Kitabı oku: «Narzissen und Chilipralinen», sayfa 4
Meine Sonne,
du bist die Schönste von allen. War ich blind, dass ich das früher nicht bemerkt habe? Dein Haar schimmert seidig im Sonnenlicht. Deine Haut ist wie Schnee. Du hast gelacht und gestrahlt und es war wie ein Pfeil, der durch mein Herz fuhr.
Ich denke die ganze Zeit an dich, ich kann nicht anders. Immer, wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich vor mir.
Glaubst du nicht auch, dass die Liebe ein Geschenk Gottes ist? Eben noch war alles wie immer ... und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Es ist noch Winter, aber mir ist, als hätten wir plötzlich Frühling. Alles blüht und grünt und du bist die schönste Blume von allen.
Ich stelle mir vor, dass ich Salomo bin und dich in meinem Palastgarten entdeckt habe. Kannst du dir vorstellen, wie überrascht ich war? Es ist wie ein Wunder, das in meinem Herzen geschehen ist und, wie ich hoffe, auch in deinem. Du bist nicht wie die anderen.
Ich auch nicht.
Da haben wir doch schon was gemeinsam, oder?
Die Liebe ist eine Glut, die vom Herrn kommt. Er hat dieses Feuer angezündet. Das hier ist von Gott, da bin ich mir sicher.
Sehnsüchtig warte ich auf deine Antwort,
dein Salomo

5.
»Warum machst du denn da mit, wenn du keine Lust hast?« Mandy kann sich keinen Grund vorstellen, etwas zu tun, was ihr gegen den Strich geht. Sie sitzt auf dem Tisch, lässt die Beine baumeln und hält den Kopf leicht schräg, sodass die Sonnenstrahlen, die das große schmutzige Fenster überwinden, in ihrem Haar funkeln. Mindestens die Hälfte der Jungs unserer Klasse glotzt gebannt zu ihr hin, aber sie tut, als merke sie es nicht.
»Ich weiß auch nicht«, sage ich lahm. Auch Kim schaut zu uns rüber. Ich finde ihren Blick irgendwie gruselig, aber so cool wie möglich ignoriere ich sie. Sie muss total eifersüchtig auf mich sein, weil Mandy so viel mit mir abhängt. Dabei hat Mandy ja gar nichts dagegen, weiterhin mit ihr befreundet zu sein. Wir zwei sind es, die nicht miteinander klarkommen.
»Wegen Daniel«, stellt sie fest.
»Ja«, gebe ich zu. Nur seinetwegen habe ich mich bereiterklärt, mich an Michaels Projekt zur Stärkung der Gemeinschaft zu beteiligen und »irgendwas mit Theater« zu machen. Was meine Eltern dazu sagen würden, ist mir nicht so wichtig wie Daniels Meinung. Er soll sehen, dass ich mir diesmal wirklich Mühe gebe. Schließlich ist er sogar bereit, bei der Kanutour mitzumachen, die auf Ende Mai angesetzt ist, direkt nach meinem Geburtstag. Er spricht nie darüber, aber ich glaube, er hat ein Problem mit Wasser. Trotzdem hat er sich für diese Tour angemeldet, weil ich den Aubach immer noch liebe. Und da soll ich mich querstellen und bei unserem Hopi-Osterabend kneifen?
Mandy macht ein zweifelndes Gesicht. »Ich weiß ja nicht. Ob irgendein Typ es wert ist, dass man sich seinetwegen so verbiegt?«
»Hey, ich verbieg mich doch nicht«, protestiere ich. »Ich geh dort mein ganzes Leben hin. Ich kenne die alle seit zig Jahren.« Was nur ein kleines bisschen übertrieben ist. Aber lange bevor ich Messie wurde, Mandys beste Freundin, war ich schon Vorzeigetochter Miriam.
Sie schüttelt trotzdem den Kopf. »Und was machen wir heute Nachmittag? Oder triffst du dich da auch mit Danniboy? Oder«, ihre Stimme wird eine Spur schärfer, »übst du mit deinen Theaterleuten?«
Ich hätte nicht gedacht, dass auch Mandy eifersüchtig sein könnte. Früher hätte mich das gefreut. Aber es ist bloß ... überflüssig. Ich habe genug Dinge, über die ich nachdenken muss, da kann ich es echt nicht gebrauchen, dass sie auch noch auf mich sauer ist.
