Kitabı oku: «Freud in Maloja»
Franz Maciejewski
Freud in Maloja
Die Engadiner Reise
mit Minna Bernays
Saga
Einleitung
»Journeys end in lovers meeting. Every wise men’s son doth know«
Shakespeare, Was ihr wollt
(2. Akt, 3. Szene)
Folgt man der Julierstraße im Lande Bünden bis nach Maloja (oder Maloggia) – jener Schwelle zwischen Italien und der Schweiz, an der das Engadiner Hochtal jäh ins Bergell abfällt –, so stößt man nach einer langgezogenen Kurve inmitten des Dorfes auf ein eindrucksvolles Gebäude: das Hotel Schweizerhaus. Der im Chaletstil errichtete Bau, der den Charme des Alten wie den Anspruch des Neuen gleichermaßen verkörpert, birgt ein Geheimnis – die Geschichte der verbotenen Liebe Sigmund Freuds zu seiner Schwägerin Minna Bernays.
Freud hat die beiden Bernays-Schwestern Minna und Martha Anfang der 80er Jahre in Wien kennengelernt, wohin die Hamburger Kaufmannsfamilie nach einem wirtschaftlichen Bankrott gezogen war. Minna verlobt sich mit 17 Jahren, noch vor ihrer um vier Jahre älteren Schwester Martha (der nachmaligen Frau Freud), mit Ignaz Schönberg; aber auf der Beziehung liegt ein Schatten. Schönberg, Student der Indologie, ist krank und stirbt 1886 an Tuberkulose. Nach dem Tod des älteren Bruders Isaak (1872) und dem des Vaters Berman (1879) ist dies der dritte Verlust eines nahen männlichen Angehörigen, den Minna zu verkraften hat. Schönberg verliert sie sogar zweimal: Der Schwerkranke löst ein Jahr vor seinem Tod die Verlobung auf. Minna ist 20 Jahre alt – und wird für den Rest ihres Lebens ledig bleiben.
Im Herbst 1896 nimmt Freud die temperamentvolle und attraktive Schwester seiner Frau in seine Wiener Wohnung Berggasse 19 auf. Eine Ménage à trois nimmt ihren Lauf. Minna, deren postalische Adresse »Frl. Minna Bernays bei Dr. Freud« lautet, erwirbt sich rasch in Fragen der Haushaltsführung und Kindererziehung die gleichen Rechte wie ihre Schwester. Anders als Martha avanciert sie zudem – was Freuds klinische Arbeit und wissenschaftliche Forschung anbetrifft – neben dem Berliner Freund Wilhelm Fließ zu dessen »nächster Vertrauten«. Nach und nach unternimmt Freud (von den beiden Frauen nur »Sigi« genannt) mit »der lieben Minnie« (oder auch »Minnig«) erste kleinere Landpartien; es folgt ein Wochenende in Salzburg. Im August 1898 brechen der damals 42-jährige Sigmund und die um 9 Jahre jüngere Minna schließlich zu ihrer ersten gemeinsamen Ferienreise auf, der im Laufe der nächsten Jahre weitere folgen sollten. Über Südtirol und Norditalien fahren sie ins Schweizerische Engadin, wo sie am 13. August in Maloja Station machen. »Wir sind in einem bescheidenen Schweizer Haus abgestiegen«, schreibt Freud von dort an seine Frau Martha. Gemeint ist das Hotel Schweizerhaus, das in Freuds Baedeker noch als Osteria vecchia geführt wird und sich rühmen darf, den Begründer der Psychoanalyse und seine Begleiterin drei Tage (und zwei Nächte) lang beherbergt zu haben.
