlagen, und als ein halbes Jahr herum war, war er sogar wieder manchmal sehr freundlich zu mir; nur nicht immer, einmal im Monat schlug er mich sicher, um mich daran zu erinnern, damit ich's nur nicht vergäße. Mit den anderen Kindern wurde ich auch bald wieder zusammengesetzt und durfte mit ihnen spielen, aber nicht ein einziges Mal in diesen dritthalb Jahren hat Touchard den Unterschied unserer sozialen Stellung vergessen, und er hat mich die ganze Zeit, nicht in übertriebenem Maße, aber doch immer zu allerhand Dienstleistungen gebraucht, ich glaube eben, damit ich's nicht vergäße.

Meine Flucht, das heißt mein Fluchtversuch, fand etwa fünf Monate nach diesen ersten zwei Monaten statt. Und ich bin überhaupt immer sehr schwer von Entschlüssen gewesen. Wenn ich mich in mein Bett legte und die Decke über mich zog, fing ich gleich von Ihnen zu träumen an, Andrej Petrowitsch, nur von Ihnen ganz allein; ich weiß wahrhaftig nicht, warum das so war. Selbst im Traum erschienen Sie mir. Hauptsächlich träumte mir voll Leidenschaft, Sie würden auf einmal eintreten, ich würde mich an Ihre Brust stürzen, und Sie würden mich mit fortnehmen, in jenes Kabinett, und wir würden wieder ins Theater fahren. Die Hauptsache war, daß wir uns nie trennen würden, das war die Hauptsache! Und wenn ich dann in der Frühe aufwachte, waren auf einmal wieder der Spott und die Verachtung der Mitschüler da; einer von ihnen gewöhnte sich einfach daran, mich zu prügeln und sich von mir die Stiefel anziehen zu lassen; er legte mir ganz häßliche Schimpfnamen bei, in denen er besonders bemüht war, mir das Geheimnis meiner Geburt zu erklären, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn dann endlich Touchard selbst auf der Bildfläche erschien, dann krampfte ein unerträgliches Gefühl mein Herz zusammen. Ich fühlte, daß mir hier nie verziehen werden würde, – oh, ich begann allmählich zu verstehen, was mir nicht verziehen werden würde und was eigentlich mein Verschulden war! Und so kam ich endlich auf die Idee, zu fliehen. Ich träumte zwei ganze Monate hindurch glühend davon, endlich faßte ich meinen Entschluß; es war im September. Ich wartete an einem Samstag, bis alle meine Mitschüler über Sonntag fortgefahren waren; unterdessen packte ich heimlich sorgsam die nötigsten Sachen in ein Bündelchen; an barem Geld besaß ich zwei Rubel. Ich wollte warten, bis es dunkel würde, dann schleiche ich mich die Treppe hinunter, dachte ich, stehle mich hinaus und gehe auf und davon. Wohin? Ich wußte, daß Andronikow schon nach Petersburg versetzt war, und beschloß, das Haus der Frau Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen; die Nacht laufe ich herum und sitze irgendwo, und am Morgen frage ich jemand dort auf dem Hofe: wo ist Andrej Petrowitsch jetzt, und wenn er nicht in Moskau ist, in welcher Stadt oder in welchem Lande wohnt er jetzt? Man wird es mir doch wohl sagen. Und dann gehe ich fort, und dann frage ich irgendwo anders jemand: bei welchem Tor muß ich hinausgehen, wenn ich in die und die Stadt will, und dann geh' ich hinaus und gehe immer weiter. Ich werde immer weitergehen, übernachten werde ich irgendwo im Busch, essen will ich nur trockenes Brot, und Brot kann ich für zwei Rubel auf sehr lange Zeit genug bekommen. Am Samstag gelang es mir aber absolut nicht zu entkommen; ich mußte bis zum nächsten Tage warten, bis zum Sonntag, und, wie absichtlich, fuhren auch Touchard und seine Frau am Sonntag für den ganzen Tag fort; im ganzen Hause blieben nur ich und die Köchin Agafja zurück. Ich wartete mit furchtbarer Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß am Fenster unseres großen Zimmers und schaute auf die staubige Straße hinaus, mit ihren hölzernen Häuschen und den wenigen Menschen, die vorübergingen. Touchard wohnte weit draußen in einer abgelegenen, öden Gegend, aus dem Fenster konnte ich einen Schlagbaum sehen: Ob es wohl da richtig ist? dämmerte es in mir. Die Sonne ging so rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den Staub auf, geradeso wie heute. Es wurde endlich ganz dunkel; ich trat vor das Heiligenbild und fing an zu beten, aber schnell – schnell, ich hatte Eile; ich nahm mein Bündelchen und schlich auf Zehenspitzen unsere knarrende Treppe hinunter, in einer schrecklichen Angst, daß mich am Ende Agafja aus ihrer Küche hören könnte. Der Schlüssel steckte, ich schloß auf, und auf einmal dehnte sich die dunkle, dunkle Nacht schwarz vor mir, wie eine unendliche, gefahrvolle Fremde, und der Wind riß mir sofort die Mütze vom Kopfe. Ich trat hinaus; auf dem anderen Trottoir erklang das heisere, betrunkene Gegröl eines Menschen, der fluchend seines Weges ging; ich stand eine Weile, schaute hinaus und drehte mich leise um, leise schlich ich nach oben, leise zog ich mich aus, versteckte mein Bündelchen und warf mich, mit dem Gesicht nach unten, hin, ohne Tränen und ohne Gedanken, und sehen Sie, von dieser Minute an hab' ich zu denken angefangen, Andrej Petrowitsch! Eben von dieser Minute an, als ich zum Bewußtsein kam, daß ich nicht nur ein Bedienter, sondern dazu noch ein Feigling war, – eben da begann meine wirkliche, regelrechte Entwicklung!«