»Eigentlich hab ich Daniel versprochen, mit ihm ins Krankenhaus zu gehen und seine Schwester zu besuchen.«
Mandy ist enttäuscht. War ja auch klar. Es ist schwerer, als ich dachte, einen Freund und eine beste Freundin zu haben. Immer glaubt irgendwer, zu kurz zu kommen.
»Ich hab Zeit.« Kim sagt es ganz beiläufig, so als wäre es ihr völlig egal, ob Mandy sich mit ihr trifft oder nicht.
Ich schlucke den Ärger hinunter, während die beiden sich verabreden.
Daniel geht vor, rede ich mir ins Gewissen, obwohl ich viel mehr Lust hätte, mit den anderen Mädels was zu unternehmen, als mich dem deprimierenden Anblick kranker Leute auszusetzen. Aber ich hab’s ihm versprochen. Ich kann doch nicht einfach trotzdem zu Mandy fahren und Musik hören und quatschen. Obwohl ... wir könnten zusammen Hausaufgaben machen, wie in alten Zeiten.
Die Versuchung ist ziemlich groß. Fast zu groß, um ihr nicht nachzugeben, vor allem, da ich einen triumphierenden Blick von Kim auffange.
Ein paar Tische weiter sitzt Rosi und wagt ein schüchternes Lächeln. Das gibt mir Mut. Selbst wenn ich Mandy verlieren sollte, sind da noch andere, die mich mögen. Den Zwang, mit jemandem befreundet zu sein, nur weil er oder sie angesagt ist, habe ich abgeworfen, schätze ich.
»Nun, wie läuft’s mit deinem Kreuzritter?«, fragt Kim. Sie kann es nicht lassen, mich zu ärgern.
»Gut«, sage ich kühl. »Warum auch nicht? Nicht jeder glaubt die Scheiße, die du überall rumerzählst.«
»Mann, du warst so besoffen, du konntest kaum geradeaus gehen.«
»Das stimmt«, sagt Mandy. Wieso fällt sie mir in den Rücken, ausgerechnet jetzt? »Du hast ein paar von diesen fiesen Cocktails gekippt, ich war dabei, schon vergessen?«
»Warum hast du mich nicht gewarnt?«
»Warum sollte ich?« Sie zuckt mit den Schultern.
»Na gut. Aber deshalb ist die andere Sache längst nicht wahr. Ich hab mich bloß mit ihm unterhalten.«
»Das sah aber anders aus, als ihr euch beide im Schnee gewälzt habt.«
Mandys Augen werden groß. »Messie! Das hätte ich jetzt echt nicht von dir gedacht. Und ausgerechnet Tom! Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich von ihm fernhalten.« Jetzt ist sie ernsthaft sauer. Tom hat ihr den Laufpass gegeben und nun soll ihn keine andere haben. Wie doof ist das denn? Nicht dass ich ihn will, aber trotzdem.
»Wo hast du ihn eigentlich versteckt?«, fragt Kim.
»Wen?«
»Tom. Er ist nämlich verschwunden, seit dieser Party hat ihn kein Mensch mehr gesehen. Schläft er unter deinem Bett?«
Ich kann nicht so recht fassen, was ich da höre. »Er ist weg? Wie, weg? Seit«, ich rechne kurz nach, »seit zehn Tagen?«
Vielleicht ist er doch betrunken gefahren. Und hatte einen Unfall. Und liegt mitsamt Auto im Straßengraben. Aber dann hätte man ihn doch längst gefunden. Selbst wenn er zu Fuß unterwegs gewesen wäre und in einen Graben gefallen wäre, hätte man ihn mittlerweile aufgespürt, tot oder lebendig. Und falls nicht, hätte es in der Zeitung gestanden, dass ein Schüler vermisst wird, oder nicht?
»Sobald die Schule vorbei ist, taucht er ab. Das sieht ihm eigentlich gar nicht ähnlich.«
»Das ist ja schräg«, sage ich erleichtert. Also keine Leiche im Straßengraben. Wäre echt schade um den schönen Tom gewesen. »Willst du mich besuchen und im Kleiderschrank nachsehen, Kim?«
Die Pause ist zu Ende, die Dogge stürmt ins Klassenzimmer und knallt einen dicken Papierstapel aufs Pult.
