Kitabı oku: «Fallout»
Zum Buch
Gekündigte Atomabkommen, drohendes Wettrüsten, marode Kernkraftwerke - der Geist der Radioaktivität schwebt weiter über uns. Aber was genau wissen wir über die Folgen von Verstrahlung und die Gefahren, die von stillgelegten Meilern ausgehen? Wie leben die Menschen in und um die Sperrzonen? Und wohin mit dem ganzen Atommüll? Eine fesselnde Reportagereise durch das nukleare Zeitalter.
Hiroshima, Bikini Atoll, Sellafield, Tschernobyl, Fukushima, Gorleben – Namen, die nicht mehr nur Orte bezeichnen, sondern Katastrophen und immense materielle wie immaterielle Kosten. Sie erinnern an das Zusammentreffen von menschlicher Genialität, Machtmissbrauch und schlimmstem Versagen. Dabei hat ein jeder dieser Orte seine eigene ernüchternde Geschichte zu erzählen. Zusammen ergeben sie die Chronik des nuklearen Zeitalters.
In seiner fesselnden und hervorragend recherchierten Reportage untersucht Fred Pearce die größten atomaren Desaster der letzten 70 Jahre und bereist die ikonisch gewordenen Orte. Er besichtigt mit Wissenschaftlern und Ingenieuren stillgelegte Reaktoren und verlassene Testareale, entdeckt auf verseuchtem Brachland radioaktive Wölfe und mutierte Pflanzen, aber auch eine überraschende Widerstandskraft der Natur. Überlebende, Ärzte und Aktivisten erzählen ihm, was staatliche Verschleierungen, Täuschungen durch Konzerne und die Vertuschung medizinischer Erkenntnisse physisch und psychisch angerichtet haben.
Mit seinem Buch ruft Pearce uns ins Gedächtnis, was wir nicht vergessen sollten: das ganze Ausmaß und die Folgen der zerstörerischsten Technologie, die die Menschheit je erfunden hat.
Über den Autor
Fred Pearce, geboren 1951, ist der Umweltberater des »New Scientist« Magazins und schreibt u.a. für den »Guardian« und »Yale e360«. Er ist Autor von fünfzehn Büchern und hat für seine internationalen Reportagen zu Umwelt- und Entwicklungsfragen in den vergangenen dreißig Jahren zahlreiche Preise erhalten; 2001 wurde er zum britischen Umweltjournalisten des Jahres gekürt und 2011 von der Association of British Science Writers für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Fred Pearce lebt in London.
Fred Pearce
FALLOUT
Das Atomzeitalter – Katastrophen, Lügen und was bleibt
Aus dem Englischen von Tobias Rothenbücher
Verlag Antje Kunstmann
INHALT
Zu den verwendeten Maßeinheiten
Einleitung: Unterwegs ins Anthropozän
Erster Teil: Zerstörer der Welten
Kapitel 1 Hiroshima: Eine unsichtbare Narbe
Kapitel 2 Kritische Masse: MAUD im Garten der Atome
Kapitel 3 Las Vegas: Silberstreifen am strahlenden Horizont
Kapitel 4 Kernwaffentests im Pazifik: Godzilla und Glücklicher Drache
Kapitel 5 Semipalatinsk: Die Geheimnisse der Steppe
Kapitel 6 Der Plutoniumberg: Greifen Sie nur zu!
Zweiter Teil: Kalter Krieg – heiße Teilchen
Kapitel 7 Majak: »Unter Zeitdruck« im Schatten des Urals
Kapitel 8 Metlino: Wo sogar die Samoware strahlten
Kapitel 9 Rocky Flats: Plutonium in der Schlangengrube
Kapitel 10 Die Silos von Colorado: Uncle Sams nukleares Kernland
Kapitel 11 »Broken Arrows«: Dr. Seltsam und die radioaktiven Kaninchen
Kapitel 12 Das Feuer von Windscale: »Vertuschung, wie sie im Buche steht«
Dritter Teil: Atomkraft für den Frieden
Kapitel 13 Three Mile Island: Wie man ein Kraftwerk besser nicht betreibt
Kapitel 14 Tschernobyl: Eine »wunderschöne« Katastrophe
Kapitel 15 Tschernobyl: Wodka und Fallout
Kapitel 16 Tschernobyl: Im Rudel jagen
Kapitel 17 Fukushima: Die Entdeckung des Skorpions
Kapitel 18 Fukushima: Herr Baba kommt nach Hause
Kapitel 19 Radiophobie: Der Geist von Fukushima
Kapitel 20 Millisievert: Eine Dosis Vernunft
Vierter Teil: Aufräumarbeiten
Kapitel 21 Sizewell: In der Wäschekammer
Kapitel 22 Sellafield: Steinkreise und nukleares Erbe
Kapitel 23 Hanford: Die Stilllegung einer Industrie
Kapitel 24 Gorleben: Eintrittskarte für eine atomfreie Zukunft?
