Kitabı oku: «Narzissen und Chilipralinen», sayfa 3
»Es hat überhaupt nichts zu bedeuten, dass ich Tom getroffen habe. Wir haben uns bloß unterhalten. Kim war da und meinte, sie hätte gesehen, dass da zwischen uns was läuft, aber du weißt, dass das Quatsch ist.«
»Ja«, sagt Daniel leise. »Natürlich weiß ich das.«
Ich spüre seinen Körper durch die dicken Jacken, als er mich an sich drückt. Sein Gesicht ist warm, sein Atem streift meine Haut. Plötzlich fühle ich mich so verliebt, dass mir schwindlig wird. Ich klammere mich an ihn und küsse ihn. Küsse ihn und küsse ihn und küsse ihn. Ich kann gar nicht mehr damit aufhören. Ich merke nicht, dass ich atme. Dass mein Herz schlägt. Dass die Stimmen der anderen laut werden, als sie auf den Parkplatz kommen. Dass sich Wolken über die glitzernden Sterne schieben. Ich weiß nur, dass ich Angst hatte und dass diese Angst sich langsam, während wir uns küssen, auflöst wie Schneeflocken auf brennender Haut.
»Oh nein«, stöhnte Finn. »Hat der Typ Nerven, seine Gang mitzubringen.«
Daniel stimmte ihm innerlich zu. Hatte Bastian doch tatsächlich seine Jungs zum Rodelhügel mitgeschleppt. Kein Wunder, dass ein paar Hopis irritiert reagierten und tuschelten. Eins der Mädchen sagte recht laut: »Oh nein, seht euch die an.«
Bastian alleine, so wie am Donnerstag, das war etwas anderes, denn in der Jugendgruppe war er in der Unterzahl. Doch mit seinem bedrohlich dreinblickenden Gefolge ... Sie wirkten wie ein ganzes Rudel, dabei waren sie nur zu sechst.
Es kostete Daniel einiges, freundlich zu lächeln. »Hey, Kumpel.«
»Na, Alter!« Bastian klopfte ihm gut gelaunt auf die Schulter, und Daniel biss sich auf die Zunge, um nicht mit der Frage herauszuplatzen, warum sein Freund diese grimmig dreinblickenden Typen alle zum Rodeln verdonnert hatte. Natürlich waren Gäste bei einem Hopi-Treffen willkommen, auch solche von zweifelhaftem Charakter. Diese ja eigentlich besonders. Daniel war sich bewusst, dass Jesus auch Schläger liebte und er sie mit offenen Armen willkommen heißen sollte. Doch das Problem war nicht so sehr, dass Bastians Freunde brutal aussahen, sondern dass Daniel am eigenen Leib hatte erfahren müssen, wie es war, gnadenlos zusammengeschlagen zu werden. So lange war es noch gar nicht her. Es war schwer genug gewesen, Bastian zu verzeihen – und der war aufrichtig zerknirscht gewesen. Diese Jungs jedoch, die mit den Füßen im Schnee scharrten wie ungeduldige Rennpferde, wirkten alles andere als zerknirscht.
Michael begrüßte jeden gleichermaßen freudestrahlend. »Wir haben gar nicht genügend Schlitten für alle, aber zur Not rutscht es sich auch auf Plastiktüten«, meinte er fröhlich. »Toll, dass ihr gekommen seid. Ich bin der Michael.«
»Alf«, stellte Bastian vor. »Jackson. Das da sind unsere beiden Nicks. Philipp, gib Michael die Hand.«
Es ist von Vorteil, dass unser Jugendleiter so groß ist, dachte Daniel. Das macht ihn in den Augen dieser Jungs hoffentlich zu einer Respektsperson. Vielleicht schätzen sie ihn aber auch nur ab, um festzustellen, wie schnell er im Schnee landen würde, wenn sie sich auf ihn stürzen.
Miriam zog ihn am Arm zur Seite. »Wollen wir nicht fahren? Die Bahn ist gerade frei.«
Unter ihrer dicken Wollmütze lugten ihre Haare hervor und rahmten ihr Gesicht ein. Ihre Augen glänzten. Er küsste sie auf die rote Nasenspitze. Bei solchen Gästen war es bestimmt besser, wenn man gleich deutlich machte, zu wem dieses hübsche Mädchen gehörte.
»Möchtest du lieber gehen, wenn die hier sind?« Natürlich merkte sie, wie er die Fremden beobachtete, wie angespannt er war.