Mandy setzt sich neben mich. Auch wenn wir noch weiterreden könnten, würde sie nicht mit mir sprechen. Sie beugt sich über ihr Heft und zeigt mir die kalte Schulter.
In der Klinik war es kühl, Licht und Geräusche gedämpft. Miriams Gesicht hatte eine ungesunde blasse Farbe angenommen. Vielleicht erinnerten sie der Geruch und die Atmosphäre an ihren eigenen Aufenthalt hier.
»Sie sieht dir total ähnlich«, flüsterte sie.
Das stimmte, auch wenn Sarah überhaupt nicht wie sie selbst wirkte, so krank und bleich. Dasselbe Blond.
»Unsere Eltern haben immer behauptet, wir hätten sogar das gleiche Lächeln«, sagte Daniel. »Als sie noch lächeln konnte.«
Er wandte sich seiner Schwester zu und begrüßte sie. »Das ist Miriam. Meine Freundin. Ich hab dir am Telefon von ihr erzählt, weißt du noch? Ich bin mir sicher, dass du sie mögen wirst.«
»Äh ...«, sagte Miriam, »glaubst du, sie hört dich?«
»Davon gehe ich aus.« Er setzte sich an die Bettkante und nahm Sarahs kühle, schlaffe Hand in seine. »Sie ist froh, dass du hier bist.«
»Leider ist sie zu bewusstlos, um ihre Begeisterung zu zeigen.« Miriam stand unschlüssig herum und betrachtete den Fuß, der aus der Bettdecke herausragte und an einem komischen Gestell befestigt war. »Was ist denn mit ihrem Bein?«
»Ein komplizierter Bruch«, erklärte er. »Aber wir sollten in ihrer Gegenwart nicht über ihre Verletzungen sprechen.«
»Alles klar«, flüsterte Miriam. »Ich schätze, ich sollte euch beide mal kurz allein lassen. Ich bin nicht so gut darin, mit Komapatienten zu reden. Gibt es hier einen Aufenthaltsraum oder so was?«
»Den Gang runter und dann links.«
»Bis gleich«, flüsterte sie.
Er hielt sie nicht zurück, denn ihm war klar, wie schwer Sarahs Anblick zu ertragen war.
»Wenn du gesund bist, unternehmen wir was zusammen. Sie ist sonst nicht so, echt nicht. Aber jetzt gibt es erst mal Livemusik. Fehler inklusive. Sei bitte nicht zu streng mit mir.« Er holte seine Gitarre aus dem Koffer und begann zu spielen. Vielleicht half es Sarah nicht, aber ihm schon. Die Musik tröstete und beruhigte ihn, und als er die Gitarre weglegte, dachte er: Was auch kommt, ich bin bereit.
Danach saß er eine Weile still an ihrem Bett. Wie spät war es eigentlich? Miriam wartete bestimmt schon.
Auf dem Gang war sie nicht. Stimmt, der Aufenthaltsraum. Er lenkte seine Schritte dorthin und warf einen Blick durch die Scheiben.
Sie saß auf der anderen Seite, vor dem Fenster. Und neben ihr saß Tom.
Daniel wollte schon mit einem freundlichen »Hi, wie geht’s?« eintreten, als er bemerkte, dass die beiden nicht einfach nebeneinander saßen. Er blinzelte, aber das Bild blieb dasselbe.
Sie hielten Händchen.
Er zwinkerte.
Sie hielten immer noch Händchen.
In diesem Moment schaute Miriam hoch, erblickte ihn und zuckte ertappt zusammen. Sie sagte noch etwas zu Tom, dann kam sie zu Daniel. Sie musste an zwei, drei niedrigen Tischchen vorbei, auf denen Wasserflaschen und Becher bereitstanden. An der lachenden Gruppe vorüber, in deren Mitte ein Mann mit Gipsbein saß. Die Strecke zwischen ihnen schien endlos lang.
Dann war sie da, aber er hatte trotzdem das Gefühl, dass sie ihn überhaupt nicht erreichte. Sie schwieg. Er auch. Auf einmal waren sie beide wie Komapatienten. Keiner von ihnen konnte reden. Daniel konnte nicht einmal mehr atmen.
