Kitabı oku: «Freud in Maloja»
Franz Maciejewski
Freud in Maloja
Die Engadiner Reise
mit Minna Bernays
Saga
Einleitung
»Journeys end in lovers meeting. Every wise men’s son doth know«
Shakespeare, Was ihr wollt
(2. Akt, 3. Szene)
Folgt man der Julierstraße im Lande Bünden bis nach Maloja (oder Maloggia) – jener Schwelle zwischen Italien und der Schweiz, an der das Engadiner Hochtal jäh ins Bergell abfällt –, so stößt man nach einer langgezogenen Kurve inmitten des Dorfes auf ein eindrucksvolles Gebäude: das Hotel Schweizerhaus. Der im Chaletstil errichtete Bau, der den Charme des Alten wie den Anspruch des Neuen gleichermaßen verkörpert, birgt ein Geheimnis – die Geschichte der verbotenen Liebe Sigmund Freuds zu seiner Schwägerin Minna Bernays.
Freud hat die beiden Bernays-Schwestern Minna und Martha Anfang der 80er Jahre in Wien kennengelernt, wohin die Hamburger Kaufmannsfamilie nach einem wirtschaftlichen Bankrott gezogen war. Minna verlobt sich mit 17 Jahren, noch vor ihrer um vier Jahre älteren Schwester Martha (der nachmaligen Frau Freud), mit Ignaz Schönberg; aber auf der Beziehung liegt ein Schatten. Schönberg, Student der Indologie, ist krank und stirbt 1886 an Tuberkulose. Nach dem Tod des älteren Bruders Isaak (1872) und dem des Vaters Berman (1879) ist dies der dritte Verlust eines nahen männlichen Angehörigen, den Minna zu verkraften hat. Schönberg verliert sie sogar zweimal: Der Schwerkranke löst ein Jahr vor seinem Tod die Verlobung auf. Minna ist 20 Jahre alt – und wird für den Rest ihres Lebens ledig bleiben.
Im Herbst 1896 nimmt Freud die temperamentvolle und attraktive Schwester seiner Frau in seine Wiener Wohnung Berggasse 19 auf. Eine Ménage à trois nimmt ihren Lauf. Minna, deren postalische Adresse »Frl. Minna Bernays bei Dr. Freud« lautet, erwirbt sich rasch in Fragen der Haushaltsführung und Kindererziehung die gleichen Rechte wie ihre Schwester. Anders als Martha avanciert sie zudem – was Freuds klinische Arbeit und wissenschaftliche Forschung anbetrifft – neben dem Berliner Freund Wilhelm Fließ zu dessen »nächster Vertrauten«. Nach und nach unternimmt Freud (von den beiden Frauen nur »Sigi« genannt) mit »der lieben Minnie« (oder auch »Minnig«) erste kleinere Landpartien; es folgt ein Wochenende in Salzburg. Im August 1898 brechen der damals 42-jährige Sigmund und die um 9 Jahre jüngere Minna schließlich zu ihrer ersten gemeinsamen Ferienreise auf, der im Laufe der nächsten Jahre weitere folgen sollten. Über Südtirol und Norditalien fahren sie ins Schweizerische Engadin, wo sie am 13. August in Maloja Station machen. »Wir sind in einem bescheidenen Schweizer Haus abgestiegen«, schreibt Freud von dort an seine Frau Martha. Gemeint ist das Hotel Schweizerhaus, das in Freuds Baedeker noch als Osteria vecchia geführt wird und sich rühmen darf, den Begründer der Psychoanalyse und seine Begleiterin drei Tage (und zwei Nächte) lang beherbergt zu haben.
Wer heute das Hotel aufsucht, vermisst vielleicht eine Marmortafel, auf der das Logis des berühmten Mannes festgehalten wäre. Aber der Direktor, Herr Wintsch, wird dem interessierten Gast gewiss das »Freud-Zimmer« zeigen und auf Nachfrage den handschriftlichen Eintrag Freuds in das altehrwürdige Gästebuch des Hotels. Übertrüge man diese Zeilen auf jene imaginäre Gedenktafel, so wäre dort zu lesen: »Hier wohnte im August 1898 Dr. Sigm. Freud und Frau.« So geschrieben wie gelesen entpuppt sich der Hoteleintrag unversehens als Schriftan-der-Wand. So stimmt es also, was eine Nichte Freuds, sehr viel später in einem Interview darauf angesprochen, bemerkte: Man habe sich in der Familie »das Maul zerrissen« und böse Zungen hätten von einer »zweiten Frau« Sigmunds gesprochen? Doch was genau steckt hinter der Verwandlung des »Fräulein Minna Bernays« in »Frau Freud«? Würden wir der psychoanalytisch einzig triftigen Antwort wiederum die Form einer Inschrift geben, so müsste auf der Tafel stehen: »Hier enthüllte am 13. August 1898 Dr. Sigm. Freud das Geheimnis seiner Libido.«

Das Hotel Schweizerhaus heute
Die Entdeckung des ominösen Hoteleintrags, die Freud der Gestalt des Ödipus, des phallischen Helden der griechischen Sage, nicht, wie üblich, in schöngeistiger sondern in sehr leibhaftiger Weise annähert, gelang 2006. Doch die Freudforschung hat den Rätselspruch der Sphinx schon sehr früh als »Minna-Frage« (Peter Gay) wahrgenommen: Hatte Freud ein intimes Verhältnis zu der Schwester seiner Frau oder nicht? Ernest Jones, der offizielle Freud-Biograph, sah sich genötigt, von umlaufenden Gerüchten über Freuds Eheleben zu berichten, dementierte sie aber energisch: »Bestimmt war Freuds Frau (Martha) in seinem Liebesleben die einzige Frau überhaupt. Zweifellos schätze Freud Minna, aber zu sagen, sie habe in seinem Gefühl irgendwie die Schwester ersetzt, ist einfach Unsinn.« Es war C.G. Jung, der in einem (1957 geführten und dann 1969 veröffentlichten) Interview als Erster von Tatsachen sprach: Minna Bernays habe sich ihm während seines ersten Besuches in Wien im Jahre 1907 anvertraut und gestanden, »dass Freud in sie verliebt und ihre Beziehung tatsächlich sehr intim war«. Fünf Jahre später, im Dezember 1912, teilte Sandor Ferenczi, in jenen Tagen einer der engsten Mitarbeiter Freuds, diesem brieflich eine Assoziation zu einem stark sexuell gefärbten Traum mit: »Sie haben einmal mit Ihrer Schwägerin eine Reise nach Italien gemacht (voyage de lit-à-lit).« Ferenczis spontaner Einfall spielt auf eine Passage aus der »Traumdeutung« an, in der Freud selbst eine »Traumanspielung auf das schöne Land« enthüllt: »gen Italien = Genitalien«.
Obwohl es keinen vernünftigen Grund gab und gibt, an den Angaben von Jung zu zweifeln und die sehr freudianische Bemerkung von Ferenczi nicht ernst zu nehmen, hat das Freud-Establishment ihre Glaubwürdigkeit pauschal in Abrede gestellt. K.R. Eissler und Peter Gay sprachen von bloßen Vermutungen und forderten »unabhängige Beweise«. Trotz dürftiger Argumente ist die Mehrzahl der Freudianer dieser Sprachregelung gefolgt.
Peter J. Swales, das Enfant terrible der Freud-Biographik, hat Anfang der 80er Jahre den Ton verschärft. In einer ebenso scharfsinnigen wie suggestiven Textexegese versuchte er den Nachweis zu erbringen, dass Minna Bernays von Freud schwanger gewesen ist und das gemeinsame Kind in Meran hat abtreiben lassen. Obwohl Swales in nachfolgenden Arbeiten seine These mit subtilen Ketten von Schlüssen erhärten und insgesamt einige der wichtigsten Bausteine zur Freud-Biographik beibringen konnte, werden seine Beiträge von orthodoxer Seite dem sogenannten »Freud-Bashing« (Freud-Klatschen) zugerechnet – und damit als nicht seriös diskreditiert.
Angesichts dieser verhärteten und hoch aufgeladenen Debattenlage ist der Fund von Maloja überraschend positiv aufgenommen und besprochen worden. Dies gilt vor allem für die Berichterstattung in den Printmedien. Die Erstveröffentlichung in der Frankfurter Rundschau vom 28. September 2006 hat weltweit Resonanz gefunden. Praktisch alle großen Zeitungen – von der New York Times und Le Monde, über den Corriere Della Sera und El Pais bis hin zur Neuen Zürcher Zeitung und Sunday Times – haben das Thema aufgegriffen und breit diskutiert [Anhang A]. Es stimmt aber auch, dass das kurzatmige Interesse der Medien in erster Linie einer publikumswirksamen Skandalisierung galt und gilt. Dem herrschenden Zeitgeist sind die Fortschritte in der Geistigkeit, die mit dem Namen Sigmund Freud verbunden sind, zutiefst suspekt. Daher das geheime Einverständnis, den Heros zu verunglimpfen, ihn wahlweise als Scharlatan oder Liederjan zu entlarven.
Das vorliegende Buch ist nicht zuletzt deshalb geschrieben worden, um dem Eindruck, das Dokument von Maloja diene einzig diesem Zweck, entgegenzutreten. Gewiss wird man etwa den Brief an den amerikanischen Neurologen James J. Putnam, in dem Freud die Schönheit der Sublimierung gegen das Glücksversprechen des Eros ausgespielt hat, jetzt anders lesen. Aber zur Häme besteht kein Anlass. Gewinnt doch gerade umgekehrt der fehlbare Freud an Menschlichkeit. Problematisch ist die Lage dagegen für die Hagiographen unter den Freudforschern, die uns Freud wieder und wieder als Wissenschaftsheiligen präsentiert haben. Ihr Werk – nicht Freud und die Psychoanalyse – ist beschädigt. Die entsprechenden Biographien warten darauf, umgeschrieben zu werden.
Ich werde die Geschichte der Aufdeckung der Liebesaffäre zwischen Sigmund und Minna im Folgenden nicht als »chronique scandaleuse« und damit im Geiste eines »Anti-Freud« erzählen. Vielmehr soll die Geschichte dem Ton und Stil nach sehr freudianisch aufgerollt werden – und damit letztlich der Psychoanalyse selbst zugute kommen. D.h. Minna Bernays interessiert nicht in erster Linie als Freuds Geliebte, sondern vielmehr als Wiedergängerin einer älteren Gestalt des Eros aus den Kindertagen des kleinen Sigmund. Wie die Julierstraße als Teil des altrömischen Wegenetzes über viele Etappen hinweg mit Rom als dem geheimen Mittelpunkt verbunden war, so wird sich zeigen, dass die Wege der Libido, auf denen Freud in Maloja gewandelt ist, in den Spuren seiner unglücklichen Kindheit verlaufen. Gemeint ist der Zwei-Mütter-Komplex, den Freud in seiner Freiberger Zeit erworben hat, als seine Erziehung konkurrierend in den Händen seiner Mutter Amalie und der als Ersatzmutter fungierenden Kinderfrau lag. Vor diesem Hintergrund ist die erotische Annäherung an die beiden Bernays-Schwestern Minna und Martha als Wiederholung einer infantilen Episode zu verstehen. Die Rekonstruktion dieser Tiefenschicht wird das geheime Zentrum der seelischen Heimat Freuds freilegen, Wegenetz und Beziehungsgeflecht in einem, das ihm bei allen späteren Erkundungen – die Umseglung erotischer Kontinente eingeschlossen – als eine Art topographisches Schnittmuster von Liebe und Hass gedient hat. So betrachtet vermag uns das libidinöse Begehren Freuds über alte und anhaltende Triebkonflikte aufzuklären, die den Begründer der Psychoanalyse in deren formativer Phase beherrschten – mit unvermeidlichen Folgen für die Theorie. Die gemeinsame Reise ins Engadin erscheint somit als eine mehrschichtige Zeitreise in die Vergangenheit. Für die Entzifferung ihrer Bedeutung dürfen wir getrost auf die Aufklärungsmetapher der Archäologie zurückgreifen, der sich Freud selber in seinen Werken immer wieder bedient hat:
»Nehmen Sie an«, schreibt Freud in Zur Ätiologie der Hysterie (1896), »ein reisender Forscher käme in eine wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit Mauerresten, Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit verwischten und unlesbaren Schriftzeichen sein Interesse erweckte. Er kann sich damit begnügen zu beschauen, was frei zutage liegt, dann die in der Nähe hausenden, etwa halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was ihnen die Tradition über die Geschichte und Bedeutung jener monumentalen Reste kundgegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen und – Weiterreisen. Er kann aber auch anders vorgehen; er kann Hacken, Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner für die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken. Lohnt der Erfolg seiner Arbeit, so erläutern die Funde sich selbst. (...) Saxa loquuntur! [Die Steine reden!]«
Dieses Diktum gilt auch für den Fund von Maloja. Die Minna-Affäre ist nichts als der verworfene Eckstein am Gebäude der Psychoanalyse, das zu großen Teilen aus dem Steinbruch der Freudschen Biographie, dessen verschüttete Teile bis auf den heutigen Tag noch nicht vollständig freigelegt sind, erwachsen ist. In den aufgedeckten Erinnerungsschichten erkennen wir, mit dem schönen Wort von Conrad Ferdinand Meyer, den Menschen Freud »in seinem Widerspruch« – und dahinter »das ausgeklügelt Buch« der Psychoanalyse. Die Bedingungen der Niederschrift dieses Buches besser verstehen und dabei unberücksichtigt Gebliebenes zur Geltung bringen zu können, ist der tiefere Sinn der Unternehmung.