»Nein«, sagte er. »Bastian ist mein Freund. Das setze ich nicht aufs Spiel. Ich hab keine Angst vor diesen Typen.« Er blickte zu den Jungen hinüber. »Trotzdem hätte ich jetzt gerne Wunderkräfte, um sie alle zusammen zu verprügeln. Aber sag das bloß keinem. Ich versuche gerade, meine ganze Nächstenliebe zusammenzukratzen. Ich hoffe, sie reicht.«
»Klar tut sie das«, meinte Miriam zuversichtlich. Sie lachte ihn an. Da war so ein wunderbares Strahlen in ihrem Gesicht, und die Schatten der vergangenen Tage schienen verflogen. Doch obwohl sie offenbar keine Zweifel daran hatte, dass er es fertigbringen würde, seine Feinde zu lieben, wollte er ihnen lieber davonfahren. Er schob den Schlitten in die richtige Position. Die Bahn sah gut aus. Der Schnee, auf der Wiese noch dick und weich, war hier bereits festgefahren und spiegelglatt.
»Schnell, bevor sie uns sehen«, sagte er.
Doch zu spät. Die Jungs hatten ihn trotz der winterlichen Vermummung erkannt. Einer der Nicks pirschte sich heran und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Jackson grinste. Daniel grinste zähnefletschend zurück; das musste genügen.
»Ey, Mann, leihst du uns mal den Schlitten?«
»Klar«, sagte er, »aber zuerst fahre ich mit meiner Freundin.«
Er stieß sich ab, und der Schlitten gewann rasch an Fahrt.
Miriam schlang die Arme um ihn, während sie den Hügel hinabsausten. Aber es gab Erinnerungen, die auch der schönste Kuss am perfektesten Wintertag nicht auslöschen konnte, und die ganze Zeit über, während er den Schlitten wieder den Hang hinaufzog, kämpfte er mit seinem Groll. Jackson streckte verlangend die Hand nach dem Schlitten aus, als hätte er ein Recht darauf, der Mistkerl. »Fährst du mit mir, Messie?«, fragte er und setzte dabei ein Grinsen auf, das er wohl für unwiderstehlich hielt.
»Nein danke.« Miriam blieb äußerst liebenswürdig.
Daniel dachte darüber nach, den Typen einzuseifen, aber da sprang Michael zu Jackson auf den Schlitten, und gemeinsam rasten sie bergab.
»Wartet auf uns!«, schrie Sonja und fuhr mit Angelika hinterher.
»Ich brauch noch einen Mitfahrer!«, rief Bastian, packte schließlich Tine und zog sie zu seinem Gefährt.
»Ich hätte nicht gedacht, dass sie jemanden wie ihn auch nur mit den Fingerspitzen anfassen würde«, staunte Miriam. Tine kreischte, während sie an den anderen Schlitten vorbeibrausten und in einer Schneewehe landeten, in der schon die beiden Nicks steckten. Mit rotem Gesicht stiefelte sie den Hang wieder hoch, hinter ihm her, und dann fuhren sie noch mal. Ihre Augen leuchteten, sie lachte.
»Die ist ja wie ausgewechselt. Keine gehässigen Blicke heute?«
»Was hast du eigentlich für ein Problem mit Tine?«, wollte Daniel wissen, während er den Schlitten aus dem Loch herauszog, in dem sie beide gelandet waren. »Ich finde sie nett.«
»Nett? Die?« Miriam schüttelte fassungslos den Kopf. »Die tut ständig so von oben herab.«
Gut, Tine gehörte nicht zu den Leuten mit einem Dauergrinsen, aber das fand Daniel nicht schlimm. Sie kritisierte gerne, aber darin stand Miriam ihr in nichts nach. Im Grunde fand er, dass die beiden recht viel gemeinsam hatten, aber er hütete sich natürlich, das laut auszusprechen. Manchmal nervte es ihn ziemlich, dass Miriam an allen Hopis etwas auszusetzen hatte, aber an diesem schönen Nachmittag wollte er nicht streiten.
Die kalte Luft und die Anstrengung färbten die Gesichter rot. Sogar die Gangster, die am Anfang so cool gewesen waren, wurden merklich lockerer. Dominik, der größere der beiden Nicks, lachte sogar, während er vom Schlitten in den Schnee rollte.
»Tine ist heute so ungewöhnlich glücklich«, überlegte Miriam, die das andere Mädchen immer noch beobachtete.