»Und ich habe dich jetzt von dieser Minute an durch und durch erkannt, und für alle Zeit!« Damit sprang Tatjana Pawlowna plötzlich von ihrem Stuhle auf, so unerwartet, daß es mir ganz überraschend kam. »Du warst nicht nur damals ein Bedienter, du bist noch heute ein Bedienter; eine Bedientenseele bist du! Was hätte es damals Andrej Petrowitsch wohl gemacht, wenn er dich zu einem Schuster in die Lehre gegeben hätte? Es wäre sogar eine Wohltat von ihm gewesen, wenn er dich ein Handwerk hätte lernen lassen! Wer hätte von ihm mehr für dich verlangt oder gefordert? Dein Vater, Makar Iwanowitsch, hat ihn nicht etwa gebeten, sondern es beinahe von ihm gefordert, daß ihr, seine Kinder, in seinem Stande erzogen würdet. Aber nein, das ist nichts für dich, daß er dich hat das Gymnasium durchmachen lassen, und daß du, dank ihm, den privilegierten Ständen angehörst. Ei sieh mal, die Jungchen haben ihn ein bißchen aufgezogen, und da hat er geschworen, sich an der Menschheit zu rächen . . . Du Jammerlappen, du trauriger!«

Ich muß gestehen, ich war verblüfft über ihren Ausbruch. Ich stand eine Zeitlang, sah vor mich hin, und wußte nicht, was ich sagen sollte.

»Ja, wahrhaftig, Tatjana Pawlowna hat mir was Neues gesagt,« wendete ich mich schließlich mit fester Stimme an Wersilow, »ich bin wahrhaftig so sehr eine Bedientennatur, daß ich mich keinesfalls allein damit zufrieden geben kann, daß Herr Wersilow mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben hat; nicht einmal mein privilegierter Stand macht Eindruck auf mich, nein, gib mir den ganzen Wersilow, gib mir einen Vater . . . das hab' ich verlangt – also bin ich doch ein Bedienter, nicht wahr? Mama, es liegt mir schon seit acht Jahren schwer auf dem Gewissen, wie Sie damals allein zu Touchard gekommen sind, um mich zu besuchen, und wie ich Sie damals aufgenommen habe, aber hier ist nicht der Ort dazu, Tatjana Pawlowna wird mich nicht weitererzählen lassen. Morgen, Mama, sehen wir uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna! Nun, und was wäre, wenn ich wieder solche Bedientennatur wäre, daß ich nicht einmal das zugeben könnte, daß einer bei Lebzeiten seiner Frau noch eine zweite Frau zu heiraten das Recht hätte? Und das wäre Andrej Petrowitsch doch beinahe in Ems passiert! Mama, wenn Sie nicht bei einem Manne bleiben wollen, der morgen eine andere heiraten wird, so denken Sie daran, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen gelobt, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, denken Sie daran und kommen Sie zu mir, ich habe nur eine Bedingung: ›Er oder ich‹, – wollen Sie? Ich verlange die Antwort nicht gleich; ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann . . .«

Aber ich kam nicht zu Ende, hauptsächlich weil ich so furchtbar erregt war und den Faden verlor. Meine Mutter war ganz weiß geworden, und es hatte ihr gleichsam die Stimme verschlagen; sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach sehr laut und sehr viel, ich konnte nicht verstehen, was sie sagte. Ein paarmal stieß sie mich auch mit der Faust an die Schulter. Ich weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte wären »aufgeblasen und hohl, in einer kleinen Seele aufgepäppelt und mit dem Finger herausgeknabbert«. Wersilow saß unbeweglich und sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging nach oben in mein Zimmer. Der letzte Blick, der mich aus dem Zimmer begleitete, war der vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte streng den Kopf.

Siebentes Kapitel
1

Ich schildere alle diese Szenen, ohne mich selbst zu schonen, um mich an alles zu erinnern und meine Eindrücke wiederherzustellen. Als ich oben in meine Kammer kam, hatte ich keine Ahnung, ob ich mich nun schämen müßte oder triumphieren wie einer, der seine Pflicht erfüllt hat. Wäre ich nur ein bißchen erfahrener gewesen, so hätte ich mir wohl sagen müssen, daß jeder Zweifel in solchen Dingen nach der schlechteren Seite hinüberschlägt. Aber mich brachte ein anderer Umstand aus der Fassung: ich begreife nicht, warum ich froh war, aber ich war furchtbar froh, obgleich ich zweifelte und mir offen eingestand, daß ich da unten entgleist war. Sogar der Umstand, daß mich Tatjana Pawlowna so wütend beschimpft hatte – erschien mir nur lächerlich und amüsant, und machte mich durchaus nicht böse. Wahrscheinlich kam das alles daher, weil ich trotz alledem die Kette zerrissen hatte und mich zum erstenmal ganz in Freiheit fühlte.

Ich fühlte auch, daß ich meine Stellung verschlechtert hatte: es erschien mir jetzt noch viel dunkler, wie ich mich mit jenem Briefe wegen der Erbschaft zu verhalten hätte. Jetzt würde man ganz bestimmt annehmen, ich wollte mich an Wersilow rächen. Aber ich hatte schon unten den Entschluß gefaßt, die Sache mit dem Briefe der Entscheidung eines ganz unbeteiligten Dritten zu überlassen und mich, wie an einen Richter, an Wasin zu wenden, und wenn es mir mit Wasin nicht glückte, an jemand anders, ich wußte schon an wen. Einmal, nur dies einzige Mal, will ich zu Wasin gehen, dachte ich bei mir, und dann – dann werde ich für alle auf lange verschwinden, auf mehrere Monate, und für Wasin werde ich sogar ganz besonders spurlos verschwinden: nur meine Mutter und meine Schwester werde ich vielleicht manchmal sehen. Dies alles war nicht in der richtigen Ordnung; ich fühlte, daß ich irgend etwas getan hatte, aber nicht so, wie es hätte sein sollen, und – und ich war zufrieden; ich wiederhole es noch einmal, ich war trotz allem froh über irgend etwas.

