Kitabı oku: «Soviel man weiß», sayfa 3
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Der linke Backenzahn hat Marek den Schlaf gekostet. Das Seltsame war: Ließen die Zahnschmerzen einen Moment nach, überkam ihn das Gefühl, als wäre der Schmerz eine willkommene Abwechslung gewesen. Zahnweh war ein triftiger Grund, wachzuliegen, viel besser als die ewigen Gedanken an Bea und die Nacht, die er neben ihr verbracht hatte. Die Nacht der vertanen Chance.
Beim dritten Anruf hebt die Sprechstundenhilfe endlich ab, keine fünf Minuten später sitzt er im Taxi – für öffentliche Verkehrsmittel fehlt ihm definitiv die Ruhe.
Wenn er gewusst hätte, was ihn erwartet, hätte er sich aber für die U-Bahn entschieden. Der junge Ägypter hinter dem Steuer erzählt ihm, dass seine Frau im letzten Schwangerschaftsmonat mit ihrem zweiten Kind ist. Dass sein erstes bald in die Schule kommt und sich schon sehr geschickt im Schreiben und Rechnen anstellt. Und dass es überhaupt das Schönste auf der Welt ist, Kinder in ebendiese zu setzen.
Marek wird später zwei neue Punkte in seine Pet Hates-Liste aufnehmen:
68 Werdende Väter und ihr penetranter Vaterstolz
69 Taxifahrer bzw. Menschen im Allgemeinen, die auch dann weiterreden, wenn der Gesprächspartner ostentativ schweigt.
Momentan kann Marek aber nur an seinen linken Backenzahn denken. Irgendwie schafft er es, sich in der Ordination anzumelden, irgendwann findet er sich auf dem Behandlungsstuhl wieder. Gerade, als das Zahnweh ein wenig nachlässt und er sogar in der Lage ist, das strahlend weiße Zimmer und die Kopie des Miró-Bildes an der Wand zu begutachten, betritt die Zahnärztin den Raum. Als wäre es sein zweiter Familienname, hängt er dem Marek Kostka ein So wenig Schmerz wie möglich an.
In jahrelanger Routine über ihre Brillenränder blickend, betäubt die Ärztin die linke hintere Kieferregion und macht sich nach flüchtigem Studium der Röntgenaufnahmen in Mareks Mund zu schaffen. Marek Kostka So-wenig-Schmerz-wie-möglich ist ein seltener Gast in dieser fachärztlichen Einrichtung, er kommt eigentlich nur, wenn ihn akuter Schmerz überfällt. Die Ärztin erkundigt sich bei jedem Besuch wieder nach den Eckdaten in seinem Lebenslauf: Beruf oder Studium? Österreich oder Tschechien? Auf der Suche oder auf der Flucht?
Jedes Mal begleitet das gleiche süffisante Lächeln die gleichen Fragen. Ist es ein raffinierter Sadismus, dass die Ärztin ihre einseitige Konversation erst beginnt, sobald ihr Werkzeug sich in der Mundhöhle des Patienten zu schaffen macht? Marek weiß es nicht.
Das Bohren klingt, als würden die Autos, die draußen an der Ampel losfahren, durch seinen Kopf brettern. Dazu der säuerlich-beißende Geruch in seiner Nase.
Marek versucht, sich vom grellen Ton des Bohrers abzulenken. Die Jalousien, die leicht vibrieren. Die Ärztin sagt irgendetwas mit Amalgamplomben. Die Augen der Assistentin. Groß und hellblau.
Kaum ist der Schmerz weg, ist Bea wieder da. Er könnte schwören, diese Augen gehören ihr. Warum nicht, sie hat ihm nicht gesagt, was sie beruflich macht. Marek versucht, mit Blicken Erkennen auszudrücken. Doch bleibt die Assistentin auf ihre Aufgabe konzentriert und stumm hinter ihrem Mundschutz. Er merkt, wie sich langsam ein See aus Spucke in seinem Rachen sammelt und das Bedürfnis zu schlucken ihn überkommt. Müsste das nicht von der Assistentin abgesaugt werden? Ist sie vielleicht gar nicht so konzentriert bei der Arbeit?