Die Reise auf mehreren Zeitebenen – Leitfaden des vorliegenden Buches – führt dabei unversehens aus dem Zirkel und Wirbel der Minna-Affäre heraus zu ganz anderen Begegnungen. Wir werden Freud auf Anregung seines Freundes Wilhelm Fließ, eines glühenden Verehrers des zuvor zitierten Schweizer Dichters, auf den Spuren von Jürg Jenatsch (des Graubündner Freiheitshelden, dem C.F. Meyer ein literarisches Denkmal gesetzt hat) reisen sehen und umgekehrt erleben, wie sich die Bahnen von Freud und Giovanni Segantini, dem Genius loci der Engadiner Bergwelt, auf Sichtweite annähern – wenn nicht kreuzen. Überraschende Treffen mit Gestalten der Literatur und Kunst treten aus dem Dunkel einer alten Geschichte ins Helle, um den Leser im Gegenlicht des Schrillen mit Bildern eines noch weithin unbekannten, leisen und nachdenklichen Freud zu konfrontieren.
Umgekehrt stoßen die Grabungen auf abgesunkene Katakomben und Todeslandschaften, zu denen vor allem eine von der Freud-Biographie kaum gewürdigte Schicht der Freudschen Militärzeit zählt: die Teilnahme am Balkanfeldzug von 1878/79, welcher der Eroberung Bosniens und der Herzegowina durch die Habsburger Monarchie galt. Als Freud 20 Jahre später als Tourist in die Herzegowina zurückkehrt, ereignet sich die berühmt gewordene Signorelli-Episode – das Vergessen des »Namens des großen Malers, der das Weltgericht in Orvieto gemacht hat«. Es wird sich zeigen, dass die alten Kriegserlebnisse in die Signatur jener Fehlleistung Eingang gefunden haben und dass die Affäre Minna der Schlüssel ist, sie dort zu entziffern und zu verstehen.
1. Die Geschichte der Entdeckung
Ein Interview mit dem britischen Radiosender
Planet Freud
Planet Freud: Ihre Entdeckung des Hoteleintrags von Maloja hat unter Freudianern ein mittleres Beben ausgelöst. Uns interessiert an dieser Stelle die Geschichte hinter der Geschichte. Wie sind Sie der Sache auf die Spur gekommen?
F.M.: Auf Umwegen. Als ich meine Recherche im Oktober 2004 begann, glich sie der Suche nach der verlorenen Zeit. Der Proust’sche Erzähler erinnert sich an zwei Seiten für Spaziergänge, die sich von Combray aus zu gehen anboten, der Seite von Méséglise und der Seite von Guermantes. Die Wege seien einander so entgegengesetzt gewesen, dass er nicht einmal durch die gleiche Pforte aufbrach, um in die eine oder andere Richtung zu gehen. Und die Vorstellung, über Guermantes nach Méséglise zu gehen oder umgekehrt, sei so absurd gewesen wie die Idee, nach Osten aufzubrechen um nach Westen zu gelangen. Es wäre die Umrundung von Swanns Welt gewesen, die aber nur absichtslos gelingen kann. Ganz ähnlich ist es mir mit der Reise um den Planeten Freud [lacht] ergangen. Ich bin nach Osten gegangen, ohne zu ahnen, dass ich insgeheim nach Westen lief.
Planet Freud: Und Ihre beiden Wege waren ...
F.M.: ... die Seite von Freuds Schwester und die Seite von Freuds Bruder. Mit Schwester meine ich natürlich Freuds Schwägerin Minna, seine sister-in-law also »Schwesternach-dem-Gesetz«, wie es im Englischen so treffend heißt. Mit Bruder ist Freuds jüngerer, früh verstorbener Bruder Julius gemeint. Ich bin damals gerade nicht durch das große Tor der Minna-Frage nach der Seite der Schwester aufgebrochen, sondern umgekehrt durch die kleine Pforte der Bruder-Seite. Und von hier ging es wirklich nach Osten, in die alte mährische Heimat der Freuds nämlich, die heute Teil der Tschechischen Republik ist. Ich wollte dort in alten Archiven stöbern.
Planet Freud: Um mehr über Julius zu erfahren.
F.M.: Ja. Die kurze aber intensive Begegnung zwischen Sigmund und Julius ist ein faszinierendes Kapitel im Leben Freuds. Übrigens mit einer ungeheuren Nachwirkung. Freud selbst hat bekannt, dass er die Ankunft dieses, wenn ich so sagen darf, »Bruders-nach-der-Geburt« mit bösen Wünschen begleitet hat. Hernach, nach dem tatsächlich eingetretenen Tod (Julius starb mit 8 Monaten), blieben nicht vergehende Schuldgefühle zurück. Freud zählte diese traumatische Episode seiner frühesten Kindheit zum Kernbestand seiner Neurose. So machte er sie unter anderem für zwei Ohnmachtsanfälle, 1909 in Bremen und 1912 in München, verantwortlich. Ich sprach von Freuds Leben. Mich trieb die Frage um, welchen Einfluss der tote Julius auf das Werk des Gründers der Psychoanalyse genommen hatte.
Planet Freud: Das klingt ein bisschen verwirrend.
F.M.: Ist es auch. Ich ging nämlich davon aus, dass der Geist von Julius in Freuds Werk unter anderem Namen herumspukte.
Planet Freud: Wie bitte?
F.M.: Wie jeder jüdische Knabe, so hatte auch Julius anlässlich seiner Beschneidungsfeier einen zweiten Namen verliehen bekommen. Freuds jüdischen Namen kennen wir, er lautet Schlomo. Der von Julius ist unbekannt. Ich war, um die Sache auf den Punkt zu bringen, auf der Suche nach dem verlorengegangenen jüdischen Namen von Julius. Er schien ein Geheimnis zu bergen, wie schon Ernest Jones vermutet hat.
Planet Freud: Freuds bulldog.
F.M.: Jones bekennt in seiner Biographie, nicht nur nach dem zweiten Namen von Julius, sondern nach einem bestimmten Namen gesucht zu haben. Er hat versucht herauszubringen, ob Julius nicht auf Jüdisch Moses geheißen haben könnte. In diesem Fall, so Jones’ kryptische Botschaft, hätte Freuds Identifizierung mit der Gestalt des Moses die tiefere Bedeutung einer Hassreaktion gehabt, wie bei Napoleon gegenüber seinem Bruder Josef.
Planet Freud: Das müssen Sie unseren Hörern erklären.
F.M.: Hier sind zwei Fäden miteinander verwoben, die auseinander gehalten werden müssen. Hintergrund ist zunächst die obsessive Beschäftigung Freuds mit dem Moses, wie sie in den beiden Büchern »Der Moses des Michelangelo« und »Der Mann Moses und die monotheistische Religion« ihren Ausdruck gefunden hat. In Briefen, die Freud während der Entstehungszeit dieser Werke schrieb, finden sich Wendungen, die aufhorchen lassen: Moses verfolge ihn unablässig, er plage ihn wie »ein unerlöster Geist«. Aus Formulierungen wie diesen hat Jones den Schluss gezogen, dass Freud unbeherrschte gefühlsmäßige Gründe gehabt haben muss, um sich ein Leben lang mit der mächtigen Gestalt zu beschäftigen, ja, zu identifizieren. Nun hat Freud selber in Briefen an Arnold Zweig und Thomas Mann die Skizze einer angeblichen Josefsfantasie Napoleons zu Papier gebracht. Sie dient ihm als Musterbeispiel einer Lebensführung, dessen verschlungene Wege durch das einigende Band eines Namens (Josef), des Namens eines ursprünglich verhassten Bruders, zusammengehalten werden. Die Berechtigung, dieses analytische Vorbild versuchsweise auf Freud zu übertragen, dürfte sich für Jones aus der Art und Weise ergeben haben, mit der dieser den Geschwisterhass beschreibt. Freud spricht sinngemäß von einer elementaren, unergründlich tiefen Feindseligkeit des kleinen Napoleon gegenüber dem älteren Bruder. Josef zu beseitigen, sich an seine Stelle zu setzen, sei seine stärkste Gefühlsregung gewesen, für die heute die Bezeichnung Todeswunsch angemessen erscheine. Die Lektüre dieser Passagen führt zu einem unwillkürlichen Déjà-vu-Erlebnis: Hat sich Freud nicht mit ganz ähnlichen Worten zu Todeswünschen gegenüber seinem Bruder Julius bekannt? Verbarg sich nicht hinter der Absicht, Julius zu beseitigen, sich an seine Stelle zu setzen, wieder der bevorzugte Liebling der Mutter zu werden, die stärkste Gefühlsregung des kleinen Sigmund?
Planet Freud: Eine sehr weitgehende »Freud-Fantasie«, die Sie Jones da unterstellen, nicht wahr.
F.M.: Jedenfalls muss Jones intuitiv sehr sicher gewesen sein, das Richtige getroffen zu haben. Sonst hätte er die Anmerkung gegenüber Anna Freud, die bekanntlich jedes Wort der großen Biographie abgesegnet hat, nicht durchsetzen können. Ich glaube auch, dass Jones die Pointe klar vor Augen stand: Wenn Julius Moses geheißen hat, dann war niemand anderer als dieser unheimliche Bruder das Original hinter der vielschichtigen Figur des Moses des Sigmund Freud.
Planet Freud: Hat Jones die Sache denn herausbekommen?
F.M.: Nein. Er wurde nicht fündig, was nicht bedeutet, dass die Fährte falsch und der Fall damit erledigt war.
Planet Freud: Sie haben also mit Ihrer Recherche die Spurensuche von Jones dann wieder aufgenommen. Richtig?
F.M.: So kann man das sagen. Das geschah ziemlich genau 50 Jahre danach und unter gänzlich veränderten Bedingungen. Zwei Felder boten sich für eine neue Erforschung an. Auf der einen Seite gab es die Freud Archives, die größte Sammlung von Dokumenten und Papieren zu Freuds Leben und Werk. K. R. Eissler hat sie unter dem Dach der Library of Congress, Washington D.C., aufgebaut und verwaltet. Das Findebuch zur Sammlung weist u.a. diverse Familienpapiere aus (Family Papers, 1851–1978), aber die meisten dieser vielversprechenden Bestände sind aufgrund einer restriktiven Archivpolitik noch auf Jahre gesperrt. Ich habe gleichwohl an den derzeitigen Direktor Harold P. Blum eine Anfrage gerichtet und nachgefragt, ob seiner Kenntnis nach der zweite Name von Julius Freud in den Beständen der Freud Archives irgend dokumentiert ist. Der Bescheid fiel negativ aus [Anhang B].
Planet Freud: Damit blieb nur noch der Weg in die zugänglichen Archive von Freuds alter Heimat.
F.M.: So ist es. Die Bedeutung dieser Archive für die Freud-Forschung war durch wichtige Funde bekannt. Eine erste Sichtung von Freudiana hatte längst stattgefunden. So hat Josef Sajner im Staatsarchiv von Troppau (Opava) die »Matrik der Abschriften der Andersgläubigen Freibergs« eingesehen und dort den Geburtseintrag von Sigmund Freud entdeckt. Aber mehr noch, er konnte die Einträge all derjenigen Kinder, die wir aus den beiden Freud-Familien (von Jakob Freud und seinem ältesten Sohn Emanuel) kennen, präsentieren. Nur für Julius fand sich kein Eintrag – was wahrscheinlich macht, dass er nicht in Freiberg geboren wurde. Diese Nachforschungen bezogen sich nicht nur auf Freiberg, den Wohnort der Freuds, sondern nach und nach auch auf benachbarte Orte wie Roznau, einem nahe gelegenen Kurort. Im Zuge dieser erweiterten Suche hat Sajner eine Eintragung im Kurblatt von Roznau entdeckt, die belegt, dass sich »Amalie Freud, Wollhändlersgattin mit dem Kinde Sigmund und dem Dienstmädchen Resi Wittek von Freiberg« unter dem Datum vom 5. Juni 1857 im »Haus Nr. 180« einquartiert hat. Aufgrund dieser Quellenlage und in Kombination mit dem Wissen, dass Amalie Freud bei Kurantritt bereits hochschwanger war (notabene: mit Julius), habe ich an anderer Stelle die These vertreten, Freuds Mutter könnte ihren zweiten Sohn in Roznau zur Welt gebracht haben.

Der Marktplatz von Roznau um 1850
Planet Freud: Womit Roznau zum Dreh- und Angelpunkt der Recherche wurde.