Ich hatte mir vorgenommen, möglichst früh zu Bett zu gehen, denn ich wußte, daß ich am nächsten Tage viel herumzulaufen haben würde. Abgesehen davon, daß ich mir ein Zimmer mieten und umziehen mußte, hatte ich noch verschiedene Entschlüsse gefaßt, die ich, so oder so, gleich zur Ausführung bringen wollte. Aber dieser Abend sollte nicht ohne sonderbare Ereignisse zu Ende gehen, und Wersilow gelang es noch, mich in höchste Verwunderung zu versetzen. In meine Kammer war er tatsächlich noch niemals gekommen, und jetzt auf einmal, ich war noch keine Stunde oben, hörte ich seinen Schritt auf der Treppe: er rief mich, ich sollte ihm leuchten. Ich ging mit der Kerze hinaus und streckte ihm die Hand entgegen, die er ergriff, und half ihm herauf.

»Merci, teurer Freund, hier herauf bin ich noch nie geklettert, nicht einmal, als ich die Wohnung mietete. Ich hab' schon so eine Ahnung gehabt, daß das so was Ähnliches wäre, aber von einem solchen Hundeloch hab' ich mir doch nichts träumen lassen.« Er trat in die Mitte meines Kämmerchens und schaute sich neugierig um: »Das ist ja ein Sarg, ein richtiger Sarg!«

Wirklich hatte es was von dem Innern eines Sarges, mir fiel es sogar auf, wie richtig er das mit einem Worte auszudrücken wußte. Das Kämmerchen war lang und schmal; etwa in der Höhe meiner Schultern, nicht höher, bildeten die Wand und das Dach einen Winkel. Die Decke konnte ich mit der Hand erreichen. Wersilow hielt sich im ersten Augenblick unwillkürlich gebückt, als ob er Angst hätte, mit dem Kopf an die Decke zu stoßen, aber er stieß sich nicht und setzte sich endlich recht ruhig auf meinen Diwan, auf dem schon mein Nachtlager bereitet war. Ich blieb stehen und betrachtete ihn mit größter Verwunderung.

»Deine Mutter sagte mir, sie hätte nicht gewußt, ob sie das Geld von dir annehmen sollte, das du ihr vorhin als Bezahlung für Wohnung und Beköstigung angeboten hast. Wenn man diesen Sarg ansieht, finde ich, kann man's nicht nur nicht annehmen, sondern es käme bei einer Abrechnung noch etwas zu deinen Gunsten heraus! Ich bin nie hier heraufgekommen und . . . ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein Mensch hier wohnen kann.«

»Ich hab' mich dran gewöhnt. Aber woran ich mich noch gar nicht gewöhnen kann, ist, daß ich Sie hier bei mir sehe, nach allem, was unten passiert ist.«

»O ja, du warst da unten reichlich grob, aber . . . ich habe auch meine besonderen Zwecke, die ich dir noch erklären werde; übrigens finde ich gar nichts so Überraschendes darin, daß ich zu dir gekommen bin; selbst was da unten passiert ist – das liegt auch durchaus in der Ordnung der Dinge; aber erkläre mir um Christi willen eins: was du uns da unten erzählt hast und worauf du uns so feierlich vorbereitet und wozu du so einen Anlauf genommen hast, ist das denn wirklich alles, was du uns eröffnen oder mitteilen wolltest, und hattest du weiter nichts auf der Pfanne?«

»Es ist alles. Das heißt, nehmen wir an, es wäre alles.«

»Das ist ein bißchen wenig, lieber Freund; aufrichtig gestanden, wenn ich an deinen Anlauf denke, und wie du uns aufgefordert hast zu lachen, und wenn ich daran denke, was für einen brennenden Drang du hattest, zu erzählen, – ich habe was Größeres erwartet.«

»Ja, kann Ihnen das nicht ganz egal sein?«

»Ja, ich spreche eigentlich aus meinem Gefühl für das Maß heraus: das war den großen Lärm nicht wert, und das Maß war gewissermaßen zersprengt. Einen ganzen Monat schweigst du, sammelst du dich zum Schlage, und auf einmal – ist gar nichts.«

»Ich wollte noch viel erzählen, aber ich schäme mich schon, daß ich das erzählt habe. Es läßt sich nicht alles mit Worten erzählen, manches wird am besten nie erzählt. Ich habe ja auch genug gesagt, aber Sie haben mich ja doch nicht verstanden.«

»Ach, auch du leidest manchmal daran, daß dein Gedanke sich nicht in Worte fügen will! Das ist ein edles Leiden, lieber Freund, und wird nur Auserwählten zuteil: ein Schafskopf ist immer mit dem, zufrieden, was er gesagt hat, und außerdem sagt er immer mehr als nötig; solche Leute geben gern mehr, als sie haben.«

»Wie zum Beispiel ich vorhin da unten; ich habe auch mehr gesagt als nötig: ich habe ›den ganzen Wersilow‹ verlangt, das ist sehr viel mehr als nötig ist, ich brauche überhaupt keinen Wersilow.«