Oh meine Sonne,
ich fürchte, ich habe dich erschreckt mit meinem letzten Brief. Das tut mir leid. Ich würde niemals etwas tun, was dich irgendwie verletzt oder dir wehtut. Du bist so schön, ich möchte dich auf Händen tragen. Tag und Nacht denke ich nur an dich. Dass du mir ausweichst, kann ich durchaus nachvollziehen. Diese Gefühle sind so neu und groß, dass sie mich selbst fast erschlagen. Es ist alles anders geworden, die Welt hat aufgehört, sich um sich selbst zu drehen. Alles dreht sich nur noch um dich ... Bitte, denk darüber nach. Lass uns wenigstens darüber reden. Das kannst du doch für mich tun? Mir in die Augen sehen und sagen, dass du nichts für mich empfindest? Könntest du das, ohne zu lügen?
Ich glaube nicht, dass wir die Liebe einfach ignorieren dürfen, denn sie ist ein Geschenk Gottes. Sie ist eine Gabe des Himmels. Es kommt mir so vor, als wärst du direkt vom Himmel, ein Engel, der auf dieser Erde wandelt, um mein Leben zu ändern. Ich bin überwältigt von Gottes Güte, der es so gefügt hat, dass wir uns kennen und alles so gut passt.
Meinetwegen können wir gleich morgen über alles reden, oder was denkst du?
In banger Erwartung,
dein Salomo

6.
Michaels Ohren glühen, während er die Aufgaben verteilt. Er ist so von seiner Idee überzeugt, dass er uns alle damit ansteckt. Die meisten jedenfalls. Damit wir bis Ostern ein Programm auf die Beine stellen können, sollen die nächsten Jugendstunden dem Projekt dienen.
»Die Sänger üben dort drüben«, reime ich, als er fünf Mädchen in einen der Gruppenräume schickt.
»Die Musiker ... wer war noch alles dabei?«
Daniel wird mit seiner Gitarre etwas vorspielen. Ein Solostück, deshalb braucht er nicht mit den anderen zu proben. Michael bittet ihn trotzdem, den Instrumentalisten mit Rat und Tat beizustehen. »Die Deko- und Kochgruppe ... in die Küche, würde ich mal sagen.« Schließlich mustert er alle, die noch übrig sind. »Miriam, wer macht bei dir mit?«
Tine ist dabei und, was mich freut, Sonja. Dass die zwei Theater spielen können, ist mir neu, aber wir werden sehen. Die größte Überraschung ist Bastian. Er sitzt auf seinem Stuhl, knetet seine Pranken und kaut nervös auf der Unterlippe herum.
»Ich weiß nicht, ob ich das kann«, murmelt er. »Ich glaub, ich kann gar nichts.« Hilfesuchend schaut er mich an, als wäre ich die Einzige, die ihn retten kann. Michael schlägt mir auf die Schulter und flüstert mir: »Du schaffst das« ins Ohr.
Na toll.
»Ja, also ...« Hilfe, das wird eine bodenlose Katastrophe! »Hat jemand eine Idee, was wir aufführen könnten?«
»Es muss natürlich etwas mit Ostern zu tun haben«, sagt Tine sofort. »Wir könnten die Kreuzigung spielen und die Auferstehung.«
»Aber Bastian ist der einzige Junge in unserer Gruppe«, meine ich. »Dann müsste er Jesus sein.«
Bastis Augen leuchten auf. »Echt?«
»Ja«, sagt Tine trocken, »und dann wirst du ans Kreuz genagelt.«
Seine Begeisterung sinkt rapide ab. »Oh.«
Ich merke es schon, das wird auf jeden Fall auf ein biblisches Stück hinauslaufen. Ich seufze, hole die Bibeln aus dem Schrank und drücke jedem eine in die Hand.
»Welches Evangelium?«, fragt Tine.
»Schlag eins vor.« Das funktioniert wunderbar: die anderen die Arbeit tun lassen. Sie blättern sich durch sämtliche Evangelien, auf der Suche nach einer spielbaren Geschichte, und ich muss nur dasitzen und auf Vorschläge warten.
Bastian fällt vor Aufregung die Bibel runter.
»Matthäus, Markus, Lukas ...«, murmelt Sonja vor sich hin. »Wo sind die?«, fragt Basti, der seine kostbare heilige Schrift wieder zwischen zwei Stuhlbeinen herausgefischt hat.
»Ich zeig’s dir.« Tine ist überraschend hilfsbereit. Sie schlägt für ihn das Matthäusevangelium auf und blättert sogar zur Auferstehungsgeschichte.
