Kitabı oku: «Das Geheimnis des stummen Kriegers - Ein Abenteuer aus dem alten China»

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Franjo Terhart

Das Geheimnis der stummen Krieger – Ein Abenteuer aus dem alten China

Mit Illustrationen

von Volker Fredrich

Saga

Das Geheimnis des stummen Kriegers – Ein Abenteuer aus dem alten ChinaCopyright © 2009, 2019 Franjo Terhart und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726166781

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Der schnellste Läufer des Dorfes

»Ehrwürdiger Nachbar Gi Liang, ich bin außer mir vor Wut!«, donnerte die Stimme von Lai Dan vom Garten aus ins Haus hinein.

»So beruhigt Euch doch, ehrenwerter Nachbar Lai Dan! Es besteht kein Grund, sich an diesem schönen Morgen aufzuregen. Die Vögel zwitschern, die Blumen schenken uns ihre schönsten Gesichter. Glaubt mir, wir werden eine Lösung für unser Problem finden!«

Meiling gähnte. Die beiden Streithähne hatten sie unsanft geweckt. Verschlafen stand sie von ihrem Nachtlager auf, blickte zum engen Eingang des Hauses. Dieser stand weit offen. Es war frühmorgens und die Sonne so groß wie ein Wagenrad. Meilings Vater stand auf der Straße und diskutierte wild mit dem Nachbarn, dem ehrwürdigen Herrn Gi Liang. Der alte Mann besaß einen zahmen Fuchs, der jedoch nachts gern unter den Hühnern der Nachbarschaft wilderte. Vermutlich hatte die Fähe ein weiteres Huhn von ihnen gefressen.

»Jetzt reicht es mir aber!«, rief Meilings Vater aufgebracht. »Dieser Fuchs gehört eingesperrt oder noch besser erschlagen.«

Seelenruhig hörte der ehrwürdige Nachbar zu, was Lai Dan wutschnaubend gegen den diebischen Fuchs vorbrachte. Meiling schmunzelte, weil der alte Mann so ruhig blieb, während ihr Vater wie immer aus der Haut fuhr. Die Hühner waren Lai Dans stolzer Besitz und ihre Eier schmeckten köstlich. Doch wenn es dem Füchslein noch öfter nach dem zarten Fleisch der Hühner gelüstete ...

Meiling streifte ein knielanges Hanfkleid über den nackten Körper. Dann zog sie ihre Schuhe aus Bambusgeflecht an und überlegte, was als Erstes im Haus getan werden musste. Brot und Gemüse besorgen, frisches Wasser vom Dorfbrunnen holen, Brennholz sammeln. Dabei fiel ihr Blick auf den Sack in der Ecke neben dem Herd. Sie hatte ihn gestern Abend dort abgelegt, nachdem sie auf dem Feld etwas Sonderbares gefunden hatte: eine beschädigte schwarze Tonfigur. Meiling hatte sie eilig in den Sack gesteckt, den sie immer bei sich hatte, wenn sie Kräuter und Pilze sammeln ging. Ein wenig war ihr die Tonfigur unheimlich. Deshalb hatte sie diese nicht am Abend eingehender untersucht, sondern alles auf den heutigen Tag verschoben. Meiling wusste lediglich, dass die kleine Figur einen Krieger des Kaisers zeigte. Zudem besaß sie ein Gesicht, das ihr merkwürdig bekannt vorkam. Aber das wollte Meiling sich lieber im Hellen ansehen. Sie überlegte, ob sie jetzt nach dem Sack greifen sollte. Ach, das hat Zeit, sagte sie sich. Die Sonne würde noch lange am Himmel wandern, bis sie unterging. Dämonen kommen erst bei Einbruch der Dunkelheit, um die Menschen zu erschrecken, hatte ihre Großmutter Lu stets erklärt. Meiling dachte gern an sie zurück. Seitdem Lu vor einem Jahr an einem Schlangenbiss gestorben war, lebte Meiling mit ihrem Vater allein im Haus und musste sich um alle anfallenden Arbeiten kümmern. Ihre Mutter hatte sie nie kennengelernt. Ihr Vater hatte sie angeblich verstoßen, weil sie ihn betrogen hatte.

Meiling ging in eine Ecke des Zimmers, wo ein leerer Eimer stand und eine Tragstange danebenlag. Mithilfe der Stange würde sie den vollen Eimer vom Brunnen zurück zum Haus tragen. Das wollte sie zuerst erledigen. Meiling huschte aus der Tür ins Freie hinaus.