Ihm ist, als würde sein Speichel durch den ganzen Raum sprühen. Die beiden Frauen bemerken professionell nichts davon. Ein wenig schämt er sich aber für den Zustand seines Gebisses. Wie offen es daliegt, wie es die beiden Frauen (Bea!) aus aller Nähe inspizieren. Eigentlich ein sehr ekelhafter Beruf.
Es war doch nicht Bea. Marek setzt sich auf eine Eckbank, von der aus er das Kaffeehaus überblickt. Er bestellt ein Glas Rotwein, nach so einem Vormittag kann er einen Schluck gebrauchen.
Auf eine Werbepostkarte, die er vom Zeitungstisch mitgenommen hat, notiert er in Stichworten die Nummern 68 und 69 und fügt an: 70 geschwätzige Zahnärztinnen. Zu Hause wird er seine Liste mit den drei Punkten vervollständigen.
Mareks Zeigefinger berührt seine taube Gesichtshälfte, während er lustlos eine Tageszeitung durchblättert. Von den Nachbartischen nichts als belanglose Gespräche.
Der Rotwein riecht nach alten Erdbeeren, feuchter Erde und, Marek kann sich nicht helfen: einem Hauch von Autolack. Er nimmt einen Schluck und bemerkt ein loses Körnchen, das beim Plombieren übriggeblieben ist. Mit dem Zeigefinger holt er es aus dem Mund. Marek legt das Stück auf den Tisch.
Er trinkt einen weiteren Schluck und sieht sich um. Eine Frau, die ihn an Bea erinnert, läuft ihm aber erst wieder draußen über den Weg.
Vor einiger Zeit hat Marek auf der Homepage der Stadt Informationen zum Gebäude Quellenstraße 63 gesucht. Unter der Adresse seines Elternhauses oder des Hauses seiner ehemaligen WG hatte er Fotos, Abbildungen der Fassade oder Grundrisse gefunden. Zur Quellenstraße 63 lautete die einzige Angabe, das Gebäude sei zwischen 1919 und 1945 errichtet worden.
Während er über die vor hundert oder achtzig Jahren eleganten, jetzt nur noch verdreckten oder gar gebrochenen Bodenfliesen mit Blumenornamenten läuft, am schmiedeeisernen Abschluss des Geländers vorbei die abgelatschten Stufen hochsteigt, den Handlauf meidend, weil er befürchtet, sich einen Splitter einzuziehen, während sein Blick die abgeschabten Wände entlangstreift (wobei er zum x-ten Mal denkt, hier muss sich eine Zeitlang ein Alkoholiker rauf- und runtergeschliffen haben), überkommt ihn das gleiche Gefühl wie an jenem Tag, als er auf der städtischen Homepage Bauperiode 1919–1945 gelesen hat: Dieses Haus bedeutet niemandem etwas. Weder interessiert es irgendjemanden, wann es gebaut wurde, noch wer in all den Jahren hier gewohnt hat. Und genauso wenig, wie in all den Jahren hier gelebt wurde.
Während Marek aufsperrt, hört er, wie hinter ihm die Tür zur Nachbarwohnung aufgeht. Mirjam, die sich, weshalb auch immer, manchmal Mjam nennen lässt.
Hey. Was geht?
Ich war beim Zahnarzt.
Marek seufzt, was ihr verraten soll, dass er einiges hinter sich hat, und Mirjam fragt, ob er auf einen Schluck rüberkommen mag, ihr sei gerade fad.
Er hat keine besondere Lust, da sie jedes Mal eher aneinander vorbei als miteinander reden. Aber was soll’s, er hat nichts Besseres zu tun, also folgt er ihr ins Wohnzimmer.
Mirjam holt eine Flasche Wein aus der Küche, Marek schaut sich das Plakat an, das ihm gegenüber an der Wand hängt: Solifest für die Punxtage von vor fünf Jahren. Von den Bandnamen gefällt ihm am besten Kosmik Kompliz, amüsant findet er Speibsackerl. Sie könnten in seine Liste der Skurrilen Bandnamen passen, irgendwo zwischen The Bambi Molesters, Jehovas Waitresses und Hitler’s Missing Testicle.