Basti fängt an zu lesen. »Das gibt’s ja nicht!«, ruft er so laut, dass wir anderen fast von den Stühlen fallen.
»Die haben gelogen! Diese Soldaten, sie wussten genau, dass Jesus auferstanden und weggegangen ist, und dann haben sie gelogen! Sie haben einfach behauptet, die Jünger hätten Jesus gestohlen!« Basti ist ehrlich empört.
»Das könnten wir ja spielen«, meint Tine besänftigend.
»Und einen Soldaten einbauen, der Gewissensbisse kriegt!«, ruft Sonja begeistert.
Basti nickt heftig. »Diese feigen Hunde! An ihrer Stelle hätte ich nach Jesus gesucht. Wenn sie doch wussten, dass er wieder lebendig ist. Sie haben die Engel gesehen, oder nicht? Und dann lassen sie sich einfach so einschüchtern?«
»Bestechen«, ergänzt Tine. Auch ihre Augen leuchten.
Basti kann sich gar nicht wieder beruhigen. »Wie kann man nur so lügen!«
»Da haben wir ja schon eine Geschichte«, sage ich. Die allgemeine Aufregung steckt mich an. Das hier ist nicht irgendeine Geschichte. Es geht um Menschen, die ein Wunder erlebt haben und sich dazu überreden lassen, es zu verschweigen. Schlimmer noch, eine Lügengeschichte zu verbreiten. Wie konnten sie das tun? Warum sind sie nicht sofort zu den Jüngern übergelaufen? Ruckzuck ist eine heftige Diskussion im Gange, die ich nur ungern abwürge.
»Kommen wir nun zur Verteilung der Rollen.« Sofort habe ich ihre Aufmerksamkeit.
Tine beobachtet mich unter den Wimpern hindurch, als warte sie darauf, mich bei einer Sünde zu ertappen. Es ist nicht schwer zu erraten, welche sie erwartet: die Sünde der Eitelkeit, die mich dazu bringen könnte, mir die beste Rolle zu schnappen. Den Hohepriester vielleicht. Ob sie den wohl gern selbst spielen würde? Fast bin ich versucht, einfach zu losen, aber das würde am Ende dazu führen, dass alle die falschen Personen zugeordnet bekommen und ein riesiger Murks entsteht, der den Zuschauern nicht beweist, was wir für Talente haben, sondern ihnen eher das Gegenteil vorführen könnte. Ich finde, Basti sollte den Soldaten spielen, der die Entscheidung bereut. Tine mache ich zur Priesterin. Sonja und ich sind weitere Soldaten, die von der fiesen Sorte. Das ist meine Wunschbesetzung, aber ich bin so diplomatisch, ihnen das nicht vor den Latz zu knallen.
»Zuerst müssen wir daraus ein Stück schreiben«, sage ich. »Das lesen wir dann in verteilten Rollen.«
»Und wen liest du?« Tine liegt immer noch auf der Lauer.
»Wir machen das Ganze natürlich ein paar Mal«, sage ich weise, »und entscheiden dann, wer welche Stimme am besten hinkriegt.«
»Wer«, fragt Tine, »entscheidet das denn?«
Ich blicke in Bastis Lächeln, als ich antworte. »Na, wir alle zusammen.«
Ich habe das erhebende Gefühl, dass ich tatsächlich eine Gruppe leiten kann. Cool.
Dass die letzte Entscheidung bei mir liegt, werden sie schon merken, wenn es so weit ist. Vielleicht habe ich ja Glück und wir sind uns in allem einig.
Sonja möchte versuchen, ein Stück daraus zu machen. Sie will es, das sehe ich in ihren Augen, als ich laut darüber nachdenke, wer das übernehmen könnte. Ihr Gesicht strahlt auf und verdüstert sich sofort wieder. Sie wird sich nicht trauen, die Hand auszustrecken und »Ich, ich!« zu schreien.
»Hm«, meint Tine gerade, »wenn ich die Konkordanz und das Bibellexikon zur Hilfe nehme, könnte ich vielleicht ...«
»Sonja?«, frage ich dazwischen. »Wär das was für dich?«
»Ich weiß nicht ...« Sie ist unsicher, aber wer wäre das nicht?