F.M.: Roznau und andere Orte des Distrikts. Als ich im Oktober 2004 das Staatsarchiv von Troppau aufsuchte, war es in der Tat meine Absicht, die Matrikeln von Roznau nach einem Geburtseintrag von Julius zu überprüfen. Neben einer Bestätigung für die These der Geburt in Roznau, erhoffte ich im günstigen Fall einen Hinweis auf den zweiten Namen von Julius. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Matrikelbestand von Roznau überhaupt keinen Anhang zide (d.h. jüdische Einträge) hatte. Der angenommene Fall: Geburt in einem Kurort (Roznau), der nicht der Heimatort (Freiberg) ist, scheint verwirrend, weil nicht klar ersichtlich ist, welche Stelle (Rabbinat, Gemeinde) für den Geburtseintrag zuständig ist. Roznau schied aus, da es dort keine eigenständige Israelitische Kultusgemeinde (IKG) gab. Nach Lage der Dinge, d.h. nach Einschätzung der kommunalen und religiösen Bedeutung der umliegenden Gemeinden, kamen die Matrikeln von Wallachisch Meseritz, Neutitschein, Vsetin und Weisskirchen in Frage. Alle diese Unterlagen lagern im Staatlichen Zentralarchiv von Prag. Dort habe ich als erstes das Geburtsbuch von Wallachisch Meseritz einsehen können. Ich tat dies mit gestiegener Erwartung, denn laut Katalog sollten die jüdischen Matrikeln mit dem Jahre 1857 beginnen, dem Geburtsjahr von Julius. Leider waren die interessierenden ersten Seiten herausgerissen.
Planet Freud: Das muss sehr enttäuschend gewesen sein. Wie ging es weiter?
F.M.: Die Leiterin der 1. Abteilung des Staatlichen Zentralarchivs, Frau Dr. Lena Matusikova, half mir, die anderen erwähnten Matrikelbestände zu überprüfen. Das Ergebnis war ernüchternd: Weder die Kontrollmatrikel der IKG in Neutitschein noch die in Vsetin enthielten irgendeine Angabe zu Julius Freud. Im Bestand der Geburts- und Sterbematrikeln der IKG in Weisskirchen klaffte dagegen für die Jahre 1857/58 eine Lücke. Nach meiner Rückkehr stand ich – was den erhofften Archivfund anbetrifft – mit leeren Händen da.
Planet Freud: Haben Sie in dieser Situation daran gedacht, das ganze Projekt aufzugeben?
F.M.: Im Frühjahr 2005 stand ich wirklich nahe davor. Ich kam, um ein Bild von Freud aufzugreifen, mir vor wie eine Tänzerin, die auf einer Zehenspitze balanciert, sprich: mit minimaler Bodenhaftung.
Planet Freud: Was bewirkte den Umschwung?
F.M.: Ich wusste von einer wenig beachteten Fehlleistung Freuds aus dem Jahre 1898. Es handelt sich um das Vergessen eines Eigennamens, den ersten Fall dieser Art überhaupt, den Freud erwähnt hat. Ihm war der Name des Dichters, von dem der Andreas Hofer (»Zu Mantua in Banden«) ist, entfallen: »Julius Mosen«. Wie in einem Vexierbild sind in diesem Namen die beiden mutmaßlichen Vornamen von Freuds Bruder versteckt: Julius und Moses. Ich ahnte intuitiv, dass Freud hier das Geheimnis um den jüdischen Namen seines Bruders auf eine vertrackte Art mitgeteilt hatte. Zur Kenntlichkeit entstellt, hätte Walter Benjamin das genannt. Wenn es mir gelingen würde, das Rätsel der Fehlleistung zu lösen, dann könnte ich – so meine Überlegung und Hoffnung – mein Ziel jenseits archivarischer Evidenz doch noch erreichen. Allerdings hatten all die klugen Freud-Forscher die Fehlleistung als nicht-analysierbar beiseite gelegt. Die Ersatznamen, die Freud an Stelle des verdrängten »Mosen« eingefallen waren (»Lindau« und »Feldau«), erschienen ihnen zu hermetisch. Es gab praktisch keinen Zugang in der Sache. Ich habe mich trotzdem an die Arbeit gemacht. Es war eine beispiellose Herausforderung – und meine letzte Chance.
Planet Freud: Offensichtlich ist es Ihnen gelungen, sich trotz der Widrigkeiten einen Zugang zu verschaffen. Wie ging das vonstatten?
F.M.: Ich ging zunächst die Frage der Datierung an: Wann und bei welcher Gelegenheit hat sich Sigmunds Freud’sche Fehlleistung ereignet? Und schon war die erste Überraschung perfekt. Ganz offensichtlich war das Vergessen auf eben jener Reise passiert, die Freud zusammen mit Minna Bernays im Sommer 1898 unternommen hatte und die die beiden ins Engadin führte. Mit einem Schlag, aber völlig unerwartet, befand ich mich auf der Spur, die mich über viele Stationen letztlich nach Maloja fuhren sollte.
Planet Freud: Sie haben auf der dunklen Seite des Planeten den Anschluss an den Weg der Schwester gefunden.
F.M.: Ja, aber es hat noch lange gedauert, bis mir die Bedeutung klar wurde. Zunächst blieb der Bruder das Leitmotiv. Ich konnte die mit Unlustgefiihlen verbundene Reminiszenz an Julius als einen Grund in dem vielschichtigen Vorgang des Vergessens von »Mosen« nachweisen. Über Wortbrücken wie »Julier« (einer altrömischen Heerstraße, die vom bündnerischen Chur über den Julierpass und Maloja nach Chiavenna führt) und »Julian« (einer Gestalt aus C. F. Meyers Novelle »Das Leiden eines Knaben«, die Freud vor Reiseantritt gelesen hatte) war der Geist von Julius wiedergekehrt. Er hatte teil an der Reise mit Minna. Wie ich bereits kurz erwähnte, hatte Freud die Geburt des Bruders – des Rivalen um die Liebe der Mutter – einst mit Todeswünschen begleitet und bei dessen tatsächlichem Ableben bleibende Schuldgefühle erworben. Julius verkörperte deshalb die bedrohliche Verklammerung von Liebe und Tod. Ganz offensichtlich war es die erotische Besetzung von Minna, welche über die Kraft verfügte, die Affektlage dieser älteren Schicht wiederzubeleben. In einer weiteren Schicht mischten sich dann die Schuldgefühle wegen der inzestuösen Liebesbeziehung in diesen Komplex hinein.
Planet Freud: War mit dieser Deutung das Rätsel der »Julius Mosen«-Fehlleistung denn schon gelöst?
F.M.: Nein, keineswegs. Das war ein langwieriger Prozess, das geduldige Zusammenlegen eines Puzzles. Die meisten Einzelstücke des Materials, das ich fand oder gewann, waren anfänglich völlig ungeordnet. Viele wichtige Schritte entpuppten sich als Zwischenschritte. Auch die Zerlegung des Rätsels in zwei Hälften, die Bruderseite von Julius und die Schwesterseite von Minna, erwies sich als eine solche Etappe. Ich habe das Vergessen von »Julius Mosen« von Anbeginn als Pendant zu einem anderen Fall verstanden, der später berühmt gewordenen »Signorelli«-Fehlleistung. Es gibt da eine überraschende Dopplung, eine Zweiheit der Geschichte. Freud reist mit Minna ins Engadin; auf dieser Reise unterläuft ihm das Vergessen von »Julius Mosen«. Nach seiner Rückkehr bricht Freud zu einer zweiten Reise mit Martha auf, seiner Ehefrau; sie reisen nach Dalmatien. Auf dieser Fahrt vergisst er den Namen des Malers »Luca Signorelli«. Was steckt dahinter? Zugespitzt formuliert: Es geht nicht allein um Schwester Minna, sondern um die beiden Schwestern Martha und Minna – aber in der Rolle von Müttern. Ein Dreieck wird sichtbar: Sigmund im Spannungsverhältnis zwischen seinen beiden Müttern, der guten und der bösen Mutter, der leiblichen Mutter und der Ersatzmutter. Szenisches Verstehen lässt natürlich sofort an die ferne Reise nach Roznau denken, die der kleine Sigmund 1½-jährig an der Seite von Mutter und Kinderfrau unternommen hat, überwältigt von Hass gegen den unerwünschten Dritten, den im Mutterleib heranwachsenden Julius. Dessen nahe Ankunft hat ja die Anwesenheit der Kinderfrau – und damit die »Zwei-Mütter-Kindheit« – überhaupt erst nötig gemacht. »Die Reise nach Roznau« ist gewissermaßen das topographische Urmeter, mit dem wir die Wegstrecken der Liebe und des Hasses, die Freud gegangen ist, immer wieder messen müssen. In diesem Licht entpuppten sich die beiden Reisen, die mit Minna nicht anders als die mit Martha, nach und nach als Reinszenierungen des älteren Vorbilds.
Planet Freud: Diese Zusammenhänge und Verknüpfungen sind das Ergebnis späterer Arbeit, sagten Sie. Aber wie haben Sie Maloja und das Hotel erlebt, als Sie das erste Mal vor Ort waren?
F.M.: Maloja hat in seiner exponierten Lage etwas zutiefst Janusköpfiges. Der Ort schaut gelassen zurück auf das alpine Hochtal und blickt in umgekehrter Richtung wie erregt nach Italien, dessen Versprechen sich durch einen jähen Absturz in das wildschöne Val Bregaglia (Bergell) andeutet. Dort der weite Panoramablick entlang des nach Norden fließenden Inn, hier das nervöse Blinzeln nach dem Süden. Der schlagartige Wechsel, den man erlebt, wenn man in 1800 Metern Höhe aus der Sonne in den Schatten tritt und den etwa Segantini auf seinen Bildern evoziert, hat hier seine genaue Stelle. Diesen letzten Außenposten haben sich Freud und Minna als Abschluss ihrer Reise auserkoren, so als hätten sie eine Grenze erreicht und ihr Äußerstes gewagt. Aus den Reisebriefen wissen wir, dass sie ursprünglich planten, nach Chiavenna abzusteigen in Richtung des Comersees. Freud zufolge unterließen sie den Abstecher wegen zu großer Hitze. »Es fehlte uns der Mut«, schreibt er wörtlich. Ich führte damals ein Reisetagebuch und notierte: War das Schweizerhaus ein Hotel (am) Abgrund? Ich schrieb dies, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, Erkundigungen über das Logis der beiden einzuziehen.
Planet Freud: Wie erklärt sich dieser Mangel an Neugier?
F.M.: Ich sollte an dieser Stelle nachtragen, dass meine Recherche in jenen Tagen längst Teil eines Buchprojektes geworden war. Ich schrieb, immer vor dem Hintergrund der Freud’schen Mosesfantasie, an einem Buch über das Leben, den Tod und das Nachleben von Julius; ein Buch ...
Planet Freud: ... das Ende 2006 unter dem Titel »Der Moses des Sigmund Freud« erschienen ist.
F.M.: Ja. Ein Buch, in dem der Blick auf den »unheimlichen Bruder« – so der Untertitel – vorherrschend blieb. Das ist das eine. Auf der anderen Seite wurde die von Autoren wie Ferenczi, Jung oder Swales nahegelegte Vermutung, Freud und Minna hätten (zumindest zeitweise) eine intime Beziehung unterhalten, für mich durch die Ergebnisse meiner eigenen Arbeit nahezu zur Gewissheit. Die Deutung von Träumen aus jener Zeit, die Analyse von Lektüren und Briefen Freuds, die fortschreitende Auflösung der »Julius Mosen«-Fehlleistung: alles wies in diese Richtung.
Planet Freud: Das heißt, Sie verspürten keinerlei Notwendigkeit, nach einem unabhängigen Beweis in der Sache zu suchen.
F.M.: Genau so war es – und so ist es die ganze Zeit der Niederschrift über geblieben. Buchstäblich erst kurz vor der Drucklegung meines Buches – ich hielt die Korrekturfahnen bereits in Händen – beschlich mich das Gefühl, in Maloja etwas Wichtiges vergessen zu haben. Ich hätte aber nicht sagen können was. Wenige Wochen zuvor hatte ich Kontakt mit dem Direktor des Hotels, in dem Freud und Minna Bernays vor mehr als hundert Jahren übernachtet hatten, aufgenommen. Ich dachte, er müsste Interesse an der alten Geschichte haben und wollte ihm ein Exemplar meines Buches zum Geschenk machen. Tatsächlich hatte er bis dahin keine Ahnung davon, dass Sigmund Freud einmal zu Gast im Schweizerhaus gewesen ist. Aber ihn interessierte die Sache sehr, da er für das im darauf folgenden Jahr anstehende 125-jährige Jubiläum des Hauses an einer Chronik arbeitete. Wir vereinbarten ein Treffen vor Ort, das im August 2006 zustande kam. Ich verband diese Reise mit einem Kurzurlaub und reiste mit meiner Familie. Wir wurden als Gäste erwartet, und meine Frau und ich erhielten das Zimmer N° 23, ein Doppelzimmer im alten Stil. Unser Sohn schlief in einem benachbarten Einzelzimmer. Erst am Vormittag des folgenden Tages fand die geplante Unterredung mit den Hotelbesitzern, Herrn und Frau Wintsch, statt. Ich werde nie meine Verblüffung vergessen, als ich bemerkte, dass sie das alte Gästebuch schon dabei hatten. Sie waren einfach neugierig zu erfahren, ob meine Behauptung, Freud sei am 13. August 1898 in »ihrem« Hotel abgestiegen, wirklich stimmte. Ich fand in der großen, in Leder eingebundenen Kladde schnell Jahr und Monat. Auf der betreffenden Seite fuhr ich mit dem Finger die Zeilen runter – und voilà, da war der Eintrag Freuds in der mir vertrauten Handschrift. Nun, den Rest kennen Sie.