»Lieber Freund, ich sehe, du möchtest wieder einbringen, was du da unten verspielt hast. Du bereust augenscheinlich manches, denn bereuen heißt bei unsereins, sofort wieder über irgend jemand herfallen, und du willst doch auch nicht zum zweitenmal einen Fehlschuß nach mir tun. Ich bin zu früh gekommen, du hast dich noch nicht abgekühlt, und außerdem verträgst du keine Kritik. Aber setz' dich, bitte, ich bin gekommen, um dir etwas mitzuteilen; so, danke schön. Nach dem, was du unten, als du das Zimmer verließest, zu deiner Mutter gesagt hast, ist es nur zu klar, daß wir uns, in jedem Fall sogar, am besten trennen. Ich bin zu dir gekommen, um dich zu bitten, das möglichst sanft und ohne Skandal zu bewerkstelligen und deine Mutter nicht noch mehr zu betrüben und zu erschrecken. Schon, daß ich selbst zu dir hinaufging, hat sie sehr ermutigt; sie hat so eine Art von Glauben, daß wir uns vielleicht noch aussöhnen könnten, und daß dann vielleicht noch alles beim alten bliebe. Ich glaube, wenn wir beide, jetzt hier oben, ein paarmal recht laut lachen würden, wir könnten ihre schüchternen Herzen direkt in Entzücken versetzen. Mögen das auch nur schlichte Herzen sein, es sind doch liebende, wahrhaft und einfältig liebende Herzen, warum soll man ihnen nicht eine Freude machen, wenn man es kann? Das war also das eine. Und dann: müssen wir denn voll Rachedurst, mit knirschenden Zähnen und wilden Schwüren auseinandergehen? Darüber kann ja gar kein Zweifel bestehen, daß es nicht den geringsten Sinn hätte, wenn wir uns um den Hals fallen wollten, aber man kann sich doch trennen und sich dabei gegenseitig achten, nicht wahr?«

»Das ist alles Unsinn! Ich verspreche Ihnen, ich will ohne Skandal ausziehen – und damit genug. Also Sie sind als Anwalt meiner Mutter hier? Mir scheint es beinahe, als ob die Ruhe meiner Mutter hier gar keine Rolle spielte, und als ob Sie nur so redeten.«

»Du glaubst mir nicht?«

»Sie sprechen mit mir gerade so, als hätten Sie ein kleines Kind vor sich!«

»Lieber Freund, ich bin gern bereit, dich dafür tausendmal um Verzeihung zu bitten, weißt du, für alles, was du mir da aufrechnest, für alle deine Kindheitsjahre und so fort, aber, cher enfant, was kommt denn dabei heraus? Du bist klug genug, um dich nicht selbst in so eine dumme Situation hineinzuwünschen. Ich will gar nicht mal davon reden, daß ich bis zu diesem Moment den Charakter deiner Vorwürfe nicht recht verstehe: sag' mir doch wirklich, was du mir eigentlich vorwirfst? Daß du nicht als ein Wersilow geboren bist? Oder nicht? Bah! du lachst verächtlich und wehrst mit beiden Händen ab. Also doch wohl nicht?«

»O nein, das können Sie mir ruhig glauben. Sie können's mir ruhig glauben, ich würde es durchaus nicht für eine Ehre halten, Wersilow zu heißen.«

»Lassen wir die Ehre beiseite; außerdem mußte deine Antwort ja unbedingt demokratisch sein; aber wenn du der Ansicht bist, was machst du mir denn da zum Vorwurf?«

»Tatjana Pawlowna hat mir vorhin ja alles gesagt, was mir gesagt werden mußte und was ich nie begreifen konnte, bevor sie mir's gesagt hatte: Sie haben mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben, folglich muß ich Ihnen dankbar sein. Ich verstehe nicht, warum ich so undankbar bin, selbst jetzt noch, nachdem mir mein Standpunkt klargemacht ist. Ob nicht da am Ende Ihr stolzes Blut aus mir spricht, Andrej Petrowitsch!«

»Ich glaube kaum. Und außerdem wirst du zugeben müssen, daß alle deine Ausfälle da unten, statt auf mich zu fallen, wie du beabsichtigst hattest, nur sie tyrannisiert und gepeinigt haben. Und doch kommt es mir so vor, als wäre es nicht an dir, sie zu richten. Ja, und was für eine Schuld gegen dich trägt sie denn auch? Erkläre mir doch gleich noch eins, lieber Freund: warum und zu welchem Zweck hast du es eigentlich überall verbreitet, daß du unehelich gezeugt bist? Du hast es in der Schule erzählt und auf dem Gymnasium, dein ganzes Leben lang, ja sogar jedem beliebigen Menschen, der dir über den Weg lief, wie ich höre. Und das hast du mit einer ganz besonderen Liebhaberei getan, sagt man. Und dabei ist das alles Unsinn und eine häßliche Verleumdung; du bist ein legitimes Kind, ein Dolgorukij, der Sohn von Makar Iwanowitsch Dolgorukij, einem durchaus achtungswerten und an Verstand und Charakter ungewöhnlichen Menschen. Wenn du eine höhere Bildung empfangen hast, verdankst du das in der Tat deinem ehemaligen Herrn und Besitzer, Wersilow, aber was folgt denn daraus? Und was die Hauptsache ist: dadurch, daß du überall von deiner unehelichen Geburt erzählst, was an sich schon eine Verleumdung ist, verbreitest du das Geheimnis deiner Mutter und machst, aus einer Art von falschem Stolz, den ersten besten Dreckkerl, den du grade triffst, zum Richter über sie. Lieber Freund, ich finde das sehr wenig edel, um so mehr, als deine Mutter persönlich nicht der geringste Vorwurf trifft; sie ist der reinste Charakter, den es gibt, und wenn sie nicht Wersilowa heißt, liegt es nur daran, daß sie bis zum heutigen Tage noch mit ihrem ersten Mann verheiratet ist.«