War gar nicht so billig, der Wein, müsste schmecken, sagt Mirjam, als sie einschenkt.
Wir brauchen also kein Speibsackerl, sagt Marek und nickt Richtung Plakat.
Sie setzt sich neben ihn auf die Couch. So nahe ist er ihr noch nie gekommen. Stimmt schon, denkt er sich: Nicht jeder profitiert von einer verschwendeten Jugend.
Als ob er es laut ausgesprochen hätte, sagt sie: Ich bin gerade vierzig geworden.
Wow, gratuliere! Heute?
Nö, schon ein paar Tage her. Du bist aber einer der Ersten, dem ich’s verrate.
Sie zwinkert ihm zu und hebt das Glas.
Vierzig! Stell dir vor.
In seiner Wohnung holt Marek das Notizbuch aus dem Regal, um die Pet Hates-Liste zu ergänzen. Er sieht sich das letzte eingetragene Lieblings-Ärgernis an:
67 Menschen, die einen Viertelmarathon gerannt sind und ihre Mitmenschen von der kathartischen Funktion des Laufens überzeugen wollen
Der Eintrag ist drei Wochen alt, er hat ihn am Tag nach der Party angefügt. Marek bemerkt, dass er seitdem keine seiner Listen auch nur angesehen hat: weder Bizarre Wolkenformationen noch Namen von Friseursalons. Haben ihm die Listen lange das Gefühl gegeben, das Leben ein wenig besser zu verstehen und dadurch erträglich zu machen, haben sie jetzt ihre Bedeutung verloren.
Die Pet Hates-Liste ist die bei weitem elaborierteste, ihr hat er die meiste Aufmerksamkeit geschenkt. Aber auch hier ist drei Wochen lang nichts hinzugekommen. Das liegt sicher nicht daran, dass er seit der Party alles wunderbar findet. Eher daran, dass er kein so intensives Gefühl wie Hass aufbringen kann, weil ihn stattdessen eine Art Taubheit beherrscht.
Menschen, die einen Viertelmarathon gerannt sind: Auf der Party hatte sich ein Mädchen neben ihn gesetzt, das sich als Tina vorstellte. Sie hatten ein paar Sätze gewechselt. Tina war Sportstudentin und ahnte nicht, dass Marek mit etwa 90 % der Sportarten nichts anzufangen wusste: Worin liegt die Befriedigung, einen Filzball mittels Schläger so über ein Netz zu knallen, dass er für einen anderen Menschen unerreichbar wird? Am wenigsten versteht er die Faszination, die das Skifahren auf manche Menschen ausübt. Irgendwo hat er gelesen, dass sich knapp 60 % der Österreicher regelmäßig in eine Schlange stellen, um auf einen Berg gebracht zu werden, von dem sie auf Skiern geradewegs hinunterfahren, um sich am hinteren Ende ebendieser Schlange wieder einzureihen. Für Marek ist dieser Sport die moderne Entsprechung der Sisyphos-Qualen.
Das Gespräch mit Tina blieb entsprechend lustlos. Sie musste bald aufs Klo, und am Weg zur Badewanne, die an diesem Abend als Kühlschrank diente, sah Marek sie später in aufgekratztem Plaudern mit einem Jungen, dessen Physis nahelegte, dass er Tina mit Anekdoten aus dem Fitnessstudio erfreuen konnte.
Bei der Badewanne begegnete er Bea. Er hatte sie vor einiger Zeit auf einer anderen Party gesehen, aber nicht mit ihr geredet. Von Sergej hatte er damals erfahren, dass ihre Eltern bei einem Autounfall tödlich verunglückt waren. Vor allem diese Traurigkeit, die hinter ihrem Lächeln klaffte, war es, die Marek faszinierte. Sie trug den Tod ihrer Eltern mit sich herum. Und Marek musste sich eingestehen, dass er beeindruckt war von der Tragik, die sie umgab. Vielleicht beneidete er sie sogar ein wenig darum. Auch ihm fehlte ein Elternteil. Sein Vater war aber nicht tot, sondern bloß nicht dort, wo er sein sollte. Marek hatte kein Anrecht auf Tragik, er war einfach nur ein erwachsen gewordenes Scheidungskind. Doch während er durch sein Leben schlingerte, schien Bea ihren Weg genau zu kennen. Wenn sie etwas sagte, vermittelte sie, dass sie eine Meinung besaß. Auf ihn wirkte sie echt.
