Kitabı oku: «Initiation», sayfa 2
Seelsorge
In dieser Hinsicht hat die Bedeutung der Seelsorge in den Gemeinden zugenommen. Der Begriff der Seelsorge ist in den letzten Jahren immer breiter und ganzheitlicher formuliert worden, und zahllose neue Bücher sind erschienen. Jede Seele braucht Sorge, jeder Mensch einen Raum, in dem er sein kann, und ein Gegenüber, welches ihm Zeit und Gelegenheit gibt, sein Herz auszuschütten und über seine tieferen Beweggründe zu reflektieren und sich selbst auf die Schliche zu kommen. Wir sind der Überzeugung, dass es heute gerade die Seelsorge oder Supervision ist, wo eine Menge initiatischer Elemente zum Tragen kommen, auch wenn das dort vielleicht anders genannt wird.
Dennoch hält Karlfried Graf Dürckheim treffend fest:
Mit dem Wort „initiatisch“ ist eine Dimension des menschlichen Seins angesprochen, die sich sowohl von dem unterscheidet, was man gewöhnlich unter „Religion“ versteht, wie auch von aller „Therapie.“
Das Initiatische betrifft eine Dimension menschlichen Seins, die zu einer bestimmten Stufe des Menschseins gehört. Das Wesen dieser Stufe besteht darin, dass dem Menschen auf ihr zum Bewusstsein kommt, dass die eigentliche Wirklichkeit, sowohl seiner selbst wie seiner Welt, nicht die ist, die das natürliche Ich als solche begreift. Das natürliche Ich versteht darunter die Realität, die ihm als eine raumzeitlich bestimmte Wirklichkeit sinnenhaft begegnet und seinem rationalen Bewusstsein mehr oder weniger zur Erkenntnis und Meisterung zugänglich ist, und als „objektive“ Wirklichkeit seinen „subjektiven“, von Trieben und Gefühlen bestimmten „inneren“ Zuständen gegenständlich gegenübersteht. Auf der zum initiatischen Weg befähigten Stufe erkennt der Mensch, dass diese Weltsicht nur einen Aspekt … einer anderen, eigentlichen, überweltlichen Wirklichkeit darstellt …
Es gibt das Erlebnis einer Wirklichkeit, die das natürliche Ich und sein Begriffsvermögen überschreitet, ja, sogar paradox zu ihm steht. Diese Erfahrung nimmt die in ihr aufgehende übernatürliche Wirklichkeit aus dem Bereich bloßen Glaubens heraus und fügt sie dem Wissen des Menschen hinzu … Der Mensch einer bestimmten Stufe hat nicht nur gelegentlich solche Erlebnisse, sondern fühlt sich in ihnen beheimatet und der in ihnen aufgehenden Wirklichkeit verpflichtet.3
Erwachsenwerden
Das Wort „Initiation“ kommt uns heute so weit weg, mythisch und mystisch vor, weil wir diese Art des Lehrens und Lernens weit hinter uns gelassen haben. Wir beschränken die Wirklichkeit doch weitgehend auf die „raumzeitlich bestimmte Wirklichkeit“, wie Dürckheim sagt, der wir einen objektiven Gehalt beimessen. Heute muss ein Mensch nur gut auswendig lernen, um sich Fachwissen anzueignen und die entsprechenden Examen zu bestehen. Dann bekommt er einen Titel. Ob er wirklich „ein Händchen“ für die Sache hat, ob er einer Berufung folgt und Reife gewonnen hat, die ihn zu einem Meister machen, das interessiert gemeinhin nicht. Clinton Calahan sagt:
Ein initiatorischer Prozess ist der Aktivierungsprozess, der eine Person in die authentische Weisheit von Verantwortung und Konsequenz bringt … Die moderne Kultur erklärt, dass wir automatisch mit 18 oder 21 Jahren erwachsen sind. Doch das ist nicht der Fall. Unser Irrtum ergibt sich aus unserem mangelnden Verständnis darüber, was einen Erwachsenen ausmacht.4
Menschen generell mit 18 Jahren als „mündig“ zu bezeichnen, lässt einen vermuten, dass dahinter eine Art maschinelles und industrielles Denken steckt, welches Menschen gleichschaltet und nach Kriterien für „erwachsen“ erklärt, die gar nichts mit ihrem Menschsein zu tun haben können, denn dieses ist individuell.