»Schon gut, ich bin vollkommen einverstanden mit Ihnen, und ich traue Ihnen genug Klugheit zu, daß Sie mir keine gar zu langen Moralpredigten halten werden. Sie lieben das Maß so sehr; und da möchte ich Ihnen denn sagen, daß es ein Maß für alles gibt, selbst für Ihre plötzliche Liebe zu meiner Mutter. Wissen Sie, was gescheiter wäre: Sie haben sich nun einmal entschlossen, zu mir heraufzukommen und eine viertel oder halbe Stunde hier zu sitzen (weshalb, weiß ich eigentlich immer noch nicht, aber nehmen wir einmal an, es wäre, um meine Mutter zu beruhigen) – und außerdem unterhalten Sie sich, trotz allem, was unten geschehen ist, mit einem solchen Behagen mit mir, – nun, dann erzählen Sie mir lieber von meinem Vater – eben von diesem Makar Iwanow, dem Pilger. Eben aus Ihrem Munde möchte ich gern von ihm hören; ich wollte Sie schon lange danach fragen. Da wir uns nun trennen werden, und vielleicht für lange, so hätte ich auch noch auf eine andere Frage gern eine Antwort von Ihnen: haben Sie in diesen ganzen zwanzig Jahren denn nicht so weit auf die Vorurteile meiner Mutter und jetzt auch die meiner Schwester einwirken können, daß es Ihnen gelungen wäre, durch Ihren veredelnden Einfluß die ursprüngliche Finsternis des Standes zu zerstreuen, aus dem sie hervorgegangen ist? Oh, ich spreche nicht von ihrer Reinheit! Sie hat so schon moralisch immer unendlich viel höher gestanden als Sie, entschuldigen Sie bitte, aber . . . sie ist eben nur eine unendlich viel höher stehende Leiche. Leben tut nur der Herr Wersilow, und alles andere rund um ihn herum vegetiert nur so unter der zwingenden Bedingung, daß es die Ehre hat, ihn mit seinen Kräften, mit seinen lebendigen Säften zu ernähren. Aber auch sie war doch einmal lebendig? In irgend etwas an ihr haben Sie sich doch verliebt? Auch sie ist doch einmal ein Weib gewesen?«

»Lieber Freund, wenn du willst, war sie das nie«, antwortete er mir und fiel im selben Augenblick wieder in seinen früheren Ton mit mir, an den ich mich noch so gut erinnerte und der mich so in Wut bringen konnte; das heißt, er war scheinbar aufrichtigste Herzenseinfalt, aber wenn man näher zusah, sah man nur kältesten Spott, so daß es manchmal unmöglich war, aus seinem Gesicht klug zu werden. Er fuhr fort: »Vielleicht war sie das nie! Die russische Frau – ist überhaupt nie ein richtiges Weib.«

»Aber die Polin, die Französin oder die Italienerin? Die feurige Italienerin, die ist imstande, einen gebildeten Russen aus den höheren Ständen, einen Wersilow zum Beispiel, zu fesseln?«

»Nun, hätte ich ahnen können, hier einen Slawophilen zu treffen?« lachte Wersilow.

Ich habe seine Erzählung Wort für Wort behalten; er begann sogar mit großem Behagen und sichtlicher Freude am Sprechen. Mir war es sehr wohl klar, daß er nicht nur so auf ein Plauderstündchen zu mir gekommen wäre, und erst recht nicht, um nur meine Mutter zu beruhigen, sondern daß er wahrscheinlich ganz andere Zwecke dabei im Auge hatte.

2

»Wir, deine Mutter und ich, haben diese ganzen zwanzig Jahre schweigend nebeneinander hergelebt,« begann er sein Geschwätz (im höchsten Grade gemacht und unnatürlich), »und alles, was zwischen uns geschehen ist, ist ebenso schweigend geschehen. Der Grundcharakter unseres ganzen zwanzigjährigen Zusammenlebens war die Schweigsamkeit. Ich glaube, wir haben uns sogar nicht ein einziges Mal gestritten. Es ist wohl wahr, ich bin oft fortgegangen und habe sie allein gelassen, aber das Ende war, daß ich immer wieder zu ihr zurückkehrte. Nous revenons toujours . . . und das ist überhaupt eine fundamentale Eigenschaft von uns Männern; das ist eine Art Großmut von uns. Wenn die ehelichen Angelegenheiten von den Frauen allein abhingen – nicht eine einzige Ehe würde Bestand haben. Demut, Furcht vor eigener Verantwortung, Ergebenheit und zu gleicher Zeit Festigkeit, Kraft, wirkliche Kraft, da hast du den Charakter deiner Mutter. Ich kann dir sagen, sie ist die beste von allen Frauen, die mir auf Erden begegnet sind. Und daß sie Kraft besitzt, kann ich dir bezeugen: ich habe gesehen, wie diese Kraft sie genährt hat. Wo es sich um . . . ich will nicht sagen, Überzeugungen handelt – denn von eigentlichen Überzeugungen kann da ja keine Rede sein – wo es sich darum handelt, was Frauen für ihre Überzeugung halten und, sagen wir, was in ihren Augen geheiligt erscheint, da kannst du sie nicht beugen, und wenn du sie auf die Folter spannst. Nun, und das kannst du dir ja selbst sagen; seh' ich aus wie ein Folterknecht? Deswegen hab' ich es vorgezogen, fast zu allem zu schweigen, nicht etwa nur, weil das das bequemste war; und ich muß gestehen, ich bereue mein Verhalten nicht. Auf diese Weise regelte sich alles ganz von selber in einer breiten und humanen Art, so daß ich mir selbst gar nichts darauf einbilden kann. Übrigens möchte ich hier gleich in Parenthese bemerken, daß ich so eine Ahnung habe, sie könnte am Ende nie an meine Humanität geglaubt und deshalb immer vor mir gezittert haben; aber trotz dieses Zitterns hat sie sich doch nie irgendeiner Art von Kultur unterworfen. Sie verstehen das eben, und wir begreifen da irgend etwas nicht, und überhaupt verstehen sie es besser als wir, mit ihren Sachen fertig zu werden. Sie können in den Lagen, die ihnen am wenigsten naturgemäß sind, ganz auf ihre Art weiterleben, und in den fremdesten Verhältnissen ganz sie selbst bleiben. Wir verstehen das nicht so.«