Sie verbrachten den Abend neben der Badewanne sitzend und redeten über dieses und jenes. Beas Interesse galt der Literatur, sie wollte in ihrem Job Stunden reduzieren und ein Literaturstudium anfangen. Sie erzählte von ihrem Lieblingsautor, an dessen Namen sich Marek nicht erinnern kann. Seine wichtigsten Bücher seien zwar schon einige Jahre alt, aber sie fand, dass sie mittlerweile sogar noch aktueller waren.
Ist irgendwie seltsam, wenn ein Buch Jahre später eine neue Dimension dazugewinnt, sagte sie. Jetzt, wo ständig jemand Fake News! schreit, wird klar, dass es unglaublich viele Meinungen gibt und ziemlich wenige unwiderlegbare Fakten. Das finde ich eben faszinierend, wenn diese Unklarheit sich in der Literatur spiegelt. Wenn sie ein Gefühl der Verunsicherung erzeugt.
Will ein Schriftsteller subversiv sein, schaltete Marek sich ein, sollte er also eine unverständliche Welt mit seinen eigenen Undurchschaubarkeiten unterwandern.
The writer strikes back! rief Bea und drehte sich nach hinten, um frisches Bier aus der Badewanne zu fischen, und Marek überlegte, welche Farbe ihre Augen hatten. Er dachte an eine Postkarte, die ihm sein Vater einmal von Mauritius geschickt hatte. Auf der Vorderseite war ein Sandstrand zu sehen, das Meer leuchtete in einem wunderbaren Blau.
Sie drückte ihm eine tropfende Flasche in die Hand.
Prost.
Prost. (Das Meer vor Mauritius)
Marek schließt das Notizbuch, nachdem er 68, 69 und 70 eingetragen hat, und zupft an der oberen Ecke, wo weiße Fasern durch ein Loch im Kunstleder ragen. Etwas ist ihm unklar: Wenn er das Gefühl hat, dass ihn eine Taubheit umgibt, weshalb bricht er dann seit einigen Tagen regelmäßig in Tränen aus? Jedes Mal, wenn Marek das Licht ausschaltet und den Putz an der Decke studiert, fängt er lautlos in sich hineinzuweinen an. Die ersten Male versuchte er, noch während der Ausbruch sich anbahnte, herauszufinden, was ihm so zusetzte. Eine innere Leere, dachte er, aber das blieb ihm zu abstrakt. Etwas anderes konnte er nicht finden, stattdessen musste er feststellen, dass er sich unausweichlich einem Weinkrampf näherte. Er merkte, wie der Krampf seine Kehle hinabwanderte, und bevor er das Zwerchfell erreichte, brach ein einmaliges Aufschluchzen aus ihm hervor, gefolgt von ein paar Tränen – und schon war alles wieder vorbei.
Aus Mangel an Erklärungen hat Marek sich für den schwammigen Begriff Weltschmerz entschieden. Er wusste aber, dass er sich damit nur selbst belog. Die wackelige Selbstdiagnose änderte nichts daran, dass irgendwo in ihm etwas grundlegend nicht mehr in Ordnung war.
Er hat eine Idee. Er fährt seinen Laptop hoch, öffnet den Webbrowser, wo die Suchmaske erscheint. Nach einigen Minuten hat er einen wissenschaftlichen Artikel mit dem Titel Culture of Crying gefunden und erfährt, dass Weinen die früheste und grundlegendste Vokalisation von Säugetieren ist. Der Artikel sagt weiter, dass die meisten Testpersonen zwischen 18 und 24 Uhr weinen (50 %), wenn sie allein (66 %), bevorzugt zu Hause (75 %) im eigenen Schlafzimmer (50 %) sind. Alles in allem muss sich Marek sagen, dass sein Verhalten dem Durchschnitt entspricht.