Kapitel 25 Atommüll: Sicher verstaut
Zum Schluss: Friedensarbeit in Nagasaki
Glossar
Danksagung
Quellen
Index
Zu den verwendeten Maßeinheiten
Die Maßeinheiten der Atomwissenschaft sind ein wahrer Albtraum; als hätte man sich untereinander verschworen, mit Becquerel (und auch Kilo-, Mega-, Giga-, Tera- und sogar Petabecquerel), Rem, Rad, Sievert, Curie, Röntgen, Gray und Coulomb alles möglichst kompliziert zu machen. Was bezeichnen all diese Einheiten überhaupt?
Letztlich werden meistens nur zwei Dinge gemessen: erstens die Menge an Radioaktivität, die bei einem Unfall frei geworden ist oder auch von einer bestimmten Boden-, Wasser- oder Luftmenge ausgeht. Und zweitens die Strahlendosis, die von einem lebenden Organismus wie Ihnen aufgenommen wird. Im zweiten Fall wird es häufig kompliziert, weil uns die verschiedenen Strahlungsarten radioaktiver Stoffe (Alpha-, Beta- oder Gammastrahlung) auf unterschiedliche Weise erreichen. Wir können eine Dosis durch äußere Strahlenexposition erhalten, wenn wir uns in einer radioaktiv belasteten Umgebung bewegen, oder durch innere Strahlenexposition, wenn wir radioaktives Material eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen haben.
Wenn ich im Folgenden etwa den Unterschied zwischen dem Maß für »absorbierte Strahlendosen« und »Strahlenexposition« ignoriere, werden einige Puristen vermutlich nervös. Aber ich habe beschlossen, alles so einfach wie möglich zu halten. Ich habe mich auf eine Maßeinheit für Radioaktivität und auf eine andere für eine bestimmte erhaltene Strahlendosis festgelegt und lasse den ganzen statistischen Hokuspokus einfach bleiben.
Im Fall der frei gewordenen Radioaktivität habe ich mich für Curie entschieden. Das ist eine alte, aber noch immer verbreitete Maßeinheit. Manche Wissenschaftler ziehen Becquerel vor. Ein Becquerel ist jedoch so winzig, dass wir dabei schnell ins Reich der Giga-, Tera- und Peta-Größen geraten. Das finde ich furchtbar. Es ist, als würde man die Strecke einer Autofahrt in Zentimetern angeben. Ein Curie entspricht sagenhaften 73 Milliarden Becquerel. In den meisten Fällen ist die Einheit Curie pragmatischer; daher also Curie. In ganz seltenen Fällen, wenn es um winzige Konzentrationen geht, habe ich auf Picocurie zurückgegriffen – also den billionsten Teil eines Curie.
Bei Strahlendosen habe ich mich für die moderne Maßeinheit der – wie Radiologen sagen – »effektiven Dosis« entschieden, die entsprechend gewichtet ist, um den unterschiedlichen Schäden, die unterschiedliche Strahlungsarten verursachen, Rechnung zu tragen. Diese Einheit heißt »Sievert«. Ein Sievert ist schon eine größere Sache. Bereits eine Strahlendosis von vier Sievert wird Sie wahrscheinlich das Leben kosten. Die Einheit »Millisievert«, also ein Tausendstel Sievert, eignet sich für unsere Zwecke gut. Daher verwende ich sie im ganzen Buch. Geigerzähler messen die Strahlendosis meistens in Mikrosievert pro Stunde. In der Regel habe ich die Werte, wenn es für die Aussage keine Rolle spielt, in Millisievert pro Jahr umgerechnet.