Freuds Hoteleintrag (5. Zeile von oben): »Dr Sigm Freud u Frau – Wien«
Planet Freud: Nicht ganz. Sie konnten aufgrund Ihrer Kenntnis einen Eintrag Freuds erwarten, aber nicht diesen. Waren Sie nicht maßlos überrascht?
F.M.: Es gab, um genau zu sagen, zwei Überraschungen. Natürlich war der Eintrag im Gästebuch eine kleine Sensation. Freud hatte von seiner Affäre mit Minna eine Spur hinterlassen, es gab ein Realitätszeichen, einen Fingerabdruck, wenn Sie so wollen. Der Fund hatte aber für mich nichts Schockierendes an sich. Was sich einstellte, war eher das Gefühl einer unverhofften Bestätigung: Also ist es wahr, Sigmund hat wirklich ein Verhältnis mit Minna gehabt. Mir war zugefallen, wonach ich gar nicht gesucht hatte – und was nur durch die Hebammendienste der Hoteliers ans Licht gehoben wurde.
Planet Freud: Und was hat es mit der zweiten Überraschung auf sich?
F.M.: Der Eintrag enthält den Hinweis auf das Zimmer N° 11. Ich fragte die Besitzer, ob sie wüssten, um welches Zimmer es sich dabei handele. Sie mussten passen; naturgemäß entsprach die aktuelle Nummerierung der Zimmer nicht mehr der alten. Der Zufall wollte es, dass die Vorbesitzerin, eine Frau Marti, im Hause weilte. Herr Wintsch erbot sich, sie zu fragen. Die alte Dame wusste ohne Zögern zu berichten, dass die ehemalige N° 11 mit der jetzigen N° 23 identisch sei, dass es sich dabei im Übrigen um eines der wenigen Zimmer handele, die baulich nie verändert wurden. Ich hatte also mit meiner Frau in »Freuds Zimmer« übernachtet.
Planet Freud: Das i-Tüpfelchen sozusagen. Wie würden Sie zum Schluss die Bedeutung von Maloja zusammenfassen?
F.M.: Maloja ist das Epizentrum eines tieferliegenden Bebens, das in der prähistorischen Zeit von Freuds Kindheit ausgelöst wurde und seine Schockwellen über den Planet Freud geschickt hat – mit Nachwirkungen bis auf den heutigen Tag. Davon zeugen die vielfältigen Reaktionen. Die Affäre Minna, heißt das, steht nicht quer zum Freudschen Lebenslauf; richtig eingesetzt passt sie zur Linienführung eines frühen Kindheitsmusters und hilft mit, den Mann Freud besser zu verstehen – und damit die schwierigen Bedingungen, unter denen das Meisterwerk der Psychoanalyse entstanden ist – und wohl nur entstehen konnte. Zusammen mit Roznau ist Maloja einer der Erinnerungsorte, die zu beweisen scheinen, dass die spätere Einkleidung der zentralen Triebkonflikte in das Gewand der griechischen Ödipus-Mythe auf sehr eigensinnige Erfahrungstatsachen zurückzuführen ist.
2. Die Vorgeschichte(n)
Das Jahr 1898 war für Freud ein außergewöhnlich bewegtes Jahr. Schon über Ostern, das in den frühen April fiel, verbrachte er mit seinem Bruder Alexander einige Tage im Süden. Sie hatten Istrien als Reiseziel gewählt und besuchten nacheinander Aquileia, Grado, die Rudolfshöhle sowie die Höhlen von St. Canzian. Ziemlich genau 22 Jahre zuvor, im April 1876 und wiederum über die Osterzeit, weilte Freud als Student das erste Mal auf istrischem Boden. Damals reiste er mit einem Stipendium nach Triest, um an der dortigen k. k. Zoologischen Station die Fortpflanzungsorgane der Aale zu erforschen. Genauer gesagt, war Freud auf der Suche nach den versteckten Hoden der männlichen Aale, »aber vergebens, alle Aale, die ich aufschneide, sind vom zarten Geschlecht«. So sein brieflicher Bericht an den Jugendfreund Eduard Silberstein1, der sich in Roznau aufhielt – zeitgleich mit Freuds Mutter Amalie. Neben der »bestienmordenden Wissenschaft«, die »seine Hände mit weißem und rotem Blut befleckt«, schreibt Freud über die männermordenden Schönen der Stadt, »lauter italienische Göttinnen«, darunter ungewöhnlich viele schwangere Frauen. Die Reise nach Istrien ist also eine Wiederkehr. Und erstaunlicherweise liest sich der jetzige Reisebericht, der an den Berliner Freund Wilhelm Fließ adressiert ist2, wie eine Wiederholung des zentralen Themas aus den Tagen des ersten Aufenthalts. Freuds tour d’horizon wird flankiert von Reminiszenzen an die Julischen Alpen und ein Stück freigelegter Römerstraße, ist aber durch und durch erotisch koloriert. Er beschreibt »mehrere priapäische Darstellungen«, darunter einen »Penis als Flügeltier«, und preist die im Priapus »festgehaltene Erektion« als Wunscherfüllung. Das aalglatte männliche Organ, endlich gefunden, präsentiert sich in seiner ganzen phallischen Potenz. Den Führer in der Rudolfshöhle, den Entdecker der Höhle selbst, der seine Eroberungen »in die Löcher des Karst« vorantreibt, erkennt Freud »als Neurotiker und sein Konquistadorentum als erotisches Äquivalent«.
Nicht an dieser Stelle, wohl aber an zwei Orten der »Traumdeutung«, an der er in diesem Jahr besonders intensiv schrieb, hat Freud verhohlen seine Verwandtschaft mit jenem »verkommenen Genie« und Erotomanen zur Geltung gebracht. In Assoziationen zu den Träumen von »Nansens Reisebericht« und der »Botanischen Monographie«3 verfolgt er die Spur, dass er als Kind »Reisen mit Reißen verwechselt hatte«. Seine ersten Reiseerlebnisse – die frühe Fahrt nach Roznau, die ihm die Mutter entfremdet, nicht anders wie der Umzug von Freiberg über Leipzig nach Wien, der ihm die Heimat nimmt – empfand der kleine Sigmund offenbar als schmerzhaften Riss. Im Lichte einer zweiten Szene, des lustvollen Zerreißens einer Reisebeschreibung mit der Schwester, wird dann deutlich, dass sich der Schmerz mit Lust zu verbinden wusste. In einer Diskussionsrunde der berühmt gewordenen »Mittwoch-Gesellschaft« (eines ersten Kreises von Schülern und Anhängern) zum Thema »Psychoanalyse des Reisens«4 wird Freud später die Sache auf den Punkt bringen: »Das Reisen im Sinne des Sich-los-Reißens« sei als plastische Darstellung der Verdrängung zu verstehen. Hinter dem Sich-los-Reißen aus den Banden der Neurose verberge sich die Sehnsucht nach dem erotischen Erlebnis. Dieses Diktum passt nun wie die Faust aufs Auge zu einer trotzigen Selbsterkenntnis, die Freud wiederum Fließ gegenüber ausgesprochen hat: »Ich bin nämlich gar kein Mann der Wissenschaft, kein Beobachter, kein Experimentator, kein Denker. Ich bin nichts als ein Conquistadorentemperament, ein Abenteurer, wenn du es übersetzen willst.«5 Wir werden dieses kecke Sichlos-Reißen von der Wissenschaft nicht zu wörtlich nehmen, aber in Erinnerung behalten, dass uns mit dem reisenden Freud ein anderer Mensch entgegentritt als der, den wir aus seinen Werken kennen, den großen Denker.
Doch es gibt auch Übergänge von der einen zur anderen Seite. Die Erzählung von der Osterreise, die Freud an Fließ schickt, schließt mit dem Hinweis, an der »Wiederkehr von Einfällen bei der Arbeit« habe er gemerkt, dass die Reise ihm wohlgetan habe. Die Membran zwischen dem Unbewussten und Bewussten ist bei Freud durchlässig, sicherlich ein Kennzeichnen seines Genies. Die Wiederholungen und Reinszenierungen während der Reise geschehen wohl hinter seinem Rücken, aber sie kommen, zumindest teilweise, seiner Arbeit zugute. Das schwierige Geschäft der Selbstanalyse, das Freud in diesen Jahren betreibt, ist also kein leerer Wahn. Ob dies auch für seine Reisen und Reiseplanungen mit seiner Schwägerin gilt, das ist die Frage.
Und nun: Der Auftritt der Bernays-Schwestern.
Minna und Martha Bernays
Mitte Juni 1898 unternimmt Freud zusammen mit seiner Schwägerin Minna Bernays einen Wochenendausflug nach Salzburg; er begleitet sie anschließend zu ihrer Mutter, Emmeline Bernays, die sich in nahen Bad Reichenhall aufhält. Auch dieser Ausflug hat einen Vorläufer. Ein Jahr zuvor, Mitte Juli 1897, haben Sigmund und Minna eine nahezu identische Stippvisite unternommen – nach Salzburg mit anschließendem Besuch bei Minnas Mutter in Reichenhall. Der Tagesausflug von damals, heißt das, wird jetzt in Form eines Wochenendausfluges wiederholt, was – notabene – ein gemeinsames Übernachten einschließt. Eine Zumutung für Martha, Freuds Frau, die sich mit den Kindern in Aussee aufhält und von ihrem Mann über das Vorhaben brieflich in Kenntnis gesetzt wird: »Ich kündige Dir an, dass ich ungetreuer Weise heute abends nach Salzburg fahre, wo ich Minna treffe und Sonntag in Reichenhall zubringe.«6
Ganz offensichtlich ist das Drehbuch zu dieser Reise dem Unbewussten nachgeschrieben, man ist (mit Freud) versucht zu sagen: nach dem berühmten Prinzip von Itzig, dem Sonntagsreiter: »Itzig, wohin reit’st du?« – »Weiß ich, frag das Pferd.« Die Spur führt zu einem bekannten Beziehungsmuster, das Freuds Kindheit zugehört. In Begleitung der Schwester die Mutter am Kurort besuchen, das war eine Übung, der sich Sigmund häufig unterzogen hat resp. unterziehen musste. Mehrmals an der Seite einer seiner Schwestern, das erste Mal jedoch im Jahre 1857 an der Hand der Freiberger Kinderfrau, als es galt, die schwangere Mutter zum Kuraufenthalt nach Roznau zu begleiten. Die Reise nach Roznau, von der noch wiederholt zu sprechen sein wird, ist das geheime Vorbild des Arrangements mit Minna und Emmeline auf der einen, mit Martha als der ausgeschlossenen Dritten auf der anderen Seite. Das aus der eigenen Herkunftsfamilie stammende Muster findet gleichsam spiegelverkehrt auf die Familie der Bernays Anwendung. In diesem verschobenen Rahmen vertritt Emmeline Bernays Amalie Freud, erscheint Reichenhall in der Rolle des bevorzugten Kurortes. Tante Minna aber, die Gouvernante von Wandsbek, hat ihren Auftritt als Revenant der Kinderfrau. Wir werden später sehen, dass sie als Nachfolgerin der »Amme aus Roznau«, die Freud und Martha nach der Geburt ihres ersten Kindes (Mathilde) kurzzeitig ins Haus holten, in die Berggasse 19 eingezogen ist.
Der Wochenendausflug mit Minna markiert eines der zentralen Wegekreuze auf der Freudschen road-map der 90er Jahre. In Salzburg fiel aller Wahrscheinlichkeit nach die Entscheidung über die erste gemeinsame Sommerreise, welche die beiden in der ersten Augusthälfte ins Engadin führen sollte. Freud stieß erst am 23. Juli fest zu seiner Familie nach Aussee, seinem Basislager für größere Unternehmungen. Am darauf folgenden Tag traf Fließ in Aussee ein; die beiden Freunde hatten sich vor Ort zu einem ihrer sogenannten »Kongresse« verabredet, einem intensiven Gedankenaustausch über die Themen, die in ihrer umfangreichen Korrespondenz angesprochen worden waren. Kaum eine Woche später – Fließ ist inzwischen wieder in Berlin – weiht Freud diesen in seine Reisepläne ein: »Mir dämmern zwei kleine Reisen, eine von Landeck über das Engadin nach Chiavenna, die andere zum Aufenthalt nach Ragusa. Erstere bald, zweite im September; erste mit Minna, zweite mit Martha.«7
In auffälliger Weise kokettiert Freud hier mit seinen »zwei Frauen«. Die im Stakkato vorgetragenen und wiederholten Zweiheiten der Geschichte – »die eine/die andere, erstere/zweite, erste/zweite« – sprechen für sich. Sie evozieren das Moment des Immergleichen in der erotischen Stufenfolge der Frauen Freuds – der Zerrissenheit zwischen zweien. Sie zeugen darüber hinaus, mit Blick auf Minna und Martha, von der überraschenden Ebenbürtigkeit der beiden Schwestern. Wollte man jedoch in der seriellen Ordnung eine Bevorzugung der Erstgenannten erkennen, so würde sie Minna gelten. Um zu verstehen, wie Freuds Schwägerin in kurzer Zeit eine Position in Augenhöhe mit Freuds Frau einzunehmen vermochte, müssen wir zu den Anfängen zurückkehren: zur Aufnahme der Beziehung zwischen Freud und den Bernays-Schwestern.