Einigermaßen zufrieden fährt er den Computer herunter, geht Zähne putzen, zieht sich aus und legt sich ins Bett. Aber sobald er liegt, merkt er, wie sich sein Hals verengt.

10
Regel 1: Jeder lebt seine Form. Weshalb Parko seinen eigenen Pogo vorführt. Er schleudert Arme und Beine um sich, vermeidet dabei aber, die anderen zu treffen. Chicana und Aquamarina tanzen auf der Stelle. Was die Füße nicht tun, tun Oberkörper und Arme. Chicana und Aquamarina reagieren auf die Bewegungen der jeweils anderen. Kippt der eine Oberkörper nach vor, schnellt der andere zurück. Wie aus dem Nichts rauscht Varizella durchs Zimmer. Dreadlocks wirbeln. Wie hieß die Frau mit den Schlangenhaaren noch gleich. Medusa? Eine richtige Medusa ist Varizella. Wenn du ihr blöd kommst, wirst du zu Stein. Sicher gibt es sensible Naturen, die wegen einer Varizella den Aggregatszustand wechseln.
KokoRoschka rauscht zur Anlage, die auf dem Turm aus drei umgedrehten Bierkisten thront, um Pollo beim Auflegen abzulösen. Das wird wieder was werden. Koko wühlt schon ellbogentief in den CDs, bereit, irgendeinen kuriosen Song zu bergen, den noch nie jemand gehört hat. Geschweige denn weiß, wie er sich tänzerisch dazu verhalten soll. Aber immer noch besser als Gradecs musikalische Lehrstunden. Billy Braggs Gitarre bleibt heute ungezupft, Woody Guthries Songzeilen unerläutert. Ja, ein bisschen Pause von Gradec Schulmeister geht schon in Ordnung.
Kokos musikalischer Amoklauf beginnt, er holt das Maximum aus den billigen Boxen, der Bass burrt nur so. Wie ein Dirigent steht KokoRoschka vor ihnen, die Hände hacken im Karatemodus. Er schlägt den Rhythmus, macht vor, wie man zur kruden Mischung aus hartem Techno, Drum’n’Bass und Black Metal tanzen könnte. Aber alle ignorieren Kokos Vorgaben. Obwohl jeder Versuch, sich an einem Takt festzuhalten, durch einen unerwarteten Bruch sabotiert wird, beharrt jeder auf seinem Stil, der höchstens intensiver wird: Parko pogot auf Teufel komm raus, Varizellas Schlangen sind im Blutrausch. Da mischt sich neuer Elan in die Gruppe: Pollo durchkreuzt den Raum im Stechschritt, mimt den Neofaschisten. Ja, geht schon.
Regel 2: Wir sind weder rechts noch links, wir sind wir.
Das Headquarter befindet sich in einem Innenhof und ist eigentlich ein freistehendes Lager, das dem im Ausland lebenden Onkel von KokoRoschka gehört. Koko wohnt in der Wohnung des Onkels, im ersten Stock des heruntergekommenen Zinshauses. Vom Onkel ist seit einer Ewigkeit nichts zu hören, er scheint zufrieden, seine Wohnung bewohnt zu wissen. Dass der Lagerraum vom Neffen und einigen Freunden annektiert wurde, hat ihm scheinbar niemand zugetragen. In der Regel verhalten sie sich ja auch unauffällig. Die wegen der dauerhaft defekten Klingelanlage offene Haustür ermöglicht ihnen seit Monaten, unbemerkt in den Innenhof zu gelangen. Die Fenster des Headquarters haben sie mit Zeitungspapier zugeklebt, auch wenn die Hausbewohner vermutlich gar nicht auf die Idee kämen, ins Innere zu lugen. In den dunklen, asphaltierten Hof geht man nur, um seinen Müll in die Tonne zu werfen, und das ganze Zinshaus steht in einer Gegend, in der die Devise gilt, sich besser nicht in Dinge einzumischen, die außerhalb der eigenen vier Wände passieren. Nur manchmal geht es durch mit KokoRoschka und den anderen. Dann vergessen sie die Tarnung, drehen die Anlage bis zum Anschlag auf und tanzen und trinken bis in den Morgen.