Das Problem der Unklarheit, was Erwachsensein, Reife und Mündigkeit eigentlich bedeuten und wie wir sie definieren wollen, ist im Bereich der Spiritualität noch viel größer bzw. diffuser als auf der weltlichen Ebene. Um heute ein Pastor bzw. Gemeindeleiter zu sein, muss einer nicht einmal bekehrt, geschweige denn wiedergeboren sein. Er kann den „Job“ nach den Vorgaben der theologischen Fakultät studieren und dann nach den Anforderungen seiner jeweiligen kirchlichen Institution ausführen, die ihm aufgrund bestandener Prüfungen den Titel „Pastor“ o. Ä. verleiht. Was seine menschliche und geistliche Reife betrifft, so ist das „Privatsache“. Er muss nur nach Vorgabe funktionieren und alle sind zufrieden. Heute gibt es entsprechend immer weniger Berufe und immer mehr Jobs. Selbst Geistliche sehen ihre Arbeit inzwischen zusehend als „Job“ an, d. h. sie definieren ihre Arbeit funktional.
Ursprünglich geht es in der Religion um die „Rückverbindung zum Heiligen, Transzendenten und Absoluten“ (Wikipedia). Ohne eine solche Verbindung, also ohne eine spirituelle Anbindung, ist Religion nur ein frommes Regelwerk, eine Ideologie oder Tradition. Was damit gemacht werden kann, ist uns aus der Religionsgeschichte hinreichend bekannt. Predigt ein nicht initiierter Mensch – also einer, der „das Heilige“ nicht selbst gesehen und erfahren hat, den Weg der Hingabe daran (der Heiligung) nicht gegangen ist und die Hand des Herrn nicht berufend und bestimmend auf sich gespürt hat – über eine Bibelstelle wie Offenbarung 1,4-6 im Gottesdienst, dann ist das hohl und schal. Theologisch gesehen vielleicht korrekt, aber langweilig und nichtssagend, obwohl es dabei um die größten und heiligsten Dinge geht.
Meiner Meinung nach müsste man ganze Bibelschulklassen und nachträglich so manchen christlichen Leiter in die Wüste, auf eine einsame Insel oder in die Berge schicken. Vierzig Tage lang Einsamkeit und Schweigen, Fasten und Gebet würden ihre Wirkung sicherlich nicht verfehlen! Immerhin hat der geistliche Dienst auf diese Weise bei Jesus begonnen! Der Geist trieb ihn für 40 Tage in die Wüste und er kam verwandelt zurück (vgl. Lukas 4). Dies sind die Orte, an denen klassischerweise Initiation geschieht, Gemeindesaal und Kanzel sind dafür ungeeignet. Leider kommt so etwas in der pastoralen Ausbildung von heute nicht vor, wie so vieles Wesentliche.
In den archaischen Gesellschaften zogen sich die Initiationsriten, deren Ziel es war, Jungen zu Männern zu machen, oft über viele Monate hin. Die Initianden zogen aus ihrem Dorf hinaus in die Wildnis und die Absonderung, in der sie in die „Heilige Geschichte“ eingeweiht wurden, die ihre Kultur und Welt begründete, der entsprechend zu leben sie von den Ältesten gerufen und verpflichtet wurden.
Große Freude
Das Ziel einer Initiation ist nicht die Sammlung von Informationen über Themen, sondern die Berührung damit. Wenn ein Mensch von der „Gnade und dem Frieden“ Gottes berührt, ja sogar davon ergriffen wird, dann kann er den Weg weitergehen bis vor den Thron, wo sich neben Jesus Christus auch jene „sieben Geister“ Gottes befinden (Offb 1,4-6). Macht er dann Erfahrungen mit diesem Thron und dem vielfältigen Geist, wird er seiner Qualitäten teilhaftig: sowohl der Gnade als auch des Friedens, des Königtums ebenso wie des Priestertums.
