Kitabı oku: «Lass mich Arzt, ich bin durch!», sayfa 2

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Ti­me­walk oder: Mur­mel­tier­tag in Bor­g­holz­hau­sen

Über eine schier end­lo­se Land­stra­ße fuhr ich durch dich­ten Ne­bel. Ich such­te nach Licht­punk­ten in der Dun­kel­heit, doch selbst die Schein­wer­fer­ke­gel mei­nes Au­tos wur­den nach etwa zwei Me­tern un­barm­her­zig wie von ei­nem rie­si­gen, schwar­zen Maul ver­schluckt. Die Tan­k­an­zei­ge war schon lan­ge im zwei­ten Un­ter­ge­schoss an­ge­kom­men und blink­te hek­tisch. Die Chan­ce, le­bend ge­fun­den zu wer­den, wenn mir jetzt das Ben­zin aus­gin­ge, glich ei­ner ho­möo­pa­thi­schen Hoch­po­tenz. Ich tas­te­te nach dem Re­ser­ve­ka­nis­ter um fest­zu­stel­len, dass er im Schup­pen beim Ra­sen­mä­her stand.

Ner­vös hielt auf ei­ner klei­nen An­hö­he an. Ich dreh­te das Ra­dio stumm, kur­bel­te das Fens­ter hi­n­un­ter und lausch­te mi­nu­ten­lang. Hier und da glaub­te ich, et­was zu hö­ren, aber es war zu weit ent­fernt um he­r­aus­zu­fin­den, was es war. Doch dann wurden plötzlich die Geräusche lauter. Es war, als habe je­mand eine Tür ge­öff­net. Schwe­res, dump­fes Grol­len wa­ber­te zu mir her­über. Ich spitz­te die Oh­ren, wei­te­te die Nüs­tern. Mit ei­nem Mal er­kann­te ich den Rhyth­mus: Es war Smo­ke on the wa­ter von Deep Pur­ple! Ir­ri­tiert ver­such­te ich, die Rich­tung der Mu­sik aus­zu­ma­chen, aber das war hoff­nungs­los un­ter die­sen Be­din­gun­gen.

Vor­sich­tig ließ ich den Wa­gen lang­sam den Hü­gel hi­n­un­ter rol­len, im­mer mit dem Ohr im nächt­li­chen Fahrt­wind. Es gab eh nur zwei Rich­tun­gen: Die, aus der ich ge­kom­men war und die, in die ich fuhr. Wie beim Blin­de Kuh– Spiel tas­te­te ich mich vor­an, der lau­ter wer­den­den Mu­sik entgegen.

Nach end­lo­sen Mi­nu­ten, die lang­sam wie Ad­vents­sonn­ta­ge im Nie­sel­re­gen ver­ran­nen, bog ich auf einen Schot­ter­park­platz ein und stell­te den Wa­gen ab. An ei­nem Ge­bäu­de fla­cker­te im staubi­gen Fens­ter blass­grau ein Open– Schild, Fet­zen von Child of vi­si­on weh­ten zu mir. Ich ging hin­über, öff­ne­te die Tür und be­trat durch dich­te Rauch­schwa­den einen zum Bers­ten ge­füll­ten Wirts­raum. Im Men­schen­ge­tüm­mel such­te ich mir nahe der The­ke einen Platz und blick­te mich stumm um. Es wirk­te, als sei­en die, die noch Heiz­öl im Tank ih­res Strich– 8er hat­ten, heu­te Abend in die Stadt ge­fah­ren, da­bei hät­ten sie mir ent­ge­gen­kom­men müs­sen!

Alle an­de­ren wa­ren hier: die Be­die­nung mit blon­dier­tem Haar, die nach Tos­ca roch, die Zi­geu­ne­rin, der Bür­ger­meis­ter, der Vor­sit­zen­de des Ge­flü­gel­züch­ter­ver­eins, der letz­tes Jahr mit dem Ka­nin­chen­zucht­ver­ein Deut­sche Rie­sen fu­sio­niert hat­te, die Be­we­gungs­sport­grup­pe der Ab­tei­lung Aus­druck­stanz und die Frau­en­grup­pe von den Weight Wat­chers. Auf ei­ner klei­nen Büh­ne spiel­te eine Band gu­ten, al­ten Rock. Und ich mit­ten­drin.