»Mach ruhig«, ermuntere ich sie. »Nachher können wir ja immer noch an den Sätzen herumbasteln.«
Ein Funkeln in ihren Augen. Nein, sie wird nicht wollen, dass wir daran herumbasteln, wenn sie das Stück erst einmal fertig hat. Aber streiten können wir uns dann immer noch. Ich erkläre dieses Treffen für beendet und schaue mich um. Es ist, als würde ich aus einem Traum erwachen, so vertieft war ich in meine Aufgabe. Wie weit sind die anderen? Ich strecke mich und gehe los, nachsehen. Sonja ist an meiner Seite, während Tine und Basti zurückbleiben und leise miteinander reden. Tja, ich bin neugierig, daher würde ich am liebsten stehenbleiben und lauschen, worum es geht, aber das würden sie merken, also lasse ich es. Hier ist auch kein Schrank, in den ich schlüpfen könnte, um Detektiv zu spielen. Mist, was läuft da? Baggert Basti wohl die fromme Tine an? Ist das möglich? Ich werfe einen unauffälligen Blick zurück und versuche einzuschätzen, ob Tine attraktiv ist. Sie nervt mich mit ihren frommen Sprüchen, aber deshalb kann sie in Bastians Augen ja trotzdem unwiderstehlich sein, wer weiß? Tine mit den glatten, zu einem Pferdeschwanz gebundenen dunkelblonden Haaren, dem etwas zu spitzen Gesicht und den dunklen Augenbrauen ...
»Ich glaube, er ist nur wegen ihr in unserer Gruppe«, flüstert Sonja verschwörerisch.
Gegen meinen Willen muss ich kichern. Ja, irgendwie ist Liebe tatsächlich ansteckend. Sonja unterdrückt ein Grinsen.
»Nur geraten«, meint sie. »Aber ist dir nicht aufgefallen, dass er ständig zu ihr rüberguckt?«
Sonja scheint einiges mit meiner Schwester Tabita gemeinsam zu haben. Tabita weiß auch immer alles. Ihr detektivischer Spürsinn ist manchmal echt erschreckend, vor allem, weil sie manchmal mehr über mich weiß als ich selbst. Das ist unheimlich.
Wenn wir schon eine Art Talentshow veranstalten, könnte meine kleine Nervschwester eigentlich ihre Beobachtungsgabe vorführen und so tun, als ob sie hellsehen könnte. »Kommen wir zu Basti, der unsterblich in unsere liebe, bibeltreue Gemeindeschwester Tine verschossen ist ...«
Weil es dann bestimmt einige gibt, die sich nicht erklären können, warum sie so viel weiß, würde man sie achtkant aus der Gemeinde schmeißen und mich und den ahnungslosen Pastor gleich mit. Ich stelle mir gerade vor, wie der Skandal Wellen schlägt, wie es eine Hexenjagd gibt und Tabita hoch und heilig schwört, niemals wieder Vermutungen über andere Leute anzustellen, als Daniel in mein Blickfeld gerät. Alle Gedanken lösen sich auf wie Seifenblasen. Ich lehne mich gegen die Tür und schaue zu, wie er sich über seine Gitarre beugt. Seine Hände bewegen sich sicher, fast zärtlich auf den Saiten. Die Ponyfransen fallen ihm dekorativ über die Augen, während er leise vor sich hinsingt.
»Hey, klasse, ist das von dir?«, fragt Sonja.
Schade, dass sie ihn unterbrochen hat. Er nickt ihr zu, dann schaut er mich an und wendet sich gleich wieder seiner Gitarre zu.
Mist.
Er ist mir immer noch böse. Das Dumme ist: Ich kann es ihm nicht erklären, dass ich Toms Hand gehalten habe, denn ich habe schließlich Tom versprochen, dass ich dicht halte. Es wäre viel einfacher, wenn ich es Daniel erklären könnte. Wenn ich sagen könnte: Du, sein Vater liegt im Sterben, dann darf man schon mal jemandes Hand drücken. Es bedeutet bloß, dass man mitfühlt. Nicht, dass man etwas fühlt. Es ist eine ganz üble Geschichte, würde ich sagen. Toms Vater ist nur mit dem Hund raus und wurde überfahren, und wenn der Schuldige nicht einfach abgehauen wäre, sondern sofort Erste Hilfe geleistet hätte, stünde es jetzt nicht so schlimm um ihn.