»Vielleicht ist das ja die echte Tine«, meinte Daniel. Er hatte das Gefühl, dass hier im Schnee alle lockerer wurden. Man konnte sich buchstäblich fallen lassen, in die dicke, weiche Schneeschicht. Bastian und Michael rollten im Spaß raufend die Anhöhe hinunter. Ein paar der Mädchen wagten sich vorsichtig an Philipp heran, der von allen vermutlich am besten aussah – Daniel war sich nicht sicher, ob er das als Junge überhaupt beurteilen konnte. Doch leider war Philipp auch der Schweigsamste, und erst als Jackson erschien, erklang das Gekicher eines ganzen Trupps Mädchen bis oben auf die Hügelkuppe.
Daniel küsste Miriam ein paar Schneespuren aus dem Gesicht, als ihn ein Schneeball traf.
»Attacke!«, schrie Alf. »Auf sie!«
Im Handumdrehen hatte sich die Strecke in ein Schlachtfeld verwandelt.
»Wehrt euch!«, riefen Willi und Finn, die Anführer der Hopis.
Michael schlug sich unverzüglich auf die Seite der Gäste, was Daniel klug fand. Fremde gegen Hopis – nein, das hätte der Gemeinschaft gar nicht gut getan. Er atmete tief durch, dann traf er seine Entscheidung.
»Komm!«, rief er Miriam zu. »Dorthin, nach links!«
Sie rannten geduckt durch den Schneehagel zu Bastian und den anderen, die sie johlend begrüßten. Immer mehr Bälle flogen durch die Luft. Während Daniel hastig eine Schneekugel nach der anderen formte, war er sich der Gegenwart der beiden Nicks, die rechts und links von ihm Stellung bezogen, nur zu sehr bewusst.
»Treffer!«, schrie Niklas, während Dominik ein wortloses Geheul anstimmte.
»Wir gewinnen!«, rief Michael.
»Gar nicht!«, schrie Tine von der anderen Seite und erwischte Bastian voll ins Gesicht. Die Gruppe der Kichermädchen konzentrierte sich auf Philipp und Jackson, die plötzlich aufsprangen und hinüberrannten, um ein allgemeines Einseifen zu beginnen. Eine Weile herrschte das reine Chaos, und Daniel fand sich im Gerangel mit Alf wieder.
»Du hast ne hübsche Freundin«, sagte Alf.
»Von der du gefälligst die Finger lässt.«
»Klar doch. Ich mein ja nur. Sie ist gerade dabei, die beiden Nicks fertig zu machen.«
Daniel riskierte einen Blick zur Seite, um diese unwahrscheinliche Behauptung zu überprüfen, und bekam prompt eine neue Ladung Schnee ins Gesicht.
»Eins zu Null!«, schrie Alf.
»Na warte!«
Während er ihm mit Vergnügen Schnee ins Gesicht schmierte und es mit gleicher Münze heimgezahlt bekam, merkte er zu seiner eigenen Überraschung, dass sein Lachen echt war.
»Ich glaub, jetzt reicht es«, sagte Michael, während sie alle ermattet im Schnee lagen. »Wir fahren noch einmal runter, und dann ab in die Autos und ins Warme. Bald ist es so dunkel, dass man nichts mehr sieht.«
Die ersten Schlitten brachen auf. Es gab keine Trennung mehr in Gäste und Hopis, alles war wie durchgemischt. Dann ein Schrei und lautes Schimpfen.
»Mann, willst du, dass ich mir den Hals breche?«, fauchte Tine.
Auf einmal war unten am Hügel ein Gewühl aus Schnee und Schlitten, Armen und Beinen. Prustend und immer noch lachend arbeitete sich Bastian aus einem Gebüsch heraus, in das mehrere ineinander verkeilte Schlitten gerast waren. Mit ausdruckslosem Gesicht trennte Alf eine einzelne Kufe von einem knorrigen Ast. Die beiden Nicks betrachteten betrübt die Überreste ihres Gefährts.
»Ich hoffe, das war nicht unser Schlitten?«, fragte Miriam erschrocken. »Meine Geschwister machen Hackfleisch aus mir.«
»Nein, ich glaube nicht«, beruhigte Daniel sie, während er zur Unfallstelle hastete.
Bastian streckte Tine die Hand entgegen, aber trotzig befreite sie sich selbst. Noch einige über und über mit Schnee bedeckte Gestalten wurden sichtbar. Kevin, ein schlaksiger Fünfzehnjähriger, riss an seinem Schlitten, unter dem Lukas und Kati zum Vorschein kamen. Finn humpelte an die Seite und kämpfte mit den schneeverkrusteten Schnürsenkeln seines Schuhs.