“Was trinkst du?”, frag­te mich Tos­ca.

“Ein Guin­ness”, schrie ich zu­rück.

“Was ist das denn? Das ken­ne ich nicht!”

“Dann bring mir ein Pils. Habt ihr das?”

Ich war­te­te nur noch dar­auf, ein Wickü­ler zu be­kom­men und in DM be­zah­len zu kön­nen. Kur­ze Zeit spä­ter stell­te sie mir einen großen Glas­hum­pen auf den Tisch und mach­te ein X auf den De­ckel.

“Habt ihr auch was zu es­sen?”, frag­te ich sie.

“Da musst du hin­ten raus, da wird ge­grillt!”

Drau­ßen war nicht viel los, eine Frau in wei­ßer Kit­tel­schür­ze hin­ter ei­ner Bier­gar­ten­gar­ni­tur dreh­te gra­de Würst­chen und rie­si­ge Fleisch­la­ken um. Ich be­stell­te eine Brat­wurst mit Kar­tof­fel­sa­lat, Haus­ge­macht, wie sie ex­tra be­ton­te, und be­kam eine Por­ti­on, bei der selbst die Hun­de im Wai­sen­haus noch hät­ten mit­es­sen kön­nen und satt ge­wor­den wä­ren.

Mit ei­nem Wa­gen­rad von Tel­ler ging ich wie­der hi­n­ein. Die Band spiel­te Dr. Green is dead und ich frag­te mich, ob er an der Por­ti­on ge­stor­ben war oder ob er noch hier vor Ort er­schos­sen wur­de, weil er nicht aufaß?

Um mich he­r­um ver­hüll­ten Tropf­ker­zen Fla­schen mit gro­tes­ken Män­teln, Kunst­blu­men blüh­ten wie frisch ver­liebt, Hä­kel­deck­chen auf den Ti­schen er­strahl­ten in Per­sil­weiß und alte Män­ner gin­gen hüft­steif die stei­len Stu­fen zu den moos­grün ge­flies­ten Toi­let­ten hin­ab und ka­men als win­del­nas­se Jung­spun­de wie­der he­r­auf.

Ich freue mich schon auf das nächs­te Kon­zert die­ser Band.

No­vem­ber­luft

Kal­te No­vem­ber­luft schlug ihr ent­ge­gen, als sie vors Haus trat. Die Son­ne blin­zel­te gold- rot durch das dün­ne Laub­kleid der Bäu­me. Sie blin­zel­te zu­rück. Mor­gens hock­te der Frost schon auf den Au­to­schei­ben und aus den Na­sen und Mün­dern stieg Dra­chen­qualm em­por. Das Ge­sicht zu ei­ner Grim­mas­se ver­zo­gen, ver­such­te sie, ihre Bril­le zu be­schla­gen oder Rauch­rin­ge zu pus­ten.

In der Tris­tes­se des No­vem­ber­graus sah sie aus wie ein Farb­ka­lei­do­skop: Kirsch­ro­te, knie­ho­he Le­ders­tie­fel, eine laub­grü­ne Woll­strumpf­ho­se, einen kür­bi­soran­ge­nen Cord- Mi­ni­rock, einen pfaublau­en Pull­over, einen zi­tro­nen­gel­ben Samt­man­tel und eine pflau­men­vio­let­te Strick­müt­ze mit Pom­pons.

Ihre klei­ne Woh­nung hat­te sie herbst­lich de­ko­riert: An der Tür bau­mel­te ein Ju­te­dra­chen, Zier­kür­bis­se la­gen in ei­nem Wei­den­korb auf der Frie­sen­bank da­ne­ben und auf den Trep­pen­ab­sät­zen stan­den Ge­trei­degar­ben. Klei­nen Hol­zwich­teln, Elf­chen und Zap­fen­igeln hat­te sie aus Kas­ta­ni­en, Buch­e­ckern und tro­ckenem Laub auf dem Fens­ter­sims in der Kü­che ein hei­me­li­ges Win­ter­quar­tier ge­schaf­fen.

Neu­lich war es noch Som­mer!