Sind wir in diese Dimensionen eingetreten – und sie in uns –vermögen wir etwas von der ewigen „Herrlichkeit und Macht“ dessen zu berichten, der dort auf dem Thron sitzt – in einer angemessenen Art und Weise, nämlich in einer königlichen und priesterlichen Haltung. Und es handelt sich dann nicht mehr nur um abstraktes Wissen, das wir weitergeben, sondern um ein Zeugnis. Wir sprechen von dem, was wir „gesehen und gehört“ haben, was wir geschmeckt und erfahren haben, was uns ergriffen und verwandelt hat – und das in der Kraft des Geistes und „nicht mit Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern mit Worten, gelehrt durch den Geist“ (1 Kor 2,13). Wir sind von Theoretikern und „Besuchern“ des Thrones der Gnade zu einem Teil dieses Thrones geworden. Wir sind damit identifiziert, also existentiell verbunden und gehören jetzt dazu. Es ist unser Leben. Wir sind seine Boten. Und das wissen wir nicht nur im Kopf, sondern mit jeder Faser unseres Seins.
Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände berührt haben vom Wort des Lebens … was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus (1 Joh 1,1-3).
Hier wird die Identifikation „Gemeinschaft“ genannt. Das heißt, die Erfahrung und Bezeugung des „Anfangs“, der den Aposteln offenbart worden ist – „Das Leben ist geoffenbart worden, und wir haben gesehen und bezeugen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist“ (1 Joh 1,2) –, führt nicht nur zu einer theologischen Kenntnis der Schöpfung der Welt (durch den Vater) und der Erlösung (durch Jesus Christus), sondern zu einer Gemeinschaft mit ihnen im Heiligen Geist. Das Ergebnis dieser Gemeinschaft ist Freude. „Dies schreiben wir euch, damit unsere (bzw. eure) Freude vollkommen sei“ (1 Joh 1,4).
Auch Jesus sprach im Johannesevangelium von der „völligen Freude“ (vgl. Joh 15,11). Diese Art von Freude folgt den genannten Stadien der Initiation: von der Offenbarung des Anfangs, über die Offenbarung des Wortes (und Weges) des Lebens, bis hin zur Identifikation damit und zur Realisierung der der Gemeinschaft mit dem Vater der Schöpfung und dem Sohn Jesus, dem Christus.
Zwar können uns diejenigen, die diesen Weg gegangen sind und in die heilige Freude eingetreten sind, verkündigen und bezeugen, dass es das alles wirklich gibt und auch uns zugänglich ist, aber gehen müssen wir den Weg selbst, und die Offenbarungen der geistlichen Realitäten müssen wir auf diesem Wege selbst empfangen. Wir können sie nicht einfach nur von anderen übernehmen, wie diese sie erfahren haben, sonst kommen wir nicht in die Identifikation bzw. Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn hinein, welche „völlige Freude“ bedeutet.
Freude ist für uns eine mächtige Motivation, denn wer will nicht in ihre Fülle eintreten? Auch von Jesus heißt es, dass er „um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes“ (Hebr 12,2). Was motiviert uns so stark, dass wir den Spott derjenigen ertragen, die unser Christsein belächeln, und unser Kreuz auf uns nehmen, um Jesus zu folgen, bis auch wir mit ihm zur Rechten des Thrones Gottes sitzen? Ist es religiöse Ermahnung oder ist es Freude?
Ein wesentliches Ziel von Initiation
ist das Erlangen von Identität
durch Identifikation.
Das Ziel aller Erziehung überhaupt sollte über das Vermitteln von Wissen und Fertigkeiten hinaus das Erlangen von Identität sein. Wissen ist nicht Identität. Menschen können sehr gut gebildet sein und dennoch keine Ahnung darüber haben, wer sie eigentlich sind, geschweige denn, wozu der Himmel sie berufen hat und wie man Gemeinschaft mit ihm hat. Sie mögen mit ihrem Wissen gut ihren „Job“ erledigen können, dabei aber komplett am Sinn ihres Lebens vorbeigehen. Eine Tragödie!