»Wer: sie? Ich verstehe Sie nicht ganz.«

»Das Volk, lieber Freund, ich spreche vom Volke. Es hat diese große, lebendige Kraft und seine historische Dauerbarkeit auf moralischem wie auf politischem Gebiete erwiesen. Aber, um wieder zu unserem speziellen Fall zu kommen, möchte ich dir von deiner Mutter noch sagen, daß sie auch nicht immer schweigt; deine Mutter sagt zuweilen auch ihre Meinung, aber sie sagt sie so, daß du auf den ersten Blick siehst, du hast mit allem deinem Reden nur Zeit verloren, und magst du sie fünf Jahre lang ganz allmählich vorbereitet haben. Und dann hatte sie die überraschendsten Widerreden. Ich sage dir noch einmal, ich nenne sie durchaus nicht dumm, sie ist in ihrer Art klug, und sogar auffallend klug; übrigens, das mit der Klugheit wirst du mir vielleicht nicht glauben wollen . . .«

»Warum denn nicht? Ich glaube nur nicht, daß Sie selber an ihre Klugheit glauben, aufrichtig und ohne Verstellung.«

»So? Du hältst mich also für so ein Chamäleon? Lieber Freund, ich erlaube dir ein bißchen sehr viel . . . wie einem verwöhnten Sohne . . . aber mag es für dies eine Mal denn so bleiben.«

»Sagen Sie mir, wenn Sie können, die Wahrheit über meinen Vater.«

»Über Makar Iwanowitsch? Makar Iwanowitsch ist, wie du schon weißt, ein ehemaliger Leibeigener, der sozusagen von einer gewissen Ruhmbegier beseelt ist . . .«

»Ich möchte wetten, daß Sie ihn in diesem Augenblick um irgend etwas beneiden!«

»Ganz im Gegenteil, lieber Freund, wirklich ganz im Gegenteil; und wenn du willst, bin ich sehr froh, daß ich dich jetzt hier in einer so spitzfindig grüblerischen Geistesverfassung vor mir sehe; mein heiliges Ehrenwort, ich bin gerade jetzt in einer höchst reuigen Stimmung, und stehe gerade in diesem Augenblick, vielleicht zum tausendsten Mal in meinem Leben, in machtlosem Bedauern vor dem, was vor zwanzig Jahren geschehen ist. Übrigens ist das alles damals, Gott sei mein Zeuge, höchst unverhofft gekommen . . . nun, und dann nachher . . . habe ich die Sache so human angefaßt, wie ich konnte; wenigstens nach meinen damaligen Begriffen von Humanität. Oh, wir kochten damals alle vor Eifer, Gutes zu tun, dem Gemeinwohl zu dienen, einer höheren Idee; wir verachteten Ämter und Würden, die Vorrechte unserer Geburt, unseren Besitz und sogar die Kreditanstalten, wenigstens einige unter uns . . . Mein Ehrenwort darauf. Es waren unser nicht viele, aber wir sprachen gut, und, du kannst es mir glauben, handelten manchmal sogar gut.«

»Das war damals, als Sie an seinem Halse weinten?«

»Lieber Freund, ich bin im voraus mit allem einverstanden, was du sagen willst; übrigens das mit dem Weinen hast du von mir selber gehört, und mißbrauchst also in diesem Moment meine Aufrichtigkeit und mein Zutrauen; aber du wirst wohl selbst zugeben, daß diese Sache mit dem Weinen nicht ganz so dumm war, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag, besonders wenn man die damalige Zeit in Anrechnung bringt; wir fingen damals ja eben erst an. Natürlich war das Pose von mir, aber ich wußte doch damals nicht, daß es Pose war. Kommt es zum Beispiel bei dir nie vor, daß du in praktischen Fällen posierst?«

»Ich habe mich jetzt eben unten etwas gar zu sehr von meinem Gefühl hinreißen lassen, und es war mir, als ich wieder hier oben war, ein äußerst peinlicher Gedanke, daß Sie glauben könnten, es wäre Pose von mir gewesen. Es ist ja richtig, manchmal kann man noch so aufrichtig empfinden, man verstellt sich doch; aber das vorhin war alles natürlich, das kann ich beschwören.«

»Das ist es ja eben; du hast es sehr glücklich mit einem Worte definiert: ›man kann noch so aufrichtig empfinden, man verstellt sich doch‹; nun, und ganz dieselbe Geschichte war es damals mit mir: wenn ich mich auch verstellte, ich heulte doch vollkommen aufrichtig. Ich bestreite gar nicht, daß Makar Iwanowitsch diese Tränen als einen noch blutigeren Hohn hätte auffassen können, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre, aber seine Biederkeit stand seinem Scharfblick damals im Lichte. Ich weiß nur nicht, ob ich ihm damals leid tat oder nicht; ich weiß nur noch, daß ich ihm sehr gern leid getan hätte.«

»Wissen Sie was,« unterbrach ich ihn, »auch jetzt noch, wo Sie mir dies erzählen, spotten Sie heimlich darüber. Und überhaupt haben Sie die ganze Zeit über, wenn Sie mit mir gesprochen haben, diesen ganzen Monat hindurch, immer heimlich gespottet. Warum haben Sie das immer getan, wenn Sie mit mir sprachen?«