»Alles in Ordnung?«, fragte Michael besorgt.
»Ja, geht schon«, meinte Finn mit schmerzverzerrtem Gesicht. Alle standen um ihn herum und gaben gute Ratschläge oder erfreuten die Anwesenden mit Geschichten ihrer eigenen Bänderrisse, Verstauchungen und Knöchelbrüche.
»Hey, alles klar bei dir?« Bastian reichte Finn die Hand und zog ihn hoch, doch sobald er aufrecht stand, stieß Finn ihn mit beiden Händen vor die Brust.
»Du Idiot! Das warst du!«
Bastian taumelte nach hinten. Im nächsten Moment stand Philipp vor seinem Anführer und zückte ein Messer.
»Das gibt’s doch nicht!«, schrie Finn. »Er hat ein Messer!«
Alle wichen erschrocken zurück. Nur Michael blieb stehen.
»Steck es weg«, sagte er streng. »Keine Waffen.«
Mittlerweile hatte Bastian sich aufgerappelt. »Er hat recht«, sagte er zu Philipp. »Tu es weg. Das war nichts.«
Daniel hatte die Luft angehalten. Zu deutlich erinnerte er sich daran, wie empfindlich sein Freund früher gewesen war, wenn jemand seine Ehre verletzte.
»Weg damit! Wird’s bald! – Keine Panik.« Bastian lächelte beschwichtigend in die Runde. »Alles unter Kontrolle.«
»Das war’s dann jetzt wohl endgültig.« Der Obergoliath, wie Miriam ihn so gerne nannte, gab das Zeichen zum Aufbruch. »Raclette und Punsch zum Aufwärmen, wisst ihr noch? – Kannst du gehen, Finn? Es ist doch hoffentlich nichts gebrochen?«
Finn warf Bastian einen bösen Blick zu. »Ich glaub nicht«, presste er zwischen den Zähnen hervor.
»Das war keine Absicht.« Michael versuchte wie immer alle zu besänftigen. »Und das nächste Mal«, sagte er zu Philipp, »kannst du ruhig unbewaffnet kommen. Wir beißen nicht.«
»Nächstes Mal?«, knurrte Finn. »Ich fass es nicht. Die sollten alle Hausverbot bei uns kriegen.«
Daniel reichte Finn die Hand. »Komm, bis zum Parkplatz schaffst du’s. Setz dich auf unseren Schlitten. Ich schätze, das ist der einzige, der noch einigermaßen heile ist.« Zum Glück war ihr Gefährt nicht an der Massenkarambolage beteiligt gewesen.
»Ich helfe dir.« Bastian tauchte neben ihm auf und griff nach dem Strick.
»Wir können ihn auch tragen«, bot Jackson an.
»Nein danke!« Finn war immer noch sauer, er lehnte das Friedensangebot ab.
Bastian ließ sich nicht beirren. Er zog sein Opfer zum Parkplatz und stellte die Ohren auf Durchzug.
»Und dann hat der Schlitten sich mitten auf der Bahn quergestellt und wir konnten nicht bremsen ...«, erklärte Tine, die hinter ihnen ging, allen, die es hören wollten. »So etwas musste ja passieren.«
»Du hältst auch alles und jedes für ein göttliches Strafgericht, was?«, meinte Miriam.
»He, Mädels, vertragt euch«, sagte Daniel. Er legte den Arm um Miriams Schultern, und sie versenkte ihre eiskalte Hand in seiner Jackentasche. »Nicht streiten«, bat er leise. »Was sollen denn unsere neuen Freunde von uns denken?«
Ihre Wangen färbten sich glühend rot. Wenn Miriam sich mit Tine vertrug, dann würde das ein ebenso großes Wunder sein wie seine Freundschaft mit Bastian.

4.
»Das geht zu weit«, sagte Finn. »Michael hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass diese Asis mit dabei sind.«
»Er gibt halt jedem eine Chance«, meinte Daniel.
Im Wartezimmer der Notaufnahme war es voll. Offenbar hatten auch andere wenig Glück beim Wintersport gehabt.
Finn senkte die Stimme. »Sie sind gefährlich. Ich weiß es. Du erst recht. Nur Michael will es einfach nicht wahrhaben. Was, wenn beim nächsten Mal jemand ernsthaft verletzt wird?«
»Dass ein paar Schlitten zusammengestoßen sind, kannst du nicht Bastian ankreiden.«
»Du weißt, was ich meine.«
Natürlich wusste Daniel es. Unbehaglich starrte er auf den Fußboden.