Minna und Martha um 1883
Freud lernt Martha und Minna an einem Abend im April 1882 kennen, als die beiden, wohl auf Einladung einer seiner Schwestern, der Familie Freud einen Besuch abstatten.8 (Nach der Übersiedlung der ursprünglich aus Hamburg stammenden Bernays nach Wien hatten die beiden Familien einen freundschaftlichen Kontakt geknüpft.) Das Schwesternpaar steht sich sehr nahe. Trotz des Altersunterschieds von vier Jahren ähneln sie sich im Aussehen und hinterlassen geradezu den Eindruck von siamesischen Zwillingen. Freud hat diese Einschätzung noch Jahre später geteilt; davon zeugt ein Brief an Martha von eben jener Engadiner Reise: »Ich verstehe immer mehr, dass die Leute Euch verwechseln. Minna ist recht ähnlich wie du.«9 Ein Unterschied ist allerdings gravierend: Die jüngere, erst 17-jährige Minna ist bereits verlobt. Dieser ungewöhnliche Umstand lässt auf eine nach außen anziehende, nach innen selbstbewusste Persönlichkeit schließen. Auf dem Heiratsmarkt ist Minna ihrer Schwester jedenfalls um mehr als nur eine Nasenspitze voraus.
Freud verliebt sich auf der Stelle in Martha und macht ihr entschieden den Hof – offensichtlich erfolgreich, denn sein Werben trifft auf spontane Gegenliebe. Schon zwei Monate später haben sich die beiden heimlich verlobt. Aber Sigmunds Interesse gilt von Anbeginn auch Minna. Als er wenige Wochen später mit seiner Auserwählten einen Spaziergang unternimmt, stellt er so viele Fragen bezüglich ihrer jüngeren Schwester, dass die erschrockene Martha zu Hause alles erzählt. Minnas trockene Antwort ist überliefert: »Wie lieb, dass der Herr Doktor solches Interesse an uns nimmt.«10
Der erste Eindruck trügt nicht. Nahezu zeitgleich wird Freud beiden Schwestern leidenschaftliche Briefe schreiben. Peter Gay hat diesen Befund nicht ohne erkennbare Irritation festgehalten: »Beinahe von dem Moment an, wo er sich im April 1882 in Martha Bernays verliebte, wurde Freud von ihrer intelligenten, aufkratzend jüngeren Schwester angezogen. Er schrieb ihr intime, zärtliche Briefe. In einer Zeit, in der sie mit Ignaz Schönberg verlobt war, Freuds Studienfreund.«11 Der Unterschied zwischen der eindeutig sexuellen Besetzung Marthas und der diffuseren erotischen Besetzung Minnas ist in diesen Briefen durchaus kenntlich. Sie verstören mehr durch die Unerschrockenheit, mit der Freud die Tatsache, dass Minna bereits gebunden ist, ignoriert und seinen (kranken) Freund Schönberg an den Rand drängt. In seiner Fantasie macht Freud aus dem Doppelverhältnis der Verlobten – Ignaz und Minna auf der einen, Martha und er selber auf der anderen Seite – ein Dreieck. Dieses tritt vor allem in den Briefen hervor, die er an die Schwestern gemeinsam richtet: »Meine liebe Minna, mein teures Marthchen«; sie enden mit der bemerkenswerten Grußformel: »Ich bin mit herzlichem Gruß für die eine und mehr, als hier Platz hat, für die andere – Euer Sigmund.«12 Diese Töne im Ohr mutet die Zweiheit der (Beziehungs-) Geschichte, mit der Freud seinem Freund Fließ gegenüber die Doppelreise mit Minna und Martha angekündigt hat, wie ein fernes Echo an. Die auffällig wiederholte Duplizität klingt wie die Variation auf ein Thema, dessen Melodie schon die frühe Erstbegegnung mit den beiden Frauen begleitet hat.

Hotel Posthaus, Wandsbek (mittleres Haus)
Noch ein anderer Punkt verdient unsere Aufmerksamkeit. Freud teilt von Anbeginn Geheimnisse mit Minna und versucht, sie als Komplizin zu gewinnen. So im Fall seiner ersten Fahrt nach Wandsbek, die Martha gilt, aber vor Eli Bernays, dem älteren Bruder, geheim gehalten werden soll. Für den geplanten Aufenthalt im Hotel Posthaus hält Freud einen falschen Namen bereit und erwägt, Eli etwas von einer Fußtour in die Sächsische Schweiz vorzuschwindeln. Minna weiht er mit vielsagenden Worten in die Sache ein: »Endlich die Gefahr der Entdeckung, wenn Eli sich nicht abhalten lässt, in dem Hotel einzukehren, in dessen Fremdenbuch er den Beweis meiner Anwesenheit findet.«13 Schwerlich sind die Anklänge an den Eintrag in das Fremdenbuch des Hotels Schweizerhaus in Maloja zu überhören, wo Freud Jahre später seine Begleiterin Minna unter falschem Namen resp. Stand einträgt – und sich so der Gefahr der Entdeckung aussetzt. Aufhorchen lassen zunächst einige assoziative Verbindungen, die natürlich auch der Zufall zusammengewürfelt haben mag: Hotel Posthaus, Tour in die sächsische Schweiz für das Jahr 1882, Fahrt in die Schweiz, Hotel Schweizerhaus 1898. Aber es gibt darüber hinaus eine innere Verknüpfung zwischen der Reise nach Wandsbek und der ins Engadin. In beiden Fällen unternimmt Freud etwas Verbotenes, und zwar in sexuellen Dingen. Da er sich mit Martha nur heimlich verlobt hat und die Familienoberhäupter nicht eingeweiht sind, muss Eli als Vertreter des Hauses Bernays Freuds Besuch als unsittliche Annäherung an die Schwester einstufen. Auf der Engadiner Reise ist sich Freud bewusst, »mit der nicht richtigen Frau behaftet« zu sein, gibt sich dennoch mit Minna als verheiratetes Paar aus.
Wie berechtigt es ist, Maloja und Wandsbek als zwei übereinandergelagerte Schichten der Freudschen Psyche zu begreifen, zeigt sich, wenn wir die zugehörige Tiefenschicht freilegen. Das dualistische Beziehungsfeld, in dem sich die Bernays-Schwestern bewegen, hat sein genaues Pendant im gespaltenen Seelenhaushalt von Freud. Sigmund vermag in das Seil, das Martha und Minna ihm aufschlagen, so traumwandlerisch einzuspringen, weil er die Szene kennt. Im zarten Alter von 1 ½ Jahren geriet er in den Prägestock einer traumatisch wirkenden Beziehungskonstellation. Die Ankunft des jüngeren Bruders Julius bedeutete den Verlust der Mutterbrust und damit der Position des bevorzugten Lieblings seiner Mutter Amalie. Unbändiger Hass richtete sich gegen den siegreichen Rivalen, aber auch gegen die untreu gewordene Mutter selbst. Der herbeigewünschte Tod des Bruders sollte die verlorene Ausschließlichkeit wiederherstellen. Vergeblich, denn Amalie wurde erneut schwanger. Die Situation, die zur Anstellung einer Kinderfrau geführt und das Dilemma der »zwei Mütter« begründet hatte, änderte sich nicht. Der kleine Sigmund blieb weitgehend der Obhut seiner Ersatzmutter, der Freiberger Kinderfrau, überlassen. Sein junges Leben lag fortan in den Händen zweier konkurrierender Mütter, auf deren wechselvolle Anziehung und Abstoßung er mit einer Ambivalenzspaltung reagierte: Mit dem verzweifelten Versuch, im Spiel mit den beiden Frauen den einen Pol der Ambivalenz (»die gute Mutter«) zu erhalten und gleichzeitig den anderen (»die böse Mutter«) zu vermeiden.
Dass Freud das Doppelverhältnis zu den Bernays-Schwestern tatsächlich als Reinszenierung seines frühkindlichen Traumas erlebt haben muss, belegen eindrucksvoll die unbändigen Eifersuchtsanfälle, von denen er während der Verlobungszeit heimgesucht wird – und mit denen er Martha überfällt. Mit wenig Übertreibung ließe sich sagen, seine Verliebtheit habe ihn in eine Art pathologischen Zustand versetzt. Die Intensität seiner Eifersucht war ohne jedes Maß. So verlangte er von seiner Braut, sie dürfe einen ihr gewogenen Vetter nicht beim Vornamen nennen. Zwei ehemalige Bewunderer, der eine Komponist und der andere Musiker, die er als Künstler in Sachen Liebeshändel im Vorteil wähnte, versuchte er aus dem Feld zu schlagen. Zu den Unliebsamen gehörten aber auch die engsten Familienangehörigen. Er forderte von Martha allen Ernstes, sie solle mit ihrer Mutter Emmeline und ihrem Bruder Eli brechen. Der liebende Freud betrachtete Martha als seinen alleinigen Besitz – und wusste davon: »Ich bin ausschließlich, wo ich liebe«, schrieb er ihr nur zwei Tage nach der Verlobung.14
Übermannten Freud Zweifel an Marthas Treue, dann schlug seine Verzweiflung in blanke Wut um, dann (wie er es brieflich einmal selbst formulierte) »verliere ich die Herrschaft über mich und wenn ich die Macht besäße, die ganze Welt zu zertrümmern, um sie von Neuem spielen zu lassen, auf die Gefahr hin, dass sie nicht wieder mich und Martha hervorbringt, ich täte es unbedenklich.«15 Dieser befremdliche Ausbruch hat einen bemerkenswerten Vorläufer. Am Endpunkt der Verliebtheit in seine Jugendfreundin Gisela Fluss, als diese einen anderen heiratet, hat der damals neunzehnjährige Freud ein sogenanntes »Hochzeitscarmen«16 verfasst, in dem er sich unverhohlen in Selbstmordgedanken ergeht – ein junger Werther. Die Gründe für Freuds Raserei liegen auf der Hand. Die Vorstellung, »die getreue Braut in eines anderen Arm zu schauen«, muss die frühe Szene der Inbesitznahme der Mutterbrust durch den Bruder reaktiviert haben. Der unbeherrschte Hass, der sich damals in Julius zugedachten Todeswünschen entladen hat, ist nun nach innen gerichtet. Dies alles spielte sich im Oktober 1875 ab. Sieben Jahre später ist Martha an die Stelle von Gisela getreten – und das Rad der Wiederkehr des Verdrängten dreht sich erneut. Wieder suchen Sigmund die ungelösten Konflikte seiner Kindheit, in denen Liebe und Hass verwirrend miteinander verwoben waren, heim. Und wiederum ist er ihnen hilflos ausgesetzt. Zur Verfügung stehen ihm allein die schmerzhaft eingeübten Beziehungsmuster der Kindheit, entlang der brüchigen Linie von Wunsch-Angst-Abwehr. Der Wunsch nach dem ausschließlichen Besitz der Geliebten hatte sich als Alptraum erwiesen. Schon auf der älteren Stufe des Eros flüchtete sich Freud in die Fantasie, er habe in Wahrheit »die Achtung vor der Mutter Giselas als Freundschaft auf die Tochter übertragen«.17 In der realen Situation des Jahres 1882 ist es Minna, die Freud erlaubt, seine Verlustängste in Schach zu halten und seine aggressiven wie libidinösen Besetzungen vom alleinigen Zentrum (Martha) weg in elliptische, also doppelgepolte Bahnen zu lenken.
Den Durchbruch zu den Frauen hat Freud nicht allein mit Martha, sondern ebenso mit Minna vollzogen. Als diese im Jahre 1896 endgültig in die Wiener Wohnung der Freuds zieht, erfährt das frühe Dreieck gleichsam seine offizielle Weihe. Minnas Zimmer ist ein Anhängsel des Schlafzimmers von Sigmund und Martha und nur über diesen Zugang zu erreichen. Für jeden, der sehen kann, nimmt Minna jetzt die Stelle einer zweiten Ehefrau ein. Die unter Freudianern immer noch gängige Version erzählt die Geschichte anders. Minna habe nach dem Tod ihres Verlobten Ignaz Schönberg (1886) Hilfe gesucht und sie zunächst bei Martha, ihrer Schwester, sodann bei Sigmund, ihrem Schwager (die beiden haben im selben Jahr geheiratet), gefunden. Die Freuds hätten sich anfangs um die Trauernde gekümmert, nach der Geburt der Kinder – Mathilde, die Erstgeborene, wurde 1887, Anna, das letzte von sechs Kindern, 1895 geboren – habe Minna umgekehrt ihre Schwester unterstützt und sei so Schritt für Schritt in die Familie hineingewachsen. Dies ist die bekannte Fabel von der alternden, durch einen Schicksalsschlag vereinsamten Jungfer, die endlich bei fürsorgenden Verwandten Unterschlupf findet.