»Sei gegrüßt, Vater!«, sagte sie. »Und seid auch Ihr gegrüßt, ehrwürdiger Nachbar Gi Liang!«

Lai Dan nahm sie gar nicht richtig wahr. Seine Wut hatte ihm offenbar den Blick vernebelt. Gi Liang jedoch nickte ihr freundlich zu. Der Alte wartete geduldig ab, bis sich Lai Dan wieder beruhigt hatte. Erst dann würde er ihm einen Vorschlag zur Güte machen. Vermutlich würde er ihm Geld anbieten, viele Scheiben Geld. Lai Dan würde das Geld annehmen, die Scheiben auf seine Schnur fädeln, dabei aber den Nachbarn noch einmal fragen, warum er den Fuchs nicht längst erschlagen hatte. »Ach, das arme Füchslein. Ich mag es doch so sehr!«, würde der Alte lächelnd antworten.

Meiling lief durchs Dorf, dessen Bewohner bereits alle auf den Beinen zu sein schienen. Ochsenkarren beladen mit Körben rumpelten über die lehmigen Straßen. Händler von außerhalb brachten Waren in das Dorf, um sie zu verkaufen. Gemüse, Eier, Fisch, Fleisch, Soja, Bambussprossen, Kräuter, aber auch getrocknete Schlangen, deren Fleisch begehrt war. Vor einem Haus stapelten sich Käfige mit allerlei Federvieh, kleinen Äffchen und Reptilien. Meiling kam am Tempel des Konfuzius vorbei. Sein Dach war mit Schildkröten und Drachen verziert. Drachen waren Symbole des Glücks und der Stärke. Ihr Anblick sollte jedem Kraft geben und den Tempel vor bösen Mächten schützen. In diesem Moment stieß sie jäh mit jemandem zusammen, der viel zu eilig um eine Ecke gerannt kam. Fast wäre Meiling zu Boden gestürzt. Verärgert schaute sie dem Tollpatsch ins Gesicht, der schwer atmend vor ihr stand und eine Entschuldigung murmelte. Doch jeglicher Zorn verrauchte, als sie den Jungen erkannte. Es war Cao Pi, Sohn des ehrenwerten Cao Shi, eines angesehenen Offiziers in der großen Armee des erhabenen Kaisers. Schon lange mochte Meiling den schwarzäugigen Jungen und sein verschmitztes Lächeln. Cao Pi galt als der schnellste Läufer im Dorf. Sogar Erwachsenen rannte er ohne Mühe davon. Cao Pi verbeugte sich kurz vor Meiling. Sie kannten sich, weil das Dorf nicht so groß war, dass man in ihm unerkannt leben konnte.

»Entschuldige, Meiling, wenn ich laufe, dann höre und sehe ich fast nichts von dem, was um mich herum geschieht. Nur deshalb habe ich dich beinahe umgerannt. In Zukunft werde ich besser aufpassen. Das verspreche ich.«

Meiling wurde ein wenig verlegen. Es war doch gut, dass Cao Pi täglich trainierte. Eines Tages würde sich sein Fleiß auszahlen. Cao Pi war eine Laufbahn in der Armee des Kaisers sicher. Der Erhabene brauchte gute und starke Läufer, die Nachrichten von einem Teil seines Reiches ins andere trugen.

Geld im Alten China

Der erste Kaiser von China, Qin Shi Huangdi, führte einheitliche Bronzemünzen ein, die in seinem großen Reich als Zahlungsmittel dienten. Die Münzen waren rund und besaßen in der Mitte ein quadratisches Loch. Damit konnte man das Geld auf einer Schnur aufreihen, um es besser bei sich zu tragen. Wenn also jemand etwas bezahlen wollte, holte er die Schnur mit den daran hängenden Münzen hervor. Danach zählte er so viele Münzen ab, wie es der Höhe des Preises entsprach. Die Form der Münze mit dem quadratischen Loch blieb fast bis 1930 erhalten.

»Wer Bambus malen will, muss ihn im Herzen haben, hat meine Großmutter immer betont«, erwiderte Meiling schmunzelnd. »Wer also ein guter Läufer werden will ...«

»Sollte tief im Herzen danach brennen«, fügte Cao Pi hinzu und lachte. »Du hast recht, Meiling. Ich will einmal der beste Bote für den erhabenen Kaiser sein! Für dieses Ziel würde ich mein Leben geben.«

Er war im Begriff weiterzulaufen, als ihn Meiling sanft am Arm fasste. Sie hatte eine Idee.