So lange hält Mirjam nicht durch. Sie sinkt auf das durchgesessene Klubsofa I, in der Hand einen Becher mit einem letzten Schluck Whiskey-Cola. Die anderen tanzen eifrig weiter. Mirjam muss an den einzigen denken, der fehlt, schon wieder. Seit zwei, drei Wochen, er ist genau da gesessen, wo sie jetzt sitzt. Sie haben überlegt, welche Interventionen sie als Nächstes angehen wollten. Chicana meinte, zu Überwachung sollten sie was machen, das sei ein Thema, das alle betreffe. Aber was, da waren die Ideen Mangelware. Wenn ratloses Schweigen herrschte, war Gradec der Erste, der das nicht akzeptieren konnte. Also war es nur eine Frage der Zeit, bis er loslegte: Wusstet ihr, dass es das Konzept Privatsphäre noch gar nicht lange gibt (wusste natürlich keiner). Das alte Griechenland – jetzt richtig mit Professorenstimme –, das alte Griechenland war eine Zivilisation des Schauspiels. Es wurde öffentlich gelebt, die Schaulust befriedigten Theater, Tempel, Zirkusse. Der Wunsch, nicht alles zu zeigen, entsteht erst in der Neuzeit. Aber wie sieht’s jetzt aus, heute?
Pause, fraglos theatralischer Natur. Sicher wussten sie, wie es heute aussah. Was Gradec aber hören wollte, war keinem so ganz klar. Daher weiter im Monolog: Man könnte sagen, die Privatsphäre verschwindet wieder. Okay, einerseits unfreiwillig, durch staatliche Überwachung. Wir wissen, dass die Kameras überall sind, dass alle unsere Schritte verfolgbar geworden sind. Da lässt sich nicht viel machen (gewichtiges Nicken allerseits: Ja, da kann man nichts machen). Andererseits schaffen wir die Privatsphäre aber auch freiwillig ab. Weil wir uns in den Sozialen Netzwerken selbst darstellen. Facebook, Instagram, Snapchat und so weiter liefern das Material, und wir sägen und hämmern fleißig an unserem eigenen neuen Theater. Zur großen Premiere, ta-taaa: In der Hauptrolle ich als Göttersohn Narziss. Die Stimmung im Zuschauerraum: blendend! In freudiger Erwartung reiben sich Herr Wirtschaftskonzern und Frau Politikberaterin die Hände.
Jetzt Varizella (kichernd): Herr Staat sitzt schon selbstzufrieden auf seinem Platz und wartet nur noch, bis die Lichter ausgehen, damit er ein kleines Schläfchen machen kann. Artsy-fartsy Kunst ist nicht so seins.
Na schön, warf Aquamarina ein: Dass die Idioten auf Instagram allen möglichen Scheiß posten, dagegen können wir auf die Schnelle wenig ausrichten. Bleibt uns der Angriff auf die Form von Überwachung, die vor unsrer Nase passiert.
Auf die Kameras! lautete Chicanas Fazit.
Alle waren begeistert – bis auf Gradec, der das Ganze offensichtlich zu oberflächlich fand, fürs Erste aber nichts sagte. Und Varizella. Denn ginge es nach ihr, würden sie Tag und Nacht Komplotte gegen die Rechten oder gegen die Regierung schmieden. Regelmäßig wirft Varizella ihre Revolutionsfantasien in den Raum – worauf Gradec in der Regel mit seiner Totschlagfrage kontert, die er sich von einem französischen Denker ausgeborgt hat: Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, anstatt sie zu zerstören?
Kommandos wurden zusammengestellt, Schlachtpläne entwickelt: Welche Kameras würden sie angreifen? In den folgenden Tagen würden sie sich nach geeigneten Objekten umschauen. Und sonntags wurde auch schon ausgeschwärmt.