Schwei­ne­grip­pe

Über­all ist sie in al­ler Mun­de und ich fra­ge mich, ob das dann nach Schnit­zel schmeckt. Man hört da­von in den Nach­rich­ten, man liest dar­über in den Zei­tun­gen. Wie da­mals beim Rin­der­wahn­sinn.

Aber ich krie­ge es ein­fach nicht. Ich kann mir Mett, halb Rind, halb Schwein, Zen­ti­me­ter dick aufs Bröt­chen schmie­ren, ich kriegs ein­fach nicht. Ich be­kom­me we­der lila Fle­cken, noch rin­gelt sich mein Schwänz­chen. Auch die Hüh­ner­pest ist Zug­vo­gel ar­tig an mir vor­bei­ge­flo­gen, ohne dass ich Eier ge­legt hät­te. Was ma­che ich bloß falsch? Ich habe mich mit ak­ti­ven Er­re­gern imp­fen las­sen. Nix! Noch nicht ein­mal eine Rö­tung an der Ein­stich­stel­le! Ich war im Ur­laub an der Schwei­ne­bucht, lass mich auf je­den Kuh­han­del ein, te­le­fo­nie­re täg­lich mit der Hot­li­ne im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um, habe ein sechs­mo­na­ti­ges Prak­ti­kum bei Bau­er Ewald auf Prickings- Hof ab­sol­viert.

Es pas­siert ein­fach nix.

Ich werd noch wahn­sin­nig.

Sei­fen­par­ty

Ach du schei­ße. Das kann ja auch nur Frau­en ein­fal­len! Eine Sei­fen­par­ty?! So ein in Sei­den­pa­pier ein­ge­schla­ge­nes 50 Gramm– Stück kos­tet be­stimmt 12,95 und riecht auch nicht bes­ser als die gute alte Fa. Aber wahr­schein­lich be­la­gern da zehn bis zwölf Hüh­ner um die Vier­zig das hei­mi­sche Wohn­zim­mer den gan­zen Abend lang zur bes­ten DSF– Sen­de­zeit, zei­gen sich ihre neu­en Fri­su­ren, Schu­he und Überg­angs­ja­cken und trin­ken sau­ren Pro­sec­co. Da ist so ein Stück­chen Sei­fe nicht zu teu­er und ein will­kom­me­ner An­lass, über Män­ner im All­ge­mei­nen und ihre ei­ge­nen im Be­son­de­ren her­zu­zie­hen und ne­ben­bei mal eben vier bis fünf hand­ge­zo­ge­ne Duft­klum­pen mit äthe­ri­schen Ölen aus wild­wach­sen­den Kräu­tern von den Hän­gen des süd­li­chen Apen­nin zu kau­fen. Das Geld ist ja schließ­lich selbst ver­dient. In der Bou­tique oder im Gum­mi­bä­ren­la­den. Wo wie­der­um nur Frau­en ein­kau­fen. Und weil die Sei­fe ja doch nicht so ganz bil­lig war, fin­det sie im Louis– Phil­ip­pe– Ver­ti­ko einen pas­sen­den, letz­ten Auf­be­wah­rungs­ort.

Der Mann ist na­tür­lich zu so ei­nem Hap­pe­ning aus­ge­la­den. Er rennt der­weil im real,-. Ein­mal hin. Al­les drin!, drei­mal um den Ak­kuschrau­ber aus der Wer­bung he­r­um und über­legt ge­nau, ob er den wirk­lich braucht, kauft dann einen Kas­ten Bier, eine neue Jeans und eine Tüte La­krit­ze und be­sucht einen al­ten Freund. Wir gu­cken Fuß­ball, re­den über schö­ne Frau­en, die wir nicht ha­ben und be­trin­ken uns.

Ich bin schon mal ge­spannt auf sei­ne neu­en Alufel­gen!

Dackel­cho­le­ra

Ich habe Nach­bars Dackel aus­ge­führt. Jetzt hat es mich er­wischt. Ich stin­ke aus dem Mund, habe eine kal­te Nase und das drin­gen­de Be­dürf­nis, auf den Ra­sen vorm Haus zu schei­ßen. Ist das die Dackel­cho­le­ra? Wie hieß die noch gleich, R2D2?