Wer heute das Hotel aufsucht, vermisst vielleicht eine Marmortafel, auf der das Logis des berühmten Mannes festgehalten wäre. Aber der Direktor, Herr Wintsch, wird dem interessierten Gast gewiss das »Freud-Zimmer« zeigen und auf Nachfrage den handschriftlichen Eintrag Freuds in das altehrwürdige Gästebuch des Hotels. Übertrüge man diese Zeilen auf jene imaginäre Gedenktafel, so wäre dort zu lesen: »Hier wohnte im August 1898 Dr. Sigm. Freud und Frau.« So geschrieben wie gelesen entpuppt sich der Hoteleintrag unversehens als Schriftan-der-Wand. So stimmt es also, was eine Nichte Freuds, sehr viel später in einem Interview darauf angesprochen, bemerkte: Man habe sich in der Familie »das Maul zerrissen« und böse Zungen hätten von einer »zweiten Frau« Sigmunds gesprochen? Doch was genau steckt hinter der Verwandlung des »Fräulein Minna Bernays« in »Frau Freud«? Würden wir der psychoanalytisch einzig triftigen Antwort wiederum die Form einer Inschrift geben, so müsste auf der Tafel stehen: »Hier enthüllte am 13. August 1898 Dr. Sigm. Freud das Geheimnis seiner Libido.«

Das Hotel Schweizerhaus heute
Die Entdeckung des ominösen Hoteleintrags, die Freud der Gestalt des Ödipus, des phallischen Helden der griechischen Sage, nicht, wie üblich, in schöngeistiger sondern in sehr leibhaftiger Weise annähert, gelang 2006. Doch die Freudforschung hat den Rätselspruch der Sphinx schon sehr früh als »Minna-Frage« (Peter Gay) wahrgenommen: Hatte Freud ein intimes Verhältnis zu der Schwester seiner Frau oder nicht? Ernest Jones, der offizielle Freud-Biograph, sah sich genötigt, von umlaufenden Gerüchten über Freuds Eheleben zu berichten, dementierte sie aber energisch: »Bestimmt war Freuds Frau (Martha) in seinem Liebesleben die einzige Frau überhaupt. Zweifellos schätze Freud Minna, aber zu sagen, sie habe in seinem Gefühl irgendwie die Schwester ersetzt, ist einfach Unsinn.« Es war C.G. Jung, der in einem (1957 geführten und dann 1969 veröffentlichten) Interview als Erster von Tatsachen sprach: Minna Bernays habe sich ihm während seines ersten Besuches in Wien im Jahre 1907 anvertraut und gestanden, »dass Freud in sie verliebt und ihre Beziehung tatsächlich sehr intim war«. Fünf Jahre später, im Dezember 1912, teilte Sandor Ferenczi, in jenen Tagen einer der engsten Mitarbeiter Freuds, diesem brieflich eine Assoziation zu einem stark sexuell gefärbten Traum mit: »Sie haben einmal mit Ihrer Schwägerin eine Reise nach Italien gemacht (voyage de lit-à-lit).« Ferenczis spontaner Einfall spielt auf eine Passage aus der »Traumdeutung« an, in der Freud selbst eine »Traumanspielung auf das schöne Land« enthüllt: »gen Italien = Genitalien«.
Obwohl es keinen vernünftigen Grund gab und gibt, an den Angaben von Jung zu zweifeln und die sehr freudianische Bemerkung von Ferenczi nicht ernst zu nehmen, hat das Freud-Establishment ihre Glaubwürdigkeit pauschal in Abrede gestellt. K.R. Eissler und Peter Gay sprachen von bloßen Vermutungen und forderten »unabhängige Beweise«. Trotz dürftiger Argumente ist die Mehrzahl der Freudianer dieser Sprachregelung gefolgt.
Peter J. Swales, das Enfant terrible der Freud-Biographik, hat Anfang der 80er Jahre den Ton verschärft. In einer ebenso scharfsinnigen wie suggestiven Textexegese versuchte er den Nachweis zu erbringen, dass Minna Bernays von Freud schwanger gewesen ist und das gemeinsame Kind in Meran hat abtreiben lassen. Obwohl Swales in nachfolgenden Arbeiten seine These mit subtilen Ketten von Schlüssen erhärten und insgesamt einige der wichtigsten Bausteine zur Freud-Biographik beibringen konnte, werden seine Beiträge von orthodoxer Seite dem sogenannten »Freud-Bashing« (Freud-Klatschen) zugerechnet – und damit als nicht seriös diskreditiert.
Angesichts dieser verhärteten und hoch aufgeladenen Debattenlage ist der Fund von Maloja überraschend positiv aufgenommen und besprochen worden. Dies gilt vor allem für die Berichterstattung in den Printmedien. Die Erstveröffentlichung in der Frankfurter Rundschau vom 28. September 2006 hat weltweit Resonanz gefunden. Praktisch alle großen Zeitungen – von der New York Times und Le Monde, über den Corriere Della Sera und El Pais bis hin zur Neuen Zürcher Zeitung und Sunday Times – haben das Thema aufgegriffen und breit diskutiert [Anhang A]. Es stimmt aber auch, dass das kurzatmige Interesse der Medien in erster Linie einer publikumswirksamen Skandalisierung galt und gilt. Dem herrschenden Zeitgeist sind die Fortschritte in der Geistigkeit, die mit dem Namen Sigmund Freud verbunden sind, zutiefst suspekt. Daher das geheime Einverständnis, den Heros zu verunglimpfen, ihn wahlweise als Scharlatan oder Liederjan zu entlarven.