»Glaubst du?« erwiderte er sanft. »Du bist sehr mißtrauisch; übrigens, wenn ich spotte, so bist du nicht der Gegenstand meines Spottes, oder wenigstens nicht du allein, sei ganz ruhig. Aber ich spotte jetzt gar nicht, und damals – kurz und gut, ich hab' damals alles getan, was ich konnte, und durchaus nicht zu meinem Vorteil gehandelt, das kannst du mir glauben. Wir, die höher gebildeten Menschen, im Gegensatz zum Volke, verstanden es damals überhaupt nicht, zu unserem Vorteil zu handeln; ganz im Gegenteil, wir schadeten uns selber soviel wie möglich, und ich habe so eine Ahnung, daß wir das damals für eine Art von ›höherem Vorteil für uns‹ hielten, selbstverständlich im höheren Sinne. Die gebildeten jungen Leute aus der heutigen Generation sind viel mehr auf ihren Nutzen bedacht. Ich habe damals, noch bevor die Sünde begangen war, Makar Iwanowitsch alles mit der größten Offenheit erklärt. Heute bin ich ja auch der Ansicht, daß ich vieles davon durchaus nicht hätte zu sagen brauchen, namentlich nicht so offen und grade heraus: wir wollen gar nicht von der Humanität reden, es wäre sogar taktvoller gewesen; aber probier's mal und halte an dich, wenn du so recht im Tanzen bist und grade einen recht schönen Pas machen willst! Ach, vielleicht sind die Forderungen, die das Schöne und Gute an uns stellt, wirklich so beschaffen, ich hab' mein Leben lang zu keinem Schluß darüber kommen können. Übrigens, das ist ein zu tiefes Thema für unsere oberflächliche Unterhaltung, aber ich kann dir schwören, daß ich mich jetzt noch manchmal zum Sterben schäme, wenn ich daran zurückdenke. Ich bot ihm damals dreitausend Rubel an und weiß noch, daß er die ganze Zeit schwieg und ich ganz allein redete. Stell' dir vor, ich hatte den Eindruck, daß er sich vor mir fürchtete, das heißt, vor meinem Herrenrecht, und ich weiß noch, daß ich mir alle Mühe gab, ihm Mut zu machen; ich redete ihm zu, er sollte ohne Furcht vor irgend etwas alle seine Wünsche aussprechen und auch mit seiner Kritik durchaus nicht zurückhalten. Als Garantie gab ich ihm mein Wort, für den Fall, daß er nicht auf meine Bedingungen eingehen wollte, das heißt: dreitausend Rubel, Entlassung aus der Leibeigenschaft (für ihn und seine Frau selbstverständlich), und die Freiheit, zu ziehen, wohin er wollte (ohne Frau selbstverständlich) – falls er also darauf nicht einginge, würde ich ihm dennoch sofort den Freibrief geben, seine Frau zu ihm zurückschicken, ihnen beiden eine Entschädigung zahlen, auch wieder dreitausend Rubel, glaub' ich, und dann brauchten sie auch nicht fortzugehen, sondern ich würde auf drei Jahre nach Italien reisen, mutterseelenallein. Mon ami, ich hätte wahrhaftig kein Fräulein Saposhkowa nach Italien mitgenommen: ich war sehr rein in jenen Augenblicken. Und was geschah? Diesem Makar war es vollkommen klar, daß ich erfüllen würde, was ich ihm versprochen hatte; aber er sagte noch immer nichts, und erst als ich schon zum drittenmal anfing, in ihn zu dringen, wich er zurück, machte eine abwehrende Handbewegung und verließ dann das Zimmer, ich muß sogar sagen mit einer Formlosigkeit, die mich damals direkt in Verwunderung setzte. Ich sah mich gleich darauf im Vorbeigehen flüchtig im Spiegel und kann das nicht vergessen. Überhaupt, wenn solche Leute nichts sagen – das ist das schlimmste, und dies war ein finsterer Charakter, und ich gestehe ganz offen, als ich ihn in mein Kabinett rufen ließ, traute ich ihm nicht nur nicht, sondern hatte sogar furchtbare Angst: in diesem Milieu gibt es Charaktere und sehr viele, die sozusagen Personifikationen der Unanständigkeit darstellen, und vor so was fürchtet man sich natürlich mehr als vor Schlägen. Sic! Und was für Ungelegenheiten ich mich aussetzte, was alles passieren konnte! Wenn er das nun über den ganzen Hof geschrien, gebrüllt hätte, dieser ländliche Uria – ja, was hätte ich dann gemacht, so ein kleiner David wie ich war, und was hätte ich dann machen können? Deshalb hatte ich auch zuerst das von den dreitausend Rubeln gesagt, ganz instinktiv, aber ich hatte mich zum Glück getäuscht: dieser Makar Iwanowitsch war ganz etwas anderes . . .«

»Sagen Sie, war die Sünde schon geschehen? Sie sagten eben, Sie hätten ihn rufen lassen, bevor die Sünde begangen war?«

»Das heißt, siehst du, das ist so zu verstehen . . .«

»Also, es war geschehen! Sie sagten eben, Sie hätten sich in ihm getäuscht gehabt, er wäre etwas ganz anderes gewesen; was anderes, was heißt das?«

»Ja, was er eigentlich war, weiß ich bis zum heutigen Tage noch nicht. Aber er war etwas anderes, und weißt du, er war sogar höchst anständig; ich schließe das daraus, daß mein Gewissen sich nachher dreimal so belastet fühlte als vorher. Am nächsten Tage willigte er ein, fortzugehen, ohne viel Worte, und selbstverständlich ohne eine einzige der von mir versprochenen Entschädigungen zu vergessen.«