Bei der Geschichte von der irgendwie sitzengebliebenen »Tante Minna« handelt es sich jedoch um eine späte Legendenbildung. Als ihr Verlobter stirbt, ist Minna keineswegs eine alte Jungfer, sondern gerade einmal 21 Jahre alt. Von Trauer ist wenig zu spüren, vielleicht deshalb, weil der sein Ende vorhersehende Schönberg die Verlobung schon ein Jahr vor seinem Tod aufgelöst hat. Nur wenige Wochen, nachdem der Todkranke in Wandsbek erschienen war, um den »formellen Verzicht« Minnas auf seine Liebe zu erreichen, äußert diese eine Wunschvorstellung jenseits der aufgegebenen Beziehung: »Dass Martha und Du [Sigmund] und ich im Herbst eine mehrtägige Tour durch das schöne Holstein unternehmen.«18 Minna ist eine lebensfrohe, attraktive junge Frau, die alle Chancen hat, einen neuen Partner zu finden und über kurz oder lang zu heiraten. Aber sie ist nicht wirklich frei, Freud hält sie im Rahmen des von ihr selbst so treffend bezeichneten Dreiecks (»Martha, Du und ich«) seit Jahren »besetzt«.
Die Briefe, die Minna nach dem Tod von Schönberg von Sigmund erhalten hat, belegen die beständige Wiederauflage eines ambivalenten Beziehungsangebotes.19 Als Erstes empfiehlt er ihr, die Briefe des Verstorbenen zu verbrennen. »Mache deinen Kopf klar«, schreibt er, »und lebe jetzt mit uns beiden«; denk daran, »was für merkwürdige und erlebenswerte Dinge unserem kleinen Kreis noch zustoßen können.« Eine Einladung nach Wien verbindet er mit der Ermutigung, sie »stolz allen Leuten als meine Schwägerin zu zeigen«. Er selbst preist sich glücklich, »eine so schöne Schwägerin« zu haben und gesteht (der zunehmend mit Kosenamen angeredeten) Minna: »Du weißt, wie lieb ich Dich habe.« Und: »Ja, wenn Du nicht meine Schwägerin wärst, könntest Du selbst bei mir wohnen.« Freud wirbt um Minna, weil er sie braucht, und er ist nicht bereit, sie aus der Gefangenschaft zu entlassen. Minna umgekehrt dürften die warmen Worte und Avancen gefallen haben. Es duldet keinen Zweifel, dass sich Freud über die Folgen seiner zwiespältigen Botschaften bewusst keine Rechenschaft abgelegt hat. Er weiß nicht, was er tut; aber er ruht nicht, bis er es erreicht hat. Das ist 1896 der Fall, als Minna endgültig in die Wiener Wohnung der Freuds einzieht. Freud hat seine beiden Frauen jetzt auch räumlich fest und auf Dauer an sich gebunden. Tatsächlich wird diese Doppelbindung sogar das erzwungene Exil überdauern und sich in London noch einmal erneuern.
Das dunkle Agieren dieser Jahre hat, wie so häufig bei Freud, sein helles Gegenstück in der sogenannten Selbstanalyse. Höhepunkt der heroischen Unternehmung, der eigenen Neurose auf den Grund zu kommen, ist das Jahr 1897. In einem Brief an Wilhelm Fließ findet sich hierzu die wichtigste Mitteilung.20 Freud öffnet den Lichtschacht in die Vergangenheit und lässt seinen Freund einen Blick in seine früheste Kindheit werfen. In den mitgeteilten Erinnerungen an die ersten drei Lebensjahre erscheint nacheinander die Gestalt des Kindermädchens (»ein hässliches, älteres, aber kluges Weib«, die »meine Lehrerin in sexuellen Dingen war«), die seiner Mutter (die Freud »aus Anlass einer Reise« nackt gesehen haben will) sowie die von Julius (des verhassten Bruders, von dessen Tod »der Keim zu Vorwürfen geblieben ist«). Freud hat den neuralgischen Punkt seiner Seelenbildung getroffen: die belastende Zwei-Mütter-Konstellation der Freiberger Zeit; die Welle von Hass, die den brüderlichen Rivalen getroffen hat, aber auch das Nachbeben bleibender Schuldgefühle. Aber er unterlässt es, dieses frühe Drama mit der Jetztzeit, den Familien- und Verwandtschaftsverhältnissen seines Wiener Lebens, in Beziehung zu setzen – und sich so über die Wiederholungssituation, in der er sich befindet, aufzuklären.

Stiegenhaus in der Berggasse 19
Überraschenderweise findet sich auf der Wegstrecke Berggasse–Freiberg und zurück, die Freud in seinen Erinnerungen zurücklegt, etwas wie ein missing link; aber es steht an der falschen Stelle, nämlich in der »Traumdeutung«. Es handelt sich um einen Traum vom Mai 1897, der als »Treppentraum« bekannt ist.21 Freud träumte, wie er nur leicht bekleidet eine Treppe hinaufgeht, in flinkem Tempo. Plötzlich bemerkt er, dass ihm ein Dienstmädchen nachfolgt. Wie gelähmt verharrt er auf der Stelle.
Freuds Analyse deckt zunächst auf, dass die Szenerie des Traumes der realen Wohnsituation entnommen ist: »Ich habe in meinem Hause in Wien zwei Wohnungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe ins Schlafzimmer.« In einem zweiten Schritt versucht Freud die Gestalt des Dienstmädchens aufzuhellen, die ihm rätselhaft erscheint, denn im Traum war »das begleitende Gefühl nicht Angst, sondern erotische Erregung«. Eine »dunkle Erinnerung« weist auf die »Kinderfrau der Säuglingszeit«. Das Dienstmädchen des Traumes erwirbt somit den Anspruch, so Freud, »von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, dass das Kind dieser Erzieherin seine Liebe geschenkt hat«.
Ersichtlich schöpft Freud den Spielraum einer weitergehenden Deutung nicht aus; er unterlässt es, nach der aktuellen Gestalt der geliebten Kinderfrau zu fragen. Entsprechend bleibt der Beziehungsaspekt im Moment des Auf-der-Stelle-Klebens, das sich analytischem Verständnis nach auf die Hemmung eines sexuellen Begehrens bezieht, unausgeführt. Dieser Schritt gelingt über die naheliegende Vermutung, die Traumarbeit habe der Realität nicht nur das räumliche Arrangement des Hauses Berggasse 19 entlehnt, sondern hinter der Maskerade des Dienstmädchens auch eine bestimmte Bewohnerin der Räume gemeint. Nach Lage der Dinge kann dies aber niemand anders als eben Minna sein. Sie ist ja in Wahrheit die aktuelle Wiedergängerin jener prähistorischen Alten – und liegt, wenn ihr Schwager spät in der Nacht über die Treppe ins Schlafzimmer geht, im Nebenraum. So verstanden, bringt der Traum einen sehr konkreten erotischen Wunsch und zugleich dessen Hemmung zum Ausdruck: Freuds Wunsch, mit Minna zu schlafen, und die Scheu, dies zu tun.
Diese Formel umschreibt die Affektlage gegen Ende der 90er Jahre. Sie zeigt zugleich die Verschiebung an, die sich zwischen den Polen der beiden Mütter resp. Frauen Freuds im Laufe der Zeit ergeben hat. Martha, anfänglich die dominierende Gestalt des Eros, ist – nach einem treffenden Wort von Erich Fromm22 – zu »einer Manifestation der Gebundenheit Freuds an mütterliche Fürsorge« herabgesunken; vulgo, spielt sie die Rolle der ebenso rastlosen wie unauffälligen Hausfrau. So ganz unterschiedliche Besucher der Berggasse 19 wie etwa Carl Gustav Jung oder Hanns Sachs haben diesen Eindruck bestätigt. Die Frau Professor, schreibt Sachs in seinen Erinnerungen an Freud, sei ein typisches Hausmütterchen gewesen, »die immer damit beschäftigt war, etwas in Ordnung zu bringen oder zu waschen und zu bürsten«.23 Erwähnen wir am Rande, dass Freud mit seiner Ehefrau, was den sexuellen Verkehr anbetrifft, inzwischen in Abstinenz lebt. Minna dagegen, nach Aussage von Sachs »eine ungewöhnlich belesene Frau mit scharfem literarischem Urteil«, hat endgültig das Erbe der Kinderfrau, der »Lehrerin in sexuellen Dingen«, angetreten. Zug für Zug hat sie sich auf den freigewordenen Pol der erotischen Anziehung zu bewegt. Am Vorabend der Engadiner Reise steht sie, als unangefochtene Partnerin des reisenden und »reißenden« Freud, im Zenit ihrer Ausstrahlung.
Dr. Sigmund Freud
Der Sommer 1882 bedeutete für Freud nicht nur eine einschneidende Zäsur in seinem Liebesleben, er war zugleich die Zeit einer beruflichen Neuorientierung. Als der junge »Herr Doktor« mit den beiden Bernays-Schwestern anbändelte, hatte er sich gerade dazu durchgerungen, die wissenschaftlich interessante, aber brotlose Tätigkeit im physiologischen Laboratorium von Ernst Brücke aufzugeben, um Kliniker zu werden. Nur wenige Wochen nach seiner Verlobung schrieb er sich als Aspirant in das Wiener Allgemeine Krankenhaus ein. Dort durchlief er verschiedene Abteilungen, darunter die Klinik für Innere Medizin, das gehirnanatomische Institut und die psychiatrische Klink. Übers Jahr wurde Freud zum Sekundararzt befördert, im Frühjahr 1885 erhielt er aufgrund seiner histologischen und klinischen Arbeiten die Dozentur für Neuropathologie. Freud hat eine wichtige Stufe auf der Karriereleiter genommen, aber nichts weist zu diesem Zeitpunkt auf das ferne, noch unbetretene Land der Psychoanalyse hin; auf der Agenda seiner ärztlichen Tätigkeit ist es nicht einmal in der Form eines sagenumwobenen Utopia notiert.
Mitten in diese Zeit fällt eine Episode, die zur Laufrichtung der eingeschlagenen Karriere quer zu stehen scheint. Ein »abseitiges, aber tiefgehendes Interesse« bringt ihn auf die Spur einer noch wenig bekannten Droge. »Ich lese von Cocain«, schreibt er im Frühjahr 1884 an Martha, »dem wirksamen Bestandteil der Cocablätter, welche manche Indianerstämme kauen, um sich kräftig für Entbehrungen und Strapazen zu machen.«24 Es bleibt nicht beim Lesen. Er experimentiert ad hominem, u.a. mit seinem morphiumabhängigen Kollegen Fleischl, bei dem er Kokain als Mittel der Wahl für eine Entziehungskur einsetzt – und doch nur den Teufel mit Beelzebub auszutreiben vermag. Unerschrocken stellt er Selbstversuche an. In euphorischer Stimmung schildert er die vitalisierende Wirkung der Droge und warnt sein »Weibchen« vor dem »großen wilden Mann mit Coca im Leib«. Aber über den privaten Gebrauch hinaus – auch Martha schickt er wiederholt kleinere Dosen – fesselt ihn die Vorstellung, mit der exotischen Substanz medizinisches Neuland betreten zu können. Er ahnt die Gelegenheit zu einer bahnbrechenden Entdeckung. Hier ist er wieder, der andere Freud, der Konquistador, der es darauf anlegt, unbekanntes Terrain im Handstreich zu erobern. Freud will den schnellen Ruhm, aber merkwürdigerweise bindet er seine weitausgreifenden Ambitionen an die kurze Leine häuslichen Glücks. »Mehr als einen solchen glücklichen Wurf brauchen wir nicht«, verrät er Martha, »um an unsere Hauseinrichtung denken zu dürfen.«25 So kommt es wie es kommen muss. Wie ein Revolutionär, der am Bahnhof erst brav eine Bahnsteigkarte löst, es niemals schafft, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, so verspielt auch Freud die große Chance durch eine unzeitgemäße Artigkeit. Als sich mitten in der heißen Forschungsphase die Aussicht eröffnet, Martha in Wandsbek zu besuchen, schließt er die Untersuchung über das Kokain rasch ab – und nimmt den Zug. Nach seiner Rückkehr muss Freud mit Erschrecken feststellen, dass ein anderer Kollege, Carl Koller, die entscheidenden Versuche inzwischen zu Ende geführt hat und auf einem Fachkongress als Entdecker der Lokalanästhesie durch Kokain gefeiert wird. Der Mann, der jahrelang nur »an der Weisheit Brüsten« Gefallen gefunden hatte, hing im entscheidenden Augenblick an den Lippen seiner Braut. Auf der Suche nach der verlorenen Liebe der Kindheit, nach der verlustig gegangen guten Brust, war Freud damals auf dem Weg zu den Müttern. Ein Weg, der von der Wissenschaft weg in die andere Richtung verlief. Erst in den Gestalten seiner Patientinnen sollten Erkenntnis und Eros wieder zusammenfallen.