Das vorliegende Buch ist nicht zuletzt deshalb geschrieben worden, um dem Eindruck, das Dokument von Maloja diene einzig diesem Zweck, entgegenzutreten. Gewiss wird man etwa den Brief an den amerikanischen Neurologen James J. Putnam, in dem Freud die Schönheit der Sublimierung gegen das Glücksversprechen des Eros ausgespielt hat, jetzt anders lesen. Aber zur Häme besteht kein Anlass. Gewinnt doch gerade umgekehrt der fehlbare Freud an Menschlichkeit. Problematisch ist die Lage dagegen für die Hagiographen unter den Freudforschern, die uns Freud wieder und wieder als Wissenschaftsheiligen präsentiert haben. Ihr Werk – nicht Freud und die Psychoanalyse – ist beschädigt. Die entsprechenden Biographien warten darauf, umgeschrieben zu werden.
Ich werde die Geschichte der Aufdeckung der Liebesaffäre zwischen Sigmund und Minna im Folgenden nicht als »chronique scandaleuse« und damit im Geiste eines »Anti-Freud« erzählen. Vielmehr soll die Geschichte dem Ton und Stil nach sehr freudianisch aufgerollt werden – und damit letztlich der Psychoanalyse selbst zugute kommen. D.h. Minna Bernays interessiert nicht in erster Linie als Freuds Geliebte, sondern vielmehr als Wiedergängerin einer älteren Gestalt des Eros aus den Kindertagen des kleinen Sigmund. Wie die Julierstraße als Teil des altrömischen Wegenetzes über viele Etappen hinweg mit Rom als dem geheimen Mittelpunkt verbunden war, so wird sich zeigen, dass die Wege der Libido, auf denen Freud in Maloja gewandelt ist, in den Spuren seiner unglücklichen Kindheit verlaufen. Gemeint ist der Zwei-Mütter-Komplex, den Freud in seiner Freiberger Zeit erworben hat, als seine Erziehung konkurrierend in den Händen seiner Mutter Amalie und der als Ersatzmutter fungierenden Kinderfrau lag. Vor diesem Hintergrund ist die erotische Annäherung an die beiden Bernays-Schwestern Minna und Martha als Wiederholung einer infantilen Episode zu verstehen. Die Rekonstruktion dieser Tiefenschicht wird das geheime Zentrum der seelischen Heimat Freuds freilegen, Wegenetz und Beziehungsgeflecht in einem, das ihm bei allen späteren Erkundungen – die Umseglung erotischer Kontinente eingeschlossen – als eine Art topographisches Schnittmuster von Liebe und Hass gedient hat. So betrachtet vermag uns das libidinöse Begehren Freuds über alte und anhaltende Triebkonflikte aufzuklären, die den Begründer der Psychoanalyse in deren formativer Phase beherrschten – mit unvermeidlichen Folgen für die Theorie. Die gemeinsame Reise ins Engadin erscheint somit als eine mehrschichtige Zeitreise in die Vergangenheit. Für die Entzifferung ihrer Bedeutung dürfen wir getrost auf die Aufklärungsmetapher der Archäologie zurückgreifen, der sich Freud selber in seinen Werken immer wieder bedient hat:
»Nehmen Sie an«, schreibt Freud in Zur Ätiologie der Hysterie (1896), »ein reisender Forscher käme in eine wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit Mauerresten, Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit verwischten und unlesbaren Schriftzeichen sein Interesse erweckte. Er kann sich damit begnügen zu beschauen, was frei zutage liegt, dann die in der Nähe hausenden, etwa halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was ihnen die Tradition über die Geschichte und Bedeutung jener monumentalen Reste kundgegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen und – Weiterreisen. Er kann aber auch anders vorgehen; er kann Hacken, Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner für die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken. Lohnt der Erfolg seiner Arbeit, so erläutern die Funde sich selbst. (...) Saxa loquuntur! [Die Steine reden!]«
Dieses Diktum gilt auch für den Fund von Maloja. Die Minna-Affäre ist nichts als der verworfene Eckstein am Gebäude der Psychoanalyse, das zu großen Teilen aus dem Steinbruch der Freudschen Biographie, dessen verschüttete Teile bis auf den heutigen Tag noch nicht vollständig freigelegt sind, erwachsen ist. In den aufgedeckten Erinnerungsschichten erkennen wir, mit dem schönen Wort von Conrad Ferdinand Meyer, den Menschen Freud »in seinem Widerspruch« – und dahinter »das ausgeklügelt Buch« der Psychoanalyse. Die Bedingungen der Niederschrift dieses Buches besser verstehen und dabei unberücksichtigt Gebliebenes zur Geltung bringen zu können, ist der tiefere Sinn der Unternehmung.