Baum­fie­ber

Weih­nach­ten stand vor der Tür und wie­der ein­mal hat­te es die­se end­lo­sen Dis­kus­sio­nen ge­ge­ben. Seit zwei Wo­chen strit­ten sie je­den Abend dar­über, ob sie am ers­ten Fei­er­tag ihre El­tern zu Gans mit Rot­kohl und Klö­ßen be­su­chen oder zu sei­nen El­tern fah­ren, wo es tra­di­tio­nell Kar­tof­fel­sa­lat mit Bock­würst­chen im Bröt­chen gibt.

“Im­mer die­ses hei­li­ge Ge­du­del im Ober­hemd”, dach­te er und schüt­tel­te sich, “und die­se scheiß schwe­ren hand­ge­rie­be­nen Ka­no­nen­ku­geln, die den fet­ten Vo­gel vom Him­mel ge­schos­sen ha­ben…”

Mit Grau­en er­in­ner­te er sich an das heuch­le­ri­sche Be­stau­nen des ober­förs­ter­lich er­schla­ge­nen grün- (n)ade­li­gen Wald­be­woh­ners mit ech­ten Bie­nen­wachs­ker­zen im letz­ten Jahr. Das Mist­ding pieks­te, war nach zwei Ta­gen kahl wie ein ka­tho­li­sches Kir­chenober­haupt und auf al­len Fo­tos sah man die­sen däm­li­chen Lö­schei­mer! Und der Ge­dan­ke an einen dis­kret zu­ge­scho­be­nen Büt­ten­um­schlag mit 50 Euro stimm­te ihn auch nicht fröh­li­cher.

Da­heim aber tauch­ten hun­der­te klei­ne Lämp­chen die Rund­fich­te, eine schnitt­grü­ne Ko­ni­fe­re, in ein hei­me­li­ges und ver­hei­ßungs­vol­les Licht. En­gel­schö­re ver­kün­de­ten die hei­li­ge Nacht. Mut­ter deck­te durch Ber­ge von Ge­schen­kalt­pa­pier wa­tend den Tisch mit ih­rem himm­li­schen haus­ge­mach­ten Kar­tof­fel­sa­lat, ein ku­li­na­ri­sches Weih­nachts­ge­dicht. Ihm lief bei die­sem Ge­dan­ken das Was­ser im Mun­de zu­sam­men. Und die 20 Euro konn­te er gut ge­brau­chen.

“Schön, dass ihr da seid”, riss sie ihn aus den Träu­men, als sie die Tür öff­ne­te, “ich hab heu­te zur Ab­wechs­lung ‘mal Gans ge­macht!”

Deko- Stress

Es ist wie­der so­weit: Der Deko- Stress be­ginnt. Da kommt man nicht drum­rum. Selbst wenn ich mir beim Au­to­gramm von Oli­ver Kahn ge­schwo­ren habe, Gott hab ihn se­lig, die­sen Wahn­sinn ein­fach zu igno­rie­ren, bas­teln die Kin­der in der Schu­le si­cher et­was Tol­les. Mit ih­ren Leh­re­rin­nen wird da ge­malt und ge­klebt, ge­hä­kelt und ge­klöp­pelt, ge­filzt und ge­färbt. So wer­den Dut­zen­de Papps­ter­ne mit Bom­meln, En­gel­chen zum Hin­stel­len, Wach­s­tropf­for­men, ver­zier­te Na­del­ge­hölz­zwei­ge, rote Filz­mütz­chen oder selbst­ge­ba­cke­ne knüp­pel­har­te Kek­se, die un­be­dingt am Baum hän­gen müs­sen, stolz nach Hau­se ge­tra­gen. Un­sin­ni­ge Wich­tel­ge­schen­ke wer­den an­ge­schleppt und Nüm­mer­chen für Ad­vents­ka­len­der ge­zo­gen. Seit­dem ziert un­se­re Kü­chen­fens­ter­bank ein klei­ner Ni­ko­laus mit Glit­zer, der je nach Wet­ter­la­ge sei­ne Far­be ver­än­dert. Bei Re­gen oder Schnee ist er rosa und wenn die Son­ne scheint, fun­kelt er blau. Nur Ab­wa­schen kann er nicht. Na ja, beim Schrott­wich­teln in der Fir­ma wer­de ich ihn we­nigs­tens im nächs­ten Jahr wie­der los!