Als Daumenregel gilt also, dass eine Strahlendosis von 4.000 Millisievert in der Regel tödlich ist. Von 1.000 Millisievert bekommt man wahrscheinlich Verbrennungen und eine Reihe anderer potenziell tödlich wirkender Symptome, die zusammengefasst als akute Strahlenkrankheit bezeichnet werden. 100 Millisievert hingegen ist die geringste Dosis, bei der es ernst zu nehmende Anhaltspunkte für Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit gibt, etwa eine erhöhte Krebsrate innerhalb der Bevölkerung. Zum Vergleich: Auf rund zwei bis drei Millisievert beläuft sich die typische Jahresdosis durch natürliche Strahlenquellen; ähnlich hoch ist auch die Dosis bei einer Mammografie. Ein Millisievert pro Jahr gilt als maximale vertretbare Strahlendosis durch Kraftwerke und andere nicht-medizinische Strahlenquellen für die allgemeine Bevölkerung.
Außerdem habe ich alle Währungs-Angaben in US-Dollar umgerechnet. Zum Zeitpunkt der Umrechnung war ein Euro 1,15 Dollar und ein Pfund 1,30 Dollar wert. Die ursprünglichen Summen gehen häufig aus den im Anhang aufgeführten Quellen hervor.
Einleitung
UNTERWEGS INS ANTHROPOZÄN
An einem sonnigen Morgen im September 1957 fuhr im Vorgebirge des Urals, der Gebirgskette, die das europäische Russland von Sibirien trennt, ein Konvoi Militärlastwagen eine schmale Straße am Ufer eines Sees hinunter. In dem kleinen Dorf Satlykowo hielt er an. Soldaten der Roten Armee klopften an die Türen und befahlen den wenigen Hundert Einwohnern, sich zu entkleiden, die Ersatzkleidung aus den Wagen überzuziehen und einzusteigen. Die Dorfbewohner wurden evakuiert. Ihr Eigentum durften sie nicht mitnehmen, nicht einmal Geldscheine. In aller Eile ließen sie ihren weltlichen Besitz zurück, und um ihre Rückkehr zu verhindern, rissen die Soldaten ihre Häuser nieder und erschossen Haustiere und Vieh.
Gründe für die Evakuierung nannten die Soldaten nicht. Selbst wenn sie informiert gewesen wären, hätten sie nicht preisgeben dürfen, dass es eine Woche zuvor in den Abfalltanks der größten russischen Plutoniumfabrik in der nahe gelegenen geschlossenen Stadt, die heute Osjorsk heißt, eine Explosion gegeben hatte. Sie durften auch nicht erklären, dass die seltsame dunkle Wolke, die sich nur Stunden danach auf Satlykowo herabgesenkt hatte, lebensbedrohlichen Fallout aus dem Unfall enthielt.1 Höchstwahrscheinlich war er verantwortlich für den Tod der zehn Monate alten Tochter von Iran Chaersamanow, die nach dem Erscheinen der Wolke mit ihrer Großmutter im Garten gewesen war, anschließend schweren Durchfall bekam und wenige Stunden später starb. Sie war die Letzte, die auf dem Friedhof des Dorfs begraben wurde.2
Die Soldaten konnten deshalb nichts dazu sagen, weil die bloße Existenz der Kernwaffenanlage ein Militärgeheimnis war, das nur die innerhalb der Sperrzone beschäftigten Arbeiter kannten. Kein Außenstehender durfte jemals davon erfahren.
An einem ebenso sonnigen Morgen sechzig Jahre später besuchte ich Satlykowo als erster westlicher Journalist seit dem Unfall. Ich fuhr durch ein Tor, das noch immer von bewaffneten Soldaten bewacht wurde, und folgte einer langen ausgefahrenen Straße. Den Ort fand ich, doch die Überreste der fünfundsiebzig hastig eingerissenen Häuser waren von Pflanzen überwuchert. Überall wuchsen Brennnesseln. Unmengen riesiger Libellen schwirrten durch die stickig heiße Luft. Der See jenseits der zugewachsenen Felder war voller Fische, aber niemand durfte sie fangen. In dem Wald, der sich links und rechts des Weges ausbreitete, lebten Hirsche, Wildschweine und Füchse. Er mochte radioaktiv belastet sein, war aber alles andere als eine öde Mondlandschaft.