Die Reise auf mehreren Zeitebenen – Leitfaden des vorliegenden Buches – führt dabei unversehens aus dem Zirkel und Wirbel der Minna-Affäre heraus zu ganz anderen Begegnungen. Wir werden Freud auf Anregung seines Freundes Wilhelm Fließ, eines glühenden Verehrers des zuvor zitierten Schweizer Dichters, auf den Spuren von Jürg Jenatsch (des Graubündner Freiheitshelden, dem C.F. Meyer ein literarisches Denkmal gesetzt hat) reisen sehen und umgekehrt erleben, wie sich die Bahnen von Freud und Giovanni Segantini, dem Genius loci der Engadiner Bergwelt, auf Sichtweite annähern – wenn nicht kreuzen. Überraschende Treffen mit Gestalten der Literatur und Kunst treten aus dem Dunkel einer alten Geschichte ins Helle, um den Leser im Gegenlicht des Schrillen mit Bildern eines noch weithin unbekannten, leisen und nachdenklichen Freud zu konfrontieren.
Umgekehrt stoßen die Grabungen auf abgesunkene Katakomben und Todeslandschaften, zu denen vor allem eine von der Freud-Biographie kaum gewürdigte Schicht der Freudschen Militärzeit zählt: die Teilnahme am Balkanfeldzug von 1878/79, welcher der Eroberung Bosniens und der Herzegowina durch die Habsburger Monarchie galt. Als Freud 20 Jahre später als Tourist in die Herzegowina zurückkehrt, ereignet sich die berühmt gewordene Signorelli-Episode – das Vergessen des »Namens des großen Malers, der das Weltgericht in Orvieto gemacht hat«. Es wird sich zeigen, dass die alten Kriegserlebnisse in die Signatur jener Fehlleistung Eingang gefunden haben und dass die Affäre Minna der Schlüssel ist, sie dort zu entziffern und zu verstehen.
1. Die Geschichte der Entdeckung
Ein Interview mit dem britischen Radiosender
Planet Freud
Planet Freud: Ihre Entdeckung des Hoteleintrags von Maloja hat unter Freudianern ein mittleres Beben ausgelöst. Uns interessiert an dieser Stelle die Geschichte hinter der Geschichte. Wie sind Sie der Sache auf die Spur gekommen?
F.M.: Auf Umwegen. Als ich meine Recherche im Oktober 2004 begann, glich sie der Suche nach der verlorenen Zeit. Der Proust’sche Erzähler erinnert sich an zwei Seiten für Spaziergänge, die sich von Combray aus zu gehen anboten, der Seite von Méséglise und der Seite von Guermantes. Die Wege seien einander so entgegengesetzt gewesen, dass er nicht einmal durch die gleiche Pforte aufbrach, um in die eine oder andere Richtung zu gehen. Und die Vorstellung, über Guermantes nach Méséglise zu gehen oder umgekehrt, sei so absurd gewesen wie die Idee, nach Osten aufzubrechen um nach Westen zu gelangen. Es wäre die Umrundung von Swanns Welt gewesen, die aber nur absichtslos gelingen kann. Ganz ähnlich ist es mir mit der Reise um den Planeten Freud [lacht] ergangen. Ich bin nach Osten gegangen, ohne zu ahnen, dass ich insgeheim nach Westen lief.
Planet Freud: Und Ihre beiden Wege waren ...
F.M.: ... die Seite von Freuds Schwester und die Seite von Freuds Bruder. Mit Schwester meine ich natürlich Freuds Schwägerin Minna, seine sister-in-law also »Schwesternach-dem-Gesetz«, wie es im Englischen so treffend heißt. Mit Bruder ist Freuds jüngerer, früh verstorbener Bruder Julius gemeint. Ich bin damals gerade nicht durch das große Tor der Minna-Frage nach der Seite der Schwester aufgebrochen, sondern umgekehrt durch die kleine Pforte der Bruder-Seite. Und von hier ging es wirklich nach Osten, in die alte mährische Heimat der Freuds nämlich, die heute Teil der Tschechischen Republik ist. Ich wollte dort in alten Archiven stöbern.