Heute mangelt es der Kirche eklatant an Vorbildern und Ältesten, die den heiligen Weg gegangen und in die völlige Freude der wirklichen Gemeinschaft mit Gott eingetreten sind. Wir schauen uns in der Gemeinde um und können von der „großen Freude“ nur wenig finden, und das dann häufig auch noch in einer eher aufgesetzten Art und Weise und nicht in Wahrheit. Schauen wir hinter die frommen Kulissen, finden wir mitten in der Gemeinde, ganz im Gegenteil zur Freude, ein hohes Maß an Stress und Depression, an schwelenden Konflikten und chronischen Frustrationen. Natürlich kann das in einem Gottesdienstbesuch für ein bis zwei Stunden problemlos überspielt werden und bleibt verborgen. Aber was für ein Christsein soll das sein? Kein Wunder, dass viele Gemeinden sich leeren und sogar schließen. Jedoch verstehen viele, selbst engagierte Christen, nicht, warum das so ist. Sie predigen den Leuten zwar die Freude, aber hinein bringen sie sie nicht.
Gegen Ende seines Lebens sagte C.G. Jung einmal, er habe keinen einzigen Patienten gehabt, der in der zweiten Lebenshälfte stand und dessen Problem nicht durch den Kontakt zu etwas gelöst werden konnte, was er „das Numinose“ nannte und was wir „Gott“ nennen würden. Eine erstaunliche Aussage eines Mannes, der die institutionelle Religion nicht eben liebte.
Ich bin davon überzeugt, dass wir den Zugang zu unserem wahren Sein nur durch Gott finden können. Nur wenn wir in Gott ruhen, finden wir die Gewissheit, die innere Weite und die aufregende Freiheit, zu sein, wer wir sind – alles was wir sind …
Nur wenn wir durch Gott leben und durch seine Augen sehen, findet alles seinen Platz. Alle anderen Systeme müssen ausschließen, abschieben, bestrafen und beschützen, um ihre Identität in ideologischer Vollkommenheit oder irgendeiner Art von „Reinheit“ zu finden. Das verunreinigende Element muss immer aufgespürt und beseitigt werden. Abgesehen davon, dass dieses Vorgehen Zeit und Kraft kostet, hält es uns vor allem von der einzig wichtigen Aufgabe ab: zu lieben und die Einheit zu suchen.
Die chassidischen Meister lehrten ihre Schüler: Harke den Mist hierhin, harke den Mist dahin – es bleibt Mist. Du grübelst darüber herum, dabei könntest du Perle an Perle reihen zur Freude des Himmels!“5
Waisenkinder und Waisentheologie
Da Gottes Handeln an uns initiatischer bzw. initiatorischer Natur ist, weil er ein Vater ist, wir aber in einer Zeit leben, in der Menschen nicht mehr initiiert werden und aufgrund dessen häufig nicht erwachsen werden, kann es gut sein, dass wir Gott einfach nicht verstehen. Er spricht eine andere Sprache als wir, und wir haben keine Zeit, sie zu lernen. Sein Umgang mit uns ist uns rätselhaft, wir sind zu „irdisch gesinnt“. Wir verhalten uns wie Waisenkinder, die sich ständig selbst erfinden müssen, da sie keine väterliche Bezugsperson haben, die in der Lage ist, sie zu initiieren, weil sie viel tiefer blickt und weit mehr in uns sieht als wir selber.
Gott betrachtet uns ganz anders als wir selbst uns erkennen. Er rührt etwas in uns an, von dem wir gar nicht wussten, dass es da ist.
Um uns seine Sicht und seine Berührung mitzuteilen, muss er uns jedoch erst einmal in die Position bringen, in der das möglich ist, und in den Zustand versetzen, in dem wir dazu in der Lage sind, eine göttliche Schau und Berührung zu empfangen. Viele meinen, Gott könne ihnen doch „einfach mal“ sagen oder zeigen, was immer er ihnen sagen oder zeigen will, aber dem ist beileibe nicht so.