Freud um 1884
Freud hat die verpasste Gelegenheit nie ganz verwunden und den »Entgang an Jugendberühmtheit« insgeheim seiner Frau angelastet. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass Martha auch bei der Grundsteinlegung seiner spät erfolgten, tatsächlichen Berühmtheit ihre Finger im Spiel hatte. Viel ist geschrieben worden über den reichen jüdisch-kulturellen Hintergrund der Familie Bernays, die Weitergabe des Erbes des bekannten Rabbiners Isaak Bernays an seine Söhne, darunter Marthas Vater Berman, das als versteckte Mitgift der Tochter schließlich Freud und seinem Werk zugute kam. Aber vielleicht hat niemand mehr Einfluss auf die Erfindung der Psychoanalyse genommen als der Mann, der nach dem plötzlichen Tod von Marthas Vater dessen Stelle einnehmen sollte: Sigmund Pappenheim. Im Februar 1880, zwei Monate nach dem Ableben von Berman Bernays, ernannte das Bezirksgericht Leopoldstadt das Oberhaupt der mit den Bernays befreundeten (und entfernt verwandten) Familie Pappenheim zum gesetzlichen Vormund der noch minderjährigen Kinder Eli, Martha und Minna. Sigmund Pappenheim hatte selber eine Tochter, Bertha, die um die Zeit gerade volljährig wurde und eine gute Freundin von Martha war. Mit Bertha Pappenheim betritt aber keine andere als die berühmt gewordene Anna O. die Bühne, Musterfall der frühen kathartischen Methode und Galionsfigur des psychoanalytischen Schiffes, als dieses noch unter der Flagge der Großen Hysterie fuhr.

Bertha Pappenheim (»Anna O.«)

Josef Breuer
Sigmund Pappenheim, ein wohlhabender Kaufmann aus einer alten jüdischen Familie, sollte die ihm angetragene Rolle des Vormunds für die Bernays-Kinder nur wenige Monate innehaben. Im Juli erkrankte er an einer schweren Brustfellentzündung, von der er sich nicht mehr erholte. Als er am 5. April 1881 starb, trauerten also auch Martha (und Minna) um ihren Ersatzvater. Bertha, die leibliche Tochter, war zu dieser Zeit selber krank: Während der Pflege um den schwerkranken Vater entwickelte sie eine komplizierte Hysterie. Sie hatte Halluzinationen und litt unter Lähmungen und Sprachstörungen. Als sich die Symptome mit dem Tod des Vaters verschlimmerten, wurde sie in ein Privatsanatorium in der Nähe von Wien untergebracht. Der Bertha während dieser Krankheitsperioden behandelnde Arzt war Dr. Josef Breuer, ein in jüdischen Kreisen Wiens geschätzter und in Fachkreisen geachteter Mediziner – und väterlicher Freund des jungen Kollegen Dr. Sigmund Freud.
Breuer und Freud dürften sich gegen Ende der 70er Jahre im Physiologischen Institut kennengelernt haben, aber intensiver scheint ihre Beziehung erst nach Freuds Eintritt in die Klinik im Jahre 1882 geworden zu sein – also parallel zur Aufnahme der Beziehung zu Martha. Eine denkwürdige Konstellation, denn Freud erfährt über die Krankheit der jungen Pappenheim aus zwei unabhängigen Quellen: Seine Verlobte erzählt von ihrer Freundin Bertha im Rahmen einer »Familiengeschichte«, Breuer berichtet über einen »Fall« von Hysterie, der Patientin Anna O.
Spätestens Anfang November 1882 ist Freud über die hintergründigen Knotenpunkte der beiden Fäden, die bei ihm zusammenlaufen, informiert. Als er Breuer über seine Verlobung mit Martha Bernays in Kenntnis setzt, enthüllt dieser, dass er als Hausarzt »bei Pappenheims den Namen Martha B. oft genug gehört habe«26 (offensichtlich in Verbindung mit Bertha P.). Spätestens ab diesem Zeitpunkt weiß Freud, dass Breuer weiß, dass er mit einer Frau liiert ist, die am Schicksal seiner Patientin den größten Anteil nimmt. »Bertha ist wieder zurück und soll vollkommen geheilt sein«, schreibt eine erleichterte Martha im Januar 188327, als ihre Freundin nach der Entlassung aus dem Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen und einem anschließenden Erholungsurlaub bei Verwandten in Karlsruhe wieder in Wien eintrifft. Ein Wunschdenken nebenbei, denn schon im Juli wird Bertha erneut in ein Sanatorium eingewiesen.
Freuds Interesse an Bertha Pappenheim ist völlig anderer Natur. Ihn fasziniert der kapriziöse Fall. Nie hatte er etwas Ähnliches gehört oder erlebt. Als Breuer ihn am 18. November 1882 das erste Mal ins Vertrauen zieht, muss dieser ihm »immer wieder alle Einzelheiten genau erzählen«28. Beginnend mit jener dramatischen Nacht des 17. Juli 1880, in der Bertha die Nachtwache am Bett des kranken Vaters hielt, in angstvoll gesteigerter Erwartung des herbeigerufenen Chirurgen. Wie sie in diesem Erregungszustand plötzlich schwarze Schlangen halluzinierte, die zum Vater krochen, um ihn zu töten. Der Schreck, als sie spürte, dass der rechte Arm, mit dem sie die Schlangen vertreiben wollte, gelähmt war. Das Entsetzen, als sie merkte, dass sie nicht sprechen und um Hilfe rufen konnte, bis ihr endlich in ihrer Not ein englisches Stoßgebet einfiel – mit der unglaublichen Folge, fortan nurmehr in dieser Sprache reden zu können. (Echo eines väterlichen Scherzes: Na, how are you, Miss Bertha?) Dann die Erleichterung, als die Erscheinungen langsam zurückgingen – und die machtvolle Wiederkehr des Grauens, als der Vater am 5. April starb. Ein Leben im Schattenreich, unter der Decke düsterer clouds. Plötzlich das Auffinden eines kindischen Mittels zur Errettung: Bertha begann Geschichten zu erzählen, die ihr spürbar Erleichterung brachten. Der unverstandene Anfang einer talking cure, geschmiedet an das Glück, einen emphatischen Arzt an der Seite zu haben, der es verstand zuzuhören, der seine Scheherazade hystérique ermutigte und mit stereotypen Eingangsformeln dazu bewegte, mit dem »Aberzählen« fortzufahren. Die großartige gemeinsame Anstrengung, den Erzählbogen eines ganzen Jahres zustande zu bringen, um in rückläufiger Folge die einzelnen Symptome wie verbundene Dominosteine kippen zu lassen. Der Anfang, jene ursprüngliche traumatische Szene des 17. Juli, war also das geheime Ziel. »Am letzten Tag«, so erinnert sich Breuer, »reproduzierte sie mit der Nachhilfe, dass sie das Zimmer so arrangierte, wie das Krankenzimmer ihres Vaters gewesen war, die oben erzählte Angsthalluzination, welche die Wurzel der ganzen Erkrankung gewesen war und in der sie nur Englisch hatte denken und beten können; sprach unmittelbar darauf Deutsch und war nun frei von all den unzähligen einzelnen Störungen, die sie früher dargeboten hatte.«29
Für uns ist der Bericht Breuers vor allem ein historisches Dokument, das mit der Einführung der sogenannten »kathartischen Methode« eine Zäsur in der Geschichte der Nervenkrankheiten markiert. Aber den Zauber des Anfangs hat er weitgehend verloren – vielleicht auch, weil wir inzwischen wissen, wie viel falscher Zauber mit ihm verbunden war (Bertha war keineswegs geheilt, wie Breuer suggeriert). Für Freud muss die Geschichte noch anders geklungen haben. Steht nicht zu vermuten, dass er hier zum ersten Mal (wie er das später nennen sollte) »eine Krankengeschichte in der Art einer Novelle« erzählt bekam, »die des ernsten Gepränges der Wissenschaft entbehrte«, weil sie eine »Heilung durch Liebe« versprach? Freud, den eingebildeten Liebenskranken, hat die Geschichte ganz offensichtlich berührt; sie hat in tiefen Schichten seiner Seele etwas zum Schwingen gebracht. Er wird die Geschichte deshalb nie mehr vergessen. Bewahrt in seinem Herzen, wird er sie bei Gelegenheit hervorholen und sich und anderen erzählen – und an ihr weiterschreiben: Jahre später wird er das fehlende Stück der traumatischen Vorgeschichte hinzufügen und sich noch im hohen Alter einen dramatischen Schluss ausdenken.
Das sexuelle Moment, von dem die Rede war und das in Freuds Krankengeschichten eine zentrale Rolle einnehmen sollte, fehlt in der Geschichte der Anna O. keineswegs. Freud enthüllt es ausgerechnet Martha. Als er Mitte Juli 1883 von einem »langen medizinischen Gespräch« mit Breuer nach Hause kommt, schreibt er ihr noch spät in der Nacht einen Brief.30 »Merkwürdige Fälle« seien zur Sprache gekommen, »auch Deine Freundin Bertha Pappenheim kam wieder auf’s Tapet«; aber Breuer habe ihn gebeten, von den intim persönlichen Dingen so lange zu schweigen, bis er mit Martha verheiratet sei. Dass ihr Verlobter hier auf Erotik anspielt, auf die seltsamen Leidenschaften, die sich zwischen Arzt und Patientin entwickeln können, ist ihr nicht entgangen. Bestätigt wird sie durch einen der nachfolgenden Briefe, in dem ihr Sigmund mitteilt, ein Kollege im Sanatorium habe sich, durch Berthas Auftreten, Witz und Klugheit fasziniert, in diese verliebt. Und ganz ähnlich, so der ausdrücklich unter dem Siegel der Verschwiegenheit fortfahrende Freud, sei es auch Breuer ergangen. Intimes, freilich »nichts Unehrenhaftes« sei vorgefallen; aber erst als seine Frau auf ihre »still ergebene Weise« eifersüchtig reagierte, habe er »sich ganz von seiner ärztlichen Tätigkeit bei B. P. zurückgezogen«.31 Jetzt hält es Martha nicht länger: »Mir hat es oft schon auf der Zunge gelegen, Dich darum zu fragen, weshalb er Bertha aufgegeben«, fragt sie ihren Verlobten nach Breuers Motiven für das Ende der Behandlung (im Juni 1882). Und sie weiß nachzulegen: »Es ist merkwürdig, der armen Bertha ist nie ein Mann näher getreten als ihr jeweiliger Arzt, das heißt die hätte als Gesunde schon das Zeug dazu, dem vernünftigsten Manne den Kopf zu verdrehen, ist das ein Unglück mit dem Mädchen, nicht wahr? Lach mich nur recht aus, Liebster, mich hat die Geschichte heut nacht kaum schlafen lassen, ich hab mich so lebhaft in die verschwiegene Frau Mathilde hineinversetzt.«32
Martha macht mit ihrer Antwort deutlich, dass sie gewillt ist, die Sache – anders als Sigmund – aus der Perspektive der beteiligten Frauen zu betrachten, der von Bertha und der von Breuers Ehefrau Mathilde. Sie hat verstanden, dass etwas Unaussprechliches (also Sexuelles) hinter dem abrupten Behandlungsabbruch steckt. Im Eifersuchtsdrama, von dem Freud allein die unverlorene Ehre des J. B. herausstreicht, hat Martha sowohl für Berthas als auch für Mathildes Lage Verständnis. Wenn sie indirekt dennoch für Mathilde Partei ergreift, dann deshalb, weil sie hier die Gefühle der legitimen Ehefrau verletzt sieht. Augenscheinlich antizipiert Martha an dieser Stelle ihre eigene Rolle als Frau Freud. Sigmunds Antwort zeigt, dass er seine Zukünftige verstanden hat: »Mein geliebter kleiner Engel. Um Schicksale zu haben wie Frau Mathilde, muss man die Frau eines Breuer’s sein, nicht wahr?«33
Wir sind Zeugen, wie die beiden Verlobten die Spielräume ihrer anvisierten Ehe ausmessen und jenseits der erotischen Anziehung die Pflöcke des jeweils unaufgebbar Eigenen setzen. Freud hat Recht: Er ist (noch) kein Breuer. Drei Jahre vor seiner Niederlassung als Nervenarzt sind Patientinnen vom Schlage Berthas nicht in Sicht. Aber durch sein übergroßes Interesse an der Sache lässt er Martha wissen, dass er ambitioniert genug ist, Fälle wie die der Anna O. zu übernehmen. Gefahr ist nicht im Verzuge; aber Martha ist gewarnt. Sie ahnt, welche durchaus vergleichbaren Schicksale sie an der Seite ihres Mannes zu erwarten hat. Durch ihre klare Haltung gibt sie Sigmund umgekehrt zu verstehen, was mit ihr geht und was nicht geht. Sie zieht eine klare Grenze zwischen Privatem und Beruflichem. Für die Rolle der »nächsten Vertrauten« in Sachen Therapie steht sie nicht zur Verfügung. (Diesen freigehaltenen Platz wird später ihre Schwester Minna einnehmen.) Wie die Dinge stehen, muss sich auch Dr. Freud mit einer »verschwiegenen Frau« an seiner Seite abfinden.