»Er nahm das Geld?«

»Ob er's nahm! Und weißt du, lieber Freund, in dem Punkte hat er mich sogar äußerst verblüfft. Dreitausend Rubel hatte ich damals natürlich nicht in der Tasche, aber ich brachte siebenhundert zusammen und gab sie ihm fürs erste; und was tat er? Er verlangte von mir einen Schuldschein über den Rest von zweitausenddreihundert Rubeln, der Sicherheit halber, mit der Bürgschaft eines Kaufmanns. Und dann nach zwei Jahren trieb er diese Summe auf Grund des Schuldscheins mit Zinsen gerichtlich ein, was mich wiederum höchlichst wunderte, zumal er damals buchstäblich herumzog und Geld für Kirchenbauten sammelte, und diese ganzen zwanzig Jahre seit der Zeit ist er doch Pilger geblieben. Ich begreife nicht, wozu ein Pilger so viel eigenes Geld braucht. Geld, das ist doch so eine weltliche Sache . . . Ich hatte ihm die Summe damals natürlich ganz aufrichtig angeboten, sozusagen in der ersten Hitze, aber nachher, als so viel Zeit vergangen war, hatte ich natürlich ruhiger darüber nachgedacht . . . und ich hatte darauf gerechnet, er würde wenigstens Nachsicht mit mir haben . . . oder, sozusagen, Nachsicht mit uns, mit mir und ihr, er würde doch wenigstens Geduld haben und warten können. Aber nicht einmal warten wollte er . . .«

(Ich muß hier ein notwendiges Notabene einschalten: wenn der Fall eingetreten wäre, daß meine Mutter Herrn Wersilow überlebt hätte, so wäre sie in ihrem Alter buchstäblich ohne einen Groschen zurückgeblieben, wenn nicht diese dreitausend Rubel von Makar Iwanowitsch gewesen wären, die sich durch die Zinsen längst verdoppelt hatten, und die er ihr vollkommen unberührt, bis zum letzten Rubel, im vorigen Jahre, testamentarisch vermacht hat. So früh schon hatte er meinen Wersilow erkannt und seine Zukunft vorausgeahnt.)

»Sie sagten mir einmal, Makar Iwanowitsch wäre öfters zu Ihnen zu Besuch gekommen und dann immer in Mamas Wohnung abgestiegen?«

»Jawohl, lieber Freund, und ich muß dir offen gestehen, anfangs hatte ich große Angst vor diesen Besuchen. In dieser ganzen Zeit, den zwanzig Jahren, ist er im ganzen sechs- oder siebenmal dagewesen, und die ersten Male ging ich ihm aus dem Wege, wenn ich gerade zu Hause war. Ich konnte anfangs überhaupt nicht verstehen, was das bedeuten sollte und weshalb er eigentlich kam. Aber nachher, als ich mir die Sache nach verschiedenen Seiten überlegt hatte, schien es mir durchaus nicht mehr so dumm von ihm zu sein. Und später einmal erfaßte mich eine gewisse Neugier, und ich kam heraus, um ihn mir mal anzusehen und bekam einen sehr originellen Eindruck von ihm, kannst du mir glauben. Das war erst bei seinem dritten oder vierten Besuch, in jener Epoche, als ich Friedensrichter geworden war und deshalb selbstverständlich aus allen Kräften bemüht war, Rußland und die Russen recht gründlich kennenzulernen. Ich habe von ihm tatsächlich außerordentlich viel Neues gehört. Außerdem fand ich in ihm einen Menschen, wie ich ihn nicht im entferntesten zu finden erwartet hatte: einen Menschen von großer Herzensgüte, von gleichmäßigem Charakter und, was mich am meisten in Erstaunen setzte, ein beinahe fröhliches Gemüt. Nicht die kleinste Anspielung auf die Geschichte (tu comprends?) und im höchsten Grade die Gabe, vernünftig und sachlich zu sprechen, und dabei sprach er ausgezeichnet, das heißt, ohne jenen üblichen bäuerischen Tiefsinn, den ich, das muß ich trotz aller meiner demokratischen Gesinnung bekennen, in den Tod nicht leiden kann, und ohne jene gewaltsamen Russizismen, deren in unseren Romanen und auf dem Theater sich die ›richtigen Russen‹ zu bedienen pflegen. Und dabei sprach er sehr wenig von der Religion, wenn man nicht selbst davon anfing, und wußte in ihrer Art wirklich sehr nette Geschichten aus den Klöstern und dem Klosterleben zu erzählen, wenn man etwas davon wissen wollte. Und was die Hauptsache war – seine Ehrerbietigkeit, diese bescheidene Ehrerbietigkeit, eben jene Ehrerbietigkeit, ohne die es eine Gleichheit im höheren Sinne gar nicht geben kann, ja mehr noch, ohne die nach meiner Meinung ein Mensch auch gar keine Überlegenheit über andere erlangen kann. Eben wo jede Spur von Eigendünkel fehlt, erscheint die höchste Vornehmheit, und man sieht einen Menschen vor sich, der sich selbst ohne jeden Zweifel achtet und eben in seiner Stellung, mag sie sein, welche sie will, und mag das Schicksal ihn gestellt haben, wohin es will. Diese Fähigkeit, sich selbst eben in seiner Stellung zu achten, ist außerordentlich selten auf Erden zu finden, wenigstens ebenso selten, wie die aufrichtige Selbstachtung . . . Das wirst du selber auch noch sehen, wenn du länger lebst. Aber mehr als alles ist mir aufgefallen, und zwar auch erst später, anfangs nicht,« fügte Wersilow hinzu, »wie auffallend wohlgestaltet dieser Makar war und wie auffallend hübsch, kann ich dir versichern. Er war ja alt, aber

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