Eigentlich hatte Michael Finn zum Arzt fahren wollen, doch dieser hatte sich geweigert. Er hatte die Ablehnung mit einem Witz kaschiert – »Nichts für ungut, aber du neigst nun mal zu Auffahrunfällen, du bist Stammkunde in unserer Autowerkstatt«, – doch es ging natürlich um viel mehr. Finn bestand darauf, nach Hause gebracht zu werden, bis Sonja ihn davon überzeugte, dass er ins Krankenhaus gehörte. Ihre Mutter, die dort arbeitete, hatte heute sogar Dienst; wenn er Glück hatte, würde seine eigene Tante ihn verarzten. Das gab den Ausschlag, und Finn hatte sich schließlich bereit erklärt, sich von seinem Freund Willi ins Krankenhaus bringen zu lassen. Doch da dieser keine Zeit hatte, mit ihm zu warten, war Daniel ebenfalls mitgefahren. Auch um Sarah kurz zu besuchen. Nun bereute er das fast, denn Finn steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein.
»So wie ich Michael kenne, wird er sie trotzdem wieder einladen. Wenn wir gleich zum Raclette kommen, sind sie alle da und grinsen uns an, wetten? Dabei haben sie sich Hausverbot verdient, im Ernst. Was ist mit den Mädchen? Ist denen zuzumuten, mit einem Messerstecher am Tisch zu sitzen?«
»Bastian ist in Ordnung«, sagte Daniel.
»Würdest du deine Hand für ihn ins Feuer legen?«, wollte Finn wissen. »Diese Typen sind bloß auf Ärger aus. Die haben garantiert keine Lust, Anbetungslieder zu singen und über die Hochzeit in Kana zu diskutieren. Wir sollen offen für andere sein, aber du weißt am besten, dass es nicht so einfach ist, Daniel. Die sind nicht wie wir. Die würden noch auf jemanden eintreten, der bereits am Boden liegt.«
Daniel konnte ihm nicht widersprechen. Beim letzten Mal war er derjenige gewesen, der am Boden lag.
»Michael begreift es nicht«, flüsterte Finn. »Ich brauche eine Waffe ... um die Mädchen zu beschützen, falls nötig.«
»Weißt du, warum sie mich damals fertiggemacht haben?«, fragte Daniel. »Aus demselben Grund. Für die Mädchen. Das ist ziemlich nach hinten losgegangen. Vergiss es, Finn. Wir wollen keinen Krieg. Wir haben die Gelegenheit, ihnen etwas zu zeigen – wie man ein anderes Leben führen kann. Ich bin nicht naiv, ich weiß, dass das gefährlich sein kann. Ein paar von denen waren sogar schon im Knast. Aber wenn sie zu uns kommen, werden sie sich zusammenreißen.«
»Wir sollten ... wachsam sein.«
»Finn Erlmeyer?« Eine freundliche Stimme rief seinen Namen auf. Endlich hatte das Warten ein Ende.
»Ich bin dran.« Finn humpelte zur Tür. Das Letzte, was von ihm zu hören war, war der freudige Ruf: »Tante Erika!«
Und Daniel machte sich auf den Weg zu Sarahs Krankenzimmer, wo seine Eltern stumm an ihrem Bett saßen.
Als wir uns später, umgezogen und wieder aufgewärmt, zum Raclette im Gemeindehaus treffen, trägt Finn einen Verband um den Fuß, doch er ist wieder gut gelaunt. Während wir anderen Stühle schieben, Tisch decken und die Sachen fürs Raclette auf Schälchen verteilen, drückt Michael ihm ein Liederbuch in die Hand. »He, du Pfadfinder, eine gute Tat für dich: Such schon mal die Lieder raus, die wir später singen.«
Tine kommt strahlend in den Gruppenraum getänzelt. Was ist denn mit der los? Ich starre sie fassungslos an, überwältigt von der Erkenntnis, wie viele verschiedene Gesichter die Menschen haben. Kann es sein, dass dies die echte Tine ist – eine glückliche Tine, die gar nicht mehr von oben herab tun muss? Auf einmal ist sie sogar regelrecht attraktiv. Oder kommt mir das bloß so vor, weil sie diesmal keine üblen Andeutungen über Saufpartys und Fremdknutschen zum Besten gibt und ich sie fast mögen könnte?