Die Kin­der schmücken zu Hau­se wei­ter bis die Woh­nung aus­sieht wie die As­ser­va­ten­kam­mer des Weih­nachts­man­nes: Klei­ne Ren­tier- und Wich­tel­ka­ra­wa­nen stol­pern durch die selbst­ge­bau­te Win­ter­land­schaft aus Sty­ro­por und die Krip­pe wird auf dem Fern­seh­ge­rät auf­ge­baut. Ich dreh dann im­mer den Bass auf, bis der Esel umplumpst. Auf dem Kü­chen­tisch na­delt ein tro­ckener Ad­vents­kranz, beim Aus­pus­ten der Ker­zen sprit­zen Wachs­fle­cken bis an die Ta­pe­te und den gan­zen Tag du­delt aus dem Ra­dio Rolf Zucker­do­sis:

Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus …

Ich baue mir jetzt erst­mal die Frei­stoß­si­tua­ti­on in den Schnee, als Kam­per dem Kahn einen in­di­rek­ten Frei­stoß an der Mau­er vor­bei ins Eck knallt. Schön mit Schal und Tri­kot! Das war auch wie Weih­nach­ten.

Schnee schip­pen

Weih­nach­ten naht. Drau­ßen bricht der Win­ter los, holt sich alle Passan­ten ohne Müt­ze, Schal, Hand­schuh und war­me Schu­he. Der ei­si­ge Wind ge­friert ih­nen die un­be­deck­te Nase und die Oh­ren. Ich kann’s vom mei­nen Fens­ter aus se­hen. Lus­tig schlit­tern sie über ver­eis­te Bür­ger­stei­ge, den Kra­gen hoch­ge­schla­gen, den Hals ganz klein ge­macht, die Hän­de tief in den Ta­schen ver­gra­ben. Sie se­hen aus wie 1,70 Me­ter große Pin­gui­ne. Ge­hen auch so. Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te dreht ein Som­mer­rei­fen­fah­rer gra­de durch. Er hat nur ein win­zi­ges Guck­loch ge­kratzt, der An­las­ser klingt wie Bert aus der Se­sam­stra­ße, wenn er lacht. End­lich springt die alte Möh­re an. Die Vor­der­rei­fen ma­chen be­stimmt im Stand schon 80 Stun­den­ki­lo­me­ter, das Auto qualmt wie der Kühl­turm ei­nes Braun­koh­le­wer­kes, als der Mo­tor wie­der stirbt. Wut­schnau­bend ver­staucht er sich den Fuß beim Tritt ge­gen den hart­ge­fro­re­nen Rei­fen und schließt sich hum­pelnd der Pin­guin­ka­ra­wa­ne an.

Die Flo­cken wer­den dich­ter, man kann fast nur noch die Schirm­spit­zen se­hen. Ich will mir gra­de einen neu­en Glüh­wein heiß ma­chen, als mir der Kehr­wo­chen­plan in die Hän­de fällt. Schnee­dienst? Ich?

Ach du schei­ße, wo sind bloß mei­ne Hand­schuh und die Müt­ze?!

Last Christ­mas

Seit 1984 geht mir das auf die Nüs­se. An je­dem Glüh­wein­stand träl­lern mir die­se bei­den Lap­pen die Oh­ren voll. In der Bahn, im Bus, im Auto, beim Bröt­chen ho­len, im MP3- Player, auf dem Deich, selbst im Ra­dio. Kei­ne Ruhe!

Wann kommt end­lich die Ver­si­on Very last christ­mas he­r­aus? Dann sin­ge ich mit: Letz­te Weih­nacht, al­ler­letz­te Weih­nacht…

Ich habe frü­her im­mer Pink Floyd ge­hört: Wish you were here. Das ma­che ich jetzt auch wie­der!