Planet Freud: Um mehr über Julius zu erfahren.
F.M.: Ja. Die kurze aber intensive Begegnung zwischen Sigmund und Julius ist ein faszinierendes Kapitel im Leben Freuds. Übrigens mit einer ungeheuren Nachwirkung. Freud selbst hat bekannt, dass er die Ankunft dieses, wenn ich so sagen darf, »Bruders-nach-der-Geburt« mit bösen Wünschen begleitet hat. Hernach, nach dem tatsächlich eingetretenen Tod (Julius starb mit 8 Monaten), blieben nicht vergehende Schuldgefühle zurück. Freud zählte diese traumatische Episode seiner frühesten Kindheit zum Kernbestand seiner Neurose. So machte er sie unter anderem für zwei Ohnmachtsanfälle, 1909 in Bremen und 1912 in München, verantwortlich. Ich sprach von Freuds Leben. Mich trieb die Frage um, welchen Einfluss der tote Julius auf das Werk des Gründers der Psychoanalyse genommen hatte.
Planet Freud: Das klingt ein bisschen verwirrend.
F.M.: Ist es auch. Ich ging nämlich davon aus, dass der Geist von Julius in Freuds Werk unter anderem Namen herumspukte.
Planet Freud: Wie bitte?
F.M.: Wie jeder jüdische Knabe, so hatte auch Julius anlässlich seiner Beschneidungsfeier einen zweiten Namen verliehen bekommen. Freuds jüdischen Namen kennen wir, er lautet Schlomo. Der von Julius ist unbekannt. Ich war, um die Sache auf den Punkt zu bringen, auf der Suche nach dem verlorengegangenen jüdischen Namen von Julius. Er schien ein Geheimnis zu bergen, wie schon Ernest Jones vermutet hat.
Planet Freud: Freuds bulldog.
F.M.: Jones bekennt in seiner Biographie, nicht nur nach dem zweiten Namen von Julius, sondern nach einem bestimmten Namen gesucht zu haben. Er hat versucht herauszubringen, ob Julius nicht auf Jüdisch Moses geheißen haben könnte. In diesem Fall, so Jones’ kryptische Botschaft, hätte Freuds Identifizierung mit der Gestalt des Moses die tiefere Bedeutung einer Hassreaktion gehabt, wie bei Napoleon gegenüber seinem Bruder Josef.
Planet Freud: Das müssen Sie unseren Hörern erklären.
F.M.: Hier sind zwei Fäden miteinander verwoben, die auseinander gehalten werden müssen. Hintergrund ist zunächst die obsessive Beschäftigung Freuds mit dem Moses, wie sie in den beiden Büchern »Der Moses des Michelangelo« und »Der Mann Moses und die monotheistische Religion« ihren Ausdruck gefunden hat. In Briefen, die Freud während der Entstehungszeit dieser Werke schrieb, finden sich Wendungen, die aufhorchen lassen: Moses verfolge ihn unablässig, er plage ihn wie »ein unerlöster Geist«. Aus Formulierungen wie diesen hat Jones den Schluss gezogen, dass Freud unbeherrschte gefühlsmäßige Gründe gehabt haben muss, um sich ein Leben lang mit der mächtigen Gestalt zu beschäftigen, ja, zu identifizieren. Nun hat Freud selber in Briefen an Arnold Zweig und Thomas Mann die Skizze einer angeblichen Josefsfantasie Napoleons zu Papier gebracht. Sie dient ihm als Musterbeispiel einer Lebensführung, dessen verschlungene Wege durch das einigende Band eines Namens (Josef), des Namens eines ursprünglich verhassten Bruders, zusammengehalten werden. Die Berechtigung, dieses analytische Vorbild versuchsweise auf Freud zu übertragen, dürfte sich für Jones aus der Art und Weise ergeben haben, mit der dieser den Geschwisterhass beschreibt. Freud spricht sinngemäß von einer elementaren, unergründlich tiefen Feindseligkeit des kleinen Napoleon gegenüber dem älteren Bruder. Josef zu beseitigen, sich an seine Stelle zu setzen, sei seine stärkste Gefühlsregung gewesen, für die heute die Bezeichnung Todeswunsch angemessen erscheine. Die Lektüre dieser Passagen führt zu einem unwillkürlichen Déjà-vu-Erlebnis: Hat sich Freud nicht mit ganz ähnlichen Worten zu Todeswünschen gegenüber seinem Bruder Julius bekannt? Verbarg sich nicht hinter der Absicht, Julius zu beseitigen, sich an seine Stelle zu setzen, wieder der bevorzugte Liebling der Mutter zu werden, die stärkste Gefühlsregung des kleinen Sigmund?