»Die Götter haben unser beider Wege heute Morgen zusammengeführt«, begann sie. »Du könntest mir vielleicht bei einer geheimnisvollen Sache weiterhelfen.«

Dann erzählte sie dem Jungen von ihrem gestrigen merkwürdigen Fund.

»Ich glaube, das Gesicht der Figur sieht aus wie jemand, den ich kenne. Hier aus unserem Dorf. Willst du es dir mal anschauen?«

Cao Pi wiegte unschlüssig seinen Kopf hin und her.

»Eigentlich wollte ich später noch über die große Straße Richtung Hauptstadt laufen.«

»Das kannst du doch anschließend immer noch tun«, meinte Meiling und blickte Cao Pi auffordernd an.

»Also gut! Dann komme ich vorbei und sehe mir deinen rätselhaften Fund an. Wann soll ich bei euch sein?«

Das lief ja prächtig, dachte Meiling. Sie hatte Cao Pi im Netz, wie der Fischer von seinem Fang sagt.

»Sobald die Sonne am Himmel die Größe eines Tellers hat«, schlug Meiling vor.

»Abgemacht!«, sagte Cao Pi. »Ich werde zur Mittagszeit an eurem Haus ganz am Ende der Dorfstraße sein.«

Meiling nickte begeistert und grüßte zum Abschied. Aber Cao Pi war längst wieder losgespurtet.

Ein nur zu bekanntes Gesicht

Meiling war gerade dabei, das Haus zu fegen, als Cao Pi auftauchte. Er grüßte freundlich. Meiling deutete mit den Händen an, dass er eintreten solle.

»Mmmh, wonach duftet es denn hier?«, fragte Cao Pi.

Meiling stellte den Besen beiseite. »Ich habe Brot geröstet. Magst du?«

»Gerne«, antwortete Cao Pi. Meiling streute eine Prise Zucker über das warme Brot und reichte ihm etwas davon. Sie selbst aß nichts. Während Cao Pi genüsslich das süße Brot kaute, beobachtete Meiling, wie sein Blick durch das kleine Zimmer wanderte. Bei ihm zu Hause war sicherlich alles etwas größer und auch kostbarer eingerichtet. Das lag daran, dass sein Vater in der Armee des erhabenen Kaisers einen gut bezahlten Posten hatte, überlegte Meiling, während ihr eigener Vater hier und da mal als Handlanger arbeitete. Deshalb besaßen sie auch nicht viel. Meiling war es ein wenig unangenehm, dass ihr Haus nur zwei Zimmer besaß. Im hinteren schlief Lai Dan. Vorne gegenüber dem Herd war ihr eigenes Nachtlager. Neben dem Herd befand sich ein Tisch, an dem die Speisen zubereitet wurden. In der Ecke gegenüber, hinter einem abgetrennten Bereich, stand der Nachttopf, den Meiling täglich leeren und säubern musste.

»Dann zeig mir doch mal, was du auf dem Feld so Unheimliches gefunden haben willst«, forderte Cao Pi Meiling auf, nachdem er sein Brot verzehrt hatte.

Meiling blickte ein wenig unsicher zu dem Sack aus Chinagras, der neben dem Herd auf dem Boden lag. Sie war sich nicht sicher, ob sie das Richtige tat.

»Es sieht aus, als ob Magie im Spiel wäre«, hauchte sie.

Cao Pi runzelte die Stirn: »Jetzt bin ich aber wirklich gespannt! Du bist ja schon wie meine Großmutter Hü San. Für sie wird jeder Schatten zum Gespenst oder zum herumirrenden Fluch, der einen arglos treffen kann.«

Zögerlich zog Meiling den Sack aus der Ecke hervor. Wortlos reichte sie diesen Cao Pi.