Der Abend beginnt vielversprechend. Von Bastis Truppe sind nur zwei wiedergekommen, der dauergrinsende Jackson und der kleine, dunkelhaarige Alf, dem man einfach nicht ansieht, was er denkt. Ob Philipp wohl das schlechte Gewissen plagt? Oder stört ihn eher das Waffenverbot? Wenn ich an die Szene denke, wie er plötzlich das Messer in der Hand hielt, wird mir immer noch ganz mulmig.
»Die Vierundvierzig«, sagt Finn. »Und Lied Nummer Dreiundsechzig.«
Es gibt schöne Lieder und äußerst fromme Lieder, und wo die Schnittmenge liegt, hängt vom jeweiligen Geschmack ab. Ich fürchte sehr, dass Finn und ich da nicht übereinstimmen würden.
»Du kannst unmöglich die Vierundvierzig vorschlagen.«
»Warum nicht?«, fragt er und schaut mich an, als hätte ich etwas Unanständiges von mir gegeben. Vorsichtshalber überprüfe ich kurz, ob mein Reißverschluss zu und auch sonst alles in Ordnung ist.
»Wenn schon mal Gäste da sind«, erkläre ich, »sollten wir ein bisschen Rücksicht nehmen und ihnen nicht gleich die volle Dröhnung verpassen.«
»Du willst ihnen also etwas vormachen?« Er beäugt mich kritisch. »Ich finde, wir sollten die Gelegenheit nutzen, um sie mit der Botschaft vertraut zu machen. Wenn es sie stört, dass wir Christen sind, ist das eben so. Wir werden sie nicht unter Vorspiegelung falscher Tatsachen herlocken.«
»Nein, aber ...«
Auf einmal fühle ich die Blicke hinter meinem Rücken. Ich drehe mich um. Alle sind beschäftigt, trotzdem weiß ich, dass sie mich beobachten. Weil ich das schlimme Mädchen bin, das hinter Daniels Rücken mit anderen Jungs rummacht. Himmel, glauben die, ich will was von Finn? Er ist mittelgroß, mittelrötlichblond, mittelhübsch. Kein Vergleich mit Daniel – jedenfalls nicht in meinen Augen. Würde wirklich irgendjemand auf die Idee kommen, dass ich mich zu ihm gesetzt habe, um zu flirten, weil er ein verletztes Bein hat und nicht schnell genug weglaufen kann?
Schaut her, will ich rufen, ich hab DANIEL! Könnt ihr mir irgendeinen Grund verraten, warum ich mich anderweitig umschauen sollte?
Jedenfalls erhebe ich mich mit möglichst viel Würde und lasse den armen Finn allein, bevor er sich von mir belästigt fühlen kann. Dabei renne ich Michael über den Haufen.
»He, Miriam, nach dir habe ich gerade gesucht. Ich brauche eine Idee. Du hast doch immer welche, oder?«
»Kommt drauf an«, sage ich zögernd. Eine Idee, wie ich Kims Werk rückgängig machen kann? Wie ich den Samstagabend aus dem Gedächtnis des Universums löschen kann, ohne das Raum-Zeit-Gefüge irreparabel zu beschädigen?
»Feiern tut der Gemeinschaft gut«, meint er, »aber um gewisse ... Spannungen abzubauen und euer Miteinander zu stärken, fände ich es gut, wenn wir irgendwas zusammen machen würden, was erfordert, dass wir uns alle beteiligen. Alle gemeinsam.«
»Messerstecherei für Anfänger?«
Michael verzieht gequält das Gesicht und sieht dadurch aus wie ein halb verhungerter Steinbock.
»Holzschnitzerei? Da können wir alle unsere Messer mitbringen. Okay, vergiss es. Wie wär’s mit einer Kanufahrt?« Das ist halt das, was mir spontan als Erstes einfällt. Schlitten fahren. Fahrrad fahren. Boot fahren. Karussell fahren. Irgendwas mit Fahren.
»Nicht schlecht.« Seine Miene hellt sich auf. »Das können wir auch machen, sobald das Wetter besser wird. Für jetzt bräuchten wir aber auch noch was. Eine Aktion, die denen, die zu uns kommen, etwas bringt. Dass sie merken, dass sie geliebt und wertgeschätzt werden. Dass sie in Gottes Augen schön sind.«
»He!« Hinter uns ist Bastian aufgetaucht, der die letzten Worte mitbekommen hat. »Mach doch so was wie neulich, Messie, da hast du den Leuten ja auch gesagt, dass sie gut aussehen! Das war so was von klasse!«
In ohrenbetäubender Lautstärke erklärt er den anderen, was am Samstag in der Stadt los war. Jedenfalls kommt es mir so vor, denn ich würde am liebsten flüstern. Ich fange Daniels Blick auf. Er starrt mich entsetzt an, und ich frage mich, warum ich eigentlich nicht im Boden versinken kann. Das wäre mal eine Eigenschaft, die ich gerne hätte.