Bei Mirjam läuft auch gerade Kameramodus. Sie beobachtet die anderen, die unermüdlich weitertanzen, sieht, wie noch einmal und noch einmal die Energie explodiert. Noch lange sind sie nicht fertig mit dieser Nacht. Sie fühlt sich einen Augenblick wie eine Mutter, die den Kindern beim Spielen zusieht. Fehlt nur noch, dass sie murmelt, wie groß sie doch geworden sind! Schnell weiterschalten zu einem anderen Kanal. Zu spät. Sie kann noch so beiläufig wie möglich aufs Sofa sinken, Fakt ist, sie kann nicht mehr mithalten. Fakt ist, sie wartet auf eine blöde Bemerkung, die jemand fallen lässt: Braucht Oma Mirjam ein Sauerstoffzelt?
Vierzig, ist doch schnurz. Zwanzig und dreißig waren ihr herzlich egal. Nichts als Zahlen. Aber es lässt sich nicht mehr leugnen, dass diese Vier und diese Null sie beschäftigen. Sie hat niemandem aus der Gruppe von ihrem runden Geburtstag erzählt. Nur ihrem Nachbarn. Wieso überhaupt? Und weshalb hat sie ihn angelogen? Marek war nicht einer der Ersten, dem sie es erzählt hat. Er war der Erste.
Sie erinnert sich, dass sie sich vorgestellt hat, zu ihm hinüberzusegeln und mit ihm zu knutschen. Kurz gefolgt vom hinderlichen Gedanken: Du könntest seine Mutter sein. Ja, doch, ginge sich aus. Wenn sie damals beim allerersten Mal nicht aufgepasst hätte, wenn Ingo ein wenig zu schusselig gewesen wäre.
Sie hatte bemerkt, dass er sich ein wenig unwohl fühlte. Sie war hier eindeutig die Lockere. Irgendeine Studie sagte doch, dass die jungen Leute immer spießiger würden. Trinken lieber Vitalisierendes als Alkoholisches. Gehen am Wochenende in die Therme Laa statt in die Pratersauna. Und der Bausparer wird auch wirklich nur angerührt, um die erste Wohnung anzuzahlen. Zum Kotzen. Aber ist es nicht so, dass das zyklisch verläuft? Hat vermutlich schon Marx erkannt, dass die nächste Generation immer das genaue Gegenteil der Vorgängergeneration ist. Der Gestapo-Papa prügelt seine Kinder zu Hausbesetzern, die Hippiemutter säugt den kleinen Hipster-Banker. Kaum verlässt man das Haus, junge Spießer, egal wo man hinsieht. Na ja, in ihrem Viertel trifft das nicht ganz zu, hier ist es bei weitem nicht so schlimm wie in den trendigen Stadtteilen. Wenn sie vor die Tür geht, trifft sie zuerst einmal auf alte Leute oder Menschen mit Migrationshintergrund. Die jungen Leute tragen in der Regel schlackernde Trainingshosen oder billigst imitierte Armani-Handtäschchen. Von Fußballern abgeschaute Präpotenz oder Schminke spachtelweise. Denen kann man einiges vorwerfen, vom Spießertum sind sie aber gewaltig weit entfernt.
Wie Marek heimlich ihre Wohnung beäugte, immer wieder zum Solifest-Plakat lugte. Ja, das hier war ihr Terrain. Ein Grund, dass sie sich wohler fühlte als er.
Er grinste sie etwas verschmitzt an, und dann die kurze Vision: Er rutscht zu ihr rüber und fängt an, sie abzuknutschen. Was war bloß los mit ihr! Mädel, du bist keine vierzehn mehr!
Als ob er sich in Sicherheit bringen wollte, war Marek auf einmal aufgestanden: Ich muss wieder rüber, noch ein paar Sachen erledigen.
Klar, sagte Mirjam.
Nicht zu wild feiern.
Ihr Lächeln eine Spur gequält. Immerhin ließ er die Fortsetzung weg: Du bist keine dreißig mehr.
Und schon gar keine vierzehn …

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