Planet Freud: Eine sehr weitgehende »Freud-Fantasie«, die Sie Jones da unterstellen, nicht wahr.
F.M.: Jedenfalls muss Jones intuitiv sehr sicher gewesen sein, das Richtige getroffen zu haben. Sonst hätte er die Anmerkung gegenüber Anna Freud, die bekanntlich jedes Wort der großen Biographie abgesegnet hat, nicht durchsetzen können. Ich glaube auch, dass Jones die Pointe klar vor Augen stand: Wenn Julius Moses geheißen hat, dann war niemand anderer als dieser unheimliche Bruder das Original hinter der vielschichtigen Figur des Moses des Sigmund Freud.
Planet Freud: Hat Jones die Sache denn herausbekommen?
F.M.: Nein. Er wurde nicht fündig, was nicht bedeutet, dass die Fährte falsch und der Fall damit erledigt war.
Planet Freud: Sie haben also mit Ihrer Recherche die Spurensuche von Jones dann wieder aufgenommen. Richtig?
F.M.: So kann man das sagen. Das geschah ziemlich genau 50 Jahre danach und unter gänzlich veränderten Bedingungen. Zwei Felder boten sich für eine neue Erforschung an. Auf der einen Seite gab es die Freud Archives, die größte Sammlung von Dokumenten und Papieren zu Freuds Leben und Werk. K. R. Eissler hat sie unter dem Dach der Library of Congress, Washington D.C., aufgebaut und verwaltet. Das Findebuch zur Sammlung weist u.a. diverse Familienpapiere aus (Family Papers, 1851–1978), aber die meisten dieser vielversprechenden Bestände sind aufgrund einer restriktiven Archivpolitik noch auf Jahre gesperrt. Ich habe gleichwohl an den derzeitigen Direktor Harold P. Blum eine Anfrage gerichtet und nachgefragt, ob seiner Kenntnis nach der zweite Name von Julius Freud in den Beständen der Freud Archives irgend dokumentiert ist. Der Bescheid fiel negativ aus [Anhang B].
Planet Freud: Damit blieb nur noch der Weg in die zugänglichen Archive von Freuds alter Heimat.
F.M.: So ist es. Die Bedeutung dieser Archive für die Freud-Forschung war durch wichtige Funde bekannt. Eine erste Sichtung von Freudiana hatte längst stattgefunden. So hat Josef Sajner im Staatsarchiv von Troppau (Opava) die »Matrik der Abschriften der Andersgläubigen Freibergs« eingesehen und dort den Geburtseintrag von Sigmund Freud entdeckt. Aber mehr noch, er konnte die Einträge all derjenigen Kinder, die wir aus den beiden Freud-Familien (von Jakob Freud und seinem ältesten Sohn Emanuel) kennen, präsentieren. Nur für Julius fand sich kein Eintrag – was wahrscheinlich macht, dass er nicht in Freiberg geboren wurde. Diese Nachforschungen bezogen sich nicht nur auf Freiberg, den Wohnort der Freuds, sondern nach und nach auch auf benachbarte Orte wie Roznau, einem nahe gelegenen Kurort. Im Zuge dieser erweiterten Suche hat Sajner eine Eintragung im Kurblatt von Roznau entdeckt, die belegt, dass sich »Amalie Freud, Wollhändlersgattin mit dem Kinde Sigmund und dem Dienstmädchen Resi Wittek von Freiberg« unter dem Datum vom 5. Juni 1857 im »Haus Nr. 180« einquartiert hat. Aufgrund dieser Quellenlage und in Kombination mit dem Wissen, dass Amalie Freud bei Kurantritt bereits hochschwanger war (notabene: mit Julius), habe ich an anderer Stelle die These vertreten, Freuds Mutter könnte ihren zweiten Sohn in Roznau zur Welt gebracht haben.

Der Marktplatz von Roznau um 1850
Planet Freud: Womit Roznau zum Dreh- und Angelpunkt der Recherche wurde.