»So was habt ihr gemacht? Ist das gemein!« Die anderen können es nicht glauben, dass ich mich solche Sachen traue, und wollen alles erklärt haben. Michael muss zugeben, dass er an Aktionen dieser Art eher nicht dachte.
Ich gehe in Verteidigungsstellung. »Es hat denen richtig gut getan!« Ich stelle es so dar, als hätten wir diesen Streich inszeniert, um Leute mit Minderwertigkeitskomplexen glücklich zu machen. Was uns vielleicht sogar gelungen ist, quasi als Nebeneffekt. Ich erinnere mich an Patrick, an Leonie ...
»Bis sie merken, dass ihr sie verarscht habt!«
»Wir wollen den Leuten von Gottes Liebe erzählen, wir wollen sie nicht belügen!«
»Das ist ja wirklich das Letzte, wissen denn deine Eltern davon? Was sagt dein Vater dazu? Also, wenn mein Vater mitkriegen würde, dass ich so was ... «
Plötzlich ist mir alles zu viel. Ich schlängele mich zwischen den anderen hindurch und ergreife die Flucht. Jetzt bin ich nicht mehr das Mädchen mit den guten Ideen. Nur noch Messie, das heulende Elend.
In meinem Zimmer ist es dunkel. Die Vorhänge sind zu. Aus dem Nebenzimmer höre ich, wie Tabita Klarinette übt, und finde es irgendwie tröstlich, dass es noch Leute gibt, die nichts davon ahnen, dass ich eine unfromme Aussätzige bin. Lange wird das eh nicht mehr dauern.
Es klopft und die Tür geht auf, kurz erscheint wie ein Scherenschnitt ein schwarzer Umriss. Daniel macht kein Licht. Er tastet sich vorsichtig über den Teppich; er weiß, wie viel Zeug immer bei mir auf dem Boden herumliegt. Papier knistert unter seinen Füßen. Etwas fällt mit einem kleinen Rumms um. Das könnte ein Bücherstapel gewesen sein, aber ob es die Schulbücher waren oder die Büchereibücher, kann ich nicht heraushören. Es raschelt. Dann höre ich, wie er sich vorsichtig hinsetzt, mir irgendwo gegenüber. Zwischen uns eine Berglandschaft aus Schulsachen, Klamotten und anderem Zeug, fast unsichtbar in der Nacht, die ich hier geschaffen habe. Unter der Tür glimmt wieder ein schmaler Streifen gelbliches Licht.
»Was hast du mir sonst noch verschwiegen?«, fragt Daniel.
»Es war nur Spaß«, sage ich. »Wir haben überhaupt niemandem geschadet!«
»Warum hast du mir dann nicht davon erzählt?«
Weil ich weiß, dass du es verurteilen würdest, denke ich. Aber ich sage: »Wir haben uns ja kaum gesehen in letzter Zeit.«
»Am Samstag warst du bei mir, schon vergessen? Bevor du zu dieser Party aufgebrochen bist.«
»Da wollte ich es dir ja erzählen. Aber du warst so deprimiert, wegen deiner Schwester ...«
»Und du dachtest, es würde mich nicht unbedingt aufmuntern.«
»Es war nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst. Wir haben die Leute belogen, das stimmt. Aber wir haben sie auch irgendwie ... aufgebaut.«
»Ach?«, fragt Daniel.
»Du hättest diesen Jungen sehen sollen. Patrick heißt er. Wie er nachher weggegangen ist, so ...« Froh trifft es nicht. Gestärkt. Als hätten wir ihm das Rückgrat gestärkt. »Wir haben ihn quasi entdeckt. Das hat ihm unheimlich Auftrieb gegeben.«
»Wenn er rausfindet, dass ihr ihn reingelegt habt, wird er dafür besonders deprimiert sein.«
Muss er das unbedingt sagen? Er könnte ruhig mal auf meiner Seite stehen, finde ich.