»Soll ich ihn etwa öffnen? Aber du hast keine Schlange darin versteckt, die mich erschrecken soll?«

Letzteres sollte wohl ein kleiner Scherz sein, doch Meiling war nicht nach Lachen zumute. Sie deutete Cao Pi an, den Sack aufzuknüpfen und seinen Inhalt herauszuholen. Entschlossen entknotete er den Sack und griff danach beherzt hinein. Mit neugierigem Gesicht holte er eine kleine schwarze Tonfigur heraus. Cao Pi ging mit ihr Richtung Eingang. »Ich brauche mehr Licht, um mir alles genau anzusehen!«

Meiling folgte ihm. Was gut war, denn Cao Pi stieß auf einmal einen Schrei des Entsetzens aus. Dabei glitt ihm die Tonfigur aus den Händen. Wäre Meiling nicht so flink gewesen, sie aufzufangen, die Figur wäre auf den gestampften Boden gefallen und vermutlich in viele Stücke zerbrochen. Ihre Finger hielten sie fest umklammert. Meiling starrte Cao Pi an, der am ganzen Leib zitterte und leichenblass geworden war.

»Zauberei!«, rief Cao Pi erschrocken aus. Meiling wusste nicht, was ihn so sehr aufregte. Jetzt war sie es, die ruhig blieb.

»Was ist mit meinem Fund?«, fragte sie.

»Zauberei. Wirklich üble Zauberei, Meiling!«

Er deutete mit zittriger Hand auf die Tonfigur.

»Ihr Gesicht ist das meines Vaters. Auch wenn das rechte Auge und ein Teil der rechten Wange beschädigt sind. Ich erkenne sein Gesicht trotzdem darin wieder! Diese Figur aus gebranntem Ton zeigt eindeutig meinen Vater. Mein Vater, wie er als Soldat aussieht, als Offizier des Kaisers. Das ist doch Zauberei, oder?«

Neugierig betrachtete Meiling das Gesicht der Tonfigur. Der Ausdruck des Gesichtes hatte sie bereits gestern an jemanden erinnert. Nun war es eindeutig. Ja, das war zweifellos das Antlitz von Cao Pis Vater. Wie war das möglich? Jemand hatte Cao Shi in Ton nachgebildet. Warum? Das war in der Tat höchst merkwürdig. Handelte es sich um Zauberei?

Meiling wusste es nicht. Doch dafür gab es sicherlich Erfahrenere als sie selbst, die das beurteilen konnten. Meiling lächelte Cao Pi an, der mit herunterhängenden Schultern vor ihr stand und der Verzweiflung nahe schien. »Es wird sich bestimmt aufklären lassen, was diese Tonfigur soll. Vielleicht hat dein Vater einem Künstler Modell gestanden? Vermutlich will er deiner Mutter und euch allen ein Geschenk machen. Ich habe eure Nachbarn auf der Straße reden hören, dass Cao Shi nicht sehr oft nach Hause kommt, weil der erhabene Kaiser ihn als Offizier häufig genug braucht.«

Cao Pi nickte eifrig. »Das ist richtig, Meiling. Mein Vater ist viel zu selten zu Hause. Das ist auch nicht so schlimm, weil wir wissen, wie wichtig er dem Gottkaiser ist. Wir sind stolz auf ihn. Aber nun ist Cao Shi schon sehr lange nicht mehr bei uns gewesen. Zu lange, finden wir.«

Meiling legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Siehst du, Cao Pi, deshalb hat sich dein Vater auch etwas Schönes für euch ausgedacht. Dank dieser Figur habt ihr ihn trotzdem bei euch. Jedenfalls als Abbild.«

»Du willst mich wirklich beruhigen, Meiling«, antwortete Cao Pi dankbar. »Aber selbst wenn du recht hast, findest du es denn nicht merkwürdig, dass diese Figur auf dem Feld herumliegt, zudem beschädigt ist und von meinem Vater weit und breit nichts zu sehen oder zu hören ist?«

Cao Pi hatte den Finger zielsicher in die Wunde gelegt, dachte Meiling. Sie wollte ja auch nur, dass er sich nicht zu sehr aufregte. Denn seltsam war die ganze Sache in jedem Fall.

»Ich werde die Tonfigur meiner Großmutter Hü San zeigen.«

Cao Pi klang entschlossen. »Hü San ist weise, sagt Vater, auch wenn sie zu oft Spuk und Dämonen am Werke sieht. Sie wird deinen Fund vom Feld genauestens untersuchen. Erst dann bin ich beruhigt.«

Die chinesische Schrift

Die chinesische Schrift kennt keine Buchstaben, sondern nur Bildzeichen. Es gibt ein Grundzeichen – Radikal genannt – und ein oder mehrere Beistriche. Im Lexikon sucht man zuerst das betreffende Radikal. Dann zählt man die Anzahl der Beistriche. Daraus ergibt sich das betreffende Wort. Das Wort »Musik« wird z.B. mit demselben Schriftzeichen wie »Freude« dargestellt. Die Anzahl der Schriftzeichen beläuft sich auf ca. 50 000. Ein Gelehrter kennt in China ungefähr 10 000 Schriftzeichen. Kein Mensch soll jemals alle 50 000 Schriftzeichen gekannt haben. Zur Zeit des ersten Kaisers schrieben die Chinesen auf Holztäfelchen, Bambusstreifen oder auf Seide. Auch auf Orakelknochen oder Bronzegefäßen findet man Schriftzeichen.