Das war der Beginn meiner Entdeckungsreise auf der Suche nach dem radioaktiven Erbe des nuklearen Zeitalters; eines Zeitalters, das wahrscheinlich und hoffentlich bald zu Ende geht. In diesem Buch erkunde ich die unheimlichen, durch Atomunfälle verseuchten Landstriche – manche so bekannt wie Tschernobyl oder Fukushima, andere weitgehend unbekannt wie das Gebiet um Satlykowo. Ich besuche Orte, an denen im Namen der Wissenschaft oder im Krieg Atombomben abgeworfen wurden und wo heute radioaktiv belastete Wölfe umherstreifen, während kein Mensch sie zu betreten wagt. Dabei versuche ich, unsere vielfältigen individuellen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die entfesselte Macht der Atome zu verstehen, auf die düsteren Ahnungen und auf die tatsächliche Gefahr, dass sie uns alle auslöschen könnte. Gerade dieses junge psychologische Terrain erweist sich in vielerlei Hinsicht als besonders befremdlich.

Meine Reise hat auch eine ganz persönliche Seite. Von der Kerntechnik hörte ich zum ersten Mal 1962, während der Kubakrise. Ich war zehn Jahre alt und machte mich gerade für die Schule fertig, als mein Vater mir aus heiterem Himmel mitteilte, wenn ich während der Pause eine Pilzwolke sähe, solle ich zurück ins Klassenzimmer gehen und mich unter meinem Tisch verstecken. Ich weiß noch, dass ich ganz durcheinander war, vor allem, weil ich nicht wusste, wie so eine Pilzwolke aussehen sollte. Doch während der Pause betrachtete ich eine Zeit lang den Himmel – nur für alle Fälle. Ich kann den blauen Himmel hinter dem großen Baum auf der anderen Straßenseite immer noch vor mir sehen und erinnere mich, dass ich ein bisschen enttäuscht war, als keine Pilzwolke erschien.
Die Tatsachen des Atomzeitalters waren damals für alle neu: unheimlich und irgendwie geheim – sogar für die Erwachsenen. Ich glaubte noch, Erwachsene wüssten alles, doch vor dieser Atomsache hatten sie ebenso viel Respekt wie wir Kinder und wussten genauso wenig darüber. Da ich im Südosten Englands groß geworden bin, habe ich mich wohl selbst einmal unter einer unsichtbaren radioaktiven Wolke befunden. Nach dem Feuer in der Plutoniumfabrik von Windscale 1957 zog sie über die Insel. Doch niemand wusste davon, denn welche Richtung sie genommen hatte, war ein Staatsgeheimnis. Der Bevölkerung wurde gesagt, die Wolke sei aufs Meer hinausgezogen und ohnehin nicht stark radioaktiv gewesen. Das war gelogen; erwachsene Menschen wurden angelogen, als wären sie Kinder.
Wie alle anderen musste auch meine Familie damals für das Privileg bezahlen, im Atomzeitalter zu leben. Während meiner ersten Lebensjahre besaß in Großbritannien jeder eine Lebensmittelkarte. Sie begrenzte die Menge, die wir kaufen durften. Nur durch Rationierung und Entbehrungen konnte das bankrotte Großbritannien es sich leisten, mit den USA Schritt zu halten und eigene Atombomben zu bauen. So gut sich das anfühlte, so sehr machte uns die eigene Bombe zum bevorzugten Ziel, hätte sich die Sowjetunion – die die Pläne für ihre Bombe von dem in Deutschland geborenen britischen Wissenschaftler und Spion Klaus Fuchs bekommen hatte – zum Erstschlag entschlossen. Oder auch zu einem Zweitschlag.
Glücklicherweise hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs niemand mehr in kriegerischer Absicht eine Atombombe auf ein Land abgeworfen. Einzig die Japaner in Hiroshima und Nagasaki erlitten dieses Schicksal. Gleichwohl habe ich, wie jeder Mensch in den 1950er- und den frühen 1960er-Jahren, Luft geatmet, die mit radioaktiven Stoffen aus Atomwaffentests an so entlegenen Orten wie Semipalatinsk im heutigen Kasachstan und dem Bikini-Atoll im Pazifik belastet war. Und auch ich nannte die herrlich minimalistischen zweiteiligen Badeanzüge, wie Brigitte Bardot und andere unerreichbare Frauen sie trugen, »Bikinis«. Denn um ehrlich zu sein, fand man es in meiner Jugend nicht nur Furcht einflößend, im Atomzeitalter zu leben, sondern mindestens ebenso aufregend. Atomkraft war »in«. Und falls wir nicht irgendwann in die Luft flogen, versprach die Nukleartechnik unser Leben zu verändern und, wie es hieß, so billige Elektrizität zu erzeugen, dass sich »Stromzähler nicht mehr lohnen«.