Aber ich habe versprochen, kein Wort zu sagen, und darum sitze ich jetzt in der Tinte. Dabei bin ich bloß wegen jenes anderen Versprechens hier, das ich Daniel gegeben habe. Das müsste ihm doch eigentlich auffallen, oder? Ihn gnädig stimmen?
Sonja macht sich mit einem gemurmelten »Tja, dann geh ich mal, ist Michael hier irgendwo?« aus dem Staub. Jetzt könnten wir uns aussprechen, wenn Daniel nicht sofort aufstehen, die Gitarre weglegen und sich an mir vorbeidrücken würde, ohne mich anzusehen.
Mist, Mist, Mist. Ich schaue nach und frage mich, was man machen soll, wenn man vorschnell ein Versprechen gegeben hat. Es einfach brechen? Bevor man sich und allen anderen das Herz bricht, vielleicht wiegt da ein gebrochenes Versprechen nicht allzu schwer.
Sonja hat Michael offensichtlich gefunden und ihm mitgeteilt, dass wir fertig sind. Er ruft uns alle wieder zusammen und eröffnet uns die geniale Idee, die Zusammenkunft mit einer Gebetsgemeinschaft zu beenden. Mir ist sowieso schon aufgefallen, dass unser Goliath unheimlich gerne betet. Bei jeder Gelegenheit. Michael betet nicht bloß im Stehen, Gehen und Liegen. Er würde, wenn man ihn ließe, pausenlos Gebets-und Fastennächte einberufen, Gebetswochenenden, -ferien, -sitzungen, -abende und was weiß ich noch. Mr. Goliath würde im Schwimmbad beten, im Kino, beim Marathonlaufen und beim Schachspielen. Immer und überall. Im Stehen, im Sitzen, im Gehen, tanzend, hüpfend und Fahrrad fahrend.
Während ich, wie schon gesagt, damit so meine Schwierigkeiten habe. Die Sorte Schwierigkeiten, die man übrigens in christlichen Kreisen niemals zugeben darf, wenn man nicht will, dass die anderen für einen beten statt mit einem.
»Also, hat jemand ein Anliegen?«
Jetzt kommt die übliche Liste an Referaten, Tests, grippalen Infekten und eingewachsenen Zehennägeln, die des Gebets bedürfen. Seit Basti da ist, ärgere mich nicht einmal mehr, wenn die besonders Frommen eine Zwei in der Klassenarbeit als Super-Gebetserhörungs-Wunder anpreisen, denn für ihn ist es ganz neu, dass man auch für Kleinigkeiten beten kann.
»Tja, ich ...« Bastian wird so rot, dass seine hellen Haare auf dem Kopf wie umgekehrte Streichhölzer aussehen. »Ich weiß nicht, ob ...« Gleich wird er in Flammen aufgehen.
»Nur Mut«, ermuntert Michael.
»Also, ich hab Ärger zu Hause. Wenn wir vielleicht auch dafür ...?«
»Ja«, sagt Michael. »Natürlich, das machen wir.«
Dann räuspert Daniel sich. »Meine Schwester liegt im Koma. Das wisst ihr wahrscheinlich schon. Ich würde mich freuen, wenn wir für sie beten könnten.«
»Natürlich«, sagt Michael.
Wir beten also. Ich versuche, ruhig zu werden und die passenden Worte zu finden, aber das ewige Karussell der Gedanken und Bilder in meinem Kopf kommt nicht zum Stillstand. Ich denke an Sarah in ihrem Krankenbett, an ihr stilles, ernstes Gesicht, und daran, wie ich mich gefragt habe, ob sie wohl Daniel noch mehr ähnelt, wenn sie die Augen aufmachen und lächeln würde. Er hat mir gesagt, dass sie eine fröhliche Person ist. Offen und sozial engagiert und total der Kumpeltyp.
Bitte, Gott, mach sie wieder gesund. Bitte ... Und dann denke ich an Tom. Daran, wie er im Aufenthaltsraum gesessen hat, bleich und sexy wie ein Vampir, an die Angst in seinen Augen. Da bete ich auch für Toms Vater, dass Gott ein Wunder tut und er doch überlebt. Und dass die Polizei den Schuldigen findet, der sich so mies davongemacht hat.