Meiling nickte langsam. »Das wird das Beste sein! Hü San wird selbst von Dschou Sin, dem höchsten Beamten im Dorf, um Rat in solchen Dingen gefragt. Darf ich mitgehen?«

»Gerne, Meiling! Du hast das Rätsel schließlich entdeckt«, stimmte Cao Pi zu.

Sie verließen das Haus und begaben sich zum Haus des ehrenwerten und tapferen Soldaten Cao Shi, wie Cao Pis Vater im Dorf genannt wurde. Sie brauchten nicht lange nach Hü San zu suchen, denn die alte Frau war im Garten dabei, Wäsche von den Bambuspfosten zu nehmen. Cao Pi bat sie, sich einen Moment von ihrer Arbeit abzuwenden. Die Alte sah ihn neugierig an. »Was hast du denn dort in der Hand?«, fragte sie und zeigte auf die Figur.

»Meiling hat sie auf dem Feld an der großen Straße gefunden. Sie sieht aus wie Cao Shi.«

Hü San runzelte die Stirn.

»Was willst du damit sagen, Junge?«

»Schau sie dir an, Großmutter. Was sollen wir von Meilings Fund halten?«

Die alte Frau griff nach der Tonfigur und hielt sie sich nahe vors Gesicht. Ihre Augen waren schon lange nicht mehr die besten. Doch jäh stieß sie die geheimnisvolle Figur wieder von sich.

»Das ist Zauberei!«, rief sie erschrocken aus. »Jemand will meinem Cao Shi Schaden zufügen.«

»Meiling denkt, dass Vater sie anfertigen ließ, um uns damit eine Freude zu machen«, sagte Cao Pi so leise, als wollte er es selbst nicht recht glauben. Hü San blickte Meiling nachdenklich an.

»Mag sein, aber warum findest du sie dann an einer Stelle, wo sie nicht hingehört?«

Meiling schluckte. »Ich habe mal von einem Händler, der ins Dorf kam und Kunstwerke verkaufen wollte, gehört, dass ein Künstler seine Sachen mit einem persönlichen Zeichen versieht. Wenn diese Figur so etwas besitzt, dann kann sie doch unmöglich das Werk eines Bösen sein, oder?«

»Kluges Mädchen!«, lobte Hü San. Meiling wurde rot bis über beide Ohren. Die Großmutter drehte und wendete die Figur in ihren Händen, konnte aber offenbar nichts Besonderes entdecken. Schließlich reichte sie das seltsame Ding ihrem Enkel.

»Guck du mal nach. Meine Augen werden immer schlechter, fürchte ich.«

Cao Pi untersuchte die Figur nach Schriftzeichen und fand zunächst nichts. Doch dann drehte er die Figur auf den Kopf. »Da! Seht her! Auf der rechten Fußsohle befindet sich eine Art Stempel, wie sie die Beamten des Kaisers verwenden.«

Meiling reckte neugierig ihren Kopf. Wieso war sie nur zu feige gewesen, die Figur selbst etwas genauer zu untersuchen! Gemeinsam entzifferten die Kinder die Schriftzeichen Yi für Sonne und Yue für Mond. Zusammen ergaben sie den Begriff Leuchtkraft.

»Leuchtkraft?«

Auch Cao Pi runzelte fragend die Stirn.

»Dort steht Leuchtkraft auf seinem rechten Fuß«, sagte Meiling zu Hü San.

Aber die alte Frau winkte ab. »Ich habe keine Ahnung, was das zu bedeuten hat. Pah, Leuchtkraft! Aber eines weiß ich mit Bestimmtheit zu sagen. Diese Inschrift beweist auf keinen Fall, dass es sich hierbei nicht um Zauberei handelt.«

Damit wandte sich Hü San um und humpelte zu ihrer Wäsche auf den Bambuspfosten zurück.

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9788726166781
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