Das war damals, doch schon von Beginn an trug diese schöne neue Atomwelt das Potenzial in sich, sich selbst zu zerstören. Ich glaube, es sind gar nicht so sehr die Strahlung oder die riesige Sprengkraft, die seit jeher ihr negatives Image ausmachen, sondern die Geheimniskrämerei und all der Betrug. Die Sache mit dem billigen Strom war natürlich immer schon gelogen. Das Gleiche gilt für die Legende, die »friedliche Nutzung der Atomenergie« habe nichts mit ihrer kriegerischen Nutzung zu tun.
Vor mir liegt der schmale Band Die britischen Atomfabriken: Geschichte der Atomenergieerzeugung in Großbritannien aus dem Jahr 1954, herausgegeben vom Ministry of Supply. Schon der Name »Beschaffungsministerium« war ein George-Orwell-würdiger Euphemismus, denn in Wirklichkeit war es ein Kriegsministerium. Der Umschlag zeigt zwei der »Meiler« von Windscale, die damals in aller Eile Plutonium für britische Bomben herstellten. Doch das einhundert Seiten starke Buch gibt auf neunundneunzig Seiten vor, die Meiler seien konstruiert worden, um »grenzenlose Energie« zu erzeugen. Tatsächlich produziert haben sie keine. Erst auf der letzten Seite wird eingestanden, ihr eigentlicher Zweck sei es, Plutonium herzustellen, welches »als Sprengstoff in Atombomben […] verwendet werden kann«.3
Ein doppeltes Spiel wie dieses war bei Regierungen in aller Welt verbreitet. Niemandem von den Zehntausenden, die in den 1950er-Jahren das Wasser des schmalen sibirischen Flusses Tetscha tranken, wurde gesagt, dass er lebensbedrohliche Mengen radioaktiven Abfalls aus einer Bombenfabrik wenige Kilometer flussaufwärts mit sich führte und dass die Ärzte vor Ort heimlich die Gesundheitsfolgen für ihre Patienten dokumentierten. Menschen aus dem Umland von Denver, Colorado, glaubten die offizielle Darstellung, dass die hell erleuchtete Fabrik auf dem Hügel Haushaltsreiniger herstellte und nicht Plutoniumkerne für Bomben. Und erst recht erzählte ihnen niemand, dass das radioaktive Metall nach einem Brand schon einmal auf sie herabgeregnet war.
Ob nach dem Feuer im britischen Windscale oder der Katastrophe von Tschernobyl, ob in Rocky Flats oder Three Mile Island in den USA, ob im sowjetischen Majak oder in Fukushima – überall herrschen seit jeher dieselbe zwanghafte Geheimhaltung, Hinterhältigkeit und Verantwortungslosigkeit, und sie überdauern selbst den Wandel von einer militärischen zu einer zivil genutzten Technologie. Arglistige Verschleierungen rund um die Atomkraft haben das Vertrauen der Gesellschaft untergraben und der öffentlichen Debatte und Entscheidungsfindung sehr geschadet.
Das erklärt auch die Entstehung einiger besonders kämpferischer Umweltschutzbewegungen. Greenpeace etwa hat seinen Ursprung im Don’t Make a Wave Committee (»Mach keine Welle«), einer Gruppe aus der kanadischen Provinz British Columbia, die 1969 gegen unterseeische Atomtests der Amerikaner vor den Aleuten im Pazifik protestierte. Den Grünen, Vorreiter vieler ähnlicher Parteien weltweit, war schon bei ihrer Gründung der Kampf gegen Atomkraft auf deutschem Boden genauso wichtig wie die Säuberung des Rheins.
Der Abschottungshaltung der Kerntechniker steht die Hysterie mancher Kernkraftgegner gegenüber. So stützte sich das Don’t Make a Wave Committee bei seiner Kampagne auf das Argument, die Atomtests vor den Aleuten würden ein Erdbeben und einen Tsunami auslösen – was selbst die Organisatoren, wie sie heute zugeben, nie für möglich hielten.4 Wer sich für die Wurzeln der postfaktischen Argumentation in der heutigen Politik interessiert, ist sicher nicht schlecht beraten, deren Vorläufer in der Atompolitik zu untersuchen. Es ist kein Wunder, dass die meisten nichts von dem glauben, was man uns im Zusammenhang mit Kerntechnik erzählt, und immer vom Schlimmsten ausgehen.