Heimlich schaue ich mich um, wie die anderen dasitzen, die Köpfe gesenkt, die Hände gefaltet. Daniel hat die Hände vors Gesicht geschlagen, und plötzlich schäme ich mich zu Tode, dass ich ihm auch noch Grund gebe, an meiner Liebe zu zweifeln, während er mich gerade jetzt am nötigsten braucht. Er hält ganz still, aber ich kann mir gut vorstellen, dass er lieber weinen würde.
Ach Gott, warum passiert so viel Schreckliches? Warum ausgerechnet Daniel, nachdem er letztes Jahr fast selbst ums Leben gekommen wäre?
Apropos Daniel – bitte mach, dass er wieder mit mir spricht!
Einige trauen sich, laut zu beten. Michael. Daniel. Tine natürlich. Finn. Angelika. Und dann sogar Basti: »Lieber Gott, hilf Daniels Schwester und lass sie wieder aufwachen, amen.« Kein spektakuläres Gebet, aber durch meine Wimpern beobachte ich, wie seine Hände zittern, seine Schultern beben. Ich würde ihm am liebsten beruhigend auf den Rücken klopfen und ihn für seinen Mut loben.
Ein lautes Gepolter am Eingang stört uns auf. Jackson steckt die Nase durch den Türspalt, neben ihm sind durch die Milchglasscheibe mehrere Gestalten sichtbar, zwei davon mit Schrankformat.
»He, Basti, seid ihr immer noch nicht fertig da drin?«
»Doch, fast«, antwortet Michael laut. »Ihr könnt gerne reinkommen, während ich die Gebetszeit abschließe.«
»Nee, danke.« Verlegenes Lachen. »Wir warten lieber draußen.«
Einige rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum, denn im Vorraum hängen unsere Jacken.
»Hoffentlich gehen die nicht an mein Portemonnaie«, jammert Kati.
Michael lässt sich nicht hetzen. »Ich hab das Gefühl, dass Gott wirkt«, sagt er. »Wir sollten weiterbeten. Besonders für Sarah, das ist mir ein echtes Anliegen. Für alle, die möchten, werde ich morgen Vormittag diesen Raum öffnen. Bitte kommt zahlreich. Vielleicht«, fügt er hoffnungsvoll hinzu, »werden wir erleben, wie Gott ein Wunder tut.«
Das Erstaunliche ist, dass ich mich auch melde. Schließlich habe ich dafür gebetet, dass Daniel mich wieder ansieht, und das sollte ihm doch zeigen, dass ich mich bemühe, oder? Außerdem gibt es vielleicht wirklich ein Wunder, und dann will ich dabei mitgeholfen haben.
Meine Sonne,
ich bin schwer enttäuscht, dass du dich von diesem Kerl blenden lässt. Oberflächlich betrachtet mag er ja ganz nett sein, aber du verdienst so viel mehr. Jemanden, der dich richtig versteht. Der nicht mit einem Bein in der Hölle steht, bei seiner zweifelhaften Vergangenheit. Er ist nur deinetwegen dabei, merkst du das denn nicht? Ich bezweifle, dass viel von seinem Eifer echt ist.
Bei mir wirst du Echtheit finden. Ehrlichkeit. Ich sehe dich, wie Gott dich gedacht hat, mit deinen Gaben und Möglichkeiten und deiner Schönheit. Vielleicht war ich zu naiv. Ich dachte, du wirst selbst sehen, zu wem du gehörst. Doch wahrscheinlich ist es doch nötig, dass ich dich vor ihm warne. Es gibt auf dieser Welt viel Schlechtes, viel mehr Boshaftigkeit, als du es dir vorstellen kannst, mein Engel, und ich will nicht, dass du damit in Berührung kommst. Ich glaube, es ist meine Berufung, dich zu beschützen und zu umsorgen.
Sicherlich fragst du, wie ich darauf komme. Soll ich dir was erzählen? Ich habe Gott im Gebet gefragt, welches Mädchen für mich bestimmt ist, und der Heilige Geist hat mir dein Gesicht gezeigt. Du bist es. Gott hat uns beide zusammengeführt. Geh ins Gebet und frag ihn, und er wird dir dasselbe zeigen. Tut er es nicht, bete weiter, immer weiter, bis er dir schließlich offenbaren wird, was er auch mir offenbart hat: Wir gehören zusammen, du und ich.
Diese Erkenntnis ist so groß und gewaltig, dass ich vor Aufregung zittere und mir fast schwindlig wird. Ist unser Gott nicht genial?
Für immer der Deine,
dein Salomo
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