Wir erwarten von Gott Segen, wie wir uns Segen vorstellen, und nicht, wie Segen tatsächlich aussieht. An unendlich vielen Gebetserhörungen gehen wir vorbei, weil wir uns die Antwort ganz anders vorstellen, als sie uns zukommt.
Ein Priester saß an seinem Schreibtisch am Fenster und bereitete seine Predigt über die Vorsehung vor, als er plötzlich eine Explosion zu hören glaubte. Bald sah er auch Menschen in Panik hin und her laufen und erfuhr, dass ein Damm gebrochen war, der Fluss Hochwasser führte und die Bevölkerung evakuiert wurde.
Der Priester sah, wie das Wasser auf der Straße stieg. Es fiel ihm schwer, die aufsteigende Panik zu unterdrücken, aber er sagte sich: „Ausgerechnet jetzt arbeite ich an einer Predigt über die Vorsehung, da erhalte ich die Gelegenheit, zu praktizieren, was ich predige. Ich werde nicht fliehen. Ich werde hierbleiben und auf Gottes Vorsehung, mich zu retten, vertrauen.“
Als das Wasser bis zu seinem Fenster stand, fuhr ein Boot vorbei und die Menschen darin riefen ihm zu: „Steigen Sie ein, Herr Pfarrer!“
„O nein, Kinder“, sagte der Priester zuversichtlich, „ich vertraue auf die Vorsehung. Gott wird mich retten.“
Er kletterte jedoch auf das Dach, und als das Wasser auch bis dorthin stieg, kam ein weiteres Boot voller Menschen vorbei, und sie drängten den Pfarrer, einzusteigen. Wiederum lehnte er ab.
Dieses Mal stieg er bis in die Glockenstube. Als ihm das Wasser bis zu den Knien reichte, schickte man einen Polizeioffizier mit einem Motorboot, um ihn zu retten. „Nein danke, Herr Offizier“, sagte der Priester ruhig lächelnd. „Sehen Sie, ich vertraue auf Gott. Er wird mich nicht im Stich lassen.“
Als der Pfarrer ertrunken und zum Himmel aufgestiegen war, beklagte er sich sofort bei Gott. „Ich habe dir vertraut! Warum tatest du nichts, um mich zu retten?“
„Nun ja“, erwiderte Gott, „immerhin habe ich drei Boote geschickt.“6
Diese Geschichte bringt es auf den Punkt. Nach dem Tod des Priesters war die ganze Gemeinde wahrscheinlich voller Bestürzung darüber, dass Gott diese Tragödie zugelassen hatte. Sie sagten wohl genau dasselbe wie der Pfarrer: „Wir haben Gott vertraut! Warum hat er nichts getan, um ihn zu retten?“ Sicher fielen Zweifel und Verunsicherung in ihre Herzen und lähmten ihren Glauben, denn wenn so etwas einem „Mann Gottes“ passierte, wo blieben dann sie?
Diese vertrackte Situation findet sich auf allen Ebenen: Wir erbitten Gaben, wie wir uns Gaben vorstellen und nicht wie der Geist sie tatsächlich wirkt und wofür Gott sie bestimmt. Wir hören sein Wort nicht so, wie er es uns sagt, sondern so, wie unsere religiös gewaschenen Ohren es hören können und wie es „schon immer“ ausgelegt wurde.
Wie werden wir diese Diskrepanz überwinden? Gott möchte uns von kindischen und religiös klischeehaften Vorstellungen zu reifen und realistischen Vorstellungen bringen, die „höher als die Erde sind“ (Jes 55,8-9). Denn die Welt ist nicht so realistisch, wie sie vorgibt zu sein, sondern vielmehr trügerisch und illusionär. Um sie mit anderen Augen zu sehen, als wir gewohnt sind, ruft Gott uns auf seinen heiligen Berg, wo uns die Geschäfte der Welt unten im Tal einmal nicht bestimmen und die Dinge des Himmels oben auf dem Berg einmal allein wichtig sind und uns initiieren können. Wo es dann nicht mehr die Welt ist, die uns definiert, sondern der Himmel. Dann werden wir verwandelt bzw. von Neuem geboren.