Unabhängig davon, wie man zur Kerntechnik steht, herrscht Einigkeit darüber, dass die Welt nach der Detonation der ersten Atombombe nicht mehr dieselbe war. Seit diesem Augenblick liegt das Schicksal der Erde und unserer Spezies in unseren Händen – oder genauer gesagt: in den Händen derjenigen, die Zugriff auf den Atomknopf haben. Dieser Augenblick hat unsere Überlegungen zu vielen Themen verändert. Die Globalisierung wurde zu einer Tatsache, die über Leben oder Tod entscheiden kann. Auf einmal war kein Ort mehr sicher vor »der Bombe« und ihrem Fallout. Diese Erkenntnis ist beispielhaft für unser neues Verhältnis zur Erde.
Nach Ansicht vieler Wissenschaftler leben wir heute in einer neuen geologischen Epoche, dem Anthropozän, in der die Menschen den Planeten Erde und seine wichtigsten Prozesse beherrschen, indem sie sein Klima, seine Biodiversität und seine chemische Zusammensetzung beeinflussen. Vermutlich wird die für derartige Fragen zuständige Organisation – die Internationale Kommission für Stratigrafie – bald erklären, dass das Holozän, dessen Beginn mit dem Ende der letzten Eiszeit zusammenfällt, vorüber ist und das Anthropozän begonnen hat. Das »Primärsignal« dieses neuen Zeitalters der Menschheit, so sagt sie bereits heute, ist der »Plutonium-Fallout« der ersten Atombomben.5
Plutonium ist ein ursprünglich in der Natur äußerst seltenes Element, das wegen seines Potenzials zum Bombenbau von Atomwissenschaftlern künstlich erzeugt wird.6 Da es durch den Fallout der Kernwaffentests über die ganze Erde verteilt wurde, kommt es inzwischen sowohl an Böden gebunden als auch in Pflanzen vor und sammelt sich am Grund der Ozeane an. Es ist unsere einzigartige Signatur auf der Erde und wird im Verlauf seines Zerfalls noch über Millionen Jahre hinweg radioaktive Strahlung aussenden. Der Beginn des Anthropozäns ist damit auf den 16. Juli 1945 bei Sonnenaufgang datiert, auf den Tag, an dem die erste Plutoniumbombe über der Wüste von New Mexico zur Explosion gebracht wurde. Der Anbruch eines neuen Zeitalters. Kein Wunder, dass die Kernkraft solche Emotionen in uns weckt.
Das Atomzeitalter wühlt unsere Gefühle auf und schafft Durcheinander im Kopf. Jeder hat eine Meinung dazu: Man ist entweder dafür oder dagegen, optimistisch oder pessimistisch, Panikmacher oder Technikgläubiger. Der Grund ist nicht allein die überwältigende Macht, die die Atomenergie uns verleiht. Das ist, je nach persönlicher Einstellung, verführerisch oder eben Furcht einflößend. Es liegt auch an der Strahlung. Sie ist unsichtbar, geruchlos und unberührbar. Wie ein Gespenst. Sie ist offen für alle Interpretationen, und das nutzen wir aus.
Wenn wir über Atomkraft sprechen, reden wir häufig großen Unsinn. Die Macht der Wissenschaft, Atome steuern zu können, hat offenbar unsere Unvernunft entfesselt. Und das betrifft beide Seiten. Atomkraftgegner wollen nichts Gutes darüber hören, Befürworter nichts Schlechtes. Manche Gegner attackieren die etablierte Wissenschaft zum Strahlenschutz mit derselben Vehemenz und derselben Missachtung anerkannter Fakten wie Skeptiker, die den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Klimawandel widersprechen. Befürworter hingegen reagieren mit einer technikgläubigen Hybris, wie sie sich heute in anderen Bereichen kaum mehr beobachten lässt.
Nach den Recherchen zu diesem Buch habe ich mich gefragt, ob wir es jemals richtig machen können, oder ob unser Verhältnis zur Nukleartechnik unwiederbringlich zerrüttet ist. Nach mehr als sieben Jahrzehnten mit der Atomkraft sollten wir allmählich gelernt haben, sie zu verstehen. Alle Anzeichen sprechen jedoch dagegen. Nichts deutet darauf hin, dass der Fallout in unseren Köpfen wieder verschwindet.