Ob es sich wirklich um ein Abfinden handelt oder eher um eine heimliche Vorteilsnahme, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls befindet sich Freud hier in voller Übereinstimmung mit seinem Mentor Breuer. In jener langen Unterhaltung über Nervenkranke, die auch ein Gespräch über die moral insanity war, fanden die beiden heraus, dass sie für die Frauen an ihrer Seite die gleichen Kosenamen gefunden hatten: Cordelia, so benannt nach der jüngsten Tochter des alten König Lear, »weil sie die Scheidemünze der Zärtlichkeit gegen andere nicht aufbrachte und auch gegen ihren Vater nicht aufgebracht hat«34. Das strenge Wort trennt die »beiden Cordelien« vom »schlimmen Ich« der kranken Bertha, die ihren Vater vergötterte und »leidenschaftlich liebte« – und dafür den Preis der Ehelosigkeit zu entrichten hatte. Das Wort mag aber »Cordelia-Martchen« zugleich wie eine Prophetie im Ohr geklungen haben, denn wer die Shakespeare’sche Cordelia beim Namen nennt, evoziert ihre beiden Schwestern. Ziemlich genau dreißig Jahre später wird Freud im englischen Drama das Motiv der Kästchenwahl entdecken: »die Wahl eines Mannes zwischen drei Frauen«35. Er tut dies zu einem Zeitpunkt, wo seine »kleine Tochter sein nächster Verkehr wird«: Cordelia-Anna. Eine eifersüchtige (aber »still ergebene«) Martha muss miterleben, wie nach ihrer Schwester Minna die eigene Tochter zur dritten Frau ihres Mannes aufsteigt. (Wir werden auf diesen letzten Akt der Freud’schen Objektwahl zurückkommen.)
Der in den frühen 80er Jahren begonnene intensive Austausch zwischen Breuer und Freud über Fragen der Neurosenlehre hat erst in den gemeinsam verfassten »Studien über Hysterie« von 1895 seinen publizistischen Niederschlag gefunden. Der Grund für die verspätete Veröffentlichung liegt nicht bei Breuer, jedenfalls nicht in erster Linie. Der steuert – mit nur leichten Korrekturen und unter dem jetzt erstmals auftauchenden Decknamen »Frl. Anna O...« – seinen schon 1882 geschriebenen Paradefall bei. Es ist Freud, der die Zeit braucht, um sich auf Augenhöhe mit seinem Kompagnon voranzuarbeiten, um den überlegenen Breuer einzuholen – und zu überholen. Die Stationen dieser Aufholjagd sind es wert, näher betrachtet zu werden. Handelt es sich bei ihnen auch um eigensinnige Momente des Freud’schen Lebensweges, deren Abfolge gewiss nicht ohne Zufälligkeiten zustande kam, so ist doch eine tiefer liegende Logik nicht zu übersehen. Tatsächlich ist es die unvergessene (und unvollendete) Geschichte der Anna O., die als geheimer innerer Kompass die Richtung der Reise bestimmt.
Über die nächste Station wird entschieden, als Freud im Juni 1885 ein Reisestipendium der Wiener Universität für einen halbjährigen Aufenthalt an der Pariser Salpêtrière erhält. Diese Studienreise nach Paris (von Oktober 1885 bis Februar 1886) wird gewöhnlich als »Besuch bei Charcot« abgehandelt. Und es ist gewiss, dass sich Freud von den Auftritten des berühmten Meisters, der es wie kein anderer verstand, seine Klinik zur Bühne für die Demonstration des »großen hysterischen Anfalls« zu machen, stark beeindrucken ließ. Jenseits des theatralischen Ambiente erlebte er es als eine Art von Ermutigung, dass an der Salpêtrière die Hysterie wie ein anderes Thema der Neuropathologie behandelt wurde und man ihr »die wissenschaftliche Würde« nicht vorenthielt. Charcot hatte Anfang der 80er Jahre unter dem Namen hystérie traumatique einen Hysterietypus beschrieben, der sich durch die Symptomatik traumatischer Lähmungen auszeichnete und von ihm auf ein einziges großes Ereignis (etwa einen Unfall) zurückgeführt wurde. Auf der geheimen Suche nach der »ätiologischen Formel« der Neurose ist der junge Freud Manns genug, dem großen Charcot von dem abweichenden Fall einer nicht traumatischen Hysterie zu berichten, dem Fall Breuers. Freud kramt in seinem geistigen Gepäck und erzählt von der Krankengeschichte der Bertha Pappenheim. Er muss jedoch erfahren, dass der Meister – wie Freud in seinen Erinnerungen an diese Begebenheit schreibt36 – für seine Andeutungen kein Interesse zeigt, »so dass ich nicht mehr auf die Sache zurückkam und sie auch bei mir fallen ließ«. Der Fall der Anna O. wurde sozusagen wieder unterirdisch.
Die Enttäuschung über den monomanen Charcot wurde an anderer Stelle überraschend wieder wettgemacht. Neben den Vorlesungen und Demonstrationen zur Hysterie versäumte es Freud nicht, den Vorträgen und Kursen von Paul Brouardel zuzuhören, die dieser in der Morgue, dem düsteren Pariser Leichenschauhaus, abhielt. Brouardel war der Nachfolger von Ambroise Tardieu auf dem Lehrstuhl für Gerichtsmedizin und hatte als Neuerung Autopsien für Medizinstudenten eingeführt. Freud vertiefte aber nicht nur seine Kenntnisse in Anatomie; er erfuhr über das Leichenmaterial der Morgue »etwas Wissenswertes für den Arzt«, wovon die Wissenschaft andernorts (so in Wien) »keine Notiz zu nehmen beliebte«: Dass es sich bei den Toten vielfach um Kinder handelte, die Opfer physischer Gewalt (Mord) oder sexueller Gewalt (Vergewaltigung mit Todesfolge) geworden waren; dass die Sexualdelikte an Kindern insbesondere an jungen Mädchen verübt wurden, häufig von nahen Verwandten, und in einigen Fällen inzestuöse Beziehungen zwischen Vater und Tochter hierbei eine Rolle spielten. Was Freud den Werken Tardieus (die er besaß) entnehmen konnte (und vielleicht schon entnommen hatte), bezeugte Brouardel anhand der Autopsien der Leichname missbrauchter Kinder ein weiteres Mal. Die offensichtliche Häufigkeit von gewaltsamen, häufig sexuellen Attentaten gegenüber Kindern war schockierend. Die eigentliche Überraschung muss für Freud jedoch gewesen sein, dass es eine Verbindung zwischen den Funden von Brouardel und Charcot zu geben schien, eine verschwiegene Korrespondenz zwischen (gestörter) Sexualität und Geisteskrankheit. Vielleicht gibt es keine bessere Bestätigung für dieses unverhofft sichtbar gewordene Verbindungsstück als jene Anekdote aus den Pariser Tagen, die Freud Jahre später in seiner »Geschichte der psychoanalytischen Bewegung« zum Besten gab:

Die Pariser Morgue (Journée de Juillet, 1830)
»Einige Jahre später befand ich mich an einem der Empfangsabende Charcots in der Nähe des verehrten Lehrers, der gerade Brouardel eine, wie es schien, sehr interessante Geschichte aus der Praxis des Tages erzählte. Ich hörte den Anfang ungenau, allmählich fesselte die Erzählung meine Aufmerksamkeit. Ein junges Ehepaar von weit her aus dem Orient, die Frau schwer leidend, der Mann impotent oder recht ungeschickt. Tâchez donc, hörte ich Charcot wiederholen, je vous assure, vous y arriverez. Brouardel, der weniger laut sprach, muss dann seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, dass unter solchen Umständen Symptome wie die der Frau zustande kämen. Denn Charcot brach plötzlich mit großer Lebhaftigkeit in die Worte aus: Mais dans des cas pareils c’est toujours la chose génitale, toujours... toujours... toujours. Und dabei kreuzte er die Hände vor dem Schoß und hüpfte mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit mehrmals auf und nieder. Ich weiß, dass ich für einen Augenblick in fast lähmendes Erstaunen verfiel und mir sagte: Ja, wenn er das weiß, warum sagt er das nie? Aber der Eindruck war bald vergessen.«37
»Die verruchte Idee« von der sexuellen Ätiologie der Hysterie (in der Breuer’schen Fallrekonstruktion noch eine Leerstelle) war im Gegenlicht brutaler Sexualstraftaten jäh aufgeblitzt – und ebenso schnell wieder erloschen. Die Eindrücke, die Freud über fremde (von Kollegen erzählte) Krankengeschichten empfing, waren nicht stark genug gewesen, um ihn in der Sache Sicherheit gewinnen zu lassen. Freud brauchte unabdingbar die Erfahrung eigener Fälle. Die Voraussetzung dafür schuf er im Jahr der Rückkehr von Paris. Ende April 1886 ließ er sich in Wien als Nervenarzt nieder – und heiratete im Herbst desselben Jahres, in Erwartung besserer ökonomischer Verhältnisse, seine langjährige Braut Martha. Ein neues Kapitel im Buch seines Lebens war aufgeschlagen.
Übers Jahr wurde Freuds erstes Kind geboren, Mathilde, so benannt nach Frau Breuer. Einem unwiderstehlichen Wiederholungszwang folgend, engagierte Freud postwendend »eine Amme aus Roznau«, mit der er natürlich »nicht zufrieden war«; so wenig wie er es mit jener Amme aus seinen frühen Kindertagen war, mit der er in Begleitung seiner (mit Julius schwangeren) Mutter Amalie das erste Mal nach Roznau reiste. »Fast gleichzeitig mit Mathildes Geburt kam eine Umwälzung in der Praxis«, so Freud in einen Brief vom Oktober 1887 an Minna, »die nicht gründlicher gedacht werden kann.«38 Breuer trat ihm »in aller Form« eine Patientin ab: Frau Lieben. Diese Überweisung war ein Glücksfall, der die bis dahin stille Praxis mit einem Schlag aufwertete. Anna Lieben (die in den »Studien über Hysterie« unter dem Pseudonym Cäcilie M. firmiert), damals vierzigjährig und Mutter von fünf Kindern, stammte als Tochter des verstorbenen Baron von Todesco aus einer vornehmen jüdischen Familie. Nach ihrer Verheiratung mit Leopold Lieben war sie Mitglied des berühmten Wiener Clans der Auspitz-Lieben geworden – und also eine hochvermögende Patientin. Freud, der Anna Lieben mit kurzen Unterbrechungen bis 1893 in Behandlung hatte, gab ihr nicht von ungefähr den klingenden Beinamen einer »Hauptklientin«.

Anna Lieben
Anna war aber nicht nur ein Glücksfall in finanzieller Hinsicht, sie war es auch in therapeutischen Belangen. Als er sie 1887 zu behandeln begann, war Freud nach zeitgenössischem Verständnis wenig mehr als ein Magnetiseur und Hypnotiseur, dessen Kur zwischen Elektrotherapie, Hydrotherapie und hypnotischer Suggestionstherapie schwankte. Erst im Verlauf der Arbeit mit seiner »genial begabten Hysterika« lernte und wagte er es, die konventionellen Bahnen zu verlassen und die rudimentäre Methode der freien Assoziation zu erproben. Die Redekur darf deshalb als ihr gemeinsames Werk gelten – und, nebenbei, Cäcilias chaise-longue als Vorläufer der Couch. Anna sprach über ihre Träume, über ihre sexuellen Erlebnisse und über ihre Kindheit. Der letzte Punkt erstaunte Freud am meisten: dass die Analyse immer weiter in die infantile Zeit zurückführte. Durch die Verbindung des Sexuellen mit dem Infantilen gewann er den entscheidenden Einblick in das Wesen der Hysterie. Es verwundert daher nicht, wenn Freud noch Jahre nach dem Ende der Therapie die ehemalige Hauptklientin als seine »Lehrmeisterin« bezeichnet. Eine mehrdeutige Aussage, die nicht nur beinhaltet, dass er mit Anna die ersten grundlegenden Erfahrungen mit der Redekur machte. Zu deutlich ist der Anklang an den Namen, den er für seine Freiberger Kinderfrau gefunden hatte: seine »Lehrerin in sexuellen Dingen« gewesen zu sein. Man wird Anna Lieben deshalb zu den Patientinnen zählen dürfen, die Freud auf die eine oder andere Weise auf die Spur der Sexualität brachten. Das wird nirgendwo deutlicher, als in der intimen Beschreibung einer Anna geltenden Sehnsucht aus dem Jahre 1893: »Erst heute war ich wieder bei ihr. Bis dahin war ich korrekturmüde, arbeitsfertig, ratlos, wo ich meine Abende zubringen soll. Où passerai-je mes soirées, fragte jener Schriftsteller, dem man zuredete, endlich seine Geliebte zu heiraten. Ich glaube, sie hat mir gefehlt, heute habe ich einen Teil meiner Spannkraft wieder.«39
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