»Oder dieses Mädchen. Leonie. Die sah aus wie Tine, könnte ihre Zwillingsschwester sein. Als sie für unsere Kamera gelaufen ist, sah sie plötzlich schön aus. Das hättest du sehen müssen! Vorher war sie ganz unscheinbar, aber dann ... es war unglaublich.« Mir fällt ein, dass er sich das ja durchaus ansehen könnte, wenn er wollte. »Wir haben das auf Video, also wenn du mal Lust hast ...«
»Vielleicht.« Er ist nicht gerade wild darauf. »Ich finde es eigentlich absolut peinlich, wenn sich Leute vor der Kamera zum Affen machen.«
Ich fühle mich allein und traurig, und als er vorschlägt, zu den anderen rüberzugehen, sage ich bloß: »Geh doch.« Mist. Was, wenn er mich beim Wort nimmt und wirklich geht?
»Willst du gar nicht wissen, was Michaels Frage ergeben hat? Wenn du nicht so schnell weggerannt wärst, wüsstest du es jetzt.«
»Und?«, frage ich. Was auch immer es ist, ich werde sowieso nicht mitmachen.
»Wir planen eine besondere Feier. Wo jeder seine Gaben einbringen kann. Die einen werden sich ums Essen kümmern, andere um die Dekoration. Wer will, kann was auf seinem Instrument vorspielen. Ein paar wollen singen. Michael hat Tine gefragt, ob sie eine Kurzpredigt halten möchte!«
»Oh, wow«, ist alles, was mir dazu einfällt.
»Ein Theaterstück wäre schön. Michael meint, das sollst du übernehmen. Da sind schon ein paar Leute, die mitmachen würden. Das Ganze soll am Ostersamstag stattfinden.«
Ich schnappe nach Luft. »Ich soll eine Theatergruppe leiten?« Oh, wie schrecklich. »Mach ich nicht. Kann ich nicht.« Eine Welle von Panik schwappt über mich hinweg und reißt mich mit. »Lieber geh ich gar nicht mehr hin.«
Daniel erschrickt. Ich spüre es so deutlich, als könnte ich ihn sehen, ihn fühlen, als wäre sein Herz meins und mein Herz seins. Er ist tiefer getroffen, als er jemals zugeben würde.
»Das meine ich nicht ernst«, sage ich rasch. Ich taste mich durch das Gerümpel zu ihm hin. Erwische sein Knie, die Falten der Jeans. Meine Finger tasten über sein Sweatshirt, klettern an seinem Arm hoch, finden sein Gesicht. »Bitte, nimm doch nicht alles ernst, was ich sage«, flüstere ich und nehme seine Wangen zwischen meine Hände und küsse ihn. Wieder ist da so viel Angst in mir, ihn zu verlieren, nur weil ich ständig dumme Sachen sage oder tue, und so gerät dieser Kuss heftiger und leidenschaftlicher als sonst. Diesmal sind keine störenden dicken Jacken zwischen uns. Nur ein paar Schichten dünnen Stoffs, die es zulassen, dass ich mich ganz dicht an ihn herankuschele und seinen Körper dicht an meinem spüre. Papier raschelt, als wir unser Gewicht verlagern und tiefer auf den Teppich sinken. Die letzten Chips in einer offenen Tüte zerbröseln unter meinen Füßen. Ein paar weitere Bücherstapel kippen um. Ich weiß nichts davon. Ich fühle nur diesen Kuss, höre nur unseren heftiger werdenden Atem.
Dann ist es plötzlich hell. Tabita hat die Tür aufgerissen und steht wie ein Racheengel auf der Schwelle.
Ich blinzele ins Licht und mir wird klar, was sie sieht: ihre große Schwester und ihren Freund, die im Dunkeln auf dem Teppich liegen und knutschen. Also definitiv etwas, was kleine Schwestern auf gar keinen Fall sehen sollten.
Keiner von uns hat daran gedacht, die Tür abzuschließen.
»Kannst du nicht anklopfen?«, brülle ich, während Daniel und ich hastig auseinanderfahren und wir beide so tun, als wäre nichts gewesen.
Tabita schüttelt den Kopf. »Sonst geht’s dir noch gut, was?«, fragt sie und zieht endlich ab. Die Tür lässt sie offen.
Ich schalte das Licht ein. Daniel sitzt auf meinem Bett und streicht sich die Haare glatt. Ich könnte mich gleich wieder auf ihn stürzen, aber ich beherrsche mich.
»Lass uns rübergehen, zu den anderen«, sagt er.
»Ja, gut.«
»Du solltest dich noch kämmen.«
»Ja, mach ich.«
Ich glaube, wir haben uns soeben wieder versöhnt. Es hat sich jedenfalls ganz so angefühlt.