F.M.: Roznau und andere Orte des Distrikts. Als ich im Oktober 2004 das Staatsarchiv von Troppau aufsuchte, war es in der Tat meine Absicht, die Matrikeln von Roznau nach einem Geburtseintrag von Julius zu überprüfen. Neben einer Bestätigung für die These der Geburt in Roznau, erhoffte ich im günstigen Fall einen Hinweis auf den zweiten Namen von Julius. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Matrikelbestand von Roznau überhaupt keinen Anhang zide (d.h. jüdische Einträge) hatte. Der angenommene Fall: Geburt in einem Kurort (Roznau), der nicht der Heimatort (Freiberg) ist, scheint verwirrend, weil nicht klar ersichtlich ist, welche Stelle (Rabbinat, Gemeinde) für den Geburtseintrag zuständig ist. Roznau schied aus, da es dort keine eigenständige Israelitische Kultusgemeinde (IKG) gab. Nach Lage der Dinge, d.h. nach Einschätzung der kommunalen und religiösen Bedeutung der umliegenden Gemeinden, kamen die Matrikeln von Wallachisch Meseritz, Neutitschein, Vsetin und Weisskirchen in Frage. Alle diese Unterlagen lagern im Staatlichen Zentralarchiv von Prag. Dort habe ich als erstes das Geburtsbuch von Wallachisch Meseritz einsehen können. Ich tat dies mit gestiegener Erwartung, denn laut Katalog sollten die jüdischen Matrikeln mit dem Jahre 1857 beginnen, dem Geburtsjahr von Julius. Leider waren die interessierenden ersten Seiten herausgerissen.
Planet Freud: Das muss sehr enttäuschend gewesen sein. Wie ging es weiter?
F.M.: Die Leiterin der 1. Abteilung des Staatlichen Zentralarchivs, Frau Dr. Lena Matusikova, half mir, die anderen erwähnten Matrikelbestände zu überprüfen. Das Ergebnis war ernüchternd: Weder die Kontrollmatrikel der IKG in Neutitschein noch die in Vsetin enthielten irgendeine Angabe zu Julius Freud. Im Bestand der Geburts- und Sterbematrikeln der IKG in Weisskirchen klaffte dagegen für die Jahre 1857/58 eine Lücke. Nach meiner Rückkehr stand ich – was den erhofften Archivfund anbetrifft – mit leeren Händen da.
Planet Freud: Haben Sie in dieser Situation daran gedacht, das ganze Projekt aufzugeben?
F.M.: Im Frühjahr 2005 stand ich wirklich nahe davor. Ich kam, um ein Bild von Freud aufzugreifen, mir vor wie eine Tänzerin, die auf einer Zehenspitze balanciert, sprich: mit minimaler Bodenhaftung.
Planet Freud: Was bewirkte den Umschwung?
F.M.: Ich wusste von einer wenig beachteten Fehlleistung Freuds aus dem Jahre 1898. Es handelt sich um das Vergessen eines Eigennamens, den ersten Fall dieser Art überhaupt, den Freud erwähnt hat. Ihm war der Name des Dichters, von dem der Andreas Hofer (»Zu Mantua in Banden«) ist, entfallen: »Julius Mosen«. Wie in einem Vexierbild sind in diesem Namen die beiden mutmaßlichen Vornamen von Freuds Bruder versteckt: Julius und Moses. Ich ahnte intuitiv, dass Freud hier das Geheimnis um den jüdischen Namen seines Bruders auf eine vertrackte Art mitgeteilt hatte. Zur Kenntlichkeit entstellt, hätte Walter Benjamin das genannt. Wenn es mir gelingen würde, das Rätsel der Fehlleistung zu lösen, dann könnte ich – so meine Überlegung und Hoffnung – mein Ziel jenseits archivarischer Evidenz doch noch erreichen. Allerdings hatten all die klugen Freud-Forscher die Fehlleistung als nicht-analysierbar beiseite gelegt. Die Ersatznamen, die Freud an Stelle des verdrängten »Mosen« eingefallen waren (»Lindau« und »Feldau«), erschienen ihnen zu hermetisch. Es gab praktisch keinen Zugang in der Sache. Ich habe mich trotzdem an die Arbeit gemacht. Es war eine beispiellose Herausforderung – und meine letzte Chance.
Planet Freud: Offensichtlich ist es Ihnen gelungen, sich trotz der Widrigkeiten einen Zugang zu verschaffen. Wie ging das vonstatten?