1 R. Rohr, „Endlich Mann werden – Die Wiederentdeckung der Initiation“, Claudius Verlag München 2005, S. 11-12
2 M. Eliade s. o., S. 11.
3 Dürckheim, „Überweltliches Leben in der Welt – der Sinn der Mündigkeit“, Verlag O.W. Barth, Weilheim/Obb. 1972, S. 70-71.
4 Quelle: www.ncrtc.eu; aus dem Artikel: „Das haben wir scheinbar vergessen“.
5 R. Rohr, „Wer loslässt, wird gehalten“, Claudius-Verlag München 2001, S. 23-24.
6 A de Mello, „Das Anthony de Mello Lesebuch“, Herder 2013, S. 130 f.
2 Auf dem Berg
Groß ist der HERR und sehr zu loben
in der Stadt unseres Gottes.
Sein heiliger Berg ragt schön empor,
eine Freude der ganzen Erde;
der Berg Zion, im äußersten Norden,
die Stadt des großen Königs.
Psalm 48,2-3
Der Berg Gottes ist ein großes Thema, welches sich von Anfang bis Ende durch die ganze Heilige Schrift zieht. Auch in den Mythologien aller Völker finden wir die Vorstellung, dass die Götter in den Bergen wohnen. Denken wir nur an den Olymp als Sitz der griechischen Götter oder den Kailash im Himalaya, den heiligen Berg der Tibeter, der von den Hindus und Buddhisten verehrt wird und die in ihm den sagenhaften Berg Meru sehen, den Göttersitz im Mittelpunkt des Universums, um den alles kreist. Dann gibt es den Klosterberg Athos in Griechenland, welcher der heilige Berg der orthodoxen Kirche und Unesco-Weltkulturerbe ist. Und natürlich ist da der Berg Gottes, der Horeb, an dem Mose Gott begegnete und auch der Prophet Elia eine ganz neue Sicht auf seine Situation erhielt. Im Allgemeinen wird angenommen, dass der Berg Horeb und der Berg Sinai der gleiche Berg sind. Und schließlich ist der Tempelberg in Jerusalem zu nennen, der Zion Gottes, auf dem die Stadt Davids errichtet wurde.
Autorität
Es gilt die Regel: Je größer die Autorität, desto höher der Berg. Darum stehen Burgen, Schlösser und Festungen auf den Bergen, sie kontrollieren die Täler und Ländereien ringsherum. Auf den Höhen stehen auch die Tempel und Klöster, dort ist man dem Himmel näher als unten im Tal. Und da Gott über allen Göttern steht, ist sein Berg auch erhaben über alle anderen Berge.
Denn du, HERR, bist der Höchste über die ganze Erde. Du bist sehr erhaben über alle Götter (Ps 97,9).
Und am Ende der Tage wird es geschehen, da wird der Berg des Hauses des HERRN fest stehen als Haupt der Berge, und erhaben wird er sein über die Hügel. Und Völker werden zu ihm strömen, und viele Nationen hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns aufgrund seiner Wege belehre! Und wir wollen auf seinen Pfaden gehen. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem (Micha 4,1-2).
Den Berg Gottes gibt es sowohl physisch als auch meta-physisch bzw. geistlich. Zion und Jerusalem sind sowohl physische als auch geistliche Orte. Gott kann uns jederzeit auf seinen Berg holen, dafür müssen wir nicht in Israel wohnen und zum Horeb, zum Sinai oder in die Stadt Jerusalem reisen.
So lesen wir etwa beim Propheten Hesekiel, wie der Geist ihn ergriff und auf einen „hohen Berg“ brachte und Gleiches von dem Seher Johannes in der Offenbarung, ganz am Ende der Bibel:
In Gotteserscheinungen brachte der Geist mich in das Land Israel, und er ließ mich nieder auf einen sehr hohen Berg; und auf ihm, im Süden, war etwas wie der Bau einer Stadt. (Hes 40,2).
Und er führte mich im Geist hinweg auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie aus dem Himmel von Gott herabkam, und sie hatte die Herrlichkeit Gottes (Offb 21,10).