Zeiträu­ber

Da­von geis­tern im Mo­ment vie­le durchs Haus:

Klei­ne No­tiz­zet­tel, blin­ken­de An­ruf­be­ant­wor­ter, SMS- Si­gnal­tö­ne, Stoff­tie­re und lan­ge Un­ter­ho­sen mit Lö­chern, fern­ge­steu­er­te Au­tos und Ta­schen­lam­pen mit lee­ren Ak­kus, vol­le Wä­sche­kör­be, lee­re Kühl­schrän­ke, har­te Bröt­chen, kei­ne Eier, Zah­lungs­auf­for­de­run­gen, Weih­nachts­de­ko, Ad­vents­ka­len­der, Pfand­fla­schen, Alt­pa­pier, Schnee­schip­per, zu­ge­fro­re­ne Schei­ben, Matsch im Flur, nas­se Schu­he, ge­ris­se­ne Schnür­sen­kel, ver­klemm­te Ja­lou­si­en, durch­ge­brann­te Glühlam­pen, Stein­schlag in der Wind­schutz­schei­be, Win­ter­rei­fen im Schup­pen, Ab­fall­ka­len­der, Kof­fer, un­auf­ge­räum­te Kin­der­zim­mer, nicht ge­mach­te Bet­ten, Nachts plötz­lich pie­pen­de We­cker, El­t­ern­stun­den in der Kita, Fort­bil­dun­gen am Frei­tag, Hun­ger in der Mit­tags­pau­se, Kle­be­film- und Sche­ren­ver­ste­cker, Bril­len- und Haus­schlüs­sel­ver­schlü­rer!!

Wenn das mor­gen al­les weg ist, ja Scheiß in Dreck, was mach ich dann?!

Schlafräu­ber

Da­von spu­ken auch ger­ne wel­che durchs oder ums Haus, be­son­ders aber dann, wenn ich mal ex­tra früh schla­fen ge­gan­gen bin:

Spä­te An­ru­fer, Zeit­ver­schie­bungs­ver­ges­ser, SMS- Si­gnal­tö­ne, Pol­ter­geis­ter, Ta­schen­lam­pen­ge­spens­ter, Klin­gel­jä­ger, Klin­gel­ho­sen, Krä­hen auf dem Ka­min­dach, Eu­len­heu­len, Amei­sen­hus­ten, Fl­ohräus­pern, Frosch­für­ze, Mücken­sum­men, Hun­de­bel­len, Ma­gen­knur­ren, Netz­teil­brum­men, au­to­ma­ti­sier­tes Rei­ni­gungs­pro­gramm Dru­cker, Stand- by- Lämp­chen, Au­totü­ren­zu­schlä­ger, Mo­to­ren­auf­heu­ler, Scharf­brem­ser, Alarm­an­la­gen­be­sit­zer, Vor dem Fens­ter– Un­ter­hal­ter, ma­rodie­ren­de Hor­den, Zah­lungs­auf­for­de­run­gen, Hähn­chen­schnit­zel in Gor­gon­zo­la­so­ße, Heim­nie­der­la­gen, Aus­wärts­nie­der­la­gen, Heim­sie­ge, Aus­wärts­sie­ge, Un­ent­schie­den, Mar­tins- Sin­ger, Stern­sin­ger, Schief­sin­ger, Schleu­der­gän­ge, Schlagregen, Schnee­schip­per, Schlüs­sel­klim­pe­rer, Ver­liebt sein, Zeit­um­stel­lung, Zei­tungs­ein­wer­fer, Voll­mond, Dop­pel­ter­mi­ne, pie­pen­de We­cker, krat­zen­de Bett­wä­sche, trop­fen­de Was­ser­häh­ne, knart­schen­de Lat­ten­ros­te, klap­pern­de Tü­ren, kal­te Füße, quä­len­de Ge­dan­ken wie: Ich muss noch die Müll­ton­ne an die Stra­ße stel­len, In vier Stun­den muss ich wie­der auf­ste­hen, Habe ich das Auto ab­ge­schlos­sen?, Wie hieß der/ die/ das bloß?, Was ko­che ich mor­gen?, Was habe ich heu­te ge­ges­sen?, Wer bin ich über­haupt?

Wenn das mor­gen al­les weg ist, dann schlaf ich erst mal aus!

Der graue Rie­se

Das Meer zeig­te sich von sei­ner rau­en Sei­te. Grol­lend warf der graue Rie­se sei­ne kal­ten Arme ans Ufer. Sein ei­si­ger Atem feg­te di­cke Schnee­flo­cken vor sich her wie eine Hor­de auf­ge­scheuch­ter Krab­ben beim Schul­aus­flug. Auf­ge­peitsch­te Gischt küss­te mich feucht wie eine jun­ge Af­fä­re. Be­nom­men stol­per­te ich über sei­ne Ge­bei­ne den Strand ent­lang, der in­zwi­schen schon knie­tief un­ter Schnee be­gra­ben lag.

Am Ho­ri­zont blin­zel­te mir ein Zy­klop auf­mun­ternd zu.

Ha­fer­schleim

Ich war mal krank. Muss­te so­gar ins Kran­ken­haus. Soll­te so­gar da blei­ben. Am nächs­ten Nach­mit­tag spiel­te aber Ar­mi­nia Bie­le­feld- Bay­ern Mün­chen. Ich woll­te nicht blei­ben. Ich woll­te auf den Block, wo ein an­stän­di­ger Fan hin­ge­hört, wenn er in Bie­le­feld wohnt. Ich muss­te aber blei­ben. Ich hat­te aber mei­ne Dau­er­kar­te und mein Tri­kot ein­ge­packt. Ko­misch. Ich dach­te, höre ich das Spiel eben im Ra­dio. So blieb ich eine Nacht, bat die Schwes­ter, mir den Zu­gang zu zie­hen, weil er weh täte und mach­te dann einen GAAANZ lan­gen Spa­zier­gang. Am Sta­di­on vor­bei. Zu­fäl­lig. Und als Fan hat­te ich na­tür­lich mein Tri­kot an. Und mei­ne Dau­er­kar­te da­bei. Viel­leicht könn­te ich die ja noch ei­nem Freund ge­ben. War aber kei­ner da. Warn schon alle auf­fem Block. Ging ich also mal gu­cken. Hal­lo sa­gen. War ein gei­les Spiel. Ham aber ver­lo­ren.

Am Abend gabs wie­der Ha­fer­schleim im Kran­ken­haus. Lau­warm. Das Zeug schmeckt ja wie auf­ge­weich­tes Lösch­pa­pier in Grau. Sieht auch so aus. Also erst ein­mal einen Tee­beu­tel rein­hän­gen. So gings schon bes­ser run­ter. Mit we­ni­ger Wür­gen. Mein Kör­per­ge­wicht nä­her­te sich in­zwi­schen dem ei­ner guss­ei­ser­nen Brat­pfan­ne.

Dann kam Os­tern. Ich lös­te klei­ne ein­ge­schmug­gel­te Scho­ko­häs­chen im Ha­fer­schleim auf. Das war schon ein ano­rek­ti­sches Fest­mahl. Sehr emp­feh­len kann ich auch einen etwa zwei Zen­ti­me­ter lan­gen Strei­fen Zahn­pas­ta. Nimmt man Si­gnal, ist es qua­si so­gar Ha­fer­schleim rot- weiß.

Nach fünf Ta­gen und 7 Kilo ge­schmol­ze­nem Kör­per­ge­wicht hät­te ich jede Schwes­tern­schü­le­rin zu­guns­ten ei­nes But­ter­kek­ses nackt lie­gen las­sen.

An­schlie­ßend gab es Auf­bau­kost. Ich dach­te, dass mich das auf­baut. Ver­geb­lich such­te ich un­ter der Por­ti­ons­mar­me­la­de nach Auf­schnitt. Wie ein Huhn, nicht wie ein Mann, pick­te ich mei­ne Schei­be Un- ge- Toast und mops­te mir bei ent­las­se­nen Mit­pa­ti­en­ten Ma­ger­milch- Jo­ghurts vom Ta­blett, be­vor die ab­ge­räumt wur­den.

Am Abend, nach­dem mich das ers­te Mal die ost­eu­ro­päi­sche Au­ßen­han­dels­ver­tre­te­rin nach Bröt­chen zum Früh­stück ge­fragt hat­te, wur­de ich ent­las­sen.

Schlank wie ein Zaun­pfahl, geil wie ein Mur­mel­tier nach dem Win­ter­schlaf und der Kühl­schrank leer wie eine Hal­le zwei Stun­den nach Ende ei­nes Kon­zer­tes von Han­si Hin­ter­seer.

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