F.M.: Ich ging zunächst die Frage der Datierung an: Wann und bei welcher Gelegenheit hat sich Sigmunds Freud’sche Fehlleistung ereignet? Und schon war die erste Überraschung perfekt. Ganz offensichtlich war das Vergessen auf eben jener Reise passiert, die Freud zusammen mit Minna Bernays im Sommer 1898 unternommen hatte und die die beiden ins Engadin führte. Mit einem Schlag, aber völlig unerwartet, befand ich mich auf der Spur, die mich über viele Stationen letztlich nach Maloja fuhren sollte.
Planet Freud: Sie haben auf der dunklen Seite des Planeten den Anschluss an den Weg der Schwester gefunden.
F.M.: Ja, aber es hat noch lange gedauert, bis mir die Bedeutung klar wurde. Zunächst blieb der Bruder das Leitmotiv. Ich konnte die mit Unlustgefiihlen verbundene Reminiszenz an Julius als einen Grund in dem vielschichtigen Vorgang des Vergessens von »Mosen« nachweisen. Über Wortbrücken wie »Julier« (einer altrömischen Heerstraße, die vom bündnerischen Chur über den Julierpass und Maloja nach Chiavenna führt) und »Julian« (einer Gestalt aus C. F. Meyers Novelle »Das Leiden eines Knaben«, die Freud vor Reiseantritt gelesen hatte) war der Geist von Julius wiedergekehrt. Er hatte teil an der Reise mit Minna. Wie ich bereits kurz erwähnte, hatte Freud die Geburt des Bruders – des Rivalen um die Liebe der Mutter – einst mit Todeswünschen begleitet und bei dessen tatsächlichem Ableben bleibende Schuldgefühle erworben. Julius verkörperte deshalb die bedrohliche Verklammerung von Liebe und Tod. Ganz offensichtlich war es die erotische Besetzung von Minna, welche über die Kraft verfügte, die Affektlage dieser älteren Schicht wiederzubeleben. In einer weiteren Schicht mischten sich dann die Schuldgefühle wegen der inzestuösen Liebesbeziehung in diesen Komplex hinein.
Planet Freud: War mit dieser Deutung das Rätsel der »Julius Mosen«-Fehlleistung denn schon gelöst?
F.M.: Nein, keineswegs. Das war ein langwieriger Prozess, das geduldige Zusammenlegen eines Puzzles. Die meisten Einzelstücke des Materials, das ich fand oder gewann, waren anfänglich völlig ungeordnet. Viele wichtige Schritte entpuppten sich als Zwischenschritte. Auch die Zerlegung des Rätsels in zwei Hälften, die Bruderseite von Julius und die Schwesterseite von Minna, erwies sich als eine solche Etappe. Ich habe das Vergessen von »Julius Mosen« von Anbeginn als Pendant zu einem anderen Fall verstanden, der später berühmt gewordenen »Signorelli«-Fehlleistung. Es gibt da eine überraschende Dopplung, eine Zweiheit der Geschichte. Freud reist mit Minna ins Engadin; auf dieser Reise unterläuft ihm das Vergessen von »Julius Mosen«. Nach seiner Rückkehr bricht Freud zu einer zweiten Reise mit Martha auf, seiner Ehefrau; sie reisen nach Dalmatien. Auf dieser Fahrt vergisst er den Namen des Malers »Luca Signorelli«. Was steckt dahinter? Zugespitzt formuliert: Es geht nicht allein um Schwester Minna, sondern um die beiden Schwestern Martha und Minna – aber in der Rolle von Müttern. Ein Dreieck wird sichtbar: Sigmund im Spannungsverhältnis zwischen seinen beiden Müttern, der guten und der bösen Mutter, der leiblichen Mutter und der Ersatzmutter. Szenisches Verstehen lässt natürlich sofort an die ferne Reise nach Roznau denken, die der kleine Sigmund 1½-jährig an der Seite von Mutter und Kinderfrau unternommen hat, überwältigt von Hass gegen den unerwünschten Dritten, den im Mutterleib heranwachsenden Julius. Dessen nahe Ankunft hat ja die Anwesenheit der Kinderfrau – und damit die »Zwei-Mütter-Kindheit« – überhaupt erst nötig gemacht. »Die Reise nach Roznau« ist gewissermaßen das topographische Urmeter, mit dem wir die Wegstrecken der Liebe und des Hasses, die Freud gegangen ist, immer wieder messen müssen. In diesem Licht entpuppten sich die beiden Reisen, die mit Minna nicht anders als die mit Martha, nach und nach als Reinszenierungen des älteren